Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen

Part 6

Chapter 63,623 wordsPublic domain

Die Situation war einzig. Ich saß inmitten dieser alten, ehrwürdigen Chinesen, nachdem vorher unendlich viele tiefe Verbeugungen unter Gemurmel und Gezisch ausgetauscht waren. Die Unterhaltung wurde bald recht lebhaft. Als Dolmetscher arbeitete dabei Herr Morgan.

Und nun ging das Gefrage los: Woher ich käme, wie es in Tsingtau aussähe, ob es _wirklich_ wahr sei, daß ich durch die Luft gekommen, wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein Zauber es erwirkt hätte, daß ich fliegen könne. All die vielen Fragen ließen sich kaum beantworten, und trotzdem der Dolmetscher sich die größte Mühe gab, viel verstanden haben die guten Söhne des Landes der Mitte nicht.

Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich auch.

Noch während wir bei der Unterhaltung saßen, wurde der Haus_frau_ ein Besuch angekündigt, und vorbei huschten und trippelten zehn bis zwölf allerliebste kleine Chinesinnen, in prachtvollste, buntseidene Höschen und Gewänder gehüllt. Zwei, drei dieser Geschöpfchen blieben vor Neugier und Schrecken an der offenen Tür des Zimmers, in dem wir Männer saßen, stehen und guckten mich mit offenen Mäulchen und großen, erstaunten Augen an. Ein kurzer Zuruf von Frau Morgan ließ sie erschrocken auseinanderfahren und fortlaufen. Den Grund dieses eigenartigen Verhaltens erfuhr ich später. Für eine vornehme Chinesin ist es ein großer gesellschaftlicher Fehltritt, wenn sie durch ihre Neugier und durch ihren Anblick einen männlichen Gast beleidigt!

Die drei Sünderinnen erhielten auch eine ernste Strafpredigt. Ich muß sagen, daß ich über diese Sitte nicht erfreut war, denn gern hätte ich mir diese allerliebst aufgeputzten Dämchen recht genau angesehen.

Meine Wirtin erzählte mir auch, wie sie von den Chinesinnen mit Fragen bestürmt worden wäre. Vor allem wollten diese wissen, was das heute morgen für ein böser Geist gewesen wäre, der so schreiend und brummend ihre Stadt bedroht hätte. Als ihnen gesagt wurde, daß darin ein Mensch gesessen hätte, der aus Tsingtau käme, da lachten sie einfach und meinten: nein, wenn sie auch dumm wären und die Weißen sie immer anführten, so dumm wären sie doch nicht, solch einen Unsinn zu glauben!

Jedenfalls, versicherte mir Frau Morgan, würden sämtliche Fehlgeburten, Mißernten und Fehlschläge der nächsten zwei Jahre von den abergläubischen Chinesen dem Erscheinen meines Flugzeuges zugeschrieben werden, und besonders die Medizinmänner würden die Sache für sich ausnutzen.

Gegen elf Uhr vormittags erschien unter großem Tamtam, Getrommle und Getute der Herr Mandarin in eigenster Person. Außerordentlich wohlgenährt, den Kopf tadellos rasiert, in prachtvollem seidenen Gewande schritt er mit großer Würde einher. Die Begrüßung war äußerst feierlich. Die tiefen, fast bis zur Erde reichenden Verbeugungen wollten kein Ende nehmen.

Nachdem der Mandarin sich nach meinem Befinden und nach meinen Wünschen erkundigt hatte, sicherte er mir in liebenswürdigster Weise seine vollste Unterstützung zu und verabschiedete sich.

Sein Heimweg geschah in gleich feierlicher Weise.

Sobald ich meinen amtlichen Gegenbesuch gemacht hatte und vom Mandarin zum Abendessen eingeladen worden war, ging ich an das Abmontieren meines Flugzeuges.

Doch das war leichter gesagt als getan. Ich selber hatte nur einen Schraubenschlüssel mit und suchte nun nach Werkzeugen. Ach, ich befand mich ja in China, in einer Gegend des Landes, wo es noch genau so aussah wie vor tausend Jahren und Schraubenschlüssel und Schraubenzieher etwas Unbekanntes waren.

