Chapter 9
Als die Nacht dunkelte, begann Huck zu nicken und sogleich zu schnarchen. Joe war der nächste. Tom lag eine Zeitlang unbeweglich auf den Ellbogen, die beiden aufmerksam beobachtend. Schließlich erhob er sich vorsichtig auf die Knie und kroch durch das Gras und den flackernden Widerschein des Lagerfeuers. Er sammelte und untersuchte verschiedene große Stücke weißer Sykomorenrinde und wählte schließlich zwei, die ihm die besten schienen, aus. Dann kroch er wieder zum Feuer und kritzelte etwas mit Rotstift auf jedes von ihnen. Eins rollte er zusammen und schob es in seine Tasche, das andere tat er in Joes Hut und legte diesen in einiger Entfernung von seinem Eigentümer hin. In den Hut tat er dann noch gewisse Schulbuben-Kostbarkeiten von fast unschätzbarem Wert, darunter ein Stück Kreide, einen Klumpen Federharz, drei Angelhaken und eine jener Art Marbeln, die als ,,so gut wie Kristall" bekannt sind. Dann schlich er auf den Zehen vorsichtig zwischen den Bäumen hindurch, bis er außer Hörweite zu sein glaubte, und dann setzte er sich in scharfen Trab in der Richtung nach der Sandbank zu.
Fünfzehntes Kapitel.
Wenige Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank, der Illinois-Küste zuwatend. Bevor ihm die Flut bis zur Hälfte des Körpers reichte, war er schon halb drüben. Die Strömung erlaubte jetzt kein Waten mehr; so machte er sich zuversichtlich daran, die letzten hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er schwamm querüber, aber bald wurde er stärker stromabwärts getrieben, als er gedacht hatte. Indessen, er erreichte die Küste schließlich, trieb an ihr entlang und fand eine niedrige Stelle, wo er hinauskletterte. Er legte die Hand auf die Tasche, fand, daß seine Baumrinde darin wohlgeborgen sei und schlug sich dann mit triefenden Kleidern durch den Wald, der Küste folgend. Kurz vor 10 Uhr kam er auf einen freien Platz dem Dorfe gegenüber und erblickte das Dampfboot im Schatten der Bäume und des hohen Ufers liegend. Alles war totenstill unter den funkelnden Sternen.
Er kroch unter einen Ufervorsprung, tauchte ins Wasser, tat schwimmend drei oder vier Stöße und kletterte in das Boot, welches, wie es sich gehörte, am Stern des Dampfbootes befestigt war. Er legte sich unter die Bank und wartete mit Herzklopfen. Plötzlich schlug die blecherne Glocke an, und eine Stimme gab Befehl, abzustoßen. Ein paar Minuten später wurde die Spitze des Bootes vom Dampfer stark angezogen, und die Reise hatte begonnen. Tom fühlte sich erhoben durch seinen Erfolg -- er wußte, daß es die letzte Fahrt sei, die das Boot an diesem Abend machte.
Nach langen zwölf bis fünfzehn Minuten stoppte das Fahrzeug, und Tom glitt über Bord und schwamm im Dunkeln dem Ufer zu; er landete fünfzig Meter unterhalb -- zur Sicherheit vor etwaigen herumstreichenden Bekannten. Er lief durch wenig belebte Straßen und befand sich bald am hinteren Zaun seiner Tante. Er kletterte hinüber, näherte sich behutsam dem Haus und spähte durch das Wohnzimmerfenster, da er dort Licht sah.
Da saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe Harpers Mutter, dicht zusammengedrängt, eifrig schwatzend. Sie saßen am Bett, und dieses stand zwischen ihnen und der Tür. Tom schlich vorsichtig zur Tür und begann vorsichtig den Drücker zu drücken. Dann drückte er kräftiger, und die Tür knarrte. Er setzte seine Tätigkeit fort und hielt jedesmal inne, sobald es knarrte, bis er glaubte, auf den Knien durchkriechen zu können. Und so steckte er den Kopf hinein, und versuchte es vorsichtig.
