Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 9

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Geschichtlich noch wichtiger sind die =Todten-Annalen=, in welchen Jahr für Jahr die Todesfälle eingetragen sind. Solche sind aus =Fulda= von 779 bis 1065 erhalten[42], und an diese sich anschließend, aber weit weniger reichhaltig, aus =Prüm=, von 1039 bis 1104[43], aus =St. Blasien= von vor 1036 bis 1474[44].

[42] Erste vollständige Ausgabe aus den verschiedenen Hss. von G. Waitz: _Annales necrologici Fuldenses_, MG. SS. XIII, 161-215.

[43] _Ann. necrol. Prum._ ib. p. 219-223.

[44] Necrol. I, 329-333. Die Weltenburger 1045-1109 (MB. XIII, 473-493) werden auch wohl bei den Necrol. gedruckt.

Verschieden davon sind die =Verbrüderungsbücher=, in welche Lebende eingetragen wurden; bei weitem das wichtigste darunter ist das von Karajan, jetzt aber mit wesentlichen Verbesserungen von Herzberg-Fränkel herausgegebene von =Sanct Peter in Salzburg=[45]; von einer systematischen Bearbeitung sind die von =Sanct Gallen=, =Reichenau= und =Pfävers= erschienen[46]. Sie geben über die Verbindungen der Klöster untereinander Nachricht und sind durch die Fülle alter Eigennamen für die Sprachforschung von Bedeutung. Auch von den =Roteln= späterer Zeit, durch welche man von den Todesfällen verbundenen Klöstern Nachricht gab, und welche theils nur mit Empfangsbescheinigung, theils sogar mit längeren Gedichten versehen wurden, hat sich namentlich in Frankreich eine große Anzahl, wenn auch meistens nur fragmentarisch, erhalten, welche von L. Delisle gesammelt und herausgegeben ist[47].

[45] Necrol. II, 3-60; vgl. NA. XII, 53-107.

[46] MG. Libri Confraternitatum S. Galli, Augiensis, Fabariensis, ed. P. Piper 1884. Das Verbrüderungsbuch von St. Gallen ist, nebst dem Buch der Gelübde, auch von E. Arbenz herausgegeben und erläutert, Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, St. Gallen 1884. Vgl. auch C. Will, Monum. Blidenstatensia, p. XX-XXII. A. Ebner, Die klösterlichen Gebetsverbrüderungen. Regensb. 1890.

[47] Des monuments paléographiques concernant l'usage de prier pour les morts, Bibl. de l'École des chartes, II, 3, 361-411, und die Ausgabe: Rouleaux des morts du IX. au XV. siècle, 1866. Vgl. Wattenbach, Schriftwesen (2. Ausg.) S. 137.

Eine besondere Erwähnung verdienen endlich noch die alten =Diptycha=, in welche Namen ohne Daten eingetragen wurden, um sie der Fürbitte theilhaftig werden zu lassen, wobei auf die Ordnung nichts ankam; aus Fulda, Trier, Novara haben sich dergleichen erhalten. In Ermangelung anderer Denkmäler hat man daraus Bischofslisten entnommen, deren Lückenhaftigkeit und Umstellungen sich aus solchem Ursprung erklären. Ein Liber vitae ecclesiae Dunelmensis (jetzt Cott. Domit. A. VII) aus der Mitte des neunten Jahrhunderts und bis in späte Zeit fortgeführt, lag im Prachtband auf dem Altar[48], herausgegeben von Stevenson 1841.

[48] Genaue Beschreibung der Hs. von Thompson im Catalogue of ancient Latin Mss. p. 81-84.

