Die Abenteuer Gawains Ywains Und Le Morholts Mit Den Drei Jungf

Chapter 3

Chapter 33,654 wordsPublic domain

Nur ungern folgte Gawain dem Rate seines Wirtes, aber er setzte sich wieder neben seine Jungfrau. Bald sahen sie einen anderen schönen und wohlbewaffneten Ritter von der einen Seite her auf der Ebene erscheinen, während von der anderen (21) ein häßlicher Zwerg auf stattlichem Roß und wohlbewaffnet heranritt, ein Knappe zu Fuß folgte ihm und trug seinen Helm. Der Zwerg fragte den Ritter, ohne ihn eines Grußes zu würdigen, ob er die Jungfrau gesehen hätte. Der Ritter antwortete, er hätte sie nicht gesehen, sie werde aber bald kommen. Und tatsächlich erschien auch nach kurzer Zeit eine schöne Jungfrau auf weißem Pferde mit kostbarem weißen Sattelzeug, von zwei alten Damen begleitet. Sobald er ihrer ansichtig wurde, ergriff der Zwerg den Zügel ihres Pferdes und forderte sie auf, ihm zu folgen. Der Ritter trat ihm aber entgegen, gebot ihm zu fliehen und beanspruchte die Jungfrau für sich. "Nicht ohne Kampf überlasse ich sie dir", erklärte der Zwerg, "denn ich habe so viel Recht auf sie wie du". "Ich kann mich nicht erniedrigen, mit einem wie du einer bist zu kämpfen, die Jungfrau aber nehme ich mit", erwiderte der Ritter. "Ich verlange nur was recht und billig ist", sagte der Zwerg, "du kannst mir nicht solches Unrecht tun wollen, doch laß uns jenen Ritter (auf Gawain deutend) zu unserem Schiedsrichter machen". Beide riefen Gawain und sagten zu ihm: "Herr Ritter, wir haben diese Jungfrau gestern zusammen erobert, jeder von uns begehrt sie, doch kann sie nur einem gehören, entscheidet wem". "Ich bin noch jung", sagte Gawain, "und kenne die Sitten dieses Landes nicht und könnte leicht eine Entscheidung (22) treffen, die euch nicht gefiele, daher mische ich mich sehr ungern in euren Streit". "Wir verpflichten uns mit deiner Entscheidung zufrieden zu sein, wie sie auch immer ausfallen möge," erklärten beide. Nachdem Gawain beide hatte schwören lassen, dieses Versprechen zu halten, sagte er zu ihnen: "Sagt mir vor allen Dingen, ob ihr die Jungfrau liebt und ob euch daran gelegen ist, daß meine Entscheidung ihr gefällt?" Beide erklärten, daß letzteres eine unerläßliche Bedingung sein solle. Dann fragte Gawain die Jungfrau, ob sie gleichfalls gewillt sei, bei seiner Entscheidung zu beharren, und als sie das bejahte, sagte er: "In diesem Falle wird niemand meinen Richterspruch tadeln, wenn ich erkläre, daß du zu demjenigen der beiden Bewerber gehen magst, den du am meisten liebst." Die Jungfrau dankte Gawain und ging dann, zu aller Verwunderung, zu dem Zwerge und begrüßte ihn als ihren Freund und Beschützer; und zu dem Ritter sagte sie: "Du hast mich verloren; ich hätte nie geglaubt, daß in so schöner Hülle so viel Schlechtigkeit stecken könnte;" damit ritt sie mit dem Zwerg, der jubelte, und mit ihren beiden Begleiterinnen davon. Der Ritter blieb traurig zurück und gestand Gawain, daß er die Jungfrau über alles liebte. Gawain konnte nicht verstehen, was die Jungfrau bestimmt haben konnte, eine so seltsame Wahl zu treffen. Weinend verabschiedete sich der Ritter von Gawain, und war ihm bald aus den Augen verschwunden. "Du hast mir wahrlich ein Wunder gezeigt", sagte Gawain, sich zu seinem Wirte wendend; "glaubst du, (23) daß wir heute hier noch mehr zu sehen bekommen werden?" "Sicherlich", erwiderte der Wirt, "wenn wir noch hier bleiben".

