Part 7
IV. __Die Suche nach Merlin.__ SS. 85-94. An jenem Abende wurde Gawains Name nicht erwähnt, weil man Ywain schonen wollte. Am nächsten Tage aber fragte Artus seinen Neffen, was aus Gawain geworden wäre. Ywain erzählte alles was geschehen war, soweit er wußte, seitdem sie zusammen Camelot verlassen hatten. Als der König hörte, daß Gawain und der Morholt auf _La Roche aux Pucelles_ verzaubert lebten, fragte er seine Ritter, was er tun könnte, um sie zu befreien. Er war geneigt sogleich aufzubrechen, den Felsen zu belagern und zu zerstören, selbst wenn er von Stahl wäre. (86) "Das ist unmöglich," erklärte Ywain und erzählte, was ihm der Ritter über die Zauberkraft seiner früheren Geliebten gesagt hatte; dann riet er dem Könige, Merlin kommen zu lassen, der bald Mittel und Wege finden würde, die beiden Ritter aus der Gewalt der Jungfrauen zu befreien. "Das ist der beste Rat, der mir gegeben werden konnte", sagte der König, "denn Merlin allein kann uns helfen". Derselben Meinung waren alle am Hofe, aber Merlin war seit langer Zeit von keinem gesehen worden. Einige glaubten, daß Merlin tot wäre. "Das glaube ich nicht", erklärte Artus, "denn wenn das wahr wäre, hätten wir davon gehört. Wir müssen Merlin suchen lassen, bis er gefunden ist."
Sogleich schickte Artus Ritter und Knappen nach allen Richtungen, um Merlin zu suchen, und befahl ihnen besonders alle Orte zu erforschen, wo Merlin sich aufzuhalten pflegte. Er versprach reiche Belohnung demjenigen, dem es gelingen würde, Merlin herbeizuführen. Die gute Belohnung einerseits, und der Wunsch, dem Könige einen Dienst zu leisten und sich seine Gunst zu erwerben andrerseits, veranlaßten viele Ritter auf die Suche nach Merlin zu gehen, aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich, denn Merlin war tot; allerdings wußten um seinen Tod nur die _damoyselle du lac_, ihr Gefolge und Baudemagus.
Da ereignete es sich eines Tages, daß Tor, der Sohn des Ares, in Wirklichkeit[61] des Königs Pellinor, an einem Mittwoch am Rande eines Waldes Aglant einen Ritter des Königs Artus, der in der _Petite Bretaigne_ geboren war, traf. Beide waren hocherfreut, sich wiederzusehen, keiner konnte aber dem andern mitteilen, daß seine Suche nach Merlin erfolgreich gewesen wäre. "Da wir, jeder allein, keinen Erfolg gehabt, haben", erklärte Aglant, "laß uns versuchen, ob wir vereint mehr Glück haben werden". (87) Damit war Tor einverstanden.
So ritten Tor und Aglant viele Tage zusammen und suchten Merlin, ohne irgendwelche erwähnenswerten Abenteuer zu finden. Eines Tages begegneten sie einem stattlichen Ritter in schwarzer Rüstung und auf einem schwarzen Pferde. Dieser Ritter, der die beiden Gefährten an ihren Waffen erkannte, forderte sie zum Kampfe heraus. Auf seine Bitte ließ Tor Aglant zuerst sein Glück versuchen. Aglant ritt gegen den schwarzen Ritter und dieser gegen ihn. Aglants Lanze brach, und er wurde von dem schwarzen Ritter samt seinem Pferde zu Boden geworfen, aber nur leicht in der Seite verwundet. Als er am Boden lag, rief ihm der schwarze Ritter zu: "Jetzt habe ich mich gerächt, Aglant,[62] dafür, daß du mich den Sitz an der Tafelrunde hast verlieren lassen, weil ich noch zu jung war, wie du sagtest."