,,Warum flackert das Licht so?" sagte Tante Polly. Tom beeilte sich.
,,Ich glaub gar, die Tür ist offen! Wahrhaftig, sie ist offen! Hören denn die Gespenstergeschichten heut gar nicht auf! Geh' hin und mach sie zu, Sid!"
Im selben Moment verschwand Tom unterm Bett. Er lag und verschnaufte 'ne Zeitlang, und dann kroch er so weit vor, daß er Tante Pollys Füße fast berühren konnte.
,,Aber, wie ich sagte," fing Tante Polly wieder an, ,,er war nicht _schlecht_, nur -- wie soll ich sagen -- gerissen! Nur ein bißchen unbesonnen, wissen Sie, und gedankenlos-flüchtig. Er dachte nie mehr nach als ein Füllen. Bös meint' er's _nie_, er war der gutherzigste Junge, der jemals dagewesen ist," und sie begann zu weinen.
,,Grad' so war's mit meinem Joe -- immer voll von Dummheiten und zu jedem Unfug aufgelegt; und so selbstlos und gutmütig, wie nur einer sein kann -- und es schmerzt mich schrecklich, zu denken, daß ich hingehen konnte und ihm eine runterhauen, weil er die Milch genommen haben sollte, und nicht daran dachte, daß ich sie als sauer selbst fortgegossen hatte -- und ich soll ihn nie wiedersehen in dieser Welt, nie, nie, nie -- armer verlassener Junge!" Mrs. Harper schluchzte, als solle ihr das Herz brechen.
,,Ich hoffe, Tom ist besser dran, _wo_ er ist," sagte Sid, ,,aber wenn er in manchen Dingen _hier_ besser gewesen wäre --"
,,Sid!" Tom fühlte ordentlich den strengen Blick aus den Augen der alten Dame, obwohl er sie nicht sehen konnte. ,,Nicht ein Wort gegen meinen Tom, nun er fort ist! Gott wird sich _seiner_ annehmen, sorg _du_ nur für dich selbst, mein Lieber. O, Mrs. Harper, ich weiß nicht, wie ich's ohne ihn aushalten soll -- ich weiß nicht, wie ich's ohne ihn aushalten soll! Er war so anhänglich an mich -- obwohl er mein altes Herz zuweilen fast gebrochen hätte!"
,,Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Aber 's ist so hart -- o, 's ist _so_ hart! Noch letzten Samstag ließ Joe einen Schwärmer mir unter der Nase platzen, und ich schlug ihn nieder. Damals wußt' ich freilich nicht, wie bald -- o, wenn ich's noch mal erleben könnte, ich würd' ihn dafür umarmen und segnen."
,,Ja, ja, ich kann's mir denken, was Sie fühlen, Mrs. Harper, ganz genau weiß ich, was Sie fühlen! 's ist noch nicht länger als gestern abend, da nahm Tom die Katze und füllte sie voll ,Schmerzenstöter', und ich dachte, das Tier würd' das Haus einreißen! Und -- Gott verzeih' mir -- ich gab ihm eins mit dem Fingerhut auf den Kopf -- armer Junge, armer toter Junge! Aber er ist jetzt raus aus allen Schmerzen. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört habe, waren --"
Aber diese Erinnerung war zu viel für die alte Dame, und sie brach völlig zusammen. Tom schluchzte jetzt selbst -- mehr aus Mitleid mit sich selbst als mit sonst jemand. Er konnte auch Mary weinen und von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort über sich sprechen hören. Er fing an, eine bessere Meinung als bisher von sich selbst zu haben. Schließlich war er durch seiner Tante Kummer so tief ergriffen, daß er drauf und dran war, unter dem Bett hervorzukommen und sie mit seiner Wiederkunft freudig zu überraschen, und der Theatereffekt war ganz nach seinem Geschmack, aber er widerstand doch und verhielt sich still.
