Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen

Part 8

Chapter 83,531 wordsPublic domain

Aber das beste war doch das: beide waren wir in New York täglich zusammengewesen, beide wußten wir gegenseitig, daß wir alles versuchen würden, um nach Hause zu kommen, aber wie es sich jetzt herausstellte, hatten wir beide unseren entsprechenden Unterstützungsmännern das Versprechen geben müssen, zu niemandem ein Wörtchen zu sagen, und das hatten wir beide so gut gehalten.

Aber der Schlager kam noch: Beide waren wir bei demselben Mann gewesen!

Einige Tage nach dem Verlassen von New York erkrankte ich plötzlich, bekam hohes Fieber und mußte mich in die Koje legen. Was es war, wußte ich selber nicht, wahrscheinlich ein Malariaanfall, und dieser Ansicht schien auch der italienische Arzt zu sein und gab mir eine blödsinnige Dosis Chinin. Der Erfolg trat auch sofort ein: ich wurde noch kränker denn zuvor und hatte mehrere Tage fast vierzig Grad Fieber. Diese Tage waren unbeschreiblich. In unserem Loch von einer Kammer wohnten wir zu vieren zusammen. Über mir lag ein Franzose, der mit Schnattern und Futtern nur aufhörte, wenn er seekrank war. Neben mir lag bleich und gefaßt ein Schweizer (das war schon verdächtig). Dieser Mann war so seekrank, daß ich glaubte, er würde Europa niemals lebend erreichen. Links über mir aber lag ein ganz rabiater Engländer, der trotz der geschlossenen Bullaugen Tag und Nacht seine Navy Cut-Pfeife nicht ausgehen ließ, fast immer betrunken war und kaum einen Moment sein Grölen und sein Schimpfen auf Deutschland unterbrach. Meine Ruhe kann man sich denken. Außerdem lag meine Koje direkt neben der Rudermaschine, und dann kam das Schlimmste: die Wanzen!

Ich habe so etwas nie für möglich gehalten!

Diese furchtbarsten Plagegeister kamen nicht einzeln, sondern gleich zu Dutzenden.

Ach, was war der ganze Radau, der unerträgliche Gestank und die seekranken Menschen gegen diese Plage! Trotz des furchtbaren Schwächezustandes, in dem ich mich befand, versuchte ich die braunen Gesellen zu töten oder zu verjagen. Ich merkte aber nur zu bald, daß ich gegen sie machtlos war.

Und dann wurde mir alles gleichgültig. Die Fahrt konnte ja nur noch einige Tage dauern, dann waren wir im schönen Italien, dann nur noch kurze Tage der Erholung, und ich wäre in meinem geliebten Vaterlande gewesen. Mit aller Energie wehrte ich mich gegen meine Krankheit, und die Gedanken an Deutschland ließen mich so weit genesen, daß ich am achten Februar, als der Dampfer in Gibraltar einlief, wieder aufstehen konnte.

Gibraltar!

Wie oft war ich an diesem Felsen früher schon vorbeigefahren, wie hatte ich dem grauen Stein froh bewegt zugewinkt, wenn ich, vom Auslande zurückkehrend, durch die Meerenge fuhr, der treuen Heimat entgegen!

Was hatte ich dieses Mal zu erwarten?

Trotzdem das Anlaufen von Gibraltar nicht auf dem Fahrplan vorgesehen war, fuhr der Dampfer ohne irgendwelche Aufforderung zur Untersuchung in den Hafen ein und ankerte dort. So weit also waren die Italiener schon Sklaven der Engländer geworden!

Sobald das Schiff still lag, kamen zwei Kriegsschiffsbarkassen längsseit, denen ein englischer Seeoffizier, einige Polizeibeamte und mehrere bis an die Zähne bewaffnete englische Matrosen entstiegen.