Endlich entdeckte ich in der Amerikanischen Mission eine Axt und ein kümmerliches sägenähnliches Ding.

Damit ging es an die Arbeit, und da ich wenigstens meinen treuen hundertpferdigen Mercedesmotor vor der Vernichtung retten wollte, hieb und sägte ich ihn vom Rumpfe ab. Jetzt zeigte sich, was gute deutsche Arbeit war. Ganze vier Stunden brauchte ich, ehe der Motor abgeschlagen dalag, so fest war alles gebaut.

Um den Gesetzen der Neutralität nachzukommen, gab ich den Motor dem Mandarin zur Aufbewahrung ab.

Dann kam das Traurigste.

Da das übrige Flugzeug selbst mit abgenommenen Tragflächen in kein Stadttor und in keine Straße der Stadt hineinpaßte, mußte ich es dem Flammentod übergeben. Ich übergoß es mit Benzin, zündete es an, und sofort ging es in hellen Flammen auf und verbrannte restlos.

Mir war zumute, als ich meine wackere Taube brennen sah, wie wenn ich einen lieben, treuen Kameraden verlöre.

Die Fischvergiftung des Mr. McGarvin

Am Abend ging's zum Mandarin.

Als ich aus meiner Tür trat, strahlte der ganze Hof von Fackeln und unzähligen großen Lampions. Die Wache war ins Gewehr getreten und präsentierte, die Trommeln wirbelten, und die Musikanten machten ihre wohl nur für Chinesenohren angenehm klingende Musik. Ja, der Mandarin hatte mir sogar seine eigene Sänfte zur Benutzung gesandt.

Ich werde diesen Abend niemals vergessen.

Ich saß in meiner mit blauer Seide und Fenstern mit Vorhängen ausgestatteten Sänfte, die von acht prächtigen Burschen getragen wurde. Vorneweg, an den Seiten und hinter der Sänfte marschierten Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr und Dutzende von Läufern mit riesigen Lampions. Sanft wiegte die Sänfte auf und ab bei den kräftigen Schritten der Träger. Alle zehn Minuten gab der vorderste von ihnen ein Signal durch lautes Aufklopfen seines Stabes auf die Erde, die Sänfte hielt, die Träger hoben die Tragstangen auf die andere Schulter, und weiter ging's im Geschwindschritt.

Nach vierzig Minuten waren wir vor dem Palast des Mandarins angelangt. Ohrenbetäubende Musik, Kommandorufe und heller Lampion- und Fackelschein empfingen mich auch hier. Die mittleren Türen der riesenhaften Tore flogen vor mir auf, und vor dem letzten Tor kam mir der Mandarin persönlich zum Empfang entgegen.

Mehrere hohe Würdenträger und einige Generale waren bereits versammelt, und nach zeremonieller Begrüßung gab es den üblichen grünen, dünnen Willkommenstee, bei welcher Gelegenheit ich dem Mandarin zum Zeichen meines Dankes meine Mauser-Pistole nebst Munition als Geschenk überreichte.

Der Mann war sichtlich erfreut, und wohlgemut setzten wir uns zu Tisch. Eine riesige, runde Tafel, bedeckt mit einigen fünfzig Schüsseln, in denen die größten chinesischen Leckerbissen schwammen, empfing uns. Um mich als Gast auszuzeichnen, erhielt ich Messer und Gabel, und dann ging die Arbeit los. Nur sechsunddreißig Gänge habe ich zählen können. Und was gab es da alles! Von den zartesten Schwalbennestern zu den feinsten Haifischflossen, vom Zuckerrohrspitzensalat bis zum delikatesten Hühnerragout war nichts vergessen. Von allem mußte ich kosten. Und der Mandarin war unermüdlich mir aufzulegen. Ja, manchmal, wenn er einen guten Bissen auf seinem Teller hatte, faßte er ihn mit seinen Fingern und legte ihn mir auf meinen Teller. Zu trinken gab es Flaschenbier, welches doch schon seinen Weg in die hiesige Gegend gefunden hatte, dazu Reisschnaps.