Er fuhr fort zu lauschen und setzte sich aus allerhand Andeutungen zusammen, daß man erst angenommen habe, die Burschen seien beim Schwimmen umgekommen; dann wurde das kleine Floß vermißt; dann verkündeten ein paar Jungen, die Ausreißer hätten versprochen, das Dorf solle bald ,,von ihnen hören". Die weisen Häupter hatten dies und das zusammengereimt und erklärt, die Strolche seien auf diesem Floß davongefahren und würden bald in der nächsten Stadt unterwärts anlangen. Aber gegen Mittag war das Floß gefunden worden, ungefähr fünf oder sechs Meilen unterhalb des Dorfes an der Missouriküste, und da hatte man die Hoffnung aufgegeben; sie mußten ertrunken sein, denn sonst hätte der Hunger sie bei Einbruch der Nacht nach Haus getrieben -- wenn nicht schon früher. Man glaubte, die Suche nach den Leichen sei darum erfolglos geblieben, weil sich das Unglück in der Mitte des Stromes zugetragen habe, denn die Jungen als gute Schwimmer würden sich sonst ans Ufer gerettet haben. Das war Mittwoch abend. Wenn sie bis Samstag noch nicht gefunden sein würden, müßte man alle Hoffnung aufgeben, und der Trauergottesdienst sollte dann am Sonntag morgen stattfinden. Tom schauderte.
Mrs. Harper wünschte mit weinerlicher Stimme ,,Gute Nacht" und rüstete sich zum Abmarsch. Dann, mit plötzlichem Impuls, umarmten sich die beiden verwaisten Frauen, weinten sich nach Herzenslust aus und trennten sich. Tante Polly war doppelt zärtlich, indem sie Sid und Mary ,,Gute Nacht" sagte. Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte aus Herzensgrund.
Tante Polly kniete nieder und betete für Tom so eindringlich, so leidenschaftlich und mit so grenzenloser Liebe in ihren Worten und ihrer alten, zitternden Stimme, daß er wieder, lange bevor sie zu Ende war, in Tränen zerfloß.
Er mußte noch lange, nachdem sie zu Bett gegangen war, warten, denn von Zeit zu Zeit stieß sie immer noch mal einen herzbrechenden Seufzer aus, warf sich unruhig hin und her und konnte nicht zur Ruhe gelangen. Aber schließlich war sie doch still und seufzte nur noch bisweilen im Schlaf.
Nun kroch der Junge hervor, richtete sich am Bett in die Höhe, beschattete das Licht mit der Hand und stand lange, sie betrachtend. Sein Herz war voll Mitleid mit ihr. Er zog seine Sykomorenrinde hervor und legte sie neben den Leuchter. Aber es fiel ihm etwas ein, und er überlegte. Auf seinem Gesicht lag der glückliche Widerschein seiner Gedanken. Schnell steckte er die Rinde wieder in die Tasche, dann beugte er sich herunter, küßte die welken Lippen und machte sich verstohlen davon, die Tür hinter sich schließend.
Er nahm seinen Weg wieder zum Dampfboot, fand niemand dort vor und begab sich kühn an Bord des Schiffes, welches, wie er wußte, verlassen war -- bis auf einen Wächter, der sich darin einzuschließen und zu schlafen pflegte wie ein steinernes Bild. Er zog das kleine Boot heran, sprang hinein und schwamm bald wieder draußen auf dem Strom. Als er eine Meile vom Dorfe entfernt war, steuerte er querüber und legte sich tüchtig ins Zeug. Er erreichte genau die Landungsstelle an der anderen Seite -- eine Kleinigkeit für ihn. Große Lust hatte er, das Boot zu kapern, denn er meinte, man müsse es doch als ,,Schiff" betrachten und es sei somit legitime Beute für einen Seeräuber. Aber dann sagte er sich, daß genaue Nachforschungen danach angestellt werden würden, und das hätte mit einer Entdeckung enden können. So sprang er ans Ufer und drang in den Wald ein. Er setzte sich nieder und hielt lange Rast, sich quälend mit Anstrengungen, wach zu bleiben, und dann strebte er wieder seiner ,,Heimat" zu. Die Nacht war fast zu Ende. Es war heller Morgen, bis er sich der Insel gegenüber befand. Er ruhte wieder, bis die Sonne ganz herauf war und den Fluß mit ihrem Glanz übergoß, und dann sprang er ins Wasser. Kurz darauf stand er triefend am Eingang des Lagers und hörte Joe sagen: ,,Nein, Tom ist treu, Huck, und er wird wiederkommen. Er wird _nicht_ durchbrennen. Er weiß, daß es 'ne Schande für 'nen Seeräuber wär, und Tom ist zu stolz für so was. Er ist auf irgend was aus. Möcht' aber wohl wissen, was?"
