Die Abenteuer Tom Sawyers

Chapter 14

Chapter 143,719 wordsPublic domain

,,Na, ich sag' dir, Tom, wo du so 'n blaues Licht siehst, kannst du sicher sein, daß da 'n Geist dahinter steckt. 's ist doch mal so bekannt. So 'n Licht, weißt du, braucht niemand als Gespenster."

,,'s ist wahr, Huck. Aber bei Tag' kommen sie doch nicht 'raus; da brauchen wir uns doch nicht zu fürchten?"

,,Na, meinetwegen, wenn du meinst, woll'n wir 's Beinhaus vornehmen -- aber -- aber ich denk doch, 's ist gewagt."

Inzwischen waren sie den Hügel hinuntergekommen. Dort, mitten im Mondlicht, im Tal stand das Beinhaus vor ihnen, gänzlich einsam, die Umzäunung längst zerbrochen, die Tür umgeben von allerhand Schlinggewächsen, das Dach halb zerfallen, leere Fensterhöhlen und der Schornstein eingesunken. Die Jungen standen eine Weile still, halb in der Erwartung, ein blaues Licht in den Fenstern zu sehen; sie sprachen, wie Zeit und Umstände es verlangten, mit halber Stimme. Dann machten sie, daß sie fortkamen, umkreisten das unheimliche Gebäude in weitem Bogen und schlichen durch den Wald von Cardiff Hill nach Hause.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Gegen Mittag des nächsten Tages kamen die Jungen bei dem abgestorbenen Baum an; sie wollten ihr Werkzeug holen. Tom hatte es sehr eilig, zum Beinhaus zu kommen. Huck, etwas weniger hitzig, sagte plötzlich:

,,Wart mal, Tom, weißt du auch, was heut für 'n Tag ist?"

Tom ließ die Tage der Woche Revue passieren und machte erschreckte Augen:

,,Donnerwetter, Huck, hab' noch gar nicht dran dacht!"

,,Na, ich hab's bisher auch nicht getan, aber plötzlich fiel's mir eben ein, heut ist Freitag!"

,,Verdammt! Man kann doch nicht vorsichtig _genug_ sein, Huck. Hätten in 'ne schöne Patsche geraten können, wenn wir so was an 'nem Freitag begonnen hätten!"

,,Will ich meinen! Sag' lieber: _wären_ gekommen! 's gibt Glückstage, aber der Freitag ist gewiß keiner von ihnen!"

,,Das weiß jeder Dummkopf. Denk doch, du bist nicht der erste, der das rauskriegt."

,,Na, das hab' ich ja doch auch nicht gesagt, oder? Und der Freitag ist noch nicht alles. Hab' 'nen verflucht bösen Traum gehabt, letzte Nacht -- hab' von Ratten geträumt."

,,Na, ist 'n schönes Zeichen, daß was passiert! Kämpften sie?"

,,Nee."

,,Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie nicht kämpfen, ist's nur ein Zeichen, daß was in der Luft liegt, weißt du. Wir brauchen also bloß gut aufzupassen und uns in acht zu nehmen. Wollen wir also das für heute lassen und spielen. -- Kennst du Robin Hood, Huck?"

,,Nee, wer ist Robin Hood?"

,,Na, das war einer von den größten Menschen, die je in England gelebt haben -- und einer der besten. 's war ein Räuber."

,,Wetter, wünscht', ich wär' _auch_ einer. _Wen_ beraubte er denn?"

,,Nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und solches Volk. Arme beraubte er nie. Er liebte sie. Er teilte alles mit ihnen bis auf den letzten Penny."

,,Muß ein verflucht guter Bursche gewesen sein."

,,Will ich meinen, Huck. O, er war der edelste Mensch, der je gelebt hat. Solche Leute gibt's jetzt gar nicht mehr, sag' ich dir. Er konnte alle Menschen in England besiegen, auch wenn seine eine Hand gebunden war. Und dann konnte er mit seinem Eibenbogen und seinem Pfeil ein Zehn-Centstück jederzeit treffen -- anderthalb Meilen davon."

,,Was ist 'n Eibenbogen?"

