Chapter 11
In der Schule machten die Kinder so viel aus ihm und Joe, und zeigten ihnen so wortreiche Bewunderung, daß es gar nicht lange dauerte, bis die beiden Helden ganz unleidlich aufgeblasen wurden. Sie fingen an, ihre Abenteuer ihren hungrigen Zuhörern zu erzählen -- aber sie fingen immer nur an; die Geschichten konnten auch kein Ende haben bei einer an ausschmückenden Abschweifungen so fruchtbaren Phantasie als die ihrige war. Und schließlich, als sie ihre Pfeifen herauszogen und nachlässig anfingen, zu rauchen, war der höchste Gipfel des Ruhmes erreicht.
Tom nahm sich vor, in Zukunft sich nicht mehr um Becky Thatcher zu kümmern. Ruhm war ihm genug. Er wollte nur für den Ruhm leben. Nun er eine hervorragende Persönlichkeit war, würde sie wohl versuchen, wieder ,,anzubinden". Na, mochte sie -- sie sollte sehen, daß er ebenso unempfänglich sein konnte wie andere Leute. Grade kam sie daher. Tom stellte sich, als sehe er sie nicht. Er ging fort und gesellte sich zu einer anderen Gruppe Buben und Mädchen und begann zu erzählen. Bald merkte er, daß sie aufgeregt, mit glühenden Backen und glänzenden Augen, umhertrippelte und sich stellte, als denke sie an gar nicht anderes, als sich mit anderen Schulmädchen herumzuschubsen und ein lautes Gelächter auszustoßen, wenn sie eine erwischt hatte; aber er merkte auch, daß sie ihre Gefangenen immer in seiner Nähe machte, und daß sie dann stets verstohlen zu ihm hinüberschielte. Das schmeichelte der lasterhaften Eitelkeit in ihm, und statt daß es ihn getrieben hätte, wieder einzulenken, machte es ihn nur noch arroganter und ließ ihn noch geflissentlicher eine Miene aufsetzen, als wisse er gar nichts von ihrer Anwesenheit. Plötzlich gab sie ihr Umhertollen auf, strich unentschlossen herum, seufzte ein paarmal und suchte Tom verstohlen und sehnsuchtsvoll mit den Augen. Dann entdeckte sie, wie angelegentlich Tom mit Amy Lawrence plauderte. Sie empfand einen stechenden Schmerz und wurde auf einmal zerstreut und unsicher. Sie nahm sich vor, davonzugehen, aber ihre Füße trugen sie, ihrem Vorsatz zum Trotz, wieder zu der Gruppe hin. Sie sagte zu einem Mädchen, unmittelbar neben Tom -- mit erzwungener Ausgelassenheit: ,,Du, Mary Austin! Du böses Mädel, warum kamst du gestern nicht zur Sonntagsschule?"
,,Ich war doch da -- hast du mich denn nicht gesehen?"
,,Aber, nein! Warst du da? Wo saßest du denn?"
,,In Miß Peters ihrer Klasse, wo ich immer sitze. Ich hab' _dich_ gesehen."
,,So, wirklich? Na, 's ist doch närrisch, daß _ich dich_ nicht gesehen hab'. Ich wollt' dir doch von dem Picknick sagen."
,,O, das ist famos! Wer will eins geben?"
,,Meine Mama läßt _mich_ eins geben."
,,Ach, wie reizend! Hoff doch, daß ich auch kommen darf?"
,,Na, natürlich, 's ist doch _mein_ Picknick. 's kann jeder kommen, den ich will -- und _dich_ will ich."
,,Das ist mal nett. Wann ist's denn?"
,,Na -- bald. So um die Ferien 'rum."
,,Das wird mal 'n Spaß! Hast du alle Knaben und Mädchen eingeladen?"
,,Ja, alle, die meine Freunde sind -- oder sein wollen," und sie schielte wieder so verstohlen nach Tom; aber er erzählte grade Amy Lawrence von dem schrecklichen Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große Sykomore traf, ,,_ganz_ dicht bei mir, keine drei Schritt davon."
,,Du, darf ich auch kommen?" fragte Gracie Miller.