Alle vier, d.h. der Wirt, Gawain, seine Jungfrau und sein Knappe blieben bei dem Kreuze. Bald sahen sie zwei wohlbewaffnete Ritter in die Ebene reiten und auf sich zukommen. Einer derselben forderte Gawain, ihn beim Namen nennend, mit lauter Stimme zum Kampfe heraus. Gawain konnte sich nicht erklären, woher der Fremdling seinen Namen wußte, machte sich aber sogleich kampfbereit. Mit solchem Ungestüm ritten beide Gegner aufeinander los, daß beide zu Boden stürzten und die Pferde ihnen auf die Körper fielen. Als der andere Ritter das sah, sagte er zu Gawain's Jungfrau (der 15jährigen): "Wenn du Gawain verlassen willst, will ich dein Ritter sein und dich lieben und in Ehren halten." "Gern", antwortete die Jungfrau, "denn Gawain ist nicht ein so guter Ritter als ich glaubte". Damit wandte sich die Jungfrau an den Knappen, der Gawain von Camelot her gefolgt war, und sagte zu ihm: "Auch du solltest den schlechten Ritter verlassen, in dessen Dienste du nur Schande haben kannst; hast du nicht heute gesehen, wie er sich zurückhalten ließ, dem Ritter zu Hilfe zu eilen, den die zehn hinter sich herschleiften." Der Knappe zögerte nicht und folgte der Jungfrau. Als Gawain's Wirt das sah, bestieg auch er sein Pferd und ritt nach Hause.

So blieben die beiden Kämpfer allein auf der Ebene zurück. Sie erhoben sich bald, zogen ihre Schwerter und setzten den Kampf fort, bis beide von der Anstrengung und dem Blutverlust, den sie erlitten, so erschöpft waren, daß sie der Ruhe bedurften. Während sie sich ruhten, fragte der Ritter Gawain, was er eigentlich von ihm wollte. "Ich möchte von dir wissen", sagte Gawain, "weshalb du mich hier ohne jeden Grund angriffst". "Ich tat, was ich tun mußte, und du gleichfalls, dabei wollen wir es bewenden lassen", sagte der Ritter, "denn wir haben einander gezeigt, was wir zu tun vermögen, (24) und ich habe in dir zehnmal so viel Tapferkeit gefunden, als ich zu finden vermutete, darum erlasse ich dir den weiteren Kampf". "Das genügt mir keineswegs", erklärte Gawain, "du hast die Wahl, entweder erklärst du dich für besiegt oder ich töte dich". Da der Ritter fühlte, daß er zu schwach war, weiteren Widerstand zu leisten, ergab er sich. Gawain wollte nun von ihm eine Erklärung haben, weshalb er gesagt hatte, daß er getan hätte, was er mußte. "Gern", antwortete der Ritter, "will ich dir das erklären. Ich habe hier in diesem Walde ein Schloß, das ich von dem König von Norgales als Lehen halte; ich muß mit jedem Ritter, der hierher kommt, kämpfen, und wenn ich verhindert bin, muß einer meiner Ritter mich vertreten. Wenn mehrere Ritter kommen, so greife ich sie mit mehreren meiner Ritter an, jedoch kämpft immer nur einer gegen einen. Du siehst also, daß es meine Pflicht war, dich anzugreifen, ich tat sie; und du tatest die deinige, denn du verteidigtest dich, und zwar so gut, daß du mich besiegtest, mich, der ich bisher immer meine Gegner besiegt hatte. Nun sei aus Höflichkeit mein Gast und mache mir eine Freude, die ich höher schätze als ein wertvolles Geschenk." "Wenn meine Begleiterin nichts dagegen hat, bin ich bereit, deine Einladung anzunehmen", sagte Gawain, sah sich um und bemerkte nun erst, daß seine Jungfrau, sein Wirt und sein Knappe verschwunden waren. Der Ritter erzählte nun Gawain, daß die Jungfrau seinem Ritter aus freiem Willen gefolgt wäre, und daß sie den Knappen veranlaßte, mit ihr zu gehen. Gawain bekreuzte sich und meinte: "Hier gibt es wahrlich nichts als Wunder und Abenteuer." "Das ist nicht wunderbar", erklärte der Ritter, "denn wir sind hier auf der _Plaine Aventureuse_". "Von der habe ich oft reden hören", sagte Gawain, "aber ich wußte nicht wo sie war; ich bin begierig zu wissen, was meine Jungfrau veranlaßt haben kann, mich zu verlassen, denn ich bin mir nicht bewußt, ihr irgendwelchen Grund zu dieser Handlungsweise gegeben zu haben". "Darum solltest du dich nicht grämen", tröstete der Ritter, "denn das ist so der Weiber Art, die folgen immer ihren Launen". Gawain schwieg, (25) denn er war nicht sicher, ob er nicht doch vielleicht etwas getan hätte, was das Verhalten der Jungfrau rechtfertigen könnte. Beide bestiegen dann ihre Pferde und erreichten bald des Ritters Schloß am Fuße eines Hügels und stiegen daselbst ab.