,,Weiß nicht; 's ist halt irgend ein Bogen. Und wenn er das Stück nur am Rande traf, setzte er sich hin und weinte -- wahrhaftig. Aber laß uns Robin Hood spielen -- 's ist 'n famoser Spaß. Werd's dir beibringen."

,,Mir recht."

So spielten sie Robin Hood den ganzen Nachmittag, zuweilen sehnsüchtige Blicke auf das Beinhaus werfend und eine Bemerkung über die Aussichten und möglichen Ereignisse des nächsten Tages fallen lassend. Als die Sonne im Westen zu sinken begann, schlenderten sie heimwärts durch die langen Schatten der Bäume und waren bald im Walde von Cardiff Hill verschwunden.

Am Samstag, kurz nach Mittag, waren die Jungen abermals am Fuße des bewußten Baumes. Sie rauchten ein bißchen und hielten ein Schwätzchen im Schatten der Bäume, und stocherten dann ein wenig in ihrer Grube, nicht mit großen Hoffnungen, sondern mehr, weil Tom sagte, es wäre schon oft vorgekommen, daß Leute einen Schatz schon aufgegeben, nachdem sie ihm bis auf sechs Zoll nahe gekommen seien, und dann sei irgend ein anderer gekommen und habe ihn mit einem einzigen Spatenstich ausgehoben. Diesmal war's indessen nichts, so nahmen die Jungen ihr Werkzeug auf die Schultern und marschierten ab, im Gefühl, daß sie beim Graben zwar kein Glück gehabt, aber alles getan hätten, was beim Schatzsuchen vonnöten sei.

Als sie das Beinhaus erreichten, lag etwas so Geheimnisvolles, Unheimliches in dem toten Schweigen, das hier unter der brütenden Sonne herrschte, und etwas so Niederdrückendes in der Verlassenheit und Trostlosigkeit des Ortes, daß sie für einen Augenblick nicht den Mut hatten, einzutreten. Dann schlichen sie zur Tür und spähten vorsichtig hinein. Sie erblickten einen von Unkraut überwucherten, ungepflasterten Raum, einen alten Feuerherd, leere Fensterhöhlen, eine halb zerfallene Treppe, und hier und da und dort hingen zerrissene, verlassene Spinnengewebe. Sie traten sogleich vorsichtig ein, mit klopfenden Pulsen, sich im Flüsterton besprechend, die Ohren für das geringste Geräusch gespitzt, die Muskeln angespannt, um unverzüglich davonlaufen zu können.

Aber in kurzem wurden sie heimisch, verloren ihre Furcht und unterzogen die Szenerie einer kritischen, aufmerksamen Inspektion, dabei immer mehr ihre eigene Kühnheit bewundernd. Danach richteten sich ihre Blicke auf die Treppe. Es hieß, sich den Rückzug abschneiden, aber sie ermutigten sich gegenseitig, und so konnte es nicht fehlen -- sie warfen ihre Geräte in eine Ecke und kletterten hinauf. Oben zeigten sich dieselben Spuren des Verfalls. In einem Winkel fanden sie einen vielversprechenden Wandschrank, aber die Hoffnung war trügerisch -- es war nichts drin. Jetzt waren sie wieder ganz im Besitz ihres Mutes und ihrer Unternehmungslust. Gerade wollten sie wieder hinunter und ihr Werk beginnen, da --

,,Pst," flüsterte Tom.

,,Was gibt's?" Huck ebenso, schneeweiß vor Schreck.

,,Pscht -- du -- hörst du nichts?"

,,Ja -- o Himmel -- laß uns fortlaufen!"

,,Halt's Maul! Rühr' dich nicht! Sie kommen richtig auf die Tür zu!"

Die Jungen kauerten sich auf den Fußboden nieder, spähten durch Ritzen auf dem Fußboden und warteten in Furcht und Elend.

,,Sie halten -- -- nein -- sie kommen -- da sind sie! Kein Wort mehr, Huck! Mein Gott -- ich wollt', ich wär' hier raus!"

Zwei Männer traten ein. Beide Jungen sagten zu sich selbst: ,,'s ist der alte taubstumme Spanier, der ein paarmal letzthin im Dorfe war -- den anderen hab' ich nie gesehn."

