Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
Part 3
Auch wir im Schuppen waren nicht untätig geblieben. Tag und Nacht arbeiteten wir mit äußerster Anspannung, und bereits am neunten Tage nach meinem Absturz stand frühmorgens bei Sonnenaufgang mein Täubchen an der Startstelle klar zum Probeflug.
Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem Fluge meine Aussichten nicht im rosigsten Lichte erschienen.
Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten Haufen wieder zurechtgebaut. Verspannen mußten wir sie, da wir nirgends eine ebene Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller war, wie oben beschrieben, entstanden und machte über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei waren die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig und schwierig, daß bei jedem Start nur ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches Abstürzen in Frage kam.
An all das durfte ich nicht denken. Es war Krieg, ich war der einzige Flieger, und meine Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!
Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur Erleichterung aus dem Flugzeug herausgerissen, und anfangs etwas unwillig meiner Faust gehorchend erhob sich mein großer Vogel doch in die Luft, und bald hatte ich ihn wieder vollkommen in meiner Gewalt. Da zog ich denn wieder froh meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause unseres Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug ist wieder klar!”
Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. Das ganze Schutzgebiet durchkreuzte ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern vom Schutzgebiet entfernt, überflog ich das weite Land und bewachte die Anmarschstraßen und flog längs der wild zerklüfteten Küste und schaute aus, ob nicht irgendwo der Feind sich näherte oder landete.
Es waren mit die schönsten Flüge meines Lebens.
Die Luft war so klar und durchsichtig, der Himmel so wunderbar blau und schön, und die Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das herrliche Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge und auf das alles einrahmende tief-, tiefblaue Meer herab. Das waren Stunden hinreißendster, erhabenster Schönheit, die ich überquellenden Herzens und mit nach Schönheit lechzender Seele genoß.
Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits nach dem zweiten Aufklärungsfluge stellte sich heraus, daß die Leimfugen des Propellers auseinander gespalten waren, und daß der Propeller nur wie durch ein Wunder nicht auseinandergerissen war. Nun mußte er abmontiert und wieder frisch geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von nun ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich zurück war, wurde „der” Propeller abgenommen, ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde er schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und spät abends holte ich ihn wieder ab, setzte ihn auf, und dann ging's damit am nächsten Tage wieder los.
Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, da beklebte ich seine ganze Eintrittskante mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!
In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten Dienstzweig zu versehen, und zwar war ich Führer der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen” Konkurrenz.
Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen Luftschifferkursus durchgemacht, bestehend aus einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren am Fesselballon nebst Ballonflicken.
Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage in Tsingtau bestand aus zwei je tausend Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack und allem nötigen Zubehör zum Gaserzeugen und zur Bedienung des Ballons.
Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit bei den Luftschiffern ebenfalls zur Ausbildung gewesen war, und ich waren die einzigen, die vom Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die ganze neue Anlage ausgepackt und aufgestellt hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und vorsichtig ans Füllen des Ballons. Und wie stolz waren wir, als die erste gelbe Wurst dick und prall, wohlgefesselt dicht über der Erde lag. Dann knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich jede einzelne Leine an, und bald darauf hing das gelbe Ungetüm leise hin und her pendelnd am Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, und ich kletterte zum ersten Aufstieg allein in den Korb. Beinahe hätte ich schon bei diesem Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland antreten können, denn als „Los” kommandiert wurde, hatte das Haltetau versehentlich reichlich lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz sprang der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die Luft und ruckte dann mit Macht in das Haltekabel ein. Mich durchzuckte dabei der Gedanke: Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen Stoß, und viel hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus meiner Gondel herausgeschleudert worden. Da das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt es gottlob, und ich war um eine Lehre reicher. Dann begann das systematische Ausbilden und Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte der Laden, als wenn wir von Kind auf Luftschiffer gewesen wären.
Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement sehr große Hoffnungen gesetzt worden. Allgemein versprach man sich durch ihn große Hilfe beim Beobachten des heranrückenden Feindes und zur Beobachtung der feindlichen Artillerie. Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich in bezug auf den Nutzen der Ballonanlage gehabt hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.
Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert Meter gebracht hatte, gelang es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge zu sehen und damit die Bewegung des Feindes und vor allen Dingen die Stellungen seiner schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.
Das aber war wiederum für die Verteidigung Tsingtaus von fundamentalster Bedeutung.
Um dieses und überhaupt die ganze überaus schwierige Lage, in der wir uns in Tsingtau befanden, einigermaßen verständlich zu machen, muß ich folgendes vorausschicken:
Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf einer langgestreckten Landzunge, auf deren äußerstem, südwestlichem Zipfelchen wiederum die Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom Meere umschlossen, wird die Stadt im Nordosten durch die halbkreisförmige Hügelkette der Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von Meer zu Meer hinziehen, eingerahmt. In diesen Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen eingenistet, und am nordöstlichen Fußrande dieser Kette lagen die fünf Infanteriewerke mit dem Hauptdrahthindernis. Dann kam ein breites Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen wurde, und daran schlossen sich wiederum halbkreisförmig die ebenfalls von Meer zu Meer sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben bringenden Hügelketten des Kuschan, des Taschan, der Waldersee-Höhen und der Prinz-Heinrich-Berge, von denen die Prinz-Heinrich-Berge eine so wildromantische Form hatten, als wenn sie dem Monde direkt entnommen wäre. Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein breites Tal an, und daran türmten sich die wild zerklüfteten Steinmassen des Lau-Hou-Schan, des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum Himmel empor.
Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, was geht im Vorgelände vor, und, als wir vom siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem Drahthindernis vollkommen eingeschlossen waren, zu sehen, _wo_ baut der Feind seine Belagerungsartillerie auf, da wir ferner in unseren Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den Fesselballon gesetzt hatten, vollkommen getäuscht wurden, blieben uns zur Erreichung unseres Zieles nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen und -- -- mein Flugzeug!
Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage des August dahin. Tsingtau und vor allem das Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, und was das traurigste war, die entzückenden Wäldchen, die mit so viel Mühe und Liebe angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, mußten zum Freimachen der Schußfelder unter Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem Schlage vernichtet worden!
Der dreiundzwanzigste August, der Tag des Ablaufs des Ultimatums an Japan, kam heran, und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe Jap überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. Die Parole an diesem Tage lautete:
„Immer feste druff!”
Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.
Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen von meinem Balkon aus über das unendliche blaue Meer schaute und in der Entfernung von einigen Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, die sich langsam hin und her bewegten. Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, überzeugte sich davon. Richtig, heute war ja der Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die Blockade gegen uns eröffnet.
So war es also wirklich wahr, die Japaner wagten es, das Deutsche Reich anzugreifen!
Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt von einem Häuflein Engländer, gegen ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.
Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein Trupp von tausend Mann ins Vorgelände ab, um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses kleine Häuflein hat seine Aufgabe hervorragend gelöst. Eine Strecke von dreißig Kilometern Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich ungenügender Artillerieausrüstung war zu verteidigen. Da, wohin zwei Armeekorps gehört hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, unerschrockenem Kampf, oft nur Patrouillen ganzen feindlichen Bataillonen gegenüberstehend, wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht. Erst am achtundzwanzigsten September wurde die tapfere Schar hinter das Haupthindernis zurückgedrängt, welches sich nun für uns bis nach Austoben des Kampfes für immer schloß.
In den ersten Tagen der Belagerung hielten die leitenden Kreise in Tsingtau von dem Nutzen meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei überhaupt, nicht viel.
Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier draußen gesehen hatten, war dies ja auch nicht weiter zu verwundern.
Das wurde bald anders!
