Part 29
Die Gründung Fuldas wurde veranlaßt durch Bonifaz, welcher sich seine Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Lebzeiten sich dahin zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die Märtyrerkrone ihm zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber ausführlicher Erzählung wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die Geschichte der ersten Gründung berichtet in dem Leben des ersten Abtes =Sturmi=, der, von Geburt ein Baier, schon als Jüngling Bonifaz übergeben, in Fritzlar von Wigbert unterwiesen war, und nach dreijähriger Wirksamkeit als Pfarrer, von der Sehnsucht nach dem klösterlichen Leben in der Einsamkeit ergriffen wurde. Bereitwillig förderte Bonifaz sein Streben, und sandte ihn, nachdem in Fulda die neue Stiftung begründet war, nach Italien, um an der Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen; er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecassino auf[1], welches als des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig aufgesucht wurde. Unter königlichen und päbstlichen Schutz gestellt und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der Deutschen geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige Entwickelung und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm vertheidigte, nach manchen Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem Erfolge, die Freiheit und Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erzbischof Lull; sein Nachfolger =Baugulf= (779-802) schmückte es mit Bauwerken, und erst jetzt begann auch das wissenschaftliche Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln, obwohl es an einer Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alcuin hat damals Fulda besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben über die Nothwendigkeit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade in der an Baugulf gerichteten Ausfertigung erhalten; er ist es auch, der Einhards glückliche Anlagen früh erkannte, und ihn deshalb an des Königs Hof sandte. Die ältesten Fulder Annalen (oben S. 150) beginnen mit angelsächsischen Namen und in ihren Handschriften begegnen uns die Schriftzüge der Angelsachsen; es kann nicht ohne günstigen Einfluß geblieben sein, daß diese höher gebildeten Mönche gerne bei den Reliquien ihres gefeiertsten Landsmanns weilten, und auch gelehrte Schotten fanden sich schon bald, des alten Gegensatzes ihrer Kirche vergessend, an Winfrids Grabe ein, wie Probus, der Freund des Lupus und Walahfrids. Baugulfs Nachfolger =Ratgar= (802-817) sandte die fähigsten Mönche seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und Hatto nach Tours zu Alcuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst mehreren anderen zu dem Schotten Clemens[2]. Vielleicht schon dieser Zeit gehört der =Johannes Fuldensis didasculus= an, welcher in ungeschickten Versen als grämlicher Alter gegen den Heiden Vergil eiferte und dagegen des Arator christliches Gedicht pries[3].
[1] Ruodolfi V. Liobae c. 10. Libellus supplex § 10.
[2] Catalogus abbatum in Böhmers Fontes III, 162; MG. SS. XIII, 272. Clemens wird als Lehrer an Ludwigs des Frommen Hofe erwähnt, er widmete in recht guten Versen dem jungen Lothar ein grammatisches Werk, Grammatici Lat. ed. Keil I p. XXI; cf. Dümmler, Ostfr. II, 649, Hauréau, Singularités p. 23. Keil, de grammaticis quibusdam latinis inf. aet. (Erlanger Univ.-Progr. 1868), p. 9-17. Dümmler, NA. IV, 258; Poet. Lat. II, 670.
[3] MG. Poet. Lat. I, 392. Trithemius nennt als Schüler Hrabans (Vita I, cap. 3): „Joannes monachus Fuldensis, patria Francus orientalis, poeta et musicus insignis; qui et plura scripsit et cantum ecclesiasticum primus apud Germanos varia modulatione composuit.“ Angef. v. Gerbert, De cantu et musica sacra I, 282. Leider eine ganz unzuverlässige Quelle. -- Caspar Barth, Advers. l. XXXII, c. 12, col. 1486, führt die Verse an: „Felicitatis regula Hac fine semper constitit“ von einem Fulder Mönch =Erinfrid= „a. 806 ut vita ejus testatur“. Die Hs. „e bibl. Martispurg.“ enthielt „alia talia“ u. Briefe. Leider habe ich keine weitere Spur davon finden können.
Es zeigt sich uns hier der Gegensatz, in welche die der Geistlichkeit zu ausschließlicher Pflege überwiesene Gelehrsamkeit zu dem ursprünglichen Zweck des Klosterlebens trat, und nicht minder litt die stille Beschaulichkeit desselben durch den fürstlichen Hofhalt, den Fremdenverkehr, die Unruhe und den Lärm der Bauten. Ratgar warf man ungemessene Baulust, Härte und Hoffart vor; heftige innere Zerwürfnisse waren die Folge[4], und der Frieden kehrte erst wieder, als 817 Ratgar abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in welchem der Kaiser sich ernstlich der Reform der Klöster annahm und auf der Aachener Versammlung die Kapitel verordnete, welche lange Zeit fast gleiches Ansehen mit der Regel selber genossen. Zwei westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid, führten diese Reform auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich befestigt hatte, erlaubte der Kaiser eine neue Wahl, und =Eigil= übernahm die Leitung des Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen als dessen Freund kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein Baier, wie er, und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda gebracht und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er unter Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das Leben seines Meisters[5], auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten großen Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen, sie trägt noch den Stempel der älteren, vor Alcuins Wirksamkeit liegenden Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben Fehler der merowingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die Mängel des Stils der einfach fromme Sinn des Mannes, seine ansprechende und ungesuchte Erzählung dieser Begebenheiten, welche er theils noch selbst erlebt, theils aus dem Munde der älteren Brüder und seines Meisters erfahren hatte. Nach seiner Anordnung wurde diese Legende jährlich an Sturms Gedenktage (17. Dec.) während der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.
[4] _Libellus supplex Monachorum Fuldensium, Carolo Magno Imperatori porrectus._ Broweri Antt. Fuld. p. 212. Schannat, Cod. Probb. p. 84. Mab. IV, I, 260-262. Vgl. über diese Vorgänge B. Simson, Lud. d. Fr. I, 371 bis 374. Die S. 373 Anm. 9 angef. Stelle des Libellus kann ich aber nur darauf beziehen, daß keine Acte weltlicher Gerichtsbarkeit und kein Marktverkehr auf dem Klosterplatz stattfinden sollen. Die Worte des Cod. Fuld. Ann. Lauriss. min. a. 807: ‚Aufugiunt pueri puerorum et pessime custos Consiliis pravis‘ sind, wie Simson bemerkt, vielleicht aus einem verlorenen Gedicht.
[5] _Vita S. Sturmi_ ed. Pertz MG. SS. II, 365-377. Bei Migne CV, 421-444 nach Mabillon. Uebersetzt von W. Arndt mit dem Leben des heiligen Bonifatius; von K. Schwartz mit beachtenswerthen Erläuterungen in 2 Fulder Programmen, 1856 und 1858. Ebert II, 104-106. Die vermißte Bamberger Hs. ist in Würzburg, Arch. VII, 109.
Das Leben des zweiten Abtes =Baugulf= schrieb, durch Eigil veranlaßt, =Bruun=, mit dem Beinamen =Candidus=, wohl derselbe, den Ratgar zu Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten Zeit, als er erst kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern zum Abt erwählt war, wie Bruun berichtet. Leider ist dieses Leben Baugulfs verloren[6]; erhalten aber ist uns das =Leben Eigils=[7], von demselben Verfasser auf Hrabans Veranlassung geschrieben, als dieser noch Abt war, also vor 842. Der Verfasser war schon hochbetagt, 845 ist er gestorben. Er befand sich auf einer einsamen Pfarre, und Hraban hatte ihn ermahnt, sich im Lesen zu üben und etwas Nützliches zu schreiben. Die Lebensbeschreibung ist nicht ohne Geschick verfaßt, und wenn auch nicht fehlerfrei, lässt sie doch in der anspruchsvolleren Form den Schüler Einhards wohl erkennen. Besonders gelungen ist die sehr lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl im Kloster hervorruft; die Ansichten und Aeußerungen der verschiedenen Wortführer werden in der gewöhnlichen Umgangsprache wiedergegeben, und ein Kampf der Meinungen und Wünsche, wie er sich ohne große Veränderungen noch heutiges Tages bei solcher Gelegenheit beobachten läßt, stellt sich uns mit großer Lebendigkeit dar. Darauf versucht sich der Verfasser in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthums als nothwendig betrachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des Kaisers und des Erzbischofs von Mainz, in denen Bruun die Betrachtungen niedergelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch hervorgerufenen Wirren veranlaßten. Zu Grunde gelegt sind hier nach Eberts Ansicht wirkliche Ansprachen des Kaisers. Der Verfasser sagt es im Vorwort, und auch, daß er sie so, wie sie gehalten wurden, doch nicht wiederzugeben vermöge. Vollkommen zutreffend hat aber dagegen Waitz bemerkt, daß eine solche Rede voll gelehrter Citate der Kaiser nicht halten konnte, daß ferner Bruun nicht zugegen und Jahrzehnte seitdem vergangen waren. Den Hauptinhalt dessen, was er dann von Eigils eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum dessen Bauten, namentlich die noch jetzt stehende achteckige Rotunde, die uns wieder an die Freundschaft mit Einhard erinnert; Bruun, Einhards Schüler, nahm selbst an diesen Arbeiten Theil: die Apsis über dem Grabe des h. Bonifaz hatte seine Hand mit Gemälden geschmückt.
[6] Waitz bezweifelt, ob es überhaupt vollendet war. Vgl. O. Cl. Th. Richter: Wizo u. Bruun, 2 Gelehrte im Zeitalter Karls d. Gr. und die ihren gemeinsamen Namen Candidus tragenden Schriften, Progr. d. Leipz. städt. Realgymn. 1890.
[7] _Vita Eigilis_, Broweri Sidera Germaniae, Schannat, Cod. Probb. 88 bis 114. Daraus Mab. IV, 1, 217-246; Migne CV, 381-422. Waitz (nur die Prosa) SS. XV, 221-233, aber auch ohne handschriftliche Hülfsmittel. Uebers. v. Grandaur 1888, Geschichtschr. 25 (IX, 10). Ebert II, 330. In der Würzb. Bibliothek ist eine von Bruun geschriebene Regula S. Benedicti, Forsch. VI, 119.
Der prosaischen Biographie schließt sich eine zweite in Hexametern an, welche früher geschrieben zu sein scheint[8]; der Inhalt ist fast ganz derselbe, und die Form giebt ein neues Zeugniß von der im früheren Mittelalter so sehr verbreiteten Fertigkeit in dieser Kunst, deren wir schon bei Karls Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In jeder Schule bildete die Hebung im Versemachen einen stehenden Theil des Unterrichts, und dadurch entstand die Vorliebe für die poetische Einkleidung, die so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.
[8] Auch bei Dümmler, Poet. Lat. II, 94-117.
Zugeeignet hat Candidus oder Bruun sein Werk dem =Modestus=, oder mit deutschem Namen Reccheo, der die Unthaten des Ratgar, des Einhorns, welches in die fromme Herde eingebrochen war, durch beigefügte Zeichnungen noch anschaulicher machte; leider ist die Handschrift verloren und wir kennen nur die Abbildungen in Brauers sehr dankenswerthem Buch[9].
[9] Daraus wiederholt bei Jul. v. Schlosser: Eine Fulder Miniat. Hs. d. Hofbibl. Jahrb. d. kunsthist. Sammlungen d. A. H. Kaiserh. XIII. mit Studien über die Fulder Kunstschule.
Am 15. Juni 822 starb Eigil; ihm folgte sein Freund =Hraban=, der bis dahin der Klosterschule vorgestanden hatte, einer der größten Gelehrten seiner Zeit[10], dessen Ruhm sich schon durch das ganze Frankenreich verbreitet hatte. Man bewunderte namentlich auch seine Verse, obgleich sie gegen diejenigen mancher Zeitgenossen sehr zurückstehen, arm an Inhalt sind, und voll von grammatischen und metrischen Fehlern, wie man sie bei ihm nicht erwarten sollte, voll auch von Plagiaten, die er u. a. auch an seinem Lehrer Alcuin verübt hat. Er war ein Schüler Alcuins; Ratgar hatte ihn, wie oben erwähnt, nach Tours gesandt, nachdem er im Jahre 801 zum Diaconus geweiht war[11]; und kurze Zeit genügte, um ein warmes Freundschaftsband zwischen ihm und dem allverehrten Lehrer zu knüpfen. Alcuin nannte ihn Maurus nach dem Lieblingsjünger des heiligen Benedict, und nach seiner Heimkehr schrieb er ihm einen Brief, in welchem er erwähnt, dass er einst (olim) eine Schrift unter seinem und seines Mitschülers Samuel Namen verfaßt habe[12]: sehr bald darauf (19. Mai 804) muß Alcuin gestorben sein. Mit Hatto, seinem Nachfolger als Abt, damals seinem Mitschüler in Tours, noch erfüllt von Verehrung gegen Alcuin, der auf dem Widmungsbild für den h. Martin segnend neben ihm steht, verfaßte Hraban in seinem dreißigsten Jahr sein Werk zum Preise des h. Kreuzes, dessen versbildliche Spielereien im Mittelalter viel bewundert wurden. In Prachthandschriften schickte er es dem Pabste, Erzbischof Otgar u. a. und es haben sich deren mehrere erhalten[13]. Als Alcuin ihm zuletzt schrieb, stand Hraban bereits der Klosterschule in Fulda vor, welche nun eine Pflanzstätte gelehrter Bildung für ganz Deutschland wurde, denn ungestört durch die Bedenklichkeiten seines alternden Lehrers erklärt Hraban in seiner Schrift _de institutione clericorum_ auch das Studium der heidnischen Autoren für unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schrift; bei Lupus und in den Annalen von Fulda findet sich nach Vogel zuerst wieder nach langer Zeit Bekanntschaft mit den Schriften Sallusts, welche jetzt einen rasch wachsenden Einfluß auf den Stil gewannen[14]. Auch durch die Ungunst der Zeiten unter Ratgar wurde die Schule nur theilweise in ihrer segensreichen Wirksamkeit gehemmt. Fuldische Mönche finden wir bald in den angesehensten Stellungen; so wurde Baturich (817-848) Bischof von Regensburg und Erzcaplan, Haimo (840-853) Bischof von Halberstadt; Hrabans Schüler war Otfrid, der Mönch von Weißenburg, mit seinen Gefährten Werinbert und Hartmut aus St. Gallen[15]. Einhard sandte ihm den Vussinus, den er seinen Sohn nennt, doch vielleicht nur in kirchlichem Sinn; Alderich, Abt von Ferrières, später (829-841) Erzbischof von Sens[16], den =Lupus=, der später als Abt von Ferrières im Sprengel von Sens einen großen Namen gewann, und von dem eine Briefsammlung[17] voll reicher Belehrung sich erhalten hat; auf seine Bitte schrieb Hraban ein _Collectarium in epistolas Pauli_. Auch Frechulf von Lisieux war mit Hraban befreundet, doch vermuthlich schon seit seiner Lehrzeit in Tours (oben S. 217). Ermanrich von Ellwangen übersandte seinem Lehrer Rudolf, der Hraban zur Seite stand, das von ihm verfaßte Leben des heiligen Solus. Vor allem aber glänzt unter Hrabans Schülern Walahfrid, der Abt von Reichenau, der bald selbst das Haupt einer neuen Schule wurde. Auch Bernhard, der unglückliche König von Italien, war ihm zur Erziehung übersandt worden. Nicht zu den unbedeutendsten Schülern des Hraban gehört endlich auch der Mann, der ihm und der ganzen Reichsgeistlichkeit in der Folge so viel zu schaffen machte, der Mönch Godschalk, der ungeachtet seines Standes den Muth hatte, eine unabhängige Ueberzeugung auszusprechen und zu verfechten[18].
[10] Kunstmann I. l. Wackernagels Litteraturgeschichte S. 52. Bach, Hrabanus Maurus der Schöpfer deutschen Schulwesens, Zimmermanns Zeitschrift für Alt. II, 636. Ebert II, 120-146. Hauck II, 562 ff. Will, Regesten d. Mainzer Erzbb. I, p. XIX-XXIV. Opera ed. Colvener. 1627. Migne CVII-CXII. Seine Gedichte, unter denen manche von geschichtlicher Bedeutung, gab Chr. Brower 1617 als Anhang zum Venantius Fortunatus; daraus schöpften die Späteren; jetzt Poet. Lat. II, 154-258. Vgl. NA. IV, 286-294. 581. Dümmler, Ostfr. I, 315-320. 404-410. Allg. D. Biogr. XXVII, 66-74. Derselbe über eine verschollene =Fuld. Briefsammlung= des neunten Jahrhunderts, Forsch. V, 369-395 (Nachtr. XXIV, 421-425), eine Sammlung der von den Magd. Centuriatoren erhaltenen Fragmente einer wichtigen Fuldischen Briefsammlung von c. 818 bis 870. S. auch oben S. 219 über Vegetius. -- Ueber die von Koeberlin bekannt gemachte Würzb. Hs. seines Comm. zum Matthaeus s. L. Traube, NA. XVII, 458. Ueber seine Briefe an Hinkmar Schepss, NA. XI, 130.
[11] Dieses Datum der Ann. Laur. min. in der Fulder Handschrift stimmt gut zu seiner Absendung durch Ratgar, denn daß dieser schon 802 Abt wurde, müssen wir doch wohl den Ann. Fuld. und ant. Fuld. glauben, und also in den Urkunden bei Dronke S. 100. 101 vom 1. und 5. Mai 803, welche noch Baugulf nennen, einen Fehler annehmen; sie sind aus dem Elsaß, wo man vielleicht den Wechsel noch nicht erfahren hatte. Ebert glaubt annehmen zu müssen, daß er schon vorher lange Zeit bei Alcuin gewesen sei.
[12] Daß dieser Brief an Hraban gerichtet sei, beruht freilich auf Vermuthung, s. Bibl. VI, 876. Sicher an ihn ist gerichtet der Brief Frob. 111, Bibl. VI, 801, mit Jaffé's Anmerkung. Samuel wird, was Dümmler jetzt selbst vorzieht, der unter diesem Namen vorkommende Erzbischof Beornrad von Sens ein. Hraban richtet (Poet. Lat. II, 188) mehrere Gedichte an den Presb. Samuel, seinen sodalis. Das mag der Abt von Lorsch, 841 Bischof von Worms sein, der, wie Pf. Falk bemerkt, im Chron. Lauresh. „a puero ibidem educatus“ heißt, und ohne Grund für Fulda in Anspruch genommen ist. Er starb nicht 859, wie Schannat nach den Urkunden Reg. Kar. 773, 774, 777 annahm, aber die Urkk. sind unecht, s. Sickel, Wiener SB. XXXVI, 396. Das Chron. Lauresh. hat 855, Ann. Fuld. steht die Notiz am Rande bei 856 am Ende des Jahres, Ann. necrol. cod. 2 (SS. XIII, 177) 856. Als Todestag wird der 6. u. 7. Feb. bezeichnet.
[13] S. die oben angef. Abh. von J. v. Schlosser, mit schönen Abbildungen. Er hält Hatto für den ausschmückenden Künstler.
[14] Fr. Vogel, Acta sem. Erlang. II, 416. Manitius, NA. VII, 197, sucht auch bei Einhard die Bekanntschaft nachzuweisen.
[15] Von den beiden letzteren ist es freilich zweifelhaft, ob sie auch in Fulda waren. Otfrid bezeichnet als seinen Lehrer, vielleicht in Fulda, auch Salomon I von Constanz, s. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 138. Vgl. auch Meyer v. Knonau, Die Beziehungen O.'s zu St. Gallen, Forsch. XIX, 187-191.
[16] Er war Lehrer der Hofschule unter Ludwig dem Frommen nach seiner Vita, Mab. IV, 1, 568-575. Acta SS. Jun. I, 753-758. Vgl. oben S. 154 und Sickel, Acta Kar. I, 84.
[17] Servati Lupi Opera ed. Baluzius, Par. 1664, Antv. 1710. Lettres de Servat Loup. Texte, notes et introd. par Desdevises du Dezert, Paris 1888 (Bibl. de l'École des hautes ét. T. 77). Er verfaßte 836 auf den Wunsch des Abts Bun von Hersfeld die _Vita Wigberti_ (s. unten). Ferner 839 auf Bitten des Abts Waldo (wahrsch. von Schwarzach im Straßb. Sprengel, der 861 entsetzt wurde, 869 als Abt von St. Maximin vorkommt) die _Vita S. Maximini_. Er war Jugendfreund des Abts Hilduin von Saint-Denis, ep. 97 (über dessen V. Dionysii s. Ebert II, 348). Nach der Rückkehr aus Deutschland wurde er 837 Sept. 22 durch die Kaiserin Judith dem Kaiser vorgestellt, 842 erhielt er nach Odo's Absetzung die Abtei Ferrières und ist nach 861 gestorben. Nach ep. 93 hat er K. Karl _Imperatorum gesta brevissime comprehensa_ überreicht, wobei er vorzüglich auf Trajan und Theodosius hinweist. Vgl. Dümmler, NA. IV, 314. Ebert II, 203-209. Sprotte, Biographie des S. L. Regensb. 1880. Ueber die Vermuthung Langens, der ihm den Ps. Isidor zuschreibt, s. NA. VIII, 412. Ueber seine philologischen Studien L. Traube, Münch. SB. 1891, S. 389 ff. Sein und Haimons Schüler war Herich von Auxerre.
[18] S. über ihn Dümmler, Ostfr. I, 327-336. 405-409. NA. IV, 320. Ebert II, 166-169.
Wie glückliche Erfolge für das eigene Kloster Hrabans Wirksamkeit hatte, haben wir schon an den Verfassern der Annalen gesehen. Unter seinen eigenen Werken sind keine geschichtliche, wenn man nicht etwa das schon früher erwähnte _Martyrologium_ so bezeichnen will; wohl aber enthalten seine Vorreden, Widmungen[19] und Gedichte viele schätzbare Nachrichten über sein Kloster und über seine mitstrebenden Zeitgenossen, und mehrere seiner Schriften stehen in Verbindung mit den Zerwürfnissen der kaiserlichen Familie. Nach Eigil wurde er Abt des Stifts; da er aber dem Kaiser Ludwig treu ergeben, Lothar befreundet war[20], verließ er 842 sein Kloster, wo statt seiner Hatto, genannt Bonosus, einst sein Mitschüler in Tours, erwählt wurde, und widmete sich nun ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten, die ihm ohnehin mehr zusagten. Mit den Fuldern blieb er in freundschaftlichem Verkehr, und söhnte sich bald auch mit König Ludwig aus, der ihn gegen seine Neigung nach Otgars Tod zum Erzbischof von Mainz (847-856) erhob. Wie diese Beförderung den Reichsannalen zugute gekommen ist, haben wir oben schon gesehen.
[19] Ein Bericht von ihm über die am 1. Nov. 819 vollzogene Einweihung der Fulder Kirche steht in Broweri Antiq. Fuld. p. 110-112; vgl. NA. IV, 260, 290.
[20] Ihm widmete er sein Werk über Jeremias; ein auf Anordnung des Abts Majolus von Cluni geschriebenes Exemplar ist im Brit. Mus. Add. 22,820, nach Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 530. Catal. p. 739. Facs. in Libri's Mon. inédits pl. XVI. Verse an die Kaiserin Irmingard vor dem Commentar zu Judith u. Esther u. Begleitbrief des letzteren e cod. Darmst. 749, Poet. Lat. II, 167. Lothar II widmete er ein Gegenstück gegen die 'Coena Cypriani' zur Uebung für Schulzwecke, wo alle Anspielungen auf den Kreis der h. Schrift beschränkt sind, ed. H. Hagen 1884 in Hilgenfelds Zts. f. wiss. Theol. XXVII, 164-187; vgl. NA. IX, 657. Auch der Verf. der Visio Caroli (oben S. 188) beruft sich auf eine Mittheilung Hrabans.
In hohem Grade theilte Hraban das eifrige Streben der deutschen Geistlichkeit, den an solchen Schätzen noch armen Boden dieses Landes mit Gebeinen der Heiligen zu bereichern; die italienischen Reliquienkrämer hatten an ihm ihren besten Kunden. Seit alter Zeit bewahrte Fulda den Leib der heiligen =Lioba= oder =Leobgyth=; diesen ließ Hraban nach dem Petersberge bringen, und veranlaßte schon vorher =Rudolf=, ihr Leben zu beschreiben[21]. Ihm standen dazu die Aufzeichnungen des fünf Jahre vorher (831) verstorbenen Priesters Mago zu Gebote, welche die Erzählungen von Schülerinnen der Heiligen enthielten. Anderes hatte sich noch in mündlicher Tradition erhalten. Leobgyth war eine Verwandte des Bonifaz, und von ihm aus England berufen, um in dem Kloster Bischofsheim (oben S. 137) einen Mittelpunkt geistlicher Belehrung für Nonnen zu errichten; auch ihnen waren die lateinische Sprache und mancherlei andere Kenntnisse unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schriften und des Gottesdienstes. Rudolfs Nachrichten geben daher eine erwünschte Ergänzung für die Kenntniß von der Wirksamkeit des Bonifaz; später war Leobgyth auch mit der Königin Hildegard befreundet. Diese Nachrichten sind nun verbunden mit einer Fülle von Wundergeschichten; so wenig in Rudolfs Annalen der kirchliche Standpunkt hervortritt, so sehr zeigt er sich hier von der die Zeit beherrschenden Richtung erfüllt. In noch höherem Grade tritt das hervor in seiner Schrift über die Wunder der unter Hraban nach Fulda gebrachten Reliquien[22], welche auch einige geschichtliche Nachrichten enthält, übrigens aber eine Fülle jener sich immer und überall in ermüdendster Eintönigkeit wiederholenden Wundergeschichten, welche nur durch die Namen der Personen und Ortschaften und gelegentliche Angaben über Sitten und Gebräuche der Zeit einigen Werth erhalten. Die Zeit der berichteten Geschichten fällt in die Jahre 835 bis 838; geschrieben ist das Buch zwischen 842 und 847, als Hraban in seiner Zelle auf dem Petersberge lebte; vielleicht jedoch etwas später, da die Schilderung von Hrabans litterarischer Thätigkeit daselbst im letzten Capitel im Praeteritum gehalten ist, und der letzte Schluß fehlt.