Ein Glockensignal wurde durch das Schiff gegeben und der Befehl: Sämtliche fremden Passagiere, die nicht Italiener und nicht Engländer sind, auf die Kommandobrücke kommen! Die Stewards gingen herum, suchten alle Räume und Kammern ab, und wie eine Hammelherde, umringt von englischen Matrosen und italienischen Stewards, wurden wir auf die Brücke getrieben.

So ganz wohl war mir dabei nicht zumute!

Aber immerhin hatte ich etwas Vertrauen, da ich, wie ich bald feststellte, der einzige war, der mit einem richtigen Paß mit Photographie ausgerüstet war. Zu meinem großen Unbehagen stellte ich fest, daß wir im ganzen fünf Schweizer waren, von denen mir drei immer schon wegen ihres zurückgezogenen stillen Wesens verdächtig vorgekommen waren. Nur einen Schweizer, den hatte ich noch nicht gesehen, der sah aber auch so dreckig und schmierig aus, daß ich vorsichtshalber etwas zur Seite trat, als er sich neben mich stellte.

Nach ungefähr einer Stunde, nachdem die Passagiere erster Klasse recht oberflächlich und sehr höflich untersucht worden waren, kam die Reihe an uns.

Sechs arme Sünder standen wir da. Der erste war ein italienisch-schweizerischer Arbeiter, dem der rechte Arm fehlte, seine Frau, eine typische Italienerin, warf sich unter Heulen dem Engländer zu Füßen. Ihren ganzen Anhang aus dem Zwischendeck hatte sie mit heraufgebracht. Alles heulte, und verächtlich sah der Engländer auf die Leute herab. Nach kurzem Verhör wurde der Mann entlassen und war frei.

Nun kamen wir.

Der größte von uns Schweizern stand am rechten Flügel. Der englische Offizier trat auf ihn zu und sagte: „Sie sind deutscher Offizier!”

Natürlich laute Entrüstung und Proteste von dessen Seite. Der Engländer reagierte gar nicht darauf, und das Unglückswurm mußte beiseite treten. Wir anderen vier schienen ihm schon echter auszusehen.

Wir wiesen auf unsere Pässe hin, und jeder von uns gab eine Mordsgeschichte zum besten. Nach kurzer Zeit sagte er: „Schön, die vier können gehen, aber den einen nehme ich mit!”

Mir schlug das Herz vor Freude bis zum Halse. Da kam der Verräter.

Ein windiges Bürschchen in tadellosem Zivil trat an den Offizier heran und sagte ihm mit aufgeregter Stimme: „Es ist ausgeschlossen, daß die vier so ohne weiteres freikommen, ich bin überzeugt, alle vier sind Deutsche; es müssen unbedingt noch ihre sämtlichen Sachen untersucht werden.”

Von unserer Seite lauter Protest, aber es half nichts. Zwar widerwillig und voller Verachtung gegen diesen Schurken folgte der englische Offizier doch, und nun begann die Untersuchung in der Kammer. Alles wurde durchwühlt. Überall schnüffelte der Schurke herum, nichts konnte er finden, was verdächtig war. Kein Namenszug, nichts. Plötzlich drehte sich der Kerl um, riß mir die Jacke auf, krempelte mir die Brusttaschen um und sagte dann triumphierend zu dem Offizier, der neben ihm stand:

„Sehen Sie, auch hier kein Namenszug und kein Name, das ist ein Zeichen, daß er ein Deutscher ist, denn er hat alle Monogramme vorher vernichtet.”

Ach, hätte ich diesem Hund seine Hirnschale einschlagen können!

Wie wir bald erfuhren, war dieser Zivilist der Vertreter der Firma Th. Cook & Brothers in Gibraltar und versah auf den Dampfern Dolmetscher- und schurkische Spionendienste. Er sprach ein so reines Deutsch, daß er zweifellos viele Jahre in Deutschland Gastfreundschaft genossen haben mußte. Wie viele Unglückliche mochte diese Schlange wohl schon ins Verderben gebracht haben!