,,Und ich?" Sally Rogers.
,,Und ich auch?" Susy Harper. ,,Und Joe?"
,,Ja."
Und so immer weiter mit freudigem Händeklatschen, bis alle in der Gruppe sich ihre Einladung geholt hatten bis auf Tom und Amy. Dann wandte sich Tom kalt ab, immer noch erzählend, und zog Amy mit sich fort. Beckys Lippen zitterten, und die Tränen traten ihr in die Augen. Sie unterdrückte diese verräterischen Zeichen mit forzierter Heiterkeit und fing an zu plappern, aber das Vergnügen am Picknick war zu Ende, und auch aus allem anderen machte sie sich nun nichts mehr. Sobald es ging, lief sie davon, versteckte sich und befreite sich nach der Art ihres Geschlechts durch Tränen von ihrem Kummer. Dann saß sie verdrießlich, mit beleidigter Miene da, bis die Glocke erklang. Mit rachsüchtigem Ausdruck in den Augen sprang sie auf, gab ihren dicken Zöpfen einen tüchtigen Schubs und dachte, sie wisse jetzt schon, was sie zu tun habe.
In der Ecke setzte Tom seine Schäkerei mit Amy mit jubelnder Selbstzufriedenheit fort. Und er brannte darauf, Becky zu finden und sie mit seiner Überlegenheit zu foltern. Schließlich entdeckte er sie, aber das Herz fiel ihm plötzlich in die Hosen. Sie saß auf einem Bänkchen hinterm Schulhaus ganz gemütlich, mit Alfred Temple, in ein Bilderbuch schauend. Und so vertieft waren beide, und ihre Köpfe steckten über dem Buch so dicht zusammen, daß sie gar nichts um sich her wahrzunehmen schienen. Eifersucht rann glühend heiß durch Toms Adern. Er begann, sich selbst zu hassen, weil er die Gelegenheit zur Versöhnung, die ihm Becky geboten, nicht benützt hatte. Er nannte sich selbst einen Narren und gab sich alle Ehrentitel, die ihm gerade einfallen wollten. Er hätte schreien mögen vor Wut. Amy schwatzte ganz vergnügt weiter, indem sie auf und ab gingen, denn ihr Herz war voll Seligkeit, aber Toms Zunge schien gelähmt zu sein. Er hörte gar nicht, was Amy sagte, und so oft sie eine Pause machte, um seine Antwort abzuwarten, konnte er nur irgend eine tölpelhafte Bemerkung hervorstammeln, die möglichst oft ganz falsch angebracht war. Immer wieder suchte er nach der Hinterseite des Schulhauses zu gelangen, um sich an dem verhaßten Anblick zu weiden. Er konnte nicht anders. Und es folterte ihn, zu sehen, wie Becky Thatcher gar nicht zu wissen schien, daß er auch noch im Lande oder überhaupt unter den Lebenden weile. Indessen sah sie ihn sehr wohl; und sie war sich ihres Sieges sehr wohl bewußt und sah ihn mit Wollust ebenso leiden, wie sie vorher gelitten hatte.
Amys Glück fing an, unerträglich zu werden. Tom schützte allerlei Angelegenheiten, die er zu erledigen hatte, vor. Er _mußte_ fort, und die Zeit verrann. Aber vergeblich -- das Mädel ließ nicht locker. Tom dachte: O, hol sie der Teufel -- soll ich sie nie los werden? Schließlich mußte er aber _wirklich_ seine Angelegenheiten besorgen; sie gab ihm arglos das Versprechen, nach der Schule ihm ,,auflauern" zu wollen. Und er rannte davon, sie dafür verwünschend.
,,Jeder andere Junge!" dachte Tom, mit den Zähnen knirschend, ,,jeder andere im ganzen Dorf, nur nicht dieser Heilige, der denkt, weil er sich fein anzieht, ist er 'n Vornehmer. Na, wart' nur! Hab' ich dich am ersten Tag, wo du hier warst, geprügelt, mein Kerlchen, werd' ich's jetzt ja wohl auch noch können! Wart' nur, bis ich dich mal tüchtig beim Kragen nehm'! Möcht's gleich tun am liebsten, und --"
Und mit wahrer Wonne prügelte er 'nen imaginären Jungen durch -- in der Luft herumfuchtelnd, stoßend und puffend.