Der ,,andere" war ein zerlumpter, ungekämmter Strolch mit wenig einladenden Gesichtszügen. Der Spanier war in eine ,,Serape" gehüllt, er hatte einen struppigen weißen Bart, langes, weißes Haar flatterte unter dem Räuberhut hervor, er trug grüne Augengläser. Indem sie hereinkamen, sprach der ,,andere" mit leiser Stimme; sie setzten sich auf die Erde, das Gesicht zur Tür, den Rücken gegen die Wand, und der Sprecher fuhr fort. Sein Benehmen wurde ungenierter und seine Sprache entschiedener.

,,Nein," sagte er, ,,hab' drüber nachgedacht -- 's geht nicht; 's ist _zu_ gefährlich."

,,Gefährlich," höhnte der taubstumme Spanier zur höchsten Überraschung der Jungen. ,,Waschlappen!"

Diese Stimme ließ die Jungen erzittern wie Espenlaub. Es war der Indianer-Joe! Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann fuhr Joe fort: ,,Was ist wohl gefährlicher als der letzte Streich -- und doch ist nichts passiert."

,,Das ist 'n Unterschied. Weit draußen am Fluß und _kein_ Haus in der Nähe! Wer sollt' denn wissen, daß wir was versucht haben, wo wir doch nichts erreicht haben!"

,,Na, wie kann was gefährlicher sein, als bei Tage hierher kommen? Wer uns säh', müßt' doch Verdacht haben."

,,Weiß wohl. 's gab aber keinen besseren Platz nach dem mißglückten Streich. Muß fort von hier. Wollt's auch gestern schon, 's war aber nicht möglich, von hier auszuziehen, solange diese Teufelsjungen da oben ganz in der Nähe spielten."

,,Diese Teufelsjungen" zuckten unter dieser Bemerkung zusammen und dachten, wie gut es doch sei, daß sie sich noch zur rechten Zeit an den Freitag erinnert und beschlossen hatten, bis Samstag zu warten. Sie wünschten nur, ein Jahr gewartet zu haben.

Die beiden Männer holten ein paar Lebensmittel hervor und hielten eine Mahlzeit. Nach langem, gedankenvollen Schweigen sagte Joe: ,,Paß auf, Kerl, mache, daß du wieder stromaufwärts kommst, wo du hingehörst. Warte dort, bis du von mir hörst. Werd' mir mal die Gelegenheit ansehen im Dorf. Wenn ich 'n bißchen rumgeschnüffelt hab' und alles sich gut anläßt, wolln wir das ,gefährliche Stückchen' ausführen. Dann nach Texas! Wollen's zusammen machen!"

Das war befriedigend. Beide fingen an zu gähnen, und Joe sagte:

,,Bin todmüde! Die Reihe ist an dir, zu wachen."

Er warf sich nieder und begann bald zu schnarchen. Der andere stieß ihn ein paarmal an, und er wurde ruhig. Plötzlich begann der Wächter zu nicken; sein Kopf sank tiefer und tiefer; dann schliefen beide.

Die Jungen taten einen langen, erleichterten Atemzug. Tom flüsterte:

,,Jetzt gilt's -- komm!"

Huck aber meinte: ,,Kann nicht -- wär' tot, wenn sie aufwachten!"

Tom drängte, Huck hielt zurück. Schließlich erhob sich Tom leise und furchtsam und schlich allein davon. Aber der erste Schritt, den er tat, erzeugte auf dem Holzboden ein solches Krachen, daß er halbtot vor Angst wieder niederkauerte. Er machte keinen zweiten Versuch. Die Jungen lagen da, die schrecklichen Augenblicke zählend, bis es ihnen schien, die Zeit habe aufgehört und die Ewigkeit beginne. Und dann erleichterte sie der Gedanke, daß schließlich die Sonne untergehen müsse. Jetzt rührte sich der eine Schläfer. Joe richtete sich auf, starrte um sich, lächelte verächtlich auf seinen Spießgesellen nieder, dessen Kopf auf seine Knie gesunken war, stieß ihn mit dem Fuße an und rief: ,,Auf! Bist mir 'n schöner Wächter, Kerl!"

,,Na ja, was denn -- 's ist ja nichts passiert."

,,Na -- hast du denn jetzt ausgeschlafen?"