Gawain wurde von dem Ritter aufs beste bewirtet, ja er hätte nicht mehr geehrt werden können, wenn er König Artus selbst gewesen wäre. Nach dem Abendessen bat Gawain seinen Wirt, ihm zu erklären, was er auf der _Plaine Aventureuse_ gesehen hatte, und erzählte ihm zuerst von dem tapferen Ritter, den zehn andere so gemißhandelt hatten. "Ja gewiß", sagte der Wirt, "das kann ich dir erklären, es ist eine traurige Geschichte und ich beklage keinen Ritter mehr als diesen. Er ist der beste dieses Landes, und alles was du gesehen hast, duldet er um eines Weibes willen, die er über alle Maßen liebt, die aber zu stolz ist, seine Liebe zu erwidern, weil er ihr nicht ebenbürtig ist. Es ist noch nicht lange her, so fand hier in der Nähe ein großes Turnier statt, zu dem von nah und fern viele Ritter und Damen kamen. Unter diesen befand sich jene Dame, Arcade mit Namen, und jener unglückliche Ritter, der Pellias heißt. Der Sieger in dem Turnier sollte das beste Schwert des Landes erhalten und außerdem berechtigt sein, einen goldenen Kranz derjenigen der anwesenden Damen zu überreichen, die ihm als die Schönste erschien."

"Pellias zeichnete sich vor allen andern Rittern aus; das Schwert wurde ihm einstimmig zuerkannt. Da nahm er den goldenen Kranz und überreichte ihn der Arcade, indem er sagte: 'Nimm ihn, er gehört dir, denn deine Schönheit überstrahlt die aller derer, die hier sind. Wenn einer bereit ist, das zu bestreiten, so bin ich bereit, (26) ihn noch heute zu besiegen oder zu töten, oder nie mehr in meinem Leben einen Schild um den Hals zu hängen.' Da die große Stärke und Tapferkeit des Pellias allen bekannt waren, wagte niemand ihm zu widersprechen, obgleich es vielen klar war, daß verschiedene andere Damen gegenwärtig waren, die Arcade an Schönheit übertrafen."

"Arcade kehrte hocherfreut über diese Auszeichnung in ihr Land zurück und war nur zu gern bereit zu glauben, daß Pellias recht hatte. Eines Tages kam Pellias zu ihr und bat sie um ihre Liebe; da wies sie ihn stolz ab, mit der Bemerkung, sie könnte sich nicht erniedrigen ihn zu lieben, denn er wäre nur der Sohn eines _vavasour_. Vergeblich erklärte ihr Pellias, daß nur der Tod ihm seine Liebe zu ihr aus dem Herzen reißen könnte. "Kann ich nichts tun", fragte Arcade, "wodurch ich deine Liebe in Haß verwandele?" "Nichts", erklärte Pellias, "doch mache den Versuch". "Ich tue es nicht gern, aber ich will versuchen, dich zu heilen. Ich verbiete dir, auf die _Plaine Aventureuse_ zu kommen, die mir gehört. Solltest du meinem Gebot zuwiderhandeln, so werde ich dich fangen lassen und in ein Gefängnis stecken, welches du nicht so bald verlassen wirst. Nun geh, denn ich hasse dich."

