Die Abenteuer Tom Sawyers

Chapter 18

Chapter 183,829 wordsPublic domain

,,Na -- Geld zahlen. Man zwingt sie, daß ihre Freunde für sie alles, was sie auftreiben können, zusammenscharren; und wenn man sie 'n Jahr festgehalten hat, und das Geld ist noch nicht da -- dann tötet man sie. 's ist allgemeine Sitte so. Bloß die Frauen tötet man nie. Man sperrt sie ein, aber man tötet sie nicht. Sie sind immer ganz verdammt schön und reich und schrecklich furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren weg und alles, was sie sonst haben, aber man nimmt bei ihnen immer den Hut ab und ist furchtbar höflich. Niemand ist so höflich wie Räuber -- du kannst das in allen Büchern lesen. Und dann -- dann verlieben sich die Weiber in uns, und wenn sie ein oder zwei Wochen in der Höhle gewesen sind, hören sie auf, zu heulen, und noch später kannst du sie gar nicht wieder los werden. Schmeißt man sie 'raus, kehren sie sofort um und kommen zurück. 's ist in allen Büchern so."

,,Na, das ist aber unangenehm, Tom. Glaub' doch, Pirat sein ist noch besser."

,,Ja, 's ist besser in manchen Dingen, aber Räuber sind näher bei zu Hause, und dann haben sie 'n Zirkus und all das andere."

Inzwischen waren sie herangekommen und krochen in die Höhle, Tom voran.

Sie gingen bis ans andere Ende des Ganges, befestigten ihre Drachenschnüre und setzten den Weg fort. Wenige Schritte brachten sie an die Quelle, und Tom fühlte einen kalten Schauder. Er zeigte Huck den noch an der Wand klebenden Rest des Kerzendochtes und beschrieb, wie er und Becky das letzte Aufflackern und Erlöschen der Flamme beobachtet hatten.

Die Jungen verfielen jetzt unwillkürlich in Flüsterton, denn die Stille und Finsternis des Ortes lasteten schwer auf ihrem Geist. Sie gingen weiter und bogen dann plötzlich in Toms anderen Gang ein, den sie bis zu dem ,,Abgrund" verfolgten, an dem Tom hatte Halt machen müssen. Die Lichter zeigten ihnen jetzt, daß es ein solcher eigentlich nicht sei, sondern nur ein steiler Lehmabhang, zwanzig oder dreißig Fuß tief.

Tom flüsterte: ,,Jetzt will ich dir was zeigen, Huck!" Er hielt die Kerze in die Höhe und sagte: ,,Schau' so weit um den Felsvorsprung herum, wie du kannst. Siehst du? Da -- auf dem großen Felsblock über dir --"

,,Tom, 's ist ein Kreuz!"

,,Na, und wo ist deine ,Nummer Zwei'? ,Unter dem Kreuz', he? Gerade dort, wo ich den Indianer-Joe sein Licht hinhalten sah, Huck!"

Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und sagte dann mit zitternder Stimme: ,,Tom, laß uns machen, daß wir von hier fortkommen!"

,,Wa -- a -- as? Und den Schatz hier lassen?!"

,,Ja -- hier lassen! 's ist sicher, Joes Geist spukt hier herum!"

,,Denkt nicht dran, Huck, denkt nicht dran! 's ist ja nicht der Platz, wo er gestorben ist -- der ist weit von hier an der Mündung der Höhle -- fünf Meilen von hier."

,,Nein, Tom, 's ist nicht so. Er geht um, wo 's Geld liegt. Ich weiß, wie's bei den Geistern ist, _so_ machen sie's."

Tom begann zu befürchten, Huck könne recht haben. Mißbehagen beschlich ihn. Aber plötzlich kam ihm eine Idee.

,,Schau doch, Huck, was für Schafsköpfe wir wieder mal sind! Indianer-Joes Geist kann nirgends umgehn, wo 'n Kreuz ist!"

Diese Beweisführung schlug durch. Es ließ sich nichts dagegen sagen.