Eine besondere Art von Namensverzeichnissen entstand durch die Sitte, in =Evangelienbücher= Namen einzutragen, wovon man sich gute Folgen für das Seelenheil versprach. So schrieb nach einer Mittheilung von K. Lamprecht in d. Westd. Ztschr. IV, 156 in einem Evangeliar des Castorstifts in Coblenz der Schreiber selbst hinzu: „Waniggus peccator nomen habeo. in vitae libro mei memoriam condo“. Darauf folgen andere Namen. Beispiele davon kommen auch sonst vor[49]; geschichtlich wichtig sind die Eintragungen im Evangeliar von Aquileja für die Anfänge des Christenthums unter den Bulgaren, während Theodelinde und andere Namen später betrügerisch zugesetzt sind, was Bethmann entdeckt und nachgewiesen hat[50].

[49] L. Delisle, Bibl. de l'École des ch. 1876, S. 484.

[50] NA. II, 112-128.

§ 4. Die Ostgothen. Cassiodor.

Manso, Geschichte des ostgothischen Reiches in Italien, Breslau 1824. Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Waitz, Ueber das Leben und die Lehre des Ulfila, Hannov. 1840, 4. Bessell, Ueber das Leben des Ulfilas und die Bekehrung der Gothen zum Christenthum, Gött. 1860. Max Müller, Lectures on the Science of Language, 2. ed. 1862, p. 179 ff. Bessell, Art. Gothen in der Encyklopädie von Ersch und Gruber I, 75. S. 98-242 (1862). Raszmann, Goth. Sprache und Litteratur, ib. 294-348. Wietersheim, Geschichte der Völkerwanderung, bes. II, 137 ff. Pallmann, Die Geschichte der Völkerwanderung, I, Gotha 1863. II, Weimar 1864. F. Dahn, Die Könige der Germanen, Abth. II. 1861. Wackernagel, Geschichte der deutschen Litteratur. S. 15-22. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur, § 60. A. Thorbecke, C. Senator, Progr. d. Heidelb. Lyceums 1867. Ad. Franz, C. Senator, ein Beitr. z. Gesch. d. theol. Litt. Bresl. 1872. Teuffel § 475. Ebert S. 498 bis 542. Balzani p. 1-19. Rinaudo p. 25-31. -- Ueber Cassiodor und Jordanis: Papencordt, Geschichte der vandal. Herrschaft in Afrika (1837), S. 383-388. Freudensprung, De Jornande sive Jordane et libellorum eius natalibus, Monaci 1837. H. v. Sybel, De fontibus libri Jordanis de origine actuque Getarum, Berol. 1838; Entstehung d. D. Königthums, 2. Ausg. (1881) S. 134-208. Waitz, GGA. 1839, S. 769-781. Joh. Jordan, Jordanes Leben und Schriften. Progr. des Gymnasiums zu Ansbach. 1843. J. Grimm, Ueber Jornandes. Abh. der Berliner Akademie, 1846 (Kleinere Schriften III, 171-235). Cassel, Magyarische Alterthümer, 1848, S. 293 bis 310. Stahlberg. Jornandes, Programm der höheren Bürgerschule zu Mühlheim a. R. 1854. C. Schirren, De ratione, quae inter Jordanem et Cassiodorium intercedat commentatio, Dorp. 1858; vgl. die Rec. von A. v. Gutschmid. Jahrbücher für classische Philologie, 1862, S. 124-151. R. Köpke, Deutsche Forschungen, Berl. 1859. Bessell, Art. Gothen, S. 101-116, recapitulirt die ganze Frage. Waitz, Gött. Nachrichten 1865 N. 4, über das Verhältniß zum Anon. Cuspiniani. Baehr S. 247-262. Mommsen, Praef. Jord. p. XL-XLIV. -- Cassiodori Opera ed. Garet, Rothomagi 1679. fol. Frammenti di orazioni panegiriche, raccolti ed illustrati di Carolo Baudi de Vesme, Memorie della Real Acad. delle Scienzie, Serie II, Vol. VIII; vgl. Reifferscheid, SB. 68, 483, Fragm. d. Lobrede auf K. Theodahat, viell. von Cassiodor nach Arbois de Jubainville, Bibl. de l'École des chartes, V. 3, 139, vgl. M. Haupt in Hermes VII, 377. H. Usener, Festschrift zur Philol. Vers. in Wiesbaden 1877 (Anecdoton Holderi, Excerpt aus der früher unbekannten Schrift C.'s über die Schriftsteller in seiner Familie); vgl. aber Schepss, im NA. XI. 125-128. F. Rühl. Ein Anecdoton zur Goth. Urgesch. im Jahrb. f. class. Philol. 1880, S. 549-576 (Barbarischer Auszug aus Cass. über Skythen und Amazonen).

