Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen

Part 9

Chapter 93,542 wordsPublic domain

Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein etwas besseres Gefängnis) geschafft. Auch hier große Überraschung und Verwirrung. Das Arresthaus ist dazu da, betrunkene Soldaten und Matrosen, die nachts auf den Straßen oder im Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um sie ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann am nächsten Tage, nach Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter und zwei ebenso alte, aber gemütliche und biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf drei Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren vollständig leer, eine elende Gasflamme erhellte sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, und die Kamine hatten selbstverständlich kein Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts zu essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe hatten wir uns auf die Abendkost gefreut.

Abendbrot? Auch nicht vorhanden!

Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, und in kurzer Zeit hatten wir mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich fast die Beine für uns aus. Wir gaben ihnen Geld mit, und schon nach einer halben Stunde keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und Aufschnitt herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit Milch und Zucker gemischt, wurden aufgesetzt, Holzkohle konnten wir uns selber holen, und bald prasselte in allen drei Kaminen ein wundervolles Feuer. Die Eßvorräte waren ganz ausgezeichnet und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten etwas übrigließen.

Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als die Soldaten uns einige englische Zeitungen zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch größer gewesen als der körperliche, denn seit Wochen hatten wir nicht das geringste von dem, was in der Welt vorging, gehört. Wenn auch in den Zeitungen natürlich _nur_ von englischen, französischen und russischen Siegen berichtet wurde, so wußten wir doch wenigstens, wo was los war.

Streng verboten war uns auch der Alkohol. Doch auch in England schien ein Verbot nur zum Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten war nämlich Mitglied einer in England und Amerika weit verbreiteten Freimaurerloge, in der zufällig auch mein Freund, der andere Schloß_herr_, Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen im Knopfloch meines Freundes erkannte, da war die Freundschaft besiegelt. Im Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine Kantine, und einer nach dem anderen von uns wurde von dem guten Logenbruder heruntergeführt, stärkte sich unten und konnte auch seine Tasche mit Bierflaschen gefüllt heraufbringen,

Das Beste war, daß unsere Posten, die mit aufgepflanztem Gewehr vor unserer Tür Wache gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns sogar baten, wir möchten ihnen einige Flaschen Bier mit heraufbringen. Um neun Uhr abends waren unsere Posten bereits so weit, daß wir mit ihnen zusammen Gewehrgriffe übten, um elf Uhr abends ließ der eine Posten sogar sein Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen Kohlenkasten, auf dessen Rand er sich gesetzt hatte, um.

Wenn ich damals schon _die_ Erfahrungen besessen hätte, die ich mir nach fünfmonatiger Gefangenschaft angeeignet hatte, ich wäre da schon ausgerückt.

Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen anderen Lagern, wo wir mit den englischen Tommies zusammenkamen, war deren erste Bitte, nachdem wir uns etwas angefreundet hatten, ihnen einen Zettel zu überlassen mit unserer Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten in Deutschland und der Bescheinigung, daß der englische Soldat Soundso uns gut behandelt hätte. Diese Zettel wurden von ihnen wie Heiligtümer aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen könnten, wenn sie an die Front kämen und in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke, die so kurz waren, daß unten die Füße von den Waden ab herausragten, und so schmal, daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem Rücken darauf balancieren konnte. Dazu gab's zwei wollene Decken. Wie die Bären haben wir geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen alle neben den Matratzen. Am nächsten Morgen, es war Sonntag, erschien ein hoher Armeeoffizier, um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren Wünschen. Ich berief mich nochmals darauf, daß ich Offizier wäre und als solcher das Recht hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier behandelt zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig, versprach mir alles, wenn wir erst am nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt wären, und -- -- hielt nichts.

Endlich am Montag wurden wir aus unserem Gefängnis befreit. Wie immer dicht umringt von unserer Wachmannschaft, marschierten wir zum Hafen, nahmen auf einem kleinen Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus.

Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an einem riesigen Dampfer an, der als Gefangenenlager diente. Nach einer längeren Verhandlung mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant des Dampfers erklärte, er wüßte von uns nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem nächsten Dampfer, es war der Cunard-Liner „Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun der englische Offizier, der uns führte, ein englischer Major, besser schimpfen konnte als der Lagerkommandant, oder woran es lag, jedenfalls gingen wir nach einer halben Stunde an Bord.

Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant, der die Stellung des Lagerkommandanten und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem Schiff bekleidete, nahm uns in Empfang.

Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden, brachte ich in höflichem Tone mein Anliegen vor und verlangte energisch, daß ich den Bestimmungen gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die Antwort dieses Gentleman war unerhört und zeigte seinen gemeinen Charakter recht deutlich.

„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, ich habe schon von Ihnen gehört, Sie sind aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere Male Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch einen Ton hier sagen, sperre ich Sie ein und lasse Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht mehr reden können. Die englischen Offiziere werden in Deutschland so schlecht behandelt, das sollen Sie jetzt büßen.”

Das waren mir nette Aussichten. Was sollte ich dagegen machen?

Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. Die Unterbringung das Schamloseste, was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft saßen die Leute in den unteren Räumen des Schiffes zusammengepfercht, und die einzige körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen auf dem schmalen Vor- und Achterdeck. Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt wurden, packte mich ein wahres Grauen. Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, hätte ich da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu sein. Ich hatte sogar das Glück, durch ihn mit meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge besaß. Das Leben an Bord war höchst eintönig. Morgens um sechs Uhr Wecken und abends um zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags mußten wir je zwei Stunden an Oberdeck herumstehen, und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten nahmen wir in den riesigen Speisesälen des Dampfers ein. Wir saßen zu zwölf an einem Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen für den ganzen Tisch und wusch auch das ganze Speisegeschirr mit ab.

Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; er war Whiskyreisender von Zivilberuf und hatte dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich sein Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte er sich besonders geärgert. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns täglich zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür könnten die Betreffenden in einem Raum für sich allein und etwas Besseres essen und brauchten ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. Daß keiner von uns auf diesen Schwindel hineinfiel, hatte ihn besonders erbost.

Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen Bericht an die englische Regierung fertig und stieg damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch gebe ich weiter, aber was ich dazu schreibe, das können Sie sich wohl denken. In Deutschland müssen die englischen Generale wie die Pferde vor dem Pflug hergehen, _das_ sollen Sie jetzt büßen.”

Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner Behauptungen zu überzeugen. Jeden Abend bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er extra in meine Kammer, drehte das Licht an und sagte: ~„Still here?”~ Zu kindisch!

Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen von Herrn Maxstedt befohlen, das Deck der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. Als wir bei unserer Weigerung blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren und abends um neun Uhr Zubettgehen bestraft. Dabei war der Maxstedt so feige, daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer Front vorbeizugehen und uns die Strafe selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb er in respektvoller Entfernung und sandte nur seinen Unteroffizier als Herold.

Maxstedt schäumte.

„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser ~flying man~ dran schuld, der stachelt noch die ganze Besatzung zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht bringen.”

Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig unschuldig und schrieb Maxstedt einen recht energischen Brief, in dem ich unter anderem betonte, ich hoffte, er sei nur ~temporary lieutnant~, nicht aber auch ~temporary gentleman~. Das half!

Maxstedt behauptete, mit diesem ~flying man~ nichts mehr zu tun haben zu wollen, und schon am nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von der „Andania” und seinem gemeinen Gefängniswärter fort.

Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn ging es wieder stundenlang westwärts. Ich natürlich wieder in einem Kupee allein, diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch von einem Offizier bewacht.

Abends langten wir in Dorchester an.

Hier wehte eine andere Luft, das merkte man gleich. Ein englischer Kapitän namens Mitchell vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte mich höflich, ob ich Offizier sei.

„Ja!”

„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in ein Mannschaftslager gebracht werden. Bitte verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen ältesten Feldwebel, wollen Sie dann bitte allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.”

Ich war sprachlos.

Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen hindurchmarschierten, da erscholl plötzlich hinter uns frisch und hell und klar und mit Begeisterung geschmettert „Die Wacht am Rhein”, dann schönste Soldatenlieder und „O Deutschland hoch in Ehren”. Wir wähnten zu träumen, und als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter uns ein Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen Soldaten, die von dem Lager zum Bahnhof kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen.

O wie schwoll einem das Herz! Mitten in Feindesland, trotz Wunden und Gefangenschaft diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang! Das muß ich den Engländern lassen, sie waren außerordentlich tolerant, und die Bevölkerung hat sich stets mustergültig betragen. Stumm stand sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der Straße, aus allen Fenstern schauten blonde Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung, nirgends ein Schimpfwort. Ja zum Teil schien man den alten deutschen Melodien wie einem Wunder zu lauschen.

Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je dreißig eine kleine Holzbaracke angewiesen, die unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete. Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem Fußboden lag, und zwei wollene Decken bildeten unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich, mit dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen, da er leider für mich aus Platzmangel kein Extrazimmer frei hätte.

Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis dreitausend Gefangene und bestand zum Teil aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. In denselben Ställen hatten bereits vor hundert Jahren deutsche Husaren gelegentlich des Besuchs des Feldmarschalls Vorwärts in England als Gäste gehaust!

Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das Essen war gut und reichlich, die Behandlung einwandfrei, und für sportliche Betätigung war gut gesorgt.

Besonders der Kapitän Mitchell und der Major Owen haben sich um das Wohlergehen unserer Leute verdient gemacht. Beide waren prächtige alte Soldaten von echtem Schrot und Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe mitgemacht und wußten den Soldaten richtig anzufassen. Diese beiden und der englische Arzt haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle, Turngeräte und Sportspiele geschenkt und, wo sie konnten, den Leuten Gutes getan. Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der älteste deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant X. aus München, erworben. Er war Kaufmann von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein ganz hervorragender Mann! Eigentlich war er die Seele des Ganzen, die richtige Mutter des Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, was er nicht vorher bestimmt hatte. Er war die rechte Hand des englischen Lagerkommandanten, und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, die auch nicht den leisesten Schimmer von Organisationstalent besaßen, vollends durchgedreht. Es war geradezu erstaunlich, wie dieser Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen unserer Leute zu sorgen und zwischen unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln. Allerdings wußten auch die englischen Offiziere sehr gut, was für eine Stütze sie an ihm hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch um Überführung in ein Offizierslager ein, denn wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes Gesuch von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben worden. Nach vierzehn Tagen kam das Gesuch vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, ob ich nicht jemand in England namhaft machen könne, der mich kenne. Nun entschloß ich mich zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen Bekannten, und schon nach drei Tagen kam von ihnen die Nachricht zurück, daß sie mich kennten und mich sehr gern legitimieren würden. Nun ging das Ganze nochmals an das ~War office~, und geduldig harrte ich meiner Versetzung.

Wenn es nach dem alten Spruch gegangen wäre: Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, und als vierzehn Tage nach unserer Ankunft die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, in dem Soldatenlager Dorchester bleiben zu dürfen.

Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte in ein Stübchen des Stalles über, in das ich vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.

Das Leben in diesem Stübchen war einzig und von bester Kameradschaft beseelt. Außer aus dem Feldwebel bestanden meine Kameraden aus einem riesigen bayerischen Infanteristen vom Leibregiment, der den Spitznamen Schorsch hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem fixen und gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen Lothringer, von Zivilberuf Schutzmann, und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, hünenhaft von Gestalt, echten blonden Friesen. Nach acht Tagen kam noch ein siebenter Gast hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur See H., der als Flugzeugbeobachter mit seinem Flieger von den Engländern in der Nordsee aufgefischt war, nachdem sie über vierzig Stunden auf dem wracken Flugzeug herumgetrieben waren.

Das Verhältnis auf der Stube war geradezu ideal. Die Mannschaften waren alle bei dem großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen worden und, wie es bei diesen prächtigen Burschen nicht anders zu erwarten war, nur schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und glühende Vaterlandsliebe besaßen diese Leute, daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll. Besonders nett waren die Abende. Man hätte uns nur sehen sollen, mit welcher Begeisterung und kindlichen Freude wir abends stundenlang auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst hergestellten Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel oblagen.

Und wenn erst das Erzählen anging!

Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, endlich aus bester Quelle von unseren herrlichen Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.

Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert Gefangene, selbstverständlich von englischen Soldaten eng umgeben, spazieren geführt. Sehr oft bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch die schöne Umgebung. Die ganze Zeit über wurden Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft und Begeisterung „Die Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, unserer Sieger unter General Kluck! Die englische Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den Seiten der Straßen, nirgends ein Schimpfwort, nirgends eine Drohung. Eine sehr nette Episode erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen und Kapitän Mitchell neu zum Lager kommandiert waren, wurden sie von ihren Frauen inständigst gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne schwerste Bewaffnung unter die deutschen Barbaren zu begeben. Die beiden alten Soldaten ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, kamen ohne Waffen und wurden -- -- nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit sagten sie zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in das Lager kommen und sich davon überzeugen, daß die deutschen Soldaten nicht _das_ wären, zu dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, sondern daß sie wirklich ganz normale Menschen seien.

Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. Nach vielem Zureden aber, und nachdem ihnen versichert war, daß sie von einer starken Wache umgeben werden würden, wagten sie es, die Dienstzimmer ihrer Männer zu betreten und von oben aus dem Fenster herab dem Treiben der deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch war bekanntgeworden, und stillschweigend hatte sich unser Männergesangverein unter der Leitung eines jungen talentierten Musikers unter den Fenstern eingefunden und fing an, seine schönsten Lieder zu singen. Die Damen sollen vor Ergriffenheit nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten ans Fenster und weinten bitterlich vor tiefstem Weh. Von nun ab kamen sie öfters, und viel Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.

Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. Ein neuer Oberst kam ins Lager. Bei seiner ersten Besichtigung war er bis an die Zähne bewaffnet und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und den Kapitän vollkommen unbewaffnet und unbegleitet traf, machte er ihnen wegen ihrer Unvorsichtigkeit die größten Vorwürfe.

Er hat sich aber bald gebessert.

An einem Tage ließ dieser neue Kommandant die beiden anderen Herren kommen und sagte ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind gestern einige neue Gefangene gekommen, und mir ist gemeldet worden, sie hätten Läuse! So etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der Kapitän ganz ruhig zu dem daneben stehenden Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so voller Läuse steckten, daß wir uns nicht rühren konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst war, aber nie in seinem Leben irgendwo militärisch zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch nur in England!

Gegen Ende März hielt ich endlich die erste Nachricht aus der Heimat in der Hand. Im Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch des Krieges, hatte ich von den Meinen die letzte Nachricht erhalten, die vom Juni stammte. Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die ersten Zeilen.

Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich den ersten Brief in der Hand hielt und anfangs zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen seit Kriegsbeginn im Felde; was für Nachrichten brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine Freudennachricht enthielt der kurze Bogen, daß meine Brüder trotz Kampf und Gefahr am Leben waren. Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich schwer traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein, mein treuester Freund und Kamerad, durch die Wirkung des Krieges gestorben war.

Kriegsschicksal!

An einem der letzten Tage des März kam endlich der Befehl, daß ich als Offizier anerkannt worden wäre und in ein Offizierslager übergeführt werden sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock waren bald zusammengepackt, und nach herzlichem Abschied von den braven Kameraden marschierte ich in meinem besten Päckchen mit dem Major Owen zusammen zum Tore hinaus und zum Bahnhof.

Das feine Taktgefühl des alten Haudegens hat mir besonders wohlgetan. Nach mehrstündiger Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der Nähe von London an, wo ich von einem neuen englischen Offizier in Empfang genommen wurde. Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, die seinerzeit einem Schlossergesellen, später Schloßherrn Ernst Suse abgenommen waren, wurden meinem neuen Begleiter übergeben, und dieser durfte sie mir jetzt, da ich ja nun wieder Offizier war, ohne weiteres aushändigen.

Die Wiedersehensfreude!

Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport. Die Posten präsentierten, das Drahthindernis wurde geöffnet, und schon war ich von einer freudigen Schar von Kameraden umringt.

Ja, wer hätte das gedacht.

Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in Tsingtau zum letzten Male gesehen hatte, die Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier wieder. Die Freude kann man sich kaum vorstellen. Das Fragen und Erzählen! Kein Ende wollte es nehmen. Und dann geschah für mich ein Wunder. Ich wurde in ein Zimmer geführt, und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten, richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen. Fast acht Wochen war ich gefangen, nun das erste Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man da verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich mich an diesem Abend hineinlegte?

In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese vor. Besonders da ich hier endlich wieder als Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel geistige Anregung.

Die Behandlung im Lager war gut. Der englische Kommandant ein verständiger Mann, bemüht, uns das Leben zu erleichtern.

Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus, im ganzen waren hundert kriegsgefangene Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben bis zu acht oder zehn Offizieren untergebracht.

Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf- und Aufenthaltsraum. Außerdem gab es noch eine große Reihe von Messe-, Lese- und Speiseräumen, in denen wir uns, wenn wir nicht an der frischen Luft waren, meist aufhielten. Das Essen war echt englisch, also dadurch den meisten Deutschen wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es wurde eher dadurch verbessert, daß wir am Anfang eigene Meßführung hatten, welche später leider vom englischen ~War office~ aufgehoben wurde.

Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört. Wir konnten uns im Gebäude und in einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab, frei bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung und abends um zehn Licht aus und Ronde.