Die schwerste Arbeit hatte wieder Herr Morgan, welcher die lebhafte, oft der Komik nicht entbehrende Unterhaltung zu verdolmetschen hatte.

Die Kämpfe um Tsingtau, die Verluste der Japaner und Engländer und die Fliegerei interessierten die Chinesen am meisten. Das Fragen nahm kein Ende.

Äußerst herzlich und dankbar verabschiedete ich mich von meinem Mandarin, und am nächsten Tage mußte ich auch von meinen liebenswürdigen Gastgebern Abschied nehmen.

Als ich im Flugzeug landete, hatte ich nur eine Zahnbürste, ein Stück Seife und meinen Fliegeranzug, aus Bordjackett mit Schärpe und Gamaschen bestehend, bei mir. Einen Zivilsportanzug hatte ich außerdem im Flugzeug mitgenommen. Diesen Anzug legte ich jetzt an. Das fünfjährige Töchterchen des Missionars schenkte mir dazu ihr altes abgeschabtes Filzhütchen als Ersatz für meine Sportmütze, die mir ein Chinese, während ich mein Flugzeug abtakelte, gestohlen hatte, und gegen Abend wurde ich unter wiederum großen Zeremonien zu der kleinen, mir vom Mandarin zur Verfügung gestellten Dschunke geführt.

Meine Begleitung und gleichzeitig Ehrenwache auf der kommenden Fahrt bestand aus dem chinesischen General Liu, der sich als Piratenbekämpfer bereits einen Namen geschaffen hatte, aus zwei Offizieren und fünfundvierzig Mann außer dem Bootspersonal. Zum Umfallen müde nach all dem Durchgemachten, ging ich in mein kleines Holzkämmerchen, wo ich zu meiner Überraschung und Freude statt einer Holzpritsche einen herrlichen Schlafsack mit Decken und Matratze vorfand, den mir die fürsorgliche Missionarsfrau an Bord gesandt hatte. Ohne diese Sachen wäre es mir wohl schlecht ergangen in meinem dünnen Sportanzügelchen. Es herrschte grimmige Kälte, durch große Ritzen und Löcher pfiff der Wind, und durch die Decke konnte ich den Sternenhimmel sehen.

Und während meine Gedanken weit nördlich bei meinen tapferen Kameraden in Tsingtau weilten und sich mit deren und Tsingtaus Schicksal befaßten, und ich darüber nachdachte und dem gütigen Schicksal dankte, daß es mir vergönnt gewesen war, durch all die schweren Kämpfe und Gefahren und all das Erlebte unversehrt durchzukommen, um meine Aufgabe bis zum letzten Tag zu erfüllen, kam endlich der Schlaf und schloß mich in seine sicheren Arme.

Die Fahrt ging nur langsam vorwärts. Die Dschunken wurden von zwei Kulis mit einer Leine, die oben an der Mastspitze befestigt war, längs des Ufers stromaufwärts gezogen. Die erste Strecke bis Bampu, die ich in meinem Flugzeuge in knapp zwanzig Minuten zurückgelegt hätte, wurde in eineinhalb Tagen bewältigt! Später ging es besser, und besonders als der Wind günstig wurde und wir segeln konnten. Fünf volle Tage hat diese Reise gedauert, um von Hai-Dschou bis Nanking zu gelangen.

Die Fahrt war außerordentlich interessant für mich. Sie führte durch ein Netz von Flüssen bis zum alten berühmten Kaiserkanal und durch diesen zum Jangtsekiang bis nach Nanking. Wir durchfuhren eine Gegend, die wegen des Piratenunwesens berüchtigt war, und passierten Städte, die niemals ein europäischer Fuß betreten hatte. Am Tage, während die Dschunke getreidelt werden mußte, ging ich mit meinem General und der Hälfte der Wache am Ufer nebenher und sah mir besonders eingehend die äußerst interessanten Städte und darin das von keiner europäischen Kultur berührte chinesische Gewühl an. Zu hellen Haufen liefen die chinesischen Männer, Weiber und Kinder aus ihren Häusern, sahen mich, der ich meist ohne Hut ging, voll Verwunderung an, ja einzelne berührten mich, um sich davon zu überzeugen, daß ich wirklich ein Mensch sei.

