Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft

Part 3

Chapter 33,322 wordsPublic domain

Saget nicht: es ist nicht an dem, denn die Lichtseiten unseres Daseins sind heller, als die Schattenseiten. Saget nicht: es wird nicht an dem sein, denn ein Untergang, wie dieser, ist wie ohne Beispiel in der Geschichte, so auch im Widerspruche mit allen Verhältnissen des Augenblicks. Klammert Euch nicht an den kahlen Trost, der in der Vergleichung einer erträglichen Gegenwart mit einer schlimmern Vergangenheit liegt. O, über die Halbmenschen, die den Lauf der Geschichte durch politische Berechnungen des Moments zu hemmen, die in den Aussprüchen der Fürsten, in den Adressen der Kammern, in den Hoffnungen der Journale Sicherheit und etwa gar eine Zukunft zu finden vermeinen; über die Schwächlinge, die mit den Fortschritten der jüngsten Dezennien sich brüsten und über das frohlocken, was der äußerste Drang der Zeit von uns gefordert hat. Es ist allerdings Gefahr vorhanden, große ungeheure Gefahr, nicht hier und da, nicht an einzelnen Ecken und Enden, nicht in der oder jener Beziehung, sondern Gefahr um das Dasein des deutschen Vaterlandes, und Rettung um so weniger, als die Gefahr verachtet wird.

Berechnet immerhin alle Phasen der Politik, alle Chancen des Gleichgewichts, kalkulirt auf die innern und äußern Zustände von Deutschland, und ihr möget keine Gefahr finden. Aber aller Wunsch und Wille der Fürsten, wie der Völker, was vermag er wider den Zug des Jahrhunderts? Dieser treibt wider Willen die Nationen, und welche Nation nicht einen ausgesprochenen Willen, nicht einen höhern Trieb als den der Erhaltung dem Schicksal entgegenzusetzen vermag, über die fährt es zerstörend hinweg. Wenn der Weltgeist nach langem Frieden, dem Sturm gleich die Völker beseelen wird, wenn das vollgerüttelte und geschüttelte Maß der angehäuften Stoffe überfließen, wenn ganz Europa der Läuterung theilhaftig werden wird, wonach es so lange schon ringt, wenn dann politische Kraft gegen politische Ohnmacht, positives Leben gegen negativen Halbzustand streitet -- dann schaut Euch nach Deutschland um! Wenn andre Völker, jedes um sein Panier, sei es ein geistiges oder leibliches, sich schaaren, was wird der Deutsche thun, ohne Einheit, ohne Streben, ohne Bewußtsein? Was in frühern Zeiten der Schmach kann auch jetzt wieder geschehen; auf eine zweite Knechtschaft aber folgt keine Wiedergeburt mehr.

In der That, was ist es denn, das Deutschland sich rühmen kann, aus eigner Kraft vollbracht zu haben? Unsere Verfassungen, ja zum großen Theil unsere Staatsverwaltung, unser Wehrsystem -- haben wir nicht Alles von Fremden gelernt, mußte nicht Napoleon kommen, um Deutschland, das wehr- und heerlose, auf die Stufe der andern Völker zu stellen? O, es ist schön und erquicklich anzuhören, wie man in Deutschland die Erhebung von 1813 und 1814 preist, wie man deutschen Muth und deutschen Patriotismus zum Himmel erhebt; denn in Wahrheit, erstaunlich ists, daß die Deutschen nach zehnjähriger Knechtschaft es gewagt haben, frei zu sein. Ein Volk, das sich lobt, wenn es zufällig nicht uneins, das sich preist, wenn es nicht ohnmächtig, das sich bewundert, wenn es einmal nicht feige gewesen ist, das sich rühmt, nicht immer elend, jämmerlich, blind und bloß gewesen zu sein -- ein solches Volk hat von Nationalehre einen sehr schwachen oder keinen Begriff. Bei Gott, wäre uns nichts übrig, als unsere politische und Kriegsgeschichte seit Jahrhunderten, wir hätten Grund genug, an deutscher Zukunft zu verzweifeln. Die Gefahr zu fühlen, die Schmach zu verstehen, das vor allen Dingen thut Noth. Aber die Geschichte, wie sie uns erröthen lehrt, so verbirgt sie dennoch in bittrer Schale einen süßen Kern. Ihn zu enthüllen, Trost, Rechtfertigung und Bürgschaft zu finden in einer innern Anschauung der deutschen Vergangenheit, sei fortan unsere Aufgabe.

Kapitel III.

Intentionen der deutschen Geschichte.

Wahr ist's, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor den Geschichten anderer Völker die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der, die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte, unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung. Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es, entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre Enderfüllung finden? -- Wir betrachten die Intentionen, um welche die deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran, daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.

I. Der Urzustand des deutsches Volkes.

II. Die Kriege der Deutschen wider die Römer. (Von Cäsars bis Marc Aurels Zeit.)

III. Das Ausgehn der Deutschen über Europa. (Von Marc Aurel bis auf Chlodwig.)

IV. Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)

V. Das deutsche Reich unter den sächsischen und fränkischen Kaisern bis zum Tode Heinrich III.

VI. Das deutsche Reich unter den fränkischen Kaisern und den Hohenstaufen.

VII. Vom Interregnum bis zur Reformation.

VIII. Von der Reformation bis zum westphälischen Frieden.

IX. Vom westphälischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].

X. Die neueste Zeit.

I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen, in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt. Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten. Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen, das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht wurde.

Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeit tritt in der zweiten Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation, die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird niemals ausgerottet.

III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die Besiegten die Sieger zu überwinden. #Befruchtung der alten erstorbenen Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europa# war die erste Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation, jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten Staaten der Einheit entgegenreifen.

