Part 9
Als der Einsiedler immer noch versuchte ihn zu überreden, nicht mit dem Riesen zu kämpfen, erklärte Gaheriet, daß er gegen seinen eigenen Bruder Gawain kämpfen würde, falls derselbe ihm die Jungfrau nehmen wollte. "Gegen deinen Bruder zu kämpfen wäre eine große Torheit", sagte der Einsiedler. "Würde mir aber zu größerer Ehre gereichen", erwiderte Gaheriet, "als wenn ich mir diejenige nehmen ließe, die ich unter meinen Schutz genommen habe". Während sie so sprachen, erschien kurz vor Mittag der Riese; die Jungfrau ritt auf einem Pferde, laut jammernd und klagend, an seiner Seite. Gaheriet betete noch einmal und bat Gott um Kraft und Stärke, den Riesen zu überwinden, der das Land so plagte, dann bestieg er sein Pferd und ritt dem Riesen entgegen. Sein Knappe fing laut um ihn zu weinen an. Der Einsiedler bat Gott, daß er Gaheriet zum Segen des Landes beschützen und leiten möge. Gaheriet rief dem Riesen zu: "Gib mir die Jungfrau, denn du hast sie weit genug geführt". Der Riese fürchtete Gaheriet nicht, (123) denn er hatte noch nie einen einzelnen Menschen gefürchtet. Er hieß Aupatris[68] und war der Vater des _Carados le Grant seigneur de la Doloreuse Tour_, den Lancelot erschlug _si comme la branche[69] de Lancelot le doit deuiser apertement._
Aupatris zog sein Schwert. Gaheriet ritt mit solchem Ungestüm auf ihn los, daß er des Riesen Schild und Harnisch durchbohrte und daß die Spitze und der Stiel seiner Lanze tief in dessen Seite eindrangen. Der Riese fiel zu Boden; durch den Fall brach die Lanze. Gaheriet zog schnell sein Schwert und ritt gegen den Riesen, der sich eben bemühte, sich aufzurichten, und verletzte ihn so schwer mit dem Körper seines Pferdes, daß er noch einmal niederstürzte. Nachdem Gaheriet einigemal über seinen Körper hinweg geritten war, stieg er ab, riß dem Riesen den Helm vom Kopfe, erfaßte sein Schwert mit beiden Händen und schlug ihm den Kopf ab. Der Einsiedler, die Jungfrau und der Knappe liefen freudig herbei und waren so glücklich _come silz veissent dieu deuant eulx_. "Gesegnet sei die Stunde deiner Geburt", sagte der Einsiedler, "gesegnet sei Gott, der dich hierher geführt hat! Du hast großes vollbracht, denn du hast den Feind dieses Landes vernichtet. Wenn die Einwohner von Taraquin wüßten, daß du den Riesen getötet hast, würden sie alle hierher kommen, um dir zu danken, denn sie wünschten nichts mehr als seinen Tod." "Wo ist Taraquin?" fragte Gaheriet. "So heißt die Stadt, wo man dir die Jungfrau nahm", sagte der Einsiedler. "Dahin will ich gehen", erklärte Gaheriet, "und die Einwohner bitten, daß sie nie wieder eine Jungfrau gefangen nehmen". (124) "Das werden sie gern versprechen", sagte der Einsiedler, "wenn sie hören, was du getan hast".
Dann bestieg Gaheriet sein Pferd, befahl dem Knappen des Riesen Haupt zu nehmen, und fragte die Jungfrau, ob sie sich nicht fürchtete, mit ihm nach der Stadt zurückzukehren. Da die Jungfrau bereit war, Gaheriet zu begleiten, ritten die drei nach Taraquin zurück. Als die Einwohner des Riesen Kopf sahen, waren sie sehr froh; sie schwuren, daß sie nie wieder Hand an eine Jungfrau, einen Ritter oder einen Knappen legen wollten und daß sie alle fahrenden Ritter so ehrenvoll wie Gaheriet selbst empfangen würden. Um das Andenken an Gaheriets Tat zu bewahren, ließen sie ein kupfernes Standbild anfertigen, welches den Riesen und Gaheriet darstellte und zwar in dem Augenblick als der letztere dem ersteren den Kopf abschlug. Das Standbild stand in Taraquin, bis nach Artus' Tode die Söhne Mordrets es zerstören ließen, in der Absicht, jedes Denkmal der Tapferkeit der Ritter ihres Großvaters zu vernichten. Zwei Tage blieb Gaheriet in Taraquin, (125) dann verließ er mit der Jungfrau und seinem Knappen die Stadt. Sie ritten bis sie nach _La Roche aux Pucelles_ kamen. Gaheriet hatte nie einen ähnlichen Felsen gesehen und glaubte, er wäre durch Menschenhand so viereckig gebildet worden. Die Jungfrau erklärte ihm, daß der Felsen wie er war so von Natur war.