Meine hellblonden Haare und blauen Augen schienen ihnen das größte Rätsel zu sein.

Meine Spaziergänge und der Aufenthalt auf der Dschunke verliefen ziemlich schweigsam. Mein liebenswürdiger General war zwar recht gut europäisch angezogen, aber um die Hosen an den Fußgelenken hatte er sich doch die typischen chinesischen Bänder gewickelt, und von seinem Hinterkopf baumelte ein prächtiger langer Zopf, der kokett durch den Gürtel des Jacketts gesteckt war. Außer Chinesisch verstand der gute Mann auch nicht ein Wörtchen einer anderen Sprache, und mir ging es so mit dem Chinesischen. Bei unseren Mahlzeiten, die recht opulent waren, nur furchtbar nach Zwiebel und Knoblauch schmeckten, saßen wir beide uns in dem kleinen Dschunkenkämmerlein gegenüber, lachten uns ab und zu freundlich an, und das war die ganze Unterhaltung.

Endlich, am elften November, langten wir in Jang-dschou-fou an, und man kann sich wohl vorstellen, mit welcher Gier ich mich auf die erste Zeitung stürzte.

Voll Erregung, endlich etwas über das Schicksal Tsingtaus zu erfahren, durchflog ich die Seiten der „Shanghai Times”. Da, auf der zweiten Seite der Name Tsingtau! Aber nein, das war doch gar nicht möglich, so etwas konnte es doch nicht in der Welt geben! Und voll Ekel und Abscheu gegen diese gemeine englische Lügenbrut las ich:

Tsingtaus feige Übergabe.

Die Festung ohne Schwertstreich genommen.

Die ganze Besatzung betrunken und plündernd.

Und dann kam so viel unflätiger Dreck, so viel gemeine Lüge, daß ich voll Verachtung die Zeitung fortwarf. So etwas wagten die Engländer, die sich so unrühmlich vor Tsingtau benommen hatten, über unsere tapferen Verteidiger zu behaupten?

Ach ich kannte ja die englischen Zeitungen noch nicht! Später habe ich mich in Schanghai und dann in Amerika bei den amerikanischen Zeitungen an ganz was anderes gewöhnen müssen; von England ganz zu schweigen. Nun hatte ich aber wenigstens Gewißheit über Tsingtaus Schicksal, das unvermeidlich kommen mußte. Auch nicht einen Augenblick zu früh hatte ich die Festung verlassen, kurze Zeit darauf mußte sie sich der Übermacht ergeben.

Am Nachmittage dieses elften November Eintausendneunhundertvierzehn trafen wir glücklich in Nanking ein.

Auf dem Bahnhof wurde mir vom Kapitänleutnant Brunner, dem Kommandanten des Torpedobootes ~S~ 90, und von seinen Offizieren ein herzlicher Empfang zuteil.

In Wagen fuhren wir zu dem Gebäude, in dem die Offiziere und Mannschaften von ~S~ 90 untergebracht waren, und wo zu meinem allergrößten Erstaunen auch für mich schon eine Koje klar gemacht war. Auf mein erstauntes Fragen wurde mir dann von meinen Kameraden mitgeteilt, daß ich ebenfalls interniert werden sollte und alle sich schon gefreut hätten, den vierten Mann zum Skat zu haben. Erstens mal spiele ich keine Karten, was ich auch laut zum Ausdruck brachte; zweitens dachte ich über die Frage der Internierung ganz anders, was ich aber für mich behielt.

So zog ich denn mit meinem General Liu zu dem Palast des Gouverneurs von Nanking. Leider, oder vielmehr zu meinem Glück, war der Herr Gouverneur nicht zu sprechen. Ein alter chinesischer Arzt empfing mich sehr freundlich, wünschte mir ein weiteres Wohlergehen, und daß ich mich in Nanking wohl fühlen möchte.

Ich dankte ihm für das Wohlergehen, hatte aber meine eigene Ansicht über das Wohlfühlen!

Nun verabschiedete ich mich mit meinem General Liu, der sichtlich froh war, seine Mission erfüllt zu haben, und als ich in meinen Wagen stieg, da setzte sich ein chinesischer Soldat in vollem Dienstanzug zu mir.

Auf meine erstaunte Frage, was das zu bedeuten habe, antwortete er mir in leidlichem Deutsch: Er sei mein „Ehrenposten” und wäre mir zu meinem _Schutze_ beigegeben, und er würde mich von nun ab auf allen meinen Wegen begleiten.

Na, der Tobak war doch ein bißchen zu stark!

Das war gegen die Verabredung!

In Hai-Dschou war mir ausdrücklich versichert worden, daß die Fahrt nach Nanking lediglich eine Formsache wäre und ich dann vollständig frei sein würde.

Hier wollte man mich also internieren?

Da mußte ich schnell handeln, bevor mir einer der Chinesen etwas über Internieren sagen konnte und mich meiner Freiheit beraubte. Das unangenehmste war der „Ehren”-Posten, aber Mittel und Wege mußte ich finden.

Am Abend dieses Tages waren wir Offiziere alle bei einem deutschen Bekannten eingeladen. Mein Plan stand fest. Nach einigen gemütlichen Stunden, während deren ich immer wieder von Tsingtaus letzten Tagen erzählen mußte, brachen gegen zehn Uhr abends die Offiziere bis auf meine Wenigkeit auf und gingen, gefolgt von ihren treuen Posten, nach Hause. Eine halbe Stunde später war es auch für mich die höchste Zeit zu verschwinden, wenn ich noch entkommen wollte.

Als mein Gastgeber aus der Haustür heraustrat, wer stand da vor ihm? _Mein_ gelber Wächter!

Nun war Holland in Not! Aber kurz entschlossen schickte ich unseren Boy zu dem Wächter und ließ ihn fragen, was er eigentlich hier wolle, die Herren wären ja längst weg, er solle nur laufen, um sie noch einzuholen, sonst würde er womöglich wegen seiner Unaufmerksamkeit bestraft werden.

Und während dieser arme Kerl mit hängender Zunge den anderen nachlief, fuhr ein verschlossener Wagen vor, in dem ich Platz nahm und mit äußerster Kraft zum Bahnhof fuhr, wo der neueröffnete Expreßzug bereitstand. Das letzte freie Bett konnte ich gerade noch erhaschen. Mein Schlafkupee war bereits verschlossen, und auf mein energisches Klopfen öffnete ein langer Engländer, der wegen der Störung ein wütendes Gesicht schnitt. Ich behandelte ihn natürlich wie Luft, und eins, zwei, drei war ich in der oberen Koje, drehte das Licht aus und tat so, als ob ich mich auszöge. In Wirklichkeit verkroch ich mich recht tief in meine Decken und Kissen, fest entschlossen, wenn jemand etwas von mir wolle, nicht aufzuwachen. Nicht einen Augenblick habe ich während dieser achtstündigen Fahrt geschlafen.

So oft der ~D~-Zug hielt, kroch es kalt über meinen Rücken, und ich dachte: Ha, jetzt holen sie dich! Und wenn gar draußen viele Stimmen laut wurden, dann war ich überzeugt, daß meine letzte ~D~-Zug-Fahrt in diesem Kriege gekommen wäre.

Nichts ereignete sich. Den Gebrauch des Telegraphen zu Verhaftungen schienen die Chinesen Gott sei Dank noch nicht zu kennen, und so lief planmäßig um sieben Uhr früh der Zug in Schanghai ein. Jetzt kam noch die gefährliche Klippe der Bahnsperre; sie wurde überwunden.

Dann kam eine schnelle Fahrt im Rickschah durch den chinesischen Stadtteil, in dem die chinesischen Behörden noch Gewalt über mich hatten, und endlich bog mein Wägelchen in die Europäerstadt ein.