Tom machte sich als erster daran, rohe Stufen in die Lehmwand zu hauen. Huck folgte. Vier Gänge öffneten sich von der kleinen Höhlung aus, in der sich der bewußte große Felsen befand. Die Jungen untersuchten drei ohne Erfolg. In dem der Basis des Felsens am nächsten befindlichen fanden sie eine kleine Nische, in der sich eine Anzahl Wolldecken, ein alter Gürtel, ein paar Schinkenschwarten und die sauber abgenagten Knochen von zwei bis drei Hühnern vorfanden. Aber keine Geldkiste.

Die Jungen durchsuchten alles wieder und immer wieder -- aber vergebens.

Dann meinte Tom: ,,Er sagte, _unter_ dem Kreuz! Na, dies ist _beinahe_ unter dem Kreuz. Unterm Felsen selbst kann's nicht sein, denn der sitzt zu fest."

Sie suchten immer wieder und wieder und setzten sich schließlich mutlos nieder. Huck wollte nichts einfallen. Aber Tom sagte plötzlich: ,,Schau mal her, Huck! Auf der einen Seite des Felsens sind 'n paar Fußspuren und Kerzen-Spritzer, auf der anderen Seite sind _keine_! Was meinst du _nun_? Bitt' dich, das Geld ist _unter_ dem Felsen! Werd' mal gleich im Lehm nachgraben."

,,Kein übler Gedanke, Tom," entgegnete Huck mit Bewunderung.

Toms ,,echtes Barlow-Messer" war im Nu heraus, und er hatte noch nicht fünf Striche getan, als er auf Holz stieß.

,,Hoho, Huck, hörst du das?" Huck begann ebenfalls zu graben und zu wühlen. Ein paar Bretter waren bald ausgegraben und beiseite geworfen. Sie hatten eine natürliche Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und leuchtete, so tief er konnte, vermochte das Ende der Spalte aber nicht zu sehen. Er schlug vor, noch weiter zu forschen, kroch hinein und geradeswegs hinunter. Er folgte allen Windungen des Spalts, erst nach rechts, dann nach links, Huck immer hinterdrein. Plötzlich machte Tom eine kurze Wendung und schrie:

,,Bei Gott, Huck, schau her!"

Es war die Geldkiste in einem kleinen Loch, daneben ein Pulverbehälter, eine Menge Flinten in verschiedenen Hüllen, zwei Paar alte Mocassins, ein alter Gürtel und ein paar Kleinigkeiten, alles gründlich durchnäßt durch das heruntertropfende Wasser.

,,Gott im Himmel!" schrie Huck, mit den Händen im Gold wühlend, ,,sind wir jetzt aber reich, Tom!"

,,Huck, ich hab' ja immer drauf gerechnet. 's ist aber fast _zu_ schön, um dran zu glauben, aber wir haben's mal sicher -- endlich! Wollen's nicht hier liegen lassen, sondern mitnehmen; laß mal sehen, ob ich die Kiste aufheben kann!"

Die wog aber über 50 Pfund, Tom konnte sie mit großer Anstrengung ein bißchen heben, an Fortschaffen aber war gar nicht zu denken.

,,Dacht's mir," meinte er. ,,Damals im Gespensterhaus trugen sie, schien's, schwer genug daran -- merkt's wohl. Denk', 's wird gut sein, die kleinen Beutel herzunehmen."

Bald war das Geld verpackt, und sie schleppten's heraus.

,,Nun laß uns noch Gewehre und sonst so 'n Zeug mitnehmen." schlug Huck vor.

,,Nein, Huck, da lassen! Sind gerad' Sachen, die wir brauchen, wenn wir erst Räuber sind. Nehmen's seiner Zeit zu unsern Orgien; 's ist ein verdammt feiner Platz für Orgien."

,,Was sind Orgien?"

,,Weiß nicht. Aber Räuber halten immer Orgien. also müssen wir doch auch welche halten. Nun komm' aber, Huck, wir sind hier lang genug gewesen. 's ist schon spät, denk' ich. Bin außerdem mächtig hungrig. Im Boot wolln wir essen und rauchen."

Sie schlüpften also hinaus ins Sumachgebüsch, lugten vorsichtig herum, fanden die Luft rein und waren bald im Boot in vollem Schmausen und Rauchen. Als die Sonne sank, stießen sie vom Ufer und machten sich auf den Weg. Tom huschte im Zwielicht an die Küste heran, und kurz darauf landeten sie in voller Dunkelheit.

