Chapter 10
Ungefähr um Mitternacht erwachte Joe und rief die Jungen an. Drückende Schwüle lag in der Luft, das hatte etwas zu bedeuten. Die Jungen drückten sich aneinander und suchten die freundliche Gesellschaft des Feuers, obwohl die matte, tote Hitze der reglosen Atmosphäre erstickend war. Sie saßen still, horchend und wartend. Jenseits des Lichtschimmers ging alles in der Schwärze der Finsternis auf. Plötzlich fuhr ein zitternder Blitzstrahl herunter, der auf einen Augenblick die Umgebung erleuchtete und dann wieder schwand. Nach kurzer Zeit kam wieder einer, etwas schwächer. Dann noch einer. Darauf ging ein leises Zittern durch die Bäume des Waldes, und die Knaben empfanden eine kurze Kühlung im Gesicht und zitterten bei dem Gedanken, daß der Geist der Nacht an ihnen vorübergegangen sei. Dann eine Pause. Und dann verwandelte ein zauberhafter Blitzstrahl die Nacht in den Tag und zeigte jeden einzelnen Grashalm, der um ihre Füße herum wuchs. Und außerdem zeigte er drei weiße entsetzte Gesichter. Ein schwerer Donnerschlag kam rollend und polternd vom Himmel herunter und verlor sich in der Ferne in dumpfem Grollen. Ein kühler Lufthauch machte sich fühlbar, in den Blättern raschelnd und die aufgehäufte Asche über den Feuerherd wirbelnd. Ein neuer blendender Schein erhellte den Wald, und ein Krach folgte, der die Baumwipfel über den Häuptern der Kinder zu zerreißen schien. Sie fuhren erschreckt zusammen bei der vollkommenen Finsternis, die darauf folgte. Ein paar schwere Regentropfen fielen klatschend auf die Blätter.
,,Schnell, Jungens, zum Zelt," schrie Tom.
Sie rannten davon, über Wurzeln stolpernd und sich in Schlinggewächse verwickelnd -- nicht zwei von ihnen in gleicher Richtung. Ein furchtbarer Windstoß fuhr durch die Wipfel, jeden Laut verschlingend. Ein blendender Blitz folgte dem anderen, ein krachender Donnerschlag dem anderen. Und jetzt prasselte durchnässender Regen nieder, und der tobende Orkan fegte ihn in Bündeln über die Erde hin.
Die Jungen schrien einander zu, aber der heulende Wind und die dröhnenden Donnerschläge verschlangen ihre Stimmen völlig. Indessen drangen sie doch nacheinander durch und suchten Schutz unter dem Zelt, kalt, zitternd und triefend von Wasser. Gesellschaft im Unglück zu haben, schien ihnen alles erträglicher zu machen.
Sie konnten nicht sprechen, das alte Segel schlug zu wahnsinnig, selbst wenn die anderen Stimmen es ihnen erlaubt hätten. Der Sturm stieg höher und höher, und plötzlich flog das Segel, aus seinen Klammern losgerissen, auf den Flügeln des Windes davon. Die Knaben faßten sich an den Händen und flohen, stolpernd und sich wund stoßend, in den Schutz einer großen Eiche, die am Flußufer stand. Jetzt war der Kampf auf seinem Höhepunkt angelangt. Bei dem unaufhörlichen Leuchten, das den Himmel in Flammen setzte, trat alles rund umher in grelles, schattenloses Licht; die sich beugenden Bäume, der wogende, von Schaum weißgefärbte Strom, das treibende Flußwasser. Die steilen Felsenufer auf der anderen Seite schauten zuweilen durch die Regenwolken. Alle Augenblicke erlag ein Baumriese der Gewalt und brach krachend durch das Unterholz. Und die furchtbaren Donnerschläge folgten sich in ohrenzerreißendem, explosionsähnlichem Schmettern, scharf und krachend und unbeschreiblich ängstigend. Der Sturm erhöhte sich zu beispielloser Wut, die die ganze Insel in Stücke reißen, sie zu verbrennen, bis zu den Baumwipfeln versenken und jedes Lebewesen auf ihr vernichten zu wollen schien, alles gleichzeitig und in _einem_ Augenblick. Es war eine schreckliche Nacht für heimatlose junge Herzen.