,,'s geht halb und halb."

,,Jetzt heißt's aber aufbrechen. Was machen wir nur mit dem bißchen Geld, was wir noch haben?"

,,Weiß nicht -- lassen's hier, wie sonst, denk' ich. Wer sollt's fortnehmen, wenn wir weg sind? Sechshundertundfünfzig in Silber ist auch zu viel zum Mitschleppen."

,,Na ja -- ist recht -- wenn wir doch noch mal herkommen müssen."

,,Dann ist's aber doch besser, in der Nacht herzukommen, wie sonst."

,,Ja -- aber denk' mal, 's könnt' doch 'ne ziemliche Zeit dauern, bis ich zu dem Streich kommen kann, 's könnt sich was zutragen und 's liegt hier grad' an keinem guten Platz. Wollen's doch lieber richtig vergraben -- und tief vergraben."

,,'s ist 'n guter Gedanke," sagte der andere, ging durch den Raum, kniete nieder, riß einen der Herdsteine auf und holte einen Sack heraus, der vielversprechend klang. Er nahm zwanzig bis dreißig Dollar für sich und ebensoviel für Joe heraus und gab den Sack letzterem, der in der Ecke kniete, mit seinem Messer die Erde aufwühlend.

Die Jungen vergaßen alle Angst, all ihre Verlegenheit bei diesem Anblick. Mit glänzenden Augen verfolgten sie jede Bewegung. Der Glanz da unten übertraf all ihre Vorstellungen! Sechshundert Dollar war Geld genug, ein halbes Dutzend kleiner Jungen reich zu machen! Hier ließ sich unter den glücklichsten Aussichten nach Gold graben, da gab's kein Kopfzerbrechen, wo man graben müsse. Jeden Augenblick stießen sie einander an -- ein leichtes Verständigungsmittel, denn ihr einziger Gedanke war: Freust dich, daß wie hier sind.

Joes Messer stieß auf etwas.

,,Holla," sagte er.

,,Was gibt's?" fragte der andere Strolch.

,,'n halb verfaulter Balken -- nee, glaub', 's ist 'n Kasten. Hier, hilf mal, wollen sehn, was es gibt. Ho, da hab' ich 'n Loch hineingebrochen."

Er griff mit der Hand hinunter und zog sie wieder heraus.

,,Mensch -- 's ist Geld!"

Die beiden untersuchten die Handvoll Münzen. Es war wirklich Gold. Die Jungen oben waren ebenso erregt und entzückt wie sie.

Joes Spießgeselle sagte: ,,Wollen gleich ganze Arbeit damit machen. Dort liegt 'ne alte verrostete Hacke in der Ecke, dort auf der anderen Seite vom Herd -- sah sie vorhin."

Er lief hin und brachte Hacke und Schaufel der Jungen. Joe nahm die Hacke, betrachtete sie mit kritischer Miene, schüttelte den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und begann damit zu hantieren.

Die Kiste war bald ausgegraben. Sie war nicht sehr groß; sie hatte Eisenbänder und war sehr stark gewesen, bevor der Zahn der Zeit sie angefressen hatte. Der Kerl betrachtete den Schatz eine Weile aufmerksam, schweigend, aber vergnügt.

,,Kerl, 's sind gewiß tausend Dollar," sagte er.

,,'s hat ja immer schon geheißen, daß Murrels Bande vorigen Sommer hier gehaust hat," bemerkte der Fremde.

,,Weiß wohl," entgegnete Joe, ,,und mir scheint, 's sieht ganz danach aus."

,,Jetzt brauchst du deinen Streich nicht mehr auszuführen, sollt' ich denken."

Der Indianer runzelte die Stirn und sagte: ,,Du kennst mich nicht. Wenigstens weißt du nichts von dieser Sache. _Hier_ will ich nicht rauben -- 's ist Rache!" Und mit flammenden Augen sprang er auf. ,,Brauch' deine Hilfe dazu nicht! Wenn's geschehen ist -- nach Texas. Geh' du nur heim zu deiner Hure und der Brut -- und sei bereit, wenn du von mir hörst!"

,,'s ist gut, wenn du's sagst. Was woll'n wir hiermit machen -- wieder vergraben?"