Das ostgothische Reich, so kurz es dauerte, bildete doch ein sehr wichtiges Mittelglied zwischen der antiken Welt und dem Mittelalter, welche sich in ihm auf merkwürdige Weise berühren.

Der gothische Stamm war einer der begabtesten, bildungsfähigsten deutschen Stämme. Er allein, nebst den Angelsachsen, hat von Anfang an auch die Muttersprache ausgebildet, nicht nur in Lied und Gesang, sondern auch zu wissenschaftlichem Gebrauch; außer Vulfila's Bibelübersetzung haben sich auch Fragmente einer Evangelienharmonie erhalten. Getrennt von der herrschenden Kirche, feierten sie den Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache[1], und deren Gebrauch war dadurch bei ihnen, wie später bei den Slaven, besser gesichert als in der römischen Kirche. Dennoch hätten auch die Ostgothen, wäre ihrem Reiche längere Dauer beschieden gewesen, sich der Uebermacht römischer Cultur wohl sicher ebenso wenig zu erwehren vermocht, wie die Westgothen in Spanien und später die Angelsachsen.

[1] Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika, S. 295.

Denn mit der größten Empfänglichkeit wandten die Gothen sich auch der antiken Bildung zu; Theoderichs Reich ist merkwürdig als ein Versuch, die neuen Elemente mit den alten zu vereinen und die Herrschaft in den alten Formen fortzuführen; an seinem Hofe hörte man noch die alten gothischen Heldenlieder, aber es sammelten sich dort auch die noch übrigen Träger der alten Bildung; hier entstanden mehrere der Werke, welche die Elemente der alten Cultur dem Mittelalter überlieferten, aus denen es seine Kenntniß des Alterthums schöpfte und zugleich den gezierten dunklen Stil lernte, der damals in den Schulen der Rhetoren und Grammatiker für schön galt.

Den Schriftstellern des vierten Jahrhunderts, Donat, Macrobius, Marcianus Capella, reiht sich Priscianus an, Theoderichs Zeitgenosse und mit Cassiodor bekannt; doch lebte er in Constantinopel. Einer der Hauptlehrer des Mittelalters aber, dem es zunächst die Kenntniß der Aristotelischen Philosophie verdankte, war =Boethius=[2], der mit seinem gelehrten Schwiegervater =Symmachus= am Hofe zu Ravenna lebte. Die Familie der Symmacher, die domni Symmachi, werden uns ganz besonders genannt unter den Männern, welche in genauer Verbindung mit den Schulen der Grammatiker und Rhetoren noch einmal das sinkende Heidenthum neu zu beleben suchten, durch Auffrischung der Mysterien, der Philosophie, und namentlich auch durch angelegentliche Beschäftigung mit der alten Litteratur, deren Werke sie durch sorgfältige Verbesserung der verwahrlosten Handschriften in diejenige Gestalt brachten, in welcher sie uns jetzt vorliegen[3]. Das Christenthum war nun freilich bereits zum unbestrittenen Siege durchgedrungen, dennoch aber stehen diese Männer noch ganz auf dem Boden der alten heidnischen Bildung. Auch =Cassiodor= gehört dazu; erst in seinem Alter gab er sich immer mehr einer kirchlich frommen Richtung hin.

[2] So nach der Etymologie, während die handschriftliche Autorität mehr für =Boetius= spricht.

