Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
Part 4
Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann starten. Und in einer geraden Linie ging es über den nur wenige hundert Meter langen Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere Villen und über unseren Kirchhof, der bereits an einem zirka einhundertundfünfzig Meter hohen schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den Felsmassen des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge eingeschlossen wurde. Sowie ich links den Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen ein, mein Flugzeug bekam einen mächtigen Stoß und legte sich schwer nach Steuerbord über, und trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug nicht wieder aufrichten. Seitensteuer durfte ich nicht geben, um nicht in die Felsen hineinzurennen.
So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung mit der rechten Flügelspitze nur wenige Zentimeter von den unter mir liegenden Baumkronen und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental hindurch, und ich konnte nichts weiter tun, als mein Steuer mit eiserner Ruhe führen, um nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich auf der anderen Seite über dem Wasser der Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug wieder vernünftig wurde.
Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich bei jedem Start überlaufen, und ordentlich froh war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte und mich höher und höher schraubte, bis ich endlich meine zweitausend Meter erreicht hatte. Das war allerdings eine Geduldsprobe. Manchmal kam ich in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte es bis zu einunddreiviertel Stunden. Während dieser ganzen Zeit flog ich weit, weit draußen über See, um den Schrapnells, die die Japaner nach mir sandten, zu entgehen.
Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, daß ich ein Landflugzeug hatte, und daß ich bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. Es wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine Panne oder womöglich ein Volltreffer mich über dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet gab es nur Felsen, Schluchten und außer meinem Flugplatz nicht ein einziges Plätzchen, wo ich hätte heil landen können.
Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und zu in den ersten Tagen, aber da sie doch zwecklos waren, gab ich sie wieder auf.
Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns erfreute ich mich dann an dem herrlichen Sonnenschein, an dem wunderbaren Anblick der schroffen Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist sang oder pfiff ich ein Liedchen, und wenn der Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem kürzesten Wege schoß ich der feindlichen Linie zu und begann meine Beobachtungen.
Diese führte ich dann folgendermaßen aus:
Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich den Motor so, daß das Flugzeug die Höhe von selber hielt. Dann hängte ich meine Karte vor mich an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit Notizheft zur Hand und beobachtete nach unten, zwischen Tragfläche und Rumpf hindurchsehend, den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, und die Seite steuerte ich mit den Füßen.
Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis ich alles ausgemacht, in die Karte eingetragen, mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche Übung darin, daß ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, einundeinhalb bis zwei Stunden nach unten beobachtete und alles genau aufschrieb.
Und wenn mir dann das Genick steif wurde, drehte ich mich um und sah nach der anderen Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf die Benzinuhr mich belehrte, daß es höchste Zeit sei umzukehren, um noch meinen Platz zu erreichen.
Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem Bogen umkreiste ich die Werft und die Stadt, und über meinem Platz angekommen, stellte ich den Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug ging es der Erde zu, und vier Minuten später stand ich wohlbehalten unten.
Die Eile war nötig!
Mein Flugzeug wurde natürlich während der ganzen Stunden, die ich über den feindlichen Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren und Maschinengewehren beschossen. Und als das nichts half, kamen die Schrapnells. Die waren allerdings eklig.
Und immer wieder neue Überraschungen hatten die Japaner für mich. Als ich zum Beispiel an einem herrlichen Morgen mit prächtigem blauem Himmel von einer Aufklärung zurückkam und landen wollte, schwebten über meinem ganzen Landungsplatz lauter kleine weiße Wölkchen in etwa dreihundert Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst aussahen.
Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder einmal einen Scherz mit mir erlaubten, denn die Wölkchen waren Sprengwolken von Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells.
Aber was half es -- Zähne zusammen und durch!
Und vier Minuten später stand meine Maschine aus zweitausend Meter Höhe im Sturzflug kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so schnell ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen, dessen Dach durch Erde geschützt war.
Nun galt es für mich, List anzuwenden.
Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen Stellungen war, stellte ich plötzlich den Motor ab und sauste senkrecht auf eine Ecke meines Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei abgeschossen, und sie so überrascht wurden, daß ihre Schrapnells über dem Platz erst ankamen, als ich bereits zum Schuppen rollte.
Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die Japaner zwei ihrer Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien so weit nach hinten und nach der Seite, daß ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während ich die Stunden über ihren Stellungen kreiste. Das war das Unangenehmste, und oft wäre mein Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich nicht durch eine plötzliche scharfe Wendung das Getroffenwerden vermieden hätte.
Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß ich trotz des Motorengeräusches das häßliche Bellen der Detonation hörte, den heftigen Luftdruck im Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark wie eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was mich bei meinen Beobachtungen stark belästigte.
Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt gelandet war, spürte ich ein herrliches Gefühl der Freude und der Genugtuung nach vollbrachter, schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude einen kräftigen Jauchzer aus.
Zu denken auch:
Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter hoch gewesen, hatte Stunden höchster Anstrengung und Gefahr hinter mir und rollte nun trotz Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde und hatte wieder festen Grund unter den Füßen!
Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier braven Leute, die des Schrapnellhagels nicht achteten, herangelaufen und halfen mir die Maschine bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen von meinem treuen Hund Husdent.
Und während die vier das Flugzeug zum nächsten Male wieder klar machten, saß ich längst am Steuer meines Autos, in der Brusttasche meine Karten und Meldungen, neben mir Husdent, und raste nochmals durch das Schrapnellfeuer über den Platz und zum Gouvernement, wo bereits auf meine Meldungen gewartet wurde.
Ich glaube, man wird meine Freude und meinen Stolz verstehen können, wenn ich meine Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch manchmal an einem Tage fünf bis sechs neue feindliche Batterien entdeckt, und oft füllten meine Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare aus.
Der warme Händedruck des Dankes meines Gouverneurs und des Chefs des Stabes sagte mir genug.
Und während ich dann nach Hause fuhr, um zu frühstücken und mich zu erholen, da donnerten bereits unsere Geschütze und warfen ihren Eisenhagel in die von mir neu erkundeten Stellungen hinein.
Meine Kriegslist
Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen aus, so einsam und verlassen!
Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der gute Patzig sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur zu seiner Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie eilen. Nur vier Wochen hat er etwas von seiner schönen Wohnung gehabt, dann saß er in seiner Kasematte und tat seine Pflicht, bis seine letzte Granate verschossen war und die Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen seine ganze Batterie zu einem wüsten Trümmerhaufen verwandelten!
Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß fiel, mein Chinesenkoch Moritz, und eines Abends waren auch Fritz, Max und August spurlos verschwunden.
Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch, Wilhelm genannt, der mir mit großen Gebärden erzählte:
„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht weglaufen wie die schlechte Kerl, die Molitz, iche nicht Angst haben, ich ~plenty~ gut chau-chau mache.”
Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr, und es ging auch ganz gut, bis eines Tages die ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos verduftete wie seine Vorgänger.
Nun saß ich mit meinem treuen Burschen Dorsch in dem verwaisten Hause allein.
Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner des ganzen Villenviertels der Iltis-Bucht.
Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade nicht, denn die Villen waren an die Hügel gebaut, die unsere Hauptbatterien trugen, und die feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen, trafen mitten in uns hinein. Wir beide waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich aus dem oberen Stockwerk aus und richteten uns im Erdgeschoß häuslich ein. Zum Überfluß stellten wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke, daß wir nicht unmittelbar am Fenster lagen, und das war dann Sicherheit genug. Gut, daß kein dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte.
In der Luft blieb ich nicht lange allein.
Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem Wetter, mit tiefhängenden Wolken, hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors, und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was los sei. Und schon schoß dicht über unseren Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken. Ich war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich dem Gespenste nach. Bald jedoch krachten die ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich auch die großen roten Bälle unter den Tragflächen des Flugzeuges.
Also ein Japaner!
Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute, als ich den riesigen feindlichen Kollegen so dicht über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte werden!
Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen Fliegers eine höchst unangenehme Überraschung. Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen würden, das hatte keiner erwartet.
Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der Belagerung acht Flugzeuge, darunter vier ganz hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die ich die Japse herzlichst beneidete.
Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn die wunderschönen, neuen, großen Wasserdoppeldecker der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig nach oben geschaut und mir solch ein Ding herabgewünscht.
Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit außerordentlichem Schneid, das muß man ihnen lassen.
Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut war, sonst hätte es bös was für uns abgegeben.
Die japanischen Fliegerbomben waren stark, neuester Konstruktion und von ganz bedeutender Sprengwirkung.
Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen Wasserflugzeuge. Sie konnten weit draußen, gänzlich ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf Windrichtung, in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke vor sich, wie sie nur irgend wünschen konnten, Windrichtung war gänzlich egal, und wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend Meter erreicht hatten, kamen sie zu uns herüber, und dann pfiffen sie auf unsere Schrapnells und unser Maschinengewehrfeuer.
Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben war mein Flugzeugschuppen.
Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so ungemütlich, daß ich eines Tages auszog und beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich anzuführen.
Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende des Platzes, war von oben wundervoll zu sehen und den Japanern natürlich zur Genüge bekannt. Nun baute ich in aller Stille genau am entgegengesetzten Ende des Platzes einen neuen Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang anlehnte und mit Erde und Gras so bedeckte, daß von oben tatsächlich nicht das geringste zu sehen war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke aus Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug, welches von oben gesehen meiner Taube täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt.
An einem Tage waren die Tore meines alten Schuppens auf, und davor saß im schönen grünen Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An einem anderen Tage waren die Tore geschlossen und nichts zu sehen. Wiederum an einem Tage saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelle des grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob, und so ging es fort. Nun kamen die feindlichen Flieger und warfen Bomben auf Bomben und bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu treffen. Wir dagegen, mit unserem richtigen Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser Dach wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes und hielten uns den Bauch vor Lachen, wenn wir sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer heimsuchten.
Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben gefallen waren, nahm ich ein schönes Sprengstück einer japanischen Fliegerbombe, befestigte daran meine Visitenkarte und schrieb darauf: „Den feindlichen Kollegen besten Gruß! Warum werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie leicht kann das ins Auge gehen! Und das tut man doch nicht!”
Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten Fluge mit und warf ihn vor der japanischen Wasserflugstation nieder.
Das war aber nur die Ankündigung meines Besuches.
Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der Herren inzwischen Bomben für mich angefertigt. Ganz großartige Dinger! Große Zweikilogramm-Blechbüchsen, auf denen schön zu lesen war: Sietas, Plambeck & Co., bester Java-Kaffee, wurden mit Dynamit, Hufeisennägeln und Eisenstücken gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht und oben ein Zünder, der daraus bestand, daß ein spitzer Eisenkern beim Aufschlagen auf das Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und dadurch die ganze Bombe zur Explosion brachte. Etwas unheimlich waren mir ja diese Dinger, und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war immer herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen hatte. Viel Schaden haben sie nicht angerichtet. Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen, und da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte ich beinahe einen Transportdampfer erwischt, und einmal habe ich gemäß japanischen Nachrichten eine Bombe mitten in eine japanische Kolonne geworfen und damit dreißig Gelbe zum Hades befördert.
Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders geärgert, und das war, als ich eines frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee meinen echt javanischen Kaffee beisteuern wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte, prallte sie leider wirkungslos ab.
Das Vergnügen des Bombenwerfens habe ich mir bald verkniffen. Ich hatte sowieso schon, wo ich immer allein war, genug zu tun. Die Wirkung rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen verschwendete Zeit.
Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe ich mich dann öfters in der Luft getroffen. Suchen tat ich diese Begegnung nicht, denn ich allein mit meiner langsam steigenden, schwerfälligen Taube konnte gegen die großen Doppeldecker, die drei Mann Besatzung an Bord hatten, nichts ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich die verdammte Pflicht, aufzuklären und dann das Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen.
Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz vertieft, als mein Flugzeug sehr stark anfing zu schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären wieder einmal Luftstörungen, die durch die vielen steilen und schroffen Gebirge hervorgerufen wurden und ja das ganze Fliegen in dieser Gegend so außerordentlich erschwerten. Ohne also aufzusehen, beobachtete ich weiter und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer, um das Flugzeug zur Ruhe zu zwingen.
Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem Erstaunen erzählt, daß eins der feindlichen Flugzeuge dicht über mir weggeflogen wäre, und alles dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen werden.
Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als ich einen meiner feindlichen Landkollegen dicht unter mir erblickte, verfolgte ich ihn und schoß ihn mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß herunter.
Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so ergangen. Ich war nur eintausendsiebenhundert Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade über dem feindlichen Wasser-Fliegerlager, und einer der großen Doppeldecker startete soeben. Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus und dachte: Na, der kann ja lange krebsen, bis er so hoch ist wie du!
Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach links über die Tragflächen hinwegschaute, da schwebte der Feind nur wenige tausend Meter entfernt in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter, nun hieß es aufpassen und höher steigen. Aber wie verhext streikte mein Vogel. Nicht einen Meter gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten war der andere ein ganzes Stück höher als ich, kam schräg auf mich zu, und ich merkte seine Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden.
Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam und sich zuerst über Tsingtau befand.
Ich gewann das Rennen.
Und als ich über meinem Platz war, da ging's im steilsten Sturzfluge nieder, und als ich eben auf dem Platze aufsetzte, da krepierten auch schon die ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir.
Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft!