"Traurig ritt Pellias zu seinem Pavillon zurück. Arcade vermied ihn auf alle mögliche Weise, so daß er so gut wie keine Gelegenheit hatte, diejenige, die er so sehr liebte, zu sehen. Als ihm das klar wurde und als er fühlte, daß seine Liebe von Tag zu Tag wuchs, beschloß er sich Gelegenheit zu verschaffen, Arcaden zu sehen. Er wollte ihren Rittern schaden, sich von ihnen fangen lassen, um dann vor sie gebracht zu werden. Er ging auf die _Plaine Aventureuse_, besiegte Arcadens Ritter, und ließ sie dann zu ihr zurückkehren. Arcade war erzürnt; sie schickte zehn bewaffnete Ritter (27) mit dem Befehl nach der Ebene, einer nach dem andern gegen Pellias zu kämpfen, ihn aber unter keinen Umständen mit dem Schwert anzugreifen oder ihn zu töten, "denn ich will", sagte sie, "seine große Liebe zu mir auf die Probe stellen". Wenn Pellias die Ritter besiegte, so sollten sie ihm bei der Treue, die er Arcaden schuldig war, befehlen, sich nicht länger zu verteidigen, ihn fesseln, an den Schweif eines Pferdes binden und ihn zu ihr schleifen. "Wenn ihr das ein- oder zweimal getan haben werdet, wird er mich hassen," sagte Arcade. Die Ritter taten alles genau wie ihre Herrin befohlen hatte. Als Pellias zum ersten Male so schmachvoll vor ihr gebracht wurde, fragte sie ihn, ob er sie noch immer liebte. 'Mehr denn je', antwortete Pellias, 'ich liebe dich noch mehr, weil ich um deinetwillen gelitten habe'. Darauf schickte ihn Arcade weg. Auf diese Weise ist er schon mehr als zehnmal geschleift worden, und er duldet alles, wie du heute selbst gesehen hast, ohne sich zu verteidigen, denn er hält die Schande, die sie ihm antun, für die höchste Ehre, weil er weiß, daß sie auf ihren Befehl handeln. Aber noch immer weigert sich Arcade, seine Liebe zu erwidern."

"Nun habe ich dir erzählt, was du zu wissen wünschtest," schloß der Ritter. "Es ist traurig, daß so große Liebe unerwidert bleibt," sagte Gawain. "Noch nie habe ich von einem so stolzen, hartherzigen Weibe reden hören; ich kann nicht glauben, daß sie von so vornehmer Geburt ist, wie du sagst, denn sonst wäre sie wenigstens nicht so grausam, dem, der sie liebt, solche Schande anzutun. Wenn ich mit beiden auf gutem Fuße stände, würde ich alles tun, was ich vermöchte, um sie zusammenzubringen." "Du hat recht", sagte der Wirt, "auch ich kenne keine stolzere und grausamere Frau".

(28) "Nun sage mir noch", nahm Gawain wieder das Wort, "wer der Ritter war, den die Jungfrau verließ, um dem häßlichen Zwerg zu folgen und warum sie es tat". "Das kann ich dir nicht sagen", antwortete der Ritter, "ich vermute aber, daß die Jungfrau in dem Zwerge gute, in dem Ritter schlechte Eigenschaften bemerkt hatte". "Ich werde nicht eher ruhen", sagte Gawain, "als bis ich den beiden Rittern geholfen haben werde. Auch möchte ich gern wissen, weshalb meine Jungfrau (d.h. die fünfzehnjährige) mich verlassen hat." "Ich auch," erklärte der Wirt. Nachdem Gawain eine angenehme Nacht verbracht hatte, nahm er am nächsten Morgen nach der Messe von dem Ritter Abschied und schlug den Weg durch den Wald ein. Er war noch nicht weit geritten, da traf er Pellias, der in Gedanken versunken vor sich hinritt, und grüßte ihn. Pellias hielt an, erwiderte Gawain's Gruß und fragte ihn, woher er käme. Gawain erklärte, daß er ein fremder, fahrender Ritter wäre und daß er sehr wünschte, sein Gefährte zu werden, um ihm behilflich zu sein, das zu erlangen, wonach er so sehnlichst trachtete.

Als Pellias das hörte, glaubte er kaum seinen Ohren trauen zu können. "Wenn du das bewirken könntest", sagte er zu Gawain, "so wollte ich, anstatt dein Gefährte, dein Ritter und Sklave sein. Aber sage mir, wie kannst du vollbringen, was du gesagt hast? denn dadurch würdest du mich glücklich machen." (29) "Ich glaube zuversichtlich, daß ich das tun kann", sagte Gawain, "laß uns unsere Rüstungen und Waffen auswechseln und dann warte. Ich werde zu Arcaden gehen und vorgeben, ich hätte dich getötet. Darüber wird sie erfreut sein, weil sie dich haßt." Pellias war bereit, alles zu tun, was Gawain vorschlug. Sie gelobten einander treue Freundschaft und verabredeten, daß Pellias Gawain in seinem Pavillon erwarten sollte, den er ihm zeigte. Gawain begab sich nach dem Schlosse, wo Arcade sich aufhielt. Er fand sie in einem Pavillon mit zwei Rittern, die ihr Gesellschaft leisteten. Sobald sie Gawain in der Rüstung des Pellias erblickte, rief sie erschreckt und entrüstet: "Entfernt diesen Teufel, diesen Treulosen, oder ich sterbe". Gawain erklärte nun, daß er ein fremder, fahrender Ritter wäre, der Pellias getötet hätte; auf Arcades Verlangen, nahm er seinen Helm ab. Als Arcade ihren Irrtum erkannte, war sie hocherfreut und wie umgewandelt. Sie bewillkommente Gawain und dankte ihm, für den großen Dienst den er ihr geleistet, und bat ihn, seine Waffen abzulegen und ihr Gast zu sein. Gawain erfüllte bereitwillig ihren Wunsch, und freute sich, (30) daß sein Plan so gelang, denn nun glaubte er sicher Pellias helfen zu können. Als Gawain seine Rüstung gegen ein kostbares Gewand vertauscht und neben Arcaden Platz genommen hatte, fragte ihn diese nach seinem Namen und seiner Herkunft, und war nicht wenig erfreut, als er ihr die Wahrheit sagte, denn als Königssohn schien er ihr noch begehrenswerter.

