Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen

Part 12

Chapter 123,729 wordsPublic domain

* * * * *

Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet war, kletterte ich in ein Holz- und Gerümpellager, welches bis ans Wasser der Themse reichte. Unter einigen Brettern lagen mehrere Bündel Heu, und in diese verkroch ich mich und wartete die Nacht ab.

Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche übrigen Nächte mein Aufenthaltsplatz geblieben.

Gegen zwölf Uhr nachts stieg ich aus meinem Versteck. Am Tage hatte ich mir alle in der Nähe liegenden Gegenstände, sämtliche für mich notwendigen Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig schlich ich über Haufen von Gerümpel, alte Balken; der Regen rauschte, und in der pechschwarzen Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs wiederfinden, die ich am Tage neben dem Holzlager gesehen hatte.

Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt lauschend, mit den Augen versuchend, die Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich meinem Ziel.

Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die beiden Kuffs, die am Nachmittage noch im tiefen Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken lagen. Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei Dank noch ein kleines Dinghi im Wasser.

Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, aber ehe ich wußte, was mit mir geschah, gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, übelriechende Schlammasse. Mit den Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich mich noch mit der linken Hand an einer Planke festkrallen, die vom Ufer zu dem Segelschiff hinüberführte.

Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich mich aus der eklen Masse, die beinahe ein furchtbares Grab für mich geworden wäre, und gänzlich erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel zurück.

Als am dritten Morgen meiner Flucht die Sonne aufging, hatte ich den Lattenzaun bereits wieder übersprungen und lümmelte mich auf einer Bank der Parkanlagen von Gravesend herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf meine „Mecklenburg” von der Boje los und rauschte stromabwärts dem freien Meere zu.

An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch später, in London herum. Stundenlang stand ich auf den Brücken wie so viele andere Tagediebe und merkte mir genau die Lage der neutralen Dampfer und vor allen Dingen den Stand ihrer Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich einen glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt an Bord zu schleichen.

Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten Arbeiterstampen von London-East; ich sah so verkommen und dreckig aus, torkelte oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, stieres Gesicht und ging so krumm und schlaksig, daß kein Mensch von mir Notiz nahm. Ich vermied zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache und die Art und Weise, wie die Arbeiter ihr Essen bestellten. Bald hatte ich eine solche Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, daß ich niemals mehr auf den Gedanken kam, ich könnte entdeckt werden.

Am Abend war ich wieder in Gravesend.

Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal war es die „Prinzeß Juliana”.

Nun paßte ich besser auf und studierte alles so eingehend und genau, besonders die Beschaffenheit des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher war.

Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten Platz. Das Ufer war steinig, und die Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich meine Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute meine Strümpfe, meine Uhr, Rasierapparat usw. in meine Mütze, setzte diese samt dem teuren Inhalt auf den Kopf und band sie fest.

Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter einem Stein, zog den Ledergürtel meiner Hose fest an, und so angezogen wie ich war, kroch ich leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung meines Dampfers hinaus.

Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald konnte ich auch nicht mehr das Ufer erkennen, das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen, welches verankert lag. Ich strebte darauf zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam und kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen Kleider wurden immer schwerer und drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen an zu erlahmen, wie Schatten huschten an mir einige Ruderboote vorüber, die in Wirklichkeit aber verankert lagen, und an denen ich durch die starke Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft, mit meiner ganzen Energie schwamm ich weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu halten.

Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zu mir kam, lag ich hoch und trocken auf glatten, von Seetang überwucherten Steinen.

Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der wenigen steinigen Stellen des Strandes getrieben, da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte; und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser lag ich nun auf dem Trockenen.

Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung raffte ich mich auf und wankte am Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich meine Jacke und meine Stiefel wieder. Dann kletterte ich über meinen Bretterzaun und lag zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen.

Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind fegte über mich weg. Als einzige Decke hatte ich meine nasse Jacke und meine beiden Hände, die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, um diesen wenigstens in Takt zu halten und dadurch für die nächsten Tage die nötigen Kräfte zu behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge zugetan zu haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr aus, verließ mein Versteck und lief herum, um wenigstens etwas warm zu werden.

Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken geworden, als sie mehrere Tage darauf in Deutschland am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich wieder in London herum. Ich besuchte mehrere Kirchen, in denen ich sicher den Anschein eines frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit aber ein Stündchen schlief.

An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer Soldat geworden. Wie an allen Tagen stand auf einem der vielen Plätze auf einer errichteten Tribüne ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich Rekrutenfang!

