Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen
Part 11
Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie um die Ecke gebogen, als auch schon zwei der anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung herum und in mein Zimmer liefen, und so war es selbstverständlich, daß auch hier alles ~„present”~ war.
Die Aufregung und die gespannteste Erwartung, in der wir uns während dieser Zeit befanden, kann man sich kaum vorstellen. Im Geiste erlebten wir ja alles mit, und da es merkwürdig lange still blieb, befürchteten wir schon, daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen, kaum atmend, das Gehör bis auf das äußerste angespannt, lagen wir da.
Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter Jauchzer. Das war unser verabredetes Signal, daß alles geglückt war.
Schwarze Nächte an der Themse
Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen hörte Gott sei Dank auf zu strömen. In vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da, und matt schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen, womit das Nachthindernis beleuchtet war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige Tritt der in ihren Schutzhäuschen auf und ab marschierenden Posten, und unheimlich klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war Wachtablösung, die ich mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte. Dann kam der wachthabende Offizier und leuchtete mit einer Lampe das Taghindernis -- also unseres -- ab, und um halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe.
Nun war der Moment des Handelns gekommen.
Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine Katze, schlich durch den Park und zu dem Drahthindernis, um mich zu überzeugen, daß wirklich keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung war und ich die Stelle, über die wir rüber wollten, wiedergefunden hatte, schlich ich zurück und holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam noch einmal.
Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch einmal die letzten Verhaltungsmaßregeln und dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als erster fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka drei Meter hoch und alle zwanzig Zentimeter von Draht mit unheimlich langen Stacheln bezogen.
Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem Boden waren elektrisch geladene Drähte gesetzt, deren Berühren genügte, um sie zu entladen und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich das ganze Lager alarmiert worden wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen gebunden und trugen außerdem noch Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger und sie haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das hatte den Vorteil, daß wir nun nicht ausrutschen konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. Dann gab mir Trefftz unsere beiden Bündel, und ebenso schnell wie ich überstieg auch er den Zaun. Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein Meter hohes schweres Drahthindernis, nach den neuesten Schikanen erbaut. Wie die Katzen liefen wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum ein hoher Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen wie der erste und ebenfalls mit elektrisch geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen wir beide glatt, nur daß ich mir an den verflixten Stacheln einen Teil meines Hosenbodens ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen mußte, um ihn später wieder einzusetzen. Gott sei Dank, das Hindernis war überwunden!
Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die Hand und stumm sahen wir uns an. Was wir durchgemacht hatten, wußten wir beide.
Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.
Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit weiter, überquerten einen Bach, erkletterten eine Mauer, sprangen in einen tiefen Graben und mußten uns dann an dem Wachthaus, welches am Eingang zum Lager lag, vorbeischleichen. Dann endlich waren wir im Freien!
Auf der großen Landstraße, die nach Donington Castle führte, liefen wir ohne Aufenthalt entlang. Nach einer halben Stunde machten wir halt und entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und Handschuhe. Na, die inneren Handflächen sahen ja fein aus, ganz zu schweigen von den Fußsohlen und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang haben die Andenken an den englischen Stacheldraht gejuckt.
Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere grauen Zivilregenmäntel an, verstauten die übrigen Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir frohgemut die Straße weiter, als wenn wir von einem späten Nachtgelage kämen. Als Donington Castle in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem begegnen sollten, hatten wir verabredet.
Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen wollten, kam uns ein englischer Soldat entgegen. Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich, und so wie wir es verabredet hatten, markierten wir ein Liebespaar. Verlangend nach uns hinschauend und mit der Zunge schnalzend ging der Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, erkannte ich ihn mit einem Schlage. Auf seinem Ärmel leuchteten matt die drei Feldwebelswinkel, und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur konnte nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.
Nun schritten wir weiter. Und nachdem das Dorf passiert war, fanden wir glücklich die angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. Drei große Chausseen führten von hier aus ab, und es war unmöglich, uns ohne Wegekenntnisse weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der Dunkelheit einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes in England. Zum Glück war es ein eiserner. Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er durch Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben das Wort „Derby” lesen.