Aber endlich hatte der Kampf ausgetobt, die Naturkräfte ruhten, schwächer und schwächer tönend und brummend -- Friede herrschte. Die Jungen schlichen zum Lager zurück -- nicht wenig eingeschüchtert. Und doch fanden sie dort, daß sie alle Ursache hatten, dankbar zu sein, denn die große Sykomore, die Beschützerin ihres Lagers, war jetzt eine Ruine, vom Blitz zerschmettert -- und sie waren während der Katastrophe nicht darunter gewesen.
Alles im Lager war durchnäßt, das Feuer erloschen; denn sie waren leichtsinnige Herumtreiber, wie alle ihresgleichen, und hatten keine Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. Das war sehr ärgerlich, denn sie waren durchweicht und verfroren. Sie fingen an, über ihr Mißgeschick zu jammern; aber plötzlich entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem Baum, unter dem es gebrannt hatte, so weit hinauf fortgepflanzt hatte, daß eine Handbreit oder so erhalten geblieben war und noch schwach glimmte. Sie belebten es geduldig mit Zweigen und Rinde des umgestürzten Baumes, bis sie es wieder ordentlich entfacht hatten. Sie trockneten ihren gekochten Schinken und hielten eine Mahlzeit ab, und dann saßen sie am Feuer und verbreiteten sich über ihre nächtlichen Abenteuer und schmückten sie aus bis zum Morgen, denn es gab kein trockenes Plätzchen in der ganzen Umgebung, wo sie hätten ruhen können.
Als die Sonne auf die Knaben zu scheinen begann, überwältigte sie die Müdigkeit, und sie gingen zur Sandbank und legten sich zum Schlaf nieder. Allmählich wurden sie von der Sonne geröstet und machten sich daher in trüber Stimmung ans Frühstück. Sie fühlten sich übellaunig und steif in allen Gliedern und hatten Heimweh, mehr als je. Tom erkannte die Anzeichen davon und versuchte, die Piraten, so gut er es vermochte, aufzuheitern. Aber sie kümmerten sich den Teufel um Murmeln, Zirkus, Schwimmen oder sonst was. Er erinnerte sie an das großartige Geheimnis und erzielte einen Schimmer von Frohsinn. So lange der anhielt, suchte er sie für ein neues Spiel zu interessieren. Es war, für eine Weile das Piratenspielen aufzugeben und zur Abwechselung mal Indianer zu sein. Sie waren von der Idee begeistert; und so dauerte es nicht lange, da waren sie tätowiert, tätowiert von Kopf bis zu Fuß mit schwarzem Schmutz, gleich den Zebras, alle natürlich Häuptlinge, und dann rannten sie heulend durch die Wälder, um englische Niederlassungen anzugreifen.
Dann trennten sie sich in drei feindliche Stämme und stürzten aus Hinterhalten mit schrecklichem Kriegsgeschrei aufeinander los und töteten einander tausendweise. Es war ein blutiger Tag. Darum war es ein befriedigender.
Zur Mittagszeit versammelten sie sich wieder im Lager, hungrig und glücklich. Aber jetzt zeigte sich ein Hindernis -- feindliche Indianer konnten das Friedensbrot nicht miteinander brechen, ohne erst Frieden zu machen, und _das_ war einfach unmöglich, ohne eine Friedenspfeife zu rauchen. Es gab keinen anderen Weg, von dem sie je gehört hätten. Zwei von den Wilden wünschten jetzt, immer Piraten geblieben zu sein. Indessen -- es war nichts zu machen, so forderten sie denn mit so viel Unbefangenheit, als sie auftreiben konnten, die Pfeifen, und taten, wie es sich gehört, einen Zug daraus.
Und _wie_ glücklich waren sie dann, daß sie Wilde geworden waren; denn sie hatten dadurch etwas gewonnen. Sie merkten, daß sie jetzt ein bißchen rauchen konnten, ohne fortgehen und ein verlorenes Messer suchen zu müssen. Es wurde ihnen nicht mehr so schlecht, daß es ihnen Unannehmlichkeiten bereitet hätte. Sie hatten aber keine Lust, diese stolze Errungenschaft aus Mangel an Übung wieder zu verlieren: o nein, sie übten sie nach dem Essen mit recht schönem Erfolg, und so verbrachten sie einen herrlichen Abend.
