Die Abenteuer Gawains Ywains und Le Morholts mit den drei Jungfrauen aus der Trilogie (Demanda) des pseudo-Robert de Borron

Part 8

Chapter 83,660 wordsPublic domain

Als er im Begriff war mit seinem Pferde den Fluß zu durchschwimmen, hörte Gaheriet einen Menschen jammern und stöhnen. (103) Auch der Knappe erklärte menschliche Klagetöne zu hören. Nach kurzem Suchen fand Gaheriet, ganz nahe am Flusse, unter Bäumen, "tout nu en chemise et en brayes", einen an Händen und Füßen gefesselten Mann, dessen Augen verbunden waren und der vor Kälte zitterte, denn er war braun und blau gefroren. Als Gaheriet näher kam, hörte er den unglücklichen Menschen mit Verrat und allen damit zusammenhängenden Lastern ein Zwiegespräch führen. (104)

Darauf schwieg der Gefesselte ein Weilchen und begann dann ein neues Zwiegespräch mit dem Tode. Als er wieder schwieg, nahte ihm Gaheriet und fragte ihn, wer er wäre. Statt zu antworten fragte der Gefesselte Gaheriet, ob er einer von den Räubern und Verrätern wäre, denen er seine Schmach verdankte, oder ob er ein fahrender Ritter vom Hofe Artus' wäre; "ich frage", fuhr er fort, "weil mir, der ich alle Ritter kenne, mit Ausnahme der jüngsten, deine Stimme nicht bekannt vorkommt". Dann nannte Gaheriet seinen Namen.

"Und wer bist du?" fragte Gaheriet den Gefesselten. "Ich bin Baudemagus, der unglücklichste Ritter, der je gelebt hat, denn wohin ich auch immer komme, habe ich nichts als Unglück." Gaheriet nahm Baudemagus die Binde von den Augen und zerschnitt seine Fesseln. Sobald Baudemagus sich befreit fühlte, bewillkommnete er Gaheriet als seinen Lebensretter. Als er den nahen Fluß bemerkte, sagte Baudemagus, "hätte ich gewußt, daß ich so nahe am Wasser war, so hätte ich meinem Leben schon lange ein Ende gemacht".

Gaheriet gab dem Baudemagus von seiner Kleidung alles, was er entbehren konnte; er ließ seinen Knappen absteigen, um selbst dessen Pferd zu besteigen, und sein eigenes Baudemagus zu überlassen, aber dieser nahm es nicht an, sondera bestieg des Knappen Pferd. "Wohin gehen wir nun?" fragte Gaheriet. Baudemagus hatte keine Ahnung, wohin man ihn geschleppt hatte. Als Gaheriet ihm beschrieben hatte, wo sie sich befanden, deutete Baudemagus auf den Fluß und sagte: "Jenseits des Flusses lebt ein mir befreundeter _vavassour_, der mir alles, was ich brauche, geben wird." (105) Gaheriet war froh, daß durch Zufall auch er nach jener Richtung zu gehen hatte.

Nachdem der Knappe hinter Gaheriet auf dessen Pferde Platz genommen, durschschwammen die drei auf den Pferden den Fluß und erreichten ungefährdet das andere Ufer. Gerade als sie ans Land stiegen, erreichte Agravain das Ufer, welches sie soeben verlassen hatten. Der Knappe erkannte ihn sogleich als den Gegner seines Herrn am letzten Morgen, und indem er Gaheriet auf ihn aufmerksam machte, sagte er: "Jenes ist der Ritter, den du heute früh aus dem Sattel gehoben hast, er folgt dir auf dem Fuße, um sich zu rächen, wenn er kann". "Meinetwegen", erwiderte Gaheriet und fragte dann Baudemagus, wie er an den Fluß gekommen wäre und wer ihn so schändlich behandelt hätte. "Das will ich dir sagen", erklärte Baudemagus, "wisse, daß König Pellinor, der allgemein für einen der besten und ehrenhaftesten Ritter gilt, mir das angetan hat". Dann erzählte er Gaheriet ausführlich wie alles gekommen war, wie er der Frau Pellinors halber[65] verraten und gemißhandelt worden war, _mes de ceste auenture comment il li aduint ne parole mie cest liure, car messire Helyes le deuise appertement ou Compte du Brait por ce quelle appartient a la vie Baudemagus. Et pour ce sen taist messire Robert de Borron, car il ne veult mie compter chose qui en autres comptes soit appertement deuisee_.

Als Gaheriet Baudemagus' Geschichte gehört hatte, zögerte er nicht, Pellinors Handlungsweise zu tadeln. Während sie noch miteinander sprachen, erreichten sie das Haus des _vavassour_, der Baudemagus mit Freuden empfing und ihn mit Pferd, Waffen und allem, wessen er bedurfte, versah. Nachdem Baudemagus neu gekleidet und gerüstet war, bestieg er ein Pferd und ritt mit Gaheriet und dessen Knappen weiter. Unterwegs erzählte Gaheriet, daß er auf dem Wege nach Avarlan sei, wo er gegen Baudon, den Sohn des Herzogs, kämpfen wollte, und daß dann sein nächstes Ziel _La Roche aux Pucelles_ wäre, um Gawain (106) zu befreien, der dort verzaubert weilte. "Wenn Gott mich am nächsten Dienstag in einem Kampfe, der mir bevorsteht, siegen läßt", erklärte Baudemagus, "dann werde ich auch dahin kommen". "Das trifft sich seltsam", sagte Gaheriet "auch mein Kampf ist auf nächsten Dienstag festgesetzt." "Dann laß uns verabreden", sagte Baudemagus, "daß wir uns, wenn wir unsere Gegner besiegt haben werden, am Felsen wiedersehen wollen; wer zuerst ankommt, möge auf den andern drei oder vier Tage warten, und wenn er dennoch ohne den andern gesehen zu haben, den Ort verläßt, so lasse er ein Zeichen von sich zurück".[66] Damit war Gaheriet einverstanden. Nachdem beide die Nacht bei einem Einsiedler zugebracht hatten, trennten sie sich. _Mais de lauenture de Baudemagus ne deuise mie le compte, car elle ny doit pas estre comptee pour ce quelle est de la branche du Brait_.[67]

Nachdem Gaheriet den ganzen Tag geritten war, ohne ein erzählenswertes Abenteuer gefunden zu haben, schlief er die Nacht in dem Hause einer Wittwe. Am folgenden Morgen setzte er in aller Frühe seinen Ritt fort und erreichte am Dienstag früh das Schloß Avarlan. Der Herzog, in Erwartung des Ritters, der gegen seinen Sohn kämpfen sollte, hatte seinen Hof um sich versammelt und sein Sohn saß neben ihm, mit Ausnahme seines Helmes vollständig gerüstet.

Gaheriet begrüßte den Herzog und (107) sagte ihm, daß er ein Abgesandter des Königs Artus wäre, und erklärte ihm den Zweck seines Kommens. Baudon, des Herzogs Sohn, bestritt, daß er je Verrat geübt hätte, und sagte, sein Vater möge ihn für unwürdig und treulos halten, wenn der Ritter ihn besiegte. Dann verlangte Gaheriet, den Gefangenen zu sehen. Gallinor der Gefangene, der Bruder des Gallin, wurde herbeigebracht. Gaheriet hatte eine Unterredung mit ihm allein. Er sagte: "Du bist verloren, denn dein Bruder ist unfähig hierher zu kommen. Sage mir bei dem Heile deiner Seele, ehe du stirbst, weshalb man dich gefangen hält". "Das will ich" sagte Gallinor, "der Wahrheit gemäß tun: Baudon und ich waren für mehr als fünfzehn Jahre Freunde und Waffengefährten. Baudon liebte eine Jungfrau dieses Landes und teilte mir seine Neigung mit, denn ich genoß sein unbegrenztes Vertrauen. Die Jungfrau war der Liebe Baudons nicht würdig, denn sie täuschte ihn mit seinem Vetter, dem sie sich hingab. Lange Zeit trafen sich beide (108) heimlich ohne ertappt zu werden; eines Tages fand ich sie. Aus Liebe zu Baudon wollte ich beide töten, ich ließ sie aber leben, als sie um Gnade flehten und hoch und heilig versprachen, nicht wieder zu sündigen. Weil aber beide fürchteten, daß ich doch eines Tages Baudon die Wahrheit sagen würde, beschlossen sie, mich zu vernichten. Die Jungfrau beklagte sich bei Baudon, daß ich ihr nachstellte und sie zu töten gedroht hätte, wenn sie sich weigerte, meinen Willen zu tun. Der Ritter bestätigte diese Anklage und sagte, daß nur er mich verhindert hätte, der Jungfrau Gewalt anzutun".

"Baudon war über meinen vermeintlichen Verrat sehr betrübt, denn er liebte mich. Er ließ mich fangen und ins Gefängnis werfen, aus dem ich jetzt zum ersten Male herauskomme, um den Tod zu erleiden. So wahr mir Gott helfe, das ist die Wahrheit". Gaheriet tröstete Gallinor und versicherte ihm, daß er nicht sterben werde, und sagte: "Ich werde für dich gegen Baudon kämpfen". Gaheriet suchte Baudon zu überreden, Gallinor frei zu lassen, aber vergebens. Dann gab Gaheriet dem Herzog sein Pfand und Baudon tat dasselbe. Nachdem Gaheriet den Herzog gebeten hatte, daß er Gallinor den Kampf mit ansehen ließe, begab er sich mit den anderen nach dem Kampfplatz (109). Unterwegs erflehte Gaheriet in einer Kapelle von Gott, daß er ihm den Sieg verliehe. Als er aus der Kapelle heraustrat, begrüßte ihn eine Jungfrau mit den Worten: "Gott gebe dir Ehre heute und immerdar". Gaheriet erwiderte ihren Gruß. "Wenn du mir versprechen willst", sagte die Jungfrau zu Gaheriet, "mir eine Gunst zu erweisen, wenn ich dich darum bitten werde, so will ich dir sagen, was dich sehr erfreuen wird". Als Gaheriet ihr das Versprechen gegeben hatte, sagte die Jungfrau: "So wisse denn, du wirst heute Baudon besiegen, und weil er einer der besten und mächtigsten Ritter dieses Landes ist, wird dieser Sieg dir zu großem Ruhme gereichen. Nun geh, aber vergiß nicht was du mir versprochen hast". Als Gaheriet an seinem Ziele ankam, war Baudon schon gewaffnet. Der Herzog hatte zwölf Ritter beauftragt den Kampfplatz zu bewachen und ihnen befohlen, niemanden denselben betreten zu lassen. Der Kampfplatz _duroit vng grant arpent de loing et .iiij. de le_ und war mit eisernen Ketten ringsherum abgegrenzt.

Als das Signal zum Beginn des Kampfes gegeben war, ritten Gaheriet und Baudon mit solchem Ungestüm aufeinander los (110), daß ihre Lanzen zersplitterten und beide von ihren Pferden zur Erde stürzten. Nach kurzem Rasten waren beide wieder auf den Füßen, zogen ihre Schwerter und begannen den Zweikampf zu Fuß und setzten denselben mit solcher Bitterkeit fort, daß beide nach einer Weile der Ruhe bedurften, um Luft zu schöpfen. Als beide nach der Pause den Kampf wieder aufnahmen, wurde es bald klar, daß die Entscheidung sich zu Gunsten Gaheriets neigte. Die Zuschauer begannen um Baudons Leben besorgt zu werden und gaben ihren Gefühlen (111) der Enttäuschung und des Schmerzes auf verschiedene Weise Ausdruck.

Nach und nach begannen die beiden Kämpfer bedeutend zu erschlaffen trotz der übermenschlichen Anstrengungen, die jeder von beiden machte, den andern zu überwinden. Schließlich fing Baudon an zu weichen, und alle erkannten, daß er getötet werden würde, wenn der Kampf nicht auf irgend eine Weise unterbrochen würde. Als der Herzog die Gefahr seines Sohnes erkannte, konnte er die Tränen nicht zurückhalten, aber er war zu ritterlich gesinnt, als daß er sich hätte entschließen können, einzugreifen. Als Gaheriet sah, daß er seines Gegners Schicksal in der Hand hielt, fühlte er Mitleid mit dem guten Ritter und sagte zu ihm: "Du mußt einsehen, daß du verloren hast; weil du aber ein so braver Ritter bist, will ich dir den weiteren Kampf erlassen, wenn du bereit bist, Gallinor in Freiheit zu setzen und ihn wieder als deinen Freund und Waffengefährten zu lieben". Baudon antwortete, daß er mit Freuden bereit wäre, das zu tun, wenn Gaheriet den Herzog überreden könnte, mit dieser Entscheidung zufrieden zu sein. "Ich will es versuchen," sagte Gaheriet. (112)

Gaheriet ließ durch die Wächter des Kampfplatzes den Herzog herbeiholen und erklärte ihm, daß sein Sohn und er selber die Ursache ihres Kampfes als eine nichtige erkannt und daß sie beschlossen hätten, denselben aufzugeben, wenn ihm diese Entscheidung nicht mißfiele. Der Herzog war hocherfreut, doch ließ er nicht merken, wie willkommen ihm diese Wendung des Schicksals war, und fragte seinen Sohn, ob er mit dem, was sein Gegner gesagt, einverstanden wäre. Baudon bejahte das. Die Umstehenden baten den Herzog, Gaheriets großmütiges Anerbieten nicht abzuschlagen.

Darauf betrat der Herzog den Kampfplatz und befahl Gaheriet und Baudon, ihre Helme abzunehmen und sich den Bruderkuß zu geben. Beide gehorchten zur großen Freude aller Umstehenden. Gaheriets edle und großherzige Handlungsweise fand allgemeinen Beifall. Baudon gelobte, Gallinor so lange er lebte als Freund und Gefährten zu lieben und ließ sich dann nach dem Schlosse tragen, denn er vermochte sich vor Erschöpfung kaum aufrecht zu erhalten. In der allgemeinen Freude über den glücklichen Ausgang des Kampfes, vergaß man Gaheriet ganz und gar. Gaheriet damit nicht unzufrieden, befahl seinem Knappen, sein Pferd herbeizubringen. (113)

Obgleich sein Knappe ihn abzuhalten suchte, beschloß Gaheriet ohne Verzug aufzubrechen, ungeachtet der Wunden, die ihm Baudon verursacht hatte. Er war noch nicht weit geritten, als er Agravain traf, der ihm nachgeschlichen war, und nun glaubte, daß der günstige Augenblick zur Rache gekommen wäre. Mit eingelegter Lanze ritt Agravain, so schnell sein Pferd ihn zu tragen vermochte, auf Gaheriet los. Dieser ergriff seinen Schild, zog sein Schwert und dachte bei sich: "Wenn der Ritter wüßte, wie ermattet ich bin, würde er mir gewiß den Kampf ersparen. Sollte es mir aber gelingen, ihn trotz meiner Ermattung zu besiegen, so wird mir das zu um so größerer Ehre gereichen." Agravain durchbohrte Gaheriets Schild und Harnisch und traf dessen linke Schulter mit seiner Lanze, die zersplitterte, vermochte ihn aber nicht aus dem Sattel zu heben. Gaheriet gab Agravain mit seinem Schwerte einen gewaltigen Schlag auf den Helm, so daß er das Haupt bis auf den Pferdehals beugte; nun riß er ihm den Helm vom Kopfe und schlug ihn damit bis er mit Blut überströmt war; dann zog er ihn vom Pferde und ließ ihn liegen wohin er gefallen war. Als Gaheriet mit seinem Knappen weiterritt, sagte der letztere zu ihm: "Der Ritter, den du eben so zugerichtet hast, ist derselbe, (114) den du vor drei Tagen besiegtest; er ist uns die ganze Zeit gefolgt und glaubte nun, da er dich von dem Kampf mit Baudon erschöpft zu finden hoffte, sich leicht an dir zu rächen". "Hätte ich das gewußt", sagte Gawain, "so hätte ich ihn nicht so billigen Kaufes davon kommen lassen; sollte er noch einmal kommen, so wird er es bereuen".

Bei einem Förster, einem Lehnsmann des Königs Artus, fand Gaheriet gastfreundliche Aufnahme; er blieb im Hause des Försters bis seine Wunden geheilt waren. Bevor er weiter ritt wechselte er seine Waffen, weil er unerkannt zu bleiben wünschte. Den ersten Tag ritt er, ohne daß ihm etwas der Erwähnung wertes begegnet wäre, und schlief die Nacht im Hause eines Ritters. Am nächsten Tage begegnete er der Jungfrau, der er versprochen hatte, eine Gunst zu erweisen, wenn sie ihn darum bitten würde. Wegen der fremden Waffen, die er trug, erkannte die Jungfrau Gaheriet nicht und fragte ihn, nachdem sie ihn begrüßt, wie er hieße. Gaheriet gab sich zu erkennen; die Jungfrau bat ihn, ihr nun sein Versprechen zu erfüllen. Gaheriet war dazu gern bereit. "Nicht weit von hier", sagte die Jungfrau, "lebt eine schöne Dame, die mir durch Betrug und Täuschung meinen Geliebten geraubt hat, ihn, den ich über alles in der Welt liebe. (115) Ich wünsche, daß du mich rächst an der Treulosen und mir ihren Kopf bringst." Gaheriet bat die Jungfrau, ihm einen anderen Auftrag zu geben, denn es widerstrebte ihm, ohne die dringendsten Gründe einem Weibe den Kopf abzuschlagen. Die Jungfrau bestand auf ihrer Forderung und drohte Gaheriet, sich an ihm zu rächen, falls er sein Wort nicht hielte. "Wenn ich dir nicht helfe Gawain und den Morholt zu befreien", sagte sie, "so wird dir alle deine Tapferkeit und Mühe nichts helfen". Die Erinnerung an Gawain bestimmte Gaheriet nachzugeben. Nachdem ihm die Jungfrau gelobt hatte, ihm so gut sie konnte zu helfen, Gawain zu befreien, verlangte Gaheriet zu wissen, wo ihr Geliebter und ihre Nebenbuhlerin zu finden wären.

Die Jungfrau führte Gaheriet durch den Wald zu zwei Pavillons. Vor dem einen hielt ein Zwerg ein stattliches Kampfroß am Zügel. "Hier", sagte die Jungfrau, "wirst du einen Kampf zu bestehen haben, denn mein Geliebter ist ein starker und tapferer Ritter". Gaheriet fragte die Jungfrau noch einmal, ob sie wirklich ernstlich verlangte, daß er ihrer Nebenbuhlerin das Haupt abschlüge, und sie bejahte seine Frage.

Dann stieg Gaheriet ab und trat, trotz der Widerreden des Zwerges, (116) in den ersten Pavillon ein. Darin fand er einen, mit Ausnahme des Helmes, vollständig bewaffneten Ritter mit einer schönen Dame im Gespräch, und bei ihnen war noch eine andere weniger schöne Dame. Als der Ritter Gaheriets ansichtig wurde, forderte er ihn auf, sofort umzukehren, denn es sei anmaßend von ihm, ohne Erlaubnis in eines anderen Pavillon einzutreten. Gaheriet erklärte dem Ritter, daß er keine andere Wahl gehabt hätte, weil er einer Jungfrau den Kopf der schönen Dame, mit der sich dieser unterhielte, versprochen hätte. Der Ritter glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können, als er diese Erklärung hörte, er sprang auf und forderte ohne weitere Umstände Gaheriet zum Kampfe heraus.

Der Ritter hielt es nicht der Mühe wert, sein Pferd zu besteigen, weil er glaubte, Gaheriet auch zu Fuß besiegen zu können. Beide zogen ihre Schwerter und hieben aufeinander los. Beide fochten mit großer Bitterkeit und Hitze, (117) aber bald war der Ritter, helmlos, in Gaheriets Gewalt. Gaheriet forderte ihn auf, sich bedingungslos ihm zu ergeben; der Ritter war bereit, wenn Gaheriet seine Geliebte zu schonen versprach. Als Gaheriet Anstalt machte, den Ritter zu töten, fiel die Jungfrau, die Gaheriet um die Gunst gebeten hatte, auf die Knie und bat ihn, ihrem Geliebten das Leben zu schenken, ihrer Nebenbuhlerin dagegen den Kopf abzuschlagen. Gaheriet gehorchte ihrem Befehle und verfolgte die schöne Dame. Sobald sich der Ritter frei fühlte, sprang er auf, ergriff sein Schwert, und drohte seine erste Geliebte ohne Verzug zu töten, wenn sie nicht Gaheriet verhinderte, seiner jetzigen Geliebten den Kopf abzuschlagen. In ihrer Todesangst blieb der Jungfrau nichts anderes übrig als seinen Willen zu tun. Über diese Wendung der Dinge war Gaheriet nicht wenig erfreut, (118) denn auf ganz unerwartete Weise war er der Notwendigkeit enthoben, sein mit Widerstreben gegebenes Versprechen zu erfüllen. Als die Jungfrau so ihren Racheplan vereitelt sah, erklärte sie sich bereit, mit Gaheriet nach _La Roche aux Pucelles_ zu gehen, um ihm wenigstens mit ihrem Rate zu helfen, Gawain und den Morholt zu befreien.

"Da du meine Nebenbuhlerin mehr liebst als mich", sagte die Jungfrau zu dem Ritter, "so lasse ich sie dir, möge dich ihre Liebe glücklich machen!" Dann bestiegen Gaheriet, die Jungfrau und der Knappe ihre Pferde und machten sich auf den Weg. Nach dreitägigem ereignislosem Ritte, näherten sie sich einem prächtigen Schlosse. Ein alter Ritter, der allein des Weges daherritt, warnte Gaheriet, nicht in das Schloß zu gehen, weil er dort seine Jungfrau verlieren würde. Gaheriet dankte dem alten Ritter freundlich für seinen Rat, beschloß aber, nachdem er mit der Jungfrau gesprochen hatte, dennoch in das Schloß einzutreten.

Kaum hatte Gaheriet mit der Jungfrau und seinem Knappen die Brücke überschritten und das Tor passiert, als dasselbe hinter ihnen geschlossen wurde. (119) Die Jungfrau erschrak, Gaheriet beruhigte sie. Dann wurde laut ein Horn geblasen. Gleich darauf erschienen zwanzig Ritter und vierzig Lanzknechte, alle wohl bewaffnet, und kamen ihnen entgegen. "Wir sind gefangen", rief die Jungfrau. "Fürchte dich nicht", sagte Gaheriet, "ich werde unsere Freiheit verteidigen, so lange ein Atemzug in meiner Brust ist". "Um Gotteswillen, kämpfe nicht, denn solcher Übermacht ist ein einzelner nicht gewachsen", bat die Jungfrau. In demselben Augenblicke wurde Gaheriet von einer Abteilung der Ritter vom Pferde gezogen und seiner Waffen beraubt, während eine zweite sich der Jungfrau und des Knappen bemächtigte. Die Ritter führten ihre Gefangenen nach der Festung des Schlosses und brachten Gaheriet und seinen Knappen in ein Zimmer, die Jungfrau in ein anderes in sicheren Gewahrsam. Gaheriet war sehr traurig und ratlos. Gegen Abend rief er ein Mädchen an, die an seinem Fenster vorbeiging und erkundigte sich bei ihr, weshalb man ihn und seine Begleiter ohne allen Grund gefangen hätte. "Wegen der Jungfrau", antwortete das Mädchen. "Sie hat aber kein Unrecht getan", sagte Gaheriet. "Das nicht", erklärte das Mädchen, "aber die Stadt muß jedes Jahr einem Riesen zwölf Jungfrauen als Tribut geben. Deshalb ergreifen sie alle Jungfrauen, die hierher kommen, bis sie zwölf haben. Du wirst freigesetzt werden und ebenso dein Knappe, sobald du dich verpflichtet hast, die Stadt für das, was dir geschehen ist, nicht verantwortlich zu machen, denn wenn sie dir übel gewollt, hätten sie dich leicht töten können." "Ich wäre lieber kämpfend gestorben, als daß ich meine Begleiterin verloren hätte", sagte Gaheriet, "denn nun wird man sie dem Riesen ausliefern".

Gaheriet und sein Knappe verweigerten Nahrung und Trank und brachten die Nacht schlaflos zu. (120) Am andern Morgen nach Sonnenaufgang kam eine Dame zu Gaheriet und erklärte ihm, daß er und sein Knappe gehen könnten, wohin sie wollten, sobald sie einen Eid geleistet hätten, sich nicht für den Verlust der Jungfrau an der Stadt zu rächen. Die Dame erzählte Gaheriet, daß der Riese am folgenden Tage vor dem Tore der Stadt erscheinen würde, um die Jungfrau in Empfang zu nehmen und nach seinem festen Schlosse zu führen. Gaheriet und der Knappe leisteten den verlangten Eid und wurden dann freigelassen und mit allen Ehren behandelt. Auf Gaheriets Bitte, ihm seine Jungfrau zurückzugeben, antwortete man ihm, daß man das nicht tun könnte, so gerne man wollte. "Dann will ich selbst versuchen", erklärte Gaheriet, "sie aus der Gewalt des Riesen zu befreien". "Die Stadt würde mehr geben als sie wert ist", erklärten einige, "wenn der Riese getötet würde, (121) denn durch seinen Tod würde sie für immer von dem schmachvollen Tribut befreit werden". Da seine Waffen während der letzten Tage sehr gelitten hatten, erbat sich Gaheriet neue und ein starkes Pferd. Man ließ ihn selbst auswählen, was er für das beste hielt. Nachdem Gaheriet sich Waffen ausgesucht und ein Pferd nach seinem Geschmack gewählt hatte, verließ er mit seinem Knappen die Stadt und ritt in die Richtung, aus welcher der Riese am folgenden Tage kommen würde. Er kehrte für die Nacht bei einem armen Einsiedler ein.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch befahl Gaheriet seinem Knappen, am Wege Wache zu halten, und sobald er einen Riesen kommen sähe, es ihm zu sagen. Er selber ging in die Kapelle zur Messe. Der Einsiedler hatte die Messe noch nicht beendigt, als der Knappe Gaheriet rief und ihm mitteilte, daß ein Riese des Weges käme. Gaheriet vergewisserte sich, daß der Riese derjenige war, den man ihm beschrieben hatte. Der Riese war von gewaltiger Kraft und wohl bewaffnet; er trug ein großes Schwert und eine schwere, eiserne Keule.

Als der Riese an der Einsiedelei vorübergegangen war, ließ sich Gaheriet auf das sorgfältigste bewaffnen, bekannte seine Sünden und erwartete die Rückkehr des Riesen. Der Einsiedler fragte ihn, worauf er wartete. Gaheriet erzählte ihm, (122) was geschehen war und was er zu tun beabsichtigte. Der Einsiedler suchte ihm abzureden, einen so ungleichen Kampf zu unternehmen. "Wenn Gott sich nicht deiner erbarmt", sagte er, "bist du verloren. Wenn es aber Gott gefiele, dir den Sieg zu verleihen, so hättest du größeres vollbracht als irgend ein anderer Ritter, denn du hättest die Stadt und das Land von der Knechtschaft des Riesen befreit. Die Einwohner hätten den Riesen töten können, wenn er allein kam, um seinen Tribut zu holen, aber sie wollten solchen Verrat nicht begehen, denn sie waren dem Riesen ebenso wie einem andern Lehnsherrn Treue schuldig." "Ich will versuchen zu verhindern", sagte Gaheriet, "daß der Riese die Jungfrau wegführt, mit der ich aus so weiter Ferne hierher gekommen bin".