In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei Annäherung der feindlichen Flieger jedermann sofort in Deckung zu gehen hätte, wodurch es ermöglicht wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur einmal ist ein Unteroffizier verletzt worden und einmal ein Chinese. Und das war wunderbar genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr hundert Chinesen, und bei Annäherung der Flieger brachten sie sich schleunigst in Sicherheit.
Nur so'n brauner Geselle blieb an einem Tage mitten auf dem Platze mutterseelenallein sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an. Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte sie? Ausgerechnet einige Schritte neben diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer.
Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und gerade da stehen, wo Granaten und ähnlich schwerverdauliche Gegenstände herniederfallen.
Hurra!
Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus? Die Beschießung von See setzte täglich ein, und bald kamen auch die ersten Landbatterien und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer in den bombensicheren Räumen und Kasematten gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz Tsingtau. Die Beschießung wurde heftiger und immer heftiger, und an manchen Tagen wurden allein von See aus mehrere hundert Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten in das kleine Tsingtau hineingeschossen.
Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige Beschießung unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk statt. Weit draußen fuhren die feindlichen Schiffe, und schon nach der zweiten Salve deckten die Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine Werk. Nun folgte Salve auf Salve. Das ganze Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der krepierenden Granaten ließ die Erde erbeben.
Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen auf dem Küstenkommandeurstand nur rund tausend Meter seitlich von dem beschossenen Fort ab und erlebte so das grausige Schauspiel aus nächster Nähe.
Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter langen Sprengstücke der Granaten pfeifend und surrend und unheimlich zischend über unsere Köpfe weg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der Anblick des beschossenen Forts zu sehr gefangennahm. Das Gesehene war so gewaltig, daß es sich nicht beschreiben läßt.
So etwas kann man nur erleben.
Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung und an ihren sicheren Untergang, aber mitten im tollsten Feuer schoß die eine alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone einen Schuß, und voll Spannung richteten sich sofort alle unsere Doppelgläser auf die feindlichen Schiffe.
Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und froh entrang es sich unsern Kehlen, und drüben beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph” drehte sofort ab und lief mit äußerster Kraft davon, und als kurze Zeit darauf unsere zweite Granate ankam, konnte sie nur noch fünfzig Meter hinter seinem Heck ins Wasser einschlagen.
„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen, die er mit dem japanischen Flaggschiff wechselte, ab und ging zur Reparatur nach Yokohama.
Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung fort, aber nunmehr in noch respektvollerer Entfernung, so daß es zwecklos war, mit unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit reichten, zu feuern.
Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung endlich auf, nachdem der Feind sowohl wie wir mit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das Fort zerstört und die Insassen getötet seien.
Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs zum Fort Hu-Chuin-Huk, und auch ich folgte mit meinem Auto.
Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir bei unserer Ankunft höchst erstaunt, die gesamte Besatzung froh und vergnügt umherspringen zu sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen Krater, die die feindlichen Granaten in den Boden geschlagen hatten, bewundernd.
Das war eine Freude! Kein einziger der Leute verletzt, kein Geschütz beschädigt, kein bombensicherer Raum durchschlagen!
Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine Keksschachtel zerschlagen und ein Mannschaftshemd, welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen.
Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse.
Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war eine schwere Granate glatt durchgeschlagen und war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten neben dem Geschütz liegengeblieben.
Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen Schusses: Unsere Geschütze hatten eigentlich nur eine Reichweite von hundertsechzig = hundert. Aber da war die Bedienung dabeigegangen und hatte es mit unendlichen Mühen fertig gebracht, daß das Geschütz einige Sechzehntel Grade höher gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert Meter weiter schießen konnte.
Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung fertig geladen, hatte die wackere Besatzung und ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur See Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers ruhig am Geschützrohr ausgeharrt, bis endlich eines der Schiffe in Reichweite kam.
Und der erste Schuß, der saß gleich!
Und das schönste war: er traf den Richtigen.
Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph” schon so weit weggelaufen war, sonst hätte ihn schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt.
Aber er entging ihm nicht!
Und was wir nicht mehr vollbringen konnten, hat einige Monate später unser Hersing ausgeführt. Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn hat er uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem U-Boot vor den Dardanellen denselben „Triumph” auf den Meeresboden hinabsandte.
Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank!
Mit den Offizieren und der Besatzung des Forts Hu-Chuin-Huk verband mich ein besonders inniges Verhältnis.
Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu ihnen, denn erstens grenzte mein Flugplatz an das Fort, und zweitens waren sie jedesmal Zeugen meiner Starts und vor allen Dingen meiner Bemühungen, von ihren Kanonen frei zu kommen. Und mehr als einmal standen die Leute klar, um ins Wasser zu springen und mich zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit dem Flugzeug hinein.