,,Na, wird's -- wird's? Wirst du bald ,genug' sagen? So, nu merk's dir für 'n andermal!"
So war der Kampf bald zu seiner Zufriedenheit beendigt.
Tom rannte mittags heim. Sein Gewissen ertrug's nicht, nochmals Amys dankbare Glückseligkeit anzusehen, und seine Eifersucht erlaubte keine andere Zerstreuung. Becky setzte ihr Bilder-Besehen mit Alfred fort, aber als sich Minute an Minute reihte und kein Tom kam, um sich quälen zu lassen, begann ihr Triumphgefühl sich abzukühlen, und sie verlor das Interesse; Unaufmerksamkeit und Geistesabwesenheit folgten, und dann Melancholie. Ein paarmal fing sie mit dem Gehör Fußtritte auf, aber es war jedesmal vergebliches Hoffen; kein Tom kam. Schließlich wurde ihr ganz elend zumute, und sie wünschte, sie hätte die Sache nicht so weit getrieben. Als der arme Alfred bemerkte, daß sie ihm entschlüpfte, nicht wußte, wie, und fortwährend krampfhaft schrie: ,,O, hier ist 'n famoses! Schau dies mal an!" verlor sie schließlich die Geduld und sagte: ,,Ach was, quäl' mich nicht! Hab' keine Lust mehr dazu!" brach in Tränen aus, sprang auf und rannte davon.
Alfred trottete nebenher und wollte sie trösten und beruhigen, aber sie sagte:
,,Mach, daß du dich fortscherst und laß mich allein, willst du? Ich mag dich gar nicht!"
So blieb der Junge denn zurück, sich wundernd, was er verbrochen haben könne -- denn sie hatte ihm doch versprochen, den ganzen Nachmittag Bilder zu besehen -- und sie rannte heulend davon. Dann kehrte Alfred betrübt ins Schulhaus zurück. Er fühlte sich gedemütigt und beleidigt. Er fand aber sehr leicht die Wahrheit heraus -- das Mädel hatte ganz einfach ihr Spiel mit ihm getrieben, nur um ihren Zorn an Tom Sawyer auszulassen. Er haßte Tom durchaus nicht weniger, als dieser Gedanke in ihm aufstieg. Nichts wünschte er mehr, als auf irgend eine Weise diesem Jungen was einzubrocken, ohne selbst was zu riskieren. Toms Rechtschreibebuch fiel ihm in die Augen. Die Gelegenheit war günstig. Dankbar öffnete er es bei der Lektion für den Nachmittag und goß Tinte über die Seite. Becky, einen Augenblick hinter ihm durchs Fenster schauend, sah es und drückte sich davon, ohne sich zu verraten.
Sie lief nach Haus, in der Absicht, Tom zu suchen und ihm alles zu sagen. Tom würde ihr dankbar sein und aller Zank wäre damit zu Ende. Bevor sie aber den halben Weg zurückgelegt hatte, war sie anderen Sinnes geworden. Der Gedanke daran, wie sie Tom behandelt hatte, als sie von ihrem Picknick sprach, kam wieder brennend über sie und erfüllte sie mit Scham.
Sie beschloß, ihn in der Sache mit dem beschmutzten Buch ruhig in der Patsche stecken zu lassen und ihn obendrein für immer und ewig zu hassen.
Zwanzigstes Kapitel.
Tom langte in verdrießlichster Laune zu Hause an, und das erste Wort, das Tante Polly an ihn richtete, zeigte ihm, daß er seinen Kummer an einen sehr wenig versprechenden Ort getragen habe.
,,Tom, ich möchte dir doch gleich die Haut über die Ohren ziehn!"
,,Tantchen, was hab' ich denn getan?"
,,Na, du hast genug getan. Da geh' ich altes, einfältiges Weib zur Harper hinüber und denk', ich will sie an all den Unsinn vom Träumen glauben machen, und siehe da -- sie hat von Joe herausbekommen, daß du 'rüber gekommen bist und hast alles gehört, was wir in der Nacht gesprochen haben. Tom, ich weiß nicht, was aus 'nem Jungen werden soll, der sich so benimmt. 's macht mich so traurig, zu denken, daß du mich ruhig zur Harper gehen ließt und so 'ne Närrin aus mir machen konntest -- ohne 'n Wort zu sagen."
Das war nun 'ne neue Ansicht von der Sache. Seine Gerissenheit von heut morgen war Tom als famoser Witz und äußerst genial erschienen. Jetzt erschien sie ihm höchst mittelmäßig und schäbig. Er ließ den Kopf hängen und wußte in diesem Augenblick nicht, was sagen. Dann sagte er schüchtern:
,,Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht getan -- aber ich dachte nicht dran."
,,Ach, Kind, du denkst eben nie. Du denkst an nichts als dein eigenes Pläsier. Daran hast du gedacht, den weiten Weg von Jacksons Insel herüber bei Nacht und Nebel zu machen, um über unsern Kummer zu lachen, und hast dran gedacht, mich mit 'ner Lüge von dem Traum zu betrügen, aber _daran_ hast du nicht gedacht, Mitleid zu haben und uns vor Sorge zu bewahren."
,,Tantchen, ich weiß jetzt, 's war gemein, aber 's war ja nicht meine Absicht, gemein zu sein; auf Ehre, das war's nicht! Und dann -- ich bin _nicht_ rüber gekommen, um über euch zu lachen!"
,,Warum also bist du gekommen?"
,,'s war, um dir zu sagen, daß du dir keine Sorge zu machen brauchst, weil wir davongelaufen waren."
,,Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Frau auf der Welt, wenn ich dran glauben könnte, daß du daran gedacht hast, aber du weißt, du tatst es _nicht_, und ich weiß es _auch_, Tom."
,,Aber, gewiß -- ganz gewiß, 's war so, Tantchen -- ich will mich nicht mehr rühren können, wenn's nicht so ist!"
,,Ach, Tom, lüg' nicht -- tu's nicht! Das macht die Sache nur hundertmal schlimmer."
,,Ich hab' aber nicht gelogen, Tante. 's ist die Wahrheit! Ich wollt' dir den Kummer ersparen -- das allein war's, was mich nach Hause trieb."
,,Die ganze Welt würd' ich drum geben, könnt' ich's glauben! 'nen ganzen Haufen Dummheiten würd' ich dir dafür vergessen, Tom. 's war schlimm genug, daß du fortliefst und so schlecht handeltest. Aber, 's ist begreiflich. Aber warum _sagtest_ du mir's nicht, Tom?"
,,Warum? Na -- sieh, Tante, als ihr anfingt, vom Trauergottesdienst zu sprechen, kam mir auf einmal die Idee, 'rüber zu kommen und mich in der Kirche zu verstecken und da bracht' ich's nicht fertig, mir das selbst zu verderben. So steckt' ich die Rinde wieder in die Tasche und hielt den Mund."
,,Was für 'ne Rinde?"
,,Die Rinde, worauf ich geschrieben hatte, daß wir Piraten geworden seien. Jetzt wollt' ich nur, du wärst aufgewacht, als ich dich küßte -- auf Ehre, ich wollt's!"
Das strenge Gesicht Tante Pollys hellte sich auf und Zärtlichkeit zitterte in ihrer Stimme: ,,_Hast_ du mich geküsst, Tom?"
,,Freilich hab' ich's getan."
,,Weißt du's gewiß, daß du's tatst?"
,,Aber ja, ich tat's, Tantchen -- ganz gewiß!"
,,Warum küßtest du mich, Tom?"
,,Weil ich dich lieb hab', und du im Schlafen seufztest und ich so traurig war."
Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht verbergen, als sie sagte: ,,Küß mich noch mal, Tom! -- Und jetzt fort mit dir zur Schule, und ärgere mich nicht wieder."
Sobald er fort war, rannte sie zum Wandschrank und riß die Ruine der Jacke heraus, in der Tom unter die Piraten gegangen war. Dann hielt sie wieder inne und sagte zu sich: ,,Nein, ich tu's nicht. Armer Junge -- ich denke, du hast's gelogen -- aber 's ist 'ne gesegnete, gesegnete Lüge, 's ist was Treuherziges drin. Ich hoffe, der Herr -- ich _weiß_, der Herr wird ihm vergeben, denn 's war doch gutherzig von ihm, das zu sagen. Aber, ich will gar nicht wissen, _daß_ es 'ne Lüge ist. Ich _will_ nicht nachsehn."
Sie tat die Jacke wieder fort und stand eine Minute unentschlossen. Zum zweitenmal streckte sie die Hand aus nach dem Kleidungsstück, und zum zweitenmal zog sie sie zurück. Und nochmals griff sie danach, und diesmal ermutigte sie sich selbst mit dem Gedanken: ,,'s ist 'ne gute Lüge -- 's ist 'ne gute Lüge -- ich will mich nicht dadurch kränken lassen." So griff sie in die Tasche der Jacke. Einen Moment später las sie unter Tränen Toms Schriftstück und schluchzte: ,,Jetzt könnt' ich dem Jungen vergeben, und wenn er 'ne Million dummer Streiche gemacht hätte."
Einundzwanzigstes Kapitel.
Es war etwas in Tante Pollys Art, als sie Tom küßte, das seinen betrübten Geist wieder aufrichtete und ihn wieder leichtherzig und glücklich machte. Er rannte zur Schule und hatte das Glück, auf Becky Thatcher zu stoßen. Seine Stimmung wechselte beständig. Ohne einen Augenblick der Überlegung rannte er auf sie zu und sagte: ,,Hab' mich heut morgen ganz gemein benommen, Becky, und jetzt bin ich so traurig drüber. Ich will nie, nie wieder so was tun, so lang' ich leb' -- willst du jetzt wieder gut sein?"
Das Mädchen blieb stehen und schaute ihn verächtlich an: ,,Ich würd' dir dankbar sein, wenn du dich um dich selbst kümmern würdst, _Herr_ Thomas Sawyer! Ich werd' _nie_ wieder mit dir sprechen."
Sie hob stolz den Kopf und spazierte davon. Tom war so verblüfft, daß er nicht mal Geistesgegenwart genug hatte, zu sagen: ,,Wie's beliebt, Jungfer Naseweis," bis der rechte Augenblick vorüber war. So sagte er gar nichts.
Aber er war nichtsdestoweniger in heller Wut. Er rannte auf den Schulhof, wünschend, sie wär 'n Junge, und sich vorstellend, wie er sie durchprügeln wollte, _wenn_ sie einer wär. Er suchte ihr zu begegnen, und als sie vorbeikam, schleuderte er ihr eine bissige Bemerkung zu. Sie gab sie ihm zurück, und der traurige Bruch war vollständig. Becky glaubte, in ihrem Haß kaum abwarten zu können, bis die Schule begönne, so ungeduldig war sie, Tom seine Prügel für das besudelte Buch bekommen zu sehen. Wenn sie noch ein bißchen gezweifelt hatte, ob sie Alfred Temple anzeigen solle, hatte Toms beleidigendes Benehmen diese Zweifel endgültig beseitigt.