An einem der ersten Tage der Belagerung überflog ich wiederum die Südküste der Schantung-Halbinsel, um nach feindlichen Schiffen und besonders nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau zu halten. Die Küste war wie ausgestorben, auch nicht das geringste war zu sehen gewesen. Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus sicher waren, flog ich nach Hause zurück. Nur so nebenbei ging ich an diesem Abend noch auf das Gouvernement, um einem Kameraden Guten Tag zu sagen. Zufällig traf ich hier mit dem Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte, da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für einen Augenblick verließ, um sich ein Buch zu holen.
Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, Plüschow, sind Sie wieder mal geflogen?”
„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. Ich habe mehrere Stunden lang die Küste nach feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe aber nichts vom Feinde gesehen.”
Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres Chefs.
„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das sagen Sie erst jetzt? Wir sitzen seit zwei Stunden und beraten, wie wir die großen Truppenlandungen in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns heute durch unsere Kundschafter gemeldet wurden, abwehren können. Und Sie kommen gerade daher und können so einwandfreie Meldung bringen? Nun aber hinein zum Gouverneur und Ihre Beobachtung gemeldet!”
Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung erledigt werden. Die Kundschafter-Aussagen waren selbstverständlich erfunden.
Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen der Fliegerei hatte ich gerettet!
Und nun begann für mich die schwerste, aber auch schönste Fliegerzeit.
Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich schon bald. Es war in den ersten Tagen des September, als ich weit, weit draußen das Vorgelände abgraste und mich in eintausendfünfhundert Metern Höhe so recht des schönen Sonnenschein-Sonntages erfreute. Unter mir gewahrte ich plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere japanische Truppenmasse, die mich mit lebhaftem Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte. Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte ich stolz nach Hause zurück. In Zukunft blieb ich aber immer in zweitausend Meter Höhe, wodurch eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in meinen Motor und Propeller wesentlich ungefährlicher wurden.
Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange auf sich warten.
An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem Auto nach Schatsy-Kou, wo wir vorgeschobene Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen lagen alle Offiziere und Mannschaften längs einer nach See zu geschützten Böschung, winkten lebhaft mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung auffaßte und durch ebensolches Winken erwiderte. Ich saß noch in meinem Auto, als ich dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und Zischen und einen Augenblick darauf bereits ein ohrenbetäubendes Krachen vernahm. Nur zehn Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk des Hauses die erste Granate krepiert, und ehe ich mich auch nur besinnen konnte, langten auch schon die folgenden Geschosse an.
Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt. Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein.
Nun erfuhren wir auch, was los war.
Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung und ohne uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes Schützenfest gegeben!
Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog, krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden Beschießung.
Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte von See aus die erste große Beschießung ein.
Das war eine Ballerei!
Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das Feuern unserer Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine Villa lag.
Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen, ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant, wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand, um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen.
Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu idealen Überblick über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem Kampf zuzusehen.
Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten September war besonders eindrucksvoll.
Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt. Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.
Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein unheimliches Ding niedersaust.
Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die Engländer gewesen sein!
Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”.
Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit vorgekommen sind!
Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden Beschießungen mit größter Ruhe entgegen.
Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen Begebenheit.
Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.
Es war ein ganz trostloser Anblick.
Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod.
Allerhand Scherze der Japs
Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein.
Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf.
„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich in ihre Hände fällt!”
Aber alles blieb nur Vermutung.
Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten, landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen, schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran, gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie.
Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen schweren Batterien.
Und Tag für Tag, wenn das Wetter und _der_ Propeller es erlaubten, stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.
Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns Tod und Verderben hinüberzusenden.
Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg reichlich belohnt.
Und _daß_ ich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und mich unschädlich zu machen.
Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der Fliegerei.
Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen, von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen, schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich stark und die Luftverhältnisse schon morgens um acht Uhr so ungünstig, wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der das selbst durchgemacht hat.
Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf die oben angeführte Weise entstanden war.
Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.
Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!
Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein Flugzeug geschehen.
Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht zerschellte.
Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes, ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt, enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel direkt unter mir weg, ich riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es sich langsam erholte und zu klettern anfing.
Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male denke ich dafür mein Leben lang.