,,Jetzt, Huck," sagte Tom, ,,wollen wir 's Geld auf dem Boden des Holzschuppens der Witwe verstecken, morgen komm' ich dann, wir können's zählen und teilen, und dann suchen wir im Wald 'nen Platz, wo wir's sicher vergraben können. Jetzt halt dich mal ganz still und bewach das Zeug, bis ich hinlauf' und Benny Taylors kleinen Schubkarren leih'. Bin in 'ner Minute wieder da."

Er verschwand, kehrte sogleich mit dem Karren zurück, legte die zwei kleinen Säcke drauf, befestigte zwei Drachenleinen dran und zog an, seinen Schatz hinter sich. Als die Jungen das Haus des Wallisers erreichten, standen sie still, um auszuruhen. Gerade, als sie sich wieder auf den Weg machen wollten, kam der Walliser heraus und rief:

,,Hallo, wer da?"

,,Huck und Tom Sawyer."

,,'s ist gut! Kommt nur mit, Jungens, werdet schon überall gesucht. Na -- vorwärts, sputet euch mal! Will den Karren für euch ziehen. Alte Ziegelsteine drin oder altes Metall?"

,,Altes Metall," stotterte Tom.

,,Dacht' mir's; alle Jungen machen sich mehr Mühe und brauchen mehr Zeit, um für sechs Pence altes Eisen zusammenzuscharren, als sie brauchten, um doppelt so viel Geld durch ordentliche Arbeit zu verdienen. Aber ist mal die menschliche Natur so!"

Die Jungen hätten gern gewußt, wozu die große Eile sei.

,,Weiß nicht; werdet's sehn, wenn wir zur Witwe Douglas kommen."

Huck sagte ein wenig beunruhigt -- denn er war längst daran gewöhnt, unschuldig angeklagt zu werden: ,,Mr. Jones, wir haben's gewiß nicht getan!"

Der Alte lachte. ,,Na, weiß doch nicht, Huck, mein Junge. Weiß doch nicht, seid ihr mit der Witwe gut Freund?"

,,J -- a! Wenigstens ist sie immer freundlich mit mir gewesen."

,,Na also! Warum dann Angst haben?"

Die Frage war noch nicht ganz von Huck beantwortet, als er sich mit Tom in der Witwe Besuchszimmer gestoßen fühlte. Mr. Jones ließ die Karre draußen und folgte.

Das Zimmer war glänzend erleuchtet und alles, was irgend dazu gehörte, erschienen. Thatchers waren da, Harpers, Rogerses, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und viele andere, und alle mit feierlichen Gewändern angetan. Alle zeigten feierliche Mienen. Tante Polly wurde vor Verlegenheit blutrot und schüttelte den Kopf zornig gegen Tom. Niemand konnte indessen leiden wie die beiden Buben. Mr. Jones erklärte: ,,Tom war leider nicht zu Haus, so gab ich ihn auf, stieß aber gerade bei meiner Tür auf ihn und Huck -- so bracht' ich sie denn Hals über Kopf mit hierher."

,,Und 's war recht von Ihnen," entgegnete die Witwe. ,,Kommt mit, Jungen." Sie zog sie in ein Schlafzimmer und sagte: ,,Jetzt wascht euch und zieht euch ordentlich an. Hier sind zwei neue Anzüge -- Hemden, Strümpfe -- alles da. Sie sind für dich, Huck, -- nein, keinen Dank, Huck! -- einer von Mr. Jones, der andere von mir. Denk', sie werden euch beiden passen. Zieht sie an. Wir wollen warten -- kommt runter, wenn ihr schön genug seid."

Damit ging sie.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

,,Tom, wenn wir 'n Seil finden, können wir famos durchbrennen," sagte Huck, ,,die Fenster sind nicht hoch!"

,,Unsinn -- wozu denn durchbrennen?"

,,Na, so 'ne Menge Menschen kann ich nicht aushalten. Kann ich nicht! Ich will raus, Tom!"

,,Ach was 's ist ja gar nichts! Fürcht' mich nicht 'n bißchen. Will schon für dich mit aufpassen."

Sid erschien. ,,Tom," sagte er, ,,Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich gewartet. Mary hatte deine Sonntagskleider zurecht gelegt, alles wartete nur auf _dich_. -- Sag' mal, ist das da nicht Lehm und Talg auf deinen Kleidern?"