,,Ja. (Freude und Entzücken oben.) Nein, beim großen Geist, nein! (Tiefe Niedergeschlagenheit.) 's könnt' leicht vergessen werden. -- Die Hacke da hat frische Erdspuren! (Die Jungen wurden fast ohnmächtig vor plötzlichem Schreck.) Was haben 'ne Hacke und 'ne Schaufel _hier_ zu tun? Wie kommt frische Erde dran? Wer hat sie hier gebraucht -- und wo sind die Burschen hin? Hast du was gehört -- was gesehn? Zum Teufel -- wieder vergraben und sie kommen lassen und die Erde frisch aufgewühlt sehen? Wär' so was! Glaub's. Wir nehmen das mit."

,,Na, meinetwegen. Aber überleg' erst, wohin. Meinst du Nummer eins?"

,,Nein -- Nummer zwei -- unter dem Kreuz. Der andere Platz ist schlecht -- zu gewöhnlich."

,,Recht. 's ist bald dunkel genug, aufzubrechen."

Joe richtete sich auf und ging von Fenster zu Fenster, vorsichtig hinausspähend. Plötzlich sagte er: ,,Wer könnt' doch nur das Handwerkszeug da hergebracht haben? Glaubst du, sie könnten oben sein?"

Den Jungen stand der Atem still. Joe legte die Hand ans Messer, zögerte einen Moment unentschlossen, dann begann er die Treppe zu ersteigen. Die Jungen dachten an den Schrank, aber die Kräfte versagten ihnen. Die Schritte näherten sich knarrend -- die verzweifelte Lage stachelte die gesunkenen Lebensgeister wieder auf -- sie waren im Begriff, zum Schrank zu laufen, als plötzlich das Krachen brechenden Holzes ertönte und Joe wieder unten ankam, mit den Trümmern der Treppe.

Fluchend rappelte er sich empor und der andere Strolch sagte: ,,Na, wozu das alles! Wenn jemand da ist und er steckt oben -- laß ihn stecken -- was kümmert's uns? Wenn einer runter kommen will und sich hier Ungelegenheiten zuzieht -- meinetwegen! In fünfzehn Minuten wird's dunkel -- dann soll uns folgen, wer will. Meine Meinung ist: die Kerls, die die Sachen hierher geschleppt haben, haben uns gesehen und uns für Gespenster und Geister gehalten. Will wetten, sie laufen noch!"

Joe brummte noch 'ne Weile, dann stimmte er dem anderen bei, das letzte Tageslicht zur Ausführung der nötigen Vorbereitungen zu benützen. Kurz danach schlüpften sie aus dem Haus ins Zwielicht und wandten sich mit ihrer kostbaren Last dem Flusse zu.

Tom und Huck erhoben sich, warteten, bis alles still war und starrten dann durch Ritzen im Gebälk ihnen nach. Folgen! Kein Gedanke -- sie waren zufrieden, den Boden zu erreichen, ohne sich den Hals gebrochen zu haben, und machten sich über den Hügel auf den Heimweg. Sie sprachen nicht viel, sie waren zu ärgerlich auf sich selbst -- ärgerlich über die Dummheit, Hacke und Spaten mit hierher zu nehmen. Denn ohne das würde Joe niemals Verdacht geschöpft haben. Er hätte Silber und Gold vergraben, um erst seine ,,Rache" auszuführen -- und dann würde er das Unglück gehabt haben, nichts mehr vorzufinden! Bitteres, bitteres Verhängnis, daß sie ihr Werkzeug mitschleppen mußten! Sie nahmen sich vor, auf den Spanier zu achten, wenn er ins Dorf kommen sollte, um das Terrain für seinen Racheplan zu sondieren, und ihm dann nach ,,Nummer zwei" zu folgen, mochte es sein, wo es wollte. Da kam Tom ein schrecklicher Gedanke:

,,Rache? Wenn er _uns_ meinte. Huck?"

,,Er wird doch nicht?" stotterte Huck, fast umfallend.

Sie sprachen eifrig darüber und einigten sich in der Annahme, daß er jemand anders gemeint haben müsse -- im schlimmsten Fall könne er nur Tom meinen, da nur dieser Zeugnis abgelegt habe.