[3] O. Jahn: Ueber die Subscriptionen in den Handschriften römischer Classiker. Berichte über die Verhandlungen der königl. Sächs. Ges. der W. Phil. hist. Classe, III, 327. 1851.

Dieselbe Mischung römischer und deutscher, heidnischer und christlicher Elemente, wie an Theoderichs Hofe, finden wir nun auch in der geschichtlichen Litteratur, die uns leider nur theilweise erhalten ist. Was es für eine Bewandtniß mit den gothischen Philosophen habe, mit Athanarit, Hildebald und Markomir, auf die sich der Ravennatische Geograph beruft, ob sie existirt haben oder nicht, ist bis jetzt noch dunkel[4]. Auch der von Jordanis[5] benutzte und gelobte =Ablavius=, der „treffliche Geschichtschreiber des gothischen Volks“, bleibt in zweifelhaftem Dunkel; Mommsen vermuthet, daß er an Theoderichs Hofe nicht lange vor Cassiodor geschrieben und, der gothischen Sprache kundig, ihre Ueberlieferungen und Lieder mit den Nachrichten des Priscus u. a. verbunden habe. Er ist geneigt, einen sehr wesentlichen Theil des Cassiodorischen Werkes ihm zuzuschreiben, aber Schirren hat sich mit guten Gründen von neuem sehr nachdrücklich dagegen erklärt. Der Name ist in jener Zeit häufig und lautet correct =Ablabius=, doch folge ich lieber der damals üblichen, durch Jordanis bezeugten Aussprache.

[4] Th. Mommsen, Ueber die Ravennatische Kosmographie, SB. der k. Sächs. Ges. der W. Phil. hist. Classe, III, 80-117, 1851. Bock, Lettre à Mr. Bethmann, Annuaire de la Bibl. Royale de Belgique, Vol. XII. 1851. Rec. von Waitz, GGA. 1851, N. 121. Ravennatis Anonymi Cosmographia et Guidonis Geographia. Ex libris manuscriptis edd. M. Pinder et G. Parthey, Berol. 1860. -- =Guido Pisanus= excerpirte das ältere Werk des siebenten Jahrhunderts um 1119. Während Mommsen und de Rossi (Giornale Arcadico CXXIV p. 259-281, 1851) sammt vielen anderen seiner Autoritäten auch die gothischen Philosophen für erfunden halten, sehen Bock und Pallmann I, 9-12. II, 139, in ihnen Zeitgenossen Theoderichs.

[5] De orig. Gett. c. 4. 14. 23. Vgl. Sybel, De fontibus Jord. p. 34-37. Schirren S. 36-44. Koepke S. 80. Gutschmid S. 129, 130. Sybel, Königthum, S. 193. Mommsen, Praef. Jord. p. XXXVII. -- Daß um 1200 jemand _Blavius de gestis Gothorum_ aus der Bibliothek des Klosters Tegernsee verlangte (Pez, Thes. VI, 2, 53), erklärt sich wohl einfach aus der Lectüre des Jordanis. Die Meinung von P. Buchholz, daß Flavius Blondus den A. gekannt habe, widerlegt Mommsen.

Der rechte Repräsentant dieses Uebergangsreiches ist Magnus Aurelius =Cassiodorius[6] Senator=, ein vornehmer Römer von angesehener Familie, aus Bruttien, vielleicht aus Squillace gebürtig. Dem Beispiele seines Vaters folgend, stellte er sich der Herrschaft der Barbaren nicht feindselig oder schmollend gegenüber, sondern war als Staatsmann und als Gelehrter aufrichtig und unablässig bemüht, die widerstrebenden Elemente friedlich zu verbinden und auszugleichen; als Minister Theoderichs und seiner Nachfolger suchte er die Regierung in den alten Formen fortzuführen, und als Geschichtschreiber verkündete er den erstaunten Römern, daß das Volk der Gothen und das Königsgeschlecht der Amaler ihnen an Alter und Adel, ja sogar an uralter Cultur mindestens ebenbürtig sei.