,,Na, Mr. Siddy, möcht' dir raten, nach deinen eigenen Sachen zu sehen! -- Wozu ist die ganze Geschichte da unten?"

,,'s ist einfach so 'ne Gesellschaft, wie die Witwe Douglas sie ja immer mal gibt. Diesmal ist's für den Walliser und seine Söhne, von wegen heut nacht. Und dann -- kann auch noch was sagen, wenn ihr's wissen wollt --"

,,Na, was denn?"

,,Der alte Jones wollt' der Gesellschaft heut abend 'ne große Sache erzählen, aber ich hört 's ihn heut morgen Tante Polly als großes Geheimnis anvertraun, denk' aber, 's ist kein großes Geheimnis mehr. Jedermann weiß es -- auch die Witwe, obwohl sie alles tut, um 's nicht merken zu lassen. Oho, Mr. Jones wollte dafür sorgen, daß Huck hier wäre -- konnt' mit seinem großen Geheimnis nicht ohne den Huck fertig werden, wißt ihr!"

,,Geheimnis -- wovon?"

,,Na, daß Huck die Räuber angezeigt hat. Denk', Mr. Jones wird 'ne große Sache aus seinem Geheimnis machen, aber, könnt' euch denken, 's wird ins Wasser fallen."

,,Sid, _wer_ hat's verraten?"

,,Na -- wer weiß? Irgend jemand hat's gesagt, das ist doch genug."

,,Sid, 's gibt im ganzen Dorf nur _einen_, der gemein genug ist, so was zu tun, das bist _du_! Wärst du an Hucks Stelle gewesen, du hättest dich schleunigst davongemacht und niemand von den Räubern gesagt. Du kannst nichts tun, was nicht gemein ist, und kannst's nicht vertragen, wenn andere für was Gutes gelobt werden. Da -- keinen Dank -- wie die Witwe sagt!" Und Tom packte Sid an den Ohren und half ihm unter Püffen aus der Tür. ,,Jetzt geh, sag's Tante Polly und morgen rechnen wir dann ab!"

Wenige Minuten danach saßen die Gäste an einer langen Speisetafel; nach guter, alter Sitte waren die Kinder -- ein Dutzend -- an einem kleinen Seitentischchen zusammengesteckt. Zur rechten Zeit hielt Mr. Jones seine Ansprache, worin er der Witwe für ihre Dankbarkeit dankte, und sagte dann, es gäbe einen anderen, dessen Bescheidenheit --

Und so weiter und so weiter. Da alles die Geschichte kannte, so war die Überraschung etwas mäßig, nur die Witwe selbst machte verzweifelte Anstrengungen, zu tun, als wisse sie noch von nichts. Sie bewies Huck ihre Dankbarkeit auf so stürmische und zärtliche Manier, daß ihm sein jetziger Zustand noch weit entsetzlicher erschien als der Zwang der neuen Kleider und des gesitteten Benehmens.

Die Witwe erklärte, Huck unter ihrem Dach aufnehmen und ihm eine sorgfältige Erziehung geben zu wollen; und wenn sie so viel Geld zurücklegen könne, wolle sie ihm später ein anständiges Geschäft übergeben.

Toms Zeit war gekommen. ,,Huck braucht's gar nicht -- Huck ist reich," sagte er.

Nur die gute Lebensart der Gesellschaft konnte bei diesem vermeintlichen Witz ein allgemeines Gelächter hintanhalten. Aber das Schweigen war doch ein wenig drückend.

Tom brach es. ,,Huck _hat_ Geld! Wenn Sie's nicht glauben -- Huck kann's beweisen. O, Sie brauchen nicht zu lächeln, denk', ich kann's beweisen. Warten Sie nur 'ne Minute."

Tom rannte hinaus. Die Gesellschaft schaute sich überrascht an und drang in Huck, der stumm zu sein schien.

,,Sid, was ist's mit Tom?" fragte Tante Polly. ,,Er -- na, werd' ein anderer klug aus dem Jungen. Ich kann's nicht --"

Tom erschien, sich mit den Säcken abschleppend, und Tante Polly ließ ihren Satz unbeendet. Tom schüttete das Geld auf den Tisch und meinte trocken: ,,Da -- was hab' ich gesagt? Halb Huck seins -- halb meins!"

