Chapter 13
,,Fast immer -- fast immer. Er taugt ja nicht viel; aber er hat doch nie was getan, um jemand zu verletzen. Er stiehlt wohl zuweilen Fische, um Geld für Branntwein zu kriegen -- und treibt sich beständig herum; aber, Herr Gott, das tun wir doch alle -- oder wenigstens die meisten -- auch die Prediger und solche Leute. Aber er ist doch 'n guter Kerl -- er gab mir mal 'n halben Fisch, wo's doch nicht genug war für zwei, und oft genug war er freundlich gegen mich und half mir, wenn ich in 'ner Patsche saß."
,,Ja, und mir hat er Drachen gemacht, Huck, und Angelhaken. -- Wollt, wir könnten ihm raushelfen --"
,,Lieber Gott, Tom, wir können ihm nicht 'raushelfen. Und dann -- 's wär' auch gar nicht gut; sie kriegten ihn doch wieder."
,,Ja -- das täten sie. Aber ich kann's nicht hören, daß sie auf ihn schimpfen wie auf 'nen Teufel, wo er's doch gar nicht getan hat."
,,Ich auch, Tom! Gott, ich hört', wie einer sagte, er ist der blutgierigste Lump im ganzen Land, und sie wunderten sich nur, daß er noch nicht aufgeknüpft ist."
,,Ja, das sagen sie immer. Ich hab' gehört, sie wollten ihn lynchen, wenn er freikäm'."
,,Und das täten sie auch."
Die Jungen schwatzten noch lange, aber es brachte ihnen wenig Befreiung. Als das Zwielicht anbrach, fanden sie sich auf einmal in der Nachbarschaft des kleinen, einsamen Gebäudes, vielleicht in der unbestimmten Hoffnung, es könne irgend was geschehen, wodurch ihre Kümmernisse gehoben würden. Aber nichts geschah, weder Engel noch gute Geister schienen sich mit diesem unglücklichen Gefangenen beschäftigen zu wollen.
Die Jungens taten, was sie schon oft vorher getan hatten -- gingen zu dem Gitterfenster und steckten Potter ein bißchen Tabak und Zündhölzer zu. Er lag auf dem Fußboden -- Wächter waren nicht da.
Seine Dankbarkeit für ihre kleinen Gaben hatte bisher immer ihr Gewissen entlastet -- jetzt wurde es nur noch schwerer. Sie fühlten sich im höchsten Grade gemein und treulos, als Potter sagte: ,,Ihr seid doch immer gut gegen mich gewesen, Jungs, besser als sonst jemand im Dorf. Und ich werd's nicht vergessen, werd's nicht! Oft denk' ich, hab' allen Jungen Drachen gemacht und alles, und ihnen gute Fischplätze gezeigt, und ihnen geholfen, wo ich konnt', und nu' vergessen sie alle den alten Muff, wo er so in der Patsche sitzt, nur der Tom tut's nicht, und der Huck tut's nicht, _die_ vergessen ihn nicht, sagt' ich, und ich werd' _sie_ nicht vergessen! Na, Jungs, ich hab' was Schreckliches getan -- betrunken und verrückt muß ich gewesen sein; 's ist die einzige Art, wie ich's mir denken kann, und jetzt soll ich dafür baumeln, und 's ist recht so. Recht und 's _beste_ auch, glaub' ich, hoff' wenigstens. Na, wollen nicht davon sprechen. Möcht' euch 's Herz nicht schwer machen. Aber wollt euch doch sagen: Trinkt nicht, wenn ihr groß seid, dann kommt ihr nie hierher. Kommt mal näher ran -- so, 's ist doch schon was, so 'n paar gute Gesichter zu sehen -- gute, freundliche Gesichter. Steigt mal einer auf den anderen und gebt mal eure Patschen her. Kommt leichter durch die Stangen, _meine_ Faust ist zu groß. Kleine Hände -- und zart -- aber haben Muff Potter 'ne Menge geholfen und würden noch mehr tun, wenn sie könnten."
