Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke
v. Tyszka,
Zeitungskorrespondent.
177.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 30. September 1915.
An Auswärtiges Amt.
Bis Mitte September war die Anstalt in Harunijeh in ungestörtem Betrieb, obschon die armenischen Lehrer wiederholt mit Ausweisung bedroht wurden. Auf Intervention der Botschaft war die Pforte geneigt, die armenischen Lehrer und das Dienstpersonal dort zu belassen, während der Wali auf Ausweisung bestand; schließlich ist die Belassung der Lehrer unterm 25. September von der Pforte telegraphisch angeordnet worden.
Hohenlohe.
_Oktober._
178.
(Auswärtiges Amt.)
Notiz.
Berlin, 1. Oktober 1915.
Dem türkischen Botschaftsrat wurden heute eindringlich alle Argumente vor Augen geführt, die für schonende Behandlung der armenischen Bevölkerung in der Türkei sprechen. Durch Verfolgung und Vernichtung des armenischen Elementes, das einer der Hauptträger von Handel und Gewerbe in der Türkei sei, würde die Türkei selbst wirtschaftlich aufs schwerste geschädigt. Die Nachrichten über die Armenierverfolgungen erregten nicht nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Auslande großes Aufsehen und seien für das Ansehen der türkischen Regierung abträglich. In Deutschland selbst beginne in philantropischen Kreisen lebhafte Beunruhigung sich bemerkbar zu machen.
Edhem Bey versprach, mit dem Botschafter zu sprechen und auch nach Konstantinopel zu berichten. Er gab zu, daß es zu Ausschreitungen gekommen sei, wenn auch die im Auslande verbreiteten Nachrichten stark übertrieben seien. Bis zum Frühjahr dieses Jahres habe ein durchaus gutes Verhältnis zwischen Armeniern und Türken bestanden, was um so erklärlicher sei, als ja die Armenier während der Revolutionszeit mit dem Komitee sympathisiert hätten und gemeinsam mit ihm gegen das alte Regime vorgegangen seien. Der Umschwung sei erst im April eingetreten, als es während des türkischen Vormarsches nach Aserbeidschan zu einer Armenierrevolte im Rücken des türkischen Heeres gekommen sei, bei der nicht weniger als 180000 Muhammedaner umgebracht worden seien[91]. Es sei nicht verwunderlich, daß die Muhammedaner hierfür Rache genommen hätten. Der Abtransport der Armenier ins Innere sei aus militärischen Gründen und im Interesse der Selbsterhaltung der Türkei notwendig gewesen. Wenn es dabei zu Übergriffen gekommen sei, so würden diese von der Zentralregierung durchaus gemißbilligt. Bei den großen räumlichen Entfernungen und den primitiven Verhältnissen des Reichs sei die Zentralregierung leider nicht immer in der Lage, Ungeschicklichkeiten und Nachlässigkeiten unterer Behörden zu verhindern.
Rosenberg.
179.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 5. Oktober 1915.
Der Dr. med. Roupen Tschilinguirian, eine in den hiesigen armenischen Kreisen bekannte Persönlichkeit, wurde mit vielen anderen Armeniern am 24. April d. J. verhaftet, um nach Anatolien verbannt zu werden. Ursprünglich sollte er nach Ajasch bei Angora verschickt werden, wo die schwerer belasteten Persönlichkeiten untergebracht und zum Teil in Polizeihaft gehalten wurden. Auf diesseitige Verwendung wurde er in Tschangri (Kiangri) interniert, wo sich die Verbannten frei bewegen und ihren Berufen nachgehen konnten.
Frau Dr. Tschilinguirian[92] und ihre Mutter, Frau Apell, haben dann Schritte unternommen, um für den Genannten die Erlaubnis zur Rückkehr hierher und zur Übersiedelung nach Deutschland zu erwirken. Die türkischen Behörden lehnten indes beides ab, weil sie -- wie aus den Äußerungen der betreffenden Beamten hervorging -- den Dr. T. für einen jener „Intellektuellen“ hielten, deren Einfluß auf die Massen sie fürchteten. Wie Frau Apell hier angab, hatte zwar der Polizeipräfekt Bedri Bey geäußert, daß dem Dr. T. unter genügender Garantie für sein Wohlverhalten die Reise nach Deutschland gestattet werden könnte, doch hat Bedri Bey, als er von einem Beamten der Kaiserlichen Botschaft darüber befragt wurde, jede dahingehende Äußerung in Abrede gestellt.
Schließlich versuchten noch die beiden Damen für den Dr. T. die Erlaubnis zu erwirken, seinen Aufenthalt in Angora zu nehmen, als hier am 26. August ein Telegramm von ihm einging, daß er denselben Tag nach Ajasch überführt werden sollte. Das Ministerium des Innern gab auf die diesseitigen Schreiben hin sofort telegraphische Anweisung, den Genannten in Tschangri zu belassen bzw. ihn dorthin zurückzubefördern. In Beantwortung dieses Telegramms meldete dann der Gouverneur von Tschangri unter dem 30. August, daß der Dr. T., nachdem er am 26. desselben Monats Tschangri verlassen hatte, in der Nähe von Kaledjik von Wegelagerern angefallen und umgebracht worden war, sowie daß 4 von der aus 12 Individuen bestehenden Bande durch die Behörden festgenommen waren.
In Vertretung Freiherr von Neurath.
An den Herrn Reichskanzler.
180.
Kaiserliches Konsulat Aleppo.
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 9. Oktober 1915. Ankunft in Pera, den 9. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der armenischen Bevölkerung Urfa droht Verschickung, hat aber beschlossen, den Greueln des Verschickunsgtodes sofortiges Ende vorzuziehen und sich verbarrikadiert. Fachri Pascha soll selbst in Urfa sein, hat Armenierviertel blockiert und Zerstörung durch Artillerie angeordnet. Fortschritte der türkischen Truppen sollen bisher gering sein. Deutsche in Urfa wohlbehalten.
Hoffmann.
181.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Pera, den 13. Oktober 1915. Ankunft in Berlin, den 14. Oktober 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Von Seiner Heiligkeit dem Papst ist an den Sultan ein Handschreiben gerichtet worden, in welchem dessen Mitleid für die verfolgten Armenier in Anspruch genommen wird. Monsignore Dolci war von der Kurie beauftragt, dem Sultan das Handschreiben in besonderer Audienz zu übergeben. Da die Pforte in der päpstlichen Kundgebung eine Kritik ihrer eigenen Politik erblickte und den Standpunkt einnahm, daß, solange die diplomatischen Beziehungen nicht hergestellt seien, der päpstliche Delegierte nicht offiziell vom Sultan empfangen werden könne, hatten seine Bemühungen bisher keinen Erfolg. Auf Bitte Dolcis habe ich dem Großwesir vorgestellt, daß gerade das päpstliche Handschreiben der Pforte Gelegenheit biete, in ihrer Antwort den türkischen Standpunkt zu der Armenierfrage darzulegen. Der offizielle Empfang des Delegierten durch den Sultan werde überall den Eindruck hervorrufen, als ob die diplomatischen Beziehungen im Begriff ständen, hergestellt zu werden oder hergestellt seien.
Der Großwesir ließ sich überzeugen und stellte in Aussicht, daß Audienz gewährt werde.
Wangenheim.
182.
Deutsche Realschule in Aleppo. Aleppo, den 15. Oktober 1915.
Als Lehrer einer deutschen Schule, der sich ein weites Feld der Tätigkeit eröffnet hat, halten wir Unterzeichneten es für unsere Pflicht, das Auswärtige Amt auf die traurige Wirkung hinzuweisen, die diese hoffnungsvolle Arbeit durch die Gräßlichkeiten erleidet, die sich in der Austreibung der Armenier tagtäglich vor unseren Augen abspielen.
Wir wollen nicht bei den blutigen Greueln verweilen, mit denen die Wegführung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu beginnen pflegt; den Tausenden von Männern, die abgesondert oder manchmal vor den Augen der ihrigen abgeschlachtet wurden; nicht bei den zahllosen Mädchen, Frauen und Kindern, die der Schändung oder der Verstümmelung durch ihre Wächter und deren Spießgesellen anheimfielen und deren nackte Leichen an den Wegen liegen, die die immer neuen Scharen der Verbannten wandern müssen; nicht bei den unsäglichen Roheiten, dem Verdursten, dem Hunger, die die übriggebliebenen, meist bis aufs letzte ausgeplünderten Witwen und Waisen dezimierten, ehe sie, oft zu Gerippen geworden, hier anlangen, um dann vielleicht -- eine von sechs, die auszogen -- auf einem ähnlichen Leidenswege ohne Existenzmöglichkeit wieder in die Wüste geschickt zu werden, auf daß der armenische Name verschwinde.
Das alles, nehmen wir an, wird dem Auswärtigen Amt durch seine Vertreter hier im Lande bekannt sein.
Dagegen sei uns erlaubt, einen kleinen Ausschnitt aus dem Massenelend dieser Volksvertilgung zu beleuchten, einen Ausschnitt, der uns dicht unmittelbar neben unserer Schule, nur durch eine schmale Gasse getrennt, entgegentritt.
Es ist da ein alter großer Chan, den die türkischen Behörden den Armeniern für ihre Vertriebenen, besonders die schwer Kranken, zur Verfügung gestellt haben. Also eine Art Krankenhaus, sollte man meinen. Treten wir durch den engen, schmalen Gang ein.
Einige Gewölbe, mit elenden, ausgemergelten Gestalten, in Lumpen gehüllt, auf der nackten Erde, bestenfalls auf einigen ärmlichen Resten ihrer fahrenden Habe gelagert. Frauen und Kinder. Hin und wieder ein Greis. Das Mannesalter fehlt.
Wir treten auf den Hof. Er ist ein einziger Abort geworden. Am Rande, vor jenen Gewölben, Haufen von Kranken, Sterbenden, Toten, durcheinander in ihrem Unrat liegend. Millionen Fliegen auf den erschöpften Kranken und auf den Leichen. Stöhnen, Wimmern, hier und da ein Schrei nach dem Arzt, eine Klage wegen der von Hunderten von Fliegen gepeinigten Augenhöhlen. Neben der nackten Leiche eines Greises zwei Kinder, die ihre Notdurft verrichten.
Wir steigen über den mit Exkrementen bedeckten Hof in ein Gewölbe. Ein Dutzend Kinder, halb verhungert, stumpf; einige sterbende -- oder tote? -- darunter. Keiner nimmt sich ihrer an. Aus einer finsteren Nische wurde eine halbverweste Knabenleiche hervorgezogen, auf die man erst durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden war. Da sind Waisen, deren Mütter in diesen letzten Tagen in diesen Räumen starben. Kein Arzt erscheint hier. Keine Arznei bringt Linderung. Auch sie sind einem schrecklichen Tode geweiht. Sie werden verhungern. Die Regierung liefert diesem „Krankenhause“ Linsen oder Burgul (eine Art Weizenschrot), oder schwarzes Soldatenbrot. Der geschwächte Magen dieser elenden, oft Wochen, ja Monate durch wasserlose Hitze getriebenen Geschöpfe verträgt solche Nahrung nicht mehr, die ohnehin nicht entfernt hinreichen würde. Dysenterie, Entkräftung, Typhus folgen.
Inzwischen sind Lastträger mit Särgen erschienen. Ein Teil der in den letzten Tagen Gestorbenen wird, wie sie sind, hineingelegt, zum nächsten Kirchhof getragen, in das Massengrab entleert. Der Transport mit Särgen (die bloße Traggelegenheit sind) genügt nicht; sterben doch täglich 100 bis 150 der hierher gelangten Überlebenden; auf Lastwagen werden die Leichen ladungsweise abgefahren; eine Plane deckt das Schlimmste. Beine, ein Kopf hier und da, baumeln herunter, wie der Karren über die Straße rattert.
Unmittelbar neben dem Schauplatz dieser Szenen sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur. Sie haben vielleicht auf dem Gange zur Schule einen solchen Wagen voll Leichen gekreuzt oder das Stöhnen der elenden Opfer aus dem offenen Fenster der Gewölbe gehört oder sind von den Jammergestalten angebettelt worden, die, um Luft zu schöpfen, auf die enge Straße hinausgekrochen sind, aber in ihrer Schwäche sich nicht wieder haben zurückschleppen können, und die nun fliegenbedeckt und sterbend auf der Straße liegen.
In welcher Stimmung sollen die Schüler, wenn sie Armenier sind, sich von uns, ihren Lehrern, in Geschichte und Heimatkunde, in Religion u. a. unterweisen lassen, wenn in den der Schule benachbarten Höfen ihre Volksgenossen verhungern?!
Ja, glaubt man, daß die muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die dieses Massenmorden an unschuldigen Frauen und Kindern voll Abscheu als Sünde wider die Gebote Gottes des Barmherzigen verurteilen und, nicht fassend, daß ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhaften Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Gräßliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands in der zukünftigen geschichtlichen Erinnerung der morgenländischen Völker!
Es ist nicht unsere Sache, die politische Berechtigung der Vertreibung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu erörtern. Darauf aber wollen und müssen wir mit lauter Stimme hinweisen: daß die deutsche Schularbeit bei der Fortdauer dieser gräßlichen Art der Vertreibung in Form eines Massenmordens an Frauen und Kindern, eines Massenmordens, wie es die Geschichte wohl noch nicht erlebt hat, in diesem Lande einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet.
Wir haben die Zuversicht zu dem Auswärtigen Amt, daß es seinem Einfluß gelingt, diesem schmählichen Morden noch in letzter Stunde Halt zu gebieten und uns deutsche Lehrer von der Scham zu befreien, die uns der Verdacht der Mittäterschaft schon jetzt hier -- bei Christen und Muhammedanern -- wie aber später erst in der ganzen Welt! -- täglich mehr auf der Seele lasten läßt.
Oberlehrer Dr. Niepage.
Die Darstellung des Kollegen Dr. Niepage übertreibt in keiner Weise. Wir atmen hier seit Monaten Leichengeruch und leben unter Sterbenden. Nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des himmelschreienden Zustandes erlaubt uns noch, an der Schule weiter zu arbeiten, und der Wille, der hiesigen nichttürkischen Bevölkerung mit unseren schwachen Hilfskräften zu beweisen, daß wir Deutsche persönlich nichts mit den entsetzlichen Methoden dieses Landes zu tun haben.
Schuldirektor Huber. Eduard Graeter, Dr. phil. Marie Spieker.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
183.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Abgang aus Pera, den 15. Oktober 1915. Ankunft in Berlin, den 15. Oktober 1915.
Der amerikanische Botschafter, Herr Morgenthau, mit welchem ich den im englischen Oberhaus und in der feindlichen Presse gegen die deutsche Regierung und die deutschen konsularischen Vertreter in der Türkei erhobenen Vorwurf der Begünstigung der Armenierverfolgungen besprochen habe, betonte wiederholt, er wisse genau, daß deutscherseits alles geschehen sei, um Ausschreitungen zu verhindern und um die türkische Regierung von ihrem Vorgehen gegen den unschuldigen Teil der Armenier abzubringen. Auch sei ihm aus Berichten seiner Konsuln bekannt, daß sich die deutschen Konsuln stets und überall der Armenier angenommen haben.
Wangenheim.
184.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 15. Oktober 1915.
Der Inhalt der hierher gelangten Meldung über die Metzeleien von Djezireh ist seinerzeit dem Ministerium des Innern mitgeteilt worden, das angeblich keine Kenntnis von diesen Vorfällen hatte. Als der Minister kürzlich von neuem darüber interpelliert wurde, erklärte er, daß er die fraglichen Nachrichten in Abrede stellen müsse; in der Türkei kämen keine Massakres vor. Aus dieser wenig befriedigenden Antwort dürfte zu schließen sein, daß es tatsächlich in Djezireh zu Ausschreitungen gekommen ist und die Pforte durch ein Dementi sich unbequemen Erörterungen entziehen zu können glaubt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
185.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915. Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern wurde Räumung der Stadt von verschickten Armeniern (20000) binnen 14 Tagen angeordnet. Einstweilen Sammlung in Konzentrationslagern außerhalb der Stadt. Südlich Taurus soll Eisenbahn nicht mehr zur Verschickung benutzt werden. Familien ohne eigene Fuhrmittel werden zu Fuß abtransportiert. Jede Familie soll ein Kamel für Gepäck erhalten, welches aber notgedrungen oftmals zurückbleibt. Nach Angabe des Direktors der politischen Angelegenheiten des Wilajets sind bei Radju und Katma 40000 konzentriert. Weitere Scharen aus West-Mittel-Nord-Anatolien im Anzug. Zur „Ansiedelung“ nach Süden (westlicher Hauran, Rakka, Der-es-Zor) weitergesandt 300000. Diese werden nach genanntem Beamten am Ziel notgedrungen sich selbst überlassen und „werden alle sterben“; die Regierung hätte „vielleicht“ im Frieden Ansiedlung fertiggebracht, obwohl Ansiedlung von Muhammedanern vielfach ebenso gescheitert, habe aber jetzt weder Geld noch Beamte. Jedenfalls fehlt zur Ansiedlung alles und jedes, für Konzentrationslager werden weder Zelte noch ausreichendes Mehl, noch Brennmaterialien geliefert; verschickten Bauern sind von Behörde selbst Hacken, Spaten abgenommen. Allgemeine Überzeugung, daß sämtliche Verschickte dem Tode verfallen. Einverständnis Deutschlands mit diesem Massenmord wird übrigens nicht nur von gesamten Christen, sondern, teils billigend, teils aber auch mißbilligend, von muhammedanischer Bevölkerung des Landes angenommen.
Hoffmann.
186.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915. Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Seit heute wird bemittelten Armeniern Benutzung Bahn oder eigenes Fuhrwerk behufs Selbstansiedelung gestattet. Wenn unsererseits noch Eindämmung dieses schon rein wirtschaftlich betrachtet unsinnigen Massenmordes beabsichtigt und möglich sein sollte, so käme in Frage: 1. Belassung aller, die noch nicht verschickt sind, vor allem auch der ansässigen Bevölkerung Aleppos (die ebenfalls Verschickungsorder fürchtet), sowie derjenigen Verschickten, die feste Wohnung in Städten gefunden. 2. Sofortige Organisation der Ansiedlung unter Opferung bedeutender Mittel; dabei stärkere Heranziehung der Städte wie Damaskus, Hama, Homs, sowie ihrer Umgebung, eventuell nur vorläufig der leichteren Unterbringung halber. 3. Gestattung Auswanderung.
Nachdem die Pforte selbst kürzlich zahlreiche feindliche Ausländer aus Syrien (Urfa) ausgewiesen, dürften militärische Bedenken unerheblich sein.
Hoffmann.
187.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 20. Oktober 1915.
Der Verweser des Kaiserlichen Konsulats in Erzerum hat mir Abschrift des der Kaiserlichen Botschaft unter dem 5. August d. J. erstatteten Berichts über die Armenierfrage eingereicht.
Ich bin mit der Haltung des Kaiserlichen Vertreters in Erzerum zur armenischen Frage einverstanden und kann es nur begrüßen, wenn er sich der armenischen Bevölkerung nach Möglichkeit angenommen hat. Ebenso stimme ich dem von ihm geplanten Versuche zu, durch Anbahnung einer Verständigung zwischen den türkischen Vertretern und den Führern der Daschnakzagan-Partei einen erträglichen Modus vivendi herzustellen.
Ew. Exzellenz bitte ich Herrn von Scheubner-Richter entsprechend zu bescheiden.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
188.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 25. Oktober 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich auf die in der „Westminster Gazette“[93] gegen mich erhobenen Beschuldigungen, ich hätte die türkische Bewegung gegen die Armenier geleitet und ermutigt, in der Anlage mit dem Anheimstellen geeignet scheinender Verwendung zwei Briefe zu überreichen, welche dartun, wie die amerikanische Mission in Marasch über meine Wirksamkeit in dieser Stadt aus Anlaß meiner Dienstreise vom 28. März bis 10. April d. J. gedacht hat. Der erste dieser Briefe ist an den deutschen Missionar Herrn Blank gerichtet. Der Verfasser E. C. Woodley ist englischer Staatsangehöriger (Kanadier) und befindet sich noch jetzt an der Spitze der amerikanischen Mission in Marasch. Der zweite Brief ist vom Vorstand der Mission, an erster Stelle wieder von Herrn Woodley an mich selbst gerichtet und drückt mir den Wunsch aus, dahin zu wirken, daß Herr Blank zum deutschen Konsularagenten in Marasch ernannt werde; offenbar in der Überzeugung, daß damit auch den amerikanischen Missionsinteressen gedient sein würde. Es hätte nicht geschehen können, wenn die Amerikaner und in erster Linie Mr. Woodley nicht volles Vertrauen zu meinen Bestrebungen, mildernd zu wirken und unnötiges Unheil abzuwenden, gehabt hätten. Ein Beweis auch für die Stärke der europäischen Kulturgemeinschaft, deren Empfindung unter den besonderen Verhältnissen von Marasch trotz des Weltkrieges sich geltend machte. Beide Äußerungen der Mission sind spontan erfolgt und in keiner Weise von mir hervorgerufen worden. Ich bedurfte solcher Äußerungen nicht und konnte nicht voraussehen, daß sie von mir einst noch zur Abwehr feindlicher Verleumdungen gebraucht werden könnten. Wenn die Missionare nicht die Ernennung eines Konsularagenten ihrer eigenen Nationalität herbeizuführen bestrebt waren, so geschah es, weil sie eine prinzipielle Entscheidung der amerikanischen Regierung kannten, nicht einen Missionar zum Konsularagenten zu ernennen.
Je eine der Abschriften ist vom hiesigen amerikanischen Konsul beglaubigt.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Freiherrn von Wangenheim.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Abschriftlich nebst 2 Originalanlagen
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.
Pera, den 9. November 1915. Neurath.
Anlage 1.
Le Matin. Les Allemands Assassins.
Londres, 30 Septembre. -- On mande du Caire au Times:
„Plusieurs consuls allemands ont dirigé ou encouragé les massacres des Arméniens.
„On cite notamment M. Roessler, consul à Alep, qui s’est rendu à Aintab pour diriger en personne des massacres, et le fameux baron Oppenheim[94], qui a donné l’idée de transporter les femmes et les enfants appartenant aux nations alliées à Ourfa, sachant bien que ces malheureux ne pourraient éviter d’y voir les actes barbares commis par les troupes dans les rues mêmes de la ville qui sont littéralement inondées de sang.“ (Havas.)
Anlage 2.
(Reuter-Telegramm.)
Amsterdam, den 7. Oktober, 8 Uhr 44 Min. N.
Wie Reuter meldet, beschäftigte sich gestern englisches Oberhaus mit böser Lage der Armenier. Lord Cromer sagte, daß nicht weniger als 800000 getötet seien. Obschon er keine direkten Beweise für Deutschlands Mitschuld habe, sei es doch infolge großen Einflusses auf Türkei zweifellos dafür verantwortlich. Lord Crewe erklärte, daß es nützlich sei, wenn Tatsachen der ganzen Welt bekanntgegeben werden, soweit diese amtlich bestätigt seien, und hinzufügte, daß Regierung keine amtliche Bestätigung von Deutschlands Mitschuld erhalten könnte. Daß aber deutsche Konsularbeamte in Kleinasien nicht nur zugesehen, sondern zu diesen Greueltaten kräftig aufgemuntert haben, sei aus Berichten amerikanischer Augenzeugen ersichtlich, und aus dem, was Deutsche an anderen Stellen getan haben, sei es nicht unwahrscheinlich, daß ihre Mitschuld auch hier in Frage kommt. Lord Crewe, der Vorsitzende des Ausschusses ist und Untersuchung leitet, gab dann noch einige Greueltaten zur Kenntnis, so wurden z. B. in Trapezunt gesamte Bevölkerung armenischer Abstammung in Booten auf See geführt und ertränkt. Daß Gesamtzahl Opfer 800000 betrage, sei ihm sehr wahrscheinlich.
Anlage 3.
March 31st 1915.
Dear Herr Blank,
Let me congratulate your Consul, through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition, which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.
With kind regards
Yours cordially E. C. Woodley.
Anlage 4.
Marash, April. 2nd 1915.
Mr. Rößler, Consul of the Imperial German Government at Aleppo, Marash.
Sir,
We desire to express our sense of the value of your present visit to Marash and that its results may be permanently secured, venture to approach you with the hereafter mentioned request.
It is unnecessary for us to set forth here the critical state of affairs in Marash, in recent weeks, inasmuch as you are fully acquainted with it. We rejoice that your influence has already made itself felt for good. Our fear, however, is that, when the restraint of your official presence is removed, the former conditions will return. We feel very strongly that there should be some official representative or representatives of Foreign Powers in Marash, at least until a more normal state obtains.
No one knows the situation here better than Mr. Karl Blank, and in view of this fact, we desire to prefer the following request.
As members of the American Mission we would unitedly request you to use your influence to secure the appointment of Mr. Blank as an official representative in Marash[95], of the Imperial German Government, promising to support him in every way possible in any action he may take for the safeguarding of all the interests of the various communities here.
Trusting that this request may meet with your approval, and expressing again our gratitude for what you have already done to secure better conditions here, we remain
Yours respectfully The American Mission in Marash E. C. Woodley, Chairman James K. Lyman, Vice-Chairman Kate E. Ainslie, Secretary.
Anlage 5.
Central Turkey College Aintab, Turkey-in-Asia.
Aleppo, December 9, 1915.
Hon. Walter Rößler, Imperial German Consul, Aleppo.
Sir,
Replying to your note of the 4th inst, I have the honour to state that no disturbances have occurred in Aintab[96].
Respectfully J. E. Merrill.
_November._
189.
(Hauptquartier.)
Telegramm.
Abgang aus Pleß, den 3. November 1915. Ankunft in Berlin, den 4. November 1915.
Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.
General von Falkenhayn hat folgendes Telegramm an Enver Pascha gerichtet:
„Die Entwickelung der Kriegslage läßt es möglich erscheinen, daß Leistung auf den nach Syrien und Mesopotamien führenden Bahnen bis aufs äußerste gesteigert werden muß. Erbitte Ihre Unterstützung, daß den Bahngesellschaften die Erhaltung ihres geschulten Personals erleichtert wird, die durch Deportierung der armenischen Angestellten während des Krieges schwer gefährdet werden würde.“
Treutler.
190.
(Kaiserliches Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 4. November 1915. Ankunft in Pera, den 5. November 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern ist Halil Bey mit seinem Stab hier angekommen. Er selbst muß infolge Erkrankung einige Tage das Bett hüten. Ein Oberst seines Stabes erklärte mir soeben, man müsse auch in Mossul die Armenier niedermachen, was zu tun er die Absicht habe; er werde sich auch durch mich davon nicht abhalten lassen; die Deutschen verleugneten ihre Freundschaft für die Türken, da sie diese an der Exekution gegen die Armenier verhindern wollten.
Es sind dringend sofortige ganz energische Befehle an Halil Bey geboten, auf jeden Fall weitere Massakres zu verhindern.
Morgen oder übermorgen werden die Truppen Halils, die im Norden massakriert haben, hier erwartet.
Holstein.
191.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 5. November 1915.
An Deutsches Konsulat, Mossul.
Antwort auf Telegramm vom 4. November.
Kriegsminister ist sofort vom Minister des Auswärtigen ersucht worden, die dortige Militärbehörde telegraphisch anzuweisen, sie solle nichts gegen die Armenier unternehmen.
Neurath.
192.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 6. November 1915.
Der abschriftlich anliegende Bericht des der Roten-Kreuz-Expedition angehörenden deutschen Arztes Dr. Neukirch aus Erzindjan über die Armenierfrage wird zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
(Stempel.) Auswärtiges Amt.
An den Kaiserlichen Geschäftsträger Herrn Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.
Anlage.
Rote Kreuz-Expedition. Erzindjan, den 5. August 1915.
Die armenische Frage ist für Erzindjan zunächst erledigt. Außer wenigen von der Regierung zurückbehaltenen Handwerkern ist kein einheimischer Armenier mehr hier. Schaue ich auf meine bisherigen Mitteilungen zurück, so glaube ich genau genug das Gehörte von dem selbst Gesehenen unterschieden zu haben. Will man sich allerdings nur auf Gesehenes beschränken, so bleibt wenig übrig, da bei den eventuellen Massakres Fremde auf alle Fälle ferngehalten werden. Wie solche Dinge hier vorgehen, wissen die Kenner der Armenierunruhen genügend. Andererseits ist schwer festzustellen, was an den Erzählungen, die man täglich hört, wahr ist. Immerhin schien es, mangels anderer Quellen nötig, die Dinge so zu notieren, wie ich es getan habe. Nach dem, was in letzter Zeit hier zu sehen war, sind Schritte, die die Ausweisung der Armenier humaner gestalten sollten, und über die wir naturgemäß nichts Näheres wissen, von Erfolg gewesen.
Während früher elende Horden von armen Weibern und Kindern ohne Habe vorbeigetrieben wurden, nur von wenigen Bewaffneten geleitet, hatten später die Leute, die vorbeikamen, auch Lasttiere und Vieh mit sich. Zuletzt kamen die Einwohner von Erzerum in riesigen wohlausgerüsteten Ochsenwagenkarawanen vorbei. Die Leute (offenbar auch die Männer vollzählig) sahen sehr gut aus, reisten in kleinen Märschen und waren durch äußerst zahlreiche Gendarmen unter Führung von Offizieren geschützt.
Den größten der Züge begleitete ein hoher Beamter, der Mutessarrif von Bajasid, persönlich. Die Leute bezogen in der Ebene von Erzindjan ein Zeltlager und zogen nach etwa einer Woche weiter. Das Verdienst für diese sachgemäße Beförderung der Erzerumer Armenier hat offenbar der dortige Wali, Tahsin Bey. Es ist zu bedauern, daß die hiesige Lokalbehörde anders verfahren ist. -- Auch die Vorgänge in Trapezunt sollen nach guter Quelle bedauerlich gewesen sein. Die Leute aus der dortigen Gegend kamen zu Fuß und mit wenig oder keiner Habe hier durch.
Die Beziehungen der Expedition zu Behörden und Bevölkerung sind gut. Dagegen werden die Armenier uns mit der Verantwortung für das Geschehene belasten wollen.
Zusammenfassung.
Es hat eine vollkommene Entfernung aller Armenier aus diesem Lande stattgefunden, offenbar als Antwort auf die Verrätereien in Wan. In den ersten Wochen sind fraglos schwerste Mißgriffe vorgekommen, späterhin ist die Sache für orientalische Verhältnisse ziemlich geordnet verlaufen. Massakres haben hier offenbar seit Mitte Juni nicht mehr stattgefunden.
Die wirtschaftlichen Folgen sind unübersehbar.
Dr. Neukirch.
193.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 8. November 1915.
Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem gewissen Höhepunkt gelangt, so daß ihre Ausdehnung zu überblicken und der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Überblick zu geben.
Ich fahre hier in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Ranke sagt in seiner Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Großen gegen die Sachsen:
„Man dürfte nicht leugnen, daß die Strenge der Gesetze einen Widerstand gegen dieselben hervorrufen mußte. In Verwickelungen dieser Art tritt das immer ein. Die Maßregeln, die man ergreift, um den Ausbruch der Opposition zu verhüten, sind geeignet, denselben zu erwecken.“
Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung, die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen, im großen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist. Er dürfte insbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen. Die Regierung hat Vorbeugungsmaßregeln von einer in der Geschichte selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch Widerstand an zwei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Suedije und in Urfa[97]. Die Kämpfe in Suedije (von 6 Dörfern aus der Nähe Antiochiens) haben damit geendet, daß die Aufständischen sich in einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen Kriegsschiffes mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von armenischer Seite auf 5000 angegeben wird[98], an Bord eingeschifft haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen Prozentsatz von 10 Prozent als waffenfähig, so käme man auf 500 Mann. Trotz dieser Tatsache und trotz der schließlich bewerkstelligten Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor, daß der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.
Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich, Einwirkung von außen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte aber, daß die Urfaleute die Vorbeugungsmaßregeln der Regierung, die Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und jedes Einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluß des Widerstandes hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der Armenier selbst herbeigeführt worden. Im einzelnen haben sich die Ereignisse etwa folgendermaßen abgespielt.
Nach der am 19. August erfolgten Niederschießung einer Patrouille und dem sich daran anschließenden Massaker ist nichts weiter erfolgt, nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende September ereignete sich wieder eine Schießerei im Armenierviertel, von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde diese zum Teil niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha, am 5. Oktober ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur Übergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf, der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind und vielfach über alten Höhlenwohnungen stehen, von den Armeniern auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein 3. Bataillon mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen des amerikanischen Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war. Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der Hoffnung, daß auf ein Gebäude, in dem er sich befände, nicht geschossen werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen. Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete. Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben. Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über weitere Maßregeln gegen die Armenier Urfas beschließen.
Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuche treiben dem Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in der Stadt Aleppo außerordentlich groß. Dabei fehlten bis zum Eintreffen Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer Begräbnisplatz außerhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit war, daß dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, daß der Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle wird auf 150 bis 200 angegeben.
Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Straße, die die Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober unmittelbar an der Straße 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser Leichen an den ersten Chan kam und den Besitzer aufforderte, Leute gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber, was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er: „Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüßtest, wieviel hier in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist.“ Wenn dies an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne daß die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt der Schluß nahe, daß es auf den weniger begangenen Straßen des Innern nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen, die Luft verpestenden Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und Rüstigkeit, von Barfußlaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam Hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Wege Sitzenden, bis zu solchen, die noch unversehrtes Schuhwerk besaßen oder mit einigem Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.
Die Zustände sind derart geworden, daß die Etappenstraße von Bozanti nach Aleppo verseucht ist, und daß es erst dem Oberst Freiherrn von Kreß gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit hygienischer Maßregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der 4. Armee, Djemal Pascha, zu einem Besuch Aleppos zu veranlassen. Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion, Weli Pascha, die Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rajak eintraf, daß in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat er sich zur Reise entschlossen.
Hier hat er jetzt energische Maßregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die Überführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu organisiert.
Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung. Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.
Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach dem Irak oder nach Ägypten zu entsenden sind, muß der Bekämpfung der Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Persönlichkeit des Freiherrn von Kreß bürgt dafür, daß das Mögliche geschehen wird.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
194.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.) 8. November 1915.
Akten-Notiz.
Auf Grund von Nachrichten, daß die türkische Regierung neuerdings beabsichtige, auch die Armenier in Konstantinopel zu vertreiben, bin ich heute bei Halil Bey vorstellig geworden und habe ihn erneut auf die Gefahr eines solchen Vorgehens und die schweren Schädigungen wirtschaftlicher Art hingewiesen. Halil Bey erklärte, der Ministerrat habe bereits beschlossen, von allen weiteren Armenierverschickungen, insbesondere auch von Verschickung der Armenier Konstantinopels abzusehen.
von Neurath.
195.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 9. November 1915.
Herr v. Scheubner-Richter berichtet aus Mossul unter dem 5. d. M. folgendes:
„Auf dem Wege von Erzerum über Khinis, Musch, Bitlis, Soert nach Mossul habe ich alle früher von Armeniern bewohnten Dörfer bzw. Häuser vollständig leer und zerstört angetroffen. Lebende männliche Armenier habe ich nicht gesehen. Es sollen etliche sich in die Berge geflüchtet haben. Ca. 500 armenische Frauen und Kinder befinden sich in beklagenswertem Zustande in der armenischen Kirche in Bitlis; auch sollen armenische Frauen in türkischen Häusern gefangen gehalten werden. Auf dem ganzen Wege habe ich und die mich begleitenden deutschen Herrn noch Leichen von armenischen Männern, Frauen und Kindern liegen sehen, vielfach mit Zeichen von Bajonettstichen, trotzdem die Wege vor uns auf Veranlassung der Regierung durch Gendarmerie von Leichen gesäubert worden waren. Nach Aussage von Kurden sind alle Armenier der dortigen Gegend umgebracht worden. Eine von den Armeniern vorbereitete Revolution bzw. Erhebung hat es nach meinen Informationen nur in Wan gegeben[99], an anderen Orten war es Selbstverteidigung. Die Türken u. a. auch türkische Offiziere, haben überall verbreitet und vielfach auch selbst geglaubt, daß die deutsche Regierung die Vernichtung der Armenier veranlaßt habe.“
Über die Ausrottung der Armenier von Musch und die Zerstörung des Armenierviertels in Musch sowie der armenischen Dörfer in der Umgegend hat die kürzlich hier eingetroffene Schwester Alma Johansson (Schwedin) von dem dortigen Waisenhause des deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient eingehende Angaben gemacht. Danach dürfte von der armenischen Bevölkerung außer wenigen Flüchtlingen und einigen geraubten Frauen fast nichts übrig geblieben sein; die armenischen Häuser wurden in Brand gesteckt und dann dem Erdboden gleich gemacht. Diese Ereignisse, die in der ersten Hälfte Juli sich zutrugen, waren, wie aus den Schilderungen der Genannten zu schließen ist, anscheinend mit durch das Herannahen der russischen Truppen, die nach der Besetzung von Achlat, Bulanik, Gop und Liz bis ein, zwei Tagemärsche von Musch streiften, veranlaßt.
Fräulein Johansson, die im August Musch verließ und, nachdem sie sich in Kharput (Mesereh, Mamuret ul Aziz) einige Monate aufgehalten, über Siwas hierher gekommen ist, bemerkte zum Schluß ihrer Schilderungen, daß die offiziellen Kreise sowohl in Musch wie in Mesereh und auch in Siwas übereinstimmend behaupteten, die Deutschen hätten die türkische Regierung zu den Armenierverfolgungen gedrängt.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
196.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. 6. November 1915.
Aufzeichnung.
Angaben der Schwester Alma Johansson (Schwedin) von den Anstalten des „Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient“ in Musch über die Armenierverfolgungen in Musch.[100]
(NB. In Musch besteht ein deutsches Waisenhaus für Knaben und ein zweites für Mädchen, und eine Poliklinik, die sogenannte ärztliche Station.)
Die Stadt Musch zählt 50000 Einwohner, von denen die eine Hälfte Armenier die andere Muhammedaner (Kurden, Türken); im Bezirk Musch etwa 300 Dörfer, meist armenisch.
Während des Winters wurde die männliche armenische Bevölkerung bei den Proviant- und Munitionskolonnen für den östlichen Kriegsschauplatz verwendet; von diesen Leuten kehrten nur die wenigsten zurück, von 2-300 im Durchschnitt kaum 50.
Im Frühling wurden die armenischen Dörfer zerstört, nachdem sie schon vorher durch Einquartierung und Requisitionen schwer heimgesucht waren.
Im Mai-Juni wurde Bitlis von Armeniern ausgeräumt.
Um Mitte Juni wurde der Alma Johansson und der Bodil Björn vom Mutesarrif eröffnet, daß die deutsche und türkische Regierung beschlossen hätten, alle Europäer nach Kharput zu senden.
Die Russen hatten nämlich auf ihrem Vormarsch von Wan aus Ahlat, Bulanik, Gop und Liz besetzt und ihre Patrouillen streiften in einer Entfernung von 1-2 Tagesmärschen von Musch.
Die beiden Schwestern weigerten sich aber, Musch zu verlassen.
Die Stadt war von Truppen umzingelt und Artillerie ringsum aufgefahren.
Am 11. Juli, Sonntag Nacht, wurde das Massaker der armenischen Bevölkerung mit Gewehrschüssen eingeleitet, die Türken behaupteten, daß einige Armenier den Versuch gemacht hätten, sich nach Sassun durchzuschlagen.
Einigen wohlhabenden Armeniern wurde auf dem Konak eröffnet, daß sie in drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten, aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehöre, zurücklassen müßten.
Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach zwei Stunden in die armenischen Häuser einzudringen und zu plündern.
Montag, den 12., hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an; die türkische Bevölkerung nahm daran teil.
Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein, um nach versteckten Armeniern zu suchen.
In der Nacht und am folgenden Tage wurde noch viel geschossen. Beim Versuch, das Hoftor zu schließen, wurde eine Frau und ein Waisenmädchen neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet.
Mittwoch früh begab sich die Genannte zum Mutessarrif Servet Bey, um Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen.
Der Mutessarrif, ein intimer Freund von Enver Pascha, gebärdete sich wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab trotz des Zuredens aus seiner Umgebung; es wurde den beiden Schwestern nur gestattet, drei Mädchen und einen Diener zu behalten.
Die männliche armenische Bevölkerung ist gleich vor der Stadt umgebracht worden; die Frauen, Mädchen und Kinder hat man noch eine Tagereise weiter geschleppt und dann beseitigt. Nur drei armenische Lehrerinnen vom Waisenhause sind später freigelassen worden.
Nach Räumung der Stadt wurde das armenische Viertel in Brand gesteckt und dem Erdboden gleich gemacht; ebenso die armenischen Dörfer.
Bei diesen Vorfällen hat sich der Militärarzt, ein Albanese, durch Roheit ausgezeichnet und auch die beiden Schwestern bedroht.
Am 10. August reisten diese nach Mesereh Kharput ab, wo sie am 20. August eintrafen. Zusammen mit dem erkrankten Mutessarrif, der 2 Tage später starb.
Über die Ausrottung der Armenier in Kharput hat die Schwester Alma ebenfalls eingehende Angaben gemacht. Die Verfolgungen begannen dort schon im Mai, die Massenausrottung der Männer fand in den ersten Julitagen statt.
Von Einzelheiten erwähne ich:
Die offiziellen Kreise in Musch, Mesereh-Kharput und Siwas behaupten einstimmig, daß die Deutschen die türkische Regierung zur Vertreibung und Ausrottung der Armenier gedrängt hätten.
Mordtmann.
197.
Der Reichskanzler. Berlin, den 10. November 1915.
In der abschriftlich anliegenden Eingabe haben namhafte Vertreter protestantischer Kreise Deutschlands die Armenierfrage bei mir zur Sprache gebracht. Mit dem gleichen Gegenstande beschäftigt sich die in Abschrift beigefügte Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Beide Kundgebungen zeigen die steigende Sorge und Erregung, mit der auch in Deutschland das Vorgehen der Türken gegen die Armenier verfolgt wird.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, unter Berücksichtigung der in den Anlagen dargelegten Gesichtspunkte und Wünsche weiter bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit allem Nachdruck Ihren Einfluß bei der Pforte zugunsten der Armenier geltend zu machen und insbesondere Ihr Augenmerk darauf zu richten, daß die Maßregeln der Pforte nicht etwa noch auf andere Teile der christlichen Bevölkerung in der Türkei ausgedehnt werden.
Über die Entwickelung der Angelegenheit wollen Euer Hochwohlgeboren mich fortlaufend unterrichten.
von Bethmann Hollweg.
Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Geschäftsträger Herrn Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.
Anlage 1.
Berlin, den 15. Oktober 1915.
Euer Exzellenz!
Die Unterzeichneten fühlen sich in ihrem Gewissen gedrängt, der Unruhe Ausdruck zu geben, in die sie und wachsende Kreise deutscher Christen durch das jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei versetzt sind, dem nach glaubhaften Nachrichten die Ausrottung droht, wenn den unmenschlichen Maßregeln, denen es unterworfen ist, nicht schleunigst Einhalt geboten wird.
Diese Nachrichten zeichnen uns folgendes Bild:
Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den östlichen Wilajets geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern ermordet worden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilizien in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn angeordnet worden. Diese Maßregel ist mit unmenschlicher Härte in den vergangenen Monaten durchgeführt worden. Während die wehrhaften Männer des armenischen Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel wurde dadurch eingeleitet, daß in der Hauptstadt und in den Zentren des Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis geworfen und ohne Verhör und Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl bleibt, als den Islam anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern abgenommen worden und werden nun als Muslims auferzogen. Von der Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.
Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen Wilajets von 1200000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, daß ein Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke verschont blieben, so bleibt doch etwa 1 Million armenischer Christen, die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Ob die Hälfte oder wieviel immer davon umgebracht wurde, ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann kein Zweifel sein, daß der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs empfindlichste berühren wird.
Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich in den Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Die in Vorbereitung befindliche Deportation der armenischen Handels- und Handwerkerbevölkerung von Konstantinopel (ca. 180000), Smyrna (28000), Adana und einigen anderen, an der Peripherie der armenischen Gebiete liegenden Städte, die bisher verschont waren, würde die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei verhängnisvoll treffen, an der Deutschland in höchstem Maße interessiert ist. Nach dem Urteil von Kennern des Landes ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische und jüdische Element in der Lage wären, für den Ausfall des armenischen einzutreten. Mögen zu diesen Fragen Autoritäten des wirtschaftlichen Lebens sich äußern.
Was aber die Unterzeichneten in erster Linie beunruhigt und sie veranlaßt, sich vertrauensvoll an Euer Exzellenz zu wenden, ist nicht die Sorge um die Zukunft deutscher Wirtschafts- und Kulturarbeit, die durch die Ausschreitungen des türkischen Nationalismus und islamischen Fanatismus ernstlich in Frage gestellt wird, was unser Gewissen beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen Volke als einem christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur Sprache gebrachten Vorgänge erwächst.
Nicht nur die Ententepresse, auch die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern sieht Deutschland als mitverantwortlich für die inneren Vorgänge in der Türkei an. Gewiß wird hierbei der Einfluß der deutschen Diplomaten auf die Pforte überschätzt. Aber bestehen bleibt der Eindruck, daß Deutschland nach Ausschaltung der Ententemächte die einzige Macht am Bosporus war, die für die Verhinderung von Christenschlächtereien in Frage kam. Die Maßregeln, welche das armenische Volk mit dem Untergang bedrohen, werden von der Hohen Pforte mit revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründet. Mögen irgendwo Armenier von diesem Vorwurf zu Recht getroffen werden -- nach den uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen Organisationen keine Beweisgründe vor --, er rechtfertigt nicht die getroffenen unerhörten Maßregeln. Wir enthalten uns des Urteils über die Ziele, die die türkische Regierung mit ihnen letztlich verfolgt. In der Ausführung aber haben sie jedenfalls dem islamischen Fanatismus und dem Christenhaß den schlimmsten Anreiz gegeben, der auch für die übrigen, nicht muslimischen Volkselemente der Türkei gefahrdrohend bleibt. Es kursieren Worte wie dies: „Das Land soll rein muslimisch sein und nichts anderes“. Dem entspricht, daß auch Missionsinstitute ausgeräumt worden sind. Es gewinnt den Anschein, als solle jede Art von christlichem Liebeswerk und jeder ausländische Kultureinfluß im Innern ausgetilgt werden.
Diese Vorgänge sind für die übrige Christenheit schlechthin unerträglich und müssen auch der Türkei in ihrem berechtigten Streben, ihre inneren Verhältnisse gegen Eingriffe von außen sicherzustellen, kaum überwindliche Schwierigkeiten bereiten. Die Erregung im neutralen und feindlichen Auslande hierüber ist im Wachsen und muß zu leidenschaftlichem Ausdruck kommen, sobald die Tatsachen in vollem Umfange bekannt werden. Wird sich nicht diese Entrüstung mit ganzer Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, daß es durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten und etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene einschränken konnte? Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg und für die Erklärung des „heiligen Krieges“ verantwortlich gemacht hat, so wird man ihm die ganze Schuld an der Vernichtung eines christlichen Volkes beimessen. Die Wirkung wird, wie wir fürchten, noch tiefer gehen, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen Greuel.
Während aber bisher alle Anschuldigungen des Auslandes an dem einmütigen guten Gewissen unseres Volkes wirkungslos abprallten, werden diese Nachrichten, deren Bekanntwerden niemand verhindern kann, auf die deutschen Christen die unheilvollste Wirkung haben. Schon bei der Erklärung des heiligen Krieges regten sich in manchen Kreisen Gewissensbedenken; wir vermochten sie durch den Hinweis zu beschwichtigen, daß dieser heilige Krieg nicht gegen die Christen als solche, sondern in Gemeinschaft mit christlichen Völkern gegen die Feinde der Türkei geführt werde. Niemand vermag aber die lähmende Wirkung auf die Freudigkeit der deutschen Christen zu verhindern, wenn sie es mit ansehen müssen, wie von ihren Bundesgenossen ein ganzes Christenvolk vernichtet wird. In dem guten Gewissen, mit dem wir alle Gott um den Sieg für unsere Waffen anrufen, wurzelt die Widerstandskraft unseres Volkes. Diese Einmütigkeit und Freudigkeit droht erschüttert zu werden, wenn bekannt wird, daß von unseren andersgläubigen Bundesgenossen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen grundlos und sinnlos zu Tode gehetzt werden, ohne daß unsererseits das Mögliche zu ihrer Rettung geschah.
Es ist uns bekannt, daß seitens der deutschen Regierung wiederholt Schritte getan sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der Vernichtung der Armenier zu steuern.
Die Tatsachen zeigen leider, daß diese Schritte das Verhängnis nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist zu befürchten, daß auch die noch überlebenden Deportierten, in der Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.
Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit ansehen. Die türkische Regierung, die selbst planvoll das islamische Gemeingefühl aller Länder für ihre nationalen Ziele wachruft und verwertet, darf ihren christlichen Bundesgenossen nicht zumuten, daß sie ihr christliches Gemeingefühl zum Stillschweigen verurteilen. Sie muß es erkennen, in welchem Grade sie für die Zukunft ihren eigenen Weg erschwert, wenn sie unter ihrer Verantwortung eine ungeheure Tat geschehen läßt, die die gesamte Christenheit als einen Schlag in ihr Angesicht empfinden muß. Es muß verhütet werden, daß die Ehre des deutschen Namens auch nur mit dem Schein der Mitschuld an den gekennzeichneten Schandtaten befleckt wird. Der Gedanke ist unerträglich, daß, während wir Deutsche gefangenen Muhammedanern Moscheen bauen, Hunderte von christlichen Kirchen zerstört oder in Moscheen verwandelt werden. Es bedrückt unser Gewissen, daß, während die deutsche Presse den Edelmut und die Toleranz unserer muhammedanischen Bundesgenossen preist, von Muhammedanern unschuldiges Christenblut in Strömen vergossen wird und Zehntausende von Christen zwangsweise zum Islam konvertiert werden.
Wir verkennen nicht die Pflichten, die uns deutschen Christen aus dem Bundesverhältnis unseres Reiches mit der Türkei erwachsen. Wir teilen aufrichtig den Wunsch, daß ihr aus ihrem heldenmütigen Kampf an unserer Seite die verdienten Früchte zufallen, und wir wünschen durchaus nicht, ihr in irgend einer Weise unnötige Schwierigkeiten zu machen. Aber wir können auch die Pflichten gegen unsere Glaubensgenossen nicht verleugnen. Wir handelten sonst gegen Ehre und Gewissen, und es fiele ein Schatten auf den Sieg unseres Volkes.
Wir bitten daher Euer Exzellenz, der Hohen Pforte die Unerträglichkeit der geschaffenen Lage und die äußerste Dringlichkeit von Abhilfemaßregeln mit allem Nachdruck vorzustellen, und dabei vornehmlich drei Ziele ins Auge zu fassen, die auf keine Weise dem Wohle der Türkei oder der Erreichung unserer Kriegsziele widerstreiten, dagegen aufs engste mit den Forderungen der Menschlichkeit und mit dem wirtschaftlichen Interesse verknüpft sind:
1. daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und anderen, noch nicht betroffenen Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben wird,
2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu verhindern,
3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen zukommen zu lassen.
Beim Friedensschluß bitten wir darauf Bedacht zu nehmen, daß den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum Christentum ermöglicht und für eine künftige friedliche und loyale Weiterentwicklung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.
Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in die Lage zu versetzen, daß wir der Beunruhigung unter den deutschen Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam entkräften können.
Euer Exzellenz ganz gehorsamste
Dr. Karl Axenfeld, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin.
Professor D. Baumgarten, Kiel.
Professor Dr. Johannes Burchard, Professor der Rechtswissenschaften an der Königlichen Akademie zu Posen.
Superintendent D. A. Cordes, Leipzig.
D. Adolf Deißmann, ord. Professor der Theologie an der Universität Berlin, Vorstandsmitglied der deutschen Orientmission.
Oberhofprediger D. Dibelius, Dresden, Vizepräsident des Evangelisch-lutherischen Landeskonsistoriums.
Konsistorialrat Pfarrer D. Erich Foerster, Frankfurt a. M.
Th. Haarbeck, Pfarrer, 1. Vorsitzender des deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation, Barmen.
Direktor D. G. Haccius, Hermannsberg i. Hannover.
A. Haccius, Geh. Justizrat, Hannover.
Haendler, Propst und Generalsuperintendent, Berlin.
Professor D. v. Harnack, Wirkl. Geh. Rat., Berlin-Grunewald.
Professor D. G. Haußleiter, Halle a. d. S.
Held, Missionsinspektor der Sudan-Pioniermission, Wiesbaden.
P. O. Hennig, Missionsdirektor der Brüdergemeinde, Herrnhut.
Professor Dr. W. Herrmann, Marburg.
D. Hesekiel, Generalsuperintendent, Wernigerode.
Dr. Hornemann, Landgerichtsrat, Berlin.
Generalsuperintendent D. Kaftan, Kiel.
Pastor D. Dr. Kind, Präsident des Allg. Ev. Prot. Missionsvereins, Berlin.
D. W. L. Kölbing in Herrnhut, Vorsitzender der Verwaltung des Aussätzigenasyls der Evangelischen Brüdergemeinde in Jerusalem.
Dr. Johannes Lepsius, Potsdam.
Geh. Konsistorialrat Professor Dr. Loofs, Halle.
Professor D. Mahling, Berlin-Charlottenburg.
D. Philipps, Berlin-Charlottenburg.
Stadtpfarrer Pfisterer, Weinsberg, Württemberg.
Professor D. Julius Richter, Berlin-Steglitz.
Pastor Röbbelen, Hermannsberg i. H., Vorsitzender des Vereins für lutherische Mission in Persien.
Roedenbeck, Superintendent der Diözese Potsdam I, Direktor der deutschen Orientmission, Klein-Glienicke bei Potsdam.
Lic. Dr. Paul Rohrbach, Berlin.
Pastor Johs. Spiecker, Direktor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Barmen.
Missionsinspektor Lic. Schlunk, Hamburg.
Schlicht, Superintendent, früher Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Rudow b. Berlin.
A. W. Schreiber, Missionsdirektor, Berlin-Steglitz.
D. Dr. Hans von Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor der Theologie, zurzeit Dekan der theologischen Fakultät zu Heidelberg.
Professor D. Dr. R. Seeberg, Berlin.
Direktor D. F. A. Spiecker in Berlin-Grunewald.
Pfarrer Ewald Stier, Alten bei Dessau, für die „Deutsche Armenische Gesellschaft“ und den Verein „Notwendiges Liebeswerk“.
F. Schuchardt, Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V., Frankfurt a. M.
Martin Urban, Missionsinspektor, Vorsitzender der Mission für Süd-Ost-Europa, E. V., Hausdorf, Kr. Neurode.
Professor Dr. Weckesser, Karlsruhe.
Geh. Kirchenrat H. H. Wendt, Professor der Theologie in Jena.
A. Winkler, Pfarrer, Berlin, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Orientmission.
Adolf Zeller, Pastor, Zehlendorf, früher Marasch, Wilajet Aleppo.
Gerhard von Zezschwitz, Pfarrer und Senior in Burgbernheim, Bayern.
Professor D. Dr. Dalman aus Jerusalem.
Gustav Gerock, Stadtpfarrer in Stuttgart.
Johannes Lohmann, Pastor am Diakonissenhaus Friedenshort in Miechowitz.
Lic. R. Mumm, Mitglied des Reichstags, Berlin NW. 87.
An den Kanzler des Deutschen Reiches Herrn Dr. von Bethmann Hollweg, Exzellenz, Berlin W.
Anlage 2.
Berlin, den 29. Oktober 1915.
Der Missionsausschuß des Zentralkomitees für die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands, versammelt zu Berlin am 29. Oktober 1915, hält es für seine unabweisbare Pflicht, seine Stimme zu erheben, damit den überaus harten Maßregeln, welche zurzeit von Seiten der türkischen Regierung gegen die Armenier zur Anwendung gebracht werden, sofort ein Ende gemacht werde. Was immer auch den Armeniern zur Last fällt, so verlangt doch das Gebot der Menschlichkeit, welchem auch die türkische Regierung ihr Ohr nicht versagen darf, daß der drohenden Ausrottung des ganzen armenischen Volkes gesteuert werde.
Die Versammlung hat das Vertrauen zu der Leitung des Deutschen Reiches, daß sie auch bisher schon zur Linderung des Loses der Armenier alles getan hat, was in ihren Kräften stand. Sie bittet aber angesichts der fortdauernden Schrecknisse in Armenien, daß sie unausgesetzt auf diplomatischem Wege, durch Einwirkung auf die Regierung der uns verbündeten Türkei, alles zur Linderung des Loses der Armenier aufbiete, was ohne Gefährdung des militärischen Bündnisverhältnisses geschehen kann.
Die türkische Regierung wird begreifen müssen, daß die christliche Bevölkerung Deutschlands trotz ihrer politischen Bundesfreudigkeit zur Türkei in Aufregung geraten muß, wenn ihre Glaubensgenossen in der Türkei so schwer bedrückt werden. Dies um so mehr, als alle deutschen Katholiken, wie es sich aus den Besprechungen des Missionsausschusses als springender Punkt ergab, auf dem Standpunkt stehen, von allen christlichen Völkern der Türkei volle Loyalität gegenüber dem türkischen Staate zu verlangen, sie auch ihrerseits bereit sind, in dieser Richtung auf die orientalischen Christen einzuwirken und bei ihnen das Verständnis für staatsbürgerliche Gesinnung zu wecken.
Übrigens erfordert es das richtig verstandene Interesse der Türkei selbst, daß diese sich nicht so wertvoller Mitarbeiter beraubt, wie die Armenier bisher es auf dem Gebiete der Staatsverwaltung und des wirtschaftlichen Fortschrittes für sie gewesen sind.
Vor allem aber bitten wir den Herrn Reichskanzler, darauf ein wachsames Auge zu halten, daß unter keinen Umständen auch in anderen Teilen des türkischen Reiches ähnliche Ereignisse gegenüber der christlichen Bevölkerung Platz greifen.
Die im unterzeichneten Missionsausschuß vertretenen deutschen Katholiken hegen volles Vertrauen zur Leitung des Deutschen Reiches und zur befreundeten Regierung der Türkei, daß durch Beseitigung der erwähnten Mißstände unser Bündnis mit der Türkei auch weiterhin beim christlichen Volke Deutschlands freudige Stimmung und Teilnahme finden kann.
Im Namen aller im Missionsausschuß vertretenen Organisationen der deutschen Katholiken zeichnen:
Prälat Dr. Werthmann, Vorsitzender. Justizrat Dr. jur. Carl Bachem. Erzberger, M. d. R.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg.
198.
(Der Reichskanzler.) Berlin, den 12. November 1915.
Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 15. v. M. übermittelten Eingabe mit ergebenstem Danke bestätigen.
Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.
Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von dem Inhalt Ihrer Eingabe unterrichtet.
von Bethmann Hollweg.
An den Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe, Herrn A. W. Schreiber, Hochwohlgeboren.
199.
Der Reichskanzler. Berlin, den 12. November 1915.
Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 30. v. M. übermittelten Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands mit ergebenstem Danke bestätigen.
Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.
Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von der Entschließung der Missionskonferenz unterrichtet.
von Bethmann Hollweg.
Herrn M. Erzberger, M. d. R., Hochwohlgeboren, hier.
200.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 12. November 1915.
Euere Exzellenz bitte ich, den Bericht eines deutschen Lehrers[101] zum Anlaß nehmen zu wollen, um bei der Pforte erneut gegen die grausame Behandlung der Armenier Verwahrung einzulegen und sie auf die verhängnisvollen Folgen aufmerksam zu machen, die dem türkischen Reiche aus der Fortsetzung einer derartigen Ausrottungspolitik erwachsen müssen.
Jagow.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
201.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 12. November 1915.
Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die türkische Regierung trotz aller gegenteiligen Versicherungen beschlossen hat, auch die in Konstantinopel ansässigen Armenier in die Verbannung zu schicken. Die Maßregel soll nicht sofort und nicht gegen alle armenischen Bewohner der Hauptstadt auf einmal ergriffen werden, jedenfalls aber noch vor Beendigung des Krieges zur Ausführung gelangen. Ich habe deshalb Halil Bey am 8. d. M. wiederholt dringend auf die unabsehbaren Folgen aufmerksam gemacht, die ein solches Vorgehen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht nach sich ziehen werde. Euerer Exzellenz Erwägung möchte ich anheimstellen, auch Hakki Pascha vor Ausführung des unheilvollen Planes eindringlich zu warnen.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
202.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. November 1915.
Die türkische Botschaft in Berlin hat über den Aufruhr in Urfa die in der Anlage beigefügte Erklärung veröffentlicht, die in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. Oktober, Nr. 299 (2. Ausgabe), zum Abdruck gekommen ist und mir zu den folgenden Bemerkungen Anlaß gibt. Sie besagt u. a.:
„Der Zweck, den die Banden mit dem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folge dieser Morde auf die Türkei abzuwälzen. Andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an die befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie vom Kriegsschauplatz abziehen.“
Demgegenüber wird daran festzuhalten sein, daß der Zweck des Aufruhrs nicht ohne seine Vorgeschichte verstanden werden kann. Urfa hat unter den Armeniermetzeleien vor 20 Jahren schwer gelitten. Damals wurden u. a. 1000 Menschen in der Kirche, in die sie unter dem Vorwande, ein Asyl zu finden, hineingelockt waren, vorsätzlich verbrannt. Die Armenier haben seitdem in steter Furcht vor einer Wiederholung der Metzeleien gelebt und sich mit Waffen versehen, um nicht wehrlos zu sein.
Als im Frühsommer d. J. die Armenierverschickungen angeordnet wurden, sagte mir der hiesige Wali Djelal Bey, der sich weigerte, sie auszuführen und deswegen versetzt wurde, „es ist das natürlichste Recht des Menschen, zu leben. Der Wurm, den man tritt, krümmt sich. Die Armenier werden sich wehren.“
Welcher Art die Vorbeugungsmaßregeln sind, die von der türkischen Regierung in der gegenwärtigen Weltkrisis gegen die Armenier ergriffen wurden, hatten die Bewohner von Urfa bereits erfahren. Gegen Mitte Juni sind 50 der angesehensten von ihnen verhaftet und einer von ihnen mit 100 Stockschlägen fast zu Tode geprügelt worden. Kurz darauf wurden sie nach Diarbekr in Marsch gesetzt, woselbst angeblich ihre Aburteilung erfolgen sollte, sind aber unterwegs -- also ohne Urteil -- umgebracht worden. Darunter befand sich der langjährige Apotheker des deutschen Hospitals, der nach dem Zeugnis der deutschen Missionare, wie übrigens viele unter den 50 Abgeführten, loyaler ottomanischer Untertan gewesen ist. Auch das Schicksal der aus dem Norden und Osten angekommenen Verschickten hatten die Urfaleute vor Augen. Sie wußten, daß die Männer ermordet, Frauen und Mädchen geschändet, günstigstenfalls in muslimische Harems aufgenommen, und daß der Rest, nämlich Kinder und ältere Frauen dem Hungertode preisgegeben waren. Daher ihr Entschluß, lieber mit der Waffe in der Hand zu sterben, und ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, als sich und ihre Familie wehrlos vernichten oder entehren zu lassen. Es ist richtig, daß die allgemeine Verschickung der Armenier Urfas noch nicht beschlossen war, als der Aufruhr losbrach. Die einzigen Städte der Türkei, welche bis dahin dieses Geschick noch nicht erlitten hatten, waren, soweit hier bekannt, Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und Urfa. Welche Gewähr aber bestand, daß Urfa nicht auch an die Reihe kommen würde? 18 Familien waren im Mai bereits verbannt, von der Vernichtung der 50 im Juni habe ich soeben gesprochen.[102] Es lag nahe, daß, wie überall, auch die Masse verschickt werden würde, nachdem die Führer beseitigt waren. Haussuchungen nach Waffen erfolgten. Dabei wurde eine Patrouille niedergeschossen. Eine zweite, nicht aufgeklärte Schießerei hat dann die Krisis ausgelöst.
Die Armenier haben sich nicht, wie die Erklärung verallgemeinernd behauptet, „der fremden Niederlassungen“ bemächtigt, woraus ein mit den Verhältnissen vertrauter Deutscher schließen müßte, daß auch die deutschen Missionshäuser in den Kampf hineingezogen worden sind, sondern sie haben nur die für ihre Verteidigung günstig gelegene amerikanische Mission benutzt[103].
Auch haben die Armenier den amerikanischen Missionar Leslie und sieben französische Untertanen in ihrem Stadtviertel als Geiseln zurückbehalten, aber nicht, um sie zu töten. Hätten sie dies gewollt, so hätten sie reichlich dazu Gelegenheit gehabt, da sie tagelang diese Fremden in ihrer Gewalt hatten. Verständlicher wäre es gewesen, wenn die Erklärung gesagt hätte, „um sie durch türkische Kugeln töten zu lassen“. Denn die Zurückbehaltung war allerdings ein verzweifelter Versuch, das Schicksal der Fremden an das der Armenier zu ketten, um auf diese Weise irgendwie ihre Lage zu verbessern.
Was schließlich die Behauptung betrifft, daß die Armenier sich der Stadtteile der Muslimen bemächtigt und begonnen hätten, die Einwohner niederzumetzeln, so ist sie erfunden. Sie erinnert mich an folgenden Vorfall: Als ich Anfang April in Marasch war, und die wenigen Armenier, die sich überhaupt aus den Häusern wagten, unter dem Druck des verhängten Belagerungszustandes und der Furcht vor dem Kommenden sich nur ängstlich an den Häusern entlang drückten, versuchten muslimische Intriganten ein Telegramm nach Konstantinopel zu schicken, des Inhalts, die Armenier hätten die Moscheen in Marasch besetzt und in Kirchen verwandelt!
Die in der türkischen Erklärung gegebenen Daten sind diejenigen des orientalischen Kalenders. Die Schießerei war also nach westlichem Kalender am 29. September und der Aufstand war am 16. Oktober unterdrückt. Die türkischen Verluste an Toten betrugen nicht 20, sondern 50, außerdem 120 bis 150 an Verwundeten.
Ich beabsichtige mit meiner Darstellung nicht, der einen oder der anderen Partei zu Liebe oder zu Leide zu schreiben, halte es aber für meine Pflicht über Dinge, die sich in meinem Amtsbezirk ereignet haben, Euerer Exzellenz vorzulegen, was ich für die Wahrheit halte.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(Norddeutsche Allgemeine Zeitung.) Berlin, den 27. Oktober 1915.
Die Kaiserlich Türkische Botschaft teilt mit: In der Nacht vom 16. September haben armenische Banden einen Aufruhr veranstaltet. Sie hatten sich in starken Gebäuden auf den beherrschenden Punkten der Stadt Urfa verschanzt und eröffneten das Feuer gegen unsere Gendarmeriepatrouillen, von denen zwei Mann getötet und acht verwundet wurden. Unsere Gendarmerie wurde überall mit Feuer empfangen. Nachdem die Armenier sich der fremden Niederlassungen bemächtigt und deren Besitzer mit Gewalt zurückgehalten hatten, stellten sie dort Schießscharten her. Da diese Tatsachen bewiesen, daß die aufrührerischen Banden entschlossen waren, bewaffneten Widerstand zu leisten und die Unzulänglichkeit der in geringer Zahl vorhandenen Gendarmerie auzunützen, und da sie sich schließlich der Stadtteile der Muselmanen bemächtigt hatten und die Einwohner niederzumetzeln begannen, wurden einige für die Front bestimmte Truppen nach Urfa abgeschickt. Die Schlupfwinkel der Banden wurden zerstört, und der Aufruhr war am 3. Oktober unterdrückt. Die Zahl der bei diesem Vorfall getöteten Soldaten und Gendarmen beträgt 20, die der Verwundeten 50.
Der Zweck, den die Banden mit ihrem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folgen dieser Morde dann auf die Türken abzuwälzen, andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an ihre befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie so vom Kriegsschauplatz abziehen.
Dank den kräftigen und schnellen Maßnahmen der Kaiserlichen Behörden hatte der Aufruhr nicht den erwünschten Erfolg. Er wurde unterdrückt, ohne daß einem Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Länder oder einem Neutralen Schaden zugefügt worden ist.
203.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. November 1915.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage den Bericht eines Deutschen, den ich kürzlich aus dienstlichem, mit der Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlaß nach Der-es-Zor zu entsenden hatte, über das Geschick der auf dem Wege dorthin wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen, die sich unterwegs aufgedrängt haben.
Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den Flußweg gewählt hat, schrieb mir am 3. November aus Der-es-Zor: „Ich habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt hat.“
Die zu Lande nach Bagdad führende Etappenstraße von Aleppo nach Der-es-Zor ist durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muß wohl auch vom Wasserweg gelten.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.
Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5-6 Piaster, Brot 4-5, Eier 10 Para usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten -- obwohl Möglichkeit vorhanden wäre -- nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen. Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Unglücksflecken zu reinigen.
Abu Hrere am Euphrat, vor kurzem noch mit einem Chandschi und einem Händler versehen, derzeit ein riesiger menschlicher Düngerhaufen, 5 Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen, eine richtige Stätte des Todes, dann stundenweit nur Wüste. An dieser Unglücksstätte saß verlassen ein abgehungertes Mütterlein. Die hellen blauen Augen, das blendend weiße Haar, die Gesichtszüge, verrieten ein besseres Einst. Alles zog weiter dahin. Sie jammerte irre nach den Kindern, vielleicht ein Sonnenuntergang, dann ist sie ihrer Befreiung sicher. Wir ließen sie in den Chan schaffen -- eine menschenleere Miststätte mit 2 Soldaten, sonst nichts. Hinter Abu Hrere, wo der Weg durch die wasserleere Wüste zieht, fanden wir außer zahlreichen Tierleichen und Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Männer- und 1 Frauenleiche am Straßenrande.
Hamam besitzt zwei große Chans, verwüstet, 3 große Lager von Armeniern: a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c) Fußgänger in erbärmlichem Zustande mit den Resten ihres Habs und Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. 8 bis 900 Personen aus Antiochien, Zeitun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Straße ab und näherte sich wahrscheinlich dem Flußufer, während die Straße über die Wüstenklippen hinweg führte.
Sabcha, die erste Ansiedlerstation. Früher einige hundert Einwohner zählt derzeit 7000 Köpfe (Aussage des Nahié Mudir’s). Zwischen den felsigen Abstürzen der Wüste und dem Flußlaufe liegt der Ort, am Flußufer der alte Teil mit einigen Hausgärten, dem Bergrücken zu vergrößert sich nun die Niederlassung, in schnurgeraden, rechtwinklig angelegten Gassen; Tausende von Händen schaffen in regstem Eifer; lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort, über 100 neue Häuser stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Häuser fertig sein. Im Juli und August kamen die ersten Ansiedler von Zeitun an. Viele wohnen noch in gemieteten Häusern (3-4 Medjidijeh Miete) die meisten noch in Zeltlagern und in Höfen. Die Behörde gibt den Baugrund und gestattet Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genügendem Maße verabreicht, worüber Klagen wahrgenommen werden. Von den Ansiedlern ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2-3 Krämerläden eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zugrunde. Die Zeltlagerer, zum Selbstschutz getrieben, stoßen die Kranken -- meist Frauen -- aus dem Lager und übergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein gütiges Geschick sie sterben läßt (ca. 40 schrecklich entstellte Personen). Gegenüber der Überfahrtsstelle zählte ich 12 angeschwemmte Leichen, deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begräbnis aufzurütteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch viele Tausende von „Ansiedlern“, d. h. wie der Herr wörtlich sagte: „Wir lassen sie kommen!“ „Um das Land zu kultivieren.“ Fluß auf- und abwärts ist allerdings für die Überlebenden ein fruchtbares Terrain. Ärztliche Hilfe ist dort unbedingt nötig.
Hauptsiedelungsplatz ist Der-es-Zor. Schon die Einfahrt zeigte sofort die Hauptbeschäftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes Hinbrüten, mühevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der-es-Zor selbst ist eine nicht unschöne Stadt, mit schönen breiten Straßen. Früher 14000 Einwohner, derzeit 25-30000. Für die riesige angestaute Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine genügende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Bäcker ohne Brot), eine Dampfmühle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an Brot und Gemüse wurde festgestellt. 3 Spitäler sind voll gepfropft mit über tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast leer. Der Gemeindearzt verließ eben die Stadt auf einige Tage für eine Dienstreise, die Sterblichkeit beträgt täglich 150-200 Köpfe (Worte des Gemeindearztes). Nur so ist es möglich, daß immer noch Tausende von Ansiedlern zugeschafft werden können. Oberhalb und unterhalb der Stadt großes Zeltlager. Am linken Flußufer neben der Schiffsbrücke lagert in ortsüblichen Laubhütten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die Vergessenen, deren einziger Befreier der Tod ist.
Kein sprachlicher Gedankenaustausch vermag auch nur annähernd die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergänzt sich der Unglückshaufen. Nach Aussage von anderen Fußgängern liegen dann weiter weg Hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der diensttuende Gendarm antwortet mir: „Was soll man machen? Sie sterben alle von selbst.“
Die Behörden reinigen täglich sorgfältig alle Winkel und Straßen, bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute, sowie Brote und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der-es-Zor jede andere menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt... Wüstenrand.
Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen, verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.
Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopfe.)
Während unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern, sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung da, nicht die Deutschen!).
Was für die Überlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und Gartenbau längs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden ist, Handwerk und wenig Handel.
Aleppo, den 11. November 1915. Unterschrift.
204.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 20. November 1915.
Über die Vorgänge in Urfa liegt seitens des Kaiserlichen Konsuls in Aleppo bisher nur ein kurzes Telegramm vom 9. Oktober vor. Danach hat die armenische Bevölkerung, als sie Ende September von ihrer bevorstehenden Verschickung erfuhr, beschlossen, sich zur Wehr zu setzen und sich in ihren Häusern verschanzt. Fahri Pascha, der Militärkommandant von Aleppo, begab sich an Ort und Stelle, aber erst nach hartnäckigen Straßenkämpfen, bei denen die Türken auch Artillerie verwendeten, konnte der Aufruhr niedergeschlagen werden.
Leider ist es trotz der dringenden Verwendung der Kaiserlichen Botschaft und des Konsuls Rößler nicht gelungen, das Verbleiben der armenischen Angestellten und Pfleglinge der deutschen Anstalten in Urfa zu erlangen. Der Minister des Auswärtigen, Halil Bey, hatte zunächst die Berücksichtigung unserer diesbezüglichen Wünsche zugesagt, aber Fahri Pascha erklärte, nur militärischen Rücksichten gehorchen zu können, und wollte höchstens solche Armenier in deutschen Diensten ausnehmen, die nicht mit Familien von Aufständischen verwandt sind und keine soziale Stellung einnehmen.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
205.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 29. November 1915.
Der Bericht des Herrn von Scheubner-Richter[104] vom 5. d. M. und andere hier vorliegende Nachrichten erwecken leider den Eindruck, daß die türkische Regierung allen unseren Vorstellungen und Warnungen zum Trotz an ihrer verhängnisvollen Politik gegenüber den Armeniern festhält. Abgesehen von Erwägungen allgemein humanitärer und politischer Natur, können wir es als aufrichtige Freunde der Türkei in deren eigenstem Interesse nur auf das tiefste beklagen, daß sie sich durch ihr Vorgehen in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit eines für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wichtigen Bevölkerungselementes beraubt. Im feindlichen und neutralen Ausland hört man nicht auf, uns für das Treiben der türkischen Behörden verantwortlich zu machen. Wie der Bericht des Herrn von Scheubner von neuem bestätigt, ist sogar in weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung die Vorstellung verbreitet, daß Deutschland die Türkei zu den Armenierverfolgungen angestiftet habe. Wir glauben von der Loyalität der Pforte gegen ihren deutschen Bundesgenossen erwarten zu dürfen, daß sie derartigen Gerüchten mit Nachdruck entgegentritt.
Euer Exzellenz beehre ich mich zu bitten, im vorstehenden Sinn mit der dortigen Regierung zu sprechen und bei dieser Gelegenheit erneut der Erwartung Ausdruck zu geben, daß die Pforte unseren Ratschlägen in der Behandlung der armenischen Frage Folge geben wird.
von Jagow.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Graf Wolff-Metternich, Pera.
206.
Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Potsdam, den 29. November 1915. Gr. Weinmeisterstraße 45.
Euer Exzellenz.
Bezugnehmend auf den in der Eingabe zugunsten der Armenier in der Türkei ausgesprochenen Wunsch, daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel ein Riegel vorgeschoben werden möchte, beehre ich mich, die folgende mir von dem armenischen Komitee in Sofia zugegangene Mitteilung zur Kenntnis zu bringen:[105]
„Malgré les assurances faites aux représentants des Grandes Puissances à Constantinople le Gouvernement Turc a commencé inexorablement l’expulsion des Arméniens de Constantinople. Jusqu’à présent on a expulsé déjà 10000 personnes, dont la majorité est assassinée dans les montagnes d’Ismid. La liste de 70000 hommes est préparée.
Au nom du christianisme et de l’humanité sauvez les derniers débris d’un peuple, qu’on extermine et par une intervention efficace arrêtez le martyr des innocents.
Comité arménien.“
Dr. Johannes Lepsius. Vorsitzender.
An Seine Exzellenz den Herrn Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg, Berlin.
_Dezember._
207.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 1. Dezember 1915.
Die bei Mardin und Midiat befindlichen Christen syrischer Konfession dürften mit den Nestorianern identisch sein. Soweit hier bekannt ist, haben sich die betreffenden Syrer hauptsächlich deshalb in die Berge zurückgezogen, um den Gewalttätigkeiten der Kurden zu entgehen, nicht aber, um sich gegen die türkischen Behörden aufzulehnen. Es erscheint daher dringend erwünscht, daß die entstandenen Schwierigkeiten auf gütlichem Wege beseitigt werden.
Euer Exzellenz bitte ich, in geeignet scheinender Weise hierauf hinzuwirken und über das Veranlaßte berichten zu wollen.[106]
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
208.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 4. Dezember 1915.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Die türkische Regierung soll nach Mitteilung des armenischen Komitees in Sofia[107] entgegen früheren Versprechungen nun auch die Austreibung der Armenier aus Konstantinopel begonnen haben. 10000 sind angeblich bereits vertrieben und größtenteils im Ismidgebirge ermordet, über weitere 70000 sei Proskriptionsliste vorbereitet. Bitte nachdrückliche Vorstellungen zu erheben, falls Meldung zutreffend.
Zimmermann.
209.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 7. Dezember 1915.
Ich habe die Armeniergreuel im Laufe der letzten Woche mit Enver Pascha, mit Halil Bey und heute mit Djemal Pascha ernstlich besprochen und darauf hingewiesen, daß Unruhe und Empörung auch im befreundeten Ausland und in Deutschland weite Kreise ergriffen habe und der türkischen Regierung schließlich alle Sympathien entziehen würde, wenn nicht Einhalt geschehe. Enver Pascha und Halil Bey behaupten, daß keine ferneren Deportationen -- insbesondere nicht aus Konstantinopel -- beabsichtigt seien. Sie verschanzen sich hinter Kriegsnotwendigkeiten, daß Aufrührer bestraft werden müßten, und gehen der Anklage aus dem Wege, daß Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen ins Elend gestoßen werden und umkommen. Djemal Pascha sagt, daß die ursprünglichen Anordnungen notwendig gewesen seien, ihre Ausführung aber schlecht organisiert worden sei. Er leugnet nicht, daß infolgedessen traurige Zustände herrschten, die er durch Zuführung von Lebensmitteln und Geld zu lindern bestrebt sei. Es ist dies richtig. Seine Etappenstraße bei Aleppo ist infolge des Elends der Flüchtlinge verseucht, und er sucht nach Abhilfe, hat auch mehrere Personen, die die Flüchtlinge bestohlen haben, aufhängen lassen. Oberst von Kreß, der Chef des Stabes Djemals, sagt mir, daß das Elend jeder Beschreibung spotte und alle Schilderungen übertreffe. Dabei wird im Lande verbreitet, die Deutschen wünschten die Massakres.
Ich habe eine äußerst scharfe Sprache geführt. Proteste nützen nichts, und türkische Ableugnungen, daß keine Deportationen mehr vorgenommen werden sollen, sind wertlos.
Von vertrauenswürdiger Seite erfahre ich, daß nach Auskunft des hiesigen Polizeipräsidenten, auch aus Konstantinopel neuerdings etwa 4000 Armenier nach Anatolien abgeführt worden sind und daß mit den 80000 noch in Konstantinopel lebenden Armeniern allmählich aufgeräumt werden soll, nachdem schon im Sommer etwa 30000 aus Konstantinopel verschickt und andere 30000 geflohen sind. Soll Einhalt geschehen, sind schärfere Mittel notwendig.
Auch soll man in unserer Presse den Unmut über die Armenierverfolgung zum Ausdruck kommen lassen.
Um in der Armenierfrage Erfolg zu haben, müssen wir der türkischen Regierung Furcht vor den Folgen einflößen. Wagen wir aus militärischen Gründen kein festeres Auftreten, so bleibt nichts übrig, als mit ferneren erfolglosen Verwahrungen, die mehr verärgern als nützen, zuzusehen, wie unser Bundesgenosse weiter massakriert.
Talaat Bey kehrt erst Ende der Woche aus Anatolien zurück. Ich werde erst dann erfahren, welche Wirkung meine Besprechungen mit seinen Kollegen und Djemal auf ihn haben.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
210.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 9. Dezember 1915.
Ich habe heute mit dem Großwesir die Armenierfrage in ernster Weise besprochen, ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die türkische Regierung sich durch die Armenierverfolgungen die Sympathien verscherze, die sie in dem ihr wohlgesinnten Auslande besitze, daß in Deutschland die Erregung zunehme und der Herr Reichskanzler mit Adressen bestürmt werde, um bei der befreundeten und verbündeten türkischen Regierung sich zugunsten der Armenier zu verwenden. Ich habe wiederum darauf hingewiesen, daß Verschwörer gegen die Sicherheit des Staates zwar strenger Bestrafung verfallen, daß aber die schmähliche Vertreibung von Hunderttausenden von Greisen, Kindern und Frauen ein dunkles Blatt in der jungtürkischen Geschichte bildete.
Ich habe diesmal absichtlich bei dem Großwesir und nicht bei einem Mitgliede des Triumvirats Vorstellung erhoben, weil mir bekannt ist, daß er die Armenierverfolgungen mißbilligt. Er hat zwar nicht die Macht, sie einzustellen, es wird ihm aber ganz erwünscht sein, meine Vorstellungen bei seinen Kollegen zu verwerten.
Ich habe ihm schließlich von dem Mißbrauch gesprochen, den türkische niedere Beamte sich zuschulden kommen ließen durch die falsche Behauptung, daß die Deutschen die Armenierverfolgungen begünstigten. Diese Verleumdung sei in Anatolien, wie ich von Reisenden und aus anderen Quellen unumstößlich wisse, weit verbreitet. Wir seien durchaus nicht gesonnen, die Verantwortung für die Armenierpolitik mit der türkischen Regierung zu teilen, und ich bäte ihn, diesen Gerüchten mit Nachdruck entgegenzutreten.
Dem Großwesir war über derartige Gerüchte nichts bekannt. Er versprach aber ausdrücklich, sie dementieren zu lassen. Im übrigen führte er aus, daß die Armenier ein Opfer fremder, insbesondere russischer Anstiftung geworden seien. Ganze Distrikte seien zum Aufstande organisiert gewesen und mit Waffen versorgt worden. Es habe sich nicht um den Aufstand einzelner, sondern ganzer Gegenden gehandelt, weshalb auch nicht nur einzelne zur Bestrafung hätten herausgegriffen werden können. Im übrigen sei er nicht einverstanden mit der Behandlung, die die armenische Bevölkerung betroffen habe. Ich bemerkte ihm, daß, wie er wisse, nach der Erfahrung der Geschichte, Revolutionen die Folge einer schlechten Regierung seien, und daß die Verfolgung und Mißhandlung von Hunderttausenden unschuldiger Personen keine legitime Abwehrmaßregel eines Staates bilde.
Wenn ich den Türken etwas Unangenehmes zu sagen habe, so tue ich dies mit großer Ruhe, und sie lassen es sich auch gefallen. Es gibt zwar keine alttürkische Partei mehr, aber unter den älteren Türken gibt es noch Leute, die sich über die Armenierverfolgungen schämen.
Ich möchte glauben, daß meine Vorstellungen doch nicht ganz vergeblich gewesen sind. Djemal Pascha hatte gewisse Erleichterungen für die Armenier verlangt: daß die noch in Aleppo befindlichen Armenier in der Nähe verbleiben dürften, anstatt nach Der-es-Zor am Rande der Wüste abgeschoben zu werden, wo sie umgekommen wären; daß die beim Bau der Bagdadbahn beschäftigten armenischen Ingenieure, Baubeamten und Arbeiter, die schon verschickt waren, zurückgerufen, und daß die vertriebenen Handwerker ebenfalls für Armeezwecke wieder angeworben werden dürften. Djemal Pascha, der auch zu den Türken gehört, die sich schämen, hatte bisher beim Komitee Widerstand bei der Durchführung seiner Wünsche gefunden. Ganz neuerdings werden sie dagegen, wie mir der Chef seines Stabes, Oberst von Kreß, mitteilt, gewährt. Er schreibt dies meinem Einschreiten zu. Der Oberst sagt mir, daß die Erinnerung an die schauderhaften Bilder des Armenierelends ihn wohl sein Leben lang nicht verlassen würde.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
211.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 10. Dezember 1915.
Euerer Exzellenz Ermessen darf ich ergebenst anheimstellen, auch den vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo unter dem 16. v. M. eingereichten Bericht eines Deutschen über das Schicksal der nach Der es-Zor verschickten Armenier[108] zur Kenntnis der türkischen Regierung zu bringen und den Inhalt zu erneuten Vorstellungen im Interesse der Armenier zu benutzen.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
212.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 12. Dezember 1915.
Dr. Straubinger schreibt an den Reichstagsabgeordneten Erzberger unter dem 25. November:
„Dieser Tage sagt mir Msgr. Dolci, daß der Minister des Auswärtigen ihm versprochen habe, die katholischen Armenier dürften zurückkehren. Sollte dieses Wort sich bewahrheiten, so ist die Möglichkeit der Hilfeleistung wohl gegeben. Das Gerücht, daß alle Armenier ausgerottet seien, ist nämlich nicht ganz wahr; es existieren deren außer in der europäischen Türkei noch die in die Berge versprengten, sowie einige Gemeinden an den Bahnlinien und diejenigen, die die Deportation aushielten. Die drei Dinge, die zur Erhaltung des Restes der Armenier notwendig erscheinen, sind: Möglichkeit der Rückkehr für alle, Möglichkeit der Hilfeleistung (Kleidung und Nahrung für den Winter) seitens Europäer und Amerikaner, Möglichkeit der Wiedererlangung des alten Besitztums. Letzteres ist nämlich, soweit es nicht zerstört ist, durch das Liquidationsgesetz[109] so gut wie verloren.“
Euere Exzellenz bitte ich, sich zu Dr. Straubingers Schreiben äußern zu wollen.[110]
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
213.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 12. Dezember 1915.