[6] Diese Form wird man nach dem Veroneser Cod. saec. VII. der Complexiones vorziehen müssen, mit Maffei und Reifferscheid, SB. XLIX, 49. Auch Mommsen braucht sie (doch jetzt nicht mehr), während F. Rühl, Jahrb. f. Philol. 1880, S. 564, sich dagegen erklärt.

Schon die =Chronik= Cassiodors[7] dient der Verherrlichung Theoderichs und seines Eidams Eutharich, dem sie in seinem Consulatsjahre überreicht wurde; der Schwall der Lobrede belebt 496 bis 519 das dürftig und ungeschickt zusammengestoppelte chronologische Gerippe, dessen Mangelhaftigkeit und willkürlich leichtsinniges Machwerk Th. Mommsen schonungslos aufgedeckt hat. Auch die wenigen früheren historischen Notizen zur Consulartafel, die er aus Hieronymus, Prosper, Eutrop, von 456-493 aus den Ravennater Fasten schöpfte[8], hat er in gothischem Interesse verändert[9]. Von weit größerem Werth, fleißiger gearbeitet und der schulmäßigen Gelehrsamkeit jener Zeit entsprechend waren Cassiodors zwölf Bücher =Gothischer Geschichten=, ein früh verlorenes Werk, über welches jedoch der Auszug des Jordanis ein Urtheil gestattet, denn nach den Untersuchungen von Schirren und Koepke kann man es jetzt wohl als festgestellte Thatsache betrachten, wie es denn auch von Mommsen angenommen ist, daß der ganze wesentliche Inhalt dieses Werkes mit Einschluß des gelehrten Apparats von Cassiodor herrührt[10]. Außerdem finden sich in der Sammlung seiner Briefe mehrere Aeußerungen, welche sich auf sein Geschichtswerk beziehen; so legt er gleich in der Vorrede einem Freunde die Worte in den Mund[11]: „Du hast in zwölf Büchern die Geschichte der Gothen in einer Blüthenlese ihrer glücklichen Thaten niedergelegt“. Varr. XII, 20 wird eine Stelle über die Einnahme Roms durch Alarich daraus angeführt, welche beweist, daß auch die Geschichte der Westgothen darin behandelt war.

[7] Die Chronik des Cassiodorus Senator vom Jahre 519. Nach den Handschriften herausgegeben von Th. Mommsen. Abhandl. der königl. Sächs. Ges. der Wiss. VIII. 1861. -- Zugesetzt sind die Consuln 520-559. Benutzt ist die Chronik nur von Hermanus Contractus aus der Reichenauer, von Marian und den Ann. S. Dysibodi aus der Mainzer Handschrift.

[8] Holder-Egger, NA. I, 247-250.

[9] Vgl. Thorbecke S. 43. Ueber ein ähnliches Verfahren in der Gothengeschichte s. G. Kaufmann, Forschungen VI, 464.

[10] Auch H. v. Sybel, der in seiner Abhandlung die entgegengesetzte Ansicht durchgeführt hatte, gab 1858 in der Hist. Zeitschr. II, 515 die Wahrscheinlichkeit der Beweisführung von Schirren und Koepke zu. Ihm folgt darin auch Bessell. Nur die Benutzung des Orosius hält Mommsen für Eigenthum des Jordanis, während er auf die von H. v. Sybel (Königth. S. 193) aufgestellte Behauptung, daß J. selbst die Reihe der Gothenkönige aus Ammian ergänzt habe, nicht Rücksicht nimmt. -- Nach F. Rühl kannte auch Aethicus das Werk Cassiodors.

[11] „XII libris Gothorum historiam defloratis prosperitatibus condidisti.“ Bessells Deutung (Forschungen I, 639-643) „mit auserlesenem Glück geschrieben“, scheint mir unhaltbar, trotz Thorbecke's Zustimmung.