,,Na -- die Sachen da gehören doch jetzt uns, nicht?"
,,Beinahe, aber nicht ganz, Huck. Das Geschreibsel sagt, sie sind unser Eigentum, wenn er nicht bis zum Frühstück wieder da ist."
,,Was er _ist_," rief Tom in theatralischer Pose, großartig ins Lager tretend.
Ein prächtiges Frühstück, aus Schinken und Fisch bestehend, war bald zur Stelle, und während sich die Jungen darüber hermachten, berichtete Tom (mit vielen Ausschmückungen) seine Abenteuer. Sie waren eine edle, prahlerische Gesellschaft von Helden, als seine Erzählung beendet war. Dann machte Tom sich davon an einen schattigen Ort, um bis Mittag zu schlafen, die anderen Piraten brachen auf zu Fischzug und Entdeckungsreisen.
Sechzehntes Kapitel.
Nach dem Mittagessen machte sich die ganze Bande auf nach der Sandbank, um dort Schildkröteneier zu suchen. Sie stießen Löcher in den Sand, und wenn sie eine hohle Stelle fanden, warfen sie sich auf die Knie und gruben mit den Händen. Manchmal erwischten sie fünfzig bis sechzig Eier auf einem Haufen. Es waren vollkommen runde, weiche Dinger, ein bißchen kleiner wie 'ne englische Walnuß. So hatten sie ein köstliches Eigericht für den Abend, und ebenso am Freitag morgen. Nach dem Frühstück liefen sie mit Hurra und Purzelbäumen zum Strand, jagten sich einander herum, warfen die Kleider ab und waren ganz nackt; und dann setzten sie ihr lustiges Treiben im seichten Wasser fort, gegen die Strömung anlaufend, welche ihnen um die Beine spülte und den Spaß noch mehr erhöhte. Zuweilen standen sie zusammen und spritzten sich mit der flachen Hand gegenseitig Wasser ins Gesicht, indem sie sich, einander den Rücken zukehrend, heranschlichen, um den Spritzern zu entgehen, und sich dann plötzlich packten und so lange kämpften, bis der Stärkste seinen Gegner geduckt hatte -- und dann verwandelten sie sich alle drei in ein Gewirr von weißen Armen und Beinen, und tauchten zugleich wieder auf, schnaufend, lachend, spuckend und atemlos.
Nachdem sie sich so ordentlich ausgetobt hatten, stiegen sie heraus, warfen sich in den trockenen, heißen Sand, lagen da und bedeckten sich ordentlich damit, und dann liefen sie wieder zum Wasser, und das Spiel begann von neuem. Schließlich fiel ihnen ein, daß ihr nackter Zustand mit fleischfarbigen Trikots große Ähnlichkeit habe. So zogen sie einen Kreis in den Sand und hatten einen Zirkus -- mit drei Clowns darin, denn niemand wollte diesen stolzesten Posten einem anderen überlassen. Darauf suchten sie ihre Murmeln hervor und spielten, bis auch dies Vergnügen langweilig wurde.