Ehe sie sich's versah, entbrannte die stolze Arcade von heißer Liebe zu ihrem Gast, der wohl bemerkte, wie es um seine schöne Wirtin stand, und um seines Gefährten Pellias willen hoch erfreut war. Arcade erkannte bald, daß Gawain nicht wagen würde, sie um ihre Liebe zu bitten, und beschloß ihm zu helfen. "Die Ritter deines Landes", sagte sie zu ihm, "können stolz sein, denn man hält sie nicht nur für die besten, sondern auch für die galantesten und lustigsten; aber sie haben noch einen andern Vorzug, den ich am meisten an ihnen schätze: sie lieben alle die Frauen". "Du hast recht", erwiderte Gawain, "denn wenige Ritter am Hofe meines Onkels haben keine Geliebte". "Dann hast du auch eine dort?" fragte Arcade. "Ich sagte nicht", erwiderte Gawain, "daß alle eine Geliebte hätten, sondern die meisten; ich selber bin noch so jung, erst vor kurzem Ritter geworden, ich habe noch keine Geliebte, aber ich kenne eine Jungfrau, die ich lieben würde, wenn es ihr gefiele." "Wer ist sie?" fragte Arcade, "du kannst nicht so unhöflich sein wollen, mir den Namen zu verheimlichen". Nach einigem Zögern, das Arcadens Spannung noch erhöhte, sagte Gawain, daß sie selber diese Jungfrau wäre. "Wie kannst du mich lieben", fragte Arcade unschuldig, "du hast mich ja nie vorher gesehen?" "Das weiß ich nicht", erklärte Gawain, "aber es ist so". "Dann muß auch ich dich lieben", fuhr Arcade fort, "denn ich wäre zu hochmütig, wenn ich einen Ritter, der so hübsch als Mann ist wie ich als Frau und der mir noch dazu an Geburt überlegen ist und sehr tapfer ist, zurückwiese. Ich gebe mich dir Leib und Seele auf ewig und verlange ein gleiches von dir." Gawain willfahrte ihr, denn auch ihn hatte, ehe er sich dessen bewußt wurde, die allmächtige Liebe ergriffen und besiegt. Er hatte das Pellias gegebene Versprechen, die ihm geschworene Treue vergessen, ja er haßte ihn wie einen Todfeind und der Gedanke, einem anderen, die zu überlassen, die er in den Armen hielt, schien ihm unerträglich.

So gewaltig ist die Macht der Liebe, sie beugt Männer und Frauen ihrem Willen! Gawain, der im Interesse seines Gefährten zu Arcaden gekommen war, liebte sie nun und dachte nur an sie. Beide waren glücklich und hatten keinen anderen Wunsch (32) als einander zu besitzen. Sie verabredeten sich zu sehen, wenn alle anderen zur Ruhe gegangen waren. Am andern Morgen erklärte Arcade ihren Rittern, daß sie Gawain liebte, und befahl ihnen, ihrem Herrn und Gebieter, ebenso treu und ergeben zu dienen wie ihr selber. Die Ritter billigten die Handlungsweise ihrer Herrin, denn Gawains Vorzüge erkannten alle.

Während Gawain bei Arcaden glücklich war, litt Pellias unsägliche Schmerzen; denn Gawain war nicht zurückgekehrt, und wie er glaubte, weil er nicht im Stande gewesen, Arcaden's Sinn zu ändern. (33) In seinem Schmerze verwünschte Pellias die Stunde seiner Geburt; er aß und trank nicht und konnte keine Ruhe finden. Als der Tag graute, erhob er sich von seinem Lager, rüstete sich, bestieg sein Pferd und ritt nach Arcadens Pavillon, um zu erfahren, was aus Gawain geworden war.