In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase schilderte er der lauschenden Menge, wie es aussehen würde, wenn die deutschen Soldaten erst ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die Straßen Londons”, sagte er, „werden von den Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt und mit ihren kotigen Stiefeln getreten werden. Wollt ihr das, ihr freien Briten?”

Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.

„So gut, dann kommt und -- -- ~join the army now~!”

Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. Der Mann hatte wirklich packend geredet. Keiner rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und glaubte, daß Kitchener gerade _ihn_ haben wollte. Nun fing der Redner von vorne an, aber seine flammenden Worte verhallten ungehört.

In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere durch die Menge. Überall begegneten sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die Reihe.

Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und befühlte prüfend meine Oberarme. Er schien von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein, denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich davon zu überzeugen, daß der Soldat ausgerechnet in Kitcheners ~army~ das Schönste wäre, was es auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.

„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst siebzehn Jahre alt.”

„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach eine Achtzehn draus, und alles ist ~all right~.”

„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens Amerikaner und habe auch keine Erlaubnis von meinem Schiffskapitän.”

Nun holte der lästige Bursche eine Mappe hervor, in der in den leuchtendsten Farben die englischen Uniformen abgebildet waren. Der Kerl ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu werden, sagte ich ihm, er möchte mir eins der Heftchen überlassen, ich würde dann abends mit meinem Steuermann reden und am nächsten Tage würde ich ihm mitteilen, welche Uniform mir am besten gefiele.

Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen Platz herumging, war wohl selbstverständlich.

Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit gewonnen, daß ich trotz meines schmutzigen Päckchens ins Britische Museum ging, mir einzelne der größten Gemäldegalerien ansah, ja sogar die Nachmittagsvorstellungen der Varietés besuchte, ohne jemals nach dem Woher und Wohin gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders freundlich zu mir und schienen sogar mit dem armen ~„sailor”~, der sich sicherlich in das feine Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben.

Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz der Autobusse Platz nahm und die Damen und Dämchen naserümpfend und entrüstet von mir abrückten und mich nicht selten verachtende Blicke trafen. Wenn _die_ gewußt hätten, wer neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach Parfüm roch, war bei meiner Nachtarbeit und den nassen schlammbeschmutzten Kleidern kein Wunder.

Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend. In dem kleinen Park, der direkt ans Themseufer stieß, spielte Militärmusik und mehrere Stunden saß ich ruhig auf einer Bank direkt am Strand, lauschte den Klängen der Musik und beobachtete wie ein Luchs.

Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen, hatte ich endgültig aufgegeben, da ich einsah, daß die Strecke zu weit und die Strömung viel zu reißend war.

Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, irgendwo unauffällig ein Ruderboot zu requirieren, um damit zum Dampfer gelangen zu können.

Vor mir lag gerade ein passendes; doch war dieses an einer Schleuse festgemacht, die von einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde.

Doch gewagt mußte es werden!

Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer Nacht schlich ich durch den Park und kroch an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran. Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon lag unter mir leise schaukelnd mein Boot. Atemlos lauschte ich. Der Posten, nur zehn Schritt entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. Meine Stiefel hatte ich ausgezogen und mit den Schuhlitzen um den Hals gebunden, das offene Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer glitt ich an der Mauer hinunter. Mit den Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord des Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an dem harten Granit entlang, und eine Sekunde darauf saß ich zusammengekauert im Boot. Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter seinen hellen Bogenlampen ungestört auf und ab. Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im Dunkeln. Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten geübten Augen sahen jetzt trotz der schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig tastete ich die Riemen ab. Verdammt, sie waren von einer Kette umschlossen. Zum Glück war diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog ich erst den Bootshaken, dann einen Riemen nach dem anderen aus der Kettenschlinge heraus. Knirschend durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, mit denen das Boot an der Mauer festgemacht war, und unhörbar tauchten meine Riemen in das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.

Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es schon sehr viel Wasser gehabt. Nun gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte das Wasser die Ducht, auf der ich saß, immer schwerer und unhandlicher wurde das große Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich in meine Riemen. Plötzlich knirschte der Kiel, und das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein Absetzen mit Riemen und Bootshaken half, das Boot blieb unbeweglich, und rasend schnell fiel das Wasser um das Boot herum, und schon nach wenigen Minuten saß ich fest und trocken im Schlick, dafür aber zum Trost das Boot innen bis an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe und Flut noch nie vorher in meinem Leben erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung berüchtigt war, _das_ hatte ich doch nicht für möglich gehalten.

Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage der ganzen Flucht. Ringsherum war ich umgeben von weichem, stinkendem Schlick, dessen Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit dem Leben bezahlt hatte. Schon der Gedanke daran machte mich schaudern. Nur zweihundert Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und ich selbst befand mich mit meinem Boot zirka fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen Ufermauer entfernt.

Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. Eins stand fest: die Engländer durften mich hier nicht finden, denn wie einen tollen Hund hätten sie mich totgeschlagen.

Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das Wasser nicht wieder. Also gab's nur eins: alle Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen und versucht, den Schlick zu überwinden. Ich zog auch noch meine Strümpfe aus, krempelte die Hosen so hoch hinauf, als es irgend ging, dann legte ich die Bootsplanken und die Riemen nebeneinander auf den quillenden und glucksenden Schlammboden, dann benutzte ich den Bootshaken als Sprungstange und setzte ihn mit der Spitze auf eine Planke auf, stellte mich auf das Dollbord des Bootes, dann alle Kraft zusammengenommen, mit einem mächtigen Satze schwang ich mich im Stabhochsprung um meinen Bootshaken und ... mit einem lauten Platsch langte ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an und sank bis weit über die Knie in den zähen Brei, dann aber festen Grund unter den Füßen spürend. Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte meinen Bootshaken als Kletterstange an, und einige Sekunden darauf war ich oben und saß mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in dem ich einige Stunden vorher der Musik gelauscht hatte. Um mich herum lautlose Stille. Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch der Posten nicht, hatte etwas gemerkt.

Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir meine Beine. Bis über die Knie klebte eine dicke, stinkende, graue Schicht. Wasser zum Waschen war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich unmöglich meine Strümpfe und meine Stiefel wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit den Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und als die kleben gebliebene Kruste einigermaßen trocken war, gelang es mir, Schuhe und Strümpfe anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.

Der erste Plan war zwar mißglückt, aber immerhin hatte ich dabei so viel Glück gehabt, daß ich voller Mut einen zweiten Versuch machen wollte.

Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen Matrosen markierend, torkelte ich der kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht war, zu. In meiner Betrunkenheit rempelte ich den Posten sanft an, dieser schien solche Anblicke gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: ~„Halloh! Old Jack, one Whisky too much!”~ klopfte er mir auf die Schulter und ließ mich passieren.

Einige hundert Schritte weiter war ich wieder der Alte. Nach kurzem Suchen fand ich die steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch unternommen hatte.

Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im Nu hatte ich mich ausgezogen, und sofort sprang ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der Himmel war zum erstenmal umwölkt, und schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter Ruderboote ab. Das Wasser phosphoreszierte ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen habe ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von Gold und Silber schwamm ich daher. Zu einer anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder höchst entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten meines nackten weißen Körpers in dem hellen Goldstrom mich verraten würde. Zuerst ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links vor mir liegende schützende Uferecke passiert hatte, faßte mich der Strom, und nun gab es wieder ein Ringen mit dem Element auf Leben und Tod. Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte ich das erste Boot. Die letzte Kraft zusammengenommen, und nach einem mächtigen Klimmzug polterte ich in das Innere des Bootes hinein. Verhängnis! Das Boot war leer. Kein Riemen, kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts bewegen können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder ins Wasser hinab und ließ mich nun von dem Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's noch mit drei anderen Booten. Bis ich schließlich beim letzten leeren anlangte, und nachdem ich mich verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das glitzernde, jetzt aber unangenehm kalte Element. Und zwei Stunden, nachdem ich abgeschwommen war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.

Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte es mir besondere Arbeit, naß wie ich war, in die ebenfalls noch nassen und klebenden Kleider zu gelangen.

Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem Glücksstern zweifelnd, in meinem Heuhaufen.

War es mir übelzunehmen, daß ich etwas mutlos wurde? Und vor allen Dingen gleichgültig? Ja, ich war so herunter, daß ich am nächsten Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig mein Versteck zu verlassen, und erst über den Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des Holzlagers mehrere Male dicht an meinem Versteck vorbeigeschritten war. Diesen kommenden Tag ging ich zu Fuß von Gravesend nach London hinauf und von London zu Fuß auf der anderen Themseseite nach Tilbury hinunter. Alles nur, um ein Boot finden zu können, das ich mir unbemerkt leihen konnte. Es war ja gar nicht zu glauben, mehrere lagen da, aber die nur gut bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich das Rennen auf.

