Die Abenteuer Gawains Ywains und Le Morholts mit den drei Jungfrauen aus der Trilogie (Demanda) des pseudo-Robert de Borron

Part 4

Chapter 43,946 wordsPublic domain

Als Gawain diese Worte hörte, erkannte er, was er getan, und bereute aufrichtig, den verraten zu haben, der ihm einen so starken Beweis seines edlen Charakters gegeben hatte. Er sah ein, daß niemand Pellias hätte tadeln können, wenn er sich gerächt und ihn getötet hätte. Wie konnte er seine Missetat sühnen, wie wieder gut machen, was er getan? so dachte er. Arcade, die bemerkte, daß ihn etwas beschäftigte, fragte ihn, woran er dächte. "Nur wenn du mir schwörst, meinen Willen zu tun", antwortete er, "will ich dir sagen, was mich bewegt". Als Arcade den Eid geleistet, erzählte ihr Gawain alles genau wie es geschehen war (37) und gestand ihr offen, daß er Pellias schändlich verraten hätte. "Ich möchte vor Scham sterben", sagte Gawain, "denn nie ist einer meines Geschlechts so ehrlos gewesen als ich". "Und was willst du tun?" fragte Arcade, "das Geschehene ist nicht zu ändern; das einzige was du tun kannst ist, ihn um Vergebung zu bitten". "Das will ich und noch mehr, ich will gut machen was ich getan, und ich kann es, wenn du treulich das mir gegebene Versprechen halten willst, ich bin es dem edlen Ritter schuldig. So sehr ich dich auch liebe, meine Schuld gebietet mir, dich zu verlassen, um seinetwegen. Darum bitte ich dich, daß du ihn an meiner Stelle liebest. Selbst wenn alles anders gekommen wäre, hätte ich nicht lange bei dir bleiben können. Wenn du meine Bitte erfüllst, wirst du glücklich werden." "Wie kann ich das tun", fragte Arcade, "wie kann ich den lieben, den ich so lange gehaßt?" "Du kannst es, glaube es mir," sagte Gawain. "Wenn du mir bei deiner Ehre erklären willst, daß du aufrichtig überzeugt bist, daß es zu meinem besten ist, dann will ich tun was du verlangst", erklärte Arcade, "möge Gott geben, daß ich meine Entscheidung nicht zu bereuen habe". "Dann gehe ich selbst zu ihm," sagte Gawain und machte sich sogleich auf den Weg. Er fand Pellias auf seinem Bette liegend. Er kniete an seiner Seite nieder und bat ihn um Vergebung. (38) Pellias richtete sich ein wenig auf und sagte zu Gawain: "Du hast mich getötet." Gawain erzählte ihm nun, daß er Arcaden veranlaßt habe, ihn (Pellias) als ihren Gebieter und Ritter zu empfangen, und zwar aus freiem Willen. Pellias' Vertrauen in Gawain war zu sehr erschüttert, als daß er ihm sogleich hätte trauen können, und er machte ihm bittere Vorwürfe über seine schändliche Handlungsweise.

Da bat ihn Gawain, mit sich selber Mitleid zu haben und nicht an ihm zu zweifeln. Er erklärte sich bereit zu schwören, daß Arcade ihn (Pellias) ersuchen ließ, zu ihr zu kommen.

Als Pellias begriff, daß Gawain ehrlich und im Ernst war, sprang er von seinem Bette auf und fiel ihm zu Füßen und sagte: "Du hast wieder gut gemacht was du mir getan, du hattest mich getötet, jetzt hast du mir das Leben wiedergegeben." Dann machte sich Pellias schnell bereit und begleitete Gawain, er sagte aber keinem wohin er ginge, weil er immer noch nicht glauben konnte, daß Gawain wirklich zuverlässig war. Bei Arcaden angekommen, nahm Gawain Pellias bei der Hand und führte ihn zu ihr. (39) Arcade bewillkommnete Pellias, der vor ihr niederkniete und seine Werbung wiederholte und ihr sagte, daß er nichts in der Welt mehr wünschte, als ihre Liebe. Dann gab ihm Arcade ihre Hand und lud ihn ein neben ihr Platz zu nehmen. Als Pellias ihrer Aufforderung Folge geleistet hatte, fragte sie ihn, ob er in der Nacht in ihrem Pavillon gewesen wäre, und als er das bejahte, gebot sie ihm, vor allem zu erzählen, was er getan, als er sie und Gawain zusammen gefunden hatte. So gern er geschwiegen hätte, Arcadens Wunsch mußte Pellias erfüllen.