IV. #Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnung# war die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfüllt, indem gleich nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Ländern das Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen Staaten allmählich vereinigte, und in Karl dem Großen die Erbschaft des römischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der christlichen Kirche übernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung, trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das Königthum ward ein andres, durch das Verhältniß des Eroberers zum Gefolge, wie durch römische Einflüsse, und die Kirche heiligte die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl dem Großen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer Einbrüche sonderten sich die einzelnen Völker, um selbständig heranzuwachsen.

Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mächtig; sie vollendeten in Europa das große Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen der Länder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flüchtig eingedrungen waren.

V. #In der nun beginnenden Entwicklung der Völker nach innen und außen die oberste Stellung einzunehmen#, war der weitere Beruf des deutschen Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf Heinrich III. ward er erfüllt. Heinrich I. war der Schöpfer der innern Größe, Otto I. trug die Kaiserwürde auf Deutschland über. Auf dem Kaiser und dem Papst beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie alle Verhältnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrüdert mit dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als daß ein geistiger Gegensatz entstehen konnte; die Kaiser förderten die Macht der Hierarchie. Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach außen wenden: die höchste politische Blüthe, wie die höchste Einheit Deutschlands fällt in diese Zeit.

In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Königthum erstarken, hatte die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren können; in Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd heraus, die Gauverfassung ging unter, und das künstliche Gebäude des Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich kräftig, indem sie die Erblichkeit bei den kleineren Lehen förderte, während sie willkührlich mit den großen Herzogthümern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot. Heinrich III., der über Polen und Ungarn gebot, den päpstlichen Stuhl nach Willkühr besetzte, verband die äußere Tendenz der zwei letzten #Ottone# mit der innern Kraft seines Vorgängers; mehrere Fürsten in seinem Geist würden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der Völker.

VI. #Die europäische Menschheit vor einer hierarchischen Universalmonarchie zu wahren#, war die vierte Arbeit des deutschen Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei der Kirche gebührte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats, d. h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kämpfte Idee gegen Idee, die Gemüther erwachten zu höherem Leben, und der deutsche Geist entfaltete in diesem Zeitraum seine schönsten Blüthen. Es war eine große Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang, das Bürgerthum in den Städten, die Baukunst, die romantische Poesie, die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung, war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Große Intentionen lagen damals in der Zeit; verhüllt in den Aberglauben machten sie sich in den Kreuzzügen Bahn. Der Kampf war um so mächtiger, als die Vorsehung auf beiden Seiten die größten Männer gegenüber, oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. Gregor VII. mußte unter Heinrich III. erstarken, Friedrich I. gegen Alexander III. kämpfen, Innocenz III. den Kaiser Friedrich II. bevormunden. Aber wie in Heinrich IV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkühr eines mächtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in Friedrich II., eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend über ihre Zeit, schon -- die Stützen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Versöhnung mit Alexander III. bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist der höchste Ausdruck, das erschöpfende Bild des Mittelalters[2].

Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das Kaiserthum, und ihre Verbündeten, die Aristokratie in Deutschland, die Städte der Lombardei, erschütterten Deutschlands politische Einheit und Herrlichkeit. Wie die früheren Kaiser die großen Lehen gleich Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstückelten sie die Hohenstaufen; hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Wählbarkeit der deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die großen Herzoge Vertreter ihrer Völkerschaften, so lange sie wählbar und absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie die Fürsten überhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und der lombardischen Städte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelöset; die Hierarchie, indem sie ihre Gränzen überschritt, unterlag der öffentlichen Meinung.

VII. Mit Friedrich II. erloschen die großen Ideen; #sich selbst zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesen# auszubilden, war Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.

Korporationen aller Art, Erbverbrüderungen der Fürsten, Innungen und Zünfte, Städtebünde, Rittervereine, die schärfste Entwicklung jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit; zugleich ein beständiges Streben nach unumstößlicher Regelung der innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das Königthum, als die größte Erbmacht unter den vielen Erbmächten, tritt an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Höhe, und mit ihrer Verweltlichung zerfällt ihre innere Gewalt. So verändert sich der Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blüthe des Handels und der Gewerbe macht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit über Polen, Ungarn, Italien, Burgund, Dänemark ist dahin; dagegen wird das ganze slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Maße, als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mächte, Oestreich insbesondere, das sich als Großmacht gegen slavische und türkische Barbarei im Osten erhebt, während im Nordosten der deutsche Orden die heidnischen Völker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland wetteifern die übrigen Staaten Europa's in wachsender politischer Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Großmacht, obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz, lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Händen, die Seemacht der Hansa ist die größte in Europa, und das Bürgerthum erreicht in der Menge blühender und mächtiger Republiken seine höchste Stufe.

Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwäche nach Westen, ein fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Während dort die burgundische Mittelmacht entstand, während Frankreich den Kampf gegen das Papstthum (sonst Sache der Kaiser) glänzender beendigte, als es jemals die Deutschen vermocht, erhob sich Böhmen und Mähren unter den Luxemburgern zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen Deutschland widerstehen konnte.

Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht, oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie: Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der Kirche.

Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keiner Epoche haben die Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet; sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes, und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem Harren zu verwirklichen schien.

Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen, in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der alten, den Anfang einer neuen Zeit.

VIII. #Die Reformation#, das heißt die Befreiung der Christenheit von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes. Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben. Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat, zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten hervorrief.

Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte. Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken, welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes die #Natur# hervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie, gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis, ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse. Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismus rückzuwirken, in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem (protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.

Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren, unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen; die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten Theile #seinem# Vorbild, -- und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].

Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt, indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands politisches Leben untergrub.

Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan aus dem Kampfe der Ideen hervor; und die Sonne der Reformation, die Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.