Sie waren mit ihrer neuen Kunst stolzer und glücklicher, als wenn sie sechs Indianerstämme skalpiert und hingeschlachtet hätten. Lassen wir sie schmauchen, plaudern und prahlen -- denn wir haben im Augenblick nichts mehr mit ihnen zu schaffen.
Achtzehntes Kapitel.
Im Dorfe herrschte indessen an jenem friedlichen Samstag nachmittag durchaus nicht besondere Heiterkeit. Harpers und Tante Pollys Familie waren in Trauer und Kummer und vielen Tränen.
Ungewöhnliche Ruhe lag über dem Ort, obwohl es auch sonst still genug herzugehen pflegte. Mit zerstreuter Miene gingen die Einwohner ihren Geschäften nach und sprachen wenig; aber sie seufzten oft. Der freie Samstag erschien eine Last für die Kinder. Sie hatten kein Herz für ihre Spiele und gaben sie schließlich ganz auf.
Nachmittags begab sich Becky Thatcher in trüber Stimmung auf den verlassenen Schulhof und fühlte sich sehr einsam. Aber sie fand dort nichts, was sie hätte aufheitern können.
,,O, wenn ich doch seinen alten Messingknopf wiederfinden könnte," seufzte sie halblaut. ,,Jetzt hab' ich gar nichts zur Erinnerung an ihn!" Und sie schluckte ein paar Tränen hinunter.
Plötzlich blieb sie stehen und flüsterte: ,,Grad' _hier_ war's. Ach Gott, wenn ich's nochmal tun sollte, ich würd's nicht sagen -- ich würd's nicht sagen für die ganze Welt! Aber er ist jetzt fortgegangen -- und ich werd' ihn nie -- nie wiedersehen --"
Dieser Gedanke ließ sie zusammenbrechen, sie schlich fort, während die Tränen ihr über die Backen niederflossen.
Dann kam ein Haufe Buben und Mädel -- Spielkameraden von Tom und Joe, -- schauten über den Zaun und besprachen in halbem Ton, wie Tom dies und das tat in der letzten Zeit, wo sie ihn gesehen hatten, und wie Joe diesen und jenen nebensächlichen Ausspruch getan hatte (mit unheimlichem Voraussehen der Ereignisse, wie sie jetzt wußten!) -- und jeder Sprecher bezeichnete ganz genau die Stelle, wo die vermißten Flüchtlinge damals gestanden hatten, und dann fügten sie hinzu: ,,und ich stand gerad so, gerad wie ich jetzt steh', und als wenn _du er_ wärest, und ich hab' genau auf alles geachtet, und er lächelte -- genau _so_ -- und dann überlief es mich ordentlich, ganz -- schreck -- lich, ihr wißt ja auch, und ich konnt' mir gar nicht denken, _was_ es sein könne, aber _jetzt_ weiß ich's."
Darauf erhob sich ein Streit, wer die toten Jungen zuletzt gesehen habe, viele erhoben diesen traurigen Anspruch und boten Beweise, mehr oder weniger durch Zeugen erhärtet, an; und als endgültig festgestellt war, wer sie in der Tat zuletzt gesehen und die letzten Worte mit ihnen gewechselt hatte, bekamen die Betreffenden dadurch eine Art geheiligter Bedeutung und wurden von allen angestaunt und beneidet. Ein armer, kleiner Bursche, der niemals besonders beachtet worden war, sagte, mit ordentlich stolzem Ausdruck: ,,Na, _mich_ hat Tom Sawyer mal geprügelt!"
Aber dieser Ruhm war sehr vergänglich. Die meisten der Jungen konnten das sagen, und das verringerte die Auszeichnung doch sehr. Die Gesellschaft trollte sich, mit halber Stimme noch weiter Erinnerungen an die verlorenen Helden austauschend.