Um seinen Genossen zu rächen, griff nun Tor den schwarzen Ritter an und verwundete ihn leicht in der Seite; der schwarze Ritter aber durchbohrte ihm mit der Lanze die linke Schulter; die Lanze zerbrach, als Tor zu Boden stürzte. Dem gefallenen Tor rief der schwarze Ritter zu: "Nun kannst du erkennen, Tor, ob ich weniger würdig war, an der Tafelrunde zu sitzen als du, und daß man mir unrecht tat, als man dir den Sitz gab. Gott hat mir auch vergönnt, mich an dem zu rächen, dem ich den Verlust dieser Ehre verdanke." Dann wandte sich der schwarze Ritter an Aglant, der schon sein Schwert gezogen hatte, und sagte: (88) "Stecke dein Schwert in die Scheide, wir kämpfen nicht weiter; ich habe euch angegriffen, weil ich euch erkannte und weiß, daß ihr Merlin suchet, und weil ich der einzige bin, der euch über Merlin Nachricht geben kann. Ich will euch sagen, was ich weiß, mehr könnt ihr nicht erfahren, so viel ihr euch auch bemühen möget. Merlin ist tot; er starb genau so wie er mir am Hofe vorhersagte, als er erklärte:[63] 'Du wirst eines ehrenvollen Todes sterben, aber ich werde lebendig begraben werden.'" Aglant fragte, wie das gekommen sei; der schwarze Ritter weigerte sich aber, mehr zu sagen, doch fügte er hinzu: "Sage Artus, daß die letzten Worte, die Merlin zu mir gesprochen hat, waren: 'Gawain und der Morholt werden nicht von _La Roche aux Pucelles_ herunterkommen, bevor Gaheriet Ritter sein und sie befreien wird.' Ich bin Baudemagus, der Neffe des Königs Urien, den Artus selbst zum Ritter gemacht hat." Damit ritt der schwarze Ritter, so schnell ihn sein Pferd zu tragen vermochte, davon. Tor hatte sich inzwischen erhoben und wollte nun den schwarzen Ritter verfolgen, Aglant aber hielt ihn zurück, und erzählte ihm alles, was er gehört hatte. "Dann können wir nach Camelot zurückkehren", sagte Tor, "denn unsere Suche ist zu Ende, da Merlin tot ist".
Nachdem Tor, um seine Wunden zu heilen, in dem Hause eines Ritters (89) zwei Wochen geblieben war, während deren Aglant ihm Gesellschaft geleistet hatte, kehrten beide so schnell sie konnten nach Camelot zurück. Am Anfang des Winters erreichten sie ihr Ziel. Nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten, ließ sie Artus vor sich kommen und fragte, ob sie Nachricht über Merlin brächten. Sie berichteten, daß sie Baudemagus getroffen hätten, und was er ihnen dem Könige zu sagen aufgetragen. Artus war über den Tod seines treuen Beraters, dem er so viel verdankte, sehr traurig; es rührte ihn besonders, daß Merlin noch kurz vor seinem Tode an ihn gedacht hatte, als er ihm sagen ließ, wer der Befreier Gawains sein würde.
Aber nicht nur Artus, sondern der ganze Hof trauerte um Merlin, denn alle hatten unbegrenztes Vertrauen in Merlins Macht und Fürsorge gehabt. Die Königin erklärte, sie hätte lieber zwei der besten Städte verloren als Merlin. Aglant vermochte nicht zu sagen, wer Merlin lebendig begraben hätte, er vermutete aber, daß es ein Weib getan hätte. Artus war derselben Meinung; er fragte Aglant, was er von Baudemagus hielte. "Er ist ein guter Ritter", sagte Aglant, "und wird einer der besten der Welt werden, wenn er am Leben bleibt". "Auch ich hatte stets eine hohe Meinung von ihm", sagte Artus, "und darum will ich ohne Verzug Gaheriet zum Ritter machen, denn das kann mir nur zum besten gereichen". (90)
Als Artus' Neffen Agravain, Gaheriet und Guerrehes geholt wurden, und als Agravain hörte, was Merlin über Gaheriet zu Baudemagus gesagt haben sollte, war er sehr neidisch auf seinen Bruder. "Ich bin der ältere", erklärte er einem vertrauten Gefährten, "ich bin stärker, geübter und gewandter als mein Bruder, mir kommt es rechtmäßig zu, Gawain zu befreien, und ich will mir nicht nehmen lassen, was mir von rechtswegen gehört. Ich weiß, Merlin hat Gaheriet mehr geliebt als mich und bevorzugte ihn, aber darum soll sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, denn ich will sehen, daß ich vor Gaheriet zum Ritter gemacht werde."