Wichtiger aber und lehrreicher sind die Worte des Königs Athalarich in dem Schreiben (Varr. IX, 25), durch welches er dem römischen Senat Cassiodors Erhebung zum Praefectus praetorio für das Jahr 534 anzeigt. Nicht damit habe er sich begnügt, heißt es da, die lebenden Herren zu loben: „auch in das Alterthum Unseres Geschlechtes ist er hinaufgestiegen und hat durch Lesen erkundet, was kaum noch in dem Gedächtniß unserer Altvorderen haftete. Er hat die Könige der Gothen, welche lange Vergessenheit barg, aus den Schlupfwinkeln der Urzeit hervorgezogen. Er hat die Amaler mit dem vollen Ruhm ihrer Herkunft wieder ans Licht gestellt, indem er klärlich nachwies, daß Wir bis in die siebenzehnte Generation von königlichem Stamme sind. Er hat die Herkunft der Gothen zu einer römischen Geschichte gemacht, und die Blüthenkeime, welche bis dahin auf den Gefilden der Bücher hier und dort zerstreut waren, in einen einzigen Kranz gesammelt[12]. Bedenkt, welche Liebe zu euch er durch Unser Lob bewiesen hat, da er nachwies, daß eueres Herrschers Stamm von Uranfang her wunderbar gewesen ist, so daß, wie ihr von eueren Vorfahren her immer für edeler Art gegolten habt, so nun auch ein altes Königshaus über euch die Herrschaft führt[13].“ Und weiterhin wird Cassiodor gerühmt, weil er gleich den Anfang von Athalarichs Herrschaft gleichmäßig mit den Waffen und mit gelehrter Thätigkeit (litteris) gefördert habe; von der tiefen Ruhe litterarischer Beschäftigung aufgescheucht[14], habe er ohne Zaudern zu den Waffen gegriffen.

[12] Gutschmid S. 140 bemerkt, daß Cassiodor in diesen Worten Justins Vorrede nachgeahmt zu haben scheine.

[13] Tetendit se etiam in antiquam prosapiam nostram, lectione discens quod vix majorum notitia cana retinebat. Iste reges Gothorum longa oblivione celatos latibulo vetustatis eduxit. Iste Amalos cum generis sui claritate restituit, evidenter ostendens in decimam septimam progeniem stirpem nos habere regalem. Originem Gothicam historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in unam coronam germen floridum, quod per librorum campos passim fuerat ante dispersum. Perpendite quantum vos in nostra laude dilexerit, qui vestri Principis nationem docuit ab antiquitate mirabilem, ut sicut fuistis a majoribus vestris semper nobiles aestimati, ita vobis regum (so statt _rerum_ zu schreiben, scheint mir mit Gutschmid selbstverständlich) antiqua progenies imperaret.

[14] A litterarum penetralibus ejectus. Bessell S. 115 bemerkt richtig, daß damit seine Thätigkeit in der k. Kanzlei nicht wohl bezeichnet sein kann.