Armes Mädchen, sie wußte nicht, wie nahe sie selbst solchem Unglück sei. Der Lehrer, Mr. Dobbins, hegte trotz seiner mittleren Jahre noch unbefriedigten Ehrgeiz. Sein Lieblingswunsch war gewesen, Doktor zu werden, aber Armut hatte entschieden, daß er nichts weiter werden solle als ein Dorfschulmeister. Täglich zog er ein geheimnisvolles Buch aus seinem Pult und vertiefte sich darin, wenn gerade keine der Klassen aufsagte. Er hielt das Buch unter sicherem Verschluß. Nicht ein Bengel war in der Schule, der nicht darauf gebrannt hätte, einen Blick hineinzuwerfen, aber es bot sich niemals eine Gelegenheit. Alle Buben und Mädel hatten ihre eigene Ansicht über den Inhalt des Buches; aber nicht zwei Ansichten stimmten überein, und es gab kein Mittel, diese Streitfrage zu entscheiden. Jetzt, als Becky am Pult vorbeikam, das nahe der Tür stand, sah sie, daß der Schlüssel steckte. 's war ein wundervoller Moment. Sie schaute um sich, sah sich allein und im nächsten Augenblick hielt sie das Buch in der Hand. Das Titelblatt -- ,,Anatomie von Professor Irgendwer" -- brachte ihr keine Aufklärung. So begann sie die Blätter umzuwenden. Plötzlich stieß sie auf eine hübsche gestochene und übermalte Abbildung -- eine menschliche Figur. In dem Augenblick fiel ein Schatten aufs Papier, und Tom kam ins Zimmer gerannt und gewahrte ein Eckchen der Abbildung. Becky hielt das Buch rasch beiseite, wollte es zumachen und hatte das Unglück, das Bild bis fast zur Mitte durchzureißen. Sie warf das Buch ins Pult, drehte den Schlüssel um und rannte davon, vor Wut und Schrecken schreiend: ,,Tom Sawyer, du bist doch so gemein wie nur möglich, jemand so zu erschrecken und zu sehen, was man da grad hat!"
,,Aber, wie konnt' ich denn wissen, _daß_ du da was besehen hast?"
,,Du solltest dich vor dir selbst schämen, Tom Sawyer! Du weißt wohl, daß du mir aufgepaßt hast! Ach Gott, was soll ich tun, was soll ich tun! Ich werd' geprügelt, und ich bin noch _nie -- mals_ geprügelt worden in der Schule --" Dann stampfte sie mit ihrem kleinen Fuß und heulte: ,,Sei so gemein, wenn du willst! Ich weiß auch was, was _du_ kriegst! Wart nur, wirst's schon sehn! Scheußlich!" Und sie rannte aus der Tür, unter einer neuen Flut von Tränen.
Tom stand still, ganz erstaunt über diesen Ausbruch. Dann sagte er zu sich: ,,Was für 'n sonderbares Stück von 'ner Närrin so 'n Mädel ist. Niemals geprügelt in der Schule! Gott, was sind Prügel! Das ist recht so 'n Mädel -- alle sind sie dünnhäutig und schwachherzig. Na, ich werd' nicht hingehn und diese Närrin beim alten Dobbins verklatschen, aber 's kommt auf irgend 'ne andere Art ja doch raus; na, was geht's mich an? Der alte Dobbins wird fragen, wer das Buch zerrissen hat. 's wird's niemand sagen. Dann fragt er der Reihe nach, wie er's immer tut -- fragt die erste und dann so weiter, und dann, wenn er ans rechte Mädel kommt, weiß er's, ohne daß sie's sagt. Die Mädel verraten sich ja immer! Sie haben auch gar keinen Schneid. Sie verrät sich gleich. Na, 's ist 'ne nette Patsche für Becky Thatcher, 's gibt kein Mittel, da raus zu kommen." Tom dachte noch einen Augenblick darüber nach und fügte dann hinzu: ,,Na, meinetwegen; 's wird ihr Spaß machen, mich in so 'ner Patsche stecken zu sehn -- mag sie's auch mal ausbaden!"
Tom begab sich wieder zu der Gesellschaft spektakelnder Jungen draußen. Bald kam der Lehrer und die Schule begann. Tom fühlte kein besonderes Interesse fürs Studium. Fortwährend schielte er auf die Mädchenseite, Beckys Gesicht störte ihn. Alles in allem, fühlte er kein Mitleid mit ihr und dann konnte er ihr ja auch nicht helfen. Aber er konnte auch keine rechte Schadenfreude, die diesen Namen wirklich verdient hätte, auftreiben.
Plötzlich wurden die Tintenkleckse in seinem Buche entdeckt, und jetzt war sein Geist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Becky fuhr aus ihrer Zerstreutheit auf und verfolgte mit großem Interesse die weitere Entwickelung. Sie glaubte nicht, daß sich Tom herausreden könne, und sie hatte recht. Das Leugnen schien die Sache für Tom nur schlimmer zu machen. Becky bemühte sich nach Kräften, sich drüber zu freuen, und versuchte auch, zu glauben, _daß_ sie sich drüber freue, aber sie fand, daß es doch nicht so ganz gewiß sei. Als die Situation ganz kritisch wurde, fühlte sie die Versuchung, aufzuspringen und Alfred Temple anzuzeigen, aber sie machte eine Anstrengung und bezwang sich, zu schweigen, denn, sagte sie zu sich: ,,Er wird mich mit dem Bild anzeigen, ganz gewiß. Ich würd' kein Wort sagen, und könnt' ich sein Leben retten."