Tom schlich niedergeschlagen nach Hause, und seine Träume waren schrecklich. Am nächsten und übernächsten Tage lungerte er um das Gerichtsgebäude herum, von unwiderstehlichem Verlangen angetrieben, hineinzugehen, und doch sich selbst zwingend, es nicht zu tun. Huck hatte dieselben Versuchungen. Sie gingen sich geflissentlich aus dem Wege. Jeder ging von Zeit zu Zeit mal fort, aber derselbe verzweifelte Zauber trieb ihn immer sehr bald wieder hin. Tom hielt die Ohren offen, wenn irgend ein Müßiggänger herauskam, hörte aber immer nur betrübende Neuigkeiten. Die Schlinge zog sich immer und immer fester zusammen um den armen Potter. Am Abend des zweiten Tages war das Dorfgespräch, daß des Indianer-Joe Erscheinen feststehe, und daß über den zu erwartenden Spruch der Geschworenen nicht der geringste Zweifel entstehe.
Tom war diesen Abend lange aus und gelangte durchs Fenster ins Bett. Er befand sich in schrecklich aufgeregtem Zustande. Es dauerte Stunden, bis er einschlafen konnte.
Am nächsten Morgen strömte das ganze Dorf zum Gerichtsgebäude, denn es würde ein großer Tag sein. Beide Geschlechter waren zu dem aufregenden Verhör erschienen. Nach langer Zeit traten die Geschworenen ein und begaben sich auf ihre Plätze. Kurz danach wurde Muff Potter, blaß und hohläugig, verschüchtert und hoffnungslos, mit Ketten beladen, hereingebracht und setzte sich so, daß all die neugierigen Augen ihn treffen mußten; nicht weniger wurde der Indianer-Joe beobachtet, der gleichgültig, wie immer, dasaß. Noch eine Pause, und dann kam der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Sitzung. Es folgte das gewöhnliche Geflüster zwischen den Gerichtspersonen und Papierknistern. Diese Einzelheiten und Umständlichkeiten bewirkten eine erwartungsvolle Stimmung, die ebenso aufregend wie lähmend war.
Jetzt wurde jener Bürger aufgerufen, welcher beschwor, daß er Muff Potter in sehr früher Stunde am Morgen des Mordes getroffen hatte, wie er sich in einem Graben wusch, und daß er sofort davongelaufen sei. Nach einigen weiteren Fragen sagte der Staatsanwalt: ,,Der Herr Verteidiger hat das Wort." Der Gefangene erhob für einen Augenblick die Augen, schlug sie aber sofort nieder, als sein Verteidiger sagte: ,,Ich verzichte."
Der nächste Zeuge erzählte die Auffindung des Messers am Tatorte. Der Staatsanwalt sagte abermals: ,,Der Herr Verteidiger hat das Wort."
,,Ich verzichte," entgegnete auch diesmal der Verteidiger.
Ein dritter Zeuge beschwor, daß er das Messer oftmals in Muff Potters Besitz gesehen habe.
,,Der Herr Verteidiger hat das Wort."
Potters Verteidiger dankte wiederum.
Die Gesichter der Zuhörer begannen Unwillen zu zeigen. Wollte dieser Verteidiger das Leben seines Klienten ohne jeden Versuch zu seiner Rettung preisgeben?
Mehrere Zeugen berichteten über Potters verdächtiges Benehmen, als er an den Mordplatz geführt wurde. Sie konnten ebenfalls ohne Gegenverhör den Platz verlassen.
Alle Einzelheiten der gravierenden Vorkommnisse an jenem Morgen, dessen sich alle Anwesenden so gut erinnerten, waren von glaubwürdigen Zeugen bestätigt, und nicht einer war durch Potters Verteidiger einem Gegenverhör unterworfen worden. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des Hauses machte sich in Murren bemerklich, was eine Zurechtweisung seitens des Vorsitzenden zur Folge hatte.
Jetzt begann der Staatsanwalt: ,,Durch den Eid von Bürgern, deren einfaches Wort schon über jeden Zweifel erhaben ist, sehen wir das schreckliche Verbrechen dem unglücklichen Gefangenen dort zur Last gelegt. Die Sachlage ist über jeden Zweifel erhaben."
Ein Stöhnen entrang sich dem armen Potter, er bedeckte das Gesicht mit den Händen, während sein Körper gleichsam zusammenschrumpfte. Ein peinliches Stillschweigen hatte sich über den Saal gelegt. Alle waren bewegt, und manche Frau verriet ihre Bewegung durch Tränen.