Sogleich ging Agravain zu seinem Onkel und bat ihn um eine Gunst, und als dieser bereit war, seinen Wunsch zu erfüllen, verlangte er, daß er ihn vor Gaheriet zum Ritter machte, weil er der ältere war. Der König, der Agravains Beweggründe nicht kannte, versprach ihm das gern. Artus beschloß am bevorstehenden Weihnachtsfest seine drei Neffen in den Ritterstand aufzunehmen und ließ weit und breit verkündigen, daß er zur Ehre derselben einen glänzenden Hof halten würde. So kam es, daß am heiligen Abend den König in seiner Halle eine große und stattliche Versammlung seiner Barone und Ritter umgab. Mit seinen Neffen zugleich wollte Artus noch zwanzig andere Jünglinge zu Rittern machen. Seine Neffen und diese Jünglinge ließ er die Nacht in der Hauptkirche von Camelot wachen. (91)
Am andern Morgen, nach der Messe, versammelten sich alle wieder in der Halle. Es war damals Sitte, daß die Jünglinge, welche die Nacht gewacht hatten, am Morgen ihre Sünden bekannten und dann, schon mit Ritterkleidern angetan, der Messe beiwohnten; daß ihnen aber erst nach der Messe das Schwert umgegürtet, d. h. diejenige Handlung vollzogen wurde, durch welche sie eigentlich erst Ritter wurden. Agravain drängte sich vor, gab seinem Onkel sein Schwert und bat ihn, ihm dasselbe umzugürten. Der König war im Begriff das zu tun, als ihm plötzlich ein stummer Narr das Schwert aus der Hand riß und dasselbe weit fortschleuderte. Dieser Narr war seit fünfzehn Jahren, sowohl zur Zeit Uterpandragons als auch seines Nachfolgers am Hofe geduldet, weil er harmlos war, und niemand hatte ihn je ein Wort sagen hören. Jetzt war er plötzlich fähig zu sprechen und sagte: "König Artus, was willst du tun? Willst du Agravain vor Gaheriet, dem besten Ritter deines Geschlechts, das Schwert umgürten? Du mußt ihn zuerst zum Ritter machen, und er kann dann seine Brüder und die übrigen gürten, denn er ist dieser Ehre würdig." Artus war erstaunt, daß der Stumme plötzlich reden konnte, ließ seine Barone näher treten und fragte vor ihnen den Narren: "Wer hat dir befohlen, mir das zu sagen?" "Merlin der Weise", antwortete der Narr, "sagte mir, daß am heutigen Tage der schlechte versuchen würde, sich vor den guten zu stellen, um zuerst Ritter zu werden. Als ich Merlin fragte, woran ich den schlechten würde erkennen können, erwiderte er: 'Der schlechte ist Agravain der Stolze, der gute ist Gaheriet der Demütige' und dann fügte er hinzu, daß ich Agravains Absicht um jeden Preis vereiteln müßte." Agravain war aufgebracht, als er des Narren Worte hörte, erinnerte seinen Onkel an das Versprechen, welches er ihm gegeben hatte, und bat ihn, der Worte eines Unzurechnungsfähigen halber ihm nicht unrecht zu tun. Artus aber nahm die Sache ernst; er hielt das Einschreiten des Narren für ein Wunder und eine Offenbarung des Willens Gottes. (92)
Er lud seine weisesten Männer ein, ihm in ein anderes Gemach zu folgen, und fragte sie, über das was geschehen war, um ihre Meinung. Sie erklärten, daß Gott, der Gaheriets gute Eigenschaften kenne, seinethalben das Wunder hätte geschehen lassen. "So denke auch ich", sagte Artus, "und deshalb will ich Merlins Wunsch auch in diesem Punkte erfüllen". Nach der Halle zurückgekehrt, ließ Artus Gaheriet vortreten, und gürtete ihm, trotz der Einwendungen Agravains, zuerst das Schwert um, indem er sagte: "Gott will es so, möge er dir Ruhm und Ehre verleihen". Nun bat Guerrehes seinen Bruder Gaheriet, ihm das Schwert umzugürten. Weinend erklärte sich Gaheriet solcher Ehre unwürdig, Artus aber ermutigte ihn und sagte ihm, daß er nicht zögern dürfte, den Willen Gottes zu erfüllen. Guerrehes erinnerte Gaheriet daran, daß er als neuer Ritter ihm die erste Bitte nicht abschlagen dürfte. Dann machte Gaheriet seinen Bruder und die anderen Jünglinge zu Rittern; Agravain aber weigerte sich, das Schwert aus seines Bruders Hand zu empfangen und bestand darauf, daß Artus selber ihn zum Ritter machte.