Hurra, ich war frei!

Nun konnte keiner mehr von mir was wollen.

Hocherfreut fuhr ich zu einem deutschen Bekannten, der mich in liebenswürdigster Weise aufnahm.

Drei volle Wochen blieb ich in dieser Stadt, ehe es mir nach vielen Mühen gelang, meine Reise fortzusetzen.

Drei volle Wochen voller Erlebnisse und voller Gefahren des Gefangenwerdens, voll von Versteckspielen.

Was war natürlicher, als daß ein Oberleutnant zur See P. nicht bekannt war und auch der Herr Meyer, der einige Tage da gewohnt hatte, abgereist war?

Daß ein Mr. Scott für einige Tage gute Bekannte besuchte, das ging doch keinen was an. Aber ich mußte nun vorsichtig sein. Besonders, da ich außerordentlich viel Leute in Schanghai kannte, zum Teil noch Engländer usw., die noch kurz vor dem Kriege mit mir in Tsingtau zusammen gewesen waren.

Vier bis fünf Namen hatte ich abwechselnd und logierte abwechselnd bei meinen Bekannten.

Da konnten die Chinesen einmal suchen!

Das Schwierigste war: wie nach Amerika kommen? Alles hatte ich versucht, nichts hatte Erfolg. Nur einmal wäre ich beinahe mit einem _englischen_ Schiff fortgekommen. Das war eine lustige Begebenheit. Einer meiner Freunde kannte den Reedereibesitzer, einen englischen Juden, Mr. Penny, sehr gut. Mit diesem Bekannten zog ich eines Tages zu Herrn Pfennig und versuchte mein Glück. Ich hatte einen einfachen Anzug angezogen, sah ziemlich verwahrlost aus und machte einen ängstlichen, verprügelten Eindruck. Mein Freund ließ uns anmelden, und nach einiger Zeit durften wir vor dem strengen Gesicht des Herrn Pfennig, eines dicken, fetten Frosches, erscheinen. Die beiden Herren schienen sich gut zu kennen, und die Begrüßung war dementsprechend.

Ich blieb ganz bescheiden an der Tür stehen, sah beschämt auf meine zerrissenen Schuhe und drehte mein Hütchen in der Hand und verstand _selbstverständlich_ von der ganzen englisch geführten Unterhaltung kein Wort.

Mein Freund fing an:

„Herr Pfennig, ich komme mit einer großen Bitte zu Ihnen, ich habe hier einen Lausebengel mit mir, dessen Vater ich gut kenne, und der früher ein guter Geschäftsfreund von mir gewesen ist. Dieser Bengel nun, der erst siebzehn Jahre alt ist, kniff seinem Vater wegen einer Mädelgeschichte aus und hat sich als Schiffsjunge herumgetrieben, bis er hier gänzlich mittellos und sein Unrecht einsehend bei mir strandete. Ich möchte nun den Jungen, der übrigens Schweizer ist und kaum ein Wort Englisch versteht, nach Europa zurückschicken und wollte Sie fragen, ob Sie nicht auf einem Ihrer Dampfer einen Platz als Küchenjunge frei hätten. Damit ihm ein für allemal seine Flausen vergehen, wäre ein grober Kapitän ganz angebracht und ebenso entsprechende Arbeit.”

Herr Pfennig würdigte mich während dieser Zeit kaum eines Blickes, nur ab und zu sah er mich verächtlich an, und ich schien unter seinen Blicken sichtlich zu zerknirschen. „Ja”, sagte er, „für so was habe ich gerade was. Heute nachmittag fährt der Dampfer ‚Goliath’ direkt von hier nach San Francisco (jetzt spitzte ich aber die Ohren!), da kann er mit. Eine Tracht Prügel wird es dann und wann auch setzen, die schadet ihm aber nichts. Ich lasse Ihnen nachher gleich telephonisch Bescheid sagen, wann der Dampfer geht. Sechs Wochen Kartoffelschälen werden dem Jungen wohl gut tun.”

Wir waren entlassen.