Was ein sehr, sehr schwacher Trost für Tom war, allein in Gefahr zu sein! Ein Leidensgefährte würde hier ein besserer Trost sein -- dachte er.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Das Abenteuer des Tages quälte Tom nachts im Traum. Manchmal hielt er den Schatz in Händen, manchmal zerrann er ihm zwischen den Fingern in nichts, bis ihn der Schlaf verließ und das Erwachen ihn von der schrecklichen Wirklichkeit seiner Lage überzeugte. Als er am frühen Morgen, die Einzelheiten seines Abenteuers überdenkend, dalag, erschienen sie ihm immer undeutlicher und unklarer, als wenn sie sich in irgend einer anderen Welt ereignet hätten oder in längst vergangener Zeit. Dann schien ihm das große Ereignis wie ein Traum! Es sprach sehr viel dafür, namentlich, daß die Menge Geld, die er gesehen hatte, gar zu groß schien, um wirklich existieren zu können. Er hatte nie mehr als fünfzig Dollar in einem Haufen gesehen und wie alle Jungen seines Alters und seiner Lebenslage, glaubte er, daß alle ,,Hunderte" und ,,Tausende" nichts anderes seien als glänzende Redensarten, und daß eine solche Summe in Wirklichkeit gar nicht denkbar sei. Nicht einen Augenblick hatte er gedacht, daß sich in irgend jemandes Besitz eine solche Summe, wie hundert Dollar war, finden könne. Wenn er sich seine vergrabenen Schätze vorstellte, rechnete er höchstens mit 'ner Handvoll Schillinge.

Aber die Einzelheiten seines Abenteuers traten ihm, je mehr er daran dachte, um so schärfer und klarer vor die Seele und plötzlich ertappte er sich über dem Gedanken, daß möglicherweise doch nicht _alles_ ein Traum gewesen sei. Diese Ungewißheit mußte abgeschüttelt werden. Schnell wollte er sein Frühstück hinunterschlingen und dann Huck aufsuchen.

Huck saß auf dem Rande eines Bootes, seine Füße ins Wasser baumeln lassend und mit sehr melancholischem Gesichtsausdruck. Tom beschloß, Huck selbst auf den Gegenstand kommen zu lassen. Tat er's nicht, dann war alles ein Traum gewesen.

,,Holla, Huck!"

,,Morgen, Tom!"

Minutenlanges Stillschweigen.

,,Tom, hätten wir den verdammten Spaten oben beim Baum gelassen, hätten wir's Geld bekommen. Ach, 's ist zum Verrücktwerden!"

,,'s war also kein Traum, 's war kein Traum! Möcht' fast, 's wär einer gewesen."

,,Was ist kein Traum?"

,,O, die Geschichte von gestern. Dachte halb, 's wär einer gewesen."

,,Traum! Wär' die Treppe nicht gebrochen, hättest du was von 'nem Traum erleben können! Hab' die ganze Nacht von dem verdammten grünäugigen Spanier geträumt, wie er auf mich losging. Der Henker hol' ihn!"

,,Nicht hol' ihn! Find ihn! Find's Geld!"

,,Tom -- wollen ihn lieber nicht wiederfinden! Mich würd's schütteln, wenn ich ihn bloß wieder zu sehen kriegte."

,,Gut, so tu ich's. Möcht' ihn schon sehen und ihm nachschleichen -- nach Nummer zwei."

,,Nummer zwei; ja, das ist's. Denk' immerfort drüber nach. Aber ich kann's nicht rauskriegen. Was denkst du?"

,,Weiß nicht. Ist zu tief. Sag', Huck -- könnt's nicht die Nummer von 'nem Haus sein'?"

,,Goddam! -- Nein, Tom, das ist's nicht. Wenn's ist, ist's doch nicht hier im Dorf. Hier gibt's keine Nummern."

,,Ja, das ist wohl so. Laß mich 'ne Minute denken. He -- 's ist die Nummer von 'nem Zimmer -- in 'nem Wirtshaus -- weißt du!"

,,Das ist's! Das ist 'n Kniff! 's gibt aber nur zwei Wirtshäuser. Wir können's leicht finden."

,,Wart' hier, Huck, bis ich wiederkomm'."