In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem Polarstern orientierend, marschierten wir tüchtig darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns her fuhren, versteckten wir uns im Chausseegraben und warteten ab, bis die Gefahr vorüber war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem Auto glaubten, es sei unseretwegen unterwegs und uns nachgehetzt worden. Als wir Hunger verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen Schinken und Schokolade. Aber leider war das eine zu salzig und das andere so süß, daß ein furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald so unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen konnten. Dazu kam, daß wir durch die durchgemachte Aufregung und den anstrengenden Marsch außerordentlich viel Schweiß verloren hatten. In unserer Not stellten wir uns dann an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten wir die dicken Regentropfen von den Blättern der Büsche ab, bis wir endlich an einer Stelle eine schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns gierig trinkend warfen. O, das war gut.
Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr morgens, als wir die ersten Gartenhäuser von Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. Wie gebannt blieben wir stehen, hingerissen von diesem herrlichen Schauspiel, und dann schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig der Sonne zu.
O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus der Heimat, hatte sich rotgefärbt beim Durcheilen der blutigen Schlachtfelder und brachte uns nun die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein gutes Omen!
Nun schlichen wir uns beide in ein kleines Gärtchen, und hier wurde große Toilette gemacht. Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, und mein Hosenboden wurde mit der mitgenommenen Nähnadel geflickt. In Ermangelung von Rasiercreme benutzten wir unseren Speichel, und dann wurden die armen Gesichter mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet. Zum Schluß banden wir uns „den” Kragen und „_den_” Schlips um und überließen Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. Und schick fast wie Dandies mit einem koketten Kniff in dem weichen Hut betraten wir Derby.
Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, trennten uns unauffällig und hatten den unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde ein Zug nach London ging. Ich löste ein Retourbillett dritter Güte nach Leicester, und mit einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug. In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach London, und als ich in das Kupee einstieg, saß zufällig mir gegenüber ein Herr, ebenfalls im grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen haben mußte, von dem ich aber selbstverständlich keine Notiz nahm. Ich glaube, sein Name fing früher mal mit T. an.
Gegen Mittag lief endlich der Zug in London ein.
Als ich durch die Bahnsperre ging und mein Billett abgab, war mir doch nicht ganz wohl zumute, und so etwas hat meine Hand doch gezittert. Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs bedeutete weiter nichts, und einige Minuten darauf war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.
Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren in London gewesen war und es so genau kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war, daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging und in jeder von diesen so viel aß und trank, daß es noch eben nicht auffiel. Dann ging ich an die Themse hinunter, rief mir alle Straßen und Brücken und Dampferanlegestellen durch persönlichen Augenschein in die Erinnerung zurück und sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.
Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. Ich hatte gehofft, sofort einen Dampfer finden zu können, doch nun sah ich zu meiner Besorgnis, daß alle Werften und Ladeplätze und die meisten neutralen Dampfer ebenfalls streng bewacht mitten auf dem Strome lagen.
Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, in der ich mich in der ersten Zeit befand, und vor allen Dingen das dauernde Gefühl während der ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder Mensch wissen müßte, wer ich wäre, und daß jedermann es mir an der Nasenspitze ablesen könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen wäre, taten das ihre. Dazu kam noch die durchgemachte Aufregung und Überanstrengung der letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der riesigen Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich vergebens bemüht, irgendeine Zeitung zu erwischen, aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich wäre; das war für mich eine besonders herbe Enttäuschung.
War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt und müde zum Umsinken um sieben Uhr abends wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale stand, um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr habe ich gewartet, kein Trefftz kam.
Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen wäre, einen günstigen Dampfer zu fassen, und daß er womöglich London schon verlassen habe, schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. Zu meiner Enttäuschung war dieser entgegen früherer Gewohnheit geschlossen. Was sollte ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der Straße durfte ich nicht bleiben, um nicht aufzufallen. Und in eine Herberge durfte ich erst recht nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in England selbst jeder Engländer besitzen mußte, und ohne den kein Gastwirt bei schwerster Strafe jemanden aufnehmen durfte.
In einer elenden Bar, in der ich mich etwas stärken wollte, bekam ich nur warmen Stout und nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere war vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend geboten wurde, saß ich wieder auf der Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen ein, wo prächtige Paläste von schön gepflegten Vorgärtchen umgeben waren. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und als die Luft rein war, sprang ich schnell entschlossen über einen dieser Gartenzäune und hatte mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke, nur einen Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen. Meine Gemütsstimmung läßt sich nicht beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und wild jagten sich die Gedanken in meinem Hirn. In meinen Gummimantel gehüllt, wie ein Dieb zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck.
Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage, mich, einen deutschen Offizier? Wie ein Verbrecher kam ich mir vor. Und im Inneren war ich fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen Lage, in der ich mich befand, zu erzählen. Ach, hätte ich _den_ Abend schon gewußt, wo ich mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und das dabei sogar ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller gewesen.
Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck lag, öffnete sich in meinem Hause die große Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette traten heraus, um die prachtvolle Abendluft zu genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach einiger Zeit wurde drinnen ein Flügel angeschlagen und bald ertönte ein prachtvoller Sopran, und wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten meine Seele.
Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung, und wie ein Toter schlief ich ein, in meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern umschwebt.
Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten, der auf der Straße, nur einen Schritt von mir getrennt, auf und ab ging, und die hell strahlende Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf. Also hatte ich doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht! Stumpfsinnig pendelte der Polizist auf und ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das Glück. Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete die Türe, und schon war mein Polizist bei ihr und schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer.
Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich mit einem Satz über den Zaun und auf der Straße. Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark gerade geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn fuhr, ging ich in den Park und legte mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen Vagabunden, die es sich dort bereits bequem gemacht hatten. Dann zog ich den Hut übers Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter.
Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die Untergrundbahn und fuhr zur Hafengegend. Am „Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine Aufmerksamkeit.
Und wer beschreibt mein Staunen, als ich darauf dick und fett gedruckt las, daß:
1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen worden war und,
2. daß Mr. Plüschow ~„still at large”~ sei, aber,
3. man ihm bereits auf der Spur wäre.
Das erste und dritte waren mir neu, das zweite war mir bekannt.
Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”, ließ mich in einer einfachen Frühstücksstube nieder und las mit großem Interesse folgenden Steckbrief:
~Extra Late War Edition.~
~_Hunt for Escaped German. High-Pitched Voice as a Clue._~
~Scotland Yard last night issued the following amended description of Gunther _Plüschow_, one of the German prisoners who escaped from Donington Hall, Leicestershire, on Monday~:
~Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion fair; hair blond; eyes blue; and tattoo marks: Chinese dragon on left arm.~
~As already stated in the „Daily Chronicle”, Plüschow's companion, Trefftz, was recaptured on Monday evening at Millwall Docks. Both men are Naval Officers. An earlier description stated that Plüschow is 29 years old. His voice is high-pitched.~
~He is particularly smart and dapper in appearance, has very good teeth, which he shows somewhat prominently when talking or smiling, is „very English in manner”, and knows this country well. He also knows Japan well. He is quick and alert, both mentally and physically, and speaks French and English fluently and accurately. He was dressed in a grey lounge suite or grey and yellow mixture suite.~
Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch gekitcht. Mein Entschluß, was nun zu tun sei, stand bei mir fest, und der Steckbrief leistete mir dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen grauen Gummimantel los werden. Ich ging zur „Blackfriars Station” und gab meinen Mantel dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als ich das graue Ding dem Beamten übergab, fragte dieser mich plötzlich: ~„What's your name, Sir?”~ (Wie ist Ihr Name?).
Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die Glieder, auf diese Frage war ich nicht gefaßt. Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte, wer ich wäre, und vor Schrecken sogar deutsch antwortend.
~„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”~ und damit übergab er mir das Zettelchen für Mr. Mine.
Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen ist, war ein Wunder, und mir war etwas übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die mich scharf musterten, hindurchschritt.
Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug angezogen, den ich mir seinerzeit in Schanghai hatte machen lassen, und den schon in Schanghai Herr Brown und Scott, später der Millionär McGarvin getragen hatte, der dann an einen gewissen Schlosser, später Schloß_herr_ Ernst Suse vermacht worden war, dann wieder bessere Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, und nun sein Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters George Mine beendete. Unter dem Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, den eine unserer gefangenen Matrosenordonnanzen in Donington Hall mir geschenkt hatte. In der Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, ein Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, ein Stück Bindfaden und zwei Taschentücher vorstellen sollende Lappen. Ferner besaß ich das stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, die ich mir erspart und zusammengepumpt hatte. Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst jeder Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.
Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen Stelle. Mein schöner weicher Hut flog durch Zufall von der London-Bridge ins Wasser, Kragen und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, ein schöner vergoldeter Knopf prangte herrlich vorne in der grünen Hemdprise (Marke Knopfzwang), dann wurden die Haare schwarz und schmierig von einer Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse und Kohlenstaub, die Hände sahen bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären, und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig.