Der Verteidiger erhob sich und sagte: ,,Euer Ehren! Zu Beginn der gegenwärtigen Verhandlung gaben wir unsere Absicht kund, zu zeigen, daß unser Klient diese schreckliche Tat beging, während er unter dem Einflusse eines blinden, geistesverwirrenden Rausches infolge übermäßigen Trunkes stand. Wir haben unsere Ansicht geändert. Wir können auf diesen Einwand verzichten!" (Dann zum Gerichtsdiener): ,,Tom Sawyer!"
In allen Gesichtern malte sich unverhohlenes Erstaunen, Potter nicht ausgenommen. Jedes Auge heftete sich mit verwundertem Interesse auf Tom, als er aufstand und sich auf seinen Platz in der Zeugenloge setzte. Der Junge sah verstört genug aus, er war auch mächtig verschüchtert. Die Eidesformel war gesprochen.
,,Thomas Sawyer, wo wart Ihr am 7. Juni um Mitternacht?"
Tom schielte auf des Indianer-Joe eisernes Gesicht, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Alle Zuhörer warteten atemlos, aber die Worte kamen nicht heraus. Nach ein paar Augenblicken indessen sammelte der Junge ein bißchen Mut und versuchte genug davon in seine Stimmung zu legen, um sich einem Teil des Saales hörbar zu machen.
,,Auf dem Kirchhof."
,,Bitte, etwas lauter. Fürchtet Euch nicht. Ihr wart --"
,,Auf dem Kirchhof."
Ein verächtliches Lächeln flog über des Indianer-Joe Gesicht.
,,Wart Ihr vielleicht in der Nähe von William Horses Grab?"
,,Ja, Herr!"
,,Noch ein bißchen lauter. Wie nahe wart Ihr?"
,,So nahe, wie jetzt zu Ihnen."
,,Wart Ihr versteckt oder nicht?"
,,Ich war versteckt."
,,Wo?"
,,Unter den Ulmen, die am Kopfende des Grabes stehen."
Der Indianer-Joe fuhr unmerklich zusammen.
,,Wart Ihr in Begleitung?"
,,Ja, Herr. Ich war da mit --"
,,Halt -- einen Augenblick. Nennt den Namen Eures Gefährten noch nicht. Wir wollen ihn zur rechten Zeit aufrufen. Hattet Ihr irgend etwas mit?"
Tom zögerte und schaute verwirrt um sich.
,,Na, sprich -- mein Junge! Nicht zaghaft! Die Wahrheit ist immer achtungswert. _Was_ hattest du mit?"
,,Nur -- nur -- 'ne tote Katze!"
Ein schwaches Kichern entstand, wurde aber sofort vom Gerichtshof unterdrückt.
,,Wir werden das Skelett der Katze vorlegen. Jetzt, mein Junge, sag' uns, was sich zutrug -- sag's ganz auf deine Weise -- vergiß nichts und fürchte dich nicht."
Tom begann -- zuerst stammelnd, aber als er warm wurde, flossen seine Worte leichter und immer leichter; in kurzem verstummte jeder Laut außer seiner Stimme; jedes Auge heftete sich auf ihn; mit geöffneten Lippen und angehaltenem Atem hingen die Zuhörer an seinen Worten, vollkommen von der Spannung der Erzählung beherrscht. Die Erregung erreichte den höchsten Grad, als er sagte: ,,Und wie der Doktor mit dem Brett haute und Potter fiel, da sprang der Indianer-Joe mit dem Messer --"
Krach! -- Schnell wie der Blitz sprang der Indianer-Joe zum Fenster durch alle Zuschauer hindurch und war im Nu verschwunden!
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Tom war schon wieder ein strahlender Held -- der Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name gelangte sogar zu den Ehren der Druckerschwärze, denn das Blättchen des Dorfes verherrlichte ihn. Es gab sogar Leute, die in ihm den zukünftigen Präsidenten sahen, ausgenommen, wenn er vorher gehenkt werde.
Wie gewöhnlich, drückte die gedankenlose Welt jetzt Muff Potter an ihre Brust und überschüttete ihn mit Zärtlichkeiten, wie sie ihn bisher verlästert hatte. Aber diese Sinnesänderung spricht für die Welt; deswegen ist's besser, keine Glossen drüber zu machen.
Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Frohlockens, aber seine Nächte waren Zeiten des Schreckens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen Träumen und immer mit haßerfüllten Augen. Schwerlich hätte irgend etwas den Jungen veranlassen können, nach Anbruch der Nacht noch hinauszugehen. Der arme Huck befand sich gleichfalls im Zustand der Verzweiflung und Angst, denn Tom hatte in der Nacht vor der Gerichtsverhandlung dem Verteidiger alles gesagt, und Huck hatte gräßliche Angst, daß seine Beteiligung bei der Sache bekannt werden möchte, obwohl ihn des Indianers Flucht von der Qual befreit hatte, vor Gericht Zeugnis ablegen zu müssen. Der arme Bursche hatte vom Verteidiger das Versprechen des Schweigens erhalten, aber was war das? Seit Tom, durch sein beladenes Gewissen getrieben, in jener Nacht ins Haus des Verteidigers gegangen war und die schreckliche Geschichte, die doch mit den bindendsten, furchtbarsten Eiden in ihm verschlossen sein sollte, gebeichtet hatte, war Hucks Glauben an die menschliche Rasse nahezu vernichtet. Jeden Tag ließen Muff Potters Dankesbezeugungen Tom sich freuen, daß er gesprochen hatte, aber nachts wünschte er, das Geheimnis bewahrt zu haben. Manchmal fürchtete er, der Indianer-Joe möchte niemals gefunden werden, dann wieder zitterte er, _daß_ er gefunden werden könnte. Er fühlte nur zu sicher, daß er nicht mehr ruhig atmen könne, bis dieser Mensch tot sei und er seine Leiche gesehen habe.
Belohnungen waren ausgesetzt, das Land durchsucht, aber kein Joe gefunden. Eins jener geheimnisvollen, ehrfurchtgebietenden Wunder, ein Detektiv, kam von St. Louis herauf, schnüffelte herum, schüttelte den Kopf, tat sehr weise und hatte den überraschenden Erfolg, den Angehörige dieser Berufsklasse stets haben, das heißt, ,,er fand den Schlüssel". Aber man kann einen Schlüssel nicht als Mörder hängen und so, nachdem der Detektiv heimwärts gegangen war, fühlte sich Tom genau so unsicher wie vorher. Trübselig schlichen die Tage, aber jeder nahm ein klein wenig von seiner Besorgnis mit sich.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
In jedes normal veranlagten Jungen Leben kommt eine Zeit, wo er den rasenden Wunsch empfindet, irgendwo nach vergrabenen Schätzen zu suchen.
Dieser Wunsch überfiel Tom eines Tages ganz plötzlich. Er machte sich auf den Weg, um Joe Harper zu suchen, hatte aber keinen Erfolg. Dann suchte er Ben Rogers; der war zum Fischen gegangen. Plötzlich stieß er auf Huck Finn, den ,Bluthändigen'. Tom schleppte ihn an einen versteckten Ort und vertraute sich ihm an. Huck war sofort bereit. Huck war immer bereit, sich an einem Unternehmen zu beteiligen, das Zerstreuung versprach und kein Kapital verlangte, denn er hatte schrecklichen Überfluß von der Art Zeit, die _nicht_ Geld ist.
,,Wo wollen wir graben?" fragte Huck.
,,O -- halt überall."
,,Was, ist überall welches vergraben?"
,,Ach was, das nicht! 's ist an ganz besonderen Plätzen vergraben, Huck -- manchmal auf Inseln, manchmal in alten verfaulten Kisten, unter den Wurzeln eines abgestorbenen Baumes, grad' da, wohin der Schatten bei Mondschein fällt; besonders aber unter dem Fußboden in 'nem verfallenen Haus."
,,_Wer_ vergräbt's denn?"
,,Na, Räuber selbstverständlich -- was dachtst du denn? Sonntagsschul-Lehrer?"
,,Weiß nicht. Wenn's mir gehörte, ich würd's nicht vergraben. Ich würd's ausgeben und mir 'ne lustige Zeit machen."
,,Tät' ich auch. Aber Räuber tun's nicht, die vergraben's immer und lassen's liegen."
,,Kommen sie gar nicht mehr hin?"
,,Nein, -- sie denken wohl, sie _wollen_ wieder hinkommen, aber dann haben sie die Zeichen vergessen oder sind auch inzwischen gestorben. Manchmal liegt's 'ne lange, lange Zeit da und wird rostig. Und schließlich find' dann mal jemand so 'n altes vergilbtes Papier, da muß er über 'ne Woche drüber brüten, denn 's sind schwere Zeichen und Hieroglyphen drauf geschrieben."
,,Hiero -- was?"
,,Hieroglyphen -- Bilder und Zeug, weißt du, das gar nichts vorzustellen scheint."
,,Hast du schon mal so 'n Papier gehabt, Tom?"
,,Nee."
,,Na, wie willst du denn die Zeichen rauskriegen?"
,,Ach was, brauch' keine Zeichen. Sie vergraben's ja immer unter 'nem verfallnen Haus oder auf 'ner Insel oder unter 'nem abgestorbenen Baum, der 'ne Wurzel von sich streckt. Na, wir haben's ja schon mal mit der Jackson-Insel versucht und können ja leicht noch mal hingehn; und dann ist da das alte verfallne Haus auf dem Stillhaus-Hügel, und dann gibt's 'ne Menge Wurzeln von toten Bäumen -- massenhaft!"
,,Ist unter allen was?"
,,Was schwatzt du! Nee!"
,,Woher kannst du denn wissen, wohin wir gehen müssen?"
,,Na -- zu allen!"
,,Verflucht, Tom -- 's wird den ganzen Sommer dauern."
,,Na, was schad's? Denk', du findst 'nen Messingtopf, ganz rostig oder 'ne verfaulte Kiste voll Diamanten -- he?"
Hucks Augen glänzten.
,,Wär' grad' was für mich, Tom, wär' ganz extra was für mich! Ader die Diamanten nehm' ich nicht für hundert Dollars!"
,,Na, schon gut. Aber _ich_ würd' die Diamanten nicht verschmähn! Einige von ihnen sind zwanzig Dollar wert. Alle nicht -- aber auch die andern sind sechs Cent bis 'nen Dollar wert."
,,Nee -- ist das so?"
,,Sicher -- alle sagen's. Hast du nie einen gesehn, Huck?"
,,Nicht, daß ich wüßte."
,,O, Könige haben Haufen davon."
,,Na, ich kenn' aber keinen König, Tom!"
,,Denk' wohl, daß du keinen kennst. Aber, wenn du nach Europa gingst, würdst du 'ne Menge rumhüpfen sehn."
,,Hüpfen die?"
,,Hüpfen, du Schafskopf? Nee!"
,,Na -- warum _sagtest_ du denn, daß sie's täten?"
,,Nachtmütze! Meint' doch nur, du würdst sie _sehn_, -- nicht hüpfend natürlich -- warum sollten sie denn hüpfen? Meint' nur, du würdst sie sehn -- überall, verstehst du -- überall! Zum Beispiel beim alten buckligen Richard."
,,Richard? Wie ist sein anderer Name?"
,,Er _hat_ keinen anderen Namen -- Könige haben nur 'nen Vornamen."
,,Nicht?"
,,Aber nein -- sag' ich dir!"
,,Na, wenn's so ist, Tom, meinetwegen. Aber ich möcht' nicht König sein und nur 'nen Vornamen haben wie 'n Nigger. Aber, sag mal -- wo willst du zuerst graben?"
,,Weiß noch nicht. Denk' wir nehmen den abgestorbenen Baum auf dem Hügel hinter Stillhaus?"
,,Mir recht."
So trieben sie denn eine ausrangierte Hacke und eine Schaufel auf und machten sich auf den Weg von drei Meilen. Sie kamen heiß und erschöpft an und warfen sich im Schatten einer benachbarten Ulme nieder, um auszuruhen und ein bißchen zu rauchen.
,,So gefällts mir," meinte Tom.
,,Mein' ich auch."
,,Sag', Huck -- wenn wir hier 'nen Schatz finden, was machst du mit deiner Hälfte?"
,,Na, dann muß ich jeden Tag 'ne Pastete und 'n Glas Sodawasser haben, und dann geh' ich in jeden Zirkus, der herkommt. Soll 'ne famose Zeit werden!"
,,Na, und du willst gar nichts sparen?"
,,Sparen? Wozu?"
,,Nu, damit du später mal was zu leben hast!"