Gaheriet hatte schon von den Jungfrauen und ihrer Beschäftigung gehört; als er nun nach dem Gipfel des Felsens emporschaute und die Jungfrauen in eifrigem Gespräch begriffen erblickte, rief er hinauf: "Hört mich an, ihr Jungfrauen". Erst als er sie zum zweiten Male anrief, beachteten ihn die Jungfrauen. Die älteste rief: "Ritter, warum störst du uns, was willst du?" "Ich möchte wissen", rief Gaheriet, "auf welche Weise ich sterben werde". "Du solltest nicht begierig sein, dein Ende zu hören, denn das wird ein trauriges Ereignis sein. __Wisse, der fremde Ritter,[70] den du am meisten lieben wirst, wird dich töten, ohne zu wissen wer du bist. Zugleich mit dir werden Agravain und Guerrehes, deine Brüder, ihr Leben verlieren.__ Nun geh!" "Ich werde nicht gehen", rief Gaheriet, "denn ich bin gekommen, um Gawain, meinen Bruder, und den Morholt zu befreien". "So komm herauf und hole sie", entgegnete die älteste der Jungfrauen, "oder warte unten, bis beide zu dir hinunterkommen werden". "Du bist töricht", sagte Gaheriets Begleiterin zu ihm, "du kannst durch eigene Kraft ebenso wenig auf den Felsen hinaufkommen wie die andern, die durch Zauberkraft hinaufgekommen sind und durch dasselbe Mittel oben zurückgehalten werden". "Dann bin ich umsonst hierher gekommen", sagte Gaheriet traurig, "denn wenn ich nicht auf den Felsen hinaufkommen kann, (126) ist es mir unmöglich, meinen Bruder und den Morholt zu befreien". "Sei nicht traurig", sagte die Jungfrau zu Gaheriet, "laß uns von hier weggehen, ich glaube, daß ich dir noch heute einen guten Rat werde geben können".
Als beide mit dem Knappen sich etwa zwei englische Meilen von dem Felsen entfernt hatten, sagte die Jungfrau: "Ich habe nachgedacht, wie dir am besten zu helfen ist, höre mir aufmerksam zu. Nicht weit von hier wohnt der Bruder der Jungfrauen vom Felsen; sie lieben ihn so sehr, daß ihnen kein Opfer zu groß sein würde, wenn sie ihm das Leben retten könnten. Ich rate dir daher, geh zu dem Bruder, bringe ihn in deine Gewalt -- ich weiß, daß er dir nicht gewachsen ist -- und drohe, ihm den Kopf abzuschlagen, wenn er dir nicht schwört, dir innerhalb eines oder zweier Tage Gawain und den Morholt auszuliefern. Ich zweifle nicht, daß du auf diese Weise erlangen kannst, was du so sehnlich wünschest." "Führe mich zu dem Bruder," bat Gaheriet.
Nach kurzem Ritt zeigte die Jungfrau Gaheriet auf einer schönen Wiese vier prächtige Pavillons. Vor dem größten derselben stand ein stattliches schwarzes Streitroß, eine Lanze war gegen die Wand gelehnt und ein schwarzer Schild hing darüber. "Wo der schwarze Schild hängt", sagte die Jungfrau, "wirst du den Bruder finden". "Warte hier mit meinem Knappen", bat Gaheriet, "ich will gehen und sehen, ob er dort ist". "Geh mit Gott," sagte die Jungfrau. Gaheriet trat in den Pavillon ein. Er fand in demselben einen Ritter in schwarzer Rüstung, mit Ausnahme des Helmes vollständig gewaffnet, im Gespräch mit einer Dame. Ohne ihn zu begrüßen fragte Gaheriet den Ritter, ob er der Bruder der Jungfrauen vom Felsen wäre. (127) Als der Ritter die Frage bejahte, sagte ihm Gaheriet, daß er ihn tötlich haßte, und forderte ihn zum Kampfe heraus. Alles Reden des Ritters war vergeblich, ob er wollte oder nicht, er mußte kämpfen, denn Gaheriet drohte, ihn zu erschlagen, falls er sich weigerte. Der Kampf fand vor dem Pavillon statt. Beide Ritter zersplitterten ihre Lanzen, während Gaheriet aber im Sattel blieb, stürzte der Bruder der Jungfrauen zu Boden. Gaheriet stieg ab, gab seinem Knappen sein Pferd, zog sein Schwert und eilte auf seinen Gegner los, der sich gerade erheben wollte. Er schlug ihn auf den Helm, daß der Unglückliche auf sein Gesicht fiel und das Schwert seiner Hand entschlüpfte. Gaheriet riß ihm dann so grausam den Helm vom Kopf, daß er ihm die Haut von Stirn und Nase streifte und er ohnmächtig zur Erde fiel. Als der Ritter nach einer Weile wieder zu sich kam, drohte Gaheriet, ihn zu töten, wenn er nicht verspräche, ihm spätestens am nächsten Tage (128) Gawain und den Morholt auszuliefern. Der Ritter, in seiner Todesangst, versprach alles, was Gaheriet verlangte. "Du mußt aber einen Boten nach dem Felsen senden", erklärte Gaheriet, "denn ich lasse dich nicht aus den Augen, bis Gawain und der Morholt vor mir stehen".
Dann rief der Ritter die Dame aus dem Pavillon, die bitterlich weinte, und sprach lange mit ihr. Nachdem die Unterredung beendet war, bestieg die Dame ein Pferd und sagte zu Gaheriet: "Warte hier, ich hoffe, daß es mir gelingen wird zu tun, was du verlangst". "Eile", sagte Gaheriet, "denn ich sehne mich, meinen Bruder wieder zu sehen". Sobald die Jungfrauen auf dem Felsen die Geliebte ihres Bruders kommen sahen, rief ihr die älteste entgegen: "Ich weiß, daß du kommst, um Gawain und den Morholt zu holen und um meinem Bruder das Leben zu retten. Wenn ich eine Gelegenheit finde, werde ich mich an derjenigen zu rächen wissen, die uns dieses Leid zugefügt hat. Geh zurück, du wirst Gawain und den Morholt in einem der Pavillons auf einem Bette schlafend finden."
Hocherfreut über den Erfolg ihrer Sendung, kehrte die Dame nach den Pavillons zurück, wo man sie ungeduldig erwartete. Als sie abgestiegen war, sagte sie Gaheriet, daß er in einem der Pavillons finden würde, (129) was er begehrte. "Ich warne dich", sagte Gaheriet zu dem Ritter, "versuche nicht, mich durch Zauberei zu täuschen, denn wenn du wagst es zu tun, lasse ich dich auf die qualvollste Weise sterben, die ich erfinden kann". "Du magst mich als Verräter töten", sagte der Ritter, "wenn ich dich täusche".
Im ersten Pavillon fand Gaheriet nichts, im zweiten auch nichts, im dritten aber lagen Gawain und der Morholt in tiefem Schlafe auf einem Bett. Gaheriet erkannte seinen Bruder, aber nicht den Morholt, denn er hatte ihn nie gesehen. "Das sind die beiden Ritter, die ich dir ausliefern soll," erklärte der Bruder der Jungfrauen.
"Ich glaube dir nicht eher", entgegnete Gaheriet, "bis beide mir aus ihrem eigenen Munde bestätigen, daß du die Wahrheit sprichst; ich muß vorsichtig sein, denn die Jungfrauen dieses Landes verwandeln durch ihre Zauberei die weisesten Ritter in die dümmsten, so daß sie mit ihnen umgehen können wie mit stummen Tieren. Erst wenn ich einen Tag lang[71] mit den beiden geritten bin, werde ich dir glauben, daß sie es wirklich sind."
Als Gawain und der Morholt aus dem Schlafe geweckt waren und die Augen öffneten, blickten sie erstaunt um sich, denn sie glaubten unter der Ulme zu liegen, unter welcher sie an dem Abend geschlafen hatten, als sie auf den Felsen gebracht wurden. Beide hatten ihr Gedächtnis wiedererlangt und hielten alles was auf dem Felsen geschehen war für einen Traum. Gawain umarmte und bewillkommnete seinen Bruder und erkundigte sich, wie er nach dem Felsen gekommen wäre. Gaheriet erzählte seinem Bruder, daß man am Hofe wegen seiner langen Abwesenheit ernstlich besorgt gewesen wäre. "Das ist sonderbar", sagte Gawain, "denn ich habe doch erst vor drei Monaten mit Ywain Camelot verlassen". (130) Als er diese Bemerkung hörte, bekreuzte sich Gaheriet, und verwünschte die Jungfrauen auf dem Felsen. "Du bist mehr als zwei Jahre nicht an den Hof gekommen", sagte er dann zu Gawain, "und du und der Morholt habt euer Ywain gegebenes Versprechen, ihn am Ende des Jahres an der Quelle zu treffen, schlecht gehalten; er war zur verabredeten Stunde dort, aber ihr kamt nicht". Gawain und der Morholt waren erstaunt und bekreuzten sich, dann fragte der erstere nach Ywain. "Unser Onkel hält ihn am Hofe bei sich, wohin er etwa vor einem halben Jahre zurückkehrte." "Das ganze ist eine wunderbare Geschichte", erklärte Gawain, "ich weiß nicht wo ich gewesen sein kann, und ich erinnere mich deutlich, daß ich mich gestern abend unter der Ulme bei _La Roche aux Pucelles_ zum Schlafen niedergelegt habe". "Du bist anderthalb Jahre auf dem Felsen bei den Jungfrauen gewesen, ebenso wie der Morholt, denn Ywain sah euch und sprach mit euch, ihr aber waret so verzaubert, daß ihr ihn nicht erkanntet". Das Erstaunen der beiden Ritter wuchs, sie bekreuzten sich mehr als hundertmal und erklärten, daß alles, was in den anderthalb Jahren geschehen, ihnen wie ein Traum erschiene.
Nachdem Gawain sich von seinem Erstaunen erholt hatte, fragte er nach dem König, der Königin und Baudemagus. Gaheriet erzählte alles was er wußte, auch daß er wegen der Nachricht, die Merlin durch Baudemagus an Artus geschickt, früher als er erwartet hatte, zum Ritter gemacht wurde. "Gott segne Merlin", sagte der Morholt, "denn ihm haben wir es zu verdanken, daß wir nicht unser ganzes Leben auf dem Felsen haben verbringen müssen". (131) Dann verabschiedeten sich Gawain und Gaheriet von dem Morholt. Der letztere hätte gern Gaheriet mit sich nach Irland genommen, verzichtete aber auf seine Gesellschaft um Gawains willen, jedoch mußte ihm Gaheriet versprechen, sobald er Gawain nach Camelot zurück begleitet hatte, ihn in Irland zu besuchen. Nach langem Ritte erreichten die beiden Brüder glücklich Camelot und wurden mit großem Jubel empfangen. Gawain erstattete dem König Bericht über alles, was er erlebt hatte. Nach einem Monat erfüllte Gaheriet das dem Morholt gegebene Versprechen und machte sich auf den Weg nach Irland. Die Abenteuer, die er unterwegs bestand, werden in diesem Buche nicht erzählt. __Die Erzählung wendet sich nun zu dem Morholt.__
VI. __Das Abenteuer des Morholt.__ SS. 131-134. Nachdem der Morholt Gawain und Ywain verlassen hatte, ritt er den ganzen Tag nachdenklich weiter, ohne irgend ein der Erzählung würdiges Abenteuer zu finden. Die Nacht schlief er in einer Abtei weißer Mönche, die ihn freundlich aufnahmen. Am folgenden Morgen brach der Morholt nach Irland auf. Vier Tage ritt er, ohne Abenteuer zu finden, am fünften aber begegnete er fünf fahrenden Rittern des Königs Artus. Wer zu wissen wünscht, wer diese Ritter[72] waren, dem sagt die Erzählung: "Die beiden ersten waren Gawains Brüder Agravain und Guerrehes; der dritte war Mador de la Porte, der vierte war Dodinel le Sauuage; der fünfte endlich war Sagremor, der Sohn des Königs von Ungarn und der Neffe des Kaisers von Konstantinopel, dem Keux den Beinamen _le Desree_[73] gegeben hatte". (132)
Als diese fünf Ritter den Morholt sahen, erkannten sie an seiner Ausrüstung und Haltung, daß er ein fahrender Ritter und ein Mann _de valeur_ war. Agravain bat seine Gefährten, ihn mit dem fremden Ritter kämpfen zu lassen. Alle willigten ein. Agravain gab seinem Pferde die Sporen und rief dem Morholt zu, sich bereit zu machen. Des war der Morholt wohl zufrieden, er legte seine Lanze ein und ritt gegen Agravain. Agravain zersplitterte seine Lanze gegen des Morholt Schild, dieser aber hob mit einem wohlgezielten Stoß Agravain aus dem Sattel, so daß er betäubt zur Erde stürzte. Ohne Verzug ritt Guerrehes auf den Morholt los, um seinen Bruder zu rächen. Der Morholt brachte auch ihn zu Falle und verwundete ihn in der linken Seite. Jetzt war die Reihe an Mador de la Porte, sich mit dem Morholt zu messen. Die Lanze des Morholt durchbohrte Madors Schild und drang in seinen Hals ein, so daß er sich nicht auf dem Pferde zu halten vermochte und zur Erde fiel. Als Sagremor und Dodinel sahen, daß ein einziger Ritter ihre drei Gefährten aus den Sätteln gehoben hatte, bekreuzten sie sich. Sie hätten gern gewußt, wer der tapfere Ritter war. Nun ritt Dodinel gegen den Morholt, denn er wollte lieber das Schicksal seiner Gefährten teilen, als den Versuch, sie zu rächen, unterlassen. Dem Morholt war es klar, daß er entweder fallen oder alle fünf Gefährten zu Fall bringen mußte. Er legte seine Lanze wieder ein und ritt gegen Dodinel. Dieser durchbohrte des Morholt Schild und Harnisch und verwundete ihn in der linken Seite, die Lanze blieb aber unversehrt. Der Morholt gab Dodinel einen so gewaltigen Stoß mit seiner Lanze, daß Roß und Reiter zu Boden stürzten und die Lanze in Stücke flog. (133) Nun ist nur noch einer übrig, dachte erfreut der Morholt; damit ergriff er Dodinels Lanze und forderte mit lauter Stimme Sagremor auf, sich bereit zu halten. Sagremor durchbohrte des Morholt Schild und Harnisch und zerbrach seine Lanze. Der Morholt traf Sagremor mit Dodinels Lanze in den Leib und stieß ihn vom Pferde; im Vorbeireiten aber rannte des Morholt Pferd mit solchem Ungestüm gegen das Sagremors, daß beide Pferde zu Boden fielen. Der Morholt sprang behende auf, zog sein Schwert und wandte sich gegen Sagremor, der sich schon erhoben hatte und ihn mit gezücktem Schwerte erwartete. Beide fochten nun zu Fuß, bis sie erschöpft waren und der Ruhe bedurften. Während einer Pause sagte der Morholt zu Sagremor: "Wenn es dir recht ist, hören wir auf, denn wir haben einer den andern wohl erprobt; weil du aber ein so tapferer Ritter bist, bitte ich dich, mir deinen Namen zu sagen". Sagremor war nicht wenig erfreut, denn er sah das Ende des Kampfes deutlich voraus, ließ es sich aber nicht merken. Er sagte zum Morholt: "Weil ich deine Tapferkeit und Kraft bewundere, bin ich bereit, deinem Wunsche zu entsprechen, ich tue es um so lieber, als du augenscheinlich der stärkere bist". Dann nannte sich Sagremor und auch die Namen seiner Gefährten. Als der Morholt hörte, daß alle fünf Ritter des Königs Artus waren, war (134) er sehr traurig. Er nahm seinen Helm ab, sagte seinen Namen und bat alle um Vergebung. Die Gefährten waren erfreut den Morholt kennen zu lernen und vergaben ihm gern, denn sie hatten ihn zuerst angegriffen. Der Morholt erzählte ihnen, was er von Gawain wußte, und verabschiedete sich dann. Die fünf Gefährten ritten nach einem in der Nähe befindlichen Schlosse und blieben dort bis ihre Wunden geheilt waren, der Morholt ging zu demselben Zwecke zu einem Einsiedler. Sobald er wieder reiten konnte, setzte er seinen Ritt nach Irland fort, wo er bei seiner Ankunft mit großem Jubel empfangen wurde. Acht Tage nach seiner Rückkehr kam Gaheriet zu ihm und blieb bei ihm, bis der Morholt nach Cornwall ging, um den Tribut zu holen, bei welcher Gelegenheit er von Tristan tötlich verwundet wurde.[74]
[1] Vgl. was ich über diese Hs. gesagt habe 1. in _Romania_, vol. XXXVI, S. 378 und 2. in meiner Einleitung zu _The Vulgate Version of the Arthurian Romances_, Washington 1908-1913, vol. I, S. XXX, N. 2.
[2] Vgl. mit dem hier gesagten E. Wechsslers Ansichten über diese Hs, in seiner Habilitationsschrift: _Über die verschiedenen Redaktionen des Robert de Borron zugeschriebenen Graal-Lancelot-Zyklus_, Halle a. S. 1895. 8°. S. 54-64.
[3] Auch in anderen dem späten XIV. und dem XV. angehörigen Hss. wird der Vulgat-Zyklus eine Geschichte Lancelots genannt.
[4] Die Prologe der drei erhaltenen Bücher, die von sehr geringem Wert und von keiner literarischen Bedeutung sind, hat E. Wechssler im Anhange zu seiner Arbeit gedruckt.
[5] In _Romania_, vol. XXXVI, S. 380, N. 1 habe ich, infolge einer Verwechslung irrtümlicherweise gesagt, daß fols. 97d-100c dem _Lancelot_ entlehnt worden sind, während die ganze Section fols. 84d-128b zur Trilogie gehört.
[6] Fol. 97, c und d. Vgl. die portugiesische Hs. fol. 100c. Da in dem spanischen Druck zwischen den Kapiteln CXXXVI und CXXXVII der Inhalt der fols. 51-103 des portugiesischen Textes fehlt, ist der Tod des Baudemagus in demselben nicht erzählt.
[7] Fol. 179d, Linie 33-180c, Linie 22. Vgl. den spanischen Druck Kapitel CCXXVII usw. und die portugiesische Hs. fol. 140d, Linie 20 usw.
[8] _Merlin_ Roman en prose du XIIIe siècle publié avec la mise en prose du poème de _Merlin_ de Robert de Borron etc. par Gaston Paris et Jacob Ulrich, Publication de la Société des Anciens Textes Français. 2 vols. Paris 1886. 8°.
[9] "Cette fin remplit les chapitres XX-XXVIII du livre IV (nicht wie G. Paris druckt "livre V" H. O. S.) de la composition de Sir Thomas Malory. Gauvain, parti avec la demoiselle de quinze ans, a une aventure où intervient Ninienne, mais où n'est intéressée en rien la demoiselle en question, qui le quitte dès le début. -- Le Morhout escorte la demoiselle de trente ans; il combat sept chevaliers et tue un géant, sans que ces prouesses aient non plus aucun rapport avec sa compagne. -- La demoiselle de soixante ans (notre manuscrit porte à tort soixante-dix) [auch die Hs. 112 hat "soixante et dix", nur Malory hat "sixty" H. O. S.] qui est avec Ivain reste également étrangère à ses exploits, qui consistent surtout dans un combat qu'il livre à deux frères pour faire triompher le bon droit d'une dame injustement dépossédée par eux. -- Au bout de l'année, les trois chevaliers se retrouvent à la fontaine, où ils sont rejoints par un messager qu'Arthur a chargé de les retrouver et de les ramener à la court."
[10] _Le Morte Darthur_ by Syr Thomas Malory, The original edition of William Caxton now reprinted and edited usw. by H. Oskar Sommer, London, 3 vols., 1889-1892, 8°. Eine Seite in meiner Ausgabe enthält ungefähr so viel wie eine Kolonne der Hs. No. 112. In der letzteren füllen die Abenteuer usw., mit Abrechnung des durch die Miniaturen bedeckten Raumes, 160 Kolonnen, in dem gedruckten Text Malorys etwa 20 Seiten.
[11] Buch IV, Kapitel XV-XXIX, SS. 139-159, d. h. bis zum Schluß des vierten Buches.
[12] E. Wechssler in seiner S. IX genannten Arbeit.
[13] _A Historia dos Cavalleiros da Mesa Redonda e da Demanda do Santo Graall_. Hs. No. 2594 der K.k. Hofbibliothek zu Wien zum ersten Male veröffentlicht von Karl von Reinhardstöttner, Berlin 1887, 8°.
[14] _La Demanda del Sancto Grial: Con Los Muravillosos Fechos de Lançarote y de Galaz su Hijo_, Toledo 1515, Sevilla 1535.
[15] _The Queste of the Holy Grail forming the third part of the Trilogy indicated in the Suite du Merlin Huth MS._ H. O. Sommer, _Romania_, vol. XXXVI, pp. 369-402 und pp. 543-590.
[16] Zu gleicher Zeit ließ ich auch die Blätter 61-104 der Hs. No. 343 und den Schluß der Hs. No. 340, beide in der Pariser National Bibliothek, photographieren; auch von diesen Photographien habe ich eine sorgfältige Abschrift gemacht und den Text für den Druck vorbereitet. Dank der Güte des K. k. österreichischen Hofsekretärs Herrn Dr. Otto Klob, ist es mir möglich gewesen, meine Abschrift mit seiner Abschrift der portugiesischen Hs. No. 2595 der Wiener Hof-Bibliothek zu vergleichen. In meinem Texte sind daher nicht nur die Anfänge der Kapitel des spanischen Druckes, sondern auch die Anfänge der vier Kolonnen jedes Blattes der Wiener Hs. angegeben. Zum Zwecke meiner Studien, nicht aber um dieselben zu veröffentlichen, habe ich alle Stücke der Abschrift des portugiesischen Textes photographieren lassen, die in dem spanischen Drucke fehlen, so daß ich nun teils spanisch, teils portugiesisch den vollständigen Text der Galahad-Queste des pseudo-Robert de Borron, und alles, was so weit bis jetzt bekannt ist, von dem französischen Originale noch erhalten ist, zur Verfügung habe, das ich sobald ich dazu komme, veröffentlichen will.
[17] Vgl. z.B. fols. 27c und 29d Rubriken ohne Miniaturen; fols. 22b und 38b Miniaturen ohne Rubriken.
[18] Der verstorbene Alfred Huth Esq, London hatte in seinem Testamente bestimmt, daß, bevor der Bestand seiner Bibliothek zum Verkaufe angeboten würde, 50 von den wertvollen Hss. und Drucken dem Britischen Museum geschenkt werden sollten, und zwar hatte er den _Trustees_ die Auswahl derselben überlassen. Die Huth-Hs. war eine von den Hss. die gewählt wurden.
[19] G. Paris, in der auf S. XI N. 1 zitierten Ausgabe.
[20] E. Wechssler, in seiner auf S. IX N. 2 genannten Habilitationsschrift.
[21] The Queste of the Holy Grail forming the third part of the Trilogy indicated in the Suite du Merlin (Huth-Hs.) _Romania_, vol. XXXVI, Seiten 369-402 und 543-590.