Als nachher der König und alle Barone und Ritter bei Tische saßen, trat eine Jungfrau in die Halle, grüßte den König und begehrte Gaheriet zu sehen. (93) Als der König ihr Gaheriet zeigte, zog sie einen Kranz frischer Rosen unter ihrem Mantel hervor, legte denselben Gaheriet auf das Haupt und sagte: "Diese Rosen sendet dir die Königin _de lisle faee_". Nachdem Gaheriet der Jungfrau gedankt und sie gebeten, der ihm unbekannten Königin Dank zu sagen, verließ diese, trotz der Bitten des Königs und vieler anderer, die Halle. Die Rosen wurden allgemein als Zauberwerk bewundert, denn zu jener Zeit gab es zur Weihnachtszeit in Großbritannien keine Rosen. Artus sagte scherzend, daß die Königin _de lisle faee_ Gaheriet augenscheinlich nicht haßte. Der Narr sagte dann: "Gaheriet, die Königin, welche dir die Rosen sendet, ist eine der weisen Frauen der Welt, welche die Zukunft kennen. Sie weiß warum sie dich ehrt. Wie die Rose alle anderen Blumen übertrifft, so wirst du alle, die heute zu Rittern gemacht worden sind, übertreffen. Du würdest auch alle Gefährten der Tafelrunde, mit Ausnahme von zweien, übertreffen, wenn dein Wert nicht verringert würde durch eine Sünde, die du begehen wirst, und die den Tod[64] deiner Mutter beschleunigen wird." Sobald der Narr diese Worte gesagt hatte, fiel er tot zu Boden. Artus bekreuzte sich und erklärte: "Gaheriets Ritterschaft hat gut angefangen, (94) möge Gott geben, daß ihr Ende so schön werde wie ihr Anfang". Den Narren ließ der König mit den Ehren begraben, die man einem toten Ritter erwies. Auf seinen Grabstein vor der St. Stephans Kirche in Camelot schrieb man: "Hier ruht der Narr Marin, der all sein Lebtag stumm war, aber an dem Tage, da Gaheriet Ritter wurde, sprechen konnte".
V. __Die Abenteuer Gaheriets.__ SS. 94-131. Am Tage nach Weihnachten war Artus mit wenigen Begleitern außerhalb Camelots auf einem Spaziergange begriffen, als er einem großen Ritter in roter Rüstung begegnete. Der Ritter war so tief in Gedanken versunken, daß er des Königs Gruß nicht hörte und daher, ohne denselben zu erwidern, weiter ritt. Der König, der glaubte, der Ritter habe aus Stolz und Hochmut seinen Gruß nicht erwidert, erklärte: "Wenn ich ein fahrender Ritter wäre, würde ich nicht eher ruhen, bis ich wüßte, wie jener stolze Ritter Lanze und Schwert zu gebrauchen weiß". Kaum hatte der König geendet, so kam ein anderer Ritter desselben Weges. Als der König diesen grüßte, erwiderte er: "Möge dir Gott größere Freude geben als mir beschieden ist, denn ich reite einem (95) sicheren, schmachvollen Tode entgegen". Der König erfaßte des Ritters Zügel, bat ihn, seine Worte zu erklären, und versprach, wenn es in seiner Macht stünde, ihm zu helfen. Als der König sich dem Ritter zu erkennen gegeben hatte, stieg dieser von seinem Pferde und bat den König kniend um Hilfe.
Der König war zu Thränen gerührt und seine Begleiter gleichfalls: "Ich will dir helfen", sagte er zu dem Ritter, "sage mir was dich bedrückt". "Du sahst kurz vor mir", begann der Ritter, "einen anderen Ritter in roter Rüstung bei dir vorbeikommen, er ist einer der besten, stärksten und edelsten Ritter, der Sohn des Herzogs von Avarlan. Er hält einen Bruder von mir in seinem Gefängnis, weil er glaubt, dieser habe ihn verraten. Ich suchte meinen Bruder bis ich erfuhr, daß er im Gefängnis war. Dann ritt ich zu dem Herzog und beschuldigte seinen Sohn vor ihm und seinem Hofe des Verrats. In der nächsten Woche soll der Kampf zwischen uns stattfinden. Während der letzten fünfzehn Tage streifte ich in Logres umher, um Abenteuer zu suchen. Letzten Dienstag traf ich zufällig zwei Ritter, die mich wegen des Todes eines Vetters haßten. Sie griffen mich an, wir kämpften lange, ich tötete sie beide, aber ich erhielt vier schwere Wunden. In eines Ritters Hause weilte ich zwei Tage, um meine Wunden prüfen zu lassen und um zu ruhen, aber ich konnte nicht abwarten bis sie geheilt waren, weil ich nach des Herzogs Hof reiten muß, um meinen Termin zu halten. Ich war aber noch nicht stark genug zum reiten, meine Wunden öffneten sich wieder, ich verlor viel Blut und litt unsägliche Schmerzen; ich kann mein Ziel nicht erreichen, man wird mich für einen ehrlosen, einen Feigling halten und meinen Bruder, einen braven Ritter, schänden und töten. Nun weißt du, warum ich sagte, daß ich einem schmachvollen Tode entgegen ritte". Damit fiel der Ritter von neuem auf die Knie und flehte Artus um Hilfe an. Der König tröstete ihn und sagte, er wollte ihm helfen; wenn keiner von seinen Rittern bereit wäre, gegen den Sohn des Herzogs zu kämpfen, so wäre er selber bereit es zu tun. Der Ritter dankte dem König. Artus fragte seine Begleiter, ob einer von ihnen seinethalben bereit wäre, den Kampf für den Ritter zu übernehmen, aber alle schwiegen, denn sie hatten den stattlichen Ritter in der roten Rüstung gesehen und loben hören (97). Als Gaheriet sah, daß keiner der erprobten Ritter vortrat, kniete er vor Artus nieder und erbat sich als eine Gunst die Erlaubnis gegen den roten Ritter kämpfen zu dürfen, indem er darauf hinwies, daß der König die erste Bitte eines neuen Ritters gewähren müßte. Der König machte Gaheriet klar, daß die Aufgabe, die er unternehmen wollte, für einen jungen, zarten Ritter viel zu schwierig wäre und suchte ihm abzureden; aber Gaheriet beharrte bei seinem Entschluß, ja er drohte ohne Erlaubnis gehen zu wollen, falls der König ihn nicht gehen lassen würde. Als Artus sah, daß Gaheriet entschlossen war, gab er ihm Erlaubnis und bat Gott, ihn zu beschützen. Als der Ritter hörte, daß der junge Ritter, der für ihn kämpfen wollte, Gaheriet sei, sagte er laut: "Gott sei gedankt, nun weiß ich, daß meine Sache in guten Händen ist, denn eine Jungfrau, die ich gestern traf, sagte mir, daß eine Dame, die es wisse, ihr gesagt hätte, daß Gaheriet einer der besten Ritter der Welt werden würde". "Du sprichst von der Jungfrau der Königin _de lisle faee_", sagte Artus, "die Gaheriet den Rosenkranz geschickt hat; wir waren alle erstaunt, im Winter solche Rosen zu sehen".
"Nun laßt uns nach Camelot zurückkehren, damit der verwundete Ritter ruhen kann", sagte Artus. Im Palast angekommen, befahl Artus, dem Ritter ein Gemach anzuweisen, seine Wunden zu untersuchen und ihn mit allem, was er wünschte, zu versorgen. Des Ritters Wunden waren sehr schwerer Art und noch verschlimmert durch seinen langen Ritt. Später sagte der Ritter zu Gaheriet, der ihn nach seines Bruders Namen fragte: "Mein Bruder heißt Gallinor, ich heiße Gallin (98), der Sohn des Herzogs heißt Baudon. Der Kampf soll am nächsten Dienstag stattfinden. Wenn du pünktlich dein Ziel erreichen willst, mußt du morgen früh aufbrechen, denn bis dahin sind es drei gute Tagereisen, aus denen du vier machen solltest." Gaheriet versprach am nächsten Morgen aufzubrechen.
Am Abend verabschiedete sich Gaheriet von der Königin, die ihn sehr lieb hatte und sein Fortgehen bedauerte. Auch von den Damen und Jungfrauen der Königin, deren aller Liebling er war, nahm Gaheriet Abschied. Den Jungfrauen gab er seinen Rosenkranz und sie machten zum Dank dafür das _lay de la rose_, das in ganz England bekannt wurde. Aber "pour ce que elles ny firent pas adonc beau chappeau comme li dis estoit", machte Tristan, als er an den Hof kam und von dem _lay de la rose_ sprechen hörte, ein anderes Lied und die Harfenbegleitung dazu.
Als Agravain seinen Bruder Abschied nehmen sah, war er sehr traurig und von Neid erfüllt und beschloß ihn auf dem Wege anzugreifen und zu töten, denn, dachte er, "wenn er den Kampf besteht, bin ich entehrt, weil ich der ältere bin; ich muß ihn demütigen". Er plante, am nächsten Tage den König um Erlaubnis zu bitten, ihn auf Abenteuer ausziehen zu lassen. Er wollte aber, nachdem er Camelot verlassen hatte, seine Waffen wechseln, Gaheriet einholen und mit ihm kämpfen, denn er hielt Gaheriet für schwächer als sich selber.
So treulos und verräterisch wollte Agravain seinen Bruder angreifen, der in seiner Herzensgüte und Demut, an (99) nichts Übles dachte. Am nächsten Morgen nach der Messe schwur Gaheriet, daß er niemals über eine gute Tat, die er vollbracht, sprechen wollte, es sei denn gezwungenermaßen, und daß er jeder Jungfrau helfen wollte, die ihn um seine Hilfe bitten würde, wenn ihre Sache eine gute wäre. Von den besten Wünschen aller begleitet verließ Gaheriet wohlbewaffnet, mit einem Knappen, Camelot. Viele geleiteten ihn noch bis zum Walde von Camelot. Nachdem Gaheriet den Hof verlassen hatte, erbat Agravain die Erlaubnis des Königs, auf Abenteuer ausziehen zu dürfen, und zu versuchen, ob er Gawain befreien könnte. Auch von der Königin und ihren Damen verabschiedete sich Agravain. Guerrehes, sein Bruder, war sehr traurig und erklärte, als Agravain ihn fragte, weshalb er nicht auch Abenteur suchte, er würde bei der ersten sich bietenden, Gelegenheit seinem Beispiel folgen.
Nachdem Agravain von Guerrehes, der ihn ein Stück begleitet hatte, Abschied genommen, ritt er mit seinem Knappen Gaheriet nach. Gegen Mittag traf er einen alten Pilger und erfuhr von ihm, daß ein Ritter und ein Knappe, auf die seine Beschreibung paßte, etwa (100) vier Meilen vor ihm ritten. Das war Agravain genug, denn er wollte Gaheriet erst am nächsten Tage einholen, wenn er seine Waffen gewechselt hatte. Die Nacht verbrachten beide Brüder an demselben Orte, Gaheriet bei dem Schloßherrn, Agravain bei einem _vavassour_ in der Stadt.
Agravain bewog den _vavassour_, ihm seine Rüstung zu überlassen, und ließ ihm dafür die seinige zurück. Nachdem er sich den Weg nach Avarlan genau hatte beschreiben lassen, setzte er bei Tagesanbruch seinen Ritt fort. In einem Wäldchen stieg er ab und machte sich kampfbereit. Er sagte seinem Knappen, daß er beabsichtigte, seinen Bruder Gaheriet auf die Probe zu stellen, und befahl ihm, sobald er Gaheriet erblickte, sich im dichten Walde zu verbergen, weil dieser ihn erkennen würde. Der Knappe bemühte sich, seinem Herrn klar zu machen, daß dessen Vorhaben nicht nur leichtsinnig, sondern auch wenig ehrenhaft wäre, aber er predigte tauben Ohren. Agravain wiederholte seinen Befehl und drohte, den Knappen zu züchtigen, falls er ungehorsam wäre.
Nach kurzem Warten erschien Gaheriet mit seinem Knappen in der Ferne. (101) Agravain bestieg sogleich sein Pferd, nahm Schild und Lanze zur Hand und machte sich zum Kampfe bereit; sein Knappe verbarg sich im Walde und bat Gott, seinen Herrn zu bestrafen, weil er aus Neid seinen eigenen Bruder angreifen wollte. Agravain forderte Gaheriet zum Kampfe heraus. Gaheriet nahm erfreut die Forderung an, denn er erkannte Agravain nicht und die Forderung war die erste, die er erhielt, nachdem er Ritter geworden war. Ohne weitere Worte zu verlieren, ritten beide Brüder auf einander los. Agravain durchbohrte Gaheriets Schild und zersplitterte seine Lanze, dieser aber warf ihn mit samt seinem Pferde zu Boden, ritt davon, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und dankte Gott, daß er ihn einen so guten Anfang hatte machen lassen.
Agravains Knappe war nicht traurig, als er seinen Herrn am Boden liegend fand; er dankte Gott, daß er Stolz erniedrigt und Demut erhöht hatte. Agravain war nicht ernstlich verwundet, sondern nur erschüttert von dem Fall, und für seine Erschütterung machte er den hartgefrorenen Boden verantwortlich. Zu seinem Knappen sagte er: "Obgleich mein Bruder mich aus dem Sattel gehoben hat, hat er mich nicht besiegt. Ich werde ihm folgen und nicht an den Hof zurückkehren, bis ich eine passende Gelegenheit zu einem entscheidenden Kampfe gefunden haben werde". (102) "Was hat dir dein Bruder getan", fragte der Knappe, "daß du ihn so haßt? Jeder, der deine Gesinnung hört, muß dich für töricht und niedrig halten. Dabei läufst du auch keine geringe Gefahr, getötet zu werden, denn Gaheriet ist kein Lamm, er weiß seine Haut zu verteidigen, und wenn es darauf ankäme, würde ich mich eher auf seine als auf deine Tapferkeit verlassen. Darum bitte ich dich, gib deinen Plan auf". Agravain weigerte sich entschieden das zu tun. "Und wenn es dir wirklich gelingt", begann der Knappe wieder, "deinen Bruder zu besiegen, was dann?" "Nichts in der Welt würde mich dann abhalten, ihm den Kopf abzuschlagen", antwortete Agravain, "denn ich hasse ihn wie keinen anderen". "Das heißt", sagte der Knappe, "du trachtest deinem Bruder nach dem Leben, und bist ein treuloser Schurke, mit dem ich nichts weiter zu tun haben will. Wenn dein eigener Bruder vor dir nicht sicher ist, um wie viel weniger bin ich es; ich verlasse dich". Vergeblich bemühte sich Agravain, den Knappen zum Bleiben zu veranlassen; der letztere erklärte, daß er nicht an den Hof, sondern zu einem Bruder gehen würde, wo er das Ergebnis des Kampfes zwischen den beiden Brüdern abwarten wollte. So trennten sich beide. Agravain eilte Gaheriet nach, um sich zu rächen. Gaheriet ritt mit seinem Knappen bis er an einen großen, tiefen Fluß kam.