Er erzählte der Wahrheit gemäß genau was er gedacht und getan. Als er geendet hatte, sagte Gawain: "Herr Ritter, du bist der ehrlichste Mann von dem ich je gehört habe; wenn ich die edelste Dame wäre, so würde ich dich meiner hohen Geburt wegen nicht zurückweisen, wenn du mich durch deine Liebe ehrtest." Arcade bat nun ihre Ritter um Rat, und versprach, denselben zu befolgen, (40) wenn er zu ihrer Ehre und zu ihrem Besten wäre. Die Ritter fragten Pellias, ob es ihm gefallen würde, wenn ihre Dame ihn zu ihrem Baron machen würde. Pellias antwortete: "Die ganze Welt, wenn man sie mir geben könnte, würde ich nicht so hoch schätzen als eure Dame." Darauf wurden Arcade und Pellias verlobt.

Die Hochzeit wurde mit großem Jubel und Prunke gefeiert. Der erstgeborne Sohn der beiden war Guiuret le Petit, der ein tüchtiger Ritter wurde und einen Sitz an der Tafelrunde erhielt. Nach der Hochzeit nahm Gawain von den Vermählten Abschied, und ritt wieder wie vorher, um Abenteuer zu suchen. Eines Tages begegnete er seiner Jungfrau (der 15jährigen), seinem Knappen und dem Ritter, der sie veranlaßt hatte, ihn zu verlassen. Er forderte den Ritter zum Kampfe heraus. Beide ritten ohne weitere Worte zu verlieren aufeinander los. Gawain stieß den Ritter mit der Lanze aus dem Sattel, so daß er sich beim Fallen den linken Arm brach. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, wandte sich Gawain dann an die Jungfrau und sagte zu ihr: "Nun kannst du sehen, ob du recht tatest, ihm zu folgen und mich zu verlassen". "Vergib mir", bat die Jungfrau, "ich wußte nicht was ich tat". "Vergeben will ich dir", erwiderte Gawain, "aber mit mir gehen kannst du nicht". "Du gelobtest mir aber mich zu begleiten", entgegnete die Jungfrau. "Das tat ich allerdings", sagte Gawain, "aber du folgtest einem andern, jetzt gehe wohin du willst". (41) Damit verließ Gawain die Jungfrau und ritt den ganzen Tag, ohne ein erwähnenswertes Abenteuer zu finden.

Am dritten Tage als er durch einen dichten Wald kam, hörte Gawain zu seiner Linken einen ängstlichen Schrei. Er hielt an und horchte und hörte eine weibliche Stimme um Hilfe rufen. Er ritt in der Richtung von welcher die Stimme zu kommen schien schnell vorwärts und sah bald drei Pavillons vor sich, in deren Nähe sechs unbewaffnete Ritter einen Knappen zwangen, eine Jungfrau, die an den Schwanz seines Pferdes gebunden war, zu schleifen. Gawain eilte der Jungfrau zu Hilfe und erkannte den Zwerg, der auf der _Plaine Aventureuse_ mit dem großen Ritter um die Jungfrau kämpfen wollte, und der hier dieselbe Jungfrau so mißhandeln ließ.

