Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen

Part 7

Chapter 73,609 wordsPublic domain

Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich eingerichteten Junggesellenwohnung befand. Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten wir den köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan ausgeheckt.

Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten, die am Tage in der Fabrik zu tun hatten. Die Bedienung im Hause war selbstverständlich rein chinesisch, und das war gut.

Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter allen Umständen geheim bleiben, besonders da hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte, der zur „Entente” gehörte.

Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern und besonders den Aberglauben vor Verrückten wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach die: drei volle Tage den wilden Mann zu spielen.

Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen wurde. Der Boy wurde von seinem Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert, und so konnte ich sicher sein, daß nichts verraten würde.

Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es so schwer ist, einen Verrückten zu simulieren. Drei Tage blieb ich in diesem Zimmer eingesperrt, tobte herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und saß stumpfsinnig in meinem Sessel.

Sobald der Boy, der draußen Wache ging, diese Beruhigung merkte, machte er vorsichtig die Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett, auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein daneben stehendes Tischchen. Und wie der Blitz zog er den Arm wieder zurück, und ich konnte ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den Schlüssel im Schloß von außen umdrehte. Wenn ich dann manchmal laut herauslachte, weil ich eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte sicher der brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich gepackt.

Am Abend des dritten Tages schlug endlich meine Befreiungsstunde.

Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der Ankunft verließen wir wieder das Haus.

An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot, ein kurzer herzlicher Abschied, und stromabwärts ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo der riesige Dampfer „Mongolia” lag.

Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und nicht mal das Fallreep war gefiert. Nach vielem Rufen und Schreien bemühte sich endlich jemand, das Fallreep herabzulassen, und mit „_dem_” Koffer in der Hand bestieg Mr. McGarvin das Schiff.

Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck war nur halb erleuchtet, und schließlich ging ich an einige Schiffsoffiziere heran und fragte sie nach meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches auf deutsch hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete mir. Aber als ich diesen Herren mein Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die Situation mit einem Schlage. Tiefe Verbeugungen und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten mehrere Stewards, voran der weiße Obersteward. Die Deckslampen flammten hell auf. Die Stewards rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit geleitete mich der Obersteward in meine Luxuskabine. Er floß förmlich über vor Höflichkeit.

„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie denn heute schon, der Dampfer geht doch erst übermorgen früh, das ist doch heute mittag in Schanghai überall bekanntgegeben worden!” Ich machte ein wütendes Gesicht und tat empört darüber, daß mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht mitgeteilt worden sei.

Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward. Die Ruhe und die Vornehmheit in eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit gebracht. Durch einen seiner Unterboys ließ er meinen Koffer hereinbringen und fragte im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze Gepäck wäre.

„Ja”, sagte ich.

„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke wohl schon im Gepäckraum?”

„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind bereits gestern verladen worden, und ich hoffe sehr, daß der Lademeister gut auf meine wertvollen Strandkoffer achtgeben wird.”

Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte, daß ich schon stolz war, diesen einen Koffer zu besitzen, und selbst dieser war bedenklich leicht!

Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn, abends setzte sich der Dampfer „Mongolia” in Bewegung.

Trotz des schönen Wetters und des guten Essens erkrankte plötzlich am nächsten Tage Mr. McGarvin. Was es war, konnte er selbst nicht genau sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung, und schleunigst wurde der Schiffsarzt geholt. Dies war ein glänzender Mann, Sportsmann durch und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort zu haben. Seine anfangs besorgte Miene nahm schnell einen erstaunten Zug an, als ihm aus der Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes, braun verbranntes Gesicht entgegenleuchtete.

Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten schilderte ich ihm meine Lage. Selten habe ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden gebeichtet hatte. Ein schallendes Gelächter und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich an den richtigen Mann gekommen war. Der Steward klopfte an.

Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des Patienten.

Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit leiser, eindringlicher Stimme sagte ihm der Arzt: „Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar nicht stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das beste Essen, vom Koch sorgfältig ausgewählt, stets ans Bett bringen, wenn Master Wünsche hat, mich sofort holen.”

Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel im Mund, und wenn's länger gedauert hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke verschlungen haben. Ich war wieder mal im Bilde.

Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der drei gefürchteten japanischen Häfen. Friedlich lief der Dampfer in Nagasaki ein, und sofort stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten und Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke tönte durchs Schiff und der Ruf: Alle Passagiere und alle Mann antreten zur Musterung! Und nun ging die Untersuchung und das Gefrage los. Die Passagiere waren im Salon versammelt. Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen, ganz gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind, wurde von einer Kommission aus Polizeioffizieren und Kriminalbeamten vernommen, die Papiere genau revidiert und dann von einem japanischen Arzt genau auf ansteckende Krankheit untersucht. Vor allen Dingen wollten sie genau wissen, wer derjenige wäre, der aus Tsingtau käme! Der fünfunddreißigste Name, der aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah sich um, keiner hatte diesen natürlich gesehen. Da trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen unter bedauerndem Achselzucken eine schreckliche Geschichte ins Ohr.

Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen vor meiner Kammer, es wurde ganz vorsichtig die Tür geöffnet, und herein ging der amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische Polizeioffiziere und der japanische Arzt. Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag der arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu sehen, als etwas vom Haarschopf.

Der Amerikaner trat ans Bett und berührte vorsichtig meine Schulter, was mir scheinbar fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: ~„Oh, very ill, very.”~ Die Japaner, welche sich von Anfang an voller Scheu in der wundervoll eingerichteten Kabine umgesehen hatten, schienen froh zu sein, aus dieser ihnen ungewohnten Umgebung schnell wieder rauskommen zu können. Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch durch die Zähne, welches ihre besondere Ehrerbietung ausdrücken sollte, ein leise gemurmeltes: ~„Oh, I beg your pardon!”~ und raus war die ganze gelbe Gefahr.

Ich glaube, während dieser ganzen Szene und besonders vorher hatte ich doch etwas Schüttelfrost, der sich aber schnell wieder legte.

Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick aufzustehen, um mir vom Schiff aus Nagasaki, das ich von früher her kannte, anzusehen.

Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell wieder in die Koje. Der Hafen war mit unzähligen Dampfern besät, welche unter reichstem Flaggenschmuck zu Anker lagen. Ein außerordentliches Leben herrschte an Bord dieser Schiffe, überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt, die Häuser der Stadt verschwanden fast unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine unabsehbare, froh bewegte Menge strömte durch die Straßen und nach der Festwiese, wo Parade und Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte ich's. Das waren ja die _Sieger_ von Tsingtau! In ganz Japan wurde heute die Niederwerfung und Bezwingung des _ganzen Deutschen Reiches_ gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die in Englisch erschienen, konnte ich an diesem Abend unter anderem lesen, daß es den Engländern, Franzosen und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu besiegen, aber _sie_, die Japaner, _sie_ hätten es fertiggebracht und wären damit jetzt ohne Zweifel das beste und stärkste Heer der ganzen Welt. Doch genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner und Engländer haben sich ganz ähnliche Sachen geleistet.

Noch zweimal legte der Dampfer während dieser Tage in japanischen Häfen an. Sowohl in Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner Kammer derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki -- Mr. McGarvin blieb krank und -- -- -- unbehelligt. Fünf volle Tage blieben wir im ganzen in Japan. Aber endlich, nachdem ich acht ganze Tage im Bett gelegen hatte, ohne daß mir etwas fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die gefährlichen Gewässer, und als die japanische Küste hinter uns am Horizont verschwand, da soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude herumsprang und sein kleines Hütchen, welches ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen China gehört hatte, in der Richtung nach Japan schwenkte und lachend rief: ~„Good bye, Japs, good bye, Japs!”~

Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an Bord eines so großen Dampfers gepflogen werden, zogen die Tage dahin. An Bord waren auch mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer bisherigen Heimat vertrieben, dann einer meiner Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu tun gehabt hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der amerikanische Kriegsberichterstatter Mr. Brace, welcher als einziger Ausländer die ganze Belagerung Tsingtaus mitgemacht hatte.

Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor Honolulu bekamen wir einen starken Taifun auf den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem der Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte.

Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein ankamen, da traute ich meinen Augen kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge! Es war kein Zweifel.

Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns winzig wie eine Nußschale der kleine Kreuzer „Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren, von der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis nach hier durchgeschlagen hatte und interniert worden war. Welch ein eigentümliches Zusammentreffen! Liebe Kameraden, von denen ich lange nichts mehr gehört hatte, traf ich hier mitten im Kriege, fern der Heimat nach großen Erlebnissen. Da gab's ein Fragen und Erzählen, das wollte kein Ende nehmen.

Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges fern unten in der Südsee zwischen dem Gewirr der Koralleninseln befunden. Die Mobilmachung mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war seine Funkentelegraphie entzweigegangen, und er schwamm ohne Nachrichten im Stillen Ozean herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der „Geier” etwas vom Kriege mit England und noch später den mit Japan. Da hieß es aufpassen. Und umstellt und gehetzt von einer Schar von Feinden ist es dem kleinen Kreuzer gelungen, wochenlang segelnd oder im Schlepp eines kleinen Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis nach Honolulu durchzuschlagen. Und als der große japanische Kreuzer, der bei der Einfahrt von Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen schon wohlgeborgen im Hafen, und stolz wehte die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte mit eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.

Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch ein ernstes Hühnchen mit meinem Kriegskorrespondenten zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte mir stolz das erste Blatt, auf dem in riesigen Lettern mein Name, meine Stellung und meine Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger Artikel, der alle Schandtaten aufzählte, die ich in und nach der Belagerung Tsingtaus vollbracht hatte.

Also echt amerikanisch; nach dem, was über einen in der Zeitung steht, wird man erst beurteilt.

Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich hatte allen Grund zu befürchten, daß die amerikanischen Behörden mich auf dieses Schreiben hin in San Francisco festnehmen würden. Doch alle Amerikaner an Bord beruhigten mich in dieser Beziehung, und meinten, ich würde in Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, denn, was ich gemacht hätte, wäre ein ~„good sport”~, dafür hätten die Amerikaner Sinn. Sogar im Gegenteil, der Amerikaner würde sich kolossal darüber freuen, und wenn ich vernünftig wäre und von meinen törichten deutschen Offiziersansichten abließe, dann könnte ich in Amerika ein ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle mich bloß an eine richtige Zeitung wenden, und die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst mit Musik vorneweg, von Stadt zu Stadt ziehen und Vorträge halten und ~plenty dollars~ einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, die Herren Amerikaner. Einer dieser Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines Tages zu mir, nahm mich beiseite und sprach im vollsten Ernste:

„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen mir, ich habe Interesse an Ihnen. Was wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich nicht, in Amerika kennt Sie niemand, und gute Arbeit findet sich dort sehr schwer!”

„Nun, ich will nach Deutschland und will für mein Vaterland kämpfen, ich bin doch Offizier!”

Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.

Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, und dann, Ihr Vertrauen und Ihre Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, ich habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten wird Deutschland vernichtet sein, und da wird es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe mehr geben. England wird keinem deutschen Offizier erlauben, nach dem Kriege in Deutschland zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das Deutsche Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser von seinem eigenen Volke abgesetzt werden. Also seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie in Amerika, ich werde Ihnen gern helfen.”

Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe ich dem Herrn gegeben und eine Belehrung, was eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie es wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute Mann fast selbst mit in Begeisterung über Deutschland geriet. Von nun ab war er noch liebenswürdiger zu mir, und öfters bin ich nachher bei ihm in San Francisco und New York zu Gast gewesen.

Am dreißigsten Dezember liefen wir in San Francisco ein.

Typisch amerikanischer Zustand.

Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen rannten an Deck herum, kamen in Salons, ja ließen einen nicht mal in den Kabinen zufrieden. Von mir hatten die Kerls schon Wind bekommen. Von allen Seiten stürmten diese Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst, es war geradezu widerlich. Schließlich wandte ich das einzige Mittel an, welches hilft: ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt nichts zu sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen, hole ich die Polizei!” Mein Kriegskorrespondent aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert, mit seinen Kollegen so zu verfahren.

Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie eine Katze an mich heran, machte tiefe Verbeugungen, zischte durch die Zähne und sagte falsch lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das auch noch!) und wolle mich begrüßen und mir Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich ja gar nichts zu befürchten, ich wäre auf amerikanischem Boden, aber er würde so furchtbar gerne einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach Japan schicken, das würde seine japanischen Brüder freuen.

Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen Steward hinausbefördern.

San Francisco!

Sie haben mich!

San Francisco!

Diese riesige wunderschöne Stadt!

Das beste war: ich wurde _nicht_ verhaftet. Keine offizielle Persönlichkeit kümmerte sich um mich, und ich blieb einige Tage dort trotz des Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man mich schon verhaftet sah. Ich habe selten in meinem Leben eine so wahnsinnige, tolle Nacht erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.

Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, war nichts gegen die Wirklichkeit. Die ganze Stadt schien wie in ein Tollhaus verwandelt. Und all die Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; schön und kräftig die Männer, hinreißend die blonden Frauen und Mädchen. Ich war von meinem Bekannten in eins der schönsten und größten Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche Eintrittspreise und das Publikum das beste vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.

Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend und schön und wild, es ist „die” Nacht von San Francisco!

Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn galt's wieder Abschiednehmen, und zufällig traf ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen, mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen war, in demselben Eisenbahnwagen wieder zusammen.

Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen gute Nachrichten aus Deutschland brachten, einige der älteren Herren und Damen direkt zur Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest daran glaubten, daß auch wir unserem Ziele nicht mehr fern wären.

Bei den Grand Canons von Arizona wurde ein Zug überschlagen. Das mächtige Naturwunder zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit. Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug durch die Prärien, Knabenerinnerungen an den Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in uns auf, dann trennten wir uns in Chicago und ich fuhr nach Virginien, um liebe Freunde zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise nach Europa ermöglichen könnte.

Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York weiter, um hier mein Glück zu versuchen.

Drei volle Wochen mußte ich in New York bleiben, drei volle Wochen, in denen ich viel von New York und den Menschen dort und von dem dortigen Leben kennenlernte.

Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht wußte, was vor Wut anfangen. Das überstieg alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung erlebt hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum eine Reklame, die nicht gegen Deutschland hetzte, die nicht die tapferen deutschen Kämpfer in den Dreck zogen.

Der Tipperary-Gesang schien auch in New York zum Nationallied gestempelt worden zu sein.

Gab es denn keinen, der diesen Leuten die Augen öffnete, _wollten_ diese Menschen die Wahrheit nicht hören und nicht sehen?

Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt nicht, wußten kaum, wo Deutschland lag, und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen, welche ungeheure Macht die gemeine englische Lügenpresse besaß, und wie urteilslos und dumm der Amerikaner auf diesen groben Schwindel hineinfiel.

Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand.

Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen versucht, überall dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie persönlich all diese Greueltaten nicht tun würden, das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen, die Hunnen und Barbaren, die tun's. Hier steht's ja schwarz auf weiß in den Times! Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar, daß ein so großes Blatt die Unwahrheit sagt.” Ein großer Trost war mir die rührende Art, wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden aufgenommen wurde, und ich bin ihnen aufrichtig dankbar dafür. An einem Abend war ich besonders wütend. Ich war in der Metropolitan Opera gewesen, es wurde unter anderem ein Akt aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche Musik, deutsche Worte und deutscher Gesang!

Mein Herz tat sich auf und quoll über vor wahnsinnig schmerzender Sehnsucht nach dem geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht, trat ich auf die Straße und wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen.

Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie allabendlich, eine riesige Volksmenge. Drüben an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht auf, der von einem Kinematographen-Apparat auf die Wand geworfen wurde.

Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen großen Sieg errungen, die Engländer hatten die deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet!

Die Menge johlte vor Freude.

Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst einige englische und französische Kriegsschiffe, dann plötzlich der deutsche Kreuzer „Goeben”.

Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und Pfui-Rufen, welches kein Ende nehmen wollte.

Das waren die _neutralen_, um Menschenrechte und Gerechtigkeit so besorgten Amerikaner!

Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen gewesen, nach Europa zu gelangen. Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt.

Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen.

Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen Segelschiff gefunden und sollte sofort meinen Dienst als Matrose antreten. Da mir aber dringend geraten wurde, diesen Kasten nicht zu benutzen, da mehrere englische Matrosen an Bord wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte weiter.

Endlich hatte ich, was ich wollte.

Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen, der ein recht bewegtes Leben hinter sich hatte. Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben und lebte nun schon lange in New York. Was er eigentlich tat, habe ich nie recht herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls sehr geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren. So waren wir bald handelseinig. Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß, meine Photographie war sauber eingeklebt, alle An- und Abmeldungen vorschriftsmäßig vorhanden.

Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn der Schweizer Schlossergeselle Ernst Suse an Bord des neutralen italienischen Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand im Zwischendeck.

Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue. Fünf Seemeilen vor dem Hafen von New York lagen zwei englische Kreuzer und bewachten die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes Beispiel für die Freiheit der Meere! Die Dampferfahrt war fürchterlich.

Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer an manchen Kummer gewöhnt war, so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen.

Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen Schlinger- und Stampfbewegungen, daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn würde bei mehr aufkommender See kentern. Und die Wanzen! Doch das ist ein Kapitel für sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich eines Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig nach der ersten Klasse, von wo zwei allerliebste Gesichtchen über die Reling sahen. Da trat ein Herr zu ihnen heran, und beinah hätte ich laut seinen Namen gerufen!

Den kannte ich doch, das war doch -- -- -- --

Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein Kamerad T., der mit mir aus Schanghai gekommen war. Nun gewahrte er mich auch, nur daß er mich erst erkannte, nachdem er mit seinen Damen einige recht laute Bemerkungen über den schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine Augen weiteten sich, dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, er machte kehrt, und weg war er.

Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte ich einen Augenblick Gelegenheit ihn zu sprechen. Er fuhr als vornehmer Holländer (selbstverständlich konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach Hause.