Als am nächsten Tage die Sonntagsschule zu Ende war, begann die Glocke zu läuten, statt, wie sonst, zu klingeln. Es war ein sehr stiller Sonntag, und der traurige Ton schien sich mit der sinnenden Ruhe, die auf der Natur lag, zu vermischen. Die Dorfbewohner trafen nach und nach ein, in der Vorhalle einen Augenblick stehen bleibend und wispernd sich über das traurige Ereignis unterhaltend.
Aber im Gotteshause wurde nicht geflüstert. Nur das feierliche Rascheln der Kleider, indem sie sich auf ihre Plätze begaben, störte hier die Stille. Niemand wußte sich zu erinnern, daß die Kirche je so voll gewesen wäre.
Es war eine erwartungsvolle, dumpfe Stille, und dann trat Tante Polly, gefolgt von Sid und Mary und durch die Harpersche Familie, alle in tiefer Trauer, und die ganze Gemeinde sowie der Geistliche erhoben sich ehrfurchtsvoll und blieben stehen, bis die Leidtragenden auf der ersten Bank sich niedergelassen hatten.
Wieder trat allgemeines Schweigen ein, nur zuweilen durch unterdrücktes Schluchzen unterbrochen, und dann erhob der Geistliche die Hände und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, worauf der Text folgte: Ich bin der Trost und das Leben.
Im Verlauf seiner Predigt gab der Geistliche solche Bilder von der Sanftmut, dem ehrenhaften Lebenswandel und den vielversprechenden Talenten der verlorenen Durchgänger, daß jedermann, sich einbildend, diese Porträts zu erkennen, Schmerz empfand bei dem Gedanken, daß er gegen all das bisher blind gewesen sei und an den armen Jungen beständig nichts als Fehler und Flecken gesehen hatte. Der Geistliche erzählte manch rührendes Ereignis aus dem Leben der Verschwundenen, das ihre sanften, edelmütigen Naturen zeigte, und das Volk konnte jetzt leicht sehen, _wie_ edel und schön diese Vorkommnisse waren und sich mit Kummer daran erinnern, daß sie ihnen damals, als sie sich zutrugen, als arge Spitzbubenstreiche erschienen waren, die den Ochsenziemer verdienten. Die Gemeinde wurde mehr und mehr gerührt, je weiter die ergreifende Predigt fortschritt, bis schließlich alles geknickt war und seine tränenreichen Klagen zu einem Chorus selbstanklagenden Schluchzens vereinigte; sogar der Geistliche überließ sich seinen Gefühlen und weinte auf offener Kanzel.
Auf dem Chor entstand ein Rascheln, auf das aber niemand achtete; einen Augenblick später knarrte die Tür der Kirche. Der Geistliche hob die strömenden Augen vom Taschentuch und stand wie angedonnert. Eins um das andere Augenpaar folgte dem seinigen, und dann, wie von _einem_ Impuls getrieben, erhob sich die Gemeinde und sah, wie die drei toten Jungen ganz gemütlich den Gang heraufgeschlendert kamen, Tom voran, dann Joe, zuletzt Huck, eine Ruine wandelnder Lumpen, mit schafsmäßig-verdutztem Gesicht. Sie waren in dem unbenutzten Chor versteckt gewesen und hatten ihrer eigenen Leichenrede zugehört.
Tante Polly, Mary und die Harpers warfen sich auf die Wiederauferstandenen, sie mit Küssen überschüttend und Danksagungen ausstoßend, während der arme Huck verwirrt und unbehaglich dabei stand, ohne im geringsten zu wissen, was er mit sich anfangen und wohin er sich vor all den Augen, von denen ihn keines bewillkommnete, wenden sollte.
Er stand einen Augenblick zögernd und machte einen schüchternen Versuch, sich wegzustehlen, aber Tom ergriff ihn und sagte:
,,Tante Polly, 's ist nicht recht. 's muß sich jemand freuen, Huck wiederzusehen!"
,,Und 's soll auch! Ich _freue_ mich, ihn zu sehen, armes, verlassenes Kind!"
Und Tante Polly wandte ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit jetzt ihm zu -- was ihn nur noch unbehaglicher machte als vorher.
Plötzlich schrie der Geistliche aus vollem Halse: ,,Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren! -- Singt -- und legt euer Herz rein!"
Und sie taten's. Daß alte Lob- und Danklied drang mit triumphierender Inbrunst empor, und während es alles erzittern machte, schaute Tom Sawyer, der Seeräuber, um sich auf die neidische Jugend ringsum und bekannte in seinem Herzen, daß dies der stolzeste Moment in seinem Leben sei!
Als die Gemeinde hinausströmte, meinten alle, sie möchten sich wohl nochmal lächerlich machen um dies Danklied nochmal so singen zu hören.
Tom erhielt an diesem Tage mehr Püffe und Küsse -- je nach Tante Pollys Stimmung, als vorher in einem Jahre; und er wußte jetzt ganz genau, was am meisten Dank gegen Gott und Liebe zu ihm ausdrückte.
Neunzehntes Kapitel.
Das war Toms großes Geheimnis -- der Gedanke, nach Hause zurückzukehren und mit seinen Piratenbrüdern ihre eigene Grabrede anzuhören. Sie waren in der Nacht auf den Sonntag auf einem Baumstamm ans Missouriufer hinübergeschwommen, wo sie fünf oder sechs Meilen unterhalb des Dorfes landeten; hatten darauf dicht beim Orte im Walde geschlafen bis beinahe zum hellen Tage, waren durch mehrere abgelegene Gäßchen zur Kirche geschlichen und hatten ihren Schlaf auf dem Chor zwischen einem Chaos von zerbrochenen Bänken beendet.
Beim Frühstück am Montag morgen waren Tante Polly und Mary sehr zärtlich mit Tom und sehr aufmerksam auf seine Wünsche.
Die Unterhaltung war ungewöhnlich lebhaft. Im Verlaufe derselben sagte Tante Polly: ,,Na, Tom, ich will nicht grad' sagen, daß es 'ne besonders _nette_ Sache war, alle Leute in Trübsal zu halten, fast 'ne Woche lang, während ihr Jungen euch 'ne gute Zeit machtet; aber traurig ist's, Tom, daß du so verstockt sein konntest, _mich_ leiden zu lassen! Wenn du auf 'nem Baumstamme zu deiner Leichenrede rüberkommen konntest, hättst du wohl auch kommen können, um mir 'n Zeichen zu geben, daß du _nicht_ tot seiest, sondern einfach davongelaufen."
,,Ja, Tom," sagte Mary, ,,das hättst du tun können. Und ich glaube, du _hätt'st_ es getan, wenn du dran gedacht hättest."
,,Hättst du, Tom?" fragte Tante Polly, während ihr Gesicht sich erwartungsvoll aufhellte. ,,Na -- sag', hättst du's getan, wenn du dran gedacht hättest?"
,,Ich -- na -- ich weiß doch nicht! 's hätt' ja alles verraten!"
,,Tom, ich hätt' doch gedacht, du hättst mich zu lieb für so was," seufzte Tante Polly traurig, in einem Ton, bei dem Tom sehr ungemütlich wurde. ,,'s wär' doch _etwas_ gewesen, wenn du dir die Mühe genommen hättst, dran zu denken -- wenn du's schon nicht _tatst_."
,,Na, Tantchen, gräm, dich nur nicht darüber," beruhigte Mary. ,,'s ist mal so Toms flüchtige Art -- er ist ja immer so zerstreut, daß er nie an was denkt."
,,Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht. Und Sid würd' auch gekommen und 's _getan_ haben. Tom, du wirst eines Tages noch mal zurückdenken, wenn's zu spät ist, und wünschen, daß du dich 'n bißchen mehr um mich gekümmert hättst, wo's dir doch so leicht gewesen wär'."
,,Na, Tantchen, du weißt doch, ich hab' dich lieb," schmeichelte Tom.
,,Ich würd's besser wissen, wenn du's mehr zeigtest."
,,Wollt', ich hätt' dran gedacht," sagte Tom in reuevollem Ton. ,,aber -- ich hab' wenigstens _geträumt_ von dir. 's ist doch _was_, nicht?"
,,'s ist nicht viel -- 's ist für 'ne Katze viel -- aber 's ist mehr als nichts. Was hast du denn geträumt?"
,,Na, in der Mittwochnacht träumte mir, ihr säßet zusammen, dicht beim Bett, Sid saß auf der Holzkiste und Mary dicht bei ihm."
,,So war's -- so war's ganz genau! Bin doch froh, daß du wenigstens von uns zu träumen dich bequemt hast."
,,Und ich träumte, Joe Harpers Mutter wär' hier."
,,Na -- sie _war_ hier! Träumtest du noch mehr?"
,,O -- 'nen Haufen! Aber 's ist jetzt alles verschwommen."
,,Na, versuch's nur -- besinn' dich -- geht's nicht?"
,,'s scheint mir so was, als wenn der Wind -- der Wind ausgeblasen hätt' -- --"
,,Denk' besser nach, Tom! Der Wind hat nichts ausgeblasen -- na!"
Tom preßte während eines Augenblicks gespannten Nachdenkens die Finger gegen die Stirn und sagte dann: ,,Na -- jetzt weiß ich's! Jetzt hab' ich's wieder! Er ließ das Licht flackern --"
,,Gott erbarm' dich! Weiter. Tom, weiter!"
,,Und mir kam's vor, als hättst du gesagt: ,Na -- ich glaub' gar, die Tür --'"
,,Weiter, Tom!"
,,Laß mich 'nen Augenblick nachdenken! Nur 'nen Augenblick. -- Richtig, ja, -- du sagtest, du meintest, die Tür wär' offen."
,,So wahr ich hier sitz' -- ich sagte so! Sagt' ich's nicht, Mary? Weiter!"
,,Und dann -- und dann -- -- ja, ich weiß nicht _ganz_ gewiß, aber 's ist mir doch, als hättst du Sid hingehen lassen und -- und -- --"
,,Na, na? _Wohin_ ließ ich ihn gehen? Was ließ ich ihn tun, Tom?"
,,Du ließest ihn -- du, -- ach, du ließest, ihn die Tür zumachen!"
,,Beim Himmel, 's ist so! So was hab' ich doch mein' Tag' noch nicht gehört! Sag' mir keiner mehr, Träume bedeuten nichts! Die überkluge Harper soll davon zu wissen bekommen, eh ich 'ne Stunde älter bin. Möcht' doch sehen, wie sie mit ihrem Geschwätz von Aberglauben um das 'rum kommt! Weiter, Tom!"
,,O, jetzt ist mir alles so klar wie der Tag! Dann sagtest du, ich wär' nicht schlecht, nur leichtsinnig und gedankenlos, und dächte nie an irgend was -- wie -- wie -- glaub', 's war 'n Füllen -- oder so."
,,Na, so _war's_, ja! Na -- Gottes Wunder! Weiter, Tom!"
,,Und dann fingst du an zu weinen."
,,Ja, ich tat's ich tat's! Und wahrhaftig nicht zum erstenmal. -- Und dann --"
,,Dann begann Mrs. Harper zu weinen und sagte, Joe wär' grad' so einer, und sie wollte, sie hätt' ihn nicht gehaun deswegen, daß er den Rahm genommen haben sollte, den sie doch selbst weggeschüttet gehabt hätt' --"
,,Tom! Der Geist war über dir! Du hattst Sehergabe -- ja, gewiß, das hattst du! Herrgott! Weiter, Tom!"
,,Dann sagte Sid -- -- er sagte --"
,,Glaub', ich sagte gar nichts," warf Sid schnell ein.
,,Doch, du tatst es Sid," entgegnete Mary.
,,Laßt das Zanken und laßt Tom sprechen. _Was_ sagte er, Tom?"
,,Er sagte -- ich denk', er sagte, er hoffe, ich wär besser dran, wo ich jetzt sei, aber wenn ich manchmal besser gewesen wär' --"
,,Da -- hört ihr's? 's waren seine eigenen Worte!"
,,Und du leuchtetest ihm ordentlich heim."
,,Ich denke wohl, _daß_ ich's tat! 's muß ein Engel hier gewesen sein! Ein Engel war hier, 's ist zweifellos!"