Schnell entschlossen sprengte Gawain heran, zerhieb mit seinem Schwerte die Stricke, mit denen die Jungfrau an den Schwanz des Pferdes befestigt war, und schlug dann mit der flachen Klinge den Knappen auf den Kopf, daß er zu Boden fiel. Als Gawain auch die Jungfrau erkannte, fragte er sie, wie sie den häßlichen Zwerg dem schönen Ritter hätte vorziehen können. "Nach dem, was du tatest, hätte dir kein Ritter zu Hilfe kommen sollen", sagte Gawain zu ihr, "denn durch deine Handlungsweise beschimpftest du alle guten Ritter". "Tadle mich nicht", bat die Jungfrau, "ich handelte wie ein Weib und habe meine Torheit schwer büßen müssen". Nun ergriff der Zwerg Gawains Zügel und sagte, daß er sein Gefangener wäre, wenn er ihm nicht für die Verletzung seines Knappen Genugtuung gewährte. "Laß meinen Zügel los", schrie Gawain, "oder ich züchtige dich, denn (42) du hast die Jungfrau mißhandeln lassen". Als die anderen Ritter dem Zwerge zu Hilfe kamen, verlor Gawain die Geduld.

Er schlug dem einen der Ritter den linken Arm ab und spaltete einem zweiten den Schädel. Als die übrigen das sahen, entflohen sie. Dann gab Gawain dem Zwerge mit der flachen Klinge eine Tracht Prügel und ritt, als dieser zu Boden gefallen war, ein paarmal über seinen Körper hin, so daß er für lange Zeit unfähig war zu reiten. Hierauf fragte Gawain die Jungfrau, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie in Sicherheit zu bringen. Er hieß sie ein Pferd besteigen und ihm zeigen, wohin er sie geleiten sollte. Unterwegs erkundigte er sich, weshalb sie so mißhandelt wurde. Sie erzählte, daß an demselben Morgen der Zwerg und seine Ritter jenem Ritter begegnet wären, den sie selber auf der _Plaine Aventureuse_ dem Zwerge vorgezogen hätte, und ihn angegriffen hätten. Der Ritter hätte sie aber alle in die Flucht geschlagen. Darüber wären alle sehr traurig gewesen und hätten ihre Niederlage an ihr, als der Ursache derselben, rächen wollen. "Und wärest du mir nicht zu Hilfe gekommen", schloß die Jungfrau, "so hätten sie mich getötet". "Der Ritter war deinem eigenen Zeugnis gemäß ein braver", sagte Gawain, "wie konntest du ihn für einen solchen (43) Teufel gehen lassen?" "Es war töricht von mir, ich habe meine Dummheit schwer bezahlen müssen". "Und das geschah dir recht", sagte Gawain.

Nach einer Weile erreichten beide am Ausgang des Waldes ein festes Schloß. "Hier wohne ich", sagte die Jungfrau, "dieses Schloß ist mein; hier ruhe dich aus". Am Tore hoben Knappen ihre Dame vom Pferde und hießen sie willkommen. Gawain aber weigerte sich abzusteigen und sagte: "Ich habe dir bis hierher das Geleite gegeben, nun gehe ich, denn hier weile ich auf keinen Fall". "Das tut mir leid", sagte die Jungfrau, "aber ich weiß warum". Gawain ritt weg. __Die Erzählung wendet sich nun zu den Abenteuern des Morholt.__[40]

II. __Die Abenteuer des Morholt.__ SS. 43-66. Als der Morholt sich von Gawain und Ywain getrennt hatte, ritt er mit seiner Jungfrau (der dreißigjährigen) und seinem Knappen durch den Wald. Eines Tages kamen sie an eine weite Ebene; auf derselben lag an einem Flusse ein schönes Schloß. Vor dem Schlosse auf einer Wiese waren vierzig reich geschmückte Pavillons errichtet, und viele Ritter des Landes waren um ihren König versammelt, um, der damaligen Sitte gemäß, den Jahrestag seiner Krönung festlich zu begehen. Der Morholt sah dem Feste eine Zeitlang zu. Der König saß, die Krone auf dem Haupte, auf einem elfenbeinernen (40) Stuhl, sein Szepter lag auf einem silbernen Tische vor ihm. Er hatte sein Krönungsgewand angelegt und machte den Eindruck eines tapferen Ritters. Der König war Pellinor, der erst vor kurzem, zur Freude seines Volkes, vom Hofe Artus' zurückgekehrt war.