,,Ach, das ist ja Unsinn! Pap wird eines schönen Tags in dies liebliche Nest zurückkommen und seine Klauen drüber legen, wenn ich's noch nicht verbraucht hätt', und ich sag' dir, _er_ hätt's bald genug durchgebracht. Was willst du tun, Tom?"
,,Ich werd' mir 'ne neue Trommel kaufen und 'n richtiges Schwert und 'n rotes Halstuch, und 'ne junge Bulldogge -- und dann würd' ich heiraten."
,,Heiraten!!?"
,,Na ja!"
,,Tom, du -- na, wenn du nicht recht bei Verstand bist!"
,,Wart' nur -- wirst's ja sehn."
,,Na, das ist doch 's Dümmste, was du tun könntest. Sieh doch nur meinen Pap und seine Alte. Teufel -- was die sich prügeln! Weiß noch ganz gut!"
,,Das ist 'n anderes Ding. Das Mädchen, das ich heiraten will, prügelt sich nicht!"
,,Tom -- denk' doch, sie sind alle gleich! Wollen einen alle striegeln. Wirst nach 'ner Weile wohl vernünftiger drüber denken. Wie heißt denn 's Mädel?"
,,'s ist überhaupt kein _Mädel_ -- 's ist 'n _Mädchen_!"
,,Denk' doch, 's ist alles eins; die einen sagen Mädel, die anderen Mädchen -- 's ist ganz gleich. Aber wie heißt sie denn, Tom?"
,,'n andermal, sag' ich's dir, Huck -- jetzt nicht."
,,Na -- 's auch recht. Aber wenn du heiratest, werd' ich noch einsamer sein."
,,Unsinn, Huck, du kommst zu mir und wohnst hier. -- Na, genug davon, wollen wir anfangen, zu graben?"
Sie arbeiteten und schwitzten eine halbe Stunde hindurch. Kein Resultat. Sie mühten sich noch eine halbe Stunde. Noch kein Erfolg.
Huck meinte: ,,Graben sie immer so tief?"
,,Manchmal -- nicht immer. Denk, wir haben nicht die rechte Stelle erwischt." Sie wählten eine andere Stelle und begannen nochmals. Die Arbeit stockte diesmal ein bißchen, aber sie kamen doch vorwärts. Wieder gruben sie stillschweigend eine Zeitlang. Schließlich lehnte sich Huck auf seine Schaufel, wischte den Schweiß von seiner Stirn und sagte: ,,Wo woll'n wir graben, wenn wir hier fertig sind?"
,,Denk', wir woll'n den alten Baum über Cardiff Hill -- hinter dem Haus der Witwe nehmen."
,,Glaub's auch, daß dort was ist. Aber, wenn's die Witwe uns fortnimmt, Tom? 's ist _ihr_ Land."
,,Sie wegnehmen! Soll sie's doch nur versuchen! Wenn einer so 'nen vergrabenen Schatz findet, gehört er ihm. Ich mach' keinen Unterschied, wem das Land grad' gehört."
Das war beruhigend. Die Arbeit wurde fortgesetzt. Dann sagte Huck wieder:
,,Verdammt -- wir müssen wieder an 'nem falschen Platz sein. Was meinst du?"
,,'s ist wirklich sonderbar, Huck. Versteh's nicht. Manchmal stören's die Hexen. Denk' 's wird _das_ sein, was uns hier stört."
,,Unsinn, Hexen haben tags keine Macht!"
,,Na ja, 's ist wahr! Dachte nicht dran. Halt -- jetzt weiß ich, wie's ist! Was für verdammt große Schafsköpfe wir sind! Man muß ja doch erst wissen, wohin der Schatten bei Mondschein fällt, und _da_ muß man dann graben!"
,,Na ja, dann glaub' ich's, daß wir all die Arbeit umsonst gemacht haben. Jetzt hol's der Teufel alles, müssen halt zur Nachtzeit wiederkommen. 's ist 'n verteufelt weiter Weg. Kannst du fortkommen?"
,,Werd's schon machen. Diese Nacht woll'n wir's also machen, denn wenn jemand diese Gruben da sieht, weiß er doch gleich, was da los ist und gräbt's selbst aus."
,,'s ist gut, ich werd' nachts kommen und miauen."