Huck und Joe schwammen hierauf abermals; Tom wollte nicht mitmachen, denn er fand, daß er beim Anziehen seine Klapperschlangenschnur von den Knöcheln verloren hatte, und er wunderte sich, wie er ohne den Schutz dieses geheimnisvollen Schutzmittels so lange vor einem Krampf bewahrt worden sei. Er wagte sich nicht wieder ins Wasser, bis er sie wiedergefunden hatte, und inzwischen waren die anderen müde und im Begriff, sich auszuruhen. Herumschlendernd, trennten sie sich allmählich, verfielen in Trübsinn und fingen an, über die breite Wasserfläche hinüberzuschauen, wo das Dorf schläfrig in der Sonne lag. Tom ertappte sich dabei, wie er mit der Zehe ,,Becky" in den Sand schrieb; er wischte es aus, ärgerlich über seine Schwäche. Aber er schrieb es nochmals -- trotzdem; er konnte nichts dafür. Er wischte es nochmals aus und zog sich aus aller Versuchung, indem er die anderen Jungen zusammentrieb und sie gegeneinander schubste.
Aber Joes Geist war allmählich gänzlich niedergedrückt. Er hatte solches Heimweh, daß er sein Elend kaum noch tragen konnte. Die Tränen waren bei ihm dem Überlaufen nahe. Sogar Huck war melancholisch. Toms Herz war schwer, doch er gab sich Mühe, es nicht zu zeigen. Er hatte ein Geheimnis, das er noch nicht preisgeben wollte, wenn aber diese Depression nicht bald gehoben werden konnte, mußte er es verraten. Er sagte mit möglichst sichtbarer Heiterkeit: ,,Ich glaube, 's sind schon vor uns Piraten auf der Insel gewesen. Wollen wir doch mal nachsehen! Vielleicht haben sie hier Schätze vergraben. Würd's euch nicht gefallen, irgendwo auf 'ne alte verrostete Kiste voll Gold oder Silber zu stoßen, he?"
Es erhob sich aber nur ein schwacher Begeisterungssturm, der bald verflogen war. Tom versuchte noch eine oder zwei Kriegslisten; aber auch diese schlugen fehl. Es war recht entmutigend. Joe saß da, mit einem Stock im Sande stochernd und schaute sehr trübselig drein.
Schließlich sagte er: ,,Ach, Jungens, laßt's uns aufgeben. Ich möcht' heim. 's ist so einsam hier."
,,Ach was, Joe, das wird schon nach und nach besser werden," entgegnete Tom. ,,Allein schon die famose Gelegenheit zum Fischen."
,,Mag nichts wissen vom Fischen. Ich will heim!"
,,Aber, Joe, nirgends kann man so gut schwimmen wie hier."
,,Schwimmen ist nichts. Ich hab' gar keine Lust zum Schwimmen, wenn nicht wer da ist, der mir sagt, ich soll's _nicht_ tun. Ich _will_ nach Haus!"
,,Ach, Feigling! Wickelkind! Du möchtst bloß zu deiner Alten -- schätz' ich."
,,Ja -- ich _will_ zu meiner Mutter! Und du wolltst auch, wenn du eine hättst. Ich bin nicht mehr Wickelkind als du!" Und Joe schluchzte ein wenig.
,,Na, 's ist gut, wollen wir das heulende Muttersöhnchen nach Haus lassen, nicht, Huck? Armes Ding -- wenn's halt Sehnsucht hat, seine Mutter wiederzusehen? Soll's halt. Du bleibst hier, nicht, Huck? Wir wollen bleiben?"
,,J -- a," sagte Huck, ohne viel Überzeugung.
,,So lang' ich lebe, sprech ich nicht mehr mit dir," sagte Joe aufsehend. ,,Das hast du davon." Trübselig stand er auf und begann sich anzukleiden.
,,Mach mir auch was draus," warf Tom hin. ,,'s braucht dich niemand. Mach, dass du heimkommst und laß dich auslachen. Bist 'n schöner Pirat! Huck und ich, wir sind keine Schreibabies. Wir wollen bleiben, nicht, Huck? Laß ihn gehen, wenn er durchaus will. Denke doch, zur Not werden wir fertig ohne ihn."