Tom nahm seine Prügel in Empfang und ging auf seinen Platz zurück, nicht so ganz mit gebrochenem Herzen, denn er sagte sich, es wäre möglich, daß er selbst die Tinte über das Buch gegossen habe, ohne es zu wissen -- in Gedanken; geleugnet hatte er nur der Form wegen und weil's mal so Sitte war, und beim Leugnen geblieben war er aus Prinzip.
Eine ganze Stunde schlich herum; der Lehrer saß nickend auf seinem Thron, die Luft wurde nur von dem Gemurmel der Lernenden bewegt. Allmählich richtete sich Mr. Dobbins auf, gähnte, schaute in seinem Reiche umher und griff nach seinem Buch, schien aber unentschlossen, ob er es herausnehmen oder liegen lassen solle. Die meisten Augen leuchteten schwach auf, aber zwei waren unter den Kindern, welche alle seine Bewegungen mit Interesse verfolgten. Mr. Dobbins fingerte ein paar Augenblicke in Gedanken am Buche herum, dann nahm er's heraus und setzte sich im Stuhl zurecht, um zu lesen.
Tom schielte auf Becky. Er fing einen suchenden, hilflosen, furchtsamen Blick auf, der wie eine Kugel sein Herz durchbohrte. Sofort vergaß er seinen Streit mit ihr. Ruhig -- etwas mußte geschehen! und zwar sofort geschehen! Aber seine Tatkraft wurde durch die Unmittelbarkeit der Gefahr gelähmt. Gott -- er hatte eine Idee! Er wollte hinstürzen, das Buch ergreifen, aus der Tür rennen und fort! Aber er zauderte einen einzigen Moment, und die Gelegenheit war vorbei -- der Lehrer öffnete das Buch. Hätte Tom doch die Gelegenheit nochmals zurückrufen können! Zu spät -- er wußte, für Becky gab's keine Rettung mehr! Im nächsten Augenblick hatte der Lehrer das Verbrechen entdeckt. Jedes Auge senkte sich unter seinem starren Blick. Es lag etwas darin, was auch den Unschuldigsten mit Furcht erfüllte. Stillschweigen herrschte, daß man hätte bis wenigstens zehn zählen können. Der Lehrer wurde beständig zorniger. Nun fragte er: ,,Wer zerriß dieses Buch?"
Kein Ton. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Das Stillschweigen dauerte fort. Der Lehrer prüfte ein Gesicht nach dem anderen auf etwaiges Schuldbewußtsein hin.
,,Benjamin Rogers, zerrissest du dieses Buch?"
Kopfschütteln. Neue Pause.
,,Josef Harper, tatest du es?"
Wiederum Kopfschütteln. Toms Unruhe wurde größer und größer unter der langsamen Tortur dieses Vorgehens. Der Lehrer betrachtete prüfend die Bänke der Knaben eine Weile, dann wandte er sich zu den Mädchen:
,,Amy Lawrence?"
Kopfschütteln.
,,Gracie Miller?"
Dasselbe Zeichen.
,,Susan Harper, tatest du dies?"
Wiederum Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky Thatcher. Tom zitterte von Kopf bis zu Fuß vor Aufregung und dem Gefühl der Machtlosigkeit.
,,Rebekka Thatcher" -- (Tom schielte auf ihr Gesicht, es war weiß vor Schreck) -- ,,zerrissest du -- nein, sieh mir ins Gesicht" -- (ihre Hände erhoben sich bittend) ,,zerrissest du dieses Buch?"
Ein Gedanke schoß gleich einer Erleuchtung durch Toms Hirn. Er sprang auf die Füße und rief: ,,_Ich_ tat's! --"