Dieser Anblick machte alle atemlos. Alles schaute nur, niemand konnte sprechen. Dann folgten unartikulierte Laute des Entzückens. Tom sagte, er könne es erklären, und tat's. Die Erzählung war lang, aber mächtig spannend. Niemand unterbrach ihn, außer durch Ausrufe, wie sie hier angebracht waren. Als er geendet hatte, meinte Mr. Jones: ,,Dachte 'ne kleine, besondere Überraschung für diese Gelegenheit in Hinterhalt zu haben, aber jetzt denk' ich, 's war nichts. Dies da läßt meins furchtbar lumpig erscheinen -- kann's nicht leugnen."

Das Geld wurde gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über zwölftausend Dollar. Das war mehr, als irgend einer der Anwesenden jemals beisammen gesehen hatte, obwohl verschiedene unter ihnen waren, die über viel mehr als das in Grundbesitz verfügten.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Der Leser kann sich vorstellen, was für ein kolossales Aufsehen Tom und Huck in dem armen, kleinen Dörfchen St. Petersburg gemacht hatten. Eine solche Summe, auf einem Fleck, schien nahezu unglaublich. Es wurde darüber geschwatzt, disputiert, phantasiert, bis der Verstand mancher Bürger unter dem Einfluß dieser ungesunden Erregung zu wanken begann. Jedes ,,verhexte" Haus in St. Petersburg und der Nachbarschaft wurde durchstöbert, Balken für Balken, die Grundmauern bloßgelegt und auf verborgene Schätze hin untersucht, -- und nicht durch Kinder -- nein, durch Männer, verflucht ernste, ganz unromantische Männer meistens. Wo Tom und Huck erschienen, wurden sie gefeiert, bewundert, angestarrt. Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihren Bemerkungen bisher Wert beigelegt worden war; jetzt aber waren sie gesucht und geschätzt; alles, was sie taten, erschien bemerkenswert; augenscheinlich hatten sie die Fähigkeit verloren, etwas Gewöhnliches zu tun oder zu sagen; noch mehr -- ihre Vergangenheit wurde unter die Lupe genommen, und man erklärte, es sprächen ganz wunderbare Begabungen aus allem, was sie bisher getan hatten. Sogar das Käseblättchen brachte biographische Skizzen über die beiden Buben.

Die Witwe Douglas legte Hucks Geld zu sechs Prozent an, der Richter Thatcher tat auf Pollys Wunsch dasselbe mit Toms Anteil. Jeder von ihnen hatte jetzt ein Einkommen, das einfach märchenhaft erschien -- einen Dollar für jeden Wochentag des Jahres und die Hälfte der Sonntage. Es war so viel wie der Geistliche erhielt, -- nein, es war das, was er hätte erhalten _sollen_, denn er bekam nicht alles. Für gewöhnlich genügten in diesen einfachen Zeiten ein und ein viertel Dollar wöchentlich, um einen Jungen zu ernähren, zu kleiden, zu waschen, ihm Wohnung zu schaffen und den Schulbesuch zu ermöglichen. Richter Thatcher hatte eine hohe Meinung von Tom gefaßt. Er sagte, kein gewöhnlicher Junge würde seine Tochter jemals aus der Höhle herausgebracht haben. Als Becky ihrem Vater im strengsten Vertrauen erzählte, wie sie Tom in der Schule vor Prügel bewahrt habe, war er sichtlich bewegt; und als sie gar die heldenhafte Lüge, durch die Tom ihre Schuld auf die eigenen Schultern geladen hatte, berichtete, sagte er im Tone der Überzeugung, es wäre eine edle, großmütige, glänzende Lüge -- eine Lüge, die wert sei, von Geschlecht zu Geschlecht in Ehren gehalten zu werden, unmittelbar nach George Washingtons berühmter Wahrheitsliebe.

Becky dachte, ihr Vater habe niemals so stolz und großartig ausgesehen, als während er auf und nieder lief, mit dem Fuß aufstampfte und dies sagte. Sie ging sofort davon und erzählte Tom davon. Der Richter hoffte, Tom einmal als großen Gesetzgeber oder großen Soldaten oder so zu sehen. Er versicherte, dafür sorgen zu wollen, daß Tom auf die Nationale Militärschule und nachher auf die beste Gesetzesschule des Landes komme, damit er sich dort für eine dieser Karrieren ausbilden solle -- oder auch für beide.