,,Recht -- aber jetzt wollen wir noch das Werkzeug in den Büschen verstecken."
Nachts, zur verabredeten Stunde waren die Jungen wieder da. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer Platz und eine durch lange Tradition unheimlich gewordene Stunde. Geister wisperten im raschelnden Laub. Geister spukten in allen Ecken, das klagende Heulen eines Hundes tönte aus einiger Entfernung herüber, eine Eule antwortete mit Grabesstimme. Die Jungen fühlten sich von ihrer unheimlichen Umgebung bedrückt und sprachen nur mit leiser Stimme. Schließlich nahmen sie an, es möchte zwölf Uhr sein; sie bezeichneten die Stelle, wohin der Schatten fiel und begannen zu graben. Ihre Hoffnung wuchs; das Interesse wurde lebhafter, und ihr Fleiß hielt gleichen Schritt. Das Loch wurde tiefer und tiefer, aber so oft ihre Herzen zu klopfen begannen, wenn ein scharfer Ton von unten hervordrang, erfuhren sie eine neue Enttäuschung. Jedesmal war's nur ein Stein oder Holzstrunk. Schließlich sagte Tom: ,,'s ist nicht richtig. Huck, wir haben's wieder verfehlt!"
,,Unsinn, wir _können_ 's nicht verfehlt haben. Wir haben doch den Schatten zu genau getroffen."
,,Ja, ich weiß, aber vielleicht ist sonst was schuld."
,,Was denn?"
,,Wir haben die Zeit bloß abgeschätzt. Leicht genug war's später oder früher."
Huck ließ die Schaufel sinken. ,,Das ist's." sagte er. ,,Das ist's, was uns gestört hat. Wir müssen's aufgeben. Wir können doch nicht immer die rechte Zeit abpassen, und dann, das Ding hier ist zu unheimlich, hier diese Nachtzeit mit Geistern und Gespenstern, die um einen rumfliegen. Ich bild' mir immer ein, 's ist wer hinter mir, und hab' doch Angst, mich umzusehn, denn 's könnten auch welche vor mir sein und nur auf 'ne Gelegenheit warten. So lang' ich hier bin, läuft's mir kalt über."
,,Na, mir ist's nicht viel besser gegangen, Huck. Meistens haben sie 'nen toten Mann begraben, wo sie ihre Schätze hintun, der muß drauf achthaben."
,,Herr Gott!"
,,Ja, 's ist so. Hab' immer so sagen gehört."
,,Tom, möcht mir doch nicht viel zu schaffen machen, wo 'n Toter liegt. So 'n toter Schädel könnt' einem doch höllisch Angst machen."
,,Möcht' keinen aufstöbern, Huck. Zu denken, daß hier plötzlich einer den Kopf rausstreckt und anfängt, zu sprechen."
,,Still, Tom -- 's ist schrecklich!"
,,Na, das ist's gewiß, Huck. Würd' mich auch nicht gemütlich dabei fühlen!"
,,Du, Tom, komm, wollen's hier sein lassen, und 's wo anders versuchen."
,,Ja, ich denk' auch, 's wird besser sein."
,,Wo denn?"
Tom dachte eine Weile nach und sagte: ,,Das Beinhaus -- das ist's."
,,Teufel! Beinhäuser lieb' ich gar nicht, Tom! Da sind Gespenster, und die sind noch schlimmer als Tote. Tote können vielleicht mal 'n bißchen schwatzen, aber sie fahren nicht herum und kommen nicht 'rangeschlichen, wenn man nicht dran denkt und gucken einem nicht plötzlich über die Schulter und knirschen nicht mit den Zähnen, wie Gespenster tun. Ich könnt's nicht ertragen, Tom -- niemand könnt's."
,,Ja; aber, Huck, Geister dürfen nur nachts herumhuschen -- bei Tage können sie uns nicht hindern, da zu graben."
,,Ja, das ist wohl so. -- Aber du weißt wohl, daß überhaupt niemand gern in die Nähe vom Beinhaus geht -- weder bei Tag noch bei Nacht."
,,Na, 's ist aber doch nur, weil sie nicht hingehen mögen, wo mal einer gemordet worden ist. Aber 's hat doch nie jemand was Verdächtiges im Beinhaus gesehn -- nur 'n bißchen blaues Licht im Fenster -- keine Geister."