Wiederum wurden wir fünf wie Vieh auf der Brücke zusammengetrieben. Dann näherte sich auch schon der zweite Judas Ischarioth, welcher von Cooks Vertreter herbeigeholt war. Dieser zweite war ein Schweizer Passagier erster Klasse, und auf Veranlassung des Schurken sollte er uns in Schwyzer Dütsch prüfen.

Wir versagten alle fünf.

Kein Protest half. Nichts nützte, daß ich den Leuten die tollsten Geschichten erzählte, wie: Ich könnte ja überhaupt gar kein Deutsch! Schon als Kind von drei Jahren hätte ich mit meinen Eltern die Schweiz verlassen und sei mit ihnen nach Italien gezogen. Dann sei ich nach Amerika verschlagen worden.

In gutem Italienisch und Amerikanisch redete ich wie um meinen Kopf. Beinahe kam ich frei, da zischelte die Schlange wieder, und -- -- -- aus war es!

Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr ein, er sagte bloß, es seien bereits so viel Schweizer durch Gibraltar durchgefahren, so viele gäbe es in der ganzen Welt nicht.

Mit einer innerlichen Wut, die mich fast zum Wahnsinn brachte, wurde ich abgeführt.

Schnell hatte ich ein paar Habseligkeiten zusammengerafft, ich konnte einer deutschen Dame noch unbemerkt einen Zettel in die Hand drücken, den sie auch treulich meinen Verwandten gesandt hat, und mit einem groben Stoß eines Seemanns flog ich das Fallreep hinunter und in die Barkasse, in der die vier anderen Unglückswürmer bereits gänzlich zerknickt saßen. Dann kam der englische Offizier mit seinem Schurken und fort ging's.

An der Reling des Dampfers stand der Schweizer Verräter und sah schadenfroh herab. Da konnte ich nicht mehr an mich halten, ich sprang auf und drohte ihm mit der Faust und brüllte ihm ein Schimpfwort zu.

Ein hysterisches Verräterlachen antwortete mir.

Und ganz vorne von der Steuerbordreling, da grüßten stumm ein paar traurige deutsche Augen einen letzten Abschiedsgruß zu mir herüber.

Leb' wohl, du glücklicher Kamerad, grüß' mir die Heimat, die du in einigen Tagen wiedersehen wirst!

Hinter Mauern und Stacheldraht

Der englische Offizier beruhigte mich: „Seien Sie versichert,” sagte er mir, „Sie können heute noch in Gibraltar Ihren Schweizer Konsul sprechen; wenn der die Richtigkeit Ihres Passes bestätigt, dann sind Sie am selben Tage frei.”

Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nur zu bald. Die Dampfbarkasse rauschte dem Lande zu, und bald legte sie am inneren Teil des Kriegshafens an.

Zehn Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr standen an der Anlegestelle bereit. Einige kurze Befehle, die paar Sachen, die wir mitgenommen hatten, nahmen wir selbst auf den Buckel, dann mußten wir uns in zwei Reihen aufstellen, die zehn Soldaten umringten uns, und auf das Kommando: ~„Quick marsh”~ setzte sich der traurige Zug in Bewegung.

Alles mit mir und um mich herum geschah wie im Traum. Ich war überhaupt kaum fähig, einen Gedanken zu fassen, so war ich niedergeschmettert.

Gefangen!

War es wirklich wahr? Gab es so etwas überhaupt?

Es war entsetzlich, unfaßbar! Wie ein Verbrecher wurde man hier entlang geführt, und wie Verbrecher wurden wir von der Bevölkerung, an der wir vorbeigehen mußten, angesehen. Die Soldaten trieben uns zur Eile an. Ich war schwach zum Umsinken, da ich das Fieber noch nicht ganz überwunden und seit drei Tagen außer Chinin nicht das geringste in den Magen bekommen hatte. Die Sonne brannte auf die Felswände herab, und dann der seelische Zustand, die Hoffnungslosigkeit!