So konnte man in mir wirklich keinen Offizier vermuten, am allerwenigsten aber von ~„smart”~ und ~„dapper”~ sprechen. Ich glaube meine Rolle gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den inneren Ekel vor meiner Umgebung und soviel Dreck überwunden hatte und mich erst sicher fühlte, konnte ich wirklich nur als das angesehen werden, wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter oder Segelschiffsmatrose.
Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen in allen Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen gesehen hatte, trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch jemals nur den leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas anderes sei, als wonach ich aussah.
Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.
Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, war _die_, mich _so_ zu benehmen und _so_ auszusehen, daß ich niemals den leisesten Verdacht erweckte. Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, daß ein Mensch auf mich aufmerksam wurde, und wenn ein Polizist mich erst gefragt hätte, wer ich sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben können. Daher war es auch vollkommen unnötig, daß meine Steckbriefe meine Tätowierung auf dem Arm immer wieder als Schlüssel zur Entdeckung erwähnten. Wenn es erst so weit kam, dann war längst vorher schon alles verloren.
Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes Glück.
Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter mir zwei Kaufleute in angeregter Unterhaltung. Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury, holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte ich scharf zu.
Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es Freudensprünge gemacht. Die beiden unvorsichtigen Gentlemen erzählten nichts weniger, als daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer Schnelldampfer nach Vlissingen führe und jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury Docks zu Anker ginge.
Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”.
Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett gelöst, und eine gute Stunde später stieg ich bereits in Tilbury aus. Es war Mittagszeit, die Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging zuerst zur Themse runter und erkundete mein Operationsgebiet und überzeugte mich, daß mein Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und kräftigen Hunger hatte, ging ich nach Tilbury zurück und trat in eine der vielen Speisewirtschaften, wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte hineingehen sehen. In einem großen Saale saßen etwa hundert Arbeiter an langen Tischen und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte acht Pennies auf den Tisch und empfing einen großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging ich an die Bar, kaufte mir ein großes Glas Stout, und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu den anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise und Haltung beim Essen genau nachahmend, wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer besondere Schwierigkeiten verursachte.
Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich von hinten auf die Schulter getippt. Eisig durchfuhr es mich durch alle Glieder. Als ich mich umdrehte, stand der Besitzer da und fragte mich nach meinen Papieren. Ich dachte natürlich, er meinte meine Ausweise, und schon gab ich alles verloren. Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte ich dem Wirt folgen, und voll Schrecken gewahrte ich, wie er an den Fernsprecher ging, um zu telephonieren. Mit einem Blick schielte ich schon nach der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt, der mich durch ein Glasfenster beobachtete, wieder zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie Ihre Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht helfen; übrigens wie heißen Sie und wo kommen Sie her?”
„Ich bin George Mine und amerikanischer Leichtmatrose auf der Viermastbark ‚Ohio’, die oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier hereingegangen und habe doch schon mein Essen und mein Bier bezahlt, meine Papiere habe ich natürlich nicht mit!”
Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer Verein, hier dürfen nur Mitglieder essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn Sie Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die Räume stets frei.”
Natürlich war ich damit einverstanden. Ich zahlte meine drei Schilling Eintrittsbeitrag, erhielt ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit war ich nun jüngstes Mitglied des sozialdemokratischen Dockarbeitervereins von Tilbury!
Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder an meinen Tisch, trank mit einem Zug, um mich von dem durchgemachten Schrecken zu erholen, verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden der Appetit vergangen war und das Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte.
Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte mich ins Gras, tat, als ob ich schliefe, und paßte auf wie ein Luchs.
Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber. Meine Erwartung wuchs unendlich. Um vier Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein holländischer Schnelldampfer ein und machte direkt vor meiner Nase an einer Boje fest. Und erst mein Glück und meine Freude, als ich vorne am Bug in weißen, leuchtenden Buchstaben den Dampfernamen:
„_Mecklenburg_”
las. Das war für mich als Mecklenburger und Schweriner das beste Vorzeichen.
Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend hinüber, von wo aus ich den Dampfer unauffälliger beobachten konnte, und bummelte, die Hände in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend, möglichst bummlig und schlaksig im Seemannsgang am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber scharf beobachtend.
Mein Plan war folgender:
Nachts schwimmend die Boje, an der der Dampfer lag, zu erreichen, dann an der Stahlleine hochklettern, mich an Deck zu schleichen und als blinder Passagier nach Holland zu fahren.
Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden.