Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 26

Chapter 263,341 wordsPublic domain

[28] _Chronica de sex aetatibus mundi_, bei Kollar, Anal. Vindob. p. 602. Das Ende allein MG. SS. II, 256, vgl. Arch. VII, 272. Die unter Ludwig d. Fr. verfaßte, unter dem falschen Namen des Claudius Taurin. bei Labbe, Bibl. nova I, 309-315 gedruckte Chronik ist vollends nur ein chronologischer Versuch.

Bis 818 reicht das =Chronicon Moissiacense=[29], eine große unverarbeitete Compilation, welche aus der vorher erwähnten Chronik bis 741, der Compilation bis 805, den Reichsannalen und anderen bekannten Werken geschöpft ist, deren Bekanntschaft, wie Pückert bemerkt, Abt Benedict von Aniane vermittelt haben kann, aber doch hin und wieder auch eigenthümliches aus jetzt verlorenen Quellen hat; darunter hat Dorr[30] Aquitanische Annalen und ein _Chronicon Aquitanicum_ ohne genaue Chronologie auszuscheiden und zu sammeln versucht. Der Verfasser ist so unselbständig und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen wörtlich ab, daß ihm auch der werthvolle letzte Theil der Chronik von 813 bis 818 nicht zuzutrauen ist. Dieser schließt sich vielmehr in der ganzen Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Ann. Laureshamenses (s. oben S. 145) an, daß wir mit L. Giesebrecht annehmen müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres Exemplar vorgelegen, dessen Schluß uns nur hier erhalten ist. Die Herkunft der Chronik ist südfranzösisch, es sind aber, wie G. Monod[31] bemerkt, von ihr zwei ganz verschiedene Bearbeitungen vorhanden, von denen die eine aus Moissac stammt, ihr fehlen die Jahre 716-777. Die andere stammt aus Aniane und hat Zusätze, in denen die Geschichte ganz willkürlich behandelt wird, z. B. 779 und 780 spanische Namen an die Stelle der sächsischen gesetzt sind. Zu einer mit diesen verwandten Chronik gehört nach der wichtigen Entdeckung von Pückert[32] die sog. _Notitia de servitio monasteriorum_, welche überall arglos benutzt ist, hier aber als eine spätere Fälschung, vermuthlich aus Aniane, nachgewiesen wird.

[29] Bis auf Honorius ungedruckt: von da an MG. I. 280-313; vgl. II, 257, wo die Jahre 804 bis 813 nach einer neugefundenen Hs. verbessert sind. Pückerts oben erwähnte Abh. enthält viele beachtungswerthe Bemerkungen darüber.

[30] De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regiom. 1861) p. 39-48. Die von ihm hier zuerst nachgewiesene Compilation von 805 ist seitdem genauer bestimmt, s. oben S. 202. Herstellung des Chron. Aquit. von Witiza bis 812, S. 43-48. Vgl. Waitz, NA. V, 483, über die Zusammensetzung des Berichts von 725 aus 2 Quellen; 711, 737, 752 sind jener Compil. zu überweisen, Forsch. XX, 393. Nach B. Simson, Forsch. XIV, 134, sind verwandte Nachrichten in Labbe's Chron. S. Victoris, jetzt als _Ann. S. Victoris Massil._ gedr. SS. XXIII, 1-7. Er vermuthet Benutzung des Chron. Moissiac. in diesen. Ein späteres kurzes _Chron. Aquitanicum_ (eigentlich Annales) 830-886. 930. 1025, MG. II, 252.

[31] Revue critique 1873, II, 262.

[32] Bericht der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1890, S. 45-74.

So stellt sich uns also eine lebhafte litterarische Thätigkeit dar, bei welcher zunächst die Sorge für die bis dahin in so hohem Grade vernachlässigte Form der Darstellung in den Vordergrund tritt, mit welcher sich aber nicht minder auch das Streben nach Ergänzung der geschichtlichen Thatsachen verbindet. Am Ende des Jahrhunderts werden die Annalen bis 801 von dem sog. =Poeta Saxo= sogar in Verse gebracht.

Die Fortführung der Annalen bis 829 ist vom höchsten Werthe und gewährte ein noch lange befolgtes klassisches Vorbild der gleichmäßigen Darstellung der Zeitgeschichte. Hatte schon Einhard den früheren Theil der Annalen für sein Leben Karls zu Rathe gezogen, so finden wir den folgenden Abschnitt von 814 an zu einer Biographie Ludwigs verwandt, nicht unbedeutend verändert, aber nicht verbessert, mit Einhards Werk gar nicht zu vergleichen[33].

[33] Der Einsiedler Codex einer Compilation über Karls Leben ist nach B. Simson, Forsch. XIV, 135 auf eine Benutzung des Regino zurückzuführen.

§ 10. Ludwig des Frommen Zeit.

Funck, Ludwig der Fromme, Frankfurt a. M. 1832. B. Simson, Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipz. 1874. 1876.

Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung und Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch den Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann Ludwigs ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger Jahre in seinen Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und Gewaltsamkeit aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch diese zarte Blüthe geknickt. Es half nichts, daß Ludwig persönlich litterarischen Bestrebungen geneigt war[1], daß er die Klosterzucht herstellen half, was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm nicht den Ruhm schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des Heliand veranlaßt zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die Wissenschaft nicht gedeihen, und über ihre Mißachtung wird schon bald nach Karls Tod geklagt[2]. Schon 829 baten die zu Worms versammelten Bischöfe dringend um die Errichtung von mindestens drei öffentlichen Schulen, um dem Verfall Einhalt zu thun: die Ausführung wird bei der wachsenden Zerrüttung des Reiches unterblieben sein[3].

[1] Aus den Kanzleiformeln der Urkunden verschwanden unter ihm die herkömmlichen Barbarismen, oben S. 160.

[2] Walahfridi Praef. ad Einh. V. Caroli: „Nunc relabentibus in contraria studiis, lumen sapientiae quod minus diligitur, rarescit in plurimis.“ Lupus an Einhard: „Nunc oneri sunt, qui aliquid discere affectant.“ Ep. 1 ed. Baluze. Auch bei Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138. Die ganze Stelle ist lesenswerth. Aehnliche Stellen von Claudius Taurinensis (über ihn s. Ebert II, 222-224; Laville, Claude de Turin. Essai sur le protestantisme du IX. siècle (Thèse). Toulouse, Chauvin.) giebt Reuter, Gesch. d. Aufkl. I, 267. Dümmler, Ostfr. III, 649-652, wo die Hofschule ausführlich behandelt ist. Ueber diese auch B. Simson II, 255-260.

[3] „Similiter etiam obnixe et suppliciter vestrae celsitudini suggerimus, ut morem paternum sequentes, saltim in tribus congruentissimis imperii vestri locis scholae publicae ex vestra auctoritate fiant, ut labor patris vestri et vester per incuriam quod absit labefactando non depereat.“ MG, Legg. I, 339. Der Vorschlag kam von der Pariser Synode.

Die Hofschule blieb jedoch bestehen, der Ire Clemens und andere Lehrer wirkten daran, und unter Karl dem Kahlen gewann sie noch einmal einen glänzenden Aufschwung. Auch die =Reichsannalen= wurden nicht unterbrochen, sondern in gleichmäßiger Weise weiter fortgeführt. Es sind die nach ihrem Fundort genannten =Bertinianischen= Annalen, deren Schreibart den amtlichen Charakter nicht verkennen läßt; wir werden auf dieselben noch später zurückzukommen haben. Alle die traurigen Vorfälle der Zeit werden hier mit möglichster Schonung berührt; der _Herr Kaiser_ erscheint stets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner, welche ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäßigung beobachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof =Prudentius von Troyes= die Fortsetzung, und führte sie bis zum Jahre 861, wo der Erzbischof =Hinkmar= die Arbeit aufnahm; schon war nicht mehr der königliche, sondern der erzbischöfliche Hof zu =Reims= der wahre Mittelpunkt des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen Reiche aber tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem auch die italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig berücksichtigt werden.

Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere Zeit Ludwigs die Gedichte des =Ermoldus Nigellus=[4] zur Seite; schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilderungen vielerlei Aufschluß gewähren über Zustände und Personen der Zeit. Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des Königs Pippin; er geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt des Jahres 824 gegen die Bretonen mit Schild und Speer: doch scherzt er darüber selbst, und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser aber gab ihm Schuld, daß er Pippin verführe, und verbannte ihn deshalb nach Straßburg, wo Bischof Bernald ihn unter seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine vier Bücher, in Distichen, über die Thaten des Kaisers, mit Ludwigs aquitanischem Königthum beginnend bis auf Heriolds Taufe 826, und es liegt in der Natur der Dinge, daß er ihm sowohl wie der Kaiserin Judith um so ärger schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung mit ihren Gegnern bewußt sein mochte; er erreichte jedoch seinen Zweck nicht, und sandte deshalb noch zwei Elegien an König Pippin, deutlich Ovid nachahmend, hinter dem er doch in Sprache und Versbau unendlich weit zurückbleibt[5]. Seine Befreiung aber mag er wohl dem Siege der Verschworenen im Jahre 830 verdankt haben[6].

[4] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 464-523. Migne CV, 551-640 nach Bouquet. Dümmler, Poet. Lat. II, 1-92. Verbesserungen von Traube, Karol. Dicht. S. 65. Uebersetzung von Pfund, Berl. 1856. 1889 (Geschichtschr. 18. IX, 3). Henkel: Ueber den hist. Werth der Gedichte des Ermoldus Nigellus, Progr. der höheren Bürgerschule zu Eilenburg 1876. Ebert II, 170-178. Simson, Karl d. Gr. II, 258 ff. Theilw. übers. v. Th. Reinhart im Jahrb. f. Gesch., Sprache u. Litt. Elsass-Lothr. II. 1886.

[5] Anklänge an Vergil, das allgemeine Schulbuch, fehlen natürlich auch nicht, zuerst gesammelt von Dorr, De bellis Francorum cum Arabibus gestis, Diss. Regim. 1861, p. 53-55, dann vollständiger bei Dümmler, nebst anderen, besonders auch an Theodulf u. Naso, vgl. NA. XI, 80. 554.

[6] Die früher vermuthete Identität mit einem Abt Hermold 834 u. dem Abt Ermenald von Aniane kann als beseitigt gelten; vielleicht aber war er der Hermold, der 838 als Pippins Kanzler erscheint.

Kaum minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds, sind die beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen. Die eine, welche nur bis 835 reicht, ist schon zu seinen Lebzeiten verfaßt, von =Thegan= oder =Degan=, einem vornehmen Franken und Landbischof der Trierer Kirche, auch Probst des Cassiusstifts in Bonn, von welchem sonst nichts bekannt ist, als sein freundschaftlicher Verkehr mit Walahfrid und einigen anderen, den ein Paar noch erhaltener Briefe und Verse bezeugen. Er ist von ganz besonderem Eifer gegen die aus unfreiem Stande erhobenen und dann übermüthig gewordenen Bischöfe erfüllt, von denen er jedoch nur Ebo von Reims nennt; man vermuthet deshalb, daß er vielleicht in dessen Sprengel ansäßig war und persönlich von ihm zu leiden gehabt hat. Walahfrid rühmt (um 825) seine stattliche Erscheinung, seine gigantische Statur, und seine Gelehrsamkeit. Jene Schrift nun ist vielleicht durch Einhards Werk über Karl angeregt, verfolgt aber, wie es B. Simson wahrscheinlich macht, einen bestimmten politischen Zweck, indem wohl nicht ohne Absicht neben scharfem Tadel Lothars und seiner Anhänger die Verdienste Ludwigs des Deutschen sehr hervorgehoben werden. In der Form sehr unvollkommen, und größtentheils in magerer annalistischer Weise verfaßt, gewährt sie uns doch einige gute Nachrichten; der Aufgabe einer wirklichen Biographie aber konnte der Verfasser schon deshalb nicht genügen, weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner, vorzüglich gegen Ebo von Reims, erfüllt war, und die wahren Ursachen der Unruhen und inneren Kriege verschweigt[7]. Walahfrid freilich, ein ebenso eifriger Anhänger Ludwigs, lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks mit der seelsorgerischen Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade die Wahrhaftigkeit desselben; er theilte das Büchlein in Capitel und versah diese mit Ueberschriften, um sich und andere an den Thaten des Kaisers Ludwig, heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen zu können.

[7] Am Schluß folgen noch Nachrichten über die Jahre 836 u. 837, in welchen die Uebertragung des h. Castor nach Coblenz (daraus entnommen, doch mit richtigem Datum, Anal. Boll. I, 119, vgl. NA. XII, 603) auffallend hervortritt. Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 585-604. Uebersetzung von Jasmund, 1850. 1889 (Geschichtschr. 19. IX, 4). Ebert II, 359-361. Eine Erwähnung unter dem Namen =Theganbert= in der Transl. Chrysanti et Dariae a. 844; Urkk. v. 842 u. 847 NA. XIII, 154, 157, wo er Theigenbert heisst. Obitus Thegani ep. im Necrol. S. Maximini zum 20. März. Ueber Walahfrids Vorrede in derselben Kopenhagener Handschrift, welche auch dessen Vorrede zu Einhards Vita erhalten hat, s. Archiv VII, 373; im St. Galler Catal. s. IX. erscheint das Buch als ‚De bonitate Hludouuici imp. in quaternulis‘. Weidm. S. 400. Vgl. B. Simson: Ueber Thegan, Forsch. X, 325-352. Benutzt ist die Vita in der Domus Carolingicae Genealogia (SS. II, 309, vgl. Forsch. X, 338), den Ann. Lobienses und Flodoardi Hist. Remensis.

Mit geringerer Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit für Ludwig, ist die zweite größere Lebensbeschreibung desselben[8] geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach dem Tode des Kaisers verfaßt hat; man pflegt ihn den =Astronomen= zu nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissenschaft beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem Anhänger Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses Biographen ist entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasenhaftem Schmuck. So hat er in dem mittleren Theile seines Werkes von 814 bis 829 fast nur die Reichsannalen ausgemalt und durch seine Schönrednerei entstellt[9]. Schätzbarer ist der erste Abschnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach den Erzählungen oder, wie Ebert vermuthet, nach einer schriftlichen Aufzeichnung des Mönches Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser auferzogen war. Im letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus eigener Kenntniß Nachricht von dem was er erlebt, und wenn auch seine Darstellung wenig zu loben, die Chronologie sehr verwirrt ist, so ist doch der Inhalt von großem Werthe für uns.

[8] Mg. SS. II, 604-648. Uebers. mit Thegan. Ebert II, 361-364. Ueber die Steinfelder Handschrift, jetzt Mus. Brit. 21 109, Archiv VII, 365; über die Petersburger NA. V, 221. Ueber stilistische Anklänge Manitius, NA. XI, 70-73.

[9] Zuletzt hat G. Meyer von Knonau in d. Abh. über Nithard ausführlich nachgewiesen, S. 132-135, wie der Astr. c. 23-43 die Ann. Lauriss. 814-829 benutzend sie entstellt; S. 129-132. 135, wie er c. 59-62 Nithard c. 6-8 in ähnlicher Weise behandelt hat, dessen Benutzung mir jedoch zweifelhaft ist; S. 129-132 ist die Verwirrung der Chronologie c. 54-61 beleuchtet. Für den hohen Werth des ersten Theils ist daher das Hauptverdienst Adhemar zuzuschreiben. Diesen hält Dorr, De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regim. 1861) p. 51, nach einer Vermuthung Giesebrechts für den wiederholt genannten Heerführer Hadhemar, der im Alter Mönch geworden sei. Allein die verschiedene Schreibart in demselben Buch, der Mangel jeder Hindeutung darauf und die Häufigkeit des Namens in Aquitanien sprechen dagegen. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 294-301 behandelt das Werk ausführlich und vermuthet, daß es unvollständig überliefert sei. Benutzte Verse von Vergil weist Manitius nach, NA. IX, 618, andere Anklänge XI, 70-73.

Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes =Benedict= an, des Stifters des Klosters =Aniane= († 821), der das Vertrauen des Kaisers in so hohem Grade besaß; zuletzt Abt des für ihn erbauten Klosters Inden oder Cornelimünster, wurde er zugleich Obervorsteher aller Klöster im Frankenreich, und entfaltete eine große Wirksamkeit für die Reform des Mönchswesens und Herstellung der Schulen. Sein Leben wurde ein Jahr nach seinem Tode (821) von =Ardo=, genannt =Smaragdus=, seinem Nachfolger als Abt von Aniane, in anschaulicher Weise liebevoll geschildert, mit besonders genauer Kenntniß der früheren Zeit, wie er, damals Witiza genannt, ein edler Gothe, Sohn des Grafen von Maguelonne, ein tapferer Kriegsmann, Mönch wurde und sich zuerst einer ganz übertriebenen Askese hingab, bis das Leben ihn erzog, und nun seine reformatorische Thätigkeit weithin wirksam wurde. Auch die Bekehrung des Grafen Wilhelm von Toulouse wird darin berichtet, dessen Leben später fabelhaft ausgeschmückt ist[10].

[10] Mab. IV, 1, 191. S. XV, 198-220 von Waitz. mit Exc. der _Vita Willelmi monachi Gellonensis_. Ebert II, 346-348. Hauck II, 528-545. Ueber das Leben des Adalhard und Wala s. unten § 16.

Ein merkwürdiges Denkmal aus dieser Zeit ist der _liber manualis Dodanae_, die von Dhuoda, der Witwe des Grafen Bernhard von Septimanien, im J. 841 für ihren Sohn Wilhelm verfaßten Rathschläge und Unterweisungen, woraus einst Mabillon und Baluze Auszüge gegeben haben, welche jetzt mit Benutzung einiger neugefundenen Fragmente von E. Bondurand neu herausgegeben sind[11].

[11] L'Éducation caroline. Le manuel de Dhuoda. Paris 1887.

In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die Geschichtschreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher Schilderung bewahren, den wir in den Reichsannalen wahrnehmen; jede Erzählung nimmt eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des Verfassers, und es treten nun auch die politischen Streitschriften hinzu, in welchen die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die Widersacher anzuschuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser Zeit namentlich das beredte Manifest des Erzbischofs =Agobard= von Lyon, welches das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen sollte[12], und von der anderen Seite die =Klage des Herrn Kaiser Ludwig=, angeblich von ihm selbst verfaßt, in Wahrheit aber doch wohl nur eine Stilübung aus dem Kloster des h. Medardus[13].

[12] _Apologeticus pro filiis Ludovici Pii imp. adv. patrem_, Bouq. VI, 248 u. a. m. Eigentlich zwei verschiedene Schriften, s. B. Simson I, 398. II, 67, u. als solche SS. XV, 274-279 ed. Waitz als: _Libri duo pro filiis et contra Judith uxorem Lud. Pii_. Er war einer der bedeutendsten theologisch-politischen Schriftsteller, und seine Schriften (ed. Baluze 1666, Migne CIV) berühren vielfach die Zeitverhältnisse. S. über ihn Baehr S. 98. 383-388. C. v. Noorden, Hinkmar S. 39. B. Simson I, 397-399. Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, 24-41. Ebert II, 209-222. Dümmler, NA. IV, 263, und die Gedichte an ihn, Poet. Lat. II, 118. 356. J. F. Marcks, Die politisch-kirchliche Wirksamkeit A. Progr. d. Realprogym. zu Viersen 1888. Enge, De Agobardi cum Judaeis contentione, Lips. 1888. Er starb 840 Juni 6, Ann. Lugdun. MG. I, 110.

[13] Sie findet sich in der Translatio S. Sebastiani (oben S. 199), ist aber auch unter dem Titel _Conquestio domni Chludovici imperatoris et augusti piissimi de crudelitate et defectione et fidei ruptione militum suorum et horrendo scelere filiorum suorum in sui dejectione et depositione patrato_ abgesondert überliefert. Ausg. v. Holder-Egger SS. XV, 388. -- Dahin gehört auch die gegen Ebo gerichtete, von Flodoard aufgenommene _Visio Raduini_, NA. XI, 262.

Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht beklagte in einer Elegie =Florus=, der bekannte Diakonus von Lyon[14].

[14] _Querela de divisione imperii post mortem Ludovici Pii_, bei Mab. Anal. I, 388, ed. II p. 413. Bouq. VII, 301. Poet. Lat. II, 559-564. Vgl. über ihn Ebert II, 268-272. Dümmler, NA. IV, 296-301. 581. 630. Poet. Lat. II, 507-566. Ueber seine Canonensammlung M. Conrat, Gesch. d. Quellen u. Litt. d. Röm. Rechts (1889) I, 253; vgl. auch NA. XI, 436.

§ 11. Der Streit der Söhne. Nithard.

Nithardi Historiarum libri IV. ed. Pertz, MG. SS. II, 649-672. Besonderer Abdruck Hann. 1839; 2. Ausg. mit neuer Benutzung der Pariser Handschrift, sonst ohne Zusatz, 1870; von Holder mit wiederholter Benutzung derselben 1880. Uebersetzung von Jasmund, Berl. 1851. 1889 (Geschichtschr. 20. IX, 5; S. 67 l. fünften statt 15). -- Die Eidesformeln jetzt auch bei Müllenhoff und Scherer S. 197 (3. Ausg. I, 231), vgl. S. 479 (II, 365). Brakelmann in Hoepfners und Zachers Zeitschr. f. d. Philol. III, 85-95. Arbois de Jubainville: Le Text Franc etc. Bibl. de l'École de chartes XXXII, 321-340. Facs. bei G. Paris: Les plus anciens Monuments de la langue Française (1875) pl. 1. Chr. Pätz, De vita et fide Nithardi, Diss. Hal. 1865. Gerold Meyer von Knonau, Ueber Nithards 4 Bücher Geschichten, Leipz. 1866, 4. O. Kuntzemüller, Nithard u. sein Geschichtswerk, Diss. Jen. 1873. Ebert II, 370-374. Die Handschrift stammt aus Saint-Magloire in Paris, Hist. Zeitschr. XXXI, 220. Delisle, Note sur le Catalogue général p. 37. Manitius, Parallelstellen, NA. IX, 618. XI, 69-73.

Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittelalters diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dasselbe wiederholt sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten jede gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung blieben ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder alleinige Hüterin des Griffels und der Feder. Auch Einhard hatte sich klösterlichem Leben zugewandt, wenn er auch nicht in den geistlichen Stand getreten war, und kriegerische Waffen hatte er nie geführt. Auch Angilbert, wenn er jemals, wie man später erzählte, ein Kriegsheld gewesen war, zog doch die Kutte an; sein Sohn Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel eines vornehmen und tapferen Streiters, der wirklich das Schwert aus der Hand legte, um auch mit der Feder die Sache seines Herrn zu vertheidigen. Freilich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von Angilberts Muse; man fühlt ihr die Zeit an, wo schon über den Verfall der Schulen geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt der tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntniß der Dinge. Daß auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es konnte nicht anders sein[1].

[1] Kuntzemüller bekämpft diese Auffassung, allein es war gar nicht anders möglich und ist, da seine Wahrheitsliebe allgemein anerkannt ist, auch kein Vorwurf.