An diesem Abend ging ich in ein Varieté in der festen Absicht, die zwanzig Schilling, die ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer Nacht alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, in die Docks zu gelangen und mich auf einem neutralen Dampfer zu verstecken. Und wenn das, wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich mich der Polizeibehörde stellen.

Ich stand auf der obersten Galerie des größten Londoner Varietés und folgte dem Spiele. Eine innere Stimme raunte mir immer zu: Du gehörst nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, die Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein deutscher Seemann mehr! Als lebende Bilder gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges und Friedens, bei denen selbstverständlich die Deutschen nur fliehend und geschlagen dargestellt wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, die Siegespalme in der Hand, mit ihrem rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden feldgrauen deutschen Soldaten, da packte mich der heilige Zorn, und fluchtartig trotz Protestes meiner Nachbarn verließ ich das Theater und faßte gerade noch den letzten Zug nach Tilbury.

Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich war in meinem Innern so fest überzeugt, daß mir heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht anders kommen konnte.

Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend passierte, fand ich einen kleinen Bootsriemen. Zur Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten in der Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die Fischkutter direkt anlegten, schaukelte ein kleines Dinghi. Nur zwanzig Schritt davon entfernt saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd die Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen Dinghis. Da die guten Seeleute mit ihren Geliebten zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart nichts bemerkt worden.

Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört die Welt, brummte ich in mein Inneres hinein. Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und leise glitt die winzige Nußschale am Fischkutter entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr Kind in den Schlaf wiegte.

Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, setzte ich mich achteraus und wriggte nun mit aller Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich jedoch ein Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung faßte, mein Boot wie einen Kreisel herumwirbelte und alle meine Versuche, Kurs zu halten, vergeblich machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit zeigen. Mit eiserner Faust brachte ich das Boot in meine Gewalt, und genau mit dem Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts. Jetzt kam ein gefährlicher Moment. Eine mächtige, quer über den Fluß reichende und von Soldaten streng bewachte militärische Pontonbrücke kam mir in den Weg. Ein Moment kalter Ruhe, schärfster Anspannung, ein Anruf eines Postens, und unverwandt geradeaus sehend und nur auf meinen Riemen achtend, schoß der Nachen durch zwei Pontons hindurch. Nur wenige Sekunden darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, und schon war ich an den Ankerketten eines mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie der Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette festgemacht, nur Bruchteile von Sekunden, in denen das Boot beinahe gekentert wäre. Jetzt war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das Wasser gurgelnd an meinen Bootsplanken vorüber, der volle Ebbstrom, verstärkt durch das Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.

Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig, als geduldig warten.

An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer. Ich wollte abwarten, bis wieder Stauwasser eingetreten war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als schnell der nötige Dampfer kam. Der Morgen fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse der verankerten Schiffe hervor, endlich ging die Sonne auf, und immer noch rauschte das Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen für mich nicht zu denken war. Die Flucht war sowieso in dieser Nacht unmöglich. Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte Boot besaß, ließ ich mich mit dem letzten schwachen Ebbstrom stromabwärts gleiten, und nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest. Mein Boot versteckte ich unter der Brücke, die beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann legte ich mich selbst in die Nähe und beobachtete. Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer stolz an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”. Nun kam noch eine harte Geduldsprobe. Sechzehn Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends um acht Uhr die Befreiungsstunde schlug.

Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig ließ ich mich durch die eben einsetzende Flußströmung wieder stromaufwärts treiben und machte am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht vorher gestrandet war. Querab von mir, nur fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß Juliana” an ihrer Boje.

Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das Innere meines Bootes und versuchte vergebens ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll, und bald war ich wieder von brausendem Wasser umgeben.

Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich herum, und als um ein Uhr das Boot ruhig im Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich achtern dwars in mein Boot und wriggte in größter Gemütsruhe, als wenn ich mich auf einer Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum Dampfer.

Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje.

Haushoch türmte sich über mir der scharfe schwarze Vorsteven meines Dampfers. Ein kräftiger Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen Fußtritt, und schnell wurde der von der eben wieder einsetzenden Ebbströmung stromab geführt. Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der Eisentonne. Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe erfüllt, wie eine Katze an der mächtigen Stahltrosse zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den Kopf über den Wassergang und spähte.

Die Back war leer.

Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich.

Ein blinder Passagier

Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum Ankerspill und versteckte mich zuerst mal in der Ölwanne unter der Kettentrommel.