Trostlos!

Immer höher ging's durch schmale, erhitzte Gassen, bald verschwanden die Häuser unter uns, steile, nackte Felsen an beiden Seiten. Nach einer Stunde hatten wir die höchste Spitze des Gibraltar-Felsens erreicht. Kommandorufe erschollen, Drahthindernisse und eiserne Tore wurden geöffnet, dumpf schlugen sie wieder ins Schloß, Ketten und Riegel klirrten.

Gefangen!

Nun wurden wir zuerst zur Polizeiwache gebracht und einem Verhör unterzogen. Ich protestierte energisch und verlangte, umgehend vor meinen Konsul geführt zu werden, wie mir von dem englischen Offizier ausdrücklich zugesichert war. Ein bedauerndes Lachen war die Antwort. Ach, wir waren ja nicht die ersten, die so heraufgebracht waren und dasselbe Ansinnen gestellt hatten. Wie unendlich viele haben wohl hier oben gestanden und endgültig ihre Hoffnungen begraben müssen!

Jetzt begann die körperliche Untersuchung.

„Hat jemand von den Gefangenen Geld bei sich?”

Keiner antwortete selbstverständlich. Wir mußten uns ausziehen, und jedes Kleidungsstück wurde eingehend auf Geld, Doppelgläser, Photographenapparate und besonders auf Schriftstücke untersucht. Ich kam als dritter an die Reihe, mein Hemd durfte ich anbehalten.

„Haben Sie Geld?”

„Nein!”

Der Feldwebel tastete an meinem Körper herum, plötzlich klimperte etwas in der linken Brusttasche meines Hemdes.

„Was ist das?”

„Ich weiß nicht!”

Nun griff er in die Tasche hinein, und was holte er heraus?: ein wunderschönes Zwanzigdollarstück aus bestem amerikanischem Golde und außerdem ein kleines Perlmutterknöpfchen, welches mich durch das Gegenschlagen gegen das Geldstück bei der Untersuchung verraten hatte. Ich sage ja, das hat man von der Ordnungsliebe! Hätte ich das Knöpfchen zwei Tage früher fortgeworfen, statt es sorgfältig aufzubewahren, wäre dies nicht passiert. Der englische Soldat freute sich, derlei Scherzchen schienen recht oft vorgekommen zu sein. Doch nun untersuchte er genauer. Und zu meinem Kummer holte er mir auch aus der anderen Hemdentasche und aus den beiden Hosentaschen noch je ein schönes Goldstück heraus; und dazu leider auch noch meine kleine Browningpistole, die mich nun schon so treulich all die Monate lang begleitet hatte.

Als ich fertig ausgeplündert war, durfte ich mich wieder anziehen und zu den anderen Leidensgenossen in den Gefängnishof treten.

Dann ging's in unsere zukünftigen Quartiere. Etwa fünfzig zivilgefangene Deutsche empfingen uns mit lautem Hallo. Diese saßen schon seit Beginn des Krieges hier und hatten ihren Humor scheinbar vollständig wiedergefunden. Unsere neuen Kameraden luden uns gleich zum Essen ein, und wie die Wilden stürzten wir auf den von den Gefangenen selbst hergestellten Brotpudding.

Dann ging's an die Arbeit.

Erst mußten wir Kohlen und Wasser schleppen. Wir wurden ungefähr der Größe nach verteilt, und durch Zufall kam der schmierige Schweizer, vor dem ich mich auf dem Dampfer schon geekelt hatte, mit mir zusammen. Es stellte sich heraus, daß er auch Schlosser war, also denselben Beruf wie ich erwählt hatte.

Später, wo wir beide dann dauernd zusammen waren, korrigierten wir etwas unseren Beruf, und zwar waren wir dann nicht mehr Schlosser, sondern Schloß_herr_.

Damit übervorteilten wir keinen, und die Sache hatte vor allen Dingen den Vorteil der Billigkeit, und daß sie sich durch eine einfache Änderung in der Aussprache bewerkstelligen ließ.

Vorläufig aber schleppten wir noch Kohlen, und daß die einzelnen Kiepen nicht zu voll wurden, dafür sorgten wir schon. Wir waren ja auch so schwächlich!

Nachdem wir Kohlen und Wasser genügend geschleppt hatten, empfingen wir unsere dreiteiligen Soldatenmatratzen, hart wie Stein, dazu zwei wollene Decken. Dann hatten wir für diesen Abend Ruhe. Das erste jetzt war das Waschen. Ich sehe die Szene heute noch.

Mein schmieriger Kollege von derselben Fakultät setzte sein Waschbecken neben das meine und zog in aller Seelenruhe sein Hemd aus. Donnerwetter, so viel Sauberkeit hatte ich doch nicht erwartet, und ich musterte ihn kritisch. Tadellos gewachsener Körper und sogar sauber, ja blitzsauber! Aber Kopf, Hals und Hände, brrr! Mitten im Waschen hörte ich plötzlich auf. Mein Gesicht wurde immer länger, mein Erstaunen war groß. Das Waschwasser meines Kollegen war schwarz wie Brühe, aber er? Das war ja ein ganz anderer, der jetzt neben mir stand. Die vorher schwarzen und schmierigen Haare leuchteten in hellstem Blond, das Gesicht war frisch und weiß und zeigte feine Züge, und die Hände waren schlank und wohlgebaut. Und, war es möglich? Quer über die Backen und über die Schläfen da zogen sich Schmisse, richtige, echte deutsche Studentenschmisse hindurch. Das Hallo, und das Gefrage und Erzählen, das nun folgte. Mein Kollege war ein echter deutscher Student gewesen, hatte jetzt in Amerika eine schöne Automobilfabrik sich gegründet und hatte dort drüben alles stehen und liegen gelassen, um als Reserveoffizier seinem Vaterlande zu helfen. Schnell schlossen wir uns aneinander an und sind treue, unzertrennliche Freunde geblieben durch viele Wochen der Gefangenschaft, bis das Schicksal uns leider wieder trennte. Wir beiden Schloß_herren_ waren aber bald bekannt.

Abends um zehn Uhr wurde Zapfenstreich geblasen, Licht aus in allen Räumen.

Ich hatte meine Schlafstelle an einem Fenster aufgeschlagen, welches bis dicht auf den Fußboden herunterreichte. Auf der Erde liegend konnte ich bequem aus dem Fenster heraussehen.

Der Tag hatte so viel Neues gebracht, jetzt erst kam ich zur Ruhe und zur Überlegung.

Die Kaserne, in der wir untergebracht waren, lag hoch oben auf der höchsten Spitze von Gibraltar, da wo die Felsen steil nach Süden zu ins Meer herabfallen.

Durch das Fenster erblickte ich jetzt tief unter mir das wunderbar blaue Wasser der Meerenge von Gibraltar.

Drüben, ganz fern am Horizont, grüßte fein und hell die Küste von Afrika herüber.

Da unten war die Freiheit, Schiffe fuhren hin und her, auf denen Menschen lebten, freie, ungebundene Menschen, die fahren konnten, wohin sie wollten, und -- -- -- nicht wußten, wie wunderbar und kostbar Freiheit war!

Es war zum Wahnsinnigwerden!

Die Gedanken jagten sich, die Ereignisse des Tages zogen im Geiste an mir vorüber, und wenn ich daran dachte, daß ich jetzt auch dort unten auf einem der Dampfer schwimmen könnte, dann hätte ich am liebsten aufbrüllen mögen vor Wut.