Ein Ritter kam auf den Morholt zu, begrüßte ihn und lud ihn ein, seine Waffen abzulegen und an dem Feste teilzunehmen. Der Morholt dankte und sagte, er könnte unter keinen Umständen bleiben. Damit war der Ritter nicht zufrieden, und bat den Morholt dringend zu bleiben, der aber machte sich mit seiner Jungfrau und seinem Knappen auf den Weg. Er war noch nicht weit gegangen, als der Ritter gewaffnet hinter ihm her kam und ihn aufforderte, zurückzukehren, da sein König es wünschte. "Dein König ist nicht höflich", sagte der Morholt, "wie kann er wissen, was ich zu tun habe?" "Darauf kommt es nicht an", entgegnete der Ritter, "wenn du nicht gutwillig kommst, brauche ich Gewalt". "Hat dir dein König das befohlen?" fragte der Morholt. "Nein, das gerade nicht", sagte der Ritter, "aber es gefällt mir so". "Wirklich!" sagte der Morholt, "mir aber paßt es nicht". Dann forderte der Ritter den Morholt zum Kampfe heraus.

Beide entfernten sich ein wenig, ergriffen ihre Lanzen und stürmten aufeinander los. Der Ritter fiel zu Boden. Indem er weiter ritt, sagte der Morholt: "Nun reite zurück, du siehst, daß du nicht einer bist, der mich zwingen kann umzukehren". König Pellinor, der den Vorfall von weitem mit angesehen hatte, freute sich, daß der fremde Ritter sich so brav gehalten. "Nun laßt (45) ihn ziehen", sagte er, "ich möchte wohl wissen wer er ist". Damit befahl er seinem Sohn[41] unbewaffnet dem Ritter zu folgen, ihn zu fragen wie er hieße, ob er zur Tafelrunde gehörte, und ihn zu bitten zurückzukehren. Des Königs Sohn führte den Auftrag seines Vaters gewissenhaft aus. Als der König hörte, wer der fremde Ritter war, sagte er: "Den Morholt kenne ich als einen sehr tapferen Ritter". Ohne ein der Erzählung wertes Abenteuer zu finden, setzte der Morholt seinen Ritt den ganzen Tag fort.

Am dritten Tage, als die Sonne hell schien, kam der Morholt in den _Bois du Plessis_. Die Blumen dufteten, die Vögel sangen lieblich, so daß der Morholt seine Lust daran fand. Da hörte er plötzlich einen Hilferuf. Er hielt an und horchte. Bald hörte er deutlich eine Frauenstimme um Hilfe schreien, und seine Begleiterin auch. "Ich muß sehen", sagte er, "wer meiner bedarf, folge mir langsam". Damit gab er seinem Pferde die Sporen und kam bald in ein Tal zu einem großen Feuer, um das viele herumstanden.

Als er sich ohne zu grüßen näherte, gewahrte er eine Dame, ihrer Kleidung bis auf das Hemde beraubt, und einen Zwerg mit auf den Rücken gebundenen Händen. Die Dame war schön, nicht älter als dreißig Jahre, und augenscheinlich von hoher Geburt. Sie weinte. Vier Knechte gingen sehr unsanft mit ihr um; (46) sechs bewaffnete Ritter befahlen ihnen, den Zwerg und die Dame in die Flammen zu werfen. Der Morholt empfand Mitleid mit den beiden unglücklichen Gefangenen und rief mit lauter Stimme: "Laßt die Dame frei, tut ihr kein Leid, bis ich weiß, weshalb ihr sie verbrennen wollt". "Was willst du?" fragte ein Ritter den Morholt. "Ich will wissen, was die Dame verbrochen hat, um eine so große Strafe zu verdienen", erwiderte dieser. "Sie hat ihr Schicksal mit Recht verdient", sagte der Ritter, "denn sie hat ihren König und Gemahl mit jenem elenden Zwerge hintergangen; darum soll sie sterben". "Er lügt, der Treulose", sagte die Dame, "ich würde mir eher haben die Haut abziehen lassen als das Verbrechen zu begehen, dessen sie mich anklagen. Aber Gott, der mich kennt, wird sie bestrafen!" "Herr Ritter", sagte der Zwerg zum Morholt, "habt Mitleid mit meiner Dame und rettet sie, denn sie ist unschuldig". "Schwöre bei deiner Seele", sagte der Morholt, "daß du die Wahrheit sprichst!" "So wahr Gott meiner Seele gnädig ist", erklärte der Zwerg, "meine Dame ist unschuldig". "Dann soll ihr, so lange ich sie verteidigen kann, keiner ein Haar krümmen", sagte der Morholt; "wer aber trotz meiner Warnung Hand an sie legt, der soll es bereuen, denn ich bin gewillt, sie mit aller meiner Macht zu verteidigen". Hierauf forderte der Ritter den Morholt zum Kampfe heraus, und der Morholt ihn.

Beide Gegner ritten aufeinander los; der Morholt, der zornig war, durchbohrte mit seiner Lanze des Ritters Schild und seinen Körper, so daß er zu Boden fiel. Beim Fallen brach die Lanze. Nun fielen die Gefährten des Gefallenen über den Morholt her, der aber fürchtete sich nicht, sondern ritt ihnen mutig entgegen. Nachdem er noch zwei von ihnen aus den Sätteln gehoben hatte, entflohen die andern in den Wald. Er verfolgte sie nicht, sondern wandte sich zu der Dame. Als er abgestiegen war, kniete die Dame vor ihm, dankte ihm für ihr Leben und bat ihn, ihr seinen Namen zu sagen. Als der Morholt den Zwerg von seinen Fesseln befreit hatte, fragte er die Königin, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie nach einer Abtei zu geleiten, die ihre Vorfahren gegründet hatten. Mittlerweile waren die Jungfrau und der Knappe herangekommen. Der Morholt gebot dem Knappen abzusteigen und die Königin auf sein Pferd zu setzen. Dann setzte sich der Zug nach der Abtei in Bewegung. Unterwegs fragte der Morholt den Zwerg, weshalb die Ritter die Dame so grausam töten wollten. "Der Ritter, der zuerst zu dir sprach", erzählte der Zwerg, "liebte die Königin lange, wagte aber nicht, ihr seine Liebe zu bekennen; eines Tages aber war er töricht genug, sich zu einem Geständnis hinreißen zu lassen. Die Königin war entrüstet und drohte ihn zu vernichten, falls er noch einmal von Liebe zu ihr zu sprechen wagte. Dann sann der Ritter auf Rache. Gestern früh, als der König zur Kirche gegangen war, schlief die Königin noch. Da glaubte der Verräter seine Gelegenheit gefunden zu haben. Er ergriff mich im tiefen Schlafe (48) und legte mich leise zu der Königin ins Bett. Keiner von uns beiden erwachte. Dann ließ er den König holen und führte ihn an das Bett der Königin. Der König war überrascht und traurig. Er war von zu edler Gesinnung, um uns Schlafende zu töten, aber er befahl, daß man uns in den Wald führen und verbrennen sollte; er selber wollte nichts davon sehen. Jener Befehl wäre ausgeführt worden, hättest du uns nicht gerettet."