Nach dem abschriftlich anliegenden Schreiben des Direktors Schuchardt vom 4. d. M. soll die türkische Regierung versuchen, die Überreste des armenischen Volkes gewaltsam zum Islam zu bekehren. Es liegt auf der Hand, daß wir einem derartigen Vorgehen nicht ruhig zusehen könnten. Indem ich auf das Schreiben Bezug nehme, in dem der Herr Reichskanzler kürzlich zur Armenierfrage Stellung genommen hat, beehre ich mich Euer Exzellenz zu bitten, den Sachverhalt aufzuklären und gegebenenfalls bei der Pforte nachdrückliche Vorstellungen zu erheben. Über das Ergebnis Ihrer Schritte bitte ich zu berichten.[111]
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
Anlage.
Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient.
Frankfurt a. M., den 4. Dezember 1915.
An Seine Exzellenz den Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Berlin.
Euere Exzellenz gestattet sich der ergebenst Unterzeichnete auf eine vertrauliche Verfügung der Kaiserlich Ottomanischen Regierung aufmerksam zu machen, nach der die türkischen Lokalbehörden im Innern des Landes angewiesen sind, den Überrest des armenischen Volkes dahin zu bringen, einen Revers zu unterzeichnen, in dem sie um die besondere Gnade bitten, zur heiligen Religion des Islam übertreten zu dürfen. Sich Weigernde sollen abtransportiert werden. Eine Anzahl armenischer Frauen sind bereits zum Islam übergetreten, um sich vor dem Hungertod zu retten.
Wie vor 20 Jahren hervorragende Armenier gezwungen wurden, eine Erklärung zu unterschreiben, daß sie in jeder Weise mit den Maßnahmen der türkischen Regierung zufrieden gewesen seien und daß alle im Auslande verbreiteten Nachrichten über Massakres usw. nicht den Tatsachen entsprächen, ebenso wird es den Machthabern im Innern auch ein leichtes sein, nach außen hin den Schein der „Freiwilligkeit“ für die zum Islam Übergetretenen zu wahren.
Nach der Antwort, die der Herr Reichskanzler den Vertretern der evangelischen Kreise Deutschlands unter dem 12. November 1915 gegeben hat, hoffe ich mit Bestimmtheit, daß Euere Exzellenz die Kaiserlich Deutsche Botschaft in Konstantinopel mit entsprechenden Weisungen versehen und vor allen Dingen darauf hinwirken wird, daß eine Täuschung unserer Behörde unmöglich gemacht werde.
Der Wali von Mamuret-ul-Azis hatte dem Leiter unserer Station, Herrn Prediger Ehmann, für alle Armenier vollkommene Straflosigkeit versprochen für den Fall, daß es ihm gelänge, die Armenier der dortigen Gegend zu veranlassen, alle Waffen, die sich in ihrem Besitz befänden, abzuliefern. Herr Ehmann unterzog sich diesem Auftrag, und nichtsdestoweniger wurde auch die dortige Bevölkerung niedergemacht oder verbannt. In den Augen der Armenier hat unsere Arbeit dadurch sehr an Ansehen eingebüßt.
F. Schuchardt.
214.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. 16. Dezember 1915.
Aufzeichnung.
Der hiesige armenische Patriarch teilt mir folgendes mit:
Die Verhaftungen und Austreibungen von hier ansässigen Armeniern, die aus Anatolien zugewandert sind, dauern fort. Seit Beginn der Verfolgungen sind etwa 5000 Individuen abgeschoben worden. Nach offiziellen Angaben leben in Konstantinopel und Umgegend 75000 Armenier; die Ziffer ist anscheinend viel zu niedrig gegriffen; von anderer Seite wird ihre Zahl auf 120-150000 Seelen geschätzt.
Mordtmann.
215.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 18. Dezember 1915.
Ich habe heute mit Talaat Bey, der von Anatolien zurückgekehrt ist[112], die Lage der Armenier eingehend besprochen. Er habe umfassende Maßnahmen zur Ernährung der abgeschobenen armenischen Familien getroffen. Vergehungen gegen Eigentum und Leben der Armenier würden streng bestraft. Es seien kürzlich noch über 20 Personen, die sich dieser Vergehungen schuldig gemacht hätten, hingerichtet worden. In den Bezirken an der russischen Grenze und bei Aleppo wären aus Rücksichten der militärischen Sicherheit Massenverschiebungen seinerzeit notwendig gewesen. Von der russischen Regierung eingeleitete Verschwörungen unter den gregorianischen Armeniern in den Grenzbezirken und bei Aleppo seien in großem Maßstabe entdeckt worden. Anschläge auf Brücken und Eisenbahnen seien vorbereitet gewesen. Es sei unmöglich gewesen, aus der Masse einzelne Schuldige herauszugreifen. Nur der Abtransport im großen habe Sicherheit gewährt. In Syrien seien die Armenier unbehelligt geblieben, in Konstantinopel ebenfallls. Augenblicklich fänden nirgends mehr Abtransporte statt, und die Regierung suche die im Gefolge der Verschiebungen entstandenen Übelstände zu mildern.
Ich bemerkte, der katholisch-armenische Expatriarch und sein Stellvertreter hätten mir heute den üblichen Antrittsbesuch gemacht und mir versichert, daß sie und ihre Gemeinden loyale ottomanische Untertanen seien und sich an keinen revolutionären Bewegungen beteiligten. Trotzdem seien die meisten vertrieben worden. Diese Geistlichen hofften, daß die Vertriebenen in ihre Gemeinden und verlassenen Heimstätten in und bei Aleppo zurückkehren dürften. Ich fragte den Minister, ob ihnen dies ebenso wie den protestantischen Armeniern, die sich als nicht revolutionär erwiesen hätten, gestattet werden könne. Er entgegnete, daß die katholischen und protestantischen Armenier sich im großen und ganzen nicht revolutionär betätigt hätten und, soweit dies möglich sei, sie in ihre Heimat zurückkehren würden.
Ich sprach dem Minister sodann von dem in Anatolien weit verbreiteten Gerücht, wonach die deutsche Regierung die Verfolgung der Armenier begünstigt habe. Er erwiderte, infolge meines Gesprächs mit dem Großwesir über diese Angelegenheit habe er sämtliche in Frage kommenden Behörden angewiesen, dem Gerüchte entgegenzutreten und zu erklären, daß die deutsche Regierung nichts mit der Angelegenheit zu tun habe und daß die türkische Regierung allein für die Maßnahmen gegen die Armenier die Verantwortung trage.
Im Laufe der Unterhaltung ergab sich die merkwürdige Auffassung bei Talaat Bey, die ich auch schon bei seinen Kollegen gefunden habe, daß wir im ähnlichen Falle ebenso gehandelt hätten und eine revolutionäre Bewegung in Deutschland mit Gewalt ausrotten würden. Ich fand immer wieder die Verständnislosigkeit für den Gesichtspunkt, daß, um Schuldige zu treffen, nicht Unschuldige leiden und daß nur bewiesene Vergehen bestraft werden dürften. Ich habe dem Minister auseinandergesetzt, daß wir niemals ähnlich handeln würden und nur den einer Schuld Überführten bestraften.
Von verschiedenen Seiten wird mir mitgeteilt, daß meine ernsten Ermahnungen auf die türkischen Machthaber doch Eindruck gemacht zu haben scheinen. Sobald es notwendig ist, werde ich wieder eingreifen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
216.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Dezember 1915.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Talaat Bey hat mir erklärt, daß keine neuen Maßnahmen gegen Armenier beabsichtigt sind und daß vertriebenen Familien Hilfe geleistet wird. Regierung widerlegt durch Anweisung an ihre Beamten Gerüchte in Anatolien, daß wir Verfolgungen begünstigen.
Metternich.
217.
20. Dezember 1915.
Halil Bey bestreitet aufs entschiedenste, daß zwangsweise Bekehrungen zum Islam in nennenswertem Umfang versucht worden seien. Die vorgekommenen Fälle von Übergriffen unterer Beamter seien bestraft worden.
von Neurath.
Aufzeichnung.
Pera, 21. Dezember 1915.
Gewaltsame Islamisierung der Armenier in Anatolien.
Sie begann in größerem Umfange und wurde systematisch betrieben in der Provinz Trapezunt.
Der Vizekonsul Kuckhoff (Samsun) berichtete darüber ausführlich zu Anfang Juli d. J.[113]
Er schreibt u. a.:
„Es handelt sich um nichts weniger als um die Vernichtung oder gewaltsame Islamisierung eines ganzen Volkes. Die Regierung entsandte strenggläubige fanatische muhammedanische Männer und Frauen in alle armenischen Häuser behufs Propaganda für den Übertritt zum Islam, unter Androhung der schlimmsten Folgen für diejenigen, die ihrem Glauben treu bleiben. Bis heute sind hier schon viele Familien übergetreten, und ihre Zahl vermehrt sich täglich. Die Mehrzahl widerstand bisher den Lockungen und wurde täglich gruppenweise ins Innere getrieben. Wie ich erfahre, werden sie an nicht entfernten Orten zurückgehalten, um noch gründlicher für den Islam bearbeitet zu werden. In der Umgegend von Samsun sind alle armenischen Dörfer muhammedanisch geworden, ebenso in Unieh. Vergünstigungen werden, außer den Renegaten, niemand zuteil.“
Über Übertritte in Erzerum und Trapezunt vgl. Berichte von dort[114].
Anfang August berichtete ein muhammedanischer Reisender aus jenen Gegenden, daß in Unieh, Samsun, Ineboli usw. die Armenier massenhaft zum Islam übergetreten seien; trotzdem seien manche von ihnen hinterher deportiert worden. In Termeh war der armenische Priester Muhammedaner geworden und die Kirche in eine Moschee verwandelt worden.
In anderen Gegenden scheint die Islamisierung keinen weiteren Erfolg gehabt zu haben; doch wurde z. B. berichtet, daß in Konia eine Anzahl Armenier (25) bereit waren, überzutreten.
Es ist anzunehmen, daß in vielen Fällen die Behörden, um nicht den Zweck der Armenieraustreibungen, Vernichtung der Männer und Konfiszierung des armenischen Eigentums, zu vereiteln, den Massenübertritt hinderten bzw. die Übergetretenen trotzdem verschickten.
Auf die Islamisierung der Armenier in Hadjin und Umgegend (Wilajet Adana) bezieht sich ein Bericht der Schwester Didsun vom 15. November. Aus Adana selbst berichtet der Konsul Büge unter dem 21. Oktober:
„Der Direktor des türkischen Waisenhauses hat den christlichen Zöglingen erklärt, daß sie entweder zum Islam übertreten oder das Haus verlassen müßten. Die Mädchen verließen das Haus, ebenso ein Teil der Knaben, von denen 14 zurückblieben, die vermutlich islamisiert wurden. Der Direktor hatte den Kindern erklärt, daß in einem osmanischen Waisenhause die christliche Religion keinen Platz hätte; das Beten wurde ihnen untersagt.“
Hier in Konstantinopel sollen bis jetzt unter dem Druck der Verhältnisse 20 Armenier übergetreten sein; angeblich namentlich solche, die in Anatolien begütert sind und durch den Übertritt ihr Vermögen zu retten suchen.
Mordtmann.
218.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 23. Dezember 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage Abschrift einer mir soeben zugegangenen ~erstmaligen schriftlichen~ Äußerung der Pforte auf die diesseitigen Noten bezüglich der armenischen Angelegenheiten vorzulegen.
Die Notiz der Kaiserlichen Botschaft vom 4. Juli ist mittels Berichts vom 7. Juli vorgelegt worden. Die von der Pforte in bezug genommene Notiz vom 13. September bzw. die Verbalnote vom 16. November sind durch Reklamationen deutscher Interessenten veranlaßt worden, über die ich mir gegebenenfalls Berichterstattung vorbehalten darf.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Notice Nr. 75510. Le 22 Décembre 1915.
En réponse aux communications de l’Ambassade de Sa Majesté l’Empereur d’Allemagne datées des 3 Juillet, 13 Septembre et 16 Novembre 1915 et relatives au déplacement des arméniens, il est porté à sa haute connaissance ce qui suit:
En premier lieu il est à remarquer que les mesures prises à l’égard de la population arménienne de l’Empire rentrent dans le domaine des actes d’Administration intérieure du pays; elles ne sauraient donc faire l’objet d’une démarche diplomatique fussent-elles de nature à toucher inévitablement aux intérêts des étrangers y établis. En effet, il est incontestable que tout Etat a le droit de prendre les mesures propres à enrayer un mouvement subversif propagé sur son territoire; surtout lorsque ce mouvement se produit en temps de guerre.
L’Ambassade de l’Empire Allié, dans son appréciation éclairée a bien voulu du reste confirmer la justesse de ce point de vue. C’est ainsi qu’elle a reconnu dans son memorandum du 3 Juillet, que les mesures de répression décrétés contre la population arménienne des provinces de l’Anatolie Orientale sont dictées par des raisons militaires et constituent un moyen de légitime défense. En effet partout où les mesures en question ont été appliquées, elles ont été provoquées par les mêmes motifs impérieux.
Pour ce qui est de la responsabilité des dommages que le commerce allemand aurait subis, le Gouvernement Impérial Ottoman ne peut que la décliner; car l’Ambassade de sa Majesté l’Empereur voudra bien reconnaître elle-même que l’exercise d’un droit légitime ne peut donner lieu à une réclamation quelconque. On pourrait d’autant moins prétendre la responsabilité du Gouvernement Impérial que malgré les soucis de la défense nationale qui doit absorber toute son attention, il fait preuve d’une extrême vigilance afin de réduire aux minima les préjudices qui pourraient résulter du déplacement des personnes susindiquées. C’est dans cet ordre d’idées que la Loi provisoire du 17 Zilkadé 1333[115], contenant les garanties désirables pour la sauvegarde de tous les intérêts a été promulguée.
S’il importe de déterminer la responsabilité des dommages et perturbations -- lesquels sont ressentis dans la vie économique ottomane dans une mesure incomparablement supérieure -- elle ne doit en réalité être attribuée qu’aux ennemis communs extérieurs qui ont provoqué et encouragé le mouvement révolutionnaire arménien dans l’Empire, ainsique cela résulte des documents authentiques.
En ce qui concerne les considérations de l’Ambassade Impériale relative aux délais, la Loi du 17 Zilkadé étant exécutoire depuis sa publication à l’égard de toute personne intéressée, les sujets étrangers devront s’y conformer aussi bien que les ottomans pour faire valoir leurs réclamations dans les délais impartis.
En conséquence de ce qui précède les réserves formulées par l’Ambassade Impériale d’Allemagne dans les communications susvisées des 3 Juillet, 13 Septembre et 16 Novembre ne peuvent qu’être déclinées.
219.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 27. Dezember 1915.
Auf den Erlaß vom 12. d. M.[116]
Monsignore Dolci bestätigt, daß Halil Bey, der Minister des Auswärtigen, ihm seinerzeit in Aussicht gestellt habe, daß die Verfolgung der katholischen Armenier eingestellt und den Deportierten die Rückkehr in ihre Heimat gestattet werden sollte, aber diese Zusage, die übrigens in keiner bindenden Form erfolgte, ist nicht erfüllt worden, wenigstens soweit es sich um die Rückkehr der Verschickten handelt. Wenn seitdem von weiteren Verfolgungen gar nichts mehr verlautet ist, so hat das seinen Grund darin, daß die Austreibung der Armenier in der Hauptsache beendet ist. Ein weiterer Schritt des apostolischen Delegaten, um die Wiedereröffnung der gesperrten katholischen Kirchen und die Rückkehr der verbannten Geistlichen in ihre Diözesen zu erlangen, wurde auf der Pforte als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei“ aufgefaßt und hatte keinen Erfolg, außer etwa, daß der Bischof von Kaisarijeh (Caesarea) nachträglich nach Aleppo verschleppt wurde.
Ferner ist zu bemerken, daß die Zahl der Armenier, die der Verschickung entgangen sind, geringer ist, als Herr Dr. Straubinger annimmt. In der europäischen Türkei dürften, nachdem die armenische Bevölkerung der größeren Städte und Ortschaften im Innern in den letzten Monaten nach Anatolien übergeführt worden ist, nur spärliche Reste verblieben seien.
Was die Fürsorge für die in den Konzentrationslagern in Anatolien (z. B. in Eskischehir, Konia, Eregli, Aleppo) und sonst angesammelten Armenier betrifft, so halte ich die Anregung des Dr. Straubinger für unausführbar, da die Pforte jeder Hilfeleistung von auswärts und sogar von seiten der beteiligten Patriarchate die größten Schwierigkeiten in den Weg legt. Eine solche Aktion würde voraussichtlich das Zeichen dazu geben, daß die Pforte diejenigen Armenier, die durch Zufall oder infolge Duldung seitens der Lokalbehörden in Anatolien verblieben sind, nach Mesopotamien oder Syrien abschiebt.
Ebenso halte ich es für ausgeschlossen, daß die Verschickten je wieder in den Besitz ihres von der Regierung beschlagnahmten Eigentums gelangen. In einem Spezialfalle wurde auf dem Ministerium des Innern erklärt: Die Rückkehr der betreffenden Individuen in ihre Heimat sei unzulässig, weil sie dort ihr Eigentum nicht mehr vorfänden, von dem inzwischen die Liquidationskommission Besitz ergriffen habe.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
220.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 31. Dezember 1915.
Notiz.
Amerikanischer Botschafter sagte mir heute, daß 4000 protestantische und katholische Armenier in Aintab bedroht seien und die Abtransportierungen begonnen hätten. Wer nicht Muslim werde, werde verschickt. Talaat Bey habe ihm seinerzeit versprochen, die Protestanten und Katholiken in Ruhe zu lassen. Mir ebenfalls.
Metternich.
221.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 31. Dezember 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Vertreibung von Protestanten und Katholiken von Aintab steht angeblich bevor oder hat begonnen. Erbitte Drahtbericht.
Metternich.
Anhänge
zum Jahr 1915.
222.
Loi provisoire concernant les biens, les dettes et les créances des personnes transportées ailleurs.
Art. I. -- Les biens, les dettes et les créances des particuliers et des personnes morales transportés ailleurs, conformément à la loi provisoire du 14 mai 1331, sont liquidés par les tribunaux sur la présentation des bilans dressés spécialement, pour chaque personne, par une commission instituée à cet effet.
Art. II. -- Les propriétés bâties (vakf Idjarétéinli) et les terrains vakfs appartenant aux personnes dont il est question à l’article I, sont inscrits au nom de la caisse du ministère des fondations pieuses; les autres immeubles sont inscrits au nom du ministère des finances. Après épuration de la situation du propriétaire il lui sera remis le reliquat du montant de la valeur de sa propriété payée par l’un de ces deux ministères.
Dans les procès concernant les immeubles et relatifs, soit à des contestations de propriété, soit à d’autres objets, la partie adverse est représentée par les fonctionnaires du cadastre. On peut établir la propriété par d’autres preuves que les actes de propriété délivrés par le ministère des Cadastres, pourvu qu’il ne s’agisse pas d’un acte aprocryphe. Si dans les actes de transfert et de vente faits par les personnes susvisées, dans les 15 jours avant leur transport, on constate à la suite d’un procès, l’existence d’une simulation ou d’une tromperie excessive l’acte conclu est annulé.
Art. III. -- L’argent liquide, le bien mobilier délaissé, les créances et les dépôts des personnes précitées sont réunis, repris et exigés par les présidents des commissions ad hoc qui, en même temps, opèrent la vente des biens mobiliers délaissés pour lesquels il n’y a pas de contestation. Les sommes ainsi produites sont laissées en dépôt dans les caisses du ministère des finances au nom de leur propriétaire.
Art. IV. -- Un délai de deux mois est imparti à ceux qui prétendent avoir des droits sur les meubles délaissés ou qui disent avoir des créances sur les personnes transportées pour s’adresser personnellement ou par l’entremise d’un fondé de pouvoirs aux commissions et faire inscrire leurs réclamations. Ce délai est de 4 mois pour les personnes habitant l’étranger. Elles sont obligées, en outre, d’élire un domicile dans la ville où siège de la commission pour qu’on puisse leur faire toute sorte de communications. Les procès intentés après ce délai suivent les règles de la procédure ordinaire et les personnes ayant eu gain de cause dans ces procès ne peuvent pas s’adresser aux biens liquidés conformément à la présente loi.
Art. V. -- Les commissions recherchent les preuves de chaque créance et dette, elles acceptent et enregistrent celles qu’elles trouvent fondées et envoient les créanciers aux tribunaux compétents après avoir inscrit les procès en contestation concernant les bien délaissés. Ensuite, la commission dresse le bilan du passif et de l’actif de chaque personne et porte ce bilan à la connaissance des intéressés en affichant aux endroits voulus les copies légalisées de ces bilans dont ils expédient les originaux au procureur général avec les pièces y afférentes.
Le procureur envoie ces papiers au tribunal de première instance dans la circonscription du quel se trouvait la demeure légale du débiteur avant son transport et demande à ce tribunal d’enregistrer les dites pièces. Les créanciers peuvent faire des objections à ces procès verbaux, devant le tribunal compétent et dans les 15 jours suivant la date de l’affichage.
A l’expiration de ce délai le tribunal examine les comptes en présence du procureur général et, s’il y a eu des objections il convoque d’urgence la personne qui les a formulées et le président de la commission ou son remplaçant pour prendre connaissance de la demande et de la défense. Après quoi, le tribunal apporte les modifications voulues aux bilans en cause et les ayant enregistrés les rend aux commissions sous forme de sentence pour qu’ils soient exécutées conformément aux dispositions de l’article suivant: Ces sentences ne sont susceptibles ni d’objection ni de renvoi, ni d’appel ni de cassation.
Art. VI. -- Le soin de payer conformément à la sentence définitive du tribunal les dettes privilégiées et ordinaires du débiteur incombe aux commissions de liquidation et aux bureaux exécutifs, lorsque ces commissions ne siègeront plus. Sil’ensemble des biens du débiteur ne suffit pas à payer intégralement ses dettes ordinaires et privilégiées on paie ces dernières au prorata de l’actif.
Art. VII. -- Les saisies conservatoires et les saisies exécutoires mises sur les biens des personnes transportées, soit par les tribunaux, soit par les administrations de l’Etat sont nulles et ceux qui ont fait ces saisies doivent se conformer à la présente loi. Ceux qui ont des procès en cours contre les personnes transportées sont libres de s’adresser aux commissions ou de laisser l’affaire suivre son cours normal conformément aux dispositions générales.
A ceux qui ne s’adressent pas aux commissions s’applique le dernier paragraphe de l’article quatre. Les procès en cours en faveur de ces personnes sont poursuivis par le président de la commission ou par son préposé.
Art. VIII. -- Le façon dont les commissions vont être instituées et l’application des différentes dispositions de la présente loi seront fixés par un réglement.
Art. IX. -- Les immeubles bâtis de la catégorie des vakfs Idjaréteinli ainsi que les terrains vakfs et les autres immeubles inscrits au compte des ministères de l’Evkaf et des finances pourront être, conformément aux règlements concernant les immigrés, distribués aux immigrés.
Art. X. -- Les ministres de l’evkaf, de l’intérieur, de la justice et des finances sont chargés de l’exécution de la présente loi.
Art. XI. -- La présente loi entre en vigueur dès sa promulgation.
Le 13. ejlul 1331 (= 26. September 1915.)
223.
Bericht über Senatsverhandlungen im Oktober und November 1915.
1. Sitzung vom 21. ejlul 1331 (= 4. Oktober 1915); Verhandlungsberichte S. 301.
Ahmed Riza Bey: Tausende und Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen irren heute elend und ratlos auf den Straßen und in den Bergen Anatoliens umher. Von dem Gerechtigkeitssinn der Regierung erwarte ich, daß diese Leute noch vor Eintritt des Winters entweder in ihre Heimatsorte zurückgebracht oder dort angesiedelt werden, wo sie es wünschen. Falls das hohe Haus sich diesem meinem Wunsche anschließt, bitte ich den Herrn Präsidenten, der Regierung hiervon Mitteilung zu machen. (Rufe: Einverstanden!) Ich überreiche auch einen Gesetzesvorschlag und bitte, ihn in die nächste Tagesordnung aufzunehmen zwecks Überweisung an den Ausschuß für Gesetzesvorschläge.
2. Sitzung vom 28. ejlul 1331 (= 11. Oktober 1915); Verhandlungsberichte S. 305 ff.
Der Gesetzesvorschlag Ahmed Riza Beys gelangt zur Verlesung.
Gesetzesvorschlag.
Ich schlage vor, den Art. 11 des provisorischen Gesetzes vom 13. ejlul 1331 (= 26. September 1915) über das Vermögen der an andere Orte verbrachten Personen und über ihre hinterlassenen Schulden und Forderungen folgendermaßen abzuändern:
Dies Gesetz gelangt nach Beendigung des Weltkrieges und einen Monat nach Bekanntgabe des Friedensschlusses zur Ausführung.
Motive:
1. Kriegszeiten geben niemand das Recht, anderen bewegliches oder unbewegliches Vermögen wegzunehmen.
2. Wo Grundstücke veräußert werden, sind jetzt gerade die Personen, die für den Ankauf das meiste Interesse haben, nämlich die Bauern und die Ortsansässigen, wegen des Krieges abwesend. Ferner können sich jetzt wohlhabende Leute, die für diese Grundstücke angemessene Preise bezahlen würden, kein Geld beschaffen. Im gegenwärtigen Augenblick würde daher der Verkauf dieser Grundstücke ihre Eigentümer schwer schädigen, außerdem würde die Mitbewohnerschaft des betreffenden Ortes keinen Vorteil davon haben.
3. Dieses provisorische Gesetz, das zwei Tage vor Eröffnung des Parlaments erlassen worden ist, widerspricht dem Art. 16 der Verfassungsurkunde in verschiedener Hinsicht. Auch ist es unvereinbar mit Recht und Gerechtigkeit. Dieses Gesetz muß daher zunächst durch das Parlament gehen und erst nach dem Kriege zur Ausführung kommen. Deshalb verlange ich gemäß Art. 53 der Verfassung die vorstehende Abänderung.
Am 21. ejlul 1331. Ahmed Riza.
Stellvertr. Präsident: Das in dem Antrag angezogene Gesetz betrifft den Verkauf des Vermögens einer gewissen Klasse abwesender Personen. Das Gesetz ist am 13. ejlul veröffentlicht worden und ist mit diesem Tage in Kraft getreten. Ahmed Riza Bey schlägt vor, daß das Gesetz einen Monat nach Friedensschluß in Kraft tritt und daß ein Artikel abgeändert wird. Das provisorische Gesetz selbst ist aber noch nicht zu uns gelangt, auch wissen wir nicht, wann es zu uns kommen wird. Wollen wir den Antrag dem Ausschuß für Gesetzesvorschläge überweisen in Erwartung des Eingangs des provisorischen Gesetzes?
Musa Kiazim Effendi: Natürlich muß der Antrag diesem Ausschuß zugehen.
Stellvertr. Präsident: Gut. Nach Eingang des provisorischen Gesetzes soll dann der Antrag zusammen mit dem Gesetz beraten werden.
Ahmed Riza Bey: Ist das Gesetz heute in Kraft oder nicht?
Stellvertr. Präsident: Ich kenne das provisorische Gesetz nicht. Sie sagen ja selbst, daß es vom Tage der Bekanntgabe ab in Kraft ist.
Ahmed Riza Bey: Ich habe es im Amtsblatt gelesen. Es ist am 12. ejlul veröffentlicht worden und vom Tage der Veröffentlichung ab in Geltung.
Stellvertr. Präsident: Dann verlangen Sie also die Abänderung von Art. 11.
Ahmed Riza Bey: Wir wissen nicht, wann das Gesetz zu uns kommt. Was soll geschehen, wenn es überhaupt nicht zu uns kommt, oder erst so spät, daß keiner der Betroffenen überhaupt noch Vermögen hat?
Hüsni Pascha: Es scheint mir zwecklos, den Antrag an den Ausschuß gehen zu lassen. Wir haben das Gesetz selbst noch nicht, können also einen Abänderungsvorschlag nicht in Erwägung ziehen.
Mahmed Pascha: Der Antrag muß doch an den Ausschuß gehen.
Aristidi Pascha: Zunächst mag sich der Ausschuß dazu äußern.
Stellvertr. Präsident (läßt abstimmen): Die Mehrheit ist für Überweisung des Antrags an den Ausschuß.
3. Sitzung vom 19. teschrin-i-ewwel 1331 (= 1. November 1915); Verhandlungsberichte S. 331:
Ahmed Riza Bey: Ich hatte früher gebeten, die Aufmerksamkeit der Regierung auf gewisse Punkte betreffend die in den Bergen Anatoliens herumirrenden bedauernswerten Leute zu lenken. Das hohe Haus hatte sich meiner Bitte angeschlossen. Ist die Regierung auf die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Erleichterung des Loses dieser Personen zu treffen, hingewiesen worden, und zu welchem Ergebnis ist es gekommen?
Präsident: Auf den Beschluß des hohen Hauses habe ich mich mit der Regierung über diese Frage besprochen. So wie die Regierung sich bemüht hat, die Hindernisse zu beseitigen, die das Wohlergehen der Bevölkerung irgendwie beeinträchtigen könnten, bemüht sie sich auch Mittel zu finden, durch die das Wohlergehen dieser Personen sichergestellt wird. Sie hat sogar zu diesem Zweck den Direktor für Angelegenheiten von Auswanderern lediglich für diese Angelegenheit in jene Gegenden entsandt[117]. Kredite sind bereitgestellt worden, und weitere Beamte werden entsendet. Die Regierung läßt sich die Sorge für das Wohlergehen dieser Personen angelegen sein. (Rufe: Sehr gut.)
Ahmed Riza Bey: Wie Sie wissen, stehen wir schon im Winter. Wenn etwas geschehen soll, muß es so bald wie möglich geschehen. Die Regierung hat Ihnen doch in diesem Sinne amtlich Auskunft erteilt, nicht wahr?
Präsident: Jawohl.
224.
Aufzeichnung über die geplante Deportation der Armenier von Mossul, Dezember 1915.
Im Spätsommer 1915 waren auf Anordnung der türkischen Regierung die in Bagdad wohnhaften Armenier nach Mossul deportiert worden. Kurz nach der Ankunft des Feldmarschalls Freiherrn v. d. Goltz in Bagdad (Dezember 1915) erließ der bisherige Oberkommandierende in Mesopotamien, Nureddin Bey, den Befehl, diese Armenier von Mossul weiter zu transportieren und auch die in Mossul ansässigen Armenier nach dem Euphrat zu schaffen. Der Feldmarschall erhielt zufällig Kenntnis von dieser militärisch in keiner Weise gerechtfertigten Maßnahme und intervenierte energisch bei den Wilajetbehörden. Zunächst ohne jeden Erfolg. Die Sache zog sich fast einen Monat lang hin, und der Feldmarschall konnte zunächst nur erreichen, daß die Armenier einstweilen in Mossul auf weitere Weisung warten sollten. Als bis Mitte Januar 1916 keine Weisung aus Konstantinopel eingetroffen war, verbot der Feldmarschall auf Grund seiner Oberbefehlshaberbefugnisse dem Wali von Mossul, die Armenier weiter zu transportieren. Der Wali berichtete erneut nach Konstantinopel. Eine Antwort war bis zum 27. Januar nicht eingetroffen, vielmehr kam die Nachricht, die Regierung bestehe auf dem Abtransport. Hierauf bat der Feldmarschall telegraphisch um seine sofortige Abberufung. Erst jetzt antwortete Enver Pascha in einem verbindlich gehaltenen Telegramm, in welchem er Zusicherungen bezüglich des Verbleibens der Armenier in Mossul machte, im übrigen aber den Feldmarschall darauf hinwies, daß ihn seine Oberbefehlshaberbefugnisse nicht berechtigen, sich in die inneren Angelegenheiten des türkischen Reiches einzumischen.
Der Feldmarschall wollte auch jetzt noch auf seinem Abschiedsgesuch bestehen, gab diese Absicht aber auf, da er ja in der Sache selbst seinen Willen durchgesetzt hatte, und da er sich für verpflichtet hielt, angesichts der schwierigen militärischen Lage von Kut-el-Amara auf seinem Posten zu bleiben.
Berlin, den 19. November 1918.
Legationsrat Dieckhoff.
1916
_Januar._
225.
Telegramm.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.) Aleppo, den 3. Januar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 31. Dezember.
In Aintab waren nach den Verschickungen vor einigen Monaten noch 7 bis 8000 Armenier geblieben. Von diesen sind jetzt 5 bis 6000 ohne Unterschied der Konfession teils schon verschickt, teils in Verschickung begriffen; der Befehl hierzu ist anscheinend von militärischer Seite ergangen wahrscheinlich unter dem falschen Vorwand der Anteilnahme am Widerstand der Stadt Urfa. Jetzt ist auch die letzte protestantische Kirche in Aintab geschlossen.
Rößler.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
Notiz.
Die Meldung wurde Halil Bey mitgeteilt. Er erklärt die Nachricht für unrichtig. Es seien nur einige an der Bahn angesiedelte Armenier aus militärischen Gründen weiter geschickt worden.
Neurath.
226.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 3. Januar 1916.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage die folgenden Nachrichten zur Armenierverschickung:
1. Abschrift eines Berichtes des Diakons Künzler aus Urfa über die dortigen Vorgänge seit Anfang August bis Anfang Dezember. Der Bericht wiederholt zwar zum Teil schon Bekanntes, verdient aber doch eine Wiedergabe. Insbesondere ist daraus zu entnehmen, daß gegen 600 Armenier bereits abgeschlachtet waren, ehe die Kämpfe Anfang Oktober begannen, nämlich 100 in der Stadt, ungefähr 100 eines Arbeiterbataillons im Norden der Stadt, und 400 eines Arbeiterbataillons im Süden der Stadt, abgesehen von den bereits vorher Verschickten und auf dem Wege nach Diarbekr Ermordeten. Neu ist auch, was er über das Geschick der Stadt nach ihrer militärischen Niederzwingung berichtet.
2. Ein deutscher Ingenieur, der während der entscheidenden Ereignisse wochenlang in Ras-ul-Ain und Tell-Abiad für den Bau der Bagdadbahn beschäftigt war und dessen Glaubwürdigkeit die allerbeste ist, gab erschütternde Berichte, die einen Einblick in die bewußte und gewollte Vernichtung der Verschickten durch türkische Regierungsorgane gewährten. Die von den Armeniern immer wieder vorgebrachte Erzählung, daß die Züge der Verbannten absichtlich kreuz und quer geführt worden sind, um sie „zu Tode zu wandern“ fand an einem Beispiel ihre Bestätigung. Ein Trupp Verschickter aus Urfa hat folgenden Weg zurücklegen müssen:
Von Urfa nach Tell-Abiad, „ Tell-Abiad nach Rakka, „ Rakka nach Tell-Abiad, „ Tell-Abiad nach Rakka.
Die Strecke von Tell-Abiad nach Rakka beträgt in der Luftlinie rund 90 km.
3. Die schon öfter gemeldete und soeben wieder bestätigte Tatsache, daß Regierungsorgane die Bevölkerung zur Vertilgung der Armenier aufgefordert und ermutigt haben, kann dahin eingeschränkt werden, daß Djemal Pascha, der Höchstkommandierende der 4. Armee, persönlich die Vernichtung der Armenier nicht gewollt hat. Sein Wille hat sie nicht aufzuhalten vermocht, aber es ist eine Erleichterung, in dem grauenhaften Bilde auch einmal einen versöhnlichen Zug entdecken zu können. Das Sammellager der Armenier in Islahije ist 6 Wochen lang, trotz der Verteidigung durch deutsche Ingenieure, der Gegenstand zahlreicher Raubüberfälle durch Kurden gewesen, bei denen Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden. Als Djemal Pascha durchkam und ihm darüber Vortrag gehalten wurde, stellte er seine 12 Leibgendarmen zur Verfügung, die sehr energisch gegen die Kurden vorgingen und einige gefangen einbrachten. Diese sind dann gehängt worden. Wenn die Zustände im Bereich der 4. Armee, obwohl sie schlimm genug sind, doch nicht an diejenigen im Bereiche der 3. Armee heranreichen, so wird neben den durch die geographische und politische Lage sowie durch den verschiedenen Stand der Verkehrswege bedingten Unterschieden auch der Einfluß Djemal Paschas in Anschlag zu bringen sein[118].
4. Während ich früher wiederholt berichtet habe, daß Leichen der Armenier unbeerdigt geblieben sind und den Raubtieren zum Opfer fielen, kann nach neuerdings mir erstatteten mündlichen Berichten kein Zweifel mehr sein, daß auch noch lebende Armenier, die im Krankheits- und Erschöpfungszustande im Freien lagerten und um die sich niemand kümmerte, von Hunden angefressen worden sind.
Es liegt dafür das Zeugnis eines älteren deutschen Ingenieurs von unbedingter Zuverlässigkeit vor, der, in Arab-Punar stationiert, die Strecke zwischen dort und Harab-Nass unter sich hatte. Die Beobachtung ist sowohl von ihm selbst, wie von seinen eingeborenen Angestellten gemacht worden. Sein Name steht auf Erfordern zur Verfügung.
Der Leichengeruch auf der Straße zwischen diesen beiden Stationen war derartig stark, daß er sich mehrfach das Gesicht verbunden hat, wenn er sie zu Pferde zurückzulegen hatte.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Hochgeboren.
Anlage 1.
Deutsche Missionsklinik Urfa. Urfa, den 5. Dezember 1915.
Ich nehme an, daß Sie über die meisten hiesigen Vorgänge seit August richtig unterrichtet sind. Dennoch möchte ich hier etwas wiederholen. Vielleicht, daß darunter doch noch etwas ist, was Sie nicht wissen.
Anfang August Ankunft zweier Beys von Diarbekir. Gleich darauf begann der Todestransport der schon lange gefangen gehaltenen Armenier, darunter auch unser Apotheker Abraham. Am 15. August beginnt neue Suche nach jungen Armeniern, behufs angeblichen Soldatendienstes. Am 19. August wurde bei einer Hausdurchsuchung aus dem Hinterhalt ein Polizist niedergeschossen, nachmittags 3 Uhr. Die übrigen Polizisten springen weg ins muslimische Quartier und melden es der Obrigkeit. Die beiden Beys von Diarbekr gaben Orders zu einem Massakre. Bis zum Abend fielen ca. 100 Armenier. Anderen Tags werden ungefähr 100 Armenier des Arbeiterbataillons eineinehalbe Stunde nördlich von Urfa abgeschlachtet. Anderen Tags 400 eines im Süden arbeitenden Arbeiterbataillons. Seit dem 19. August Stille, aber die Armenier bleiben in ihren Häusern. Am 29. September suchte die Polizei nach jungen Armeniern, welche nachts zuvor aus einem Hause Schüsse abgaben. Hierbei wurde wieder auf sie geschossen. Wer fliehen konnte, floh. Auf dem Markte befindliche Armenier wurden abgeschlachtet, doch hatten sich seit dem 19. August nur einzelne auf den Markt herausgewagt. Schon am Abend war das armenische Viertel für Muhammedaner nicht mehr zugänglich. Dann begann die Belagerung des armenischen Stadtviertels, welche ja für die Armenier schlecht enden mußte. Am 16. Oktober die Internierung der meist unbeteiligten Armenier, besonders Frauen und Kinder. Die Männer, die sich übergeben hatten, wurden abgeschlachtet, auch einige gehängt. Die Frauen und Kinder nach und nach in den Süden verschickt. Die Suche nach dem Rest der Armenier, welche sich nicht ergaben, sondern sich in Brunnen und Verstecken verborgen hatten, dauerte noch recht lange, bis Mitte November.
Anfänglich ließ man an der Revolution unbeteiligte Bäcker am Leben und in ihren Läden arbeiten, aber am 20. November entfernte man auch diese, indem man sie auf den Weg schickte und sie dann draußen abschlachtete.
Ein paar Armenier, die das zweifelhafte Metier hatten, den Türken die Wege zu den Verstecken zu zeigen, durften mit ihren Familien in Urfa bleiben. Auch Apotheker Karekin kann bleiben, aber jetzt werden diese Leute halb und halb gezwungen, Muslim zu werden. Unserem Apotheker wurde es heute nahegelegt, wenn er bleiben wolle, wenigstens einen muslimischen Namen anzunehmen. Wahrscheinlich wird auch unserem Arzt diese Sache nahegelegt.
Das an dem Aufstand völlig unbeteiligte einzige christliche Dorf Garmudj ist letzte Woche auch verschickt worden! Sehr traurig!
Oft denke ich, wenn nur jemand von uns nach Rakka, Der-es-Zor usw. gehen könnte, um dem Rest Überlebender der Verschickten beizustehen.[119] Allein ich bin sicher, die Regierung würde eine Hilfe unsererseits nicht zulassen. So müssen wir denn das Volk einfach untergehen lassen.
Jakob Kuenzler.
An den Kaiserlich Deutschen Konsul Herrn Rößler in Aleppo.
Anlage 2.
Publication aux Vilayets.
Malgré les ordres et communiqués que j’ai donnés pour que la population arménienne expédiée en différents endroits ne soit soumise à aucune oppression et mauvais traitement, j’apprends des faits regrettables qui se sont produits.
Ci-dessous quelques détails que j’ai reçus jusqu’à présent à ce sujet:
1. Une oppression a été faite pendant la recherche d’armes et un certain nombre d’arméniens ont dû acheter des armes à des prix très élevés de leurs voisins turcs et circassiens pour les livrer au gouvernement.
Un certain nombre de leurs chevaux et de leurs effets de valeur ont été volés.
Sous prétexte qu’ils seront rationés en route ils ont été laissés sans pain et sans eau.
Ils ont subi de la part des fonctionnaires chargés de les accompagner un traitement sévère et inutile tel que d’insultes et des voies de faits.
Pendant leurs étapes ils ont dû se suffir des 25-30 Drames de pain et une solde de 25 paras par jour.
Les employés et professeurs des écoles et orphelinats arméniens ont subi le même traitement que la population indigène au lieu d’être renvoyés dans leurs provinces. On ne laissa même pas à certains d’entre eux le temps de prendre leurs effets. A Gueben des femmes ont été convoquées au moment où elles faisaient leurs lessives et dûrent se mettre en route pieds-nus et sans avoir pu emporter les linges qu’elles avaient lavés.
Certains pères de familles ont été expédiés à des endroits séparément de leurs femmes et enfants. Et par manque de moyens de transport, certaines femmes ont dû se débarasser de leurs enfants comme d’une charge inutile et les ont laissés au bord d’une route ou au revers d’une haie et même certaines entre elles essayèrent de les vendre.
La permission de faire venir leurs bêtes qui se trouvaient à quelque distance de leurs lieux d’habitation leur a été refusée.
De pareils traitements portent atteinte à notre honneur national et forment une tâche au nom de l’Ottomanisme. J’attire donc l’attention des autorités compétentes à ce sujet.
2. Enquêtes sévères doivent être faites immédiatement au sujet de tous ces évènements et les fauteurs de troubles seront punis pour cette fois de réprimande. Tous ceux qui commettraient des actes pareils seront considérés par moi comme des Ottomans indignes de ce nom et livrés à la cour martiale sous inculpation de traîtrise de la Patrie.
3. Avant le déplacement de la population arménienne un délai fixe leur sera donné et au moment de l’expulsion, ceux qui auront des voitures et des chevaux en profiteront pour leur voyage. Le Gouvernement procurera des moyens nécessaires de transport pour les autres.
4. Les malades resteront jusqu’à leur guérison, à l’endroit où ils se trouvent.
5. La population sera expédiée avec une escorte de gendarmerie et aisément. Une solde de 50 Paras aux adultes et aux hommes et de 30 Paras aux enfants sera donnée s’ils sont indigents.
6. Les gendarmes et les employés faisant partie de leur escorte sont responsables de leur vie, de leurs biens et de leur honneur.
7. Aux endroits où ils seront établis tout leur nécessaire sera assuré et tous seront sous la protection et affection du Gouvernement.
Je m’assurerai de l’exécution absolue de ces ordres par l’inspection de mes officiers en qui j’ai toute confiance. Nul ne sera informé de leurs enquêtes et suivant leurs rapports tous peuvent être assurés que je punirai de la façon la plus rigoureuse ceux qui agiront contre ces ordres.
Djemal Pascha.
227.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 10. Januar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus Aintab stammende Armenier, die schon 3 oder 4 Jahre hier wohnhaft sind, erhielten die Aufforderung, Aleppo binnen einer Woche zu verlassen.
Es gibt Anzeichen dafür, daß auch die in Aleppo ansässigen Armenier verschickt werden sollen. Es scheint zu diesem Zwecke von der Behörde eine Liste aufgestellt zu werden. Von Bab erfolgen Weiterverschickungen, die in Widerspruch zu dem stehen, was Djemal Pascha in Konstantinopel durchgesetzt hatte.
Rößler.
228.
Kaiserliche Botschaft. Pera, den 20. Januar 1916.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Auf Telegramm vom 10. Januar.
Die Pforte erklärt, daß Verschickung der Armenier aus Aleppo nicht beabsichtigt sei.
Metternich.
229.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 12. Januar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Neuerdings werden 3000 armenische Witwen, die früher von Aleppo nach Killis gesandt und dort verhältnismäßig gut aufgehoben waren, nach Der-es-Zor verschickt, wobei die meisten zugrunde gehen. Könnte nicht erreicht werden, daß wenigstens der jetzt noch verbliebene Rest dort belassen wird?
Rößler.
Bei Halil zur Sprache gebracht. Er wollte Talaat Bey informieren.
20.1.1916. Neurath.
230.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 24. Januar 1916.
Auf den Erlaß vom 12. Dezember v. J.[120]
Der hiesige Minister des Äußern, Halil Bey, hat auf meine Vorstellungen hin auf das entschiedenste bestritten, daß zwangsweise Bekehrungen der Armenier zum Islam in nennenswertem Umfange versucht worden seien. Bei den vorgekommenen Fällen von Übergriffen unterer Beamter seien die Betreffenden bestraft worden.
Die Versicherungen des Ministers stehen in Widerspruch mit den übereinstimmenden Berichten, die der Kaiserlichen Botschaft wiederholt über diese Frage aus verschiedenen Lokalitäten und aus von einander unabhängigen Quellen zugegangen sind.
Aus den eingehenden Angaben des Vizekonsuls Kuckhoff in Samsun, die von anderer Seite bestätigt wurden, ist zu schließen, daß namentlich in den Distrikten am Schwarzen Meer die Islamisierung der Armenier -- teils durch Überredung, teils durch Drohungen -- in größerem Umfange durchgeführt worden ist.
Allerdings haben anderwärts, wo zahlreiche Armenier aus eigenem Antriebe, um der Verbannung und Vermögenskonfiskation zu entgehen, sich zum Übertritt zum Islam entschlossen, die Behörden diese Bewegung nicht begünstigt und die Übergetretenen trotzdem verschickt. Anscheinend befürchtet man, daß durch weitere Massenübertritte der eigentliche Zweck der Armenieraustreibungen, die völlige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, vereitelt werden könnte.
Seitdem ist ein anderer weniger auffälliger Weg eingeschlagen worden.
So berichtet der Konsul Büge in Adana im Oktober v. J., daß der Leiter des dortigen türkischen Waisenhauses den christlichen Zöglingen eröffnet habe, daß in einem osmanischen Waisenhause die christliche Religion keinen Platz hätte; wer nicht zum Islam übertrete, müsse das Haus verlassen. Daraufhin verließen die christlichen Kinder das Haus mit Ausnahme von 14 Knaben, die vermutlich inzwischen zum Islam übergetreten sind.
Ferner teilte der armenische Patriarch Mitte Dezember hierher mit, daß man in Anatolien begonnen habe, die weiblichen Mitglieder der verschickten armenischen Familien, deren männliche Mitglieder umgekommen oder verschollen sind, gruppenweise auf muhammedanische Dörfer zu verteilen, um sie dem Islam zuzuführen; auch habe das Kriegsministerium angeordnet, daß sämtliche im Heeresdienste befindlichen Armenier Muhammedaner werden und schon jetzt muhammedanische Namen erhalten sollten, während die eigentlichen Formalitäten (Beschneidung) mit Rücksicht auf den Kriegszustand für später vorbehalten werden.
Endlich wird behauptet, daß auch hier in der Hauptstadt von Türken vielfach auf Armenier eingewirkt werde, damit sie zum Islam übertreten; doch ist die Zahl der Übergetretenen im Verhältnis zur Gesamtzahl der hiesigen armenischen Bevölkerung nur geringfügig. Angeblich haben bis jetzt nur einige 20 Armenier den Islam angenommen, darunter namentlich solche, die in Anatolien begütert sind und durch den Übertritt ihr Vermögen zu retten suchen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
231.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 26. Januar 1916.
Zur Frage der Verschickung der Armenier aus Aleppo habe ich aus Anlaß eines Einzelfalles von einem Polizeikommissar folgendes erfahren:
Es sind Befehle gegeben, jeden Armenier auszuweisen, der nicht ein in Aleppo selbst ausgestelltes „Teskere Nufus“ (Heimatschein) besitzt, und zwar ohne Rücksicht auf die Zeit, die er etwa schon in Aleppo zugebracht hat. Nur ein solches gilt als Nachweis, daß der Inhaber nicht zu den Verschickten gehört.
Ist also ein Armenier z. B. vor 10 Jahren aus einer anderen türkischen Stadt nach Aleppo übergesiedelt und besitzt er ein Teskere Nufus aus jener anderen Stadt, ohne indessen Veranlassung gehabt zu haben, dieses Papier gegen ein hiesiges umzutauschen, so ist er der Verschickung verfallen.
Mit diesem Befehl hat die Regierung eine Waffe in der Hand, die Mehrzahl der hiesigen Armenier auszuweisen. Nur die hier Geborenen sind sicher, und auch diese nur, soweit sie bei der Regierung eingetragen sind, was bekanntlich bei den ottomanischen Untertanen nicht durchweg geschieht. Von den Zugewanderten, d. h. also auch den vor der Verschickung Zugewanderten, wird ein sehr erheblicher Teil nicht im Besitze des hiesigen Papieres sein. Die Polizei ist mit den Feststellungen beschäftigt. Auch sind manche hiesige Armenier auf diese Art bereits verschickt worden.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich.
232.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 28. Januar 1916.
Ein weiteres sicheres Beispiel für die Islamisierung der Armenier wird vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo gemeldet. Auf Antrag des Herrn Rößler stand die Kaiserliche Botschaft im Begriff, sich für den Arzt und den Apothekergehilfen des von der deutschen Orientmission in Urfa unterhaltenen Spitals zu verwenden, welche von den Behörden verhaftet worden waren und von denen der letztere bereits zum Islam übergetreten war. Nunmehr zeigt Herr Rößler hier an, daß auch der Arzt, ein gewisser Abuhaijatian, mit dem gesamten übrigen männlichen Personal des Spitals Muhammedaner geworden sei und den Namen Arif angenommen habe. Trotzdem ist er vom Kriegsgericht verurteilt worden. Die von den Behörden in Urfa gesammelten Waisen sind ebenfalls dem Islam zugeführt worden. Nach Ansicht des Herrn Rößler würde ein weiteres Eintreten für die auf diese Weise Bekehrten nur zur Folge haben, daß sie verschickt und unterwegs aus dem Wege geräumt werden.
Endlich wird in einem Briefe aus Konia bestätigt, daß die dort konzentrierten Armenier allmählich weiter ins Innere abgeschoben werden, wo sie auf türkische Dörfer verteilt und zur Annahme des Islam genötigt werden.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
233.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 29. Januar 1916.
Mit dem von deutscher Seite für die armenische Hilfsaktion zur Verfügung gestellten Gelde eine besondere Organisation zu schaffen, ging nicht an, denn sie wäre von türkischer Seite nicht geduldet worden. Auch war die Not so ungeheuer, daß den Hungernden nicht die Hilfe zugunsten einer erst noch zu schaffenden Organisation verweigert werden konnte. Ein großer Teil der im Herbst zur Verfügung gestellten Summen ist durch das hiesige Missionsehepaar Spieker verteilt worden, dem die Notleidenden vielfach persönlich bekannt waren und das seine Vertrauensleute hatte, so daß für Verwendung für wirklich Bedürftige gesorgt war.
Von armenisch-protestantischer Seite ist ein Waisenhaus geschaffen und hierfür die wohlwollende Unterstützung des Deutschen Konsulats erbeten worden. Formell konnte ich sie nicht gewähren, aber tatsächlich. Ich gab die Genehmigung, daß ein hinter dem Deutschen Konsulat gelegenes, von einem Deutschen zur Verfügung gestelltes Haus benutzt würde. Die Polizei hat darauf dieses Haus unbelästigt gelassen, wohl in der stillschweigenden Annahme, daß sie andernfalls auf den Widerstand des Deutschen Konsulats stoßen würde. Es hieß dann bei den Armeniern wie bei den Behörden das „Deutsche Waisenhaus“. Ich habe monatliche Beiträge seit September beigesteuert und diese Beisteuer zunächst bis Ende April zugesagt.
Aleppo ist gegenwärtig der Mittelpunkt eines Hilfswerks an den Armeniern, das sich auf Bab, Membidj, Der-es-Zor, Damaskus u. a. Plätze erstreckt. Auf Vorschlag der Schwester Beatrice Rohner habe ich kürzlich für Waisenarbeit in der Umgegend von Damaskus einen Beitrag zur Verfügung gestellt.
Ein zweites hiesiges Waisenhaus, welches auf Verwendung des Freiherrn von Kreß durch Befehl Djemal Paschas der deutschen Schwester Beatrice Rohner zur Verwaltung übergeben worden ist, nachdem es bis dahin von türkischer Seite geleitet worden war, zählt zurzeit 376 Kinder.
Die Regierung hat die Absicht, die sämtlichen Waisenkinder aus Aleppo nach Konstantinopel überzuführen. Sie hat nur die Ausführung dieser Absicht mit Rücksicht auf die winterliche Ungunst des Wetters und mit Rücksicht darauf, daß die Beförderungsmittel ausschließlich für militärische Zwecke gebraucht werden, auf das Frühjahr verschoben. Durch die Überführung würde in einschneidender Weise in die gegenwärtige Gestaltung der Hilfsaktion eingegriffen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich.
234.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 31. Januar 1916.
Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Briefes des Diakons Künzler in Urfa, aus welchem hervorgeht, daß die letzten in Urfa verbliebenen Armenier unter dem Zwange der Verhältnisse den Islam angenommen haben. Darunter auch die von türkischer Seite in Urfa gesammelten Waisen.
Über die Verhaftung von Dr. Arménak Abuhajatian, Arzt am Deutschen Hospital, habe ich der Kaiserlichen Botschaft anderweit berichtet. Aus dem Briefe geht hervor, daß er an den Widersetzlichkeiten der Bevölkerung völlig unbeteiligt war.
Zwangsbekehrungen zum Islam sind vor einigen Wochen hier auch von anderer Stelle bekannt geworden. In Caesarea war der Befehl ergangen, die Armenier nach Siwas zu verschicken. Diese Verschickung bedeutete den Tod. Möglicherweise um sie zu retten, ließ der Mutessarrif bekannt werden, wer zum Islam übertrete, werde verschont. Viele traten über. Eine Anzahl protestantischer und katholischer Geistlicher weigerten sich, überzutreten. Auf mir nicht bekannt gewordene Weise kam es dahin, daß diese nicht nach Siwas, sondern nach Eregli verschickt wurden, auf welchem Wege die Gefahren geringer waren. Als sie nach mancherlei Fährlichkeiten in Tarsus ankamen, trafen sie dort zufällig Freiherrn von Kreß auf seiner Reise mit Djemal Pascha nach Konstantinopel. Er führte sie beim Pascha ein, der ihnen sicheres Geleit nach Aleppo gab und ihnen später teils Damaskus, teils Jerusalem als Wohnsitz anwies. Von diesen stammt die Nachricht. Unter ihnen befindet sich der protestantische Prediger Wahram Tahmissian, jetzt in Damaskus.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Hochgeboren.
Anlage.
Deutsche Missionsklinik Urfa. Urfa, den 17. Januar 1916.
Hochgeehrter Herr Konsul!
Sie erwarten wohl mit Recht wieder einige Zeilen von mir über die Vorgänge in unserem Hospital.
Gestern vor 8 Tagen wurde plötzlich unser sich noch immer in Rekonvaleszenz befindender Arzt von der Polizei abgefaßt. Eine Stunde später geschah das gleiche auch mit dem Apothekergehilfen Hosep, jetzt muhammedanisch Jussuf genannt. Als ich sah, daß die beiden statt von der Polizei zurückzukehren, ins Gefängnis geworfen wurden, begab ich mich abends zum Gouverneur, wobei ich nur erfuhr, daß der Verhaftungsbefehl nicht aus Urfa, mutmaßlich aus Aleppo stammte. Am folgenden Morgen sandte ich dann das Telegramm an Sie. Im Laufe der Woche erfuhr ich unter der Hand, von wo der schlechte Wind wehte. Wir hatten eine Zeit lang einen militärischen Obern hier, Z. G., der jetzt dort weilt, welcher den Befehl gegeben. Ganz Urfa war empört über die Gefangennahme der beiden, von denen jedermann bezeugen kann, daß sie bei dem Widerstande völlig unbeteiligt waren. G. ist eben ein roh Durchgehender. Hätte er vielleicht gewußt, daß unser Arzt, jetzt Arif Eff. genannt, inzwischen, wie das ganze männliche eingeborene Personal, muhammedanisch geworden ist, hätte er vielleicht den Befehl nicht erlassen. Die Waisen, welche auf Befehl des jetzt dort weilenden, früheren Obersten (Generals) Fakhri ed din Paschas hier gesammelt wurden, sind alle vor kurzem „umgetauft“ worden, mitsamt den diversen Hausmüttern.
Ich höre, daß der Arzt bereits verurteilt ist; wie lange die Strafe, weiß ich nicht.
Jakob Künzler.
_Februar._
235.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 9. Februar 1916.
Aus dem andauernden langsamen Untergang größerer Teile des armenischen Volkes berichte ich gehorsamst die folgenden Einzelzüge, die mir in den letzten Wochen bekannt geworden sind:
Im November und Anfang Dezember befanden sich größere Massen von Verschickten längs der Bahnstrecke von Adana nach Aleppo, insbesondere in Islahiye und in Katma. Hier mußten sie aus militärischen Gründen entfernt werden, um die Etappe frei zu bekommen und Übertragung ansteckender Krankheiten auf das Heer zu verhüten. Die Abbeförderung erfolgte zunächst mit der Bahn nach Ras-ul-Ain. Da aber die Verschickten in Ras-ul-Ain dem Tode geweiht waren, und da ferner die Bahn den gleichzeitigen Transport der Armenier und der Soldaten nicht bewältigen konnte, so wurden die Armenier von Islahije und Katma zu Fuß nach Akhterin und von Akhterin nach Bab verschickt. Die Strecke von Katma bis Akhterin beträgt etwa 30 km und von dort bis Bab noch einmal so viel. Es war also eine verhältnismäßig günstige Lösung. Djemal Pascha setzte in Konstantinopel durch, daß die Armenier zwischen Akhterin und Bab bleiben sollten. Dort wäre von der Station Akhterin aus eine Verpflegung möglich gewesen. Diese Befehle sind aber wieder umgestoßen worden, und die Unglücklichen werden von Bab nach Der-es-Zor weiter geschickt. Mit welchem Ergebnis, darüber unterrichtet ein Brief des Konsuls Litten, den er über seine Fahrt von Bagdad nach Aleppo geschrieben hat. Wie es zwischen Meskene und Der-es-Zor aussieht, darüber hatte ich unter dem 16. November schon einmal den Bericht eines Deutschen eingereicht. Auf dieser Straße ist immer wieder der Strom der Unglücklichen gezogen. Dort hat u. a. Seine Durchlaucht Prinz Reuß etwa am 12. Januar zwischen den Stationen Tibne und Sabkha, wie er mir erzählt hat, 15 Leichen am Wege liegen sehen, während sein Kutscher noch mehr gezählt habe.
Anfang Januar hat zwischen Katma und Killis ein Mitleidiger 50 Kinder am Wege aufgesammelt und nach Killis gebracht. Er wollte sie dem Kaimmakam übergeben, dieser aber nahm sie nicht an, so daß sie im Freien bleiben mußten. Am nächsten Morgen waren 30 der kranken und erschöpften Kinder erfroren. Die Nachricht kommt aus armenischer Quelle, doch liegt kein Grund vor, an ihrer Wahrheit zu zweifeln.
Ein Armenier, der den Mut hat, von Zeit zu Zeit von hier in Verkleidung nach Bab zu gehen, um den Notleidenden Unterstützungsgelder zu überbringen (deutschen Schwestern ist eine Tätigkeit außerhalb Aleppos nicht erlaubt worden), berichtet, daß Ende Januar in den 2½ Tagen seines Aufenthalts in Bab 1029 Armenier gestorben seien. Das Furchtbarste sei, wenn die Elenden und Kranken gezwungen würden, zur Wanderung aufzustehen. Sie würden mit Schlägen weitergetrieben, ja ihre Zelte würden ihnen angezündet. Er sei Zeuge gewesen, wie eine Frau auf diese Weise mit dem Knüttel totgeschlagen wurde. Nach den Vorgängen, die sich früher in der Stadt Aleppo selbst abgespielt haben, muß auch diese Erzählung für wahr gehalten werden.
Vor einigen Monaten waren 3000 Frauen und Witwen von Aleppo nach Killis geschickt worden, wo sie es verhältnismäßig gut hatten und wenigstens ihr Leben fristen konnten. In der zweiten Januarwoche sind sie von dort weiter verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
236.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 9. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf Bericht vom 26. Januar.
1. Über 70 hiesige armenische Familien, die aus Aintab stammen, aber größtenteils schon jahrelang hier wohnen, werden verschickt. Dies ist nur ein Anfang.
2. Die mit Erlaubnis der Regierung seit einigen Monaten auf Gütern in der Provinz Aleppo angesiedelten Armenier, vielleicht 10000 Menschen, werden jetzt weiter verschickt.
3. Die von der Zentralregierung erlassenen Befehle scheinen milder; aber Verschickungskommissar und Wali arbeiten unerbittlich an der Vernichtung der Armenier.
Rößler.
237.
(Kaiserliches Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 9. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wali hat mir durch Polizeipräsidenten sagen lassen, daß auf Befehl des Armeekommandanten Kiamil Pascha, respektive der Militärbehörde, alle armenischen Frauen und Mädchen, die unter unserem Schutze stehen, ausgewiesen werden. Männer stehen keine unter unserem Schutze.
Euere Exzellenz bitte ich gehorsamst, dringende Schritte zu unternehmen, damit unsere Schützlinge hier verbleiben können.
Selbst von den ausgewanderten reichen und wohlhabenden Familien sind unterwegs viele durch die Kälte zugrunde gegangen.
Ich bitte um Drahtweisung, wie ich mich zu den hiesigen Behörden verhalten soll. Müssen die Armenier auswandern, so ist es sicher, daß alle umkommen werden.
Werth.
238.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 11. Februar 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich Abschrift einer mir vom Abgeordneten Erzberger übergebenen Aufzeichnung vorzulegen über die Unterredungen, welche er mit Enver Pascha und Talaat Bey bezüglich der Armenierfrage und der christlichen Interessen in der Türkei gehabt hat. Ähnliche Zusagen haben die türkischen Minister auch mir bekanntlich wiederholt gegeben, ohne daß ich bisher eine Einlösung derselben wahrnehmen konnte. Ob der Schritt des Herrn Erzberger nachhaltiger wirken wird, erscheint mir vorerst recht zweifelhaft.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Unterredung des Abgeordneten Erzberger am 10. Februar 1916 betreffend Armenierfrage und Christenfrage im Orient.
1. Mit Enver Pascha, der zusagte, daß keine weiteren Maßnahmen gegen die Armenier erfolgen werden. Die vertriebenen Armenier werden in geschlossenen Ortschaften angesiedelt. Religionsfreiheit werde garantiert.
2. Mit Talaat Bey, Minister des Innern, der als Kriegsziel die volle Unabhängigkeit der Türkei bezeichnete, Deutschland möge sich über alle Fragen mit der Türkei verständigen, auch über den Ersatz der Kapitulationen. Dann lasse sich alles regeln. Die Öffnung der armenischen Kirchen werde erfolgen. Die Ansiedelung der vertriebenen Armenier in geschlossenen Dörfern geschehe in der Weise, daß ihnen mindestens dieselbe Fläche an anbaufähigem Land zugewiesen werde, die sie vorher besessen haben.
Erzberger.
An die Kaiserlich Deutsche Botschaft.
239.
Basel, den 12. Februar 1916.
An den Kaiserlich Deutschen Gesandten Exzellenz Freiherrn von Romberg, Bern.
Exzellenz!
Nachdem Sie die Freundlichkeit gehabt haben, unsere Vertreter, die Herren Leopold Favre und Dr. Wilhelm Vischer zu empfangen, beehren wir uns, Ihrem Wunsche gemäß im Anschluß an die Unterredung vom 26. Januar d. J. und in Bestätigung derselben, Ihnen folgendes mitzuteilen.
Das Vorgehen der türkischen Regierung gegen die Armenier, welches die Vernichtung dieses christlichen Volkes zum Ziele hat, hat in weiten Kreisen unseres Landes eine tiefe Bewegung erregt und den dringenden Wunsch wachgerufen, etwas für die von den schweren Verfolgungen Betroffenen zu tun.
Auf Veranlassung von Vereinigungen und Persönlichkeiten in der Schweiz, welche schon seit Jahren für Hilfszwecke unter den Armeniern tätig sind und welche über die Vorgänge des letzten Jahres genügend informiert sind, ist ein schweizerisches Hilfswerk 1915 für Armenier organisiert worden zum Zwecke, den Überlebenden dieses Volkes die Hilfe zu leisten, die noch möglich ist.
Es kommt für uns, da uns Mittel nicht zu Gebote stehen, direkt auf die türkische Regierung einzuwirken, um eine Milderung der gegen die Armenier getroffenen Maßregeln zu erreichen, vornehmlich in Betracht, einen Weg zu finden, wie den noch vorhandenen Resten des armenischen Volkes, die sich in der größten Not befinden, materielle Hilfe gebracht werden kann.
Die aus ihren Wohnsitzen nach verschiedenen Gegenden in Mesopotamien verbrachten, aus Greisen, Frauen und Kindern bestehenden Deportiertenzüge sind den größten Qualen von Hunger und Krankheit ausgesetzt; wenn es nicht möglich ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Wir möchten gerne zur Linderung des Loses dieser Unglücklichen nach unseren Kräften beitragen und gestatten uns daher die Anfrage, ob wir dabei auf die Unterstützung der Kaiserlich Deutschen Regierung rechnen dürften. Es würde sich z. B. darum handeln können, daß durch Persönlichkeiten, welche wir aussenden könnten oder durch zuverlässige Vertrauensleute, die sich in der asiatischen Türkei befinden, Geld oder Lebensmittel ausgeteilt oder sonst für die Linderung der Not Vorkehrungen getroffen würden. Wir wären sehr dankbar, wenn eine solche Aktion ermöglicht und durch die Organe der deutschen Regierung unterstützt werden könnte. Wir gestatten uns, in dieser Angelegenheit uns an die Vertretung des Deutschen Reiches zu wenden, da ohne die Unterstützung der Deutschen Regierung uns Schritte in der von uns angedeuteten Richtung aussichtslos scheinen und in der Überzeugung, daß ein Eintreten für die Rettung der Reste des armenischen Volkes, das lediglich von allgemein menschlichem Mitgefühl veranlaßt ist, nur im Interesse sowohl der Türkei selbst als namentlich der mit ihr verbündeten Mächte liegen kann.
Wir werden für eine wohlwollende Prüfung unseres Anliegens sehr dankbar sein und stehen gerne zu jeder etwa noch gewünschten weiteren Auskunft in der Sache zur Verfügung.
Genehmigen Euer Exzellenz den Ausdruck unserer ausgezeichnetsten Hochachtung.
Der geschäftsführende Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerkes 1915 für Armenien.
Der Präsident: Dr. Vischer. Der Sekretär: Dr. A. Oeri.
240.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 14. Februar 1916.
Die zwischen den syrischen Christen bei Mardin und Midiat, und den türkischen Behörden entstandenen Schwierigkeiten[121] sind inzwischen behoben. Hierbei hat der Einfluß mitgewirkt, welchen Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz auf militärischem Gebiet auszuüben in der Lage gewesen ist.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
241.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 23. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie ich vertraulich erfahre, sollen die armenischen Waisen aus Aleppo nach Konstantinopel gebracht werden, woselbst Platz für 500 sei. Hier sind 1000, darunter 400 der Schwester Rohner unterstehende, die mit fort sollen.
Schwester Rohner hält für wahrscheinlich, daß die Regierung unterwegs Reiseziel ändern wolle.
Rößler.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 28. Februar 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.
Metternich.
242.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 23. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Nach einem Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in Washington haben die Vereinigten Staaten ihren Geschäftsträger in Konstantinopel mit Demarche zugunsten der Armenier beauftragt. Euere Exzellenz wollen der Pforte zu entgegenkommender Antwort raten.
Zimmermann.
243.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 27. Februar 1916.
Ich habe mit Talaat und Halil Bey im Sinne des Telegramms vom 23. d. M. gesprochen und entgegenkommende Antwort angeraten, die mir auch zugesagt worden ist.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
244.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 26. Februar 1916.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, dem geschäftsführenden Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien auf seine Eingabe mitzuteilen, daß sein Wunsch, zur Linderung der Not unter den ausgesiedelten Armeniern beizutragen, sich mit den Bemühungen der Kaiserlichen Regierung begegnet und von dieser gern unterstützt werden wird, soweit dies unter Wahrung der gebotenen Rücksicht auf die verbündete Türkei und auf inoffiziellem Wege möglich ist. Die Kaiserliche Regierung nimmt davon Kenntnis, daß das Eintreten des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier lediglich vom allgemeinen menschlichen Mitgefühl veranlaßt ist und setzt infolgedessen voraus, daß jeder Anschein einer politischen Propaganda für die Armenier oder gegen die Türkei von den Veranstaltern der Aktion sorgsam vermieden werden wird. Um beurteilen zu können, in welcher Form etwa deutscherseits den Bestrebungen des Hilfswerks Unterstützung gewährt werden kann, wären uns, wenn tunlich, eingehendere Angaben darüber erwünscht, wie die technische Durchführung der Aktion gedacht ist. Wir würden dann zunächst die Ansichten der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel und derjenigen Kaiserlichen Konsulatsbehörden einholen, die sich bisher mit der Fürsorge für die Armenier befaßt haben. Insbesondere dürfte das Kaiserliche Konsulat in Aleppo, das sich für gewisse Gebiete zum Mittelpunkt derartiger Hilfsunternehmungen entwickelt hat, in der Lage sein, zweckmäßige Ratschläge zu erteilen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen wird es kaum empfehlenswert sein, von der Schweiz aus besondere Abordnungen zu entsenden, da diese bei Reisen in der Türkei, sofern ihnen die Erlaubnis hierzu angesichts der gegenwärtigen militärpolitischen Lage überhaupt erteilt wird, voraussichtlich großen technischen Schwierigkeiten begegnen würden. Den Vorzug dürfte der von dem Schweizerischen Hilfswerk ins Auge gefaßte zweite Weg verdienen, nämlich zuverlässige Vertrauensleute, die sich bereits an Ort und Stelle befinden, mit Geld, Kleidungsstücken und Lebensmitteln zwecks Verteilung an die Notleidenden zu versehen. Soweit geeignete Mittelsleute noch nicht bekannt sind, würden solche auf Wunsch zum Teil möglicherweise auch mit Hilfe der Kaiserlichen Konsulate ausfindig gemacht werden können.
Zimmermann.
Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Gesandten Herrn Freiherrn von Romberg, Bern.
Berlin, den 26. Februar 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel, zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
Zimmermann.
_März._
245.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 2. März 1916.
Die Pforte hat unter dem 1. d. M. an die hiesigen fremden Vertretungen eine Druckschrift[122] verteilt, welche eine Darstellung der armenischen revolutionären Bewegung und der seitens der türkischen Regierung dagegen ergriffenen Maßregeln enthält.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Notiz.
Auf Seite 11 der Druckschrift wird erklärt:
Les assertions d’après lesquelles ces mesures auraient été suggérées à la Sublime Porte par certaines Puissances étrangères sont absolument dénuées de fondement. Le Gouvernement Impérial, fermement résolu à maintenir son absolue indépendance, ne pouvait naturellement admettre aucune immixtion, sous quelque forme que ce soit, dans ses affaires intérieures fut-ce même de la part des amis et alliés.
246.
Berlin, den 3. März 1916.
Seiner Hochwohlgeboren Herrn Baron von Rosenberg, Auswärtiges Amt
Sehr geehrter Herr Baron!
In der Anlage überreiche ich Ihnen den Entwurf zu der Denkschrift wie ich sie mir gedacht habe, um sie Enver Pascha und Talaat zu überreichen, dem letzteren in französischer Übersetzung.
M. Erzberger, Mitglied des Reichstags.
Anlage.
Denkschrift über die Maßnahmen zugunsten der Christen in der Türkei.
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Die Lage der katholischen Armenier.
1. Die katholischen Armenier, deren Zahl von einigen auf annähernd 100000, von anderen höher geschätzt wird, sind scharf zu unterscheiden von den sogenannten gregorianischen oder orthodoxen, wie von den protestantischen Armeniern. Sie stehen unter einem eigenen Patriarchen, sind von der türkischen Regierung als Millet anerkannt und haben in nationaler Hinsicht nie Anlaß zur Beschwerde gegeben.
2. Trotz der loyalen Gesinnung der katholischen Armenier und trotz der Zusicherungen, die man ihnen gab, widerfuhr ihnen dasselbe Schicksal wie ihren Volksgenossen. Die Verluste an Menschenleben und Gütern sind bei ihnen relativ ebenso groß wie bei den anderen, nur der Unterschied wurde gewöhnlich gemacht, daß bei ihnen Exekution und Deportation um einige Tage oder Wochen aufgeschoben wurden.
3. Man hatte nach den Versprechungen, die die türkische Regierung dem apostolischen Delegaten gegenüber abgab, gehofft, daß der Rest der katholischen Armenier zurückkehren dürfe. Tatsächlich ist keiner von ihnen zurückgekehrt. Im Gegenteil. Nach zuverlässigen Nachrichten, die in diesen Tagen eingingen, geht man jetzt auch gegen die zurückgebliebenen Armenier in Marasch, Aintab und Aleppo vor.
Die Interessen der türkischen Regierung erfordern es, daß noch während des Krieges eine Reihe von Maßnahmen durchgeführt werden. Als solche Maßregeln zur sofortigen Durchführung werden vorgeschlagen:
1. Möglichkeit der direkten Annäherung an die Deportierten, und zwar nicht durch Privatpersonen, sondern durch eine Mission des Malteser-Ritterordens, die in Deutschland ausgerüstet wird und kostenlos arbeitet. Brot und andere nötige Subsistenzmittel werden durch diese Mission verteilt, aber von der deutschen oder türkischen Regierung geliefert.
2. Allmählicher Rücktransport der Deportierten und Neuansiedlung derselben. Die Ansiedlung darf sich indes nur auf Kleinasien und nicht auf Syrien und Arabien erstrecken. Die Ansiedlung erfolgt in geschlossenen Ortschaften. Die Regierung stellt den heimkehrenden Armeniern soviel und so gutes Land zur Verfügung, als sie vorher besessen haben. Für den Verlust der Wohnungen und Inventars sollen sie dadurch entschädigt werden, daß ihnen Brennmaterial, Ackergeräte und Saatfrüchte gratis zur Verfügung gestellt werden. Der Rücktransport und die Ansiedlung erfolgen durch die Delegation des Malteser-Ritterordens.
3. Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Armenier. Es sind z. B. in Angora immer noch 2000 katholische Armenier ohne Bischof und Priester, obwohl schon vielfach Schritte unternommen wurden, ihnen einen Priester zu schicken. Die geschlossenen Kirchen müssen wieder geöffnet werden, das Kirchengut zurückgegeben und den Armeniern, die aus Angst zum Islam übergetreten sind, die Rückkehr zu ihrer Kirche nicht zur Unmöglichkeit gemacht werden.
4. Die städtischen Armenier dürfen in ihre Städte, soweit sie nicht Kriegsgebiet sind, zurückkehren.
5. Das Liquidationsgesetz wird suspendiert oder findet wenigstens auf diejenigen Armenier keine Anwendung, die zurückkehren.
6. Da die katholischen Armenier sich anerkanntermaßen von revolutionären Umtrieben fernhielten, sollen sie beim Rücktransport zuerst berücksichtigt werden.
7. Die türkische Regierung wird gebeten, den Patriarchen der katholischen Armenier, Msgr. Terzian, nach kirchlich-katholischen Prinzipien anzuerkennen.
Durch die Ausführung dieser Maßnahmen würde erreicht werden, daß die auch unter den Christen der Mittelmächte vorhandene Erregung nachlassen würde. Gerade der Malteserorden eignet sich sehr für die Durchführung dieser Maßnahmen. Die hierfür notwendigen Gelder müßten von der deutschen Regierung zu Lasten der türkischen zur Verfügung gestellt werden.
Diese Vorschläge sind von dem Bestreben diktiert, die Hindernisse, die der Erreichung der türkischen Kriegsziele im Wege liegen, zu beseitigen. Wir glauben auch allen berechtigten Ansprüchen der türkischen Regierung weitgehendst Rechnung zu tragen. Diese Vorschläge geben auf der anderen Seite den ausländischen und einheimischen Katholiken in der Türkei die Garantie für völlige Glaubensfreiheit.
247.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 5. März 1916.
Auswärtiges Amt an Botschaft Pera.
Auf Bericht vom 28. Februar.
Bitte eventuell nach Rückfrage in Aleppo für Waisenkinder intervenieren.[123]
Zimmermann.
248.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 10. März 1916.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Wie Konsulat Aleppo meldet, ist Abreise der Waisen vorläufig verschoben worden.[124]
Metternich.
249.
Basel, den 6. März 1916.
An Seine Exzellenz Freiherrn von Romberg, Kaiserlich Deutschen Gesandten in Bern.
Euere Exzellenz hatten die Güte, am 4. März eine Delegation des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, bestehend aus Herrn Dr. Andreas Vischer und dem Unterzeichneten zu empfangen und ihr mitzuteilen, daß unsere Bitte um Unterstützung des Bestrebens, den notleidenden Armeniern unter Ausschluß aller politischen Nebenzwecke Hilfe zu leisten, an den zuständigen deutschen Amtsstellen wohlwollend aufgenommen worden ist. Wir bitten Euere Exzellenz nochmals, den Ausdruck unseres wärmsten Dankes dafür entgegen zu nehmen und auch weiterleiten zu wollen. Die Wünsche, die wir auf Grund der Unterredung glauben formulieren zu dürfen, sind folgende:
Da es sich auf Grund Euerer Exzellenz Mitteilungen nicht wird darum handeln können, eine schweizerische Hilfsexpedition in die Türkei zu schicken, so möchten wir die gütig angebotene Vermittelung gerne in Anspruch nehmen, um notleidenden Armeniern Hilfe zukommen zu lassen, vor allem aber auch, um mit den Persönlichkeiten, die Unterstützungen an Ort und Stelle austeilen, in Verbindung zu treten. Wir denken, daß außer dem Kaiserlich Deutschen Konsul Herrn Rößler in Aleppo, vor allem der Reichsdeutsche Herr F. Eckart, Mitglied der deutschen Orientmission in Urfa, und die Schweizer, Herr Jakob Künzler, ebenfalls Mitglied der deutschen Orientmission in Urfa, und der Kaufmann Herr E. Zollinger in Aleppo bereit wären, sich an dem schweizerischen Hilfswerk für die Armenier zu beteiligen. Wie weit diese Herren persönlich für das Werk werden arbeiten können, oder wen sie sonst vorzuschlagen haben, wird sich aus der Korrespondenz ergeben. Ebenso wird es sich zeigen, ob die Verhältnisse so sind, daß es sich hauptsächlich um Rettung Deportierter vor dem Hungertode handelt, oder ob unsere Mittel für Bedürfnisse anderer Art, Kleidung, ärztliche Hilfeleistung usw. Verwendung finden können.
Indem wir uns noch gestatten, nach Euerer Exzellenz Vorschlag einen Brief für Herrn Konsul Rößler und einen Fragebogen für andere Stellen, die sich unter Umständen mit Unterstützung von Armeniern beschäftigen könnten, beizulegen, danken wir zum voraus für alle weiteren freundlichen Bemühungen und zeichnen
mit vollkommener Hochachtung
Schweizerisches Hilfswerk 1915 für Armenier. Dr. A. Oeri, Sekr.
250.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 7. März 1916.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Am 5. d. M. drahtet Graf Schulenburg aus Erzindjan: Lage unverändert. Wahib Pascha heute fast ohne Aufenthalt hier durchgereist. Bitlis von Russen genommen. Armenische Banden haben dort Blutbad unter Bevölkerung angerichtet, das angeblich 2-3000 Opfer gekostet hat.[125]
Metternich.
251.
Kuratorium der Deutschen Orientmission.
Potsdam, den 10. März 1916.
Exzellenz!
Die unterzeichneten Gesellschaften, die mit ihrer Arbeit unter den Christen des Orients ausschließlich humanitäre und kulturelle Zwecke verfolgen, wünschen eine Hilfsexpedition auszurüsten nach den Gebieten in Syrien und Mesopotamien, in welche die Frauen und Kinder des armenischen Volkes der Türkei deportiert worden sind.
Die Expedition soll aus Ärzten und Krankenschwestern und solchen Herren bestehen, die der Landesverhältnisse kundig sind. Der Zweck der Expedition ist, unter der Masse der deportierten Frauen und Kinder, die nach Hunderttausenden zählt und ohne Fürsorge, Hilfsmittel, Pflege und Obdach der langsamen Vernichtung durch Hunger und Krankheit preisgegeben ist, Lebensmittel und Unterstützungen zu verteilen, für sanitäre Maßnahmen zu sorgen und ärztliche Hilfe zu bringen.
Wir bitten Euere Exzellenz, die Genehmigung der türkischen Regierung für die Samariterarbeit dieser Expedition erwirken zu wollen.
Die türkische Regierung hat, soviel uns bekannt ist, derartige Hilfeleistungen von neutraler Seite abgelehnt. Um so mehr ist es die Pflicht der humanitären Kreise Deutschlands, die mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut sind, durch die Vermittelung der Reichsregierung einen Notstand lindern zu helfen, für dessen Fortbestand Deutschland als Bundesgenosse der Türkei von der übrigen Welt moralisch verantwortlich gemacht wird.
Die türkische Regierung hat seit Kriegsbeginn ein solidarisches Interesse für die muhammedanischen Völker auch in den nichttürkischen Ländern geltend gemacht. Dieselbe Solidarität darf von der deutschen Christenheit in Anspruch genommen werden für ein humanitäres Werk unter den notleidenden Christen der Türkei. Der Untergang einer halben Million von Frauen und Kindern kann in keinem Falle als politisches Interesse der Türkei anerkannt werden. Dagegen erscheint es uns als ein wesentliches politisches Interesse Deutschlands, sich vor der Welt von dem Vorwurf der moralischen Mitverantwortlichkeit für den Untergang eines christlichen Volkes zu entlasten.
Zur Rechtfertigung unserer Bitte dürfen wir uns auf die Antwort berufen, die Euer Exzellenz am 12. November v. J. auf die Eingaben von evangelischer und katholischer Seite erteilt haben, und auf die Zusicherung von amtlicher Stelle bei Gelegenheit der Veröffentlichung dieser Antwort, daß sich die deutschen Christen darauf verlassen dürfen, daß ihre humanitären Bestrebungen zur Linderung bestehender Not seitens der deutschen Regierung nachdrückliche Unterstützung finden werden.
Das Kuratorium der Deutschen Orientmission.
Dr. Johannes Lepsius. Dr. Paul Rohrbach. Prof. Adolf Deißmann. Roedenbeck, Superintendent.
Das Notwendige Liebeswerk.
Prof. D. Martin Rade, Prof. D. Dr. H. Guthe, Marburg. Leipzig.
Die Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Pfarrer Stier, Marburg.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg, Berlin.
252.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 14. März 1916.
Abschriftlich nebst Anlage
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter, Herrn Grafen Wolff-Metternich, Pera.
Zur gefälligen vertraulichen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
Die Note bezieht sich auf die mit Telegramm vom 23. Februar angekündigte Demarche.[126]
Zimmermann.
Embassy of the United States of America. Berlin, Germany.
Note Verbale.
Acting under instructions from its Government, the American Embassy has the honor to transmit herewith to the Imperial Foreign Office, for its information, a copy of a Note dated February 16, 1916, which the Secretary of State has delivered to the Imperial German Ambassador at Washington, relative to an instruction which the former had cabled to the American Chargé d’Affaires at Constantinople, instructing him to again urgently appeal to the sense of humanity and justice of the Turkish Government and to urge it to take immediate steps towards the amelioration of the conditions at present existing among the Armenians and towards the redress of the injuries already inflicted upon them.
Berlin, March 11th, 1916.
To the Imperial Foreign Office, Enclosure: Copy of a Note dated Feb. 16, 1916 from Washington.
Anlage.
Department of State, Washington, February 16, 1916.
Excellency:
Referring to your unofficial note of October 8, 1915, enclosing a copy of a memorandum handed to the Imperial Ottoman Government by the acting Imperial Ambassador at Constantinople on August 9, 1915, protesting against the expulsion of the Armenians, I have the honor to inform you that the United States Government has received and is still receiving information giving detailed accounts of the continued sufferings which have accompanied and resulted from the systematic expulsion of the Armenians from their homes and from the other mistreatment which they have suffered. The information has come largely from private but reliable sources and from individuals of many different nationalities and indicates that the promise, which you state in your note of October 8th the Ottoman Government had made to the acting Imperial German Ambassador at Constantinople, to the effect that it would take the measures necessary to prevent the repetition of excesses against the Armenians, has not been fulfilled. Being greatly in doubt as to whether I am longer justified in keeping from the American people the terrible facts in my possession, I have instructed the American Chargé d’Affaires at Constantinople again earnestly to appeal to the sense of justice and to the humanity of the Ottoman Government, and to urge it to take prompt action to redress the injuries, which have been inflicted upon the Armenians and to adopt measures to ameliorate the condition of the surviving Armenians in the future. My decision as to what if any statement, on the subject of the treatment of the Armenians by the Turks, should be made to the American people, will depend very largely upon the action which the Ottoman Government takes upon the new appeal made in behalf of the Armenians by the American Chargé d’Affaires.
As your note of October 8, 1915, to the Department and the note of the acting Imperial German Ambassador at Constantinople, both indicate that the German Government shares with the Government of the United States its indignation at the conduct pursued by the Ottoman Government against the Armenians and its desire to secure an amelioration of the existing conditions, I have thought it proper to communicate to you at this time the substance of the instruction which has been cabled to the American Chargé d’Affaires at Constantinople, in the hope that the German Government may see fit to exercise once more its influence with the Ottoman Government in the effort now being made to put an end to the Armenian tragedy.
Accept, Excellency, the renewed assurances of my highest consideration.
Robert Lansing.
His Excellency Count J. H. von Bernstorff, Imperial German Ambassador.
253.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 21. März 1916.
Infolge der letzthin in Aleppo, Marasch, Brussa, Adrianopel, Angora, Konia und anderen Orten wieder einsetzenden Armenierverfolgungen waren von verschiedenen Seiten, u. a. vom Pater Dr. Straubinger und Pater Liebl, Gesuche um Intervention bei der türkischen Regierung an mich gerichtet worden. Ich hatte daraufhin umgehend Schritte bei Halil Bey in dieser Angelegenheit unternommen und ihn insbesondere darauf aufmerksam gemacht, daß eine etwaige Austreibung der fast allein noch übrigen christlichen Frauen und Kinder bei der überdies erregten Stimmung in Deutschland den allerschlechtesten Eindruck machen würde. Halil Bey hatte mir versprochen, sofort beim Minister des Innern darauf hinzuwirken, daß etwaige geplante Schritte gegen die genannte armenische Bevölkerung eingestellt werden würden.
Bei meinem gestrigen Besuche auf der Hohen Pforte sagte mir nun der Minister des Auswärtigen, nach Rücksprache mit Talaat, die Regierung habe kürzlich auf Berichte der türkischen Lokalbehörden hin angeordnet, einige unruhige Elemente zu entfernen. Die Lokalbehörden aber hätten in übertriebenem Eifer den Befehl mißgedeutet und Anstalten getroffen, größere Abteilungen Armenier abzuschieben. Es sei nunmehr angeordnet worden, daß in Konia, Angora, Aleppo, Aintab und Marasch überhaupt keine Armenier mehr abgeschoben werden dürften.
Ich erwiderte dem Minister, daß ich mich über diese Mitteilung freue, da in Deutschland auf Grund von dorthin gelangten Nachrichten in weiten Kreisen die Beunruhigung über das Los der Armenier wieder stark zugenommen habe.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler.
254.
(Kaiserlich Deutsches Konsulat.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 23. März 1916. Ankunft in Pera, den 25. März 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Armeniern ist von einigen Polizisten erklärt worden, einzige Rettung vor Verschickung sei Übertritt zum Islam. Auf ähnlichen Druck hin haben schon Ende Februar Anzahl Armenier in Arbeiterbataillonen Glauben gewechselt. Gestern sind 30 Familien um Übertritt eingekommen.
Rößler.
255.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 27. März 1916.
Der zu telegraphischem Bericht aufgeforderte Kaiserliche Konsul zu Aleppo bezeichnet die von schweizerischer Seite angebotene Hilfe für die notleidenden Armenier sowie die Informationsreise des Dr. Vischer, den er für besonders geeignet zu diesem Zwecke hält, als sehr erwünscht. Allerdings glaubt er nicht, daß die Beteiligung des Schweizerischen Vereins in einer festen Form wird erfolgen können, vielmehr würde es sich um einen Versuch handeln, unter der Hand zu helfen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
256.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 29. März 1916.
Im Anschluß an Bericht vom 27. März.
Auf Bitten des hiesigen American Bible House hatte ich den Kaiserlichen Konsul in Damaskus aufgefordert, sich über die Aussichten einer von dieser Anstalt geplanten größeren Hilfsunternehmung für die notleidenden Armenier in Damaskus zu äußern. Der Gedanke war, in Damaskus oder eventuell in Beirut eine Zentralstelle mit Depots einzurichten; die erforderlichen Geldmittel und das Hilfspersonal sollten von amerikanischer Seite zur Verfügung gestellt werden, dagegen wurde dringend gewünscht, eine deutsche Persönlichkeit mit der Leitung zu betrauen, und man hatte hierfür bereits den Pastor Kunze ins Auge gefaßt.
Herr Loytved meldet daraufhin folgendes:
„Vor etwa 3 Wochen hatte ich die Absicht, unter Leitung des in Damaskus wohnhaften deutschen Missionars Hanauer für die in Damaskus und Umgebung befindlichen Armenier ein Waisenhaus, eine Garküche und ein Bad einzurichten. Als ich Djemal Pascha hiervon in Kenntnis setze, sagte er mir vertraulich, daß er persönlich das Los der Armenier nach Möglichkeit erleichtern möchte, aber strenge Anweisung von Konstantinopel habe, jede deutsche und amerikanische Beteiligung an einer Hilfsunternehmung für Armenier zu verhindern, da der innere Widerstand der Armenier gegen die türkische Regierung nur gebrochen werden könne, wenn ihnen beigebracht würde, daß sie keinerlei Unterstützung von irgend einer fremden Regierung zu erwarten hätten. Auf meine Bitte, dann selbst etwas zu tun, gab er in meiner Gegenwart dem Bürgermeister von Damaskus Befehl, ein Haus zu mieten und darin Armenierwaisen aufzunehmen. Djemal Pascha erklärte sich bereit, Gelder für die Armenier durch mich entgegenzunehmen und durch türkische Beamte verteilen zu lassen, die auch mein Vertrauen genießen.“
Hierzu ist zu bemerken, daß die türkischen Behörden auch das armenische Patriarchat daran zu hindern suchen, den notleidenden Verbannten zu Hilfe zu kommen, so daß das Patriarchat genötigt ist, sich zu diesem Zwecke fremder Vermittelung zu bedienen. Es gewinnt somit den Anschein, als ob die Pforte jede Notstandshilfe, von welcher Seite sie auch kommen möge, ablehnt.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
_April._
257.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 6. April 1916. Ankunft in Pera, den 7. April 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In Ras-ul-Ain ist dieser Tage das armenische Konzentrationslager von den dicht dabei wohnenden Tscherkessen und anderen ähnlichen Leuten überfallen worden, wobei von den unbewaffneten 14000 Insassen der größte Teil niedergemacht wurde. Einzelheiten werden mir erst später zugehen.
Nach anderer Quelle handelt es sich zunächst nur um 400 Familien, die abgetrennt und niedergemacht worden sind.[127]
Rößler.
258.
Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Potsdam, den 17. April 1916. Gr. Weinmeisterstraße 45
Von dem armenischen Zentralkomitee in der Schweiz erhielten wir gestern die telegraphische Mitteilung, daß die Führer der Daschnakzagan und die armenischen Intellektuellen, die am 25. April v. J. ins Innere transportiert wurden (nach Ajasch bei Angora, Tschangri, Tschorum, Aleppo usw.), nach Konstantinopel gebracht wurden, um vom Kriegsgericht verurteilt und gehängt zu werden. Es sollen im ganzen 190 sein. Unter ihnen Aknuni, Hajak, Malumian, Sartarian, Siamanto und alle im Vordergrund stehenden Männer der armenischen Intelligenz. Das Zentralkomitee der Daschnakzagan richtet durch uns im Namen der armenischen Nation die dringende Bitte an die Reichsregierung, daß die Ermordung ihrer Führer und Intellektuellen -- nach der allgemeinen Deportation der schwerste Schlag, der die Nation treffen kann -- durch den Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel verhindert werden möchte.
Wir nehmen darauf Bezug, daß auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes im Juni v. J. die Kaiserliche Botschaft mit Erfolg für eben diese Verbannten eingetreten ist, so daß sie zum größten Teil bis jetzt mit dem Leben davongekommen sind.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft kann nicht dringend genug anraten, daß alles geschehen möchte, um die Führer der türkischen Armenier am Leben zu erhalten. Die gegen sie gerichteten Beschuldigungen sind nachweislich unwahr und können nur durch gekaufte Zeugen und unter Tortur erzwungene Aussagen bewiesen werden. Der Zweck der vom Komitee für Einheit und Fortschritt geplanten Exekution ist, abgesehen von der Befriedigung des Rachegefühls für die russischen Erfolge in Hocharmenien, der, durch eine öffentliche Hinrichtung den Schein zu erwecken, als sei eine allgemeine Verschwörung entdeckt worden, und so die bisherige Ausrottungspolitik zu rechtfertigen und die Notwendigkeit etwaiger weiterer Maßnahmen zu begründen.
Das deutsche Interesse wird, nächst den Forderungen der Humanität, nach drei Seiten berührt.
1. Die Hinrichtung der Führer der türkischen Armenier wird die russischen Armenier zur äußersten Wut reizen und sie antreiben, ihre ganze nationale Kraft für die Ausdehnung der russischen Erfolge in Armenien und den Vormarsch gegen Mesopotamien und Bagdad einzusetzen. Die 1¾ Millionen Armenier im Kaukasus und in Südrußland, dazu ¼ Million aus der Türkei geflüchteter Armenier im Araxestal, fallen für den Erfolg der russischen Operationen ins Gewicht.
2. Von armenischer Seite ist bisher mit Rücksicht auf das Schicksal der türkischen Armenier, deren Führer sich als Geiseln in den Händen der türkischen Regierung befinden, von terroristischen Mitteln gegen die verantwortlichen Leiter der türkischen Politik Abstand genommen worden. Diese Rücksicht würde nach der Exekution fortfallen. Als Antwort auf die systematische Vernichtung der armenischen Nation könnte eine Ära der terroristischen Mittel einsetzen.
3. Die russischen Armenier waren vor dem Kriege der Einverleibung der von Rußland okkupierten armenischen Gebiete in Rußland abgeneigt und wünschten unter entsprechenden Sicherheiten für den Fortbestand ihrer Nation die Erhaltung der Souveränität des Sultans. Durch die Befreiung der armenischen Führer von der ihnen drohenden Exekution kann Deutschland die verlorenen Sympathien der türkischen Armenier zurückgewinnen und auch auf die russischen Armenier in der Richtung einwirken, daß sie bei der Neugestaltung der von den Russen okkupierten armenischen Gebiete das armenische Interesse vom russischen trennen.
4. Es sollte verhindert werden, daß sich die Sympathien von 3 Millionen Armeniern in Rußland, in der Türkei und im Auslande ausschließlich der Entente und Amerika zuwenden, und daß im armenischen Bewußtsein Deutschland für die verhängnisvolle innere Politik der Türkei verantwortlich gemacht wird.
Vorausgesetzt, daß der deutsche Botschafter in Konstantinopel in der Lage ist, die den armenischen Führern drohende Exekution zu verhindern, möchten wir bitten, daß in vertraulicher Weise der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft von dem Erfolg der Schritte des Botschafters in Kenntnis gesetzt wird, damit unsererseits das armenische Zentralkomitee in der Schweiz davon verständigt werden kann.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft. Dr. Johannes Lepsius.
An Seine Exzellenz Herrn Unterstaatssekretär Zimmermann, Berlin, Auswärtiges Amt.
259.
Notiz.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 17. April 1916.
Unterzeichneter hat am 13. d. M. dem stellvertretenden Unterstaatssekretär des Auswärtigen Ministeriums Folgendes vorgetragen:
Bitte des Deutschen Vereins für christliches Liebeswerk im Orient in Frankfurt a. M., den in Aleppo tätigen Schwestern des Vereins die Fürsorge für 200 armenische Waisen zu übertragen.
Ich hob hervor, daß Dr. Schuchardt, der Leiter des Vereins, über die Lage orientiert sei, die Behörden von Aleppo machten Anstalt, die Waisen weiter zu verschicken (nach Konia und Eskischéhir in Kleinasien).
Mordtmann.
260.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 27. April 1916.
Über die Verschickung der Armenier, ihre Folgen und Begleiterscheinungen habe ich zuletzt unter dem 9. Februar d. J. berichtet. Das Sterben des Volkes hält seitdem an. Manche der nachfolgend berichteten Einzelzüge tun von neuem dar, daß es planvoll auf seine Aufreibung abgesehen ist.
1. Um die Mitte Februar wurden alle Kinder aus Killis nach Bab überführt, nachdem schon früher die Frauen weiterverschickt waren.
2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor weiterverschickt worden.
3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am 26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.
4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger, Entbehrung und Krankheit dahinraffen.
Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha, täglich 50-100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.
5. Am 6. April war hier bekannt geworden, daß bei Ras ul Ain wieder Massakre vorgekommen seien[128]. Die eine Nachricht besagte, daß der größte Teil des aus 14000 Personen bestehenden Konzentrationslagers niedergemacht sei, während nach einer anderen Nachricht 400 Familien aus dem Lager geführt und unterwegs umgebracht worden seien. -- Nach zuverlässigen Erkundigungen eines Deutschen, der mehrere Tage in Ras ul Ain und Umgegend gewesen ist und mich bei seiner Rückkehr von dort am 22. April besuchte, muß ich folgendes annehmen: Das Lager besteht noch aus höchstens 2000 Verbannten[129]. -- Es sind einen Monat lang täglich oder fast täglich 300-500 Verbannte aus dem Lager geführt und in einer Entfernung von etwa 10 km von Ras ul Ain niedergemacht worden. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen, der auf der großen Kiepertschen Karte von Klein-Asien, Blatt Nsebin (D VI), als Djirdjib el Hamar eingezeichnet ist und der um diese Jahreszeit viel Wasser führte. Ein türkischer Offizier, welcher wegen dieser Vorgänge den Kaimakam von Ras ul Ain zur Rede stellte, habe die ruhige Antwort erhalten, er handle auf Befehl. Durch jene Gegend führt die Etappenstraße der VI. Armee von Ras ul Ain nach Mossul. Da sich dort der Bau von zwei Brücken als notwendig herausgestellt hatte, die VI. Armee aber nicht die nötigen Kräfte dafür bereit hatte, so wurde von der IV. Armee etwa am 15. April ein syrisch-muhammedanisches Pionierbataillon dafür abgegeben. Diese Leute, welche in zwei Tagen von Damaskus nach Ras ul Ain befördert worden sind, von der Lage der verschickten Armenier nichts wußten und unterwegs, wie anzunehmen, nicht beeinflußt worden sind, waren bei Ankunft an Ort und Stelle ganz entsetzt. Sie waren der Ansicht, daß die Armenier durch Soldaten niedergemetzelt seien. Darin kehrt also die Auffassung wieder, daß das Werk auf Befehl vollbracht worden sei. Jedenfalls war dies die in der Gegend allgemein verbreitete Ansicht. Als Henker hat der bei Ras ul Ain ansässige Tscherkessenstamm der Tschetschen gedient.
6. Ende Februar, Anfang März wurde den Armeniern im Arbeiterbataillon Aleppo, teilweise mit Erfolg nahegelegt, zum Islam überzutreten. Im Laufe des Monats März wurden polizeiliche Listen der Armenier Aleppos als Vorbereitung für die Verschickung angefertigt und durch Polizisten die Nachricht verbreitet, die einzige Rettung vor der Verschickung sei der Übertritt zum Islam. Als darauf eine Reihe von Familien um den Übertritt einkam, wurden sie so behandelt, als ob die Gewährung der Bitte eine besondere Gnade sei. Man schreckte also eher wieder ab, sei es, daß man unliebsames Aufsehen fürchtete, sei es, daß die Aufforderung zum Übertritt auf andere als die verantwortlichen Stellen zurückzuführen war, sei es endlich, daß man sich nur daran weiden wollte, mit den Armeniern wie die Katze mit der Maus zu spielen.
7. In Aleppo ist im März und in der ersten Hälfte April nicht nur auf die von außerhalb gekommenen hier versteckten Armenier die schärfste Jagd gemacht, sondern auch mit der Verschickung der hierorts ansässigen Armenier der Anfang gemacht worden. Auch einzelne Frauen und Mädchen wurden auf der Straße aufgegriffen und dieser Zustand zu Willkürakten von Regierungsorganen benutzt. Es wäre vielleicht nicht zu verwundern gewesen, wenn die in ihrer Religion und der Ehre ihrer Frauen angegriffenen Armenier zu Akten der Verzweiflung getrieben worden wären.
Seit dem 18. April ist in Aleppo etwas Ruhe eingetreten und zwar, wie es scheint, auf Intervention der Kaiserlichen Botschaft, welche den Minister des Innern zu dem Befehl an die Ortsbehörden veranlaßt hat, die Ortsansässigen, sowie Katholiken und Protestanten nicht zu verschicken. Die Form, unter welcher der Wali die Pause hat eintreten lassen, war seine Zusage an die hiesige Geistlichkeit, während des Osterfestes Schonung zu gewähren. Man wagt noch nicht zu hoffen, daß die Schonzeit lange dauern oder gar die Gefahr vorüber sei. Auch sind trotz der Zusage unter der Hand immer noch einzelne verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
261.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 28. April 1916.
Die von der Deutschen Orientmission geplante Hilfsexpedition[130] für die notleidenden Armenier in Syrien und Mesopotamien ist diesseits auf der Hohen Pforte zur Sprache gebracht worden. Ich habe dabei hervorheben lassen, daß der genannte Verein hierbei lediglich humanitäre Ziele im Auge habe, wie dies schon daraus sich ergebe, daß es sich in der Hauptsache um Fürsorge für Frauen und Kinder handle, ferner, daß der Verein unter seinen Mitgliedern zahlreiche Persönlichkeiten von Einfluß und Ansehen habe, sowie endlich, daß Herr Lepsius im vorigen Jahre persönlich hierhergekommen sei und sich u. a. durch Rücksprache mit Enver Pascha über die armenische Frage zu unterrichten Gelegenheit gehabt habe.
Die Antwort der Pforte lautete durchaus ablehnend, und zwar mit der Begründung, daß die türkische Regierung keinerlei fremde Hilfsaktion für die Armenier zulassen könnte, da hierdurch die Armenier in ihren Hoffnungen auf das Ausland bestärkt würden. Diese Begründung stimmt wörtlich überein mit der Antwort, die dem Konsul Loytved in Damaskus von Djemal Pascha erteilt wurde, als er den letzteren über die von amerikanischer Seite mit deutscher Beteiligung geplante Hilfsaktion sondierte.
Über eine eventuelle Verteilung der den Armeniern zugedachten Hilfsmittel durch Djemal Pascha hat sich Konsul Loytved auf telegraphische Anfrage dahin geäußert, daß er diesen Modus zunächst nur dort für zweckmäßig erachte, wo Konsulate die Unterorgane Djemal Paschas beaufsichtigen können. Aber auch hierfür müsse die Genehmigung der Zentralregierung eingeholt und dann dem Djemal Pascha Art und Weise der Verteilung von den Geldgebern genau mitgeteilt werden, im übrigen empfehle es sich, die Hilfsaktion wie bisher durch Vertrauenspersonen im geheimen fortzusetzen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
262.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 28. April 1916.
Im Anschluß an Bericht vom 27. März.
Euerer Exzellenz beehre ich mich die von den Konsulaten zu Aleppo und Adana eingegangenen Beantwortungen[131] des Fragebogens des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, ferner ein Schreiben des Konsuls Rößler an Dr. Vischer nebst Unterlage mit dem Anheimstellen zu überreichen, diese Schriftstücke dem genannten Verein übermitteln lassen zu wollen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage 1.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 12. April 1916.
Sehr geehrter Herr Dr. Vischer!
Ihren durch die Kaiserliche Gesandtschaft in Bern eingegangenen Brief vom 7. März habe ich zusammen mit dem weiteren Brief vom 18. März vorgestern erhalten und seine Anlagen an Schwester Beatrice Rohner gegeben, die auch die Beantwortung des Fragebogens übernommen hat. Haben Sie vielen Dank für alle Ihre Bemühungen sowie für die Übersendung zuerst von 10000 Frs., dann von 5000 Frs., welch letzterer Betrag mir dieser Tage ausgezahlt worden ist.
Das erschütternde Bild, das Schwester Beatrice Rohner von dem Unglück entworfen hat, wird Ihre Schweizer Freunde hoffentlich nicht entmutigen, ebensowenig wie der Umstand, daß eine feste Form der Notstandsarbeit nicht in Aussicht steht. Es gilt, wie sie gesagt hat, so viel als möglich vor dem Hungertode zu retten. Bei einer Organisation der Arbeit, wie Einrichtung von Suppenküchen, regelrechten Waisenhäusern, Krankenhäusern usw. würde mit demselben Geld voraussichtlich mehr zu erreichen sein. Die Spender müssen aber die Entsagung üben, die Verhältnisse zu nehmen, wie sie sind, und müssen die der Hilfe entgegenstehenden Schwierigkeiten in den Kauf nehmen. Auch die Amerikaner überlassen alles dem Ermessen der Schwestern Rohner und Schäfer.
Einen Teil des Schweizer Geldes habe ich der Schwester Paula Schäfer überlassen und füge zur Begründung eine Schilderung von ihr vom 1. März in der Anlage bei.
Rößler.
Herrn Dr. Andreas Vischer, Hochwohlgeboren, Basel.
Anlage 2.
Maraschhospital, z. Z. Aleppo.
Aleppo, den 1. März 1916.
Das Krankenhaus Salem in Marasch hat schon seit Beginn der Armenierausweisungen und damit in Hospital und Klinik eine außerordentliche Tätigkeit gehabt -- und mehr als fast möglich -- geleistet an Verpflegung von Vertriebenen, wie Medikamentenausgabe an eben solche in der Klinik.
Bei den außergewöhnlichen Umständen mußte das Krankenhaus, da es der Not wegen das ganze Jahr hindurch offen bleiben mußte (da wir sonst doch für 1-2 Monate schließen), mit all seinen Nahrungsmitteln, wie Medikamenten und Verbandstoffen, ziemlich abwirtschaften, da das monatliche Fixum nicht erhöht werden konnte.
Darum bitte ich, mir einen Zuschuß für diese Notstandsarbeit des Marascher Hospitals freundlich zukommen zu lassen.
Die Not in Marasch wie Umgegend ist unbeschreiblich, besonders in der Basardjikebene, wo Verschickte aus Erzerum angesiedelt wurden, die aber Hungers sterben, wenn wir ihnen nicht auf irgend eine Weise helfen würden.
Es handelt sich darum, für diese Vertriebenen Weizen in großen Mengen anzukaufen.
Schwester Paula Schäfer.
263.
Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?
2. Können Sie uns Mitteilung über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?
3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?
4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?
5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?
Anlage 1.
Aleppo, den 12. April 1916.
Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Frage: Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihren Wirkungskreisen?
Antwort:
Unser Wirkungskreis ist ein doppelter: Schwester Paula Schäfer übernahm die Bahnstrecke Osmanie-Islahije und die Ebene südlich von Marasch, wo sich überall kleinere und größere Lager versprengter, zurückgebliebener Armenier befinden. In Marasch selbst ist unter den dort zurückgebliebenen ca. 7000 Armeniern furchtbare Not. Unter Türken und Armeniern gleich bekannt, kann Schwester Paula an diesen Orten ziemlich ungehindert ihre Arbeit tun.
Dem Einfluß des Herrn Oberst von Kreß ist es gelungen, Ende Dezember Djemal Pascha zu veranlassen, der Unterzeichneten ein Waisenhaus mit ca. 400 Waisen zu übergeben; dadurch war die Möglichkeit geschaffen, in aller Stille Notstandsarbeit zu betreiben. Dieselbe hatte schon im Sommer begonnen und war, von dem deutschen und amerikanischen Konsul unterstützt, durch die evangelischen und gregorianischen Geistlichen weitergeführt worden. Der sich dabei durch besondere Treue und Hingabe auszeichnende Prediger Eskidjian ist vor wenigen Wochen am Flecktyphus gestorben. Im ganzen sind hier 1250 Waisen gesammelt, davon sind 400 bei Prediger Haron Schiradjian, 250 in der gregorianischen Kirche und 600 (früher 400) bei der Unterzeichneten. Anfangs beschaffte die Regierung die nötigen Lebensmittel, doch ließ der Eifer bald nach, seit etwa 5 Wochen bekommen wir noch Brot, und auch das geht zu Ende. Die Lebensmittel sind mehr als vierfach im Preise gestiegen, wir müssen bei der denkbar einfachsten Beköstigung 4 Piaster (80 Cts.) pro Kind täglich rechnen, brauchen demnächst allein für die Waisen in Aleppo 50 Pfund türkisch pro Tag. Außer diesen Kindern halten sich in Aleppo noch ca. 4000 deportierte Armenier als Flüchtlinge versteckt. Sie fliehen vor der Polizei von einem Haus, einem Viertel ins andere und fristen ein jammervolles Dasein. Sie werden unter der Hand von den Vorstehern ihrer Kirchen unterstützt.
Südlich und südöstlich von hier sind noch jetzt ca. 250000 Armenier zerstreut, von denen die meisten, nicht direkt, aber unter der Hand, mit Liebesgaben zu erreichen sind. In der Gegend von Hama, Damaskus, Ostjordanland, am Euphrat, warten viele auf Hilfe.
2. Frage: Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?
Antwort:
Der Zustand der Deportierten spottet jeder Beschreibung. Von Hausrat, Betten, Kleidern, ist natürlich längst nicht mehr die Rede, alles ist verkauft und verzehrt. Auch früher Reichen fehlt es heute am täglichen Brot.
3. Frage: Könnten Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?
Antwort:
Außer der Notstandsarbeit in Aleppo selbst, sind in Killis, Maarra, Hama, Ras-ul-Ain, Damaskus, Der-es-Zor, Kinder gesammelt worden, und es wurden an die erwähnten Ortschaften, wie auch nach Bab, Meskene, Sabkha, bis nach Ana hinunter größere Summen zur Linderung der Not geschickt. Dies konnte natürlich nur durch Vermittlung treuer eingeborener Christen geschehen und ist Gott sei Dank bis heute gelungen, ohne den Verdacht der Regierung auf uns zu lenken.
4. Frage: In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?
Antwort:
Außer 4000 Pfund monatlich für Aleppo wären pro Person 2 Piaster Unterstützung gerechnet, täglich 100000[132] Frs. nötig. Es gilt so viele als möglich vom Hungertode zu retten und womöglich bis nach dem Krieg zu erhalten.
5. Frage: Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?
Antwort:
Hilfskräfte müssen aus dem Volke selbst herangezogen werden. Eine europäische Organisation würde nur dazu dienen, der Sache ein jähes Ende zu bereiten.
Beatrice Rohner.
Anlage 2.
Deutsches Konsulat. Adana, den 15. April 1916.
Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Rund 1000 deportierte Armenier sind zurzeit auf der Baustrecke der Bagdadbahn als Handwerker und Arbeiter, einige von ihnen als Bau- und Transportunternehmer der Baugesellschaft beschäftigt.
2. Die Leute werden von der Bagdadbahn-Baugesellschaft reichlich bezahlt und bedürfen daher keiner Unterstützung.
3.-5. Diese Fragen erledigen sich durch die Beantwortung der ersten beiden Fragen.
Bemerkung: Das deutsche Waisenhaus in Harunije hat sich zur Zeit, als große Scharen Deportierter namentlich in Osmanie lagen, dieser angenommen und die hierfür nötigen Mittel von amerikanischer Seite erhalten. Gegenwärtig ist diese Hilfstätigkeit in das Wilajet Aleppo verlegt worden.
Anlage 3.
Deutsches Konsulat. Damaskus, den 17. April 1916.
Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise...?: Im Wilajet Damaskus gegen 2000 Familien zu je 5 Köpfen.
2. Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?: Höchstens 10 vom Hundert können sich durch eigene Geldmittel erhalten. Den übrigen fehlt alles zum Lebensunterhalt. Sie werden auch größtenteils bisher zu keiner Beschäftigung zugelassen.
3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?: Die eingegangenen Unterstützungen habe ich bisher durch den armenischen Prediger V. B. Tahmissian den hilfsbedürftigen Armeniern zukommen lassen. Diesem stehen vier Vertrauensleute in der Stadt Damaskus und weitere Hilfskräfte im Wilajet Damaskus zur Verfügung.
4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?: Für den Lebensunterhalt ist vorläufig wenigstens 1 Frs. täglich zu rechnen. 10000 Armenier im ganzen, davon 1000 Armenier nicht unterstützungsbedürftig, bleiben 9000 Armenier, die hilfsbedürftig sind. Täglich würden 9000 Frs. erforderlich sein.
5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?: Weitere Hilfskräfte sollen nach Ansicht des Predigers Tahmissian nicht unbedingt erforderlich sein. Die Hilfskräfte arbeiten alle im geheimen, da die türkische Regierung eine offene Hilfsarbeit verbietet.
Anlage 4.
Deutsches Konsulat. Mossul, den 4. Mai 1916.
Beantwortung.
Zu 1. Die Zahl der nach dem Wilajet Mossul deportierten Armenier wechselt dauernd infolge starker Mortalität, sowie infolge dauernden Weiterschubs und neuen Zuzugs. Zurzeit befinden sich im Wilajet Mossul ungefähr 4-5000 deportierte Armenier aus Erzerum, Bitlis, Ras ul Ain, Der-es-Zor, hauptsächlich Frauen und Kinder. Auf diesem Bestand dürfte auch künftig auf längere Zeit hinaus die Zahl der ins hiesige Wilajet deportierten Armenier bleiben.
Zu 2. Ein geringer Teil der Deportierten (nur Frauen und Kinder und etwa 200 Männer) hat, soweit die Stadt Mossul selbst in Frage kommt, Unterkunft in hiesigen christlichen und muhammedanischen Familien gefunden. Der Zustand dieser Wenigen, die von seiten der Regierung keinerlei Unterstützung erhalten, ist erträglich. Der Rest ist in Mossul, Kerkuk und Suleimanijeh in ihrem Bestande nach dauernd wechselnden Lagern untergebracht. Ihr Zustand ist mehr als elend. Offiziell soll die Regierung an die deportierten Armenier pro Kopf und pro Tag einen Piaster (20 Pf.) zahlen, wovon sich die Deportierten alsdann selber zu verpflegen haben. Die Zahlung dieser Unterstützungsgelder erfolgt jedoch sehr unregelmäßig, häufig überhaupt nicht, so daß eine große Anzahl der Deportierten aufs Betteln angewiesen ist. Es fehlt den Leuten hauptsächlich an Kleidung aller Art, an ärztlicher Behandlung und an Nahrungs- und Arzneimitteln. Voraussetzung für eine wirksame Hilfe ist, daß die Deportierten zunächst mal an zu bestimmenden Orten definitiv verbleiben dürfen und nicht wie es bisher geschehen ist und noch dauernd geschieht, je nach Gutdünken der sich mit jenen Angelegenheiten befassenden und sehr skrupellos vorgehenden türkischen „Spezialkommissionen“ ruhelos hin- und hergehetzt werden. Solange dies letzter Verfahren weiter angewandt wird, ist jede wirksame Hilfe ausgeschlossen. Die Zahlung von Unterstützungen in diesem Falle würde nur eine Verlängerung der Leiden der Deportierten bedeuten und ihr elendes Ende nur etwas weiter hinausschieben.
Zu 3. Unterstützungen an die im Wilajet Mossul befindlichen deportierten Armenier könnten durch Vermittlung des Konsulats geführt werden, und zwar direkt oder auch durch Inanspruchnahme der betreffenden türkischen Deportiertenkommissionen, im Einvernehmen mit der Regierung.
Zu 4. Bei Berechnung von 1 Ltq. pro Kopf, welcher Betrag zur Beschaffung von Kleidern und Wäsche genügen und wovon noch pro Kopf ein kleiner Barbetrag übrig bleiben würde, würde für die ins hiesige Wilajet deportierten Armenier eine Summe von 4-5000 Ltq. erforderlich sein.
Zu 5. Eine, die Landessprachen (arabisch und türkisch) beherrschende Persönlichkeit als Hilfskraft für Rechnungsführung, Beschaffung der nötigen Gegenstände etc. wäre erforderlich. Diese Hilfskraft kann hier beschafft werden. Monatsremuneration von 4-6 Ltq.
_Mai._
264.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 11. Mai 1916.
Nachdem die türkische Regierung im letzten Jahre den Entschluß gefaßt hatte, die armenische Bevölkerung aus gewissen Teilen des Landes abzuschieben, hatte sie auf Grund der von hier aus unternommenen Schritte wiederholt zugesichert, die Armenier römisch-katholischen und protestantischen Glaubens soweit als irgend möglich von der Verschickung auszunehmen. Trotz dieses Versprechens ist es vorgekommen, daß auch diese Armenier von Haus und Hof vertrieben wurden. In einzelnen Fällen konnten allerdings die bereits eingeleiteten Austreibungen wieder rückgängig gemacht werden.
Gleichzeitig mit der Vertreibung der armenischen Bevölkerung trafen aus verschiedenen Gegenden des türkischen Reiches Meldungen hier ein, wonach, zum Teil mit Hilfe der türkischen Behörden, eine zwangsweise Bekehrung der Bevölkerung zum Islam eingeleitet worden war. Von der Zentralregierung in Konstantinopel wurde die Richtigkeit dieser Vorgänge stets in Abrede gezogen. Sowohl Halil Bey als Talaat Bey versicherten mir wiederholt, daß ihnen jedes Vorgehen gegen die christlichen Elemente der armenischen Bevölkerung durchaus fernliege, etwaige Ausschreitungen der Unterbehörden würden aufs strengste geahndet werden. Im Laufe des Monats März und Anfang April liefen hier wiederum Meldungen ein, wonach besonders in Aintab, Cäsarea, Aleppo und Adrianopel mit Hilfe der türkischen Behörden Bekehrungen der zurückgebliebenen christlichen Armenier zum Islam stattfinden. Auch in Urfa sollten die Insassen des dortigen armenischen Waisenhauses und die zurückgebliebenen armenischen Frauen zwangsweise zum Islam bekehrt worden sein.
Ich habe diese Vorgänge Ende v. M. zur Kenntnis der Pforte gebracht und energisch um Abstellung ersucht. Halil Bey versicherte mir erneut, daß der Zentralregierung in Konstantinopel von diesen Vorgängen nichts bekannt sei. Nach Rücksprache mit seinem Kollegen Talaat Bey erklärte er, es seien neuerdings strengste Weisungen an die Provinzbehörden ergangen, alle Versuche, die christliche armenische Bevölkerung zum Islam zu bekehren, zu unterlassen. Außerdem sei den Provinzbehörden streng verboten worden, selbst etwaige freiwillige Anerbietungen zum Übertritt zum Islam entgegenzunehmen. Seit dieser Zeit sind keine neuen Meldungen über Bekehrungsversuche der armenischen Bevölkerung hier eingetroffen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
265.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. Mai 1916. Ankunft in Pera, den 12. Mai 1916.
An Deutsche Botschaft in Konstantinopel.
Mutessarrif von Marasch, der bisher den Armeniern gegenüber milde war, hat einer deutschen Schwester folgendes erzählt: „Armenier seien aufgegriffen, die sich als Syrer ausgaben und im Besitze neuer englischer Waffen waren. Verhör durch Mutessarrif persönlich habe ergeben: Sie gehören einer geheimen Verbindung an, die Beziehungen zu Russen und Engländern habe. Sie gaben viele Namen an, auch eine Straße und Haus in Aleppo, wo Waffendepot sein sollte, das auch tatsächlich gefunden worden sei.“
Offenbar handelt es sich um Leute, die sich aus der Verschickung einzeln in die Zeitungegend zurückgeschlichen haben. Nach hiesiger Version ist mit Waffen desertierter Soldaten zu geschäftlichen Zwecken Handel getrieben worden, wobei auch Muhammedaner und Juden beteiligt waren.
Wali von Aleppo hat erklärt: „Djemal Pascha habe auf diese Vorgänge hin Befehl gegeben, Marasch ganz zu räumen, und von Aleppo alle ausgewiesenen von außerhalb ohne jede Ausnahme weiter zu schicken, während die in Aleppo ansässigen Armenier, weil tatsächlich schuldlos, ausgenommen seien.“
Außerdem sollen die hiesigen 1400 Waisenkinder zum Teil vom jungtürkischen Komitee übernommen, zum Teil nach Konia, Eskischehir, Konstantinopel geschickt werden.
Wali will beantragen, daß der Schwester Rohner 100 oder wenigstens 50 Waisen belassen werden, mit denen sie wahrscheinlich nach Konia übersiedeln soll.
Rößler.
266.
Berlin, den 13. Mai 1916.
Euere Exzellenz
haben durch Herrn Dr. Lepsius dieser Tage einen französischen Bericht über die Rede des russischen Parlamentariers Miljukow in Sachen der Armenier vorgelegt erhalten. Wie mir Herr Dr. Lepsius mitteilte, fehlte in der französischen Wiedergabe der Miljukowschen Rede die Angabe des Datums und der näheren Umstände. Ich habe das Stück in dem Dumabericht der Zeitung „Rjetsch“, Nr. 70, vom 25. März d. J., aufsuchen und übersetzen lassen.
Dabei möchte ich mir gestatten, die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz auf den ungemein wichtigen ~Schlußpassus bei Miljukow hinzulenken~, wo deutlich gesagt ist, ~daß die russische Regierung die Besiedelung des eroberten Gebiets in Türkisch-Armenien mit Kosaken~, also mit einer militärisch organisierten russischen Grenzbevölkerung, ~beabsichtigt~. Die gleichfalls von Miljukow erwähnten Bemühungen russischerseits, die Kurden ansässig zu machen, dürften so zu erklären sein, daß man daran denkt, das türkische System, nach dem die Kurdenstämme zu einer irregulären berittenen Miliz organisiert waren, zu übernehmen und in russischem Sinne auszubauen. Schon vor dem Kriege befolgte die russische Regierung die Praxis, die Kurden mit Waffen und Geld zu versehen und sie sowohl gegen die Türkei als auch gegen die Armenier aufzuhetzen, während umgekehrt den Armeniern Schutz vor den Kurden in Aussicht gestellt wurde, sobald sie für ihre Rettung auf Rußland bauen würden.
Wie weit die Pläne der russischen Regierung bereits in der Ausführung begriffen sind, geht aus der Mitteilung Miljukows hervor, der von den Einwohnern (d. h. also auch von den geflüchteten Armeniern) hinterlassene Besitz -- es ist damit natürlich der unbewegliche Besitz, der Grund und Boden gemeint -- sei als russisches Staatseigentum erklärt worden.
Dr. Paul Rohrbach.
An Seine Exzellenz den Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Dr. v. Jagow.
Anlage.
Rjetsch Nr. 70 vom 25. März 1916.
Miljukow in der Reichsduma über die armenische Frage.
Leider sind Anzeichen vorhanden, die dafür sprechen, daß sich auch hier wiederum Dinge wiederholen können, die die traurige Erinnerung an die galizische Epopöe wachrufen. Diese Anzeichen treten bereits in die Erscheinung: es ist das viel zu leichtfertige Verhalten zu dem von den Einwohnern hinterlassenen Besitz, welcher aus irgend welchen Gründen als Staatseigentum erklärt wurde (Stimme von links: „Januschkewitsch“)... Ja, das ist Januschkewitsch, das ist die Politik Januschkewitschs -- das ungleichmäßige Verhalten zu den Völkerschaften. Wir sind geneigt, die Kurden, diese unverbesserlichen Nomaden, zu unterstützen, und bemühen uns sogar, Ackerbauer aus ihnen zu machen -- auf Kosten ihrer alten Opfer -- der Armenier. Vor noch nicht langer Zeit nahm der Kurde dem Armenier Land fort, entführte ihm Weib und Tochter, beraubte und erschlug ihn, aber jetzt wird diesem Feinde von gestern aufgewartet, wie einem Freunde, und es wird ihm sichtlich der Vorzug vor dem alten Freunde, dem Armenier, gegeben. Erinnern wir uns, meine Herren, der Worte Doumergues an die Adresse der Armenier: Mögen die Opfer der Toten den Lebenden angerechnet werden. Wir wollen nicht die Früchte der Plünderung und des Landraubs sanktionieren -- was nur auf dem Boden der alten Türkei möglich war. Aber noch weniger dürfen wir an eine Umwandlung des angestammten armenischen Landes in irgend ein Territorium eines Neu-Euphratischen Kosakentums denken. Setzen wir nicht die Arbeit der Türken fort! Entsagen wir wenigstens hier im feierlichen Moment der Wiederherstellung des verletzten Rechtes und der Gerechtigkeit -- den engen Plänen des nationalistischen Egoismus.
267.
Berlin, den 27. Mai 1916.
Euerer Exzellenz gestatte ich mir nachstehendes über erneut einsetzende Verfolgungen der Christen im Orient zu unterbreiten.
Von zwei absolut sicheren Vertrauensmännern, von denen der eine gestern mit dem Balkanzug aus Konstantinopel hier eingetroffen ist, erfahre ich folgendes:
„Von Angora kommen böse Nachrichten. Die Polizei verbot dem dortigen deutschen katholischen Geistlichen jeden Beistand an katholische Armenier, auch an Sterbende. Die Frauen, durch die man Almosen verteilen ließ, wurden eingesperrt. Sodann ist der Generalvikar des griechisch-katholischen Bischofs von Beirut in Angora eingetroffen und wird von dort weiter deportiert.“
Nachdem bisher die türkische Regierung auf das Bestimmteste zugesagt hat, daß gegen die ruhigen Armenier und die Christen in Syrien nichts unternommen werden soll, jetzt aber mit solchen Zwangsmaßregeln vorgeht, würde ich Euere Exzellenz sehr dankbar sein, wenn Euere Exzellenz die Güte hätten, die türkische Regierung erneut darauf hinweisen zu lassen, wie sehr die Dauerhaftigkeit des Bündnisses mit Deutschland erschwert wird, wenn solch ungesetzliches Verhalten ohne jeden Anlaß fortgesetzt wird; denn weder in Aleppo noch in Syrien kann es sich um Strafen gegen aufrührerische Elemente handeln.
Erzberger, Mitglied des Reichstages.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 30. Mai 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel
zur gefälligen Kenntnisnahme und mit dem Anheimstellen der geeignet erscheinenden weiteren Veranlassung ergebenst übersandt.
Stumm.
_Juni._
268.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 5. Juni 1916.
Auf Erlaß vom 30. Mai 1916.
Die in dem Schreiben des Abgeordneten Erzberger enthaltenen Nachrichten aus Angora hatten mich schon vor einiger Zeit veranlaßt, bei Halil Bey energische Vorstellungen gegen das Vorgehen der dortigen Behörden zu erheben. Auf Grund meiner Schritte ist auch sofort ein Gegenbefehl durch das Ministerium des Innern erlassen und Abhilfe geschaffen worden.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
269.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 7. Juni 1916.
An Konsulat Damaskus.
Konsulat Aleppo meldet unter dem 5. Juni:
„Offenbar steht die Weiterverschickung aller auswärtigen Armenier von Aleppo unmittelbar bevor. Seit vorgestern werden auch denjenigen, die Aufenthaltserlaubnis für Aleppo besaßen, ihre Scheine abgenommen. Anscheinend ist eine Bekanntmachung im Druck, wonach alle Genannten Aleppo binnen wenigen Tagen verlassen sollen, widrigenfalls sie erschossen würden.“
Ich bitte, bei Djemal Pascha in geeigneter Form gegen eine solche Maßregel Vorstellung zu erheben und über das Ergebnis telegraphisch zu berichten.
Metternich.
270.
(Kaiserliches Konsulat Damaskus.)
Telegramm.
Damaskus, den 11. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 7. Juni.
Auf meine Vorstellungen teilte mir Djemal Pascha mit, daß diejenigen Armenier, denen er Aufenthaltsscheine für Aleppo erteilt habe, nicht weiter verschickt werden würden. Zur Verschickung der übrigen eingewanderten Armenier sähe er sich gezwungen, weil von ihnen in Aleppo ein geheimes Aktionskomitee gegen die türkische Regierung gebildet worden sei.
Loytved.
Halil Bey sagte mir heute, es würden keine Armenier aus Aleppo oder Angora mehr verschickt.
12.6. Metternich.
271.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 17. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Es scheint, daß die Vorstellungen bei Djemal Pascha doch etwas gewirkt haben. Die geplante Verschickung ist bisher jedenfalls unterblieben.
Rößler.
272.
Deutsche Botschaft Konstantinopel.
Pera, le 19 juin 1916.
Aide-Mémoire.
L’Ambassade Impériale d’Allemagne vient d’être informé que les Arméniens déportés à Alep et qui s’y étaient installés avec la permission du Gouvernement Impérial, allaient être de nouveau expulsés par ordre des autorités militaires.
A cette occasion l’Ambassade a l’honneur de renouveler sa prière de vouloir bien exempter de cette mesure les déportés appartenant aux communautés catholiques et protestantes ainsi que ceux qui se trouvent en possession de permis de séjours en règle.
En même temps l’Ambassade se permet d’attirer l’attention du Gouvernement Impérial sur la situation des Arméniens en cours de déportation et se trouvant à Angora, Afioun-Karahissar, Eski-Chéhir et Konia; elle prie de vouloir bien aviser aux moyens nécessaires afin que ces exilés et notamment les membres des deux communautés précitées puissent rester dans ces localités, sans être exposés à une nouvelle déportation dont ils paraissent être menacés.
den 19. 6. 1916.
Halil Bey heute mündlich mitgeteilt. Erklärte, daß keine Austreibungen mehr stattfinden.
Metternich.
273.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 19. Juni 1916.
Verschiedene Meldungen aus dem Innern Kleinasiens, wonach in der letzten Zeit erneute Austreibungen von Armeniern stattfinden oder von den türkischen Behörden in Aussicht gestellt sind, veranlaßten mich heute, Halil Bey davon Mitteilung zu machen. Der Minister versicherte mir, die türkische Regierung beabsichtige keine Austreibungen mehr vorzunehmen, werde jedoch über die angegebenen Fälle Erkundigungen einziehen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
274.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 17. Juni 1916.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Berichtes der Schwester Beatrice Rohner an Mr. Peet in Konstantinopel, mit welchem sie ihre Abrechnung über 7435 Ltq. vom 1. Januar bis 1. Juni d. J. durch sie zur Verteilung gelangte amerikanische Notstandsgelder begleitet hat.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Bericht über Notstandsarbeit in Aleppo 1. Januar bis 1. Juni 1916.
Als ich Ende Dezember 1915 mit Schwester Paula Schäfer nach Aleppo kam, um wenn möglich eine Erlaubnis zu erwirken, weiter nach Süden den Vertriebenen nachziehen zu können, war die Notstandsarbeit bereits im Gange. Die durch den amerikanischen Konsul eingehenden Gelder wurden in der Hauptsache von dem protestantischen Prediger Ohannes Eskidjian verwaltet. Es bestanden bereits mehrere Waisenhäuser und die verschiedenen Gemeinden versorgten ihre Armen soweit die eingehenden Mittel reichten. Natürlich dachten wir da zunächst nicht daran, hier die Arbeit zu übernehmen, bis Djemal Paschas abschlägige Antwort auf unsere Reisevorschläge und seine dringende Aufforderung uns des einen sehr vernachlässigten Waisenhauses anzunehmen, mich nötigte, einstweilen in Aleppo zu bleiben. Bis Ende März beschränkte ich meine Tätigkeit auf die mir übergebenen 350 Kinder und half persönlich, wo die Not an mich herantrat. Als aber Badwelli Eskidjian sowohl als der Hausvater eines Waisenhauses Ende März starben, übernahm ich nach seinem Wunsch die Notstandsarbeit ganz, sowie auch das Waisenhaus, das er mit Erlaubnis der Regierung eröffnet hatte. Wie aus der Abrechnung von April und Mai hervorgeht, habe ich Gelegenheit, Gelder nach den verschiedensten Richtungen zu versenden. Mit der Post können natürlich nur kleine Beträge unauffällig gesandt werden, aber Geschäftsleute und Durchreisende, auch einzelne mutige junge Armenier, denen es gelingt, zwischen Aleppo und Der-es-Zor zu reisen, vermitteln größere Summen. Die Schwierigkeit in dieser Arbeit besteht hauptsächlich in der mangelnden Organisation, aber es ist unmöglich, jetzt Komitees zu bilden, ohne sofort den Verdacht der Regierung auf sich zu laden. Auch Quittungen sind nicht zu bekommen, da sich die Leute aus Furcht weigern, ihre Unterschrift zu geben. Daß diese Art der Arbeit viel unzufriedene Gemüter aufregt, läßt sich denken; manches fühlt sich übergangen und andere vorgezogen; man kritisiert diejenigen, welche die Gelder verwalten. Hoffentlich hat dies nicht noch schließlich zur Folge, daß die Regierung doch aufmerksam wird, und daß diese letzte Hilfsquelle abgeschnitten wird.
Beatrice Rohner.
275.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 19. Juni 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.
Metternich.
Kaiserliches Konsulat. Damaskus, den 30. Mai 1916.
Wie ich im März d. J. telegraphisch zu melden die Ehre hatte, hat Djemal Pascha ein Hilfswerk für die hierher ausgewiesenen Armenier organisiert, das seit etwa sechs Wochen an der Arbeit ist. An der Spitze dieser Organisation steht der ehemalige Wali von Salonik und Aleppo, Hussein Kasim Bey, der allgemein als gediegener Charakter und rührig geschätzt wird. Ihm zur Seite stehen zwei höhere außer Dienst befindliche Beamte und der stellvertretende Wali von Damaskus. Auch diese drei Kommissionsmitglieder genießen einen guten Ruf.
Hussein Kasim Bey bereiste seit vorigem Monat die im Hauran und südlich davon gelegenen Gebiete, in denen sich Armenier befinden. In Deraa hat er zunächst Brot an die Armenier verteilen lassen und eine Entlausungs- und Badeanstalt mit Krankenhaus errichtet. Von dort aus wurden nach erfolgter Reinigung viele Armenier nach verschiedenen Orten verschickt, in denen sie Arbeit finden konnten. Gegen 700 Witwen und Waisen kamen nach Hama, wo sie in einer Wirkfabrik arbeiten.
Vorgestern traf ich gelegentlich eines Essens, das Djemal Pascha gab, den Hussein Kasim Bey. Als er mich sah, sagte er mir, daß er mich dringend sprechen möchte. Er erklärte mir in sehr erregtem Tone, daß er sein Amt als Vorsitzender der Armenierkommission niederlegen wolle, da er nicht mehr arbeiten könne. Seine Maßregeln werden nicht nur nicht ausgeführt, sondern die Behörden handeln ihnen entgegen. Die Armenier, die er programmäßig von Deraa nach Damaskus schicke, werden von den hiesigen Stadtbehörden wieder zurückgeschickt. Die Regierung stelle ihm viel zu wenig Geldmittel zur Verfügung, um wirksam der großen Not der Armenier entgegentreten zu können. Er sei ganz verzagt und glaube überhaupt nicht mehr an den ernsten Willen der türkischen Regierung, den ausgewiesenen Armeniern helfen zu wollen. Er fürchte sogar, daß man sie systematisch ausrotten wolle. Er höre, daß die nach Aleppo geleiteten Armenier wieder nach dem Osten in der Richtung nach Mossul und Der-es-Zor gebracht würden, wahrscheinlich um den Beduinen zum Opfer zu fallen. Diese grausame Vernichtungspolitik sei eine Schmach für die Türkei und würde nach dem Frieden der Türkei sehr schaden und auch Deutschland in Verlegenheit bringen, weil es von der Welt beschuldigt würde, nicht wirkungsvoller für die Armenier eingetreten zu sein. Er finde keinen anderen Ausweg, als daß Deutschland dahin wirke, daß alle Armenier nach irgend einem Land -- er meinte Südamerika -- baldigst verschickt würden. Auf diese Weise würde man der Türkei und den Armeniern am besten helfen.
Ich wies ihn auf die armenierfeindliche Stimmung bei den maßgebenden Komiteemitgliedern in Konstantinopel hin, gegen die selbst Djemal Pascha scheinbar nicht aufkommen könne. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß Deutschland, soweit die gegenwärtige Lage es erlaube, den Armeniern nach Möglichkeit helfe, und bat ihn, im Interesse der Sache sein gedachtes Amt nicht niederzulegen und trotz aller Gegenströmungen weiter zu arbeiten. Er wird, sobald Djemal Pascha in einigen Tagen von Aleppo zurückkommt, mit ihm weiter verhandeln und, wenn ihm nicht mehr Machtvollkommenheit und Geldmittel zur Verfügung gestellt werden, auf sein Ehrenamt verzichten. Nach seiner Schätzung befinden sich zwischen Aleppo und dem Hedjas 60000 Armenier. Falls das Schweizerische Hilfswerk Geldmittel für die hiesigen Armenier zur Verfügung stellen will, würde ich empfehlen, durch das Konsulat unter der Hand dem Hussein Kasim Bey, zu dem ich volles Vertrauen habe, Geld für den gedachten Zweck zu geben. Es scheint Eile dringend geboten, weil die Not groß ist.
Loytved Hardegg.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Herrn Botschafter Grafen von Wolff-Metternich, Konstantinopel.
276.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Therapia, den 19. Juni 1916.
An das Auswärtige Amt.
Für Herrn von Gwinner und Geh. Rat Riese, Berlin:
Aus Airan drahten Winkler und Morf vom 18. Juni, daß infolge Austreibung armenischer und dadurch veranlaßter Flucht türkischer Arbeiter im Amanus nur 2900 Arbeiter von zusammen 5300 verblieben. Weitere Abnahme der Arbeiterzahl wird infolge andauernder Austreibung mit Sicherheit eintreten. Infolge Fehlens aller gelernten Arbeiter ist mit den Verbliebenen der Fortschritt der Bauarbeiten und der Betrieb des Bahnhofs unmöglich. Vor einigen Tagen auf unsere Vorstellungen vom türkischen Kriegsministerium gegebener Gegenbefehl erfolglos geblieben. Anwerbung neuer Arbeiter ist heute unmöglich. Entsprechende Zahl Arbeitersoldaten zu stellen, würde längere Zeit erfordern, und wegen Ungeübtheit neuer Arbeiter weitere Verlängerung der Bauzeit um mindestens drei Monate verursachen. Im großen Amanustunnel besteht Gefahr Einbruchs ausgezimmerter unsicherer Abschnitte und damit lange dauernde Unterbrechung des Betriebes. Polizei verweigert unseren Ingenieuren und Arbeitern Eintritt in den großen Tunnel zur Ausführung unbedingt notwendiger Sicherungen. Da auch zwei armenische Ärzte und 43 Apotheker und Pfleger vertrieben sind, liegen Kranke unversorgt in Hospitälern Bagtsche, Yarbaschi und Entilli, was bei vorhandener Seuche größte Gefahr bedeutet. Bitte dringende Vorstellung bei deutschem Großen Hauptquartier, Kriegsministerium, Auswärtigem Amt und außerdem bei Generalmajor von Lossow zu erheben, der im Hauptquartier oder in Berlin. -- Anatolische Bahngesellschaft.
Grages.
277.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Therapia, den 21. Juni 1916.
An Auswärtiges Amt.
Für Deutsche Bank und für Riese:
Der Kriegsminister hat heute dem Kommandanten der IV. Armee und dem Wali von Adana telegraphisch befohlen, daß die ausgetriebenen Armenier nach ihren Arbeitsstellen zurückgeführt werden.
Grages.
278.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 22. Juni 1916.
An Auswärtiges Amt.
Anatolische Bahngesellschaft an von Gwinner und Riese.
Winkler drahtet heute wie folgt:
Der Wali erklärt, keinen Befehl zur Rückkehr der Vertriebenen erhalten zu haben, sondern nur einen Befehl, durch den die Zahl der noch zu Vertreibenden beschränkt wird[133]. Der Wali erklärte obendrein, daß er einen derartigen Befehl, auch wenn er ihn erhalten würde, nicht befolgen würde; er fügte hinzu, das könne ein anderer Wali besorgen.
Neurath.
279.
Kaiserliches Deutsches Generalkonsulat. Jerusalem, den 26. Juni 1916.
Der armenische Patriarch hat mich heute besucht, um mir mitzuteilen, daß die im Ost-Jordanland angesiedelten Armenier gewaltsam zum Islam bekehrt würden. Der frühere Ansiedlungskommissar Kiazim sei ziemlich milde gewesen; sein kürzlich aus Konstantinopel gekommener Nachfolger Kanal wende indes brutale Mittel an. Unter seinem Druck hätten sich in Deraa kürzlich 3500 Personen zum Übertritt zum Islam bereit erklärt.
Die Zahl der im Ostjordanland angesiedelten Armenier bezifferte der Patriarch auf 15000 im Hauran, und 3-4000 in Kerak.
Dr. Brode.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich in Konstantinopel.
280.
(Kaiserliches Konsulat Siwas.)
Telegramm.
Abgang aus Siwas, den 27. Juni 1916. Ankunft in Therapia, den 28. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern Abend sind alle noch hier verbliebenen, zu Wegbauten und zum Pionierregiment gehörenden Armenier, ferner die der Gewerbeschule und auch alle Griechen in der armenischen Kirche eingesperrt worden. Die Griechen und zum Islam übergetretenen Armenier sind nach einer heftigen Bastonnade heute wieder freigelassen worden, den anderen Armeniern ist durch die Behörden angeraten worden, zum Islam überzutreten. Weigern sie sich, so werden sie verschickt.
Werth.
281.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 27. Juni 1916. Ankunft in Therapia, den 28. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an Telegramm vom 17. Mai.
Unter dem Vorwand, es handele sich um sanitäre Maßregeln oder politisch Verdächtige, hat seit dem 19. Juni wieder rücksichtslose Verschickung aus Aleppo begonnen, auch von solchen, die seit langer Zeit hier ansässig.
Rößler.
282.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 30. Juni 1916.
Ich habe die Vertreibung der armenischen Arbeiter von der Amanusstrecke, wodurch die Kriegführung geschädigt wird, mit Talaat Bey und Halil Bey besprochen. Diese Maßregel, so sagte ich u. a. den Ministern, mache den Eindruck, als ob die türkische Regierung selbst darauf bedacht sei, den Krieg zu verlieren.
Der Vorgang ist lehrreich nach verschiedenen Richtungen hin. Leute wie Talaat und Enver wissen wohl, daß dem Kriegszweck durch die Gefährdung des Eisenbahnbetriebes und -baues am Amanus geschadet wird. Es hat aber niemand hier mehr die Macht, die vielköpfige Hydra des Komitees, den Chauvinismus und Fanatismus, zu bändigen. Das Komitee verlangt die Vertilgung der letzten Reste der Armenier, und die Regierung muß nachgeben. Das Komitee bedeutet aber nicht nur die Organisation der Regierungspartei in der Hauptstadt. Das Komitee ist über alle Wilajets verbreitet. Jedem Wali bis zum Kaimakam (Landrat) herab steht ein Komiteemitglied zur Unterstützung oder zur Überwachung zur Seite. Die Armeniervertreibungen haben überall wieder begonnen. Von diesen Unglücklichen haben die hungrigen Wölfe des Komitees außer der Befriedigung ihrer fanatischen Verfolgungswut aber nicht mehr viel zu erwarten. Ihre Güter sind längst eingezogen, und ihr Vermögen ist durch eine sogenannte Kommission liquidiert worden, d. h. wenn beispielsweise ein Armenier ein Haus im Werte von 100 Ltq. besaß, so ist es einem Türken, Freund oder Mitglied des Komitees, für etwa 2 Ltq. zugeschlagen worden. Von den Armeniern ist also nicht mehr viel zu holen. Die Meute bereitet sich daher auch schon mit Ungeduld auf den Augenblick vor, wo Griechenland, von der Entente gezwungen, sich gegen die Türkei oder deren Verbündete richten wird. Es werden dann Massakres in weit größerem Umfange eintreten, als bei den Armeniern. Die Opfer sind zahlreicher und die Beute ist verlockender. Das Griechentum bildet das Kulturelement der Türkei. Es wird dann vernichtet werden, ebenso wie das armenische, wenn äußere Einflüsse nicht Einhalt gebieten. Türkisieren heißt, alles nicht Türkische vertreiben oder töten, vernichten und sich gewaltsam anderer Leute Besitz aneignen. Hierin und im Nachplärren freiheitlicher französischer Phrasen besteht vorläufig die berühmte Wiedergeburt der Türkei. Leute wie Talaat, die den ehrlichen Willen haben, die Türkei vorwärts zu bringen, obgleich auch er nur Machtpolitik kennt, müssen sich der vielköpfigen Hydra fügen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
283.
(Kaiserliches Konsulat Damaskus.)
Telegramm.
Abgang aus Damaskus, den 30. Juni 1916. Ankunft in Therapia, den 1. Juli 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden. In Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen; nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu. Da Djemal Pascha in Jerusalem ist, habe ich einen hiesigen muhammedanischen Notabeln, der gegen diese zwangsweisen Religionsänderungen ist, veranlaßt, den Gereanten des Wilajets aufmerksam zu machen, daß diese Maßnahme in Deutschland eine starke Strömung gegen die jungtürkische Regierung hervorrufen würde. Politische Vorteile, die durch solche Versuche, die Armenier zu entnationalisieren und ihre Beziehungen zu den christlichen Mächten abzuschneiden, vielleicht hier erreicht würden, ständen nicht im Verhältnis zu den Nachteilen, die durch die Gegenstimmung in Europa und Amerika gegen die Türkei entstehen würden. Der Gereant des Wilajets, der diese Besprechung an Djemal Pascha gedrahtet haben dürfte, bestritt die Islamisierungsversuche.
Loytved.
_Juli._
284.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 8. Juli 1916.
An Deutsches Konsulat, Damaskus.
Antwort auf Telegramm vom 30. Juni.
Auch anderwärts wird trotz der offiziellen Dementis und trotz angeblicher Gegenbefehle die Islamisierung der Armenier durchgeführt. Unsere Gegenvorstellungen sind nutzlos; doch bin ich mit Ihrer Demarche einverstanden.
Metternich.
285.
Telegramm.
Großes Hauptquartier, den 1. Juli 1916. Ankunft, den 1. Juli 1916.
Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.
General von Falkenhayn hat am 29. 6. an Enver Pascha gedrahtet:
„Wie ich erfahre, ist durch die Ausweisung von Arbeitern, die im Amanus- und Taurusgebiet beschäftigt waren, eine vollständige Betriebseinstellung verursacht worden, deren Ende sich nicht absehen läßt. Ich würde es in hohem Maße für die Gesamtlage bedauern, wenn dadurch auch nur ein Aufschub der geplanten Operationen notwendig würde, und würde Euerer Exzellenz für eine Orientierung über die Folgen des bedauerlichen Vorfalls dankbar sein. Wegen der Behinderung des Nachschubs für die deutschen Formationen in Kleinasien liegt ein unmittelbares deutsches Interesse vor.“
Treutler.
286.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Therapia, den 1. Juli 1916. Ankunft in Berlin, den 1. Juli 1916.
An Auswärtiges Amt.
Ich habe schon vorgestern ernste Vorstellung bei Halil und Talaat Bey erhoben unter Betonung der Kriegszwecke. Talaat Bey wollte nochmals mit Enver die Ausweisungsfrage erörtern. Über inzwischen erfolgte Gegenbefehle und deren Ausführung noch keine Klarheit. Ausweisung auf Komiteebeschluß zurückzuführen, da überall Armenierverfolgungen wieder einzusetzen scheinen. Auch Enver und Talaat Bey sind solchen fanatischen Beschlüssen gegenüber machtlos.
Mit stellvertretendem Militärbevollmächtigten habe ich von vornherein vereinbart, daß ich seine Schritte bei Enver meinerseits bei der türkischen Regierung unterstütze.
Metternich.
287.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 10. Juli 1916.
Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes Stadium getreten.
Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms: Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen; sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern, welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu zerstreuen.
Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch, Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens (Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt, obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt hatte.
Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils islamisiert.
Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch 2000 Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf dem Marsch nach Der-es-Zor überfallen und zusammengehauen worden; es wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist[134].
In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekr bekannte Wali Reschid Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken) ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.
Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.
Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort bis Siwas war gründlich aufgeräumt. Entweder verschickt, oder bekehrt oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut. In Karahissar-Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher Armenier übrig geblieben. Letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen, um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an: „Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden; in Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu.“
Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden, wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten, die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen, die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt, daß die von den Ausländern geleiteten Schulen und Waisenhäuser einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder ganz eingehen läßt.
Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen bleibt es wahr, daß, um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und nichtamtlichen Versicherungen gehören samt dem begleitenden Apparat von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, sondern die Absicht, die Armenier mit den muhammedanischen Bewohnern des Reiches zu amalgamieren.
So sehr es auch zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die Armenierpolitik der Pforte in andere Bahnen zu lenken, so haben andererseits weder unsere Feinde noch die Neutralen ein Recht, uns daraus einen Vorwurf zu machen. Wir haben nach besten Kräften das Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch Hilfsleistungen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
288.
Kaiserliches Deutsches Generalkonsulat. Genf, den 12. Juli 1916.
Die hiesigen Vertreter des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier, der Schweizer Herr Leopold Favre und der ehemalige Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde von Genf, Herr Adolf Hoffmann (Reichsangehöriger), haben mir mitgeteilt, daß ihr Komitee die Absicht habe, den auf türkischem Gebiet lebenden notleidenden Armeniern aufs neue Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Das Hilfskomitee würde es mit Dank begrüßen, wenn es für dieses Unternehmen bei den Kaiserlichen Konsularbehörden in Kleinasien Unterstützung finden würde und wenn es sich ermöglichen ließe, die von dem Komitee für den angegebenen Zweck gesammelte Geldsumme durch die Vermittlung unserer Konsuln unter die hilfsbedürftigen Armenier zu verteilen.
Geißler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg in Berlin.
289.
(Kaiserliches Konsulat Siwas.)
Telegramm.
Siwas, den 23. Juli 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Heute am Tage des Nationalfestes sind alle armenischen Militärärzte jeden Grades unter Drohung gezwungen worden, zum Islam überzutreten. Alle mußten sich bekehren. Ein armenischer Sanitätshauptmann weigerte sich und ist deshalb vorläufig eingesperrt worden.
Werth.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 24. Juli 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.
Metternich.
290.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 29. Juli 1916.
Die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten tun dar, daß die Armenierverfolgung unvermindert und unerbittlich anhält. Von den Deutschen, die den Euphratweg von Bagdad her zurückkehren, ist keiner, der nicht von dieser Katastrophe den tiefsten Eindruck empfinge.
1. Ein Beamter des höheren deutschen Reichsdienstes hat mir am 18. Juli erzählt, die Strecke von Sabkha über Hammam nach Meskene sei mit Resten von Kleidungsstücken übersät; sie sähe aus, als ob dort eine Armee zurückgegangen wäre.
Der türkische Militärapotheker in Meskene, der dort seit 6 Monaten stationiert ist, hat ihm erzählt, daß allein in Meskene 55000 Armenier begraben seien. Dieselbe Zahl ist ihm unabhängig davon von einem türkischen Offizierstellvertreter dortselbst gleichfalls genannt worden.
2. Aus Der-es-Zor kam unter dem 16. Juli Nachricht, daß die Armenier den Befehl zum Weiterwandern erhalten hatten. Am 17. wurden alle Geistlichen und führenden Männer verhaftet. Bis zum 22. Juli, so war der Befehl, sollten alle Armenier wieder zum Wanderstab gegriffen haben. Nachdem schon früher von der Zentralregierung angeordnet worden war, daß nur soviel Armenier in Der-es-Zor bleiben sollten, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entsprach, soll nun auch der letzte Rest vertilgt werden, eine Änderung, die möglicherweise damit zusammenhängt, daß der menschliche Mutessarrif Suad Bey nach Bagdad versetzt ist und einen unbarmherzigen Nachfolger erhalten hat.
Mit Peitsche und Knüppel werden wehrlose erschöpfte Frauen und Kinder von Gendarmen geprügelt, eine Beobachtung, die schon oft gemacht und mir auch jetzt wieder von einem des Wegs gekommenen deutschen Offizier aus eigener Anschauung bestätigt worden ist.
3. Ein aus Diarbekr über Urfa hier angekommener deutscher Offizier hat mir am 24. Juli erzählt, daß einige Zeit vorher wieder 2000 armenische Frauen aus den östlichen und nördlichen Gebieten nach Urfa gebracht worden sind. Es handelt sich hier offenbar um eine Nachlese von solchen, die sich früher hatten versteckt halten können oder die in muhammedanische Familien aufgenommen waren und deren man jetzt überdrüssig geworden ist.
Auf ähnliche Zustände deutet die in Abschrift gehorsam hier beigefügte briefliche Nachricht des Diakons Künzler aus Urfa vom 22. Juli, wonach es ihm gelungen ist, 150 Waisenkinder zu unterstützen.
4. In Aleppo ist seit dem 12. Juli die Verschickung eingestellt, anscheinend weil ein Konflikt zwischen den oberen Behörden darüber ausgebrochen ist, daß es den reicheren Armeniern gelungen ist, Schonung zu erlangen, während die ärmeren der Polizei ausgeliefert waren. Aus Meskene ist es etwa 250 Armeniern gelungen, mit stillschweigender Duldung des dortigen Militärkaimakams, nach Aleppo zurückzuwandern, wo sie in erbarmungswürdigem Zustande ankamen. Der Wali hat infolgedessen Befehl an die Dörfer gegeben, keinen Armenier nach Aleppo zurückzulassen. Überträgt man die Ausführung behördlicher Anordnungen der Bevölkerung, so erklärt man die Armenier damit für vogelfrei. Weitere Maßregeln gegen sie werden hier vermutlich zu erwarten sein. Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(Notstandswerk Urfa.) Urfa, den 22. Juli 1916.
Unter der Hand ist es mir gelungen, Dank der Hilfe aus der Schweiz, hier Überreste des armenischen Volkes, Waisenkinder, bereits 150 an der Zahl, zu unterstützen und sie so vom drohenden Hungertode zu retten. Es gibt noch mehr; allein für alle reichts nicht.
Jakob Künzler.
An den Kaiserlichen Konsul Rößler, Aleppo.
_August._
291.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 7. August 1916. Ankunft in Therapia, den 7. August 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Es scheint, daß die Weiterverschickung aller auswärtigen Armenier von Aleppo erneut und ernstlich in Angriff genommen werden soll. Ich werde von den hiesigen Armeniern gebeten, dies Euer Exzellenz vorzutragen. Offenbar will die hiesige Regierung die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen lassen.
Rößler.
292.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 8. August 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an das Telegramm vom 7. August.
Die auswärtigen Armenier, deren Verschickung unmittelbar bevorsteht, zählen über 8000. Der amerikanische Konsul schätzt außerdem die Zahl der hier ansässigen Armenier, die in großer Gefahr stehen, verschickt zu werden, auf etwa 15000. Er glaubt, daß diese Maßregel auf die eigene Initiative des Wali zurückzuführen ist, und bittet Ew. Exzellenz, die amerikanische Botschaft zwecks Intervention vom vorstehenden zu verständigen.
Rößler.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
Notiz.
Am 12. 8. auf der amerikanischen Botschaft in Abwesenheit des Geschäftsträgers an Mr. Tarler mitgeteilt; Mr. Tarler bestätigt, daß die amerikanische Botschaft mit der Sache befaßt ist und Schritte auf der Pforte getan hat.
13. 8. Mordtmann.
293.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 13. August 1916. Ankunft in Therapia, den 14. August 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an das Telegramm vom 8. August.
Die ersten 200 Personen sind am 12. August verschickt worden. Weitere Transporte werden folgen. Ich bitte um Benachrichtigung auch der amerikanischen Botschaft.
Rößler.
Deutsche Botschaft
am 15. 8. der amerikanischen Botschaft mitgeteilt. Auf der Pforte hatte man versichert, daß keine Verschickungen mehr stattfinden würden.
16. 8. Mordtmann.
294.
14. August 1916 p. m.
Ein Funkspruch vom Eiffelturm meldet unter dem 12. 8. 1916:
„Aus Washington erfährt man, daß die Türkei die Bitte der Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlagen hat, einem neutralen Komitee zu erlauben in Syrien[135], wo Tausende von Einwohnern Hunger leiden, Hilfe zu schaffen.“
295.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 17. August 1916.
Der Erzbischof Stepan hatte vor einiger Zeit durch Vermittelung des Patriarchats darum gebeten, von Meskene, wohin er inzwischen geschafft worden war, in eine größere Ortschaft überführt zu werden. Nach Mitteilung des Patriarchats ist nunmehr der Statthalter von Aleppo angewiesen worden, dem Genannten die Übersiedelung nach Jerusalem zu gestatten.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
296.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 23. August 1916.
Das von der Pforte erlassene Gesetz über das armenische Katholikat und Patriarchat trägt das Datum des 2 Schawwal 1334/19 Temuz 1332 (d. i. 1. August d. J.) und wurde im türkischen Reichsanzeiger (takvimi-vakaji) vom 10. d. M., Nr. 2611, veröffentlicht.
Wie der erste Paragraph bestimmt, werden die beiden Katholikate von Sis und Aghtamar mit den beiden Patriarchaten von Jerusalem und Konstantinopel zu einer einzigen Würde vereinigt und der Titular als „Katholikos-Patriarch“ zum geistlichen Oberhaupte der osmanischen Armenier mit dem Sitze im Kloster Mar Jakub in Jerusalem eingesetzt; die hierarchischen und sonstigen Beziehungen zum Katholikos von Etschmiadsin werden gelöst.
Titel und Würde eines armenischen Katholikos entsprechen denen eines Patriarchen in den griechisch-orthodoxen Kirchen. Ursprünglich gab es nur den einen Katholikos von Etschmiadsin. Im Laufe der Zeit und infolge der politischen Ereignisse wurden im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit noch die Katholikate von Aghtamar (am Wansee) und Sis (Cilicien) errichtet.
Durch die Verschmelzung der Katholikate von Aghtamar und Sis mit den beiden Patriarchaten hat der neue Katholikospatriarch von Jerusalem das Recht erworben, sämtlichen Bischöfen in der Türkei die Weihe zu erteilen und ist hierarchisch unabhängig geworden. Die Auflösung aller Beziehungen zu Etschmiadsin dürfte die weitere Folge haben, daß den osmanischen Armeniern künftighin die Beteiligung an der Wahl des Katholikos von Etschmiadsin nicht mehr gestattet ist.
Unstreitig hatte die Pforte ein großes politisches Interesse, das Zwitterverhältnis, in dem der Patriarch von Konstantinopel zur türkischen Regierung und zu dem von Rußland abhängigen Katholikos von Etschmiadsin stand, zu beseitigen, und hat jetzt von demselben Rechte Gebrauch gemacht, wie Rußland, als es im Jahre 1836 die Palajenia erließ und dadurch die Stellung des Katholikos einseitig im Reichsinteresse regelte. Formell aber steht diese Maßregel im Widerspruch mit den Verpflichtungen, die sie durch Art. 62, Abs. 4, des Berliner Vertrages übernommen hatten: „Aucune entrave ne pourra être apportée soit à l’organisation hiérarchique des differentes communions, soit, à leur rapports avec leurs chefs spirituels.“
Die zweite tief eingreifende Veränderung ist die Beseitigung des „Grand Conseil de la Nation“, des großen Volksrats der Armenier.
Das neue Gesetz hat durch die Aufhebung des Volksrates und andere Bestimmungen dem demokratischen Regiment ein Ende bereitet. Der zukünftige Katholikospatriarch und seine Suffragane sind nunmehr unabhängig von dem russisch-armenischen Kirchenfürsten von Etschmiadsin und von dem politischen Parteien der Hauptstadt und haben den ihnen zustehenden Einfluß als Vorsteher der Gemeinde. Andererseits ist damit eine empfindliche Capitis deminutio verbunden. Der Patriarch der Armenier ist nicht mehr Oberhaupt des armenischen Millet („Nation“), sondern einer Djemaët, Kultusgemeinde; denn mit diesem Ausdruck, der im Kanzleistil der Hohen Pforte von den bescheidenen Gemeinden der protestantischen Armenier und Karaitischen Juden gebraucht wird, während Griechen, Juden und bisher auch die Armenier ein „Millet“ bildeten, werden die letzteren jetzt im neuen Gesetz bezeichnet. Als einfache Gemeindevorsteher sind der Katholikospatriarch und die Bischöfe aller politischen Befugnisse entkleidet und, abgesehen von ihren kirchlichen Funktionen, auf die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten beschränkt. Der Sitz des Oberhauptes ist aus der Hauptstadt nach Jerusalem verlegt, wo er jeder politischen Betätigung entrückt ist; er ist nicht mehr das Exekutivorgan des Volksrates, sondern lediglich der Befehle der Regierung; überdies darf er fortan nur mit dem Kultusamte als vorgesetzter Behörde verkehren, während er früher Zutritt zu sämtlichen Behörden und zum Sultan hatte. Endlich ist die Zahl der Bischöfe dadurch erheblich verringert worden, daß solche in Zukunft nur für Distrikte mit über 15000 Seelen bestellt werden dürfen. Nach der Aussiedelung der armenischen Bevölkerung aus Kleinasien und Rumelien dürften nur wenige Distrikte übrig geblieben sein, in denen die armenische Bevölkerung diese Ziffer erreicht.
Das neue Gesetz vom 1. August d. J. zieht das Fazit aus den Maßregeln der Regierung, durch die die osmanischen Armenier als lebensfähige Nation vernichtet werden sollen; auf die Massenaussiedelungen mit der Niedermetzelung der Männer, Islamisierung der Zurückgebliebenen und der Kinder ist die Vermögenskonfiskation, auf diese nunmehr die Zertrümmerung der politischen Gemeinde erfolgt.
Metternich.
An Seine Exzellenz den Reichskanzler von Bethmann Hollweg.
297.
Kaiserliches Konsulat Aleppo. Aleppo, den 29. August 1916.
Über den Stand der Armenierverschickung in der Euphratgegend berichtet ein deutscher Offizier, der soeben von dort zurückgekehrt ist und die Zustände von früheren Reisen auf derselben Strecke gut kennt, folgendes:
Die Straße Aleppo-Der-es-Zor (die die Verschicktenzüge seit langen Monaten benutzen) biete jetzt ein verändertes Bild: sie sei verhältnismäßig leer geworden. Zwar seien bei den Aleppo zunächst gelegenen Stationen noch größere Armenierlager vorhanden. Weiter nach Süden zu, von Meskene ab, seien die Lager bedeutend verkleinert. Von den großen Stationen sei Sabkha ganz, Der-es-Zor bis auf einige hundert Handwerker, die für die Truppen arbeiteten, geleert, während an letzterem Orte noch vor 8 Wochen viele Tausende (von anderer Seite auf 20000 geschätzt) gelagert gewesen seien. Die geistigen Führer, wie Lehrer, Anwälte, Geistliche habe man in der letzten Zeit aus den Lagern gesammelt und in die Regierungsgebäude (also wohl in Gefängnisse) gesperrt. Alle übrigen -- auch diejenigen, die in den nördlicheren Stationen sich wirklich anzusiedeln begonnen hatten -- seien verschwunden. Nach amtlicher Lesart seien sie nach Mossul weitergeführt (d. h. einen Weg, auf dem die wenigsten Aussicht haben, lebend ans Ziel zu gelangen), nach allgemeiner Volksmeinung aber in den kleinen Tälern südöstlich von Der-es-Zor, im Winkel zwischen Euphrat und Chaburfluß, umgebracht worden. Man habe die Armenier nach und nach in Trupps von einigen Hunderten abgeführt und von dazu bestellten Tscherkessenbanden abschlachten lassen. Diese Angaben wurden dem Offizier bestätigt von einem arabischen Augenzeugen, der gerade vom Schauplatz einer solchen Szene kam, wohin ihn die Neugier getrieben hatte. Der Mann machte auf den Offizier einen glaubwürdigen Eindruck. Er erwähnte bei seiner Schilderung, deren Einzelheiten ich übergehe, zurzeit harrten an der von ihm besuchten Stelle noch dreihundert Armenier der Abschlachtung; die Hälfte kämen noch am selben Nachmittag, der Rest in der Nacht an die Reihe.
Manche Armenier haben Unterschlupf in Araberhäusern gefunden. Zu deren Aufsuchung ist Gendarmerie aufgeboten, die förmliche Jagden veranstalten soll. Die Beute wird in Euphratkähne geladen und nach Der-es-Zor gebracht.
Die Nomaden haben nach meinem Gewährsmann jenen Winkel zwischen Euphrat und Chabur verlassen, angeblich wegen der geschilderten Vorgänge.
In Aleppo hat die Verschickung der nicht „eingesessenen“ Armenier noch keinen großen Umfang angenommen. Immerhin sind ihr bisher schon etwa 800 verfallen. Dabei wird rücksichtslos auf der Straße aufgegriffen. Einen Aleppiner Bekannten traf jener deutsche Offizier beispielsweise unterwegs in einem Trupp von 50 Leuten in Pantoffeln und Hausrock ohne jedes Gepäck; er war beim Einkauf auf dem Markte aufgehoben, ins Sammellager geführt und verschickt worden.
Auch für die hiesigen Waisenhäuser, in denen man die Waisen Verschickter gesammelt, scheint die wiederholt angedrohte letzte Stunde nunmehr geschlagen zu haben. Diese Waisenhäuser werden bekanntlich von europäischen (Schweizer und deutschen) und amerikanischen Hilfsgeldern unterhalten und von armenischen Geistlichen und (eins mit über 800 Waisen) Schwestern des Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk verwaltet. Jetzt hat die hiesige Regierung einen besonderen Kommissar für diese Waisenhäuser ernannt, der die Übernahme in türkische Verwaltung ausführen soll. Nach unter der Hand eingezogenen Erkundigungen soll diese nach folgenden Grundsätzen vor sich gehen:
Die Knaben über 13 Jahre sollen verschickt, die Mädchen über 13 verheiratet werden (natürlich an Muhammedaner). Die Kinder zwischen 10 und 13 Jahren werden, weil sie schon unter dem Eindruck des Erlebten stehen, von den jüngeren getrennt in rein türkischen Waisenhäusern untergebracht, wo sie ein Handwerk lernen sollen. Die Kinder unter 10 Jahren werden in besonderen Waisenhäusern erzogen. Das heißt mit anderen Worten: Die Knaben über 13 Jahre werden umgebracht, die Mädchen dieses Alters in die Harems gesteckt -- ein auffallend hübsches 12 jähriges Mädchen wurde soeben unter Drohung von Repressalien gegen hier lebende Verwandte aus dem neben dem Konsulat gelegenen Waisenhaus weggenommen und zwangsweise an einen stadtbekannten 70 jährigen Pascha verheiratet -- die kleineren Kinder dem Islam zugeführt, soweit sie die türkische Waisenhausverwaltung überstehen.
In Hama, Homs, Damaskus usw. sind, übereinstimmenden Nachrichten zufolge, in den letzten Wochen die Verschickten in Massen durch die Drohung weiterer Verschickung zum Übertritt zum Islam gepreßt worden. Dieser geht rein bürokratisch vor sich: Eingabe, und darauf Namensveränderung.
Daß die Türkei durch diese Scheinbekehrung wirklich eine Vertürkung der Armenier erreichen könnte, muß als Illusion angesehen werden. Augenscheinlich schweben den Urhebern Beispiele aus der Erobererzeit des Osmanentums vor. Sie dürften aber ihre Rechnung ohne das heute ganz anders gestärkte Rassen- und Nationalgefühl gemacht haben und ohne den abgrundtiefen Haß, der ganz natürlicherweise auch in den neuen armenischen Muhammedanern gegen das eigentliche Türkentum -- den Henker ihres Volkes -- weiter leben wird. Werden die muhammedanischen Armenier somit nach allem Erlebten auch im Denken und Fühlen Armenier bleiben -- und sicherlich nicht nur in der gegenwärtigen Generation --, so macht sie ihre Vermummung im Islam dem türkischen Volkstum künftig nur noch gefährlicher, weil weniger kenntlich.
I. V.: Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.
_September._
298.
Kaiserliches Konsulat Aleppo. Aleppo, den 5. September 1916.
Die Angaben des Berichts vom 29. v. M. über die Verhältnisse der Armenierverschickung in der Gegend von Der-es-Zor sind mir inzwischen aus anderen vertrauenswürdigen Quellen im wesentlichen bestätigt worden. So berichtete mir ein soeben von dort zurückgekehrter deutscher Angestellter einer amerikanischen Firma, der gelegentlich einer Geschäftsreise die meisten dortigen Lager besucht hat, folgendes:
„Längs der Euphratstraße ziehen sich bis Der-es-Zor nur noch kleine Lager von je 1000-2000 Seelen hin. Die 20-30000 Armenier, die ich bei meiner letzten Reise in Der-es-Zor sah und die unter dem menschlich denkenden Mutessarrif aufzuatmen begannen, sind seit dessen vor einigen Monaten erfolgten Ersetzung durch den brutalen jetzigen Mutessarrif Sekki Bey, einen Tscherkessen, bis auf einige Handwerker und etwa 1200 Kinder, weiterverschickt, und zwar, wie ich hörte, in die Gegend des Flusses Chabur[136]. Dort werden sie, allgemeiner Ansicht nach, niedergemetzelt oder kommen sonstwie um. Die erwähnten 1200 Kinder sind ganz verelendet; was man sieht, trägt den Hunger im Gesicht.
Für den Unterhalt der in den Lagern Untergebrachten tut die Regierung gar nichts. Die Lager sind fast durchweg entfernt von Städten und Dörfern. Deshalb ist die Versorgung mit Nahrung selbst für den, der noch Geld hat, äußerst schwer. Sie beschränkt sich auf das, was die arabischen Bauern täglich an Brot, Melonen usw. ins Lager bringen, d. h. eine ganz unzureichende Menge. Viele leben nur von Melonen, die in jenen Gegenden reichlich wachsen und die sie mit Schale und Kernen essen. Als ich in einem kleinen Lager Brot verteilte, benahmen sich die Leute wie die wilden Tiere, ich mußte flüchten und die Verteilung durch Gendarmen vornehmen lassen. Wer kein Geld hat, verhungert. Das Papierpfund gilt 45 Piaster. Aber man weist Unterstützung in Geld sogar zurück und schreit nach Brot. Ich sah Leute, die Gerstenkörner aus dem Pferdemist zum Essen heraussuchen.
Solange die Verschickten noch Geld haben, läßt man sie in ihrem Lager. Ist es damit zu Ende, werden sie gegen Der-es-Zor abgeschoben. Dabei reißt man rücksichtslos Familien auseinander. Bei El-Hammam arbeiten 6-700 armenische Männer ohne Familien an Regierungsbauten. Auch sie sehen übrigens ganz verhungert aus.
Die Lagerinsassen setzen sich aus Angehörigen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen. Ich wurde bei meinen Besuchen vielfach auf französisch, englisch und deutsch angesprochen; auf deutsch von Zöglingen deutscher Schulen und Waisenhäuser. Viele Flüchtlinge versuchen, in andere Lager zu flüchten, die näher bei Ansiedlungen liegen und daher eher Nahrungsgelegenheit bieten. Auf solche Flüchtlinge fahnden beständig Gendarmen. Wer gefaßt wird, gilt als verloren.
Die Winterkälte wird unter den Verschickten wohl endgültig aufräumen.“
Soweit der oben erwähnte Gewährsmann.
Was das Schicksal der von Der-es-Zor weiter Verschickten angeht, die nach amtlicher Angabe nach Mossul gehen, so habe ich mich beim Konsulat Mossul erkundigt, wieviel Verschickte von Der-es-Zor in den letzten Monaten schätzungsweise angekommen seien. Nach der daraufhin erteilten Auskunft sind am 15. April vier Transporte auf zwei Wegen von Der-es-Zor abgegangen und, 19000 an der Zahl, in einem Lager am Flusse Chabur vereinigt worden. Am 22. Mai, also 5 Wochen später, sind von diesen Transporten etwa 2500, darunter auch einige hundert Männer, in Mossul angelangt. Ein Teil der Frauen und Mädchen ist unterwegs an die Beduinen verkauft worden; alles übrige ist durch Hunger und Durst unterwegs umgekommen.
Seit 3½ Monaten sind demnach keine neuen Transporte in Mossul angekommen. Auch diese Tatsache dürfte die Volksmeinung in Der-es-Zor und die ihr entsprechenden tatsächlichen Angaben bestätigen, daß unter der Herrschaft des neuen tscherkessischen Mutessarrifs von Der-es-Zor mit den weiter Verschickten neuerdings im Euphrat-Chabur-Winkel kurzer Prozeß gemacht wird.
Die Auflösung der hiesigen Waisenhäuser für Kinder umgekommener Verschickter hat noch nicht begonnen. Jedoch hat der Vertreter des hiesigen Verschickungskommissars der einen leitenden Schwester jetzt auch amtlich erklärt, diese Waisen würden in ein neues großes nationales Waisenhaus in Konia verbracht werden; dort würden sie selbstredend türkische Namen bekommen und als Türken (d. h. Muhammedaner) erzogen werden.