Ach ja, heute war der achte Februar, mein Geburtstag, _den_ Tag hatte ich mir allerdings anders vorgestellt!

Wie ein Irrsinniger wälzte ich mich auf meinem Lager herum, und wenn ich nachsann, wie jetzt alles hätte sein _können_, was ich alles von diesem Tage erhofft hatte und wie ich mir die Zukunft ausgemalt hatte, dann packte mich die wilde Verzweiflung, und vor ohnmächtiger Wut liefen mir die Tränen aus den Augen, ohne daß ich es verhindern konnte.

Sehnsucht, o du furchtbare Sehnsucht!

In dieser Nacht war ich nicht der einzige, dem es so ging.

Aus vier anderen Lagern sahen bleiche Gesichter heraus, weitgeöffnete Augen starrten zur Decke, und manch unterdrücktes Schluchzen biß sich in die Decken hinein. Am nächsten Morgen um vier Uhr wurden wir plötzlich alle geweckt. Die englischen Unteroffiziere gingen die Räume entlang, und es wurde der Befehl gebrüllt, daß alle deutschen Gefangenen sich sofort klar zu machen hätten, in zwanzig Minuten abzumarschieren und mit einem bereits klar liegenden Dampfer nach England zu fahren.

Nach England? Das war doch gar nicht möglich, wir waren doch Schweizer, wir sollten doch heute unseren Konsul sprechen!

An der stoischen, unerschütterlichen Ruhe der Engländer prallten alle unsere Versuche ab. Nun schnell alles zusammengerafft, und genau eine halbe Stunde später marschierten wir sechsundfünfzig Zivilgefangene, umringt von hundert schwer bewaffneten englischen Soldaten, in den leuchtenden Morgen hinein und den Felsen von Gibraltar hinab.

Aber daß unser Stolz nicht gebrochen war, das wollten wir den Engländern beweisen. Und schmetternd und hell, verstärkt durch die Wut, die in uns kochte, jubelte „Die Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren” zum Himmel empor.

Unten lag ein riesiger Transportdampfer, bis an den Rand gefüllt mit englischen Truppen. Durch die Menge der Abschiedgebenden und der Abschiednehmenden wurde eine schmale Gasse gebahnt, und im Gänsemarsch liefen wir Spießruten. Doch das muß ich sagen, es gab niemanden, der uns belästigte, nicht einen einzigen, der uns etwas zurief. Stumm wurde uns Platz gemacht, stumm ließ man uns passieren, ja hier und da traf sogar ein Blick des Bedauerns und des Mitleids diesen traurigen Zug.

An Bord war vorne in der ersten Abteilung im Ladedeck notdürftig ein Raum gezimmert worden. Bänke und Tische und Hängematten waren vorhanden, alles wie an Bord eines Truppentransportschiffes.

In dem Raum befanden sich zwei Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr, oben am Luk standen ebenfalls zwei Posten, das Luk wurde von außen dicht gemacht und verschlossen, und drinnen saßen wir in der Falle. Die Bullaugen unseres Aufenthaltsraumes waren mit eisernen Blenden fest verschlossen, damit ja keiner von uns heraussehen oder womöglich aus einem geöffneten Bullauge Lichtsignale geben könnte. Nach kurzer Zeit schon ging ein leises Zittern durch das Schiff, die Maschinen setzten sich in Bewegung, und dann fing unser schwimmendes Gefängnis an, sich sanft und leise zu heben und zu senken.

Wir waren in freier See.