Im Nu war Tom verschwunden. Er wollte sich auf offener Straße nicht mit Huck sehen lassen. Eine halbe Stunde war er fort. Er fand, daß im besseren Wirtshaus Nummer zwei seit langer Zeit von einem jungen Advokaten bewohnt war und noch wurde.

Im andern Wirtshaus war Nummer zwei in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Der Sohn des Wirtes sagte, daß sie stets geschlossen gehalten werde und daß er nie jemand habe hineingehen oder herauskommen sehen -- ausgenommen zur Nachtzeit; Näheres wußte er nicht, er selbst schon habe den Gedanken gehabt, es spuke in dem Zimmer und schließlich wußte er nichts von einem Licht darin in der letzten Nacht.

,,Das hab' ich alles rausgekriegt, Huck. Ich denke, 's ist die Nummer zwei, die wir brauchen."

,,Denk' auch, Tom. Und was willst du jetzt tun?"

,,Laß mich nachdenken."

Tom dachte lange nach, dann sagte er: ,,Will's dir sagen. Die Hintertür von Nummer zwei geht auf den Gang zwischen Wirtshaus und der alten Mauer. Nun sollst du alle Schlüssel, die du nur auftreiben kannst, zusammentragen und ich will alle von meiner Tante nehmen und in der ersten dunklen Nacht wollen wir hingehen und sie versuchen. Und dann sollst du auf Joe aufpassen, weil er doch gesagt hat, daß er hier 'ne Gelegenheit für seine Rache aushorchen will. Wenn du ihn siehst, folgst du ihm; und wenn er dann nicht nach Nummer zwei geht, dann ist's nicht der rechte Ort."

,,Herr Gott, ich wag's nicht, ihm zu folgen!"

,,Unsinn, bei Nacht ist's sicher. Er braucht dich ja nicht zu sehen -- und wenn er's tut, denkt er sich nichts dabei."

,,Na, 's ist gut: wenn's dunkel ist, denk' ich, ich folg' ihm. Werd's versuchen."

,,Aber sicher, Huck -- wenn du nicht gut aufpaßt, wird's nichts!"

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Nachts waren Tom und Huck bereit für ihr Abenteuer. Bis nach neun Uhr trieben sie sich in der Nachbarschaft des Gasthofes herum, einer stets den bewußten Gang aus einiger Entfernung bewachend, der andere die vordere Tür. Niemand passierte den Gang; niemand, der dem Spanier ähnlich gesehen hätte, passierte die Tür. Die Nacht versprach klar zu werden; so ging Tom nach Hause, mit der Verabredung, daß, sollte sich der Himmel noch bewölken, Huck kommen und miauen solle, worauf er wieder herauskommen und die Schlüssel probieren würde. Aber die Nacht blieb klar, Huck beschloß seine Wacht und zog sich gegen 12 Uhr zum Schlafen in eine leere Zuckertonne zurück.

Am Dienstag hatten die Jungen ebensowenig Erfolg; auch am Mittwoch. Aber die Donnerstagnacht ließ sich besser an. Tom schlüpfte zu guter Zeit mit der alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Tuch zum Zudecken aus dem Haus. Er versteckte die Laterne in Hucks Zuckertonne und die Wache begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde das Gasthaus geschlossen und seine Lichter (überhaupt die einzigen) erloschen.

Kein Spanier hatte sich gezeigt. Niemand war im Gange gesehen worden. Alles versprach günstigen Erfolg. Absolute Finsternis herrschte, und die tiefe Stille wurde nur zuweilen von fernem Donner unterbrochen.

Tom holte seine Laterne, hüllte sie fest in das Tuch, und die beiden Abenteurer tasteten sich in der Finsternis dem Wirtshaus zu, Huck blieb als Schildwache zurück, Tom begab sich weiter den Gang hinauf. Dann folgte eine Zeit ängstlicher Erwartung, die gleich einer schweren Last auf Hucks Geist lastete. Er begann zu hoffen, es möge sich wenigstens ein schwacher Schimmer von der Laterne zeigen -- es hätte ihm Furcht eingejagt, aber wenigstens hätte es ihm gezeigt, daß Tom noch am Leben sei.