I. V.: Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.
299.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 25. September 1916.
Ich habe heute mit Halil Bey eingehend gesprochen und ihn nachdrücklich darauf hingewiesen, daß während die früheren Verschickungen von Armeniern angesichts der damaligen militärischen Lage im Interesse der Sicherheit des Landes noch mit einem Schein des Rechts verteidigt werden konnten, die jetzt geplanten Maßregeln gegen die aus Frauen und Kindern bestehenden traurigen Reste der Armenier in keiner Weise gerechtfertigt oder entschuldigt werden könnten. Das Vorgehen der türkischen Regierung werde in der ganzen zivilisierten Welt einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, der sich auch nach dem Kriege nicht so bald legen werde. Insbesondere werde die geplante Auflösung der Waisenhäuser und die Massenbekehrungen zum Islam nicht nur in Deutschland, sondern bei allen christlichen Völkern mit Recht dem schärfsten Widerspruch begegnen.
Zimmermann.
300.
86. Sitzung des Reichshaushaltausschusses am 29. September 1916.
Aufzeichnung des Staatssekretärs.
Wir haben in der armenischen Frage von Anfang an energische Vorstellungen bei der Pforte erhoben. Wir werden vielleicht später einmal nach dem Kriege, wenn unsere Position nicht mehr so delikat ist wie heute, unsere ganzen Verhandlungen veröffentlichen. Ich kann Ihnen vertraulich erzählen, daß unser Botschafter soweit gegangen ist, sich direkt den Unwillen des Großwesirs und des Ministers des Innern zuzuziehen. Nach den ersten drei Monaten seiner Tätigkeit haben die betreffenden Minister gesagt, der Botschafter scheine wohl nichts anderes zu tun zu haben, als sie immer in der Armeniersache anzuöden.
Die neuen Klagen, daß die armenischen Waisenhäuser aufgelöst, die Armeniermädchen in die Harems und die Knaben in die türkischen Waisenhäuser gebracht und gezwungen werden, Muhammedaner zu werden, haben mir Anlaß gegeben, persönlich bei dem zurzeit hier anwesenden türkischen Minister des Auswärtigen ernste Vorstellungen zu erheben. Ich habe darauf hingewiesen, daß diese Vorgänge nicht nur für die Türken, sondern auch für uns außerordentlich peinlich wären und wir dringend bitten müßten, Mittel und Wege zu finden, daß hier Abhilfe geschaffen werde.
Ich kann nur sagen, wir haben alles getan, was wir konnten. Das äußerste, was uns übrig bliebe, wäre, das Bündnis mit der Türkei zu brechen. Sie werden verstehen, daß wir uns dazu nicht entschließen können. Höher als die Armenier, so sehr wir vom rein menschlichen Standpunkt aus ihr Los beklagen, stehen uns unsere Söhne und Brüder, die ihr teures Blut in den schwersten Kämpfen vergießen müssen und die mit auf die Unterstützung der Türken angewiesen sind. Denn die Türken leisten uns zur Deckung der Südostflanke wesentliche Dienste. Sie werden mit mir übereinstimmen, daß wir so weit nicht gehen können, den Türken, die wir tatsächlich durch unsere andauernden Vorstellungen in der armenischen Frage stark verstimmt haben, noch das Bündnis zu kündigen.
_Oktober._
301.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 2. Oktober 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Auf Befehl von Konstantinopel erfolgen in Marasch, wo von 25000 Armeniern noch etwa 4000 verblieben waren, wieder neue Ausweisungen. 120 Familien sind seit dem 18. September verschickt, weitere sollen folgen.
Rößler.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 4. Oktober 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht
W. Radowitz.
302.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Therapia, den 4. Oktober 1916.
Die in Abschrift beigefügte, vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo hierher mitgeteilte statistische Aufzeichnung der Schwester Beatrice Rohner vom Deutschen Hilfsbunde für christliches Liebeswerk im Orient über die ihr überwiesenen 720 armenischen Waisen, verdient in mehrfacher Beziehung Beachtung. Sie gibt den ersten einigermaßen sicheren Anhalt, um die Zahl der bei der Aussiedlung umgekommenen Armenier wenigstens prozentual annähernd zu schätzen. Die 720 Pfleglinge der Schwester Rohner sind die Überreste von 3336 Personen; wenn man nun die Gesamtzahl der türkischen Armenier auf 2 Millionen und die Zahl der Verschickten auf 1½ Million veranschlagt und dasselbe Verhältnis zwischen Überlebenden und Umgekommenen wie bei den Waisen der Schwester Rohner annimmt, so gelangt man zu einer Zahl von über 1175000 von Umgekommenen und rund 325000 Überlebenden. Die bisherigen Schätzungen der Umgekommenen bewegten sich zwischen 800000 und 1 Million und scheinen nach vorstehendem nicht übertrieben.
Ein anderer Punkt, der hervorgehoben werden muß, betrifft die erschreckend große Zahl der Mütter, die einen gewaltsamen Tod gefunden haben (379), während nur 321 Väter als unnatürlichen Todes verstorben aufgeführt werden; endlich bestätigt die vorliegende Statistik die auch sonst berichtete Tatsache, daß gegen die ausdrücklichen Weisungen der Zentralregierung die Familien von Männern deportiert worden sind, die zum Militärdienst eingezogen waren; die Statistik führt nicht weniger als 246 solcher Fälle auf.
Radowitz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage 1.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 15. September 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich, eine von der Schwester Beatrice Rohner für den Monat August aufgestellte Statistik über die ihr infolge der Armenierverschickung unterstellten 720 Waisenkinder zur geneigten Kenntnisnahme anliegend zu überreichen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich.
Anlage 2.
Statistischer Bericht über 720 in unserem Waisenhaus befindliche Kinder im August 1916.
Heimat Zahl
Wilajet Siwas 142 „ Erzerum 50 „ Aleppo 189 „ Adana 162 „ Angora 21 „ Kharput 34 „ Konia 11 „ Brussa 22 „ Diarbekr 30 „ Konstantinopel 3 Mesereh 9 Adiaman 3 Smyrna 1 Ismid 2 Ägypten 1 Heimat unbekannt 40 --- 720
Väter der Kinder.
Zahl
Getötet 152 Den Entbehrungen und Strapazen auf dem Wege erlegen 85 Im Adanamassaker umgekommen 32 Zum Militär eingezogen 107 In der Verbannung 52 Im Gefängnis 11 Noch lebend 80 In Amerika 10 Vor der Ausweisung gestorben 129 Verschollen 62 --- 720
Mütter der Kinder.
In der Verbannung gestorben 282 Noch in der Verbannung 91 Zum Islam übergetreten 4 Lebend 97 Vor der Ausweisung gestorben 53 Kinder, die keine Auskunft über ihre Mutter geben konnten 193 --- 720
Konfession der Kinder.
Gregorianisch 554 Protestantisch 106 Katholiken 20 Sabbatisten 1 Konfession nicht zu ermitteln 39 --- 720
Durchschnittsalter der Kinder 9 17/36 Jahre.
Kinder, die früher in Waisenhäusern waren: 40. Zahl der Väter, die eines unnatürlichen Todes starben 321 „ „ „ „ „ natürlichen „ „ 129 „ „ „ deren Leben gefährdet ist 170 „ „ „ die durch den Kriegsdienst von den Kindern entfernt sind 107 „ „ „ infolge der Ausweisung den Kindern verloren gingen 394 Mütter, die eines unnatürlichen Todes starben 379 „ „ „ natürlichen „ „ 53 „ deren Leben gefährdet ist 91 „ „ durch Deportation den Kindern verloren gingen 474 „ „ deportiert wurden, während der Mann im Heere diente 246 Angehörige der Kinder, die während der Deportation umkamen 2616 Es blieben von 3336 Deportierten übrig: 720; also betrug Verlust: 78,5% Kinder von 1-6 Jahren, die keine Auskunft geben konnten 126 Vollwaisen 258 Von der ganzen Familie nur zu zweit übrig geblieben 144 „ „ „ „ allein „ „ 239
Beatrice Rohner.
303.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 9. Oktober 1916.
In einem Leitartikel bespricht die hiesige türkische Zeitung „Taswiri Efkiar“ im Anschluß an das Euerer Exzellenz bekannte Exposé des Komitees „Einheit und Fortschritt“ die armenische Frage und gelangt zu dem Schluß, daß die anfänglich vom Komitee eingeschlagene Politik der Vereinigung und Verschmelzung der verschiedenen Bevölkerungselemente „Bankrott gemacht“ habe, und statt dessen die „Säuberung“ des Reiches von allen nichtmuhammedanischen, d. h. von den christlichen Elementen ins Auge gefaßt werden müsse. Der Artikel dürfte die Überzeugung der ultranationalistischen Kreise ziemlich getreu wiedergeben, zum Teil sind diese Gedanken bereits in die Tat umgesetzt worden durch die Austreibung der in den östlichen Grenzprovinzen ansässigen syrischen Christen und der Griechen in einzelnen Distrikten von Kleinasien und Rumelien. Ferner verlangt wohl der Verfasser auch noch die Aussiedlung der bisher von der Aussiedlung verschonten Armenier von Konstantinopel und Smyrna.
Radowitz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
304.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 20. Oktober 1916.
Der türkische Reichsanzeiger (Takvimi-Vakaji) veröffentlicht in seiner Ausgabe vom 1./14. d. M. ein provisorisches Gesetz, durch das den ausgesiedelten Personen in den ihnen angewiesenen Ortschaften zum Zweck ihrer Unterkunft und Niederlassung und um ihnen die Mittel zum Unterhalt zu gewähren, Wohnplätze und Ländereien aus der Kategorie der vakanten Evkaf-und Miriländereien unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Die Ministerien des Innern und der frommen Stiftungen sowie das Justiz- und Finanzministerium sind mit der Ausführung dieses Gesetzes betraut, das vom 22 Elul 1332 (5. Oktober d. J.) datiert und mit dem Tage der Veröffentlichung in Kraft tritt.
Das Gesetz steht in auffälligem Widerspruch mit den hier vorliegenden Berichten über die Behandlung, der die nach Mesopotamien geschafften Armenier in letzter Zeit ausgesetzt sind.
I. V.: Göppert.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
_November._
305.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 11. November 1916.
Am 25. September d. J. hatte mir Djemal Pascha erzählt, daß er beabsichtige, die Herren Dr. Niepage und Dr. Graeter, welche beide bis zum Juni d. J. als Lehrer an der deutschen Realschule in Aleppo tätig gewesen waren, wegen Veröffentlichungen in der Armenierangelegenheit kriegsgerichtlich verurteilen zu lassen. Dieser Tage sind nun Polizisten mehrfach in der Schule erschienen, um nach ihnen zu forschen. Offenbar wird also das Verfahren ernstlich durchgeführt[137].
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
306.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 13. November 1916.
Wie der Kaiserliche Konsul zu Smyrna meldet, haben die dortigen Behörden mit der Verschickung der armenischen Bevölkerung begonnen. Den Anlaß dazu bot der Umstand, daß angeblich vor einigen Wochen auf dem katholischen Friedhofe alte Bomben u. dgl. Material aufgefunden wurden, die von Armeniern dort versteckt sein sollen. Daraufhin forderte der Wali den armenischen Bischof bzw. die Gemeinde auf, die verdächtigen Personen zu benennen und noch vorhandene Waffen abzuliefern, der Bischof erklärte jedoch, daß ihm keine solche Personen bekannt und keine Waffen mehr versteckt seien.
Infolgedessen wurden am 8. d. M. eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen und den folgenden Tag 300 Armenier ohne Unterschied des Alters und Geschlechts mit der Eisenbahn abgeschoben; weitere Transporte sollen folgen. Die Verschickung wird vom Polizeichef von Smyrna geleitet, dem der Wali freie Hand gelassen hat.
Der zurzeit in Smyrna anwesende Marschall Liman von Sanders hat den Wali darauf aufmerksam gemacht, daß diese Massenverschickung die militärischen Interessen schädige und er daher weitere Verhaftungen und Abschiebungen nicht dulden würde.
Der Marschall schreibt folgendes: „Da derartige Massendeportationen in das militärische Gebiet hinübergreifen -- Wehrpflichtige, Gebrauch der Eisenbahnen, Gesundheitsmaßnahmen, Unruhe der Bevölkerung in einer Stadt nahe vor dem Feinde etc. --, so hatte ich den Wali benachrichtigt, daß ohne meine Genehmigung derartige Massenverhaftungen und -deportationen nicht mehr stattfinden dürften. Ich verständigte den Wali, daß ich sie im Wiederholungsfalle mit Waffengewalt verhindern lassen würde.
Daraufhin hat der Wali nachgegeben und mir zugesagt, daß sie unterbleiben würden.
Da er aber angibt, von Konstantinopel aus (Talaat Bey) dazu veranlaßt zu sein, so bin ich nicht sicher, daß nur vielleicht andere Wege gewählt werden.
Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, beläuft sich die Zahl der in Smyrna lebenden Armenier auf 6-7000, darunter die reichsten Leute der Stadt, aber auch einzelne üble Persönlichkeiten.“
Aus der Aufzeichnung des Grafen Spee füge ich folgendes hinzu:
„Die ganze Angelegenheit ist, abgesehen von der rechtlichen Vergewaltigung und den unabsehbaren Folgen für die Opfer, für die deutschen Interessen bzw. das deutsche Ansehen von größter Tragweite.
Die Maßnahmen der Regierung erfolgen in einer Zeit, zu welcher außer dem deutschen Korpskommandeur auch der Oberbefehlshaber, Marschall Liman von Sanders, in Smyrna anwesend war. Das Gerücht geht in der Stadt, daß das planmäßige Vorgehen von den Deutschen vorbereitet sei, damit sie sich der ihrem Handel unbequemen armenischen Konkurrenten auf diese Weise entledigen könnten.
Materiell wird ein direkter Schaden entstehen, da tatsächlich die armenischen Kaufleute deutsche Waren in großem Umfange abgenommen haben, die zum großen Teil noch nicht bezahlt sind. Die von den Armeniern noch zurückgehaltene Ware wird unter Anwendung des neuen Gesetzes über zurückgelassene Habe den üblen türkischen Elementen die Handhabe bieten, sich ohne weiteres in den Besitz dieser Waren gleichzeitig mit den sehr beträchtlichen Vermögen der Armenier zu setzen. Und dies alles unter dem billigen Vorwande, daß die Deutschen es gemacht haben.
Radowitz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
307.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 17. November 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage Abschrift einer Aufzeichnung des Marschalls Liman von Sanders über die Armenierverschickungen in Smyrna vorzulegen. Wie daraus und auch aus dem nebenbezeichneten Bericht hervorgeht, sind die gegen die Armenier gerichteten Maßnahmen auf Anordnung aus Konstantinopel getroffen worden. Der Vorwand für die Verschickungen -- das angebliche Auffinden von Bomben und Waffen auf einem armenischen Friedhof -- gehört zu dem schon bekannten Inventar der türkischen Behörden an solchen Vorwänden. Das Eingreifen des Marschalls ist auch deshalb zu begrüßen, weil sich in Smyrna, wie dies auch an anderen Orten vorgekommen ist, das Gerücht verbreitet hatte, die deutschen militärischen Stellen hätten die Austreibung der Armenier verlangt. Ich werde nicht verfehlen, die türkische Regierung auf den Vorfall anzureden und ihr größte Zurückhaltung in der Behandlung der Armenierfrage zu empfehlen.
Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Militärmission.
Konstantinopel, den 17. November 1916.
Aufzeichnung für die Kaiserliche Botschaft.
Vom 4. bis 11. November war ich zur Besichtigung der neu formierten 56. Division und der nach dem europäischen Kriegsschauplatz abzutransportierenden 16. Division in Smyrna.
Am Donnerstag, den 9. November, gegen Abend, als ich von der Besichtigung der österreichischen Batterie bei Phokia zurückkehrte, wurde mir von Konsul Graf v. Spee mitgeteilt, daß am 8. und in der vergangenen Nacht zahlreiche Armenierverhaftungen in Smyrna stattgefunden hätten und daß diese Armenier mit der Eisenbahn in das Innere des Landes abtransportiert seien.
Ich zog an verschiedenen Stellen nähere Erkundigungen ein. Es wurde mir bestätigt, daß durch die Polizei -- zum Teil in rohester Weise, indem alte Frauen und kranke Kinder in der Nacht aus den Betten geholt wurden -- mehrere hundert Armenier verhaftet und direkt auf die Bahn gebracht worden seien. Zwei Eisenbahnzüge voll Armenier waren abtransportiert worden. -- In der Stadt herrschte große Aufregung über diese Vorgänge.
Ich schickte am 10. November morgens den Chef des Stabes der V. Armee, Oberst Kiasim Bey, zum Wali und ließ ihm sagen, daß ich derartige Massenverhaftungen und Transporte, welche in einer vom Feinde bedrohten Stadt nach verschiedenen Richtungen in das militärische Gebiet eingriffen, nicht weiter dulden würde. Sollte die Polizei trotzdem mit diesen Maßnahmen fortfahren, so würde ich sie mit Waffengewalt durch die mir unterstehenden Truppen verhindern. Ich gab dem Wali bis zum Mittag dieses Tages Zeit, sich zu entscheiden.
Den Kommandierenden General in Smyrna, Königlich Preußischen Oberst Trommer, der die Vorgänge bereits kannte, verständigte ich durch Major Prigge von obiger Mitteilung und den eventuell zu treffenden Maßnahmen.
Gegen 1,30 Uhr nachmittags kam Major Kiasim Bey vom Wali, der in Burnabad war, zurück und meldete mir, daß die Verhaftungen und Transporte eingestellt worden seien und unterbleiben würden.
Am Nachmittag des Tages kam der erste Departementschef des Wali -- Kara Biber Bey -- zu mir, und hatte ich ausführliche Rücksprache über die Angelegenheit mit ihm.
Am selben Abend kamen 3 Griechen aus Urla bei Smyrna (ca. 25000 griechische Einwohner) zu mir und zeigten mir mit Bitte um Hilfe an, daß die 10 angesehensten und reichsten Notabeln in Urla durch 30 dorthin entsandte Gendarmen ohne Verhör verhaftet und in das Smyrnaer Gefängnis verbracht worden seien.
Am 11. November vormittags war ich zu Besichtigungen in Urla, fand die Tatsache bestätigt und erhielt vom Abschnittskommandeur nähere Meldung.
Am 11. November nachmittags suchte mich der Wali persönlich auf. In einer langen Rücksprache setzte mir der Wali die Gründe für die Massenverhaftungen der Armenier auseinander. Ich konnte diese Gründe, die auf ganz unzureichenden Grundlagen beruhten, nicht billigen und betonte, daß die militärische Lage die größte Ruhe in der zum größten Teil von Griechen bewohnten Stadt Smyrna unbedingt erfordere.
Ich erklärte dem Wali, daß ich hier als Oberbefehlshaber in meinem Bezirk Verschickungen nicht dulden dürfe, ohne die Ruhe zu gefährden. Er könne sich auf mich berufen. Er sagte dies zu und versprach mir, schriftlich Nachricht zu geben.
Ebenso veranlaßte ich sofortige Untersuchung über die scheinbar unschuldig verhafteten Einwohner von Urla.
Am Abend reiste ich ab. Der Wali war an der Bahn.
Kurz nach meiner Rückkehr nach Panderma erhielt das Oberkommando Schreiben des Wali, worin mitgeteilt wurde, nach welchem Ort die Armenier verbracht worden seien, und in dem erklärt wurde, daß die unschuldig Befundenen nach Smyrna zurücktransportiert werden würden.
Liman von Sanders, Königl. Preuß. General der Kavallerie.
308.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. November 1916.
An das Auswärtige Amt.
In Smyrna sind die Armenierverschickungen inzwischen sistiert. Angelegenheit ist damit erledigt.
Kühlmann.
_Dezember._
309.
von Scheubner-Richter. z. Zt. München, den 4. Dezember 1916.
Unter ergebenster Bezugnahme auf meinen Bericht vom 5. August 1915 aus Erzerum und den daraufhin erfolgten, meine Stellungnahme zur Armenierfrage anerkennenden Erlaß Euerer Exzellenz, dessen Inhalt mir unter dem 28. Oktober 1915 durch die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel nach Mossul übermittelt wurde, erlaube ich mir ganz gehorsamst folgendes zu unterbreiten:
Bei meinem Bestreben, noch in letzter Stunde zu versuchen, die Anbahnung eines Modus vivendi zwischen den sich mit dieser Frage befassenden Vertretern des türkischen Komitees und den Armeniern herbeizuführen, ging ich von der Voraussetzung aus, daß ich in dem mit mir nach Aserbeidschan und dem Ostkaukasus gehenden Generalinspektor des türkischen Komitees für Einheit und Fortschritt, Omer Nadji, den ich persönlich gut kannte, Unterstützung finden würde, da ich wußte, daß er die rigorosen Maßnahmen der übrigen Komiteemitglieder nicht billigte. Mit Recht befürchtete er, daß dieses Vorgehen eine ungünstige Wirkung auch auf die Führer der kaukasischen Partei Fidai ausüben würde.
Ich hoffte ihn bei unserer gemeinschaftlichen Reise von der Unsinnigkeit der Maßnahmen gegen die Armenier noch weiter zu überzeugen. Außerdem rechnete ich darauf, daß meine Anwesenheit zum mindesten verhüten werde, daß die Omer Nadji zur Verfügung gestellten Truppen, unter dem Einfluß einiger anderer mit uns reisender Komiteemitglieder, unter denen mir einer als einer der Anstifter der Armeniermassakers im Wilajet Trapezunt bekannt war, dazu mißbraucht werden würden, ähnlich wie die Truppen Halils, in Nordpersien Christenmassakers zu inszenieren.
Diese meine Voraussetzungen haben mich, wie ich mit Befriedigung feststellen kann, nicht getäuscht.
Omer Nadji selbst war froh, in mir, als deutschem Offizier, eine Stütze für seine maßvolle Haltung gegenüber den anderen Komiteemitgliedern zu finden.
Der grauenvolle Anblick der erschlagenen Armenier in den verwüsteten Dörfern der von uns durchzogenen Gebiete bis Bitlis verfehlte auch auf die anderen Herren seine Wirkung nicht. Es war ihnen sichtbar unangenehm, daß ich und meine deutschen Begleiter Zeugen dieses Wirkens ihrer Gesinnungsgenossen wurden, und versuchten sie wiederholt durch Erklärungen, die alle Schuld den Kurden beimaßen, den von uns empfangenen üblen Eindruck abzuschwächen.
Ich konnte in einzelnen Fällen, so z. B. in Bitlis, den noch dort zurückgebliebenen armenischen Frauen und Kindern, deren sich amerikanische Missionarinnen angenommen hatten, Erleichterungen verschaffen und auch den letzteren Hilfe gewähren.
Nicht unerwähnt möchte ich folgenden charakteristischen Vorfall lassen:
Auf dem Wege nach Mossul, der uns in den neugeschaffenen Befehlsbereich der 6. Armee führte, erhielten Omer Nadjis und meine Abteilungen den Befehl, ein Armenierdorf bei Hesak, in dem sich angeblich aufständische Armenier verschanzt hatten, zu stürmen und zu bestrafen. Ich erfuhr rechtzeitig, daß die angeblich „Aufständischen“ Leute waren, die sich aus Furcht vor einem Massaker verschanzt hatten und gern bereit wären, ihre Waffen auszuliefern, wenn ihnen nur ihr Leben zugesichert würde.
Ich entzog mich dem mir drohenden Konflikt dadurch, daß ich die mir unterstellten Deutschen, Offiziere und Mannschaften, nach Mossul berief und den Befehl über die türkischen Mannschaften einem meiner türkischen Offiziere übergab, mit der Motivierung, daß es sich um eine „innertürkische“ Angelegenheit handele und ich es daher nicht für angebracht halte, daß Deutsche hierbei den Befehl über „Gendarmeriedienst“ tuende türkische Truppen führten. Mein Verhalten fand die Billigung des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz.
Auch von türkischer Seite wurde dasselbe anerkannt. Die dabei zutage tretende Enttäuschung legt die Vermutung nahe, daß es sich bei diesem mir erteilten Befehl um einen Versuch Halil Beys handelte, mich und die mich begleitenden Deutschen, in uns kompromittierender Weise in die Armenierangelegenheit hineinzuziehen[138].
Die später erfolgte Zuteilung meiner Abteilung zur neugeschaffenen Gruppe Mossul und meine dadurch bedingte militärische Unterstellung unter das Kommando des Wali von Mossul, Haidar Bey, legte mir naturgemäß größere Zurückhaltung in bezug auf das Eingreifen in armenische Fragen auf.
Trotz der Schwierigkeit meiner Stellung konnte ich aber auch hier bewirken, daß während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit bei den in Nordpersien operierenden türkischen Truppen Fälle von Massakern oder außergewöhnlichen Bedrückungen der dortigen orientalischen Christen nicht vorgekommen sind.
Besonders möchte ich hervorheben, daß es mir im Verein mit Omer Nadji gelungen ist, bei der Eroberung von Sautschbulag, die dortige nicht muhammedanische Bevölkerung, einschließlich der Parteigänger Rußlands, vor Niedermetzelung und Vergewaltigungen zu schützen, wie sie bei früheren Besetzungen der Stadt durch türkische Truppen bzw. Freischärler stattgefunden hatten.
Dieses ist auch von dem in Sautschbulag lebenden amerikanischen Missionar Fossum und der deutschen Missionarin Meta v. d. Schulenburg anerkannt worden.
Aus Gefangenenaussagen und anderen an mich gelangten Nachrichten konnte ich aber feststellen, daß das diesmalige maßvolle Verhalten der türkischen Truppen auf gegnerischer Seite Erstaunen hervorgerufen und somit geeignet gewesen ist, den schlechten Eindruck früherer türkischer Offensiven in Nordpersien und Ostkaukasus wenigstens zum Teil zu verwischen.
Das Vordringen der russischen Truppen im Mai dieses Jahres, wodurch die schwachen türkischen Kräfte zurückgehen mußten, sowie meine anderweitige militärische Verwendung, setzten meinen diesbezüglichen Bestrebungen ein vorläufiges Ende.
Ich bitte gehorsamst, im Anschluß hieran noch auf folgendes hinweisen zu dürfen:
Die in meinem Bericht aus Erzerum ausgesprochene Befürchtung, daß die Aussiedelung der Armenier ihrer Vernichtung gleichkommen werde bzw. dieselbe bezwecken sollte, hat sich leider bewahrheitet. Was von den Ausgesiedelten dieses Volksstammes noch in Mesopotamien lebt, befindet sich in einem trostlosen Zustande. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man ausspricht, daß die türkischen Armenier mit Ausnahme einiger Hunderttausender in Konstantinopel und anderen größeren Städten Lebender so gut wie ausgerottet sind.
Es würde zu weit führen, wollte ich auf die Ursachen der Ausrottung der Armenier und die politischen und wirtschaftlichen Folgen dieser Maßnahme für die Türkei eingehen.
Dieses Kapitel ist fürs erste leider abgeschlossen, und kann sich unsere Fürsorge und unser Interesse nur noch auf die Erleichterung der Lage der sich in Mesopotamien befindenden Überlebenden erstrecken.
Ich halte mich aber andererseits für verpflichtet, die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz noch auf nachstehendes zu lenken: Eine Reihe von Gesprächen mit maßgebenden türkischen Persönlichkeiten hinterließ bei mir folgende Eindrücke:
Ein großer Teil des jungtürkischen Komitees steht auf dem Standpunkt, daß das türkische Reich nur auf rein muhammedanischer, pantürkistischer Grundlage aufgebaut werden muß. Die nichtmuhammedanischen und nichttürkischen Bewohner desselben müssen gewaltsam muhammedanisiert und türkisiert, wo das nicht angängig, vernichtet werden.
Zur Verwirklichung dieses Planes scheint diesen Herren die jetzige Zeit die geeignetste.
Als erster Punkt ihres Programms kam die Erledigung der Armenier.
Für die mit der Türkei im Bündnis stehenden Mächte wurde eine angeblich vorbereitete Revolution der Partei der Daschnakzagan vorgeschützt. Lokale Unruhen und Selbstschutzbestrebungen der Armenier wurden außerdem aufgebauscht und zum Vorwand genommen, die Aussiedelung der Armenier aus bedrohten Grenzgebieten zu motivieren. Unterwegs wurden die Armenier auf Anstiftung des Komitees von kurdischen und türkischen Banden, stellenweise auch von Gendarmen, ermordet.
2. Etwa zu gleicher Zeit wurden die Nestorianer im östlichen Kurdistan durch türkische Truppen von Mossul nach tapferer Gegenwehr aus ihren Wohnsitzen vertrieben und zum Teil vernichtet. Ihre Felder und Wohnstätten wurden verwüstet. Die Überlebenden flüchteten zu den Russen und kämpfen jetzt in deren Reihen gegen die Türkei.
3. Der Feldzug Halil Beys nach Nordpersien hatte Massakrierung seiner armenischen und syrischen Bataillone und Vertreibung der armenischen, syrischen und persischen Bevölkerung aus Nordpersien zur Folge und hinterließ eine große Erbitterung gegen die Türken.
4. An eine Abrechnung mit den Arabern wird ebenfalls gedacht, doch die im Augenblick ungünstige militärische Lage ließ den Zeitpunkt dafür noch nicht für gekommen erscheinen. Inzwischen versuchte man durch starke Rekrutierung der Araber und Entsendung arabischer Truppen in mangelhaftester Ausrüstung in klimatisch ungünstige Gegenden (Winterfeldzug 1914 Erzerum, 1915 Nordpersien) einen geeigneten Ersatz zu finden.
5. In lächerlicher Überschätzung der Kraft und der Fernwirkung pantürkischer Ideen, und in Unterschätzung des Einflusses der kaukasischen Armenier, glaubt man die Muhammedaner des Kaukasus für einen Anschluß an die Türkei und zu einem Aufstand gegen Rußland gewinnen zu können, und nur langsam dämmert die Erkenntnis, daß durch das Vorgehen gegen die Armenier und das Verhalten türkisch-kurdischer Freischärler in den kaukasischen Grenzgebieten dieser Plan stark an Wahrscheinlichkeit eingebüßt hat. Die deutsche Verständigung mit den Kaukasiern wird ungern gesehen und vielfach gehindert.
Meine Eindrücke in bezug auf die Frage des Verhältnisses der Türken zu den anderen dort lebenden Nationen zusammenfassend (die ich bis Ende August 1916 gewonnen habe), möchte ich, im Hinblick auf die Zukunft, folgendes ausführen:
Es erscheint mir nicht ausgeschlossen, daß im Bereich der 6. Armee der Versuch gemacht werden wird, zur Hebung der Stimmung der auf türkischer Seite kämpfenden Kurden, ihren Fanatismus erneut anzufachen und ihnen freie Hand gegen die dortige christliche Bevölkerung zu geben.
Ein ähnliches Ausspielen der sunnitischen Kurden gegen die schiitischen Perser könnte unter Umständen in Nord- und Mittelpersien stattfinden und dadurch, abgesehen von den wirtschaftlichen Folgen, einen dauernden Gegensatz zwischen den Beteiligten hervorrufen.
Ich habe schließlich den Eindruck gewonnen, daß ein schärferes Auftreten gegen die rigorosen Bestrebungen des jungtürkischen Komitees, wo wir die Macht dazu haben, unserem Ansehen dienen dürfte und uns die Sympathien, nicht nur der Nichtmuhammedaner und Araber, sondern auch der Alttürken und der derzeitigen Minderheit der Jungtürken eintragen würde.
Bei der Unsicherheit der türkischen politischen Verhältnisse erscheint es mir nicht unangebracht, die Stimmung dieser in der Provinz Einfluß habenden Kreise in Rechnung zu ziehen.
Wenn wir, die Türken, in diesem Kampf um die Existenz des osmanischen Reiches verbluten, so soll es auch keine anderen Nationen in demselben mehr geben: dieser Ausspruch eines jungtürkischen Politikers kennzeichnet am besten den Standpunkt der jungtürkischen Komiteekreise. Die, meist aus Mangel an Organisation und Voraussicht immer mehr auftretende Schwächung des reinen Türkentums (der Anatolier) zieht in logischer Konsequenz auch die gewaltsame Vernichtung der anderen in der Türkei lebenden Nationen nach sich.
Diesem Vernichtungsprozeß unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden und ihm auch entgegenzuwirken, scheint mir in unserem politischen und wirtschaftlichen Interesse geboten.
v. Scheubner-Richter.
An Seine Exzellenz den Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg, Berlin.
310.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 25. Dezember 1916.
In einem Bericht des Verwesers des Kaiserlichen Generalkonsulats in Jerusalem ist u. a. davon die Rede, daß nach zuverlässigen Nachrichten und entgegen allen türkischen Ableugnungsversuchen die gewaltsamen Islambekehrungen unter den verschickten Armeniern fortgesetzt werden. Die gleiche Nachricht ist auch auf anderen Wegen hierher gedrungen und hat in weiten Kreisen der deutschen Christen berechtigte Empörung hervorgerufen.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, die Angelegenheit erneut mit gebührendem Ernste bei der Pforte zur Sprache zu bringen und ihr zu bedeuten, daß sie durch Duldung zwangsweiser Bekehrungen zum Islam nicht nur ihre Stellung bei den Friedensverhandlungen erschwere, sondern den Mächten auch für die Zukunft eine neue Handhabe zur Einmischung in innere türkische Verhältnisse bieten würde. Als christliche Macht und als Bundesgenosse, dem die innere Kraft und Unabhängigkeit der Türkei am Herzen liegt, können wir unseren türkischen Freunden nur dringend raten, für schnelle und gründliche Abhilfe zu sorgen.
Zimmermann.
Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Geschäftsträger Herrn Göppert, Pera.
1917
_Januar._
311.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
Notiz.
Pera, den 4.1.17.
Inhalt der Anlage mit Halil Bey besprochen.
Er versprach, bei Enver Pascha und Talaat Bey dahin zu wirken, daß die Zwangsbekehrungen sofort aufzuhören hätten. Den Übergetretenen die Rückkehr zum christlichen Glauben schon jetzt zu ermöglichen, sei nicht wohl angängig und nicht praktisch, da dies neue Verschickungen zur Folge haben könnte. Nach dem Kriege werde das ebenso möglich sein, wie nach den Armenierverfolgungen zu Abdul Hamids Zeiten.
Göppert.
Anlage.
Péra, le 4 janvier 1917.
Le Gouvernement Allemand apprend de sources dignes de foi que, contrairement aux démentis officiels, on continue de forcer les Arméniens dans les provinces à renier la foi chrétienne et à embrasser l’islamisme. Les nouvelles de ces faits s’étant répandues en Allemagne les milieux chrétiens s’en sont émus à juste titre et ce n’est qu’à grande peine que le Gouvernement Allemand a réussi à empêcher, jusqu’à présent, la discussion publique de cette question; cependant, il ne peut ne pas tenir compte des nombreuses démarches faites auprès de Mr. le chancelier de l’Empire et auprès du Département des Affaires Etrangères à l’effet de faire cesser ces persécutions et de donner aux personnes converties de force la faculté de rentrer dans la foi chrétienne après le rétablissement de la paix.
Le Gouvernement Allemand, en sa qualité de puissance chrétienne, ne peut que regretter et désapprouver des actes de violence qui sont contraires aux principes de la liberté de conscience, principes qui ont été toujours observés en Turquie et qui, d’ailleurs, ont été consacrés dans un article spécial de la constitution Ottomane. De même, il est d’avis que les persécutions des Arméniens Chrétiens sont de nature à créer au Gouvernement Ottoman de sérieuses difficultés lors de la discussion des conditions de paix, et il prévoit que les puissances de l’entente en profiteront à l’avenir pour s’ingérer dans les affaires intérieures de l’Empire.
Le Gouvernement Allemand guidé par le sincère désir de contribuer à l’affermissement de l’indépendance nationale de l’Empire Ottoman, a cru de son devoir de communiquer au Gouvernement Ottoman sa manière de voir au sujet d’une question qui, dans ce sens, intéresse également les deux Gouvernements alliés. En même temps, il aime à espérer que le Gouvernement voudra bien prendre les mesures nécessaires pour mettre fin à des incidents qui ne peuvent être justifiés ni par les intérêts militaires ni par des motifs d’ordre public.
312.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 5. Januar 1917.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Erlaß vom 25. Februar.
Halil Bey versprach dahin zu wirken, daß Zwangsbekehrungen sofort ein Ende gemacht werde. Sofortige Rückkehr der zwangsweise Bekehrten zum Christentum sei nicht opportun, doch werde sich diese Frage nach Friedensschluß voraussichtlich befriedigend lösen lassen.
Göppert.
313.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 26. Januar 1917.
In einem längeren Auszuge, den die in New York erscheinende griechische Zeitung „Atlantis“ aus einer Veröffentlichung des Lord Bryce gebracht hat (Ausgabe vom 7. November v. J.), wird u. a. behauptet, daß bei der Niedermetzelung der armenischen Bevölkerung von Musch im Juli 1915 ein nicht näher bezeichneter deutscher Offizier eine aktive Rolle gespielt habe.
Hierüber wird folgendes gesagt:
„Die Türken hatten unter allerlei Vorwänden einige 5000 Armenier aus den umliegenden Dörfern beim Kloster Surb Karabet in Musch gesammelt, die sie dann vor den Mauern des Klosters niedermachten. Bevor das Gemetzel begann, stieg ein deutscher Offizier auf die Mauer und warf den Armeniern vor, daß die türkische Regierung den Armeniern stets viel Gutes erwiesen und große Vorrechte verliehen habe, daß aber die Armenier, hiermit nicht zufrieden, nach Autonomie gestrebt hätten. Darauf feuerte er seinen Revolver ab und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Gemetzel usw.“
Über die Vorgänge in Musch lagen hier die Angaben der Schwester Alma Johansson vom Deutschen Hilfsbunde für christliches Liebeswerk im Orient vor, welche sich in den kritischen Tagen an Ort und Stelle befunden hat[139]; sie hat in ihrer Erzählung dieser Ereignisse mit keiner Silbe die Anwesenheit eines deutschen Offiziers bei den türkischen Truppen erwähnt, und es ist nicht anzunehmen, daß sie keine Kenntnis davon erhalten, oder, wenn sie davon gehört, es hier verschwiegen hätte. Durch weitere Nachfrage bei der hiesigen Militärmission ist dann noch festgestellt worden, daß Deutsche im Juli 1915 bei den Ereignissen in und bei Musch nicht zugegen waren.
Die Angaben des Lord Bryce über die Beteiligung eines deutschen Offiziers an den fraglichen Ereignissen beruhen also auf Erfindung.
von Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
_Februar._
314.
Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V.
Abschrift eines Briefes von Frau Prediger Joh. Ehmann.
Mamuret-ul-Asis, den 10. Februar 1917.
Da ich hoffe, eine Gelegenheit zu haben, einen Brief zu senden, der nicht die türkische Zensur passieren muß, so will ich heute abend noch sehen, was ich schreiben kann.
Wir sind in diesen Tagen sehr niedergedrückt und beschwert durch die drohende Kriegsgefahr mit Amerika. Wie wird es auslaufen?... Über wie viel Tausende wird neues Elend kommen! Wir denken zunächst an die Amerikaner in Kharput -- die Türken sollen sich teilweise schon auf die reiche Beute freuen, die ihnen dann zuteil würde. Und sanft würde gewiß mit den Amerikanern nicht verfahren werden, obwohl im vergangenen Jahre die Stimmung ihnen gegenüber recht günstig war im Gegensatz zu 1915, wo man sehr kurz mit ihnen war. In letzter Zeit waren wir die weniger Wohlgelittenen; in den letzten Monaten hat sich eine ziemlich stark antideutsche Stimmung herausgebildet, unter der wir auch schon leiden mußten. Vor 14 Tagen mußten wir, der Gewalt gehorchend, ein weiteres Waisenhaus abtreten, nachdem schon 4 Häuser in Händen des Militärs sind. Als man zuerst mit der Forderung an meinen Mann herantrat, wies er die Forderung ab mit der Begründung, dies ginge über seine Befugnisse hinaus, er sei unserer Gesellschaft und den Freunden unserer Arbeit verantwortlich, er wolle sich bei der Botschaft Rat holen; sobald von dieser der Befehl käme, die Häuser auszuliefern, so sei er bereit. Man forderte nämlich, das vergaß ich zu sagen, alle unsere Häuser unter der Behauptung, es sei ein Telegramm von Enver Pascha gekommen, daß sowohl unsere Häuser als die der Amerikaner für die Soldaten ausgeräumt werden sollten. Als besondere Gnade wollten sie uns das Knabenwaisenhaus Ebenezer lassen! -- Da wir am nächsten Tage erfuhren, daß man sich an die Amerikaner gar nicht gewandt hatte, zweifelte mein Mann die Echtheit dieses Enverschen Telegramms sehr an. Er sandte nun einige Telegramme an die Botschaft ab, aber offenbar hat man keines davon durchgelassen, denn bis heute ist keine Antwort eingelaufen. 8 Tage nach der ersten Forderung kam man wieder mit neuem Drängen, mein Mann konnte nur antworten, er müsse auf die Antwort der Botschaft warten. Am Dienstag darauf kamen zwei Abgesandte mit der Nachricht, man habe jetzt lange genug gewartet, wenn am nächsten Tage die Häuser nicht gegeben würden, so würden sie mit Gewalt genommen. Mein Mann ging darauf zum Kommandanten, zu demselben, der noch an unserer Weihnachtsfeier teilnahm, um in Freundschaft mit ihm zu verhandeln, fand ihn aber so aufgeregt und so grob, daß nichts bei der Sache herauskam und der Kommandant schließlich, ohne sich zu verabschieden, aus dem Zimmer hinauslief und meinen Mann stehen ließ. Die Botschaft habe sich gar nicht mehr hineinzumischen seit der Aufhebung der Kapitulationen etc. Mein Mann tat dann noch Schritte bei dem obersten Schulbeamten, der versprach, gleich am nächsten Morgen mit dem Kommandanten zu verhandeln und ihn dahin zu bestimmen, daß man sich mit der Abtretung eines Hauses begnüge. Aber siehe da, am nächsten Morgen, ungefähr um 9 Uhr, rückte Militär und Polizei an und umstellte unsere beiden Mädchenwaisenhäuser! Sie hatten Werkzeuge mitgebracht, um eventuell die Türen mit Gewalt einzuschlagen. Schwester Kathrine, die am Tor stand, wurde vor die Brust gestoßen, niemand durfte hinaus; und als Schwester Marie schnell herausschlüpfte, um meinem Mann Nachricht zu bringen, schlug man nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen. Die Soldaten drangen nun in die Häuser ein, d. h. nur einige, in jedem Stockwerk stand einer mit geladenem Gewehr, und Schwester Kathrine durfte in ihrem eigenen Hause nicht mehr die Treppe hinauf, sie mußte bleiben, wo sie war. Schwester Jenny im anderen Hause war mutiger, sie sagte zu dem Soldaten, der sie auch bedrohte: „Was fällt dir ein? Ich bin eine Deutsche (sie ist Dänin), ich fürchte mich nicht!“ und konnte daraufhin im Hause frei umhergehen. Inzwischen hatte nun mein Mann Nachricht und war eilends gekommen. Er verhandelte mit dem Offizier, der mit den Soldaten vorm Hause stand, dann mußte unser Dragoman hin und herlaufen zwischen dem Kommandanten und meinem Mann, bis nach vielem Hin und Her sich der Kommandant bereit erklärte, zufrieden zu sein, wenn an diesem Tage Emmaus, das gemietete dänische Waisenhaus, geräumt würde und am nächsten Tage Elim, unser eines Mädchenwaisenhaus. Die Räumung von Emmaus zerschlug sich dann in der letzten Minute, da ein Offizier, der das Haus besichtigte, behauptete, es sei zu klein, sie hätten gedacht, es sei größer. So wurde denn Elim ausgeräumt. Mein Mann hatte einige Häuser in der Nachbarschaft verlangt für die Waisen, die uns nach einigen Schwierigkeiten schließlich gegeben wurden. Aber trotz der Eile, die man damals hatte, und trotz des Drängens, bis ihnen die Schlüssel abgeliefert waren -- es war am 24. Januar --, steht Elim bis heute, am 11. Februar, leer. Wir wissen wohl, daß es nicht das Haus war, das man brauchte, denn in Mamuret-ul-Asis sind noch Häuser genug, sondern es war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit. Nun, wir sind auch über dies hinübergekommen, und Gott wird weiterhelfen. Aber wir sehen nicht zu rosig in die Zukunft. Wenn es wirklich zum Krieg mit Amerika kommt, wäre es auch für die Armenier sehr schwer. Man weiß kaum, was werden sollte. Es kommen riesige Unterstützungsgelder von dort. Die vielen Armen hier und in Kharput leben hauptsächlich von diesen Unterstützungen.
Wir haben wieder ziemlich viel Armenier hier in der Stadt oben, d. h. Frauen und Kinder; sie ziehen sich aus der ganzen Umgegend hier zusammen, die meisten waren bei Türken gewesen für die Feldarbeit oder auch als Frauen und wurden dann einfach hinausgetan, wenn man sie nicht mehr wollte. Sie leben hier zum Teil in den erbärmlichsten Hütten, in halb zerstörten Häusern, denn ein großer Teil der Armenierhäuser wurde nach der Ausweisung einfach von der Bevölkerung niedergerissen, zuerst Fenster, Türen, Treppen usw. weggeschleppt, später die Wände eingerissen und alles Holz, was drin war, herausgerissen, zu Brennzwecken. Bis heute wird solch Holz aus den Dörfern zum Verkauf gebracht.
315.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 14. Februar 1917.
Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats, welcher im Einverständnis mit der türkischen Regierung vor kurzem zur Verteilung von Notstandsgeldern an die verschickten Armenier ausgesandt wurde, ist zurückgekehrt und berichtet folgendes: Er hat in Rakka 20000 Kilo Getreide angekauft, die durch den Vertreter der amerikanischen Süßholzgesellschaft gemeinsam mit 2 türkischen Beamten zu verteilen sein werden, und hat 4500 Ltq. verteilt, indem er persönlich jedem einzelnen der 600 Verschickten wenigstens eine Viertelpfundnote, zum Teil mehr, ausgehändigt hat. Trotzdem ist er der Ansicht, daß ein sehr großer Teil davon dem Hunger und der Entbehrung erliegen muß. Denn es herrscht jetzt nicht nur unter den Armeniern, sondern auch unter der Bevölkerung von Rakka selbst Hunger, so daß die Verteilung von Nahrungsmitteln durch die Regierung an die Vertriebenen fast ganz aufgehört hat. 160-175 Kilo Weizen kosten 500 Piaster Hartgeld oder nicht ganz das Dreifache in Papiergeld, so daß also ein Kilo Weizen auf ungefähr 2 Mk. zu stehen kommt. Die Vertriebenen wohnen dicht gedrängt. Ihre Kleidung ist zerlumpt, Typhus ist unter ihnen ausgebrochen, so daß die Zahl der täglichen Todesfälle gegenwärtig 20 beträgt.
An manchen Stellen des Weges werden die Reste der Armenier zu Straßen-, Brücken- und Häuserbauten verwendet, so:
in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo) 172 in Der Hafir (50 km „ „ ) 180 Meskene 600 außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind, Sabkha (zum Teil beschäftigt) 2000 Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt), in Rakka 6000 in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt) 400 und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka 2500
In Urfa sind sie jetzt verhältnismäßig gut und sicher aufgehoben. Man hat sie dorthin geholt, um die notwendigsten Handwerker zu haben.
Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats war der in früherer Berichterstattung bereits genannte Deutsche Bernau, der jetzt bei Rückkehr von seiner Reise die Nachricht vom Abbruch der Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland vorfand und infolgedessen seine Stellung am amerikanischen Konsulat niederlegt. -- Über Sabkha hinaus nach Süden ist er diesmal nicht gekommen.
In Aleppo hat die Regierung am 13. d. M. auf Befehl Djemal Paschas aus den von der Schwester Beatrice Rohner geleiteten Waisenhäusern 70 Knaben genommen, um sie in ein Regierungswaisenhaus auf dem Libanon zu verbringen, wo sie mit Kindern muhammedanischer Flüchtlinge aus Ostanatolien zusammen erzogen werden sollen. Weitere derartige Verteilungen auf Regierungswaisenhäuser sind in Aussicht genommen. Die Armenier sollen auf diese Weise zu vaterlandsliebenden Osmanen und, wie die offene oder stillschweigende Voraussetzung ist, zu Muhammedanern gemacht werden. Es ist schwer, hierbei die Erinnerung an die Rekrutierung der Yanitscharen zu unterdrücken. Dem gegenwärtigen Versuch muß man wohl skeptisch gegenüberstehen. Die meisten armenischen Knaben werden weglaufen, diejenigen, welche in die Regierungswaisenhäuser kommen, werden dort vor die Frage gestellt werden, ob sie den Islam annehmen wollen. Lehnen sie ab, und versagen Zwangsmittel, so werden sie auf die Straße gejagt werden und verkommen. Nur die wenigsten werden dort heranwachsen. Der mit der Verteilung auf die Regierungswaisenhäuser beabsichtigte positive Zweck wird also nicht erreicht werden, nur wird die Zahl heranwachsender junger Armenier erneut erheblich vermindert sein.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
316.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 16. Februar 1917.
Der Vorsitzende der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, Missionsdirektor D. Karl Axenfeld, hat im Interesse wirksamerer Fürsorge für die deportierten Armenier gebeten, den anliegenden Fragebogen[140] von den zuständigen deutschen konsularischen Vertretern ausfüllen zu lassen.
Euere Exzellenz wollen die Fragebogen den in Betracht kommenden Kaiserlichen Konsulaten mit entsprechender Weisung zugehen lassen und für tunlichst beschleunigte Erledigung Sorge tragen.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter i. a. M. Herrn von Kühlmann, Pera.
317.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 16. Februar 1917.
Das Kabinett Talaat Pascha hat sich gestern offiziell der Kammer vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit hat der neue Großwesir programmatische Erklärungen abgegeben, die mir von prinzipieller Wichtigkeit scheinen und in der inneren Geschichte der Türkei einen neuen Wendepunkt bilden.
Wie ich bereits vor einiger Zeit Euerer Exzellenz zu berichten die Ehre hatte, gewann innerhalb der einflußreichen Kreise eine gemäßigte Richtung an Boden, die im Gegensatz zu dem rücksichtslosen, vor blutiger Gewaltsamkeit nicht zurückschreckenden Nationalismus gewisser Komiteemitglieder eine verständige und tolerante innere Politik für die Türkei verlangte. Die Türkei ist durch die vielen fremden Elemente in ihrer Mitte ein von jedem anderen europäischen Staate wesentlich unterschiedenes Gebilde. Die Versuche, durch versöhnliches Entgegenkommen die fremden Bestandteile im ottomanischen Staatskörper zu einem wirklichen ottomanischen Patriotismus und damit zur freiwilligen überzeugten Mitarbeit am türkischen Staatsleben zu erziehen, haben immer wieder abgewechselt mit Perioden, in denen durch Druck und Ausrottungsbestrebungen die dem Staate so nötige Einheit der Zusammensetzung erzwungen werden sollte.
Sultan Abdul Hamid war in der letzten Zeit seiner Regierung durch die berüchtigten Armeniermassakers in der Richtung einer schonungslosen Ausrottungspolitik soweit gegangen, daß selbst in dem an Blutvergießen gewöhnten Orient ein Schauder durch alle Gemüter ging. Das Komitee, in allen Stücken trachtend, eine der Sultanpolitik entgegengesetzte Haltung einzunehmen, schrieb im Anfang seiner Wirksamkeit Zusammenfassung aller in der Türkei lebenden Körperschaften zu freier und freiwilliger Mitarbeit im Staate auf seine Fahnen und konnte im Anfange seiner Tätigkeit fast alle dissentierenden Elemente -- Araber, Armenier und Griechen --, wenn auch nur für kurze Zeit, unter einen Hut bringen. Das Fortbestehen der separistischen Treibereien unter den Armeniern und die während des Balkankrieges, als die Türkei dem Zusammenbruche nahe schien, aufs neue klar hervortretende, vaterlandsverräterische Gesinnung weiter nichttürkischer Kreise aber führte zu einem Umschwunge und zu einem vollständigen Siege der türkisch-nationalistischen Richtung im Komitee.
Die in großem Umfange durchgeführte Armeniervernichtung und die in einzelnen kleineren Unternehmungen zutage tretenden Neigungen, auch dem griechischen Elemente gegenüber schonungslos vorzugehen, sind das Resultat dieser politischen Richtung gewesen.
Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen, arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden, besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.
Im vertrauten Gespräche habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht, ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen zu rechnen. Den Armeniern soll (damit will man aber erst in einiger Zeit hervortreten) die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.
Die wilde nationalistische Richtung ist natürlich noch nicht tot. Die fähigen und rücksichtslosen Köpfe, die sie vertreten haben, werden sich bei ihrer zeitweiligen Niederlage nicht beruhigen. Auch darauf, daß nun, wie mit einem Zauberschlage, die Klagen aus verschiedenen Provinzen über Bedrückungen und Verfolgungen einzelner Verwaltungsbeamten völlig verstummen, ist nicht zu rechnen. Aber die Erfahrung lehrt doch, daß die in Konstantinopel ausgegebene Parole im großen ganzen in der Provinz befolgt wird; um so mehr, wenn die Parole nicht das Ergebnis fremden Drucks auf die Zentralregierung ist, sondern der freien Entschließung der türkischen Machthaber entspricht. Dies ist zum Glück dieses Mal der Fall.
Zweifellos wird die Stellungnahme Talaat Paschas in seiner gestrigen Rede für geraume Zeit hinaus richtunggebend bleiben. Dies ist, meiner Ansicht nach, für uns und die Sache des deutsch-türkischen Bündnisses ein großer Gewinn. Denn auf Seiten all unserer Feinde bestand das Bestreben, uns für die blutigen Ausschreitungen des türkischen Nationalismus verantwortlich zu machen. Andererseits bildeten die häufigen Einmischungsversuche, zu denen uns humanitäre Erwägungen gegenüber diesen Maßnahmen veranlaßten, eine Quelle ständiger Reibung mit der türkischen Regierung. Auch unserer Öffentlichkeit gegenüber ist das Bündnis mit einer gemäßigten, auch im Innern nach modernen Grundsätzen arbeitenden Türkei leichter zu verteidigen und aufrecht zu erhalten, als mit einem ausgesprochen ottomanisch-nationalistischen Gebilde.
von Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
318.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 24. Februar 1917.
Talaat Pascha bestätigte mir persönlich, daß er in allen Fragen der Nationalitätenpolitik einen neuen Kurs zu steuern beabsichtige. Er habe sowohl den katholischen, als den ökumenisch armenischen Patriarchen zu sich kommen lassen und ihnen gesagt, die armenische Bevölkerung könne sicher sein, daß ihre verfassungsmäßigen Rechte nicht angetastet werden. Was die vorige Regierung unter dem Zwange militärischer Notwendigkeit habe veranlassen müssen, solle nach Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Entsprechende Befehle seien an alle Provinzialbehörden ergangen.
von Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
319.
Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V.
Frankfurt a. M., den 28. Februar 1917. Fürstenbergerstraße 151.
Herrn Geh. Legationsrat von Rosenberg, Berlin
Auswärtiges Amt.
Unsere Schwester Beatrice Rohner meldet mir heute telegraphisch aus Aleppo, daß die unter ihrer Obhut stehenden armenischen Waisenkinder verteilt würden. Ich möchte Sie nun herzlich bitten, durch die Botschaft bei dem Deutschen Konsulat in Aleppo anfragen zu lassen, was das Schicksal dieser Kinder für die Zukunft sein wird, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir dann ebenfalls auf telegraphischem Wege Mitteilung zukommen ließen[141].
F. Schuchardt.
_März._
320.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 1. März 1917.
Telegramm.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Auf Grund eines Telegramms der Schwester Beatrice Rohner aus Aleppo, daß die ihr anvertrauten armenischen Waisenkinder verteilt würden, bittet Deutscher Hilfsbund durch Konsulat Aleppo festzustellen, was mit den Kindern geplant ist.
Anheimstelle, wenn möglich, die günstigen Dispositionen des neuen Großwesirs zugunsten der Kinder zu verwerten.
v. Stumm.
321.
Auswärtiges Amt. 3. März 1917.
Aufzeichnung.
Die zwischen Missionsdirektor Schreiber als Wortführer der deutschen Armenierfreunde und dem Kriegsarbeitsamt geführten mündlichen Verhandlungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß die von der Einberufung nach der Türkei bedrohten in Deutschland befindlichen Armenier -- es handelt sich um 50-60 Mann -- im Zivilhilfsdienst untergebracht werden und dadurch zunächst von der Abschiebung nach der Türkei gesichert sind. Wie Direktor Schreiber mitteilt, hat Oberst von Braun, der die Verhandlungen seitens der Militärbehörden führte, für die politische Seite der Frage volles Verständnis gezeigt.
Rosenberg.
322.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 7. März 1917.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 1. März.
Türkische Regierung hatte bereits im Dezember 1915 Schwester Rohner eröffnet, daß ihr die Waisenkinder nur zeitweilig übergeben seien; sie werden nunmehr auf Befehl Ministers des Innern verteilt; 70 sind Mitte Februar nach dem Libanon übergesiedelt, 400 sollten am 5. März mit Eisenbahn Reise nach verschiedenen Ortschaften Kleinasiens antreten. Einige 350 fanden bei entfernten Verwandten Unterkunft. Bericht Konsul Rößlers eintrifft demnächst.
Kühlmann.
323.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 8. März 1917.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter i. a. M. Herrn v. Kühlmann, Konstantinopel,
zur gefälligen Kenntnis übersandt.
Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat.
Artikel des Retsch Nr. 24 vom 26. 1./8. 2. 17:
Am 25. Januar a. St. stattete eine aus angesehenen Vertretern der einheimischen armenischen Bevölkerung bestehende Deputation der Stadtduma von Petersburg einen Besuch ab und übergab dem Stadtoberhaupt im Namen des Katholikos aller Armenier, Kework, eine Dankesadresse für die von der Duma erwiesene Unterstützung der armenischen Bevölkerung. Das Schriftstück ist an das ehemalige Stadtoberhaupt Graf J. J. Tolstoi gerichtet, der an der Spitze eines Komitees zur Unterstützung der Armenier stand und darin eine wirksame Tätigkeit entfaltete. Der Patriarch schreibt in seiner Adresse u. a. folgendes: Euerer Erlaucht ist die Vergangenheit und Zukunft des armenischen Volkes bekannt. Von jeher hat die türkische Regierung meinem Volke jegliche Menschenrechte verweigert. Leben, Ehre und Vermögen der Armenier blieben nicht vor den grausamsten Vergewaltigungen verschont, und so konnte mein Volk nie frei denken und nie ruhig für den nationalen Fortschritt und Wiederaufbau arbeiten. Jetzt aber werden die unglücklichen Söhne meines Volkes noch schonungsloser unterdrückt und verfolgt, unbewaffnet und wehrlos sind sie den räuberischen Kurden und türkischen Beamten ausgeliefert, von denen nicht einmal Frauen und unschuldige Kinder verschont werden; die Kinder werden gewaltsam zum muhammedanischen Glauben bekehrt. Und diese an der wehrlosen christlichen Bevölkerung vollzogenen Greueltaten werden damit entschuldigt, ~daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren~. In der Stunde der großen Prüfung des armenischen Volkes haben Euere Erlaucht zusammen mit den würdigen Vertretern der Petersburger Stadtverwaltung geruht, 50000 Rubel zu gunsten der armenischen Flüchtlinge, die nicht nur ihre ganze Habe, sondern oft auch ihre nächsten Verwandten verloren haben, zu opfern...“
Die Adresse schließt mit dem Ausdrucke heißer Dankbarkeit für die brüderliche Unterstützung der Armenier in der Zeit der schweren Prüfung.
324.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
Notiz.
Pera, den 15. März 1917.
Nach meinem Dafürhalten rechtfertigt die gesperrte Stelle in der Dankesadresse des Katholikos von Etschmiadsin nicht die sensationelle Überschrift „Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat“.
Nach der Fassung des betreffenden Passus ist es vielmehr wahrscheinlich, daß die Worte:
„daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren“
vom Katholikos den Türken in den Mund gelegt werden.
Selbst wenn aber diese Auffassung nicht zutrifft, liegt keinesfalls Bestätigung der Gesinnung durch Handlungen vor.
Mordtmann.
325.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 12. März 1917.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Die im Auslande lebenden Armenier haben die Deutsch-Armenische Gesellschaft gebeten, die Verteilung und Überweisung der von ihnen für ihre deportierten Stammesgenossen gesammelten Hilfsgelder, die bisher hauptsächlich über Amerika gingen, zu übernehmen. Die Gesellschaft beabsichtigt zu diesem Zwecke einen Vertreter nach der Türkei zu entsenden.
Das Kaiserliche Konsulat ersuche ich um gutachtliche Drahtäußerung und um eventuelle Vorschläge über die Wege, auf welchen die Hilfsgelder zweckentsprechend geleitet werden könnten.
Kühlmann.
326.
(Kaiserliches Konsulat.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 15. März 1917. Ankunft in Pera, den 15. März 1917.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 12. März.
Nach Auflösung ihrer Waisenhäuser ist Schwester Rohner sowohl vom amerikanischen Konsul als von türkischen Behörden gebeten worden, die Notstandsarbeiten in der Stadt Aleppo neu zu organisieren, wobei letzteren allerdings nicht bekannt sein wird, daß es sich um 20000 Bedürftige handelt.
Die in der Organisation begriffene Arbeit soll sich auch auf 1200 verwahrloste Kinder erstrecken. Bleiben amerikanische Gelder aus, so wäre deren Ersetzung aus deutschen Quellen hierbei am unauffälligsten. Die Schwester geht zunächst nach Marasch. Nach Rückkehr in einem Monat ist sie bereit, deutsche Gelder zu dem gedachten Zweck zu verwenden, woran sich wahrscheinlich die Arbeit nach außerhalb anknüpfen ließe. Die deutsch-armenische Gesellschaft muß als Geldgeber unbekannt bleiben. Geld könnte durch die deutsche Orientbank an dieses Konsulat überwiesen werden. Die Tätigkeit eines besonderen Vertreters der Gesellschaft könnte unmöglich unbekannt bleiben und riefe die Gefahr hervor, die ganze Hilfsarbeit unmöglich zu machen.
Rößler.
327.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. März 1917.
Im Anschluß an den Bericht vom 14. Februar.
Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B. Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie sie es sich von vornherein vorbehalten hatte.[142] Bei ihrer Berufung im Dezember 1915 zur Leitung eines damals auf das furchtbarste verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal Pascha erklärt, daß es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum Unterhalt geleistet.
Die höchste Zahl der von der Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die größeren Knaben genommen wurden, um zu Straßen- und Häuserbauten verwendet zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, so daß sie zuerst von der Schwester aufgenommen waren. -- Die Zahl der Mädchen hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, daß die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl der Kinder etwa 600, wozu die Angestellten mit ihren Familien in Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der Schwester entflohen und haben wohl größtenteils bei den tagsüber in Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. -- 60 kranke und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. -- Als die Regierung noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30 Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus, woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben, und 70 sammelte sie von der Straße auf. -- Alle 400 ließ sie von der Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d. M. mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, daß sie zur Verteilung auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, „daß ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe.“
Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich gewesen. -- Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste geschickt worden.
Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt -- das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der Regierung gegenüber den Armeniern zu schließen. Die hartherzige Arbeit ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für „verdächtig“ gilt, wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden. Im übrigen ist Befehl ergangen, daß jeder Armenier zu bleiben habe, wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu ihren nächsten Anverwandten zurück.
Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, daß sich Mißstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen Etappenoffizier Oberst Kemal Bey unterstehen die Spinnereien und Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind, daß sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zu fristen. -- Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein, zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber ein Herz und wünscht zu helfen. -- Mit der Gewinnung der Schwester Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten, sei es als Internat, sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die Schwester hat zugesagt. -- Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung der Notstandsgelder für die 20000 bedürftigen Armenier der Stadt Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d. M. wird sie sich auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, daß sie gern bereit sei, zu helfen.[143] -- Außer den genannten 1200 Kindern befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer Obhut und 400 in dem oben erwähnten, wieder neu gefüllten armenischen Waisenhaus.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
328.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 25. März 1917. Ankunft in Berlin, den 26. März 1917.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Für Deutsche Bank von Anatolischer Bahn:
Neuerdings haben wieder Armenierausweisungen eingesetzt. Die zweite Baudivision meldet Ausweisung aus Amanusstrecke von 505 Arbeitern mit 187 Familienmitgliedern seit dem achtzehnten. Vom Taurus etwa gleiche Zahl.
Kühlmann.
_April._
329.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
Pera, den 5. April 1917.
Der Fragebogen des D. Karl Axenfeld ist den Kaiserlichen Konsularbehörden in Aleppo, Bagdad, Beirut, Damaskus und Mossul übermittelt worden. Bisher liegt nur die Beantwortung aus Aleppo vor; die Berichte der übrigen Konsulate folgen bei Eingang nach.
Waldburg.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
Antworten auf die Fragebogen.
330.
(1. Deutsches Konsulat Aleppo.)
Aleppo, den 20. März 1917.
Fragen. Antworten.
1. Welche Zahl von deportierten 1. Etwa 45000. Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?
2. Können Sie uns Mitteilung 2. 10000 Frauen sind in Aleppo machen über ihren Zustand und mit Spinnen und Weben beschäftigt, ihre Bedürfnisse? doch reicht ihr Arbeitsverdienst zur Ernährung nicht aus. Die übrigen 35000 sind in äußerster Not, viele am Verhungern.
3. Können Sie den Deportierten 3. Ja, doch sind überwiegend nur Unterstützungen zukommen lassen? Geldunterstützungen möglich. -- In welcher Weise? Mit wessen Durch Schwester B. Rohner vom Hilfe? Deutschen Hilfsbund, die in Aleppo als der Zentrale des Hilfswerkes bleibt. In Marasch mit Hilfe des Hilfsbundes, in Aintab mit Hilfe der amerikanischen Mission (an deren Stelle nur in dem äußersten Notfall, daß die Missionare abzureisen hätten, Eingeborene treten müßten), in Urfa mit Hilfe der Deutschen Orientmission. Nach anderen Gegenden, wie Sabkha und Rakka, muß auf Gelegenheiten zur Entsendung von Hilfsgeldern gewartet werden.
4. In welchem Umfange wären 4. Ein Kilo Weizen kostet mehr als Mittel erforderlich? 2 Mark. Wollte man nicht allen 45000, sondern nur 35000 täglich 250 Gramm Weizen ohne andere Nahrung geben, so wären täglich 17500 Mark erforderlich. Ein Kilo Brot kostet gar 3,40 Mk.
5. Haben Sie zu diesem 5. In Aleppo ist das Werk, so gut Hilfswerk Hilfskräfte nötig? es geht, mit armenischen Hilfskräften Mitte März von Schwester Rohner neu organisiert. -- Anderen deutschen Kräften als ihr würde die Arbeit von den türkischen Behörden bald unmöglich gemacht werden. -- Unter Umständen kommt, wenn Schwester Rohner es wünschen sollte, die Zuteilung einer zweiten Hilfsbundschwester in Frage.
Schwester Rohner ist am 19. März auf einen Monat zur Erholung nach Marasch gereist. Vorher hat sie noch hier in Aleppo mit amerikanischem Geld für einen Monat für die Bedürftigen in der Stadt vorgesorgt.
Schätzung. Marasch 4500 Aintab und Umgegend 8000 Urfa jetzt 2500 Biredjik und Djerablus 2000 Aleppo jetzt 20000 Rakka 6400 Zwischen Aleppo und Sabkha 3200 ------- 46600
331.
(2. Deutsches Konsulat Beirut.)
Beirut, den 24. März 1917.
Fragen. Antworten.
1. Welche Zahl von deportierten 1. a) Zum Islam übergetretene Armeniern befindet sich ungefähr Armenier: in Beirut ca. 40 in Ihrem Wirkungskreise? Familien; in Saida und Sur ca. 200 Familien. Für diese Familien sorgen die türkischen Regierungsstellen durch Brotverteilung, Arbeitsnachweis etc.
b) Nicht zum Islam übergetretene gregorianische Armenier, die sich meistenteils heimlich, d. h. ohne bei der Polizei gemeldet zu sein, hier aufhalten:
In Beirut 17 Familien, davon ein Drittel wohlhabend, ein Drittel hat Arbeit, ein Drittel in Not. Im Libanon, in Zahle und Dur-e-Schuer ca. 50 Familien, davon reichlich ein Drittel in Not.
2. Können Sie uns Mitteilungen 2. In wirklicher Not sollen sich über ihren Zustand und ihre von obigen unter 1b verzeichneten Bedürfnisse machen? Armeniern ca. 25 Familien mit etwa 100 Angehörigen befinden. Die Männer können sich aus Besorgnis, zum Militärdienst gezwungen zu werden, und weil sie polizeilich nicht angemeldet sind, nicht frei bewegen, demzufolge auch nicht frei arbeiten.
3. Können Sie den Deportierten 3. Ja, mit Hilfe hiesiger Unterstützungen zukommen wohlhabender Armenier, wie z. B. lassen? In welcher Weise? Mit des Sackis Cassabian, Inhabers der wessen Hilfe? angesehenen Firma Jusuffian u. Cassabian in Mersina, der für die Kriegsdauer hierher übersiedelte.
4. In welchem Umfang wären 4. Bei den heutigen Preisen wären Mittel erforderlich? pro Person 5 Ltq. monatlich, also 100 Personen 500 Ltq., zum Unterhalt erforderlich.
5. Haben Sie zu diesem 5. Nein. Hilfswerk Hilfskräfte nötig?
332.
(3. Deutsches Konsulat Damaskus.)
Damaskus, den 23. März 1917.
Fragen. Antworten.
1. Welche Zahl von 1. Im Mai v. J. wurde die Zahl der deportierten Armeniern befindet zwischen Aleppo und dem Hedschas sich ungefähr in Ihrem befindlichen Armenier von dem Wirkungskreise? Vorsitzenden der Auswandererkommission, Wali a. D. Hussein Kasim Bey, der als aufrichtig und Armenierfreund gilt, auf 60000 Seelen geschätzt. Von diesen dürfte etwa die Hälfte inzwischen gestorben sein.
Im April v. J. gab der auf Empfehlung des Kaiserlichen Konsulats Aleppo mit dem hiesigen armenischen Liebeswerk betraute armenische Hilfsprediger V. B. Tachmisian die Zahl der im Wilajet Damaskus befindlichen Armenier mit 2000 Familien zu je 5 Köpfen (10000 Seelen) an. Der Genannte schätzt jetzt die Zahl der in der Provinz Damaskus (Hama, Homs, Damaskus, Hauran und Kerak) befindlichen Armenier auf 30000 Seelen. Es ist bei der Zerstreutheit der Armenier und bei ihrer Zurückgezogenheit nicht leicht, ihre Zahl genau anzugeben.
2. Können Sie uns Mitteilungen 2. Sie befinden sich größtenteils über ihren Zustand und ihre in einem beklagenswerten Zustand. Bedürfnisse machen? Immerhin hat sich dieser in den letzten Monaten etwas gebessert, indem ihnen in den Städten die Möglichkeit zum Erwerb gegeben wurde. Als fleißige und geschickte Handwerker verstehen sie sich durchzusetzen. Viele von den Armeniern sind, wenn auch zwangsweise, Muselmanen geworden und können infolgedessen ungestörter ihren Lebensunterhalt erwerben. Bei der zunehmenden Teuerung, über die ich in der Anlage eine Zusammenstellung der wichtigsten Lebensmittelpreise beifüge und bei der Entwertung des Papiergeldes, das heute nur 25% des Nennwertes beträgt und voraussichtlich weiter sinken wird, befinden sich die meisten Armenier in einer schweren Notlage. Es würde sich darum handeln, ihnen Brot und sonstige Nahrungsmittel, ferner Kleider und gesunde Unterkunft zukommen zu lassen.
3. Können Sie den Deportierten 3. Bisher hat dieses Kaiserliche Unterstützungen zukommen Konsulat hauptsächlich durch den lassen? In welcher Weise? Mit armenischen Hilfsprediger V. B. wessen Hilfe? Tachmisian, ferner durch den hiesigen deutschen Missionar Hanauer und in gewissen Fällen das Kaiserliche Konsulat direkt Geld an die Armenier verteilt. Im allgemeinen empfiehlt es sich, das Geld durch einen vertrauenswürdigen Europäer verteilen zu lassen, der ein Herz für das armenische Liebeswerk hat und außerdem in geschickter unauffälliger Weise zu arbeiten versteht. Die türkischen Behörden sehen es im allgemeinen nicht gern, wenn sich Europäer der Armenier annehmen. Sie fürchten, daß diese hierdurch in ihrer Opposition gegen die türkische Regierung gestärkt werden. Ein gewandter Europäer oder Europäerin, die die orientalischen Verhältnisse kennen, würden trotzdem eine Organisation schaffen können, die in unauffälliger Weise den Armeniern helfen könnte. Der hiesige Prediger Hanauer kennt Land und Leute. Für die Konsularbehörde ist es nicht möglich, eine solche Organisation zu schaffen und offen zu überwachen, da sie in den Verdacht kommen würde, gegen die türkische Regierung zu arbeiten. Sie kann höchstens mit Rat zur Seite stehen und von Zeit zu Zeit unter der Hand der einen oder anderen Person und den Armen auf der Straße Unterstützungen zukommen lassen.
4. In welchem Umfange wären 4. Von den hiesigen Armeniern Mittel erforderlich? sollen etwa 10% sich selbst erhalten können. Die anderen sollen unterstützungsbedürftig sein. Für die Person kann man täglich etwa 1 Mk. gleich ca. 5 Piaster wenigstens für den Unterhalt rechnen, vorausgesetzt, daß dieser Betrag in Hartgeld gezahlt wird. Bei Papiergeld müßte der 4 fache Betrag gerechnet werden.
Nimmt man die Zahl der im Wilajet Damaskus unterstützungsbedürftigen Armenier mit durchschnittlich 15000 Seelen an, so würden täglich 15000 Mk. und im Monat 450000 Mk. zu zahlen sein, wenn man allen helfen wollte.
5. Haben Sie zu diesem 5. Wie bereits unter Nr. 3 Hilfswerk Hilfskräfte nötig? hervorgehoben, würden besonders europäische Hilfskräfte für das gedachte Unterstützungswerk am geeignetsten sein, die sich ihrerseits armenischer Vertrauenspersonen als Unterorgane bedienen könnten.
Damaskus, den 23. März 1917.
Lebensmittelpreise in Goldgeld. (Hartgeld, nicht Papier.)
a) Nahrungsmittel. Vor dem Jetziger Erhöhung Kriege Preis um Prozent Piaster G. Piaster G.
Weizen per 100 kg 90 300 333 Bulgur (zerstoßener Weizen) „ 100 „ 100 500 500 Reis „ 100 „ 220 1000 455 Kartoffeln „ 100 „ 50 250 500 Gemüse „ 100 „ 200 1000 500 Butter „ 100 „ 1000 3200 320 Käse „ 100 „ 700 1700 245 Öl „ 100 „ 800 1600 200 Hammelfleisch „ 100 „ 550 1300 235 Zucker „ 100 „ 200 2700 1350 Kaffee „ 100 „ 750 4500 600 Früchte, frische und getrocknete 500 Wein II. Qualität „ 100 „ 125 500 400 Alkohol „ 100 „ 450 7500 1665 Eier per 100 Stück 25 60 240
b) Kleidung.
Stoffe 500 Ledersohlen 300 Baumwolle, Garn 400
Vorstehende Preise sind in Hartgeld berechnet. Bei Bezahlung in Papiergeld erhöhen sie sich auf das Vierfache.
333.
(4. Deutsches Konsulat Mossul.)
Mossul, den 19. Juli 1917.
Fragen. Antworten.
1. Welche Zahl von deportierten 1. In den Städten Mossul und Armeniern befindet sich Kerkuk, sowie in den Dörfern des ungefähr in Ihrem Wilajets Mossul befinden sich etwa Wirkungskreise? 7000-8000 anderwärts ausgesiedelte Armenier, größtenteils Frauen und Kinder. Eine größere Anzahl von Frauen und Mädchen soll außerdem bei den Beduinen der Dschesireh und den Yesiden des Sindschargebirges in halber Sklaverei leben.
2. Können Sie uns Mitteilung 2. Ein Teil der Deportierten hat über ihren Zustand und ihre Arbeit und Verdienst gefunden. Im Bedürfnisse machen? vorigen Jahre wurde eine größere Anzahl auf die umliegenden Dörfer verteilt, wo sie in der Landwirtschaft beschäftigt wurden. Aus mehreren muhammedanischen Dörfern mußten die Verschickten jedoch infolge des Fanatismus der Bevölkerung flüchten und wieder in die Städte zurückkehren. Hier hat die Regierung teilweise Anstrengungen gemacht, den Leuten Arbeit zu verschaffen, eine hinreichende Linderung der Not konnte dadurch nicht erreicht werden, es fehlt vielfach an Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und ärztlicher Behandlung.
3. Können Sie den 3. Wenn die zur Unterstützung der Deportierten Unterstützungen Verschickten bestimmten Beträge zukommen lassen? In welcher den türkischen, zuständigen Stellen Weise? Mit wessen Hilfe? überwiesen werden, bleibt der größte Teil an den Fingern unredlicher Beamten kleben, zumal der Wali Heidar Bey, der in solchen Angelegenheiten zuverlässig war und den Armeniern nicht übelwollend gegenüberstand, mittlerweile abberufen worden ist.
4. In welchem Umfange wären 4. Eine Unterstützung mit kleineren Mittel erforderlich? Beträgen würde nur Verlängerung der Qualen der Deportierten bedeuten; größere Beträge ihrem Zwecke wirksam zuzuführen, erscheint fast unmöglich. Es muß offen und klar ausgesprochen werden, daß alle derartigen Hilfsaktionen solange Schöpfen in ein Faß ohne Boden bedeuten, als die türkische Regierung sich nicht selbst entschließt, mit dem bisherigen System zu brechen und die Reste der Armenier zu erhalten.
Wenn aber trotzdem laufende Unterstützungen gezahlt und diese pro Kopf auf nur 1 Pfund türkisch monatlich bemessen werden sollen, würde ein monatlicher Aufwand von etwa 5000 Pfund türkisch erforderlich sein.
5. Haben Sie zu diesem 5. Da das Kaiserliche Konsulat Hilfswerk Hilfskräfte nötig? nicht in der Lage ist, das Unterstützungswerk unmittelbar auszuüben, würden dafür besondere Hilfskräfte einzustellen sein.
334.
(Notstandswerk Urfa.) Urfa, den 8. April 1917.
Wie Ihnen kund sein dürfte, hat sich in Urfa eine ziemliche Menge von armenischen Emigranten angesammelt, welche die Regierung hierher gebracht hat. Leider fordert die Regierung, unter deren Mitgliedern der Gouverneur am meisten, diese Unglücklichen öfter auf, die muhammedanische Religion anzunehmen. Selbst an Drohungen mit neuen Ausweisungen fehlt es nicht. Obwohl ich glaube, daß dagegen nichts zu machen ist, fühlte ich mich doch gedrungen, Ihnen hiervon Nachricht zu geben.
Jakob Künzler.
Kaiserlich Deutsches Konsulat.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg zur geneigten Kenntnis gehorsamst überreicht.
Aleppo, den 20. April 1917.
Rößler.
335.
(Notstandswerk Urfa.) Urfa, den 25. April 1917.
Bericht über muhammedanische Emigrantenhilfe[144] in Urfa.
Die mir vom amerikanischen Konsulat in Aleppo zur Verteilung an die muslimischen Emigranten in dieser Gegend überlassenen ca. 100000 Kilo Weizen und Gerste habe ich im Gebiet von Haran und von Besowa unter 17600 Hungrige verteilt, so daß pro Kopf ein halbes Dimin gegeben werden konnte. Ein halbes Dimin entspricht etwa 21 kg.
Mit den 300 Ltq., mir vom Kaiserlich Deutschen Konsulat in Aleppo für diesen Hilfszweck überlassen, habe ich die Notleidenden im Dorfe Garmusch, nahe Urfa, 1200 Hungrige unterstützen können.
Ich habe bei der Verteilung immer die Quellen der Gaben angegeben und ich verhehle nicht, daß das ganze Hilfswerk allgemein großen Eindruck gemacht hat. Ganz besonders soll ich im Namen der Beschenkten den tiefstgefühlten Dank aussprechen, welcher Aufgabe ich mich hiermit gern entledige.
Jakob Künzler.
An das Kaiserlich Deutsche Konsulat in Aleppo.
336.
Orient-und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses.
Berlin, den 27. April 1917. Georgenkirchstraße 70.
Euere Exzellenz
wollen es mir nicht verübeln, wenn ich noch einmal eine dringliche Bitte zugunsten des armen armenischen Volkes ehrerbietigst vorzutragen mir erlaube.
An den Wechsel des Großwesirats hatte sich, wie Nachrichten vom Orient erkennen ließen, die Hoffnung auf Milderung der gegen die Armenier getroffenen Maßnahmen geknüpft. Neuere Eingänge, die durch die dem Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte nur bestätigt werden, lassen leider erkennen, daß das Elend noch immer wächst, ja neuerdings wieder Verschärfungen eingetreten sind.
Sollte es nicht Euerer Exzellenz möglich sein, die Anwesenheit des Herrn Großwesirs zu benutzen, um ihm persönlich darzulegen, wie schlechthin unerträglich es für uns deutsche Christen ist, mit verschränkten Armen mit ansehen zu sollen, daß ein altes christliches Volk unter den Händen unserer Bundesgenossen dahinstirbt, und ihn zu bitten, daß er endlich eine Lösung der Armenierfrage suche, die den politischen Bedürfnissen und den wahren Interessen des osmanischen Reiches entspricht, ohne seine neue Entwicklung mit so furchtbarer Blutschuld und dem Fluch der gesamten gesitteten Welt zu beladen?
Die Frage ist besonders dringlich geworden durch den Abbruch der politischen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika, weil dadurch die Fortführung der amerikanischen Liebestätigkeit in Frage gestellt ist. So sollte wenigstens uns Deutschen, deren loyale Gesinnung gegen die Türkei ja jenseits jeden Zweifels steht, der Weg zur Hilfeleistung vertrauensvoll freigegeben werden.
D. Karl Axenfeld, Vorsitzender der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler, Berlin.
337.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 6. Mai 1917.
Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich auf das an den Herrn Reichskanzler gerichtete gefällige Schreiben vom 27. v. M. zu erwidern, daß die Armenierfrage selbstverständlich bei Talaat Pascha während seiner Anwesenheit in Deutschland zur Sprache gebracht und unser Standpunkt dabei nachdrücklich dargelegt worden ist.
Wegen Euer Hochwohlgeboren Anregung, im Hinblick auf die Einstellung der amerikanischen Liebestätigkeit der deutschen Hilfeleistung, wenn möglich, einen weiteren Spielraum zu verschaffen, habe ich mich mit dem Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel in Verbindung gesetzt.
Zimmermann.
An den Vorsitzenden der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, Herrn Missionsdirektor D. Karl Axenfeld, Hochwohlgeboren, Berlin.
338.
(Notstandswerk Urfa.) Urfa, den 28. April 1917.
Gestern bin ich wohlbehalten von Rakka zurückgekehrt. Dort angekommen, erfuhr ich, daß die dortigen Emigranten kurz vor Ostern (armenische) 250 Ltq. Gold von Aleppo erhalten haben. Aber was bedeutet dies für die Übriggebliebenen! Jedes Glied erhielt 5 Piaster. Ich konnte auch nicht mehr geben. Also eine Verlängerung der Leiden bis zum Eintritt des sicheren Hungertodes um einige Tage! Wenn deren Gebundenheit an den Ort noch länger als zwei Monate anhält, so wird wenig mehr von ihnen übrig bleiben. Der Hunger wird sie alle hinraffen. Ich überlege mir, ob es nicht richtig wäre, in Zukunft, wenn wieder Mittel für die Unglücklichen anlangen, man nicht am besten täte, damit eine kleinere Anzahl zu beschenken, damit diese wenigen womöglich durchgebracht werden.
Ohne eine Summe von 3-5000 Ltq. wieder dorthin zu gehen, ist bei diesen niedrigen Notenkursen eigentlich fruchtlos, denn was sind 5 Goldpiaster (92,5 Pf.)! Allerdings ist vorauszusehen, daß bis in zwei Monaten viele am Hunger gestorben sein werden und daß dann vielleicht auch mit einer kleineren als der oben genannten Summe noch etwas zu erreichen wäre.
Auf der Rückreise besuchte ich auch noch die 400 Emigranten im Dorfe Ain Isse. Hier der gleiche, womöglich noch trostlosere Zustand wie in Rakka. Bis jetzt konnten sich die Armen noch von Gras ernähren, aber jetzt ist auch diese Möglichkeit durch das Vertrocknen desselben ausgeschlossen. Wenn nur die Regierung anfangen wollte, die wenigen noch Übriggebliebenen, vor denen sie wahrlich keine Angst mehr zu haben brauchte, frei zu lassen. In größeren Städten würde sich manche Witwe mitsamt ihren Kindern durchzuschlagen wissen mit ihrer Hände Werk.
Jakob Künzler.
An den Kaiserlichen Konsul, Herrn Rößler, Hochwohlgeboren, Aleppo.
_Mai._
339.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 1. Mai 1917.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage eine Zusammenstellung der vom Diakon Künzler in Urfa verwalteten Notstandsgelder für Armenier. -- Die Zahl der dort unterstützten Waisenkinder ist auf 2200 gestiegen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Zusammenstellung der vom Diakon Künzler in Urfa verwalteten Notstandsgelder für Armenier.
Einnahmen seit dem 1. Juni 1916 bis 31. März 1917. Piaster von Basel 255344,35 von Potsdam, Dr. Johs. Lepsius 207491,-- vom Deutschen Hilfsbund 9975,-- vom amerikanischen Konsulat 140000,-- ---------------- Total 612810,35
Ausgaben 1916.
Waisenversorgung, Witwenversorgung, Bekleidung. Juni 3783,05 Juli 7954,-- August 11203,-- September 18513,-- Oktober 29542,05 November 26868,-- Dezember 41662,30 Januar 66684,20 Februar 57813,10 März 106551,15 Für Arbeitsbeschaffung, Taschentücherarbeit und Seidenzucht 43774,25 Für Gehälter 17500,-- ---------------- Total 431849,30
Aktivsaldo pro April 180961,10 Piaster.
340.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 2. Mai 1917. Ankunft in Pera, den 3. Mai 1917.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Werden Gelder, die bisher dem amerikanischen Konsul überwiesen wurden, in Zukunft seinem noch zu bestimmenden Vertreter überwiesen? Ist bekannt, ob die amerikanische Zentrale für Zahlung der Hilfsgelder (Peet, Bibelhaus) bestehen bleibt? Der amerikanische Konsul hat Schwester Rohner den Rest der Hilfsgelder übergeben. In Rakka fallen täglich eine Anzahl Menschen dem Hungertode zum Opfer.
Rößler.
341.
American Bible House. Pera, May 3rd. 1917.
My dear Dr. Mordtmann.
In view of the present situation which brings my work to an end, I have decided, to take advantage of the opportunity given to leave the country and to take a vacation. My wife needs this