Tagelang ging es so weiter. Wir saßen streng bewacht, eingeschlossen in unserem Raum, einmal am Tage wurden wir hinaufgelassen und durften für eine Stunde frische Luft schöpfen. Eine recht primitive Bedürfnisanstalt war auf dem Vordeck aus ein paar Brettern zusammengeschlagen worden, und wer diese benutzen wollte, mußte sich beim Posten melden. Zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr geleiteten ihn dann und behielten ihn auch die ganze Zeit über im Auge. Mehr als einer gleichzeitig durfte dazu nicht an Deck erscheinen. Das Essen war gut, richtige Schiffskost, besonders gut war das Brot, die Butter und der überaus reichliche, vorzügliche Jam. Die Zeit vertrieben wir uns, so gut es ging, mit Lesen oder Erzählen, und vor allen Dingen wurde die Frage unserer Zukunft und das, was uns in England erwartete, lebhaft erörtert. Die beiden Posten, die ständig unten im Raum standen, freundeten sich bald mit uns an, und wir haben den armen Tommies mit unseren Erzählungen, wie es an der Kampffront in Frankreich aussähe, ganz furchtbare Angst gemacht.

In der Biscaya bekamen wir sehr schlechtes Wetter.

_Das_ war ein Zustand! Zu sechsundfünfzig in dem kleinen Raum eingepfercht, ohne Licht und Luft, und dazu der größte Teil seekrank. Am schlimmsten seekrank waren aber unsere englischen Posten und die Soldaten, die uns das Essen brachten. Sie boten ein Bild des Jammers. Als wir in die Nähe des Englischen Kanals kamen, bemächtigte sich eine allgemeine Nervosität und Unruhe der englischen Schiffsbesatzung. Täglich wurde Musterung mit Schwimmwesten abgehalten. Unsere Erholungsstunden an Deck fielen aus, und die englischen Soldaten hörten mit ihrem ängstlichen Gefrage nach unseren U-Booten überhaupt nicht mehr auf. Was haben wir denen die Hölle heiß gemacht!

Endlich nach zehn Tagen lief der Dampfer in Plymouth ein. Als die Ankerkette rasselte und wir, sicher vor U-Booten, in dem schützenden Hafen lagen, konnten wir durch die Schottür sehen, wie die englischen Soldaten auf die Knie sanken, und hörten, wie sie kirchliche Lob- und Danklieder sangen zum Dank für die Errettung aus deutscher U-Boots-Gefahr.

Gleich nach der Ankunft kam ein Tender längsseit und nahm uns Gefangene mit selbstverständlich der doppelten Anzahl der Bewachung auf und brachte uns an Land.

Auf die Ankunft _so vieler_ Gefangenen schien man nicht vorbereitet zu sein. Die Engländer waren einfach kopflos. Kein Mensch wußte, was mit uns geschehen sollte, kein Mensch, der Rat schaffen konnte.

Endlich wurden wir in einen Zug verladen, ich selber kam allein in ein Abteil, rechts und links von mir und mir gegenüber je ein Unteroffizier mit aufgepflanztem Seitengewehr, die den strengen Befehl erhalten hatten, mich scharf zu bewachen. Der Grund zu dieser besonderen Ehre war folgender:

Als ich eingesehen hatte, daß es gänzlich ausgeschlossen war, daß ich jemals wieder freigelassen würde oder man mich als Schweizer anerkannte, hatte ich mich auf dem Dampfer ebenso wie die anderen Gefangenen dem führenden Offizier zu erkennen gegeben und verlangt, daß ich meinem Range entsprechend behandelt würde. Der englische Offizier erklärte mir, mich sofort in die erste Klasse aufzunehmen, wenn ich mein Ehrenwort geben würde, niemals einen Fluchtversuch zu machen und in diesem Kriege nicht mehr mitzukämpfen. Da ich dieses Ansinnen selbstverständlich mit Entrüstung ablehnte, wurde ich wieder in den Laderaum geschickt. Der einzige Erfolg war die strengere Bewachung.

Abends bei Dunkelheit kamen wir in Portsmouth an. Auf dem Bahnhof und auch sonst wußte keiner, was mit uns anzufangen. Auch hier schien alles durch die ungeheuer große Gefangenenzahl (wir waren sechsundfünfzig Männekens) vollständig den Kopf verloren zu haben.