Cassiodor selbst ist es, der diesen Brief verfaßt hat, und klar genug hat er darin Zweck und Absicht seines Werkes ausgesprochen. Der übergroße Abstand zwischen dem kräftigen, aber noch den Römern als barbarisch geltenden Gothenvolke und den auf ihre Geschichte und Bildung stolzen Römern sollte ausgeglichen werden, das war der leitende Gedanke in Cassiodors ganzer Thätigkeit. Dazu mußte ihm nun auch seine Gelehrsamkeit dienen; daß Gothen und Geten dasselbe Volk wären, war eine längst geläufige Annahme[15], aber noch hatte niemand es versucht, den Zusammenhang nachzuweisen. Cassiodor that es und zwar, wie jetzt durch das von Holder entdeckte Fragment bekannt geworden ist, im Auftrag des Königs Theoderich, doch erst nach dem Tode desselben gelang ihm die Vollendung[16]. Er verflocht zu diesem Zwecke, was er über die Gothen wußte und bei Ablavius las, mit dem, was er bei Römern und Griechen über die Geten vorfand, und da diese wie jene von den Griechen häufig Skythen genannt wurden, zog er auch die ganze Urgeschichte der Skythen heran, und machte sogar die Amazonen ohne Bedenken zu gothischen Weibern. So erschienen die Amaler, deren Glanz die gothische Sage verkündete, nun als unmittelbare Nachfolger des Zamolxis und Sitalkes, und die Römer konnten darin einen Trost finden für die Bitterkeit der fremden Herrschaft[17]. Es war das ein Gedanke, der wohl Anerkennung verdient, wenn auch der Zweck unerreicht blieb, die Grundlage irrig war, wenn auch zur Verherrlichung der Amaler er ihren Stammbaum selbst mit freier Dichtung über alle Gebühr verherrlicht haben mag[18].

[15] S. Schirren S. 54. Koepke S. 209. Die von J. Grimm vertheidigte Identität kann als antiquirt betrachtet werden; ich begnüge mich, auf die Anm. v. Waitz zu verweisen, Verfassungsgesch. II, S. XIII, 2. u. 3. Ausg. I, S. 5.

[16] Mommsen, Praef. Jord. p. XLI.

[17] Diesen Gedanken hat R. Koepke lichtvoll entwickelt, Forsch. S. 89 ff. Die Art der Verknüpfung, das chronologische System von Cassiodors Gothengeschichte weist Gutschmid S. 141 ff. nach, nachdem er S. 133-140 den Stammbaum der Amaler behandelt hat. Er hält mit Schirren den Eutharich für keinen wirklichen Amaler und sieht in dessen Stammbaum einen Hauptzweck des Werkes; aber weshalb wurde dann Eutharich aus Spanien geholt, wenn nicht, weil er ein Amaler war? Dafür auch Thorb. S. 18-20. -- Waitz, Nachrichten 1865 S. 101 vermuthet, daß Cassiodors Geschichte sich auf Theoderichs Regierung nicht erstreckte. Ihm stimmt Thorb. S. 45 bei.

[18] Das hat vorzüglich H. v. Sybel nachgewiesen und eben deshalb angenommen, daß die nicht als Amaler bezeichneten Gothenkönige erst von Jordanis eingeschoben sind.

Als Cassiodor oder Senator, denn das war sein eigentlicher Name, alle seine Bestrebungen vereitelt sah, als das Gothenreich dem Angriff der Mächte, mit welchen er es hatte aussöhnen wollen, unterlag, da zog er sich, vermuthlich nach Vitigis Sturz (um 540) von der Welt zurück und gründete ein Kloster (monasterium Vivariense) in Bruttien, wo er das Ende seines Lebens in stiller Beschaulichkeit und schriftstellerischer Thätigkeit als hochbetagter Greis erwartete. Hier ließ er unter seiner Aufsicht die im Mittelalter vielgelesene Kirchengeschichte[19] zusammenstellen und übersetzen; hier schrieb er in seinem 93. Jahre eine Abhandlung über die Orthographie, zum Frommen seiner Mönche, denen er die Vervielfältigung der Bücher durch Abschriften ganz besonders zur Pflicht machte. Er zuerst hat die wissenschaftliche Arbeit grundsätzlich in die Klöster eingeführt und dadurch einen weitreichenden segensreichen Anstoß gegeben[20]. Ist er, wie Thorbecke annimmt, erst um 570 gestorben, so erlebte er noch die neue Verwüstung Italiens durch die Langobarden, sah er, wie die blutigen Lorbern Justinians fruchtlos hinwelkten.

[19] Die _Historia tripartita_, durch Epiphanius. Ueber dieses sehr mangelhafte Werk s. Ad. Franz S. 104-120.

[20] Thorb. S. 29-31. Sehr ausführlich Franz S. 35 ff.