,,Und Mrs. Harper erzählte von Joe, wie er ihr durch 'nen Schwärmer 'nen Schrecken eingejagt hätte, und _du_ erzähltest von Peter und dem ,Schmerzenstöter' --"
,,So wahr ich leb'!"
,,Und dann schwatztet ihr alle durcheinander, daß der Fluß nach uns durchsucht worden sei und daß am Sonntag unsere Leichenfeier sein sollt', und dann fielst du und die alte Mrs. Harper euch in die Arme und weintet, und dann ging sie fort."
,,'s war ganz genau so! 's war genau so, so gewiß, wie ich hier aus dem Stuhl sitz'. Tom, hättst es nicht besser erzählen können, wenn du hier gewesen wärst! Und was dann? Weiter, Tom!"
,,Dann träumte ich, daß du für mich betetest -- und ich konnt dich sehen und jedes Wort hören, das du sagtest. Und dann gingst du zu Bett, und ich war so traurig, daß ich auf 'n Stück Sykomorenrinde schrieb: ,Wir sind nicht tot -- wir sind nur fort, um Piraten zu werden,' und legte das auf den Tisch neben den Leuchter. Und dann sahst du so lieb aus, wie du dalagst und schliefst, daß ich träumte, ich beugte mich über dich und küßte dich."
,,Tatst du's, Tom? Tatst du's? _Dafür_ vergeb' ich dir wahrhaftig alles!"
Und sie schloß den Jungen mit solcher Inbrunst in ihre Arme, daß er sich wie der schwärzeste der Verräter erschien.
,,'s war sehr nett -- 's war aber doch nur ein -- Traum," brummte Sid für sich halblaut, aber hörbar.
,,Halt den Mund, Sid! Jedermann tut im Traum ganz genau dasselbe, was er tun würde, wenn er wach wär'! Hier, Tom, ist ein schöner Apfel, den ich für dich aufgehoben hab', wenn du mal wiedergefunden würdst -- nun fort zur Schule! Ich dank dem lieben Gott und Vater für uns alle, daß ich dich wiederbekommen hab', er ist langmütig und barmherzig gegen die, so an ihn glauben und sein Wort halten; obwohl ich weiß, daß ich seine Güte nicht verdiene; aber wenn nur die Guten seinen Segen hätten und seine Hand, ihnen auf den rauhen Pfaden des Lebens beizustehen, würd' hier wenig Fröhlichkeit sein, und wenige würden, wenn die lange Nacht kommt, zu seiner Herrlichkeit eingehen dürfen. -- Na, macht fort, Sid, Mary, Tom -- macht fort, packt euch, habt mich lange genug aufgehalten."
Die Kinder gingen zur Schule und die alte Dame zu Mrs. Harper, um ihren Unglauben durch Toms wundervollen Traum zu vernichten. Sid hütete sich wohl, den Gedanken auszusprechen, der ihn beherrschte, als er das Haus verließ: ,,Ein bißchen durchsichtig -- 's ist doch zu lang für 'nen Traum, -- und nicht _ein_ Irrtum."
Welch ein Held war Tom geworden! Er sprang und tollte nicht mehr herum, sondern bewegte sich mit würdevollem Ernst, wie es sich für einen Piraten geziemt, der fühlt, daß er der Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit ist. Und er war es in der Tat; er suchte sich so zu stellen, als sehe er die Blicke nicht und höre nicht die Bemerkungen, wie er so dahinschlenderte, aber sie waren wahrer Balsam für ihn. Kleinere Jungen als er hefteten sich an seine Fersen, stolz, mit ihm gesehen zu werden und von ihm geduldet, als wäre er der Trommler an der Spitze einer Prozession gewesen oder der Elefant, der eine Menagerie in die Stadt führt. Gleichalterige Jungen wollten gar nicht wissen, daß er überhaupt fortgewesen sei, aber sie verzehrten sich nichtsdestoweniger vor Neid. Sie hätten alles dafür gegeben, seine dunkle, sonnenverbrannte Haut zu besitzen und seinen glänzenden Ruf; und Tom hätte beides nicht einmal für einen Zirkus fortgegeben.