In der Abtei empfingen die Schwestern ihre Königin und Dame mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Entrüstung über ihren Zustand. Die Königin erzählte ihnen was geschehen und zeigte ihnen den Morholt, ihren Retter. Alle dankten dem Morholt auf den Knien für seine edle Tat; er wurde die Nacht samt seiner Jungfrau und dem Knappen aufs beste in der Abtei bewirtet, und man konnte ihn nicht genug ehren. Am andern Morgen ritt der Morholt mit seinen Begleitern weiter durch einen dichten Wald. Gegen Abend kamen sie an einen Platz, von dem vier Wege nach verschiedenen Richtungen ausgingen. Auf dem Platze stand ein großes, altes Kreuz und unmittelbar davor lag ein großer Stein von poliertem Marmor, der aussah als ob er erst eben poliert worden wäre. Die Jungfrau stieg ab und forderte den Morholt auf, ein gleiches zu tun, denn sie wollte ihm eine Inschrift auf dem Steine zeigen. "Wenn du lesen kannst", sagte sie zum Morholt, "sage mir was hier geschrieben steht". Um besser sehen zu können, nahm der Morholt seinen Helm ab, las die Inschrift und wiederholte dann der Jungfrau, was er gelesen, nämlich: __Auf diesem Stein sind viele (49) Wunder des heiligen Graals zu sehen. Wer aber hier bleibt, um dieselben zu sehen, wird sterben oder gelähmt oder verwundet werden, bis zur Ankunft des guten Ritters,[42] der die Graal-Abenteuer bestehen wird.__ "Von dem Stein habe ich oft reden hören", erklärte die Jungfrau, "man nennt ihn _Le Perron du Cerf_, warum aber weiß ich nicht; was beabsichtigst du zu tun?" "Was kann ich anders tun als hier bleiben", entgegnete er, "bis ich einige der Graalabenteuer, die so wunderbar sein sollen, gesehen habe? Und was gedenkst du zu tun?" "Wenn du hier bleibst", sagte sie, "muß ich auch hier bleiben, denn ich weiß nicht, wohin ich gehen kann, und ich kenne kein Quartier, welches ich noch bei Tage erreichen könnte". "Das Hierbleiben rate ich dir nicht", sagte er, "denn du hast noch nicht gegessen". "Ich kann bis morgen warten", beruhigte ihn die Jungfrau, "denn die Nächte sind ja jetzt kurz".

So blieben denn die drei bei dem _Perron du Cerf_ und setzten sich unter zwei Ulmen nieder, die nahe dabei standen. Als die Nacht hereingebrochen war, ging der Mond auf und schien so schön und hell, daß sie alles was vorging sehen konnten. Nachdem sie eine Weile gesessen hatten, kamen aus verschiedenen Richtungen zwei Ritter vor dem Stein an. Ohne ein Wort zu wechseln, lehnten sie ihre Lanzen gegen das Kreuz, zogen ihre Schwerter und begannen einen langen und blutigen Kampf. Als sie länger gefochten als man es für möglich halten konnte, nahmen sie ihre Helme ab, küßten sich und gingen dann wieder jeder in derselben Richtung fort, aus der er gekommen war. Der Morholt bekreuzte sich, denn die schnelle Versöhnung nach so erbittertem Kampf war ihm unerklärlich; die Jungfrau wunderte sich mehr über das Schweigen der beiden Ritter. (50) Der Morholt bedauerte, daß er die Ritter nicht um eine Erklärung gefragt hatte. In diesem Augenblick kam ein Hirsch auf das Kreuz los, sprang auf den Stein und legte sich nieder. Vier weiße Windhunde, die ihm folgten, fielen über ihn her, erwürgten ihn und tranken so viel von seinem Blute, daß sie sich, geschwollen als ob sie bersten wollten, neben den Hirsch niederlegten. Ein feuerspeiender Drache flog nun hernieder und verschlang die Windhunde einen nach dem andern, legte sich dann auf den Körper des Hirsches, als ob er denselben erwärmen wollte, beleckte seine Wunden und behauchte ihn überall. Dann begann der Drache sich augenscheinlich in großen Schmerzen zu drehen und zu winden und fiel von dem Stein herab. Sein Rachen öffnete sich und die vier Windhunde kamen lebendig nacheinander heraus und sprangen wieder auf den Stein. Als der Hirsch, der durch die Wärme des Drachens wieder lebendig geworden war, die Windhunde sah, entfloh er in den Wald, die Hunde verfolgten ihn mit so lautem Gebell, als ob sie zehn anstatt vier gewesen wären. Der Drache flog in den Wald zurück.