Huck Finn wurde durch seinen Reichtum und durch den Umstand, daß er sich unter dem Schutze der Witwe Douglas befand, in die Gesellschaft eingeführt -- nein, hineingestoßen, hineingezerrt -- und seine Leiden wurden bald so schlimm, daß er sie nicht mehr tragen konnte. Die Dienerschaft der Witwe striegelte ihn rein und sauber, bürstete ihn und packte ihn nachts in ein gräßliches Bett, in dem sich nicht ein einziger Fleck fand, den er hätte ans Herz pressen und Freund nennen können. Er sollte mit Messer und Gabel essen. Schüsseln, Becher und Teller sollte er benützen; aus Büchern lernen; in die Kirche gehen; sich so manierlich ausdrücken, daß ihm die eigene Sprache fremd erschien. So daß es ihm schließlich vorkam, als werde er durch diese ,,Kultivierung" an Händen und Füßen gebunden.

Drei Wochen trug er sein Mißgeschick tapfer, dann schüttelte er es eines Tages gewaltsam ab. Achtundvierzig Stunden hindurch suchte die Witwe in höchster Bestürzung nach ihm. Das ganze Dorf war tief ergriffen; man suchte überall herum und ließ den Fluß ab nach seiner Leiche. Früh am dritten Tage schlenderte Tom zu ein paar alten, leeren Fässern, die hinter dem jetzt unbenutzten Schlachthause vergessen ihr Dasein fristeten; in einem derselben fand er den Flüchtling. Huck hatte da geschlafen; eben hatte er mit einigen gestohlenen Kleinigkeiten sein Frühstück gehalten und lag jetzt gemütlich da, die Pfeife im Munde. Er war ungekämmt, ungewaschen und in dieselben Ruinen von Kleidern gehüllt, die ihm in den goldenen Tagen der Freiheit und vollen Glückseligkeit ein so pittoreskes Aussehen gegeben hatten. Tom schalt ihn, erzählte ihm von der durch ihn verursachten, Bestürzung und drängte ihn, nach Haus zurückzukommen. Hucks Gesicht verlor seinen ruhig-zufriedenen Ausdruck und wurde immer melancholischer.

,,Sag' nichts davon, Tom," bat er. ,,Hab's versucht, aber 's geht nicht, Tom! 's ist nichts für mich, pass' nicht dafür! Die Witwe ist gut und freundlich gegen mich; aber ich kann's nicht aushalten. Jeden Tag weckt sie mich zur selben Zeit, läßt mich waschen -- sie schrubben mich noch zu Tode! läßt mich im Bett schlafen; dann soll ich diese verdammten Kleider tragen, die mich ersticken, Tom; sie scheinen gar keine Luft durchzulassen und sind so verteufelt fein, daß ich nicht drin sitzen, liegen, mich nirgends hinwerfen kann. Auf 'ner Kellertreppe bin ich nicht mehr hinuntergerutscht seit -- na, 's ist wohl schon Jahre her! In die Kirche gehn soll ich und schwitzen und schwitzen -- wie ich diese langweiligen Predigten hasse! Nicht mal 'ne Fliege fangen darf man, nicht rauchen; dafür soll man alle Sonntage Schuhe tragen! Wenn die Witwe ißt, läutet's, wenn sie zu Bett geht, läutet's, wenn sie aufsteht, läutet's -- 's ist alles so gräßlich regelmäßig -- das halt der Teufel aus!"

,,Na, Huck, das muß aber doch jeder."