Aber trotzdem war Tom nicht recht wohl zumute, es beunruhigte ihn doch, zu sehen, wie Joe trotzig fortfuhr, sich anzuziehen. Und dann war's unangenehm, wie Huck mit den Augen den Vorbereitungen Joes folgte, so aufmerksam und mit so unheimlichem Schweigen. Plötzlich begann Joe, ohne ein Wort des Abschieds, auf das Illinoisufer zu waten. Tom begann das Herz zu sinken. Er schielte nach Huck. Huck konnte den Blick nicht ertragen und senkte die Augen. Dann sagte er: ,,Du -- Tom -- ich will auch gehen. 's war schon bis jetzt so einsam, jetzt wird's noch schlimmer werden. Gehen wir auch, Tom?"
,,Ich geh' nicht! Du kannst ja gehen, wenn du willst. Ich bleib'!"
,,Tom -- ich will lieber gehen."
,,Na, 's ist gut, so geh' doch! Wer hindert dich denn?"
Huck fing an, seine zerstreuten Kleider aufzusammeln.
,,Tom," sagte er, ,,wollt', du gingst mit. Denk mal drüber nach. Wir wollen drüben am Ufer auf dich warten."
,,Da, da könnt ihr 'ne hübsch' lange Zeit warten, sag' ich dir."
Huck schlich kummervoll davon, und Tom schaute ihm nach, während ein heftiges Verlangen, seinem Stolz zum Trotz hinterher zu laufen, an seinem Herzen riß. Er hoffte, sie würden stehen bleiben, aber sie wateten langsam weiter.
Plötzlich überkam Tom das Bewußtsein, wie einsam und still es dann sein würde. Er kämpfte einen letzten Kampf mit seinem Stolz und dann rannte er seinen Kameraden nach, brüllend: ,,Wartet, wartet doch! Will euch was sagen!"
Sie blieben sofort stehen und drehten sich um. Als er bei ihnen angelangt war, begann er, sein Geheimnis auszukramen, und sie hörten mürrisch zu, bis sie zuletzt begriffen, was die Pointe bei der Sache sei, und in ein wahres Kriegsgeheul von Beifall ausbrachen und sagten, 's wäre großartig, und wenn er ihnen das früher gesagt hätte, würden sie nicht fortgegangen sein. Tom brachte eine plausible Entschuldigung vor; in Wahrheit aber hatte er gefürchtet, daß nicht einmal sein Geheimnis sie veranlassen würde, noch länger bei ihm zu bleiben, und darum hatte er es als letztes Auskunftsmittel zurückgehalten.
Die Ausreißer kehrten vergnügt zurück und nahmen mit Feuereifer ihre Spiele wieder auf, fortwährend mit staunender Bewunderung über Toms fabelhaften Plan und seine Genialität sich unterhaltend.
Nach einem opulenten Eier- und Fischschmaus erklärte Tom, er wolle rauchen lernen. Joe gefiel die Idee, und er sagte, er wolle es auch lernen. So machte Huck Pfeifen und füllte sie. Die beiden Neulinge hatten bisher noch nie etwas anderes geraucht als Schokoladezigarren, und die haben niemals als männlich gegolten.
Nun streckten sie sich aus, stützten sich auf die Ellbogen und begannen zögernd zu paffen und mit wenig Vertrauen. Der Rauch hatte einen unangenehmen Geschmack, und sie räusperten sich ein wenig, aber Tom sagte:
,,Pah! 's ist ja so leicht! Hätt' ich gewußt, daß das alles sei, hätt ich's schon längst gelernt!"
,,Ich auch," meinte Joe. ,,'s ist ja gar nichts."
,,Gott, wie oft hab' ich 'nen Mann rauchen gesehen, und gedacht: wollt', ich könnt's auch. Aber ich hab' nie gedacht, ich _könnt's_. So geht's mir immer, nicht, Huck? Du hast's mich oft sagen hören, nicht, Huck? Huck weiß, daß ich's gesagt hab'."
,,Ja, oft genug," sagte Huck.
,,Na, ich _hab's_ auch," fing Tom nochmals an. ,,Hundertmal. Mal da unten beim Schlachthaus. Erinnerst du dich nicht, Huck? Bob Tanner war da und Johnny Miller und Jeff Thatcher, damals, als ich's sagte. Erinnerst du dich nicht, Huck, daß ich's gesagt hab'?"