Draußen kniff ich meinem Freunde so toll in den Arm, daß er vor Schmerzen aufschrie, und als wir endlich auf der Straße waren, da hielt ich es nicht mehr aus. Und heraus platzte ich mit einem Lachen, so herzhaft und froh, daß unwillkürlich die Leute, die an uns vorbeigingen, mitlachen mußten. Daß ich während der durchgemachten Szene ruhig bleiben konnte, war ein Wunder. Am Nachmittag erfuhr ich leider, daß der Dampfer wegen der Flut zwei Stunden früher abgegangen wäre. Nun war's Essig, und die Arbeit begann von vorn. Dampfer gingen ja genug, aber das Üble war dabei, daß sie alle über Japan fuhren und sich dort mehrere Tage aufhielten.

Das durfte ich nur im äußersten Notfalle wagen.

Aber das Glück ließ mich nicht im Stich. An einem Tage traf ich zufällig einen Freund, mit dem ich vor Jahren manch lustige Nacht im fernen Osten durchgebummelt hatte. Der war gleich bei der Hand. Und schon nach einigen Tagen hatte er mir die nötigen Papiere besorgt, und mir genaue Verhaltungsmaßregeln erteilt. Aus einem Mr. Scott, Meyer oder Brown war plötzlich ein steinreicher vornehmer Engländer geworden mit dem schönen Namen McGarvin. Dieser Herr war Vertreter von Singers Nähmaschinen und reiste von Schanghai zu seinen Fabriken nach Kalifornien.

Was war natürlicher, als daß Mr. McGarvin den nächsten großen amerikanischen Postdampfer benutzte!

An Bord dieses Schiffes gab es nur zwei prachtvolle Luxuskabinen. In der einen wohnte ein amerikanischer Milliardär, in der anderen der Oberleutnant zur See Plüschow, o Verzeihung, was sage ich da, ich meine natürlich der Singer-Nähmaschinen-Fabrikant McGarvin. Eine Schwierigkeit war noch zu überwinden: das unbemerkte Entkommen aus Schanghai.

Da halfen mir wieder meine Bekannten aus. Drei Tage bevor der Dampfer ging, nahm ich überall offiziell Abschied und verbreitete, daß ich mich in Schanghai nicht mehr sicher fühlte und nun nach Peking reiste, um bei der Deutschen Gesandtschaft tätig sein zu können. Tatsächlich fuhr ich auch in meinem Wagen um elf Uhr abends zum Bahnhof. Daß der Kutscher allerdings einige Straßen vorher abbog und in scharfem Trab nach Süden fuhr und aus der Stadt heraus, konnte ich nicht wissen.

Woher sollte ich auch Schanghai kennen?

Nach ungefähr zwei Stunden, während deren der Wagen längs des Wusungflusses gefahren war, hielten wir. Zwei mit Revolvern bewaffnete Männer traten an den Wagen heran, eine kurze Parole, ein Händedruck, dann küßte ich voll Ehrerbietung und Dankbarkeit zwei schlanke weiße Frauenhände, die sich mir aus dem Wageninnern entgegenstreckten, und fort sauste das Gefährt. Meine beiden Freunde nahmen mich in ihre Mitte, auch ich zog meinen Revolver, und wortlos stiegen wir in eine bereitliegende Dschunke.

Die Nacht war stockfinster, der Wind heulte, und unheimlich gurgelte das schmutzige dunkle Wasser, welches, von der Ebbe mitgenommen, an uns vorbeischoß.

Mit aller Kraftanspannung wriggten vier dunkle Chinesengestalten an ihren Riemen, und nach etwa einer Stunde hatten wir viele Kilometer stromabwärts unseren Bestimmungsort am jenseitigen Ufer erreicht.

Lautlos legten wir an, lautlos verschwand die Dschunke, und ebenso lautlos schritten wir einem dunklen Gebäude zu, welches inmitten eines kleinen Gartens in der Nähe von riesigen Fabrikgebäuden lag.

Der helle Glanz elektrischer Lampen, der uns entgegenstrahlte, nachdem die Eingangstüren sorgfältig verschlossen waren, blendete grell meine Augen.