,,Tom, ich will 'ne Ausnahme machen; ich bin nicht jeder, ich _kann's_ nicht aushalten! 's ist schrecklich, so gezogen zu werden. Und 's Essen wird einem so bequem gemacht -- so macht's mir gar keinen Spaß. Soll fragen, wenn ich fischen will, fragen, wenn ich baden will -- Herrgott, um jedes und jedes fragen! Na, und dann nicht sprechen dürfen, wie man's gewohnt ist. Könnt' ich nicht jeden Tag auf den Heuboden und dort 'n bißchen schwatzen in _meiner_ Manier, ich müßt' krepieren, Tom! Die Alte läßt mich auch nicht rauchen und nicht 'n _bißchen_ brüllen, nicht gähnen -- nicht mal kratzen, wenn jemand dabei ist!" Dann mit einem Ausbruch ganz besonderen Ingrimms: ,,Und das weiß der Henker -- beten tut sie den ganzen Tag! Nie hab' ich so 'n Weib gesehen! Mußte fort, Tom, _mußte_! -- Tom, in all das Elend wär' ich nicht gekommen, wär' nicht das Geld gewesen! Jetzt sei so gut, Tom, nimm du's und gib mir zuweilen zehn Cent -- nicht zu oft, denn ich geb' nichts um 'ne Sache, wenn sie nicht schwer zu kriegen ist; und dann -- geh' hin, bitt' mich von der Witwe frei!"

,,Ach, Huck, du weißt doch, daß ich das nicht tun kann! 's wär' unanständig; und dann, wenn du's noch 'ne Weile versuchst, wirst du dich schon dran gewöhnen!"

,,Dran gewöhnen! Könnt' mich auch wohl an 'nen heißen Ofen gewöhnen, wenn ich lang' genug drauf sitzen müßte! Nein, Tom, ich _mag_ nicht reich sein, und ich will nicht in dem verdammten schläfrigen Hause wohnen. Hab' den Wald zu lieb und den Fluß und die Berge -- und zu denen will ich zurück! Verdammt! Jetzt, wo wir Geld haben und 'ne Höhle und alles, was wir als Räuber brauchen, wirft einem so 'ne verrückte Tollheit alles übern Haufen!"

Tom ersah seinen Vorteil. ,,Na, weißt du, Huck, das Reichsein hat mich gar nicht davon abgebracht, Räuber zu werden."

,,Nicht! All ihr guten Geister, sprichst du in wirklichem, todsicherem Ernst, Tom?"

,,So todsicher, wie ich hier sitze! Aber, Huck, weißt du, wir können dich nicht unter uns aufnehmen, wenn du nicht gut erzogen bist."

Hucks Freude war schon wieder zu Ende. ,,Könnt's nicht, Tom? Würd's nicht als Pirat gehn?"

,,Ja, aber das ist 'n Unterschied. Ein Räuber ist viel was Nobleres, als was so 'n Pirat ist -- für gewöhnlich. In den meisten Ländern sind sie furchtbar nobel! 's sind Herzöge dabei und so was!"

,,Ach, Tom, du bist doch sonst immer so'n guter Kamerad gewesen! Du wirst mich doch nicht ausschließen, Tom, nicht wahr? Du wirst doch _das_ nicht tun, Tom --?"

,,Huck, ich möcht's ja nicht tun -- und ich _tät's_ auch nicht, aber was würden die Leute sagen? Pah! würden sie sagen -- Tom Sawyers Bande! Schön' lump'ge Kerle darunter! Sie würden dabei _dich_ meinen, Huck! _Das_ möchtst du doch nicht, Huck, oder --?"

Huck schwieg eine Weile, in tiefes Nachdenken versunken. Schließlich sagte er:

,,Na, dann will ich zur Witwe zurück -- auf 'nen Monat oder so, und sehn, ob ich durchkomm' -- wenn ich dann eintreten kann, Tom."

,,'s ist recht, Huck, ist recht! Komm' mit, alter Dummkopf, und ich will sehen, ob ich die Witwe bereden kann, dir 'n bißchen nachzulassen, Huck."

,,Willst du, Tom? Nein, _willst_ du?! 's ist wundervoll! Wenn sie mir nur die schlimmsten Sachen nachläßt, will ich heimlich rauchen und fluchen und sehen, daß ich durchkomm' -- oder krepieren. -- Wann willst du denn dran gehen und 'ne Bande gründen?"

,,O, recht bald, Huck. Meinetwegen können wir noch diese Woche die Jungen zusammentrommeln und die Einschwörung vornehmen."

,,Vornehmen -- was?"

,,Die Einschwörung."

,,Was ist das?"

,,Na, halt schwören, zusammenhalten, nie 'n Geheimnis zu verraten, wenn man auch drum gevierteilt werden sollte -- und jeden zu töten, und seine ganze Familie, der was schwatzt."