Am Ziel seines Rittes angelangt, beschloß er Arcaden aufzusuchen und sie auf den Knien zu bitten, Mitleid mit ihm zu haben. Er stieg ab, band sein Pferd an einen Baum und trat leise in den ersten Pavillon ein. Er fand daselbst zwei Ritter, die fest schliefen. In einem zweiten Pavillon fand er vier Damen, aber nicht diejenige, die er suchte. Im dritten fand er Gawain und Arcaden nebeneinander in tiefem Schlafe.

Sofort war ihm klar, daß Gawain ihn schändlich verraten hatte, Gawain, auf den er seine Hoffnung gesetzt, dem er als Freund getraut hatte. (34) Da regte sich mächtig der Wunsch in ihm, an dem Treulosen Rache zu nehmen, er zog sein Schwert, zückte es, um Gawain zu töten, doch er ließ es wieder sinken, denn der Gedanke, seinen Feind im Schlafe zu töten, widerstrebte seinem ehrlichen, ritterlichen Gemüt. Er kam zu der Überzeugung, daß er besser täte, Gawain an irgend einem Hofe des Verrats anzuklagen und ihn dann im offenen ehrlichen Kampfe zu töten, denn daß er ihn besiegen würde, daran zweifelte er nicht. So verließ er traurig den Pavillon. Als er ein Stück gegangen war, schien es ihm, daß er nicht richtig gehandelt hätte, weil er nicht ein Zeichen seiner Anwesenheit im Pavillon zurückgelassen hatte. Er kehrte wieder um, zog sein Schwert und legte es zwischen die beiden Schlafenden, ohne sie zu erwecken, und verließ den Pavillon. Als er draußen war, überwältigte ihn sein Schmerz. "Gawain", rief er aus, "wer hätte je gedacht, daß du, ein Königssohn, solches Verrates fähig wärest! Ich bin nur ein armer Ritter, der Sohn eines _vavasour_, aber ich habe mich nicht hinreißen lassen, dir zu vergelten, was du mir getan. Vielleicht wird mich Gott für meine Ehrlichkeit belohnen, wenn du den Tod erleidest für deine Treulosigkeit. Lieber will ich wegen meiner Ehrlichkeit sterben, als wegen meiner Treulosigkeit leben!"

So jammernd und klagend und Gawain tadelnd, ritt Pellias nach seinem Pavillon zurück; er legte seine Waffen ab und warf sich auf sein Bett. "O Gott", rief er aus, "warum ließest Du mich geboren werden, wenn ich mein Leben in solchem Schmerze beschließen muß? Aber ich danke Dir schlecht für das Gute, was Du mir getan hast, denn ich habe dem Teufel gedient und ihm meine Seele gegeben, die ich Dir schulde." Dann rief er zwei seiner Gefährten und sagte zu ihnen: "Ich werde bald sterben; ich bitte euch, mir eine Gunst zu erweisen, wenn ich tot bin." Als ihm beide das Versprechen gegeben hatten, sagte Pellias: "Wenn ich gestorben bin, nehmt mein Herz und tragt es in jener silbernen Schüssel, die sie mir selbst gegeben, zu Arcaden und saget ihr, daß ich noch sterbend Gott gebeten habe, sie glücklicher zu machen, als ich es gewesen bin. Und wenn ihr Gawain bei ihr findet, so saget ihm, daß ich seinen Verrat gekannt habe." Dann erzählte ihnen Pellias, was er gesehen und getan hatte. Als sie ihn verlassen hatten, gab er sich von neuem seinem Schmerze hin. __Die Erzählung kehrt nun zu Gawain zurück.__

Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen in ihren Pavillon drangen, erwachte Arcade (36) und fand zu ihrem Entsetzen das nackte Schwert an ihrer Seite. Sie weckte Gawain, der nicht weniger erschrocken war als sie und sich bekreuzte. Keiner von beiden vermochte die Anwesenheit des Schwertes zu erklären, beiden aber war es klar, daß ein fremder Ritter, während sie fest schliefen, im Pavillon gewesen war, der sie hätte töten können, wenn er gewollt hätte. Als Arcade später das Schwert genauer ansah, erkannte sie es als das des Pellias. "Du hast mich getäuscht", sagte sie zu Gawain, "denn der, den du vorgabst getötet zu haben, war hier; er hat uns nicht getötet, weil es seiner Ehrlichkeit widerstrebte, eine niedrige Tat zu begehen".