,,Ja, 's ist an dem," entgegnete Huck. ,,'s war den Tag, als ich 'ne weiße Murmel verloren hatte -- nee, 's war den Tag vorher."
,,Da sagt' ich's dir," bestätigte Tom. ,,Huck erinnert's."
,,Glaub', ich könnt' die Pfeife rauchen -- alle Tage," sagte Joe. ,,Fühl' mich gar nicht schlecht."
,,Na, ich auch nicht. Ich könnt' alle Tage rauchen, aber ich wette, Jeff Thatcher könnt's nicht."
,,Jeff Thatcher! Lieber Gott -- keine zwei Züge könnt' _der_ vertragen! Laß 's ihn nur einmal versuchen -- er soll schon sehen."
,,Ich wollt', er tät's, und Johnny Miller -- wollt', ich könnt' Johnny Miller 's versuchen sehen."
,,Meinst du, ich nicht? Na, der Johnny Miller würd's grad so wenig können wie sonst was! Bloß 'n bissel Rauch würd' _den_ schon umschmeißen!"
,,Natürlich würd's das, Joe! Du, ich wollt', die Jungens könnten uns jetzt mal sehen."
,,Na, das mein' ich auch!"
,,Wißt ihr was! Sagt nichts davon, und wenn sie dann mal dabei sind, geh' ich auf dich zu und sag': ,Joe, hast du 'ne Pfeife? Möcht' mal rauchen!' Und du sagst, so ganz beiläufig, als wenn's nichts wär', du sagst: ,Ja, ich hab' meine alte Pfeife, und dann noch eine, aber mein Tabak ist nicht _sehr_ gut.' Und ich sag': ,O, 's ist schon recht, wenn er uns stark genug ist.' Und dann du raus mit den Pfeifen und wir ordentlich drauf los, und dann _die_ Augen, die die machen werden!"
,,Verdammt, das ist famos, Tom! Wollt, 's wär' _jetzt_!"
So plauderten sie noch 'ne Weile; aber plötzlich begann das Gespräch zu stocken, und dann hörte es ganz auf. Das Stillschweigen wurde drückend; das Ausspucken nahm wunderbar zu. Jede Pore im Innern des Mundes schien bei den beiden sich in einen spuckenden Springbrunnen zu verwandeln. Kaum konnten sie die Behälter unter der Zunge oft genug entleeren, um eine Überschwemmung zu vermeiden; trotz aller Anstrengungen aber gelangten kleine Ergüsse den Hals hinunter -- und jedesmal folgte plötzliches Aufschlucken darauf. Beide sahen blaß und elend aus. Joes Pfeife fiel aus seinen kraftlosen Händen. Toms folgte. Beider Springbrunnen waren in voller Tätigkeit, und beider Pumpen arbeiteten fieberhaft.
Joe sagte mit schwacher Stimme: ,,Hab' mein Messer verloren. Denke, 's wird gut sein, hinzugehen und zu suchen."
Tom, mit zitternden Lippen und ebenso schwacher Stimme sagte: ,,Ich helf dir. Du gehst nach der Seite, und ich will nach der andern gehen -- zur Quelle. -- Nein -- du brauchst -- nicht zu -- kommen -- -- Huck, -- wir -- wir finden's -- schon --"
So setzte sich Huck nieder und wartete 'ne Stunde. Dann fand er, es sei sehr einsam und ging, seine Kameraden zu suchen. Sie waren weit weg im Walde, beide sehr blaß, beide schliefen fest. Aber etwas belehrte ihn, daß, hatten sie irgend welche Beschwerden gehabt, sie sich davon befreit hatten.
Beim Nachtessen waren sie eben nicht redselig; sie hatten einen hohlen Blick. Und als Huck nach der Mahlzeit seine Pfeife wieder stopfte und ihnen die ihrigen geben wollte, sagten sie: nein, sie fühlten sich nicht recht wohl -- irgend etwas beim Mittagessen sei ihnen nicht gut bekommen.
Siebzehntes Kapitel.