Als die Tiere alle verschwunden waren, bekreuzte sich der Morholt, denn er wußte nicht, ob er behext oder berauscht war, oder ob er geträumt hatte. Die Jungfrau hatte niemals etwas Wunderbareres gesehen und war der Meinung, daß der Hirsch derjenige wäre, nach welchem der Stein benannt war. Da sie nichts weiter zu sehen zu bekommen glaubten, streckten sich alle drei auf dem Grase aus und waren bald eingeschlafen, denn sie waren müde und erschöpft. (51)

Bald darauf stieß die Jungfrau einen Schmerzensschrei aus und sagte zum Morholt: "Ich bin tödlich verwundet, und zwar während ich unter deiner Beschützung stehe, doch bin ich selber daran schuld". Der Morholt hatte keine Idee, wie es um die Jungfrau stand, und sagte ihr, daß er auch verwundet wäre, aber nicht wüßte durch wen. Mit großer Anstrengung richtete er sich empor und rief seinem Knappen zu, aufzustehen. Dieser antwortete mit schwacher Stimme: "Herr, ich liege im Sterben, ich glaube nicht, daß ich noch die Sonne werde aufgehen sehen; wenn ihr hier in der Nähe einen Priester wißt, holt ihn; ich weiß nicht, wer mich verwundet hat". Als der Morholt die Jungfrau nach ihrem Befinden fragte, erhielt er keine Antwort. Er legte ihr seine Hand aufs Herz, um zu fühlen ob es noch schlüge; er fand, daß sie tot und über und über mit Blut bedeckt war. Kurz nachher gab auch der Knappe seinen Geist auf.

Der Morholt war außer sich vor Schmerz, Schrecken und Erstaunen, er konnte für den plötzlichen Tod seiner beiden Begleiter ebenso wenig wie für seine eigne Verwundung eine Erklärung finden. Nur eins war ihm klar, jeden, dem er sein Abenteuer erzählen würde, würde ihn für einen Lügner halten, und er selbst würde das Geschehene für eine Fabel halten, wenn er nicht auch verwundet wäre. In solchen Betrachtungen erwartete er den Anbruch des Tages. (52) Bald nach Sonnenaufgang kam ein Ritter auf einem großen Rosse an dem Stein vorbei, und ein Zwerg ritt ihm nach und trug einen Schild und Speer. Der Morholt rief den Ritter an und bat ihn um Hilfe, nachdem er ihm sein Abenteuer erzählt hatte. Der Ritter wußte die Ereignisse der Nacht nicht anders zu erklären, als daß sie Graalabenteuer wären, und sagte, der Morholt könnte froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Der Morholt bat den Ritter, ihn auf sein Pferd zu setzen und den Körper der Jungfrau vor ihm auf den Sattel zu legen, damit er denselben zur Bestattung nach einer Abtei oder einem Kloster tragen könnte. Der Ritter selber sollte mit dem Körper des Knappen ein gleiches tun. Der Zwerg fand des Morholt Pferd in der Nähe des Steines grasend und führte es herbei. Mit Hilfe seines Herrn erfüllte er den Wunsch des Morholt, und nahm selber den Knappen vor sich auf sein eignes Pferd. Dann verließen alle drei den _Perron du Cerf_. Der Ritter prüfte die Wunde des Morholt und fand, daß sie durch eine Lanze verursacht war. Der Morholt empfand beim Reiten große Schmerzen, er hatte viel Blut verloren und seine Wunde blutete noch, so daß man seiner Spur mit Hilfe der auf den Boden gefallenen Blutstropfen hätte folgen können.

Als alle drei mit den beiden Toten etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, fragte der Ritter den Morholt nach seinem Namen. Als dieser sich nannte, rief der Ritter aus: (53) "Bist du wirklich der Morholt, der meinen Vater 'le duc de laval' getötet hat, den ich schon so lange vergeblich gesucht habe? Es ist meine Pflicht als Sohn, meinen Vater zu rächen." Damit gab er seinem Pferde die Sporen und durchbohrte die linke Schulter des Morholt, so daß derselbe vom Pferde stürzte. Beim Fallen brach der Lanzenstiel. In seinem Haß ließ der Ritter dann sein Pferd dem unglücklichen Morholt einigemal über den Körper laufen. Schließlich befahl er dem Zwerg, den toten Knappen niederzulegen; in dem Glauben, seines Vaters Tod gerächt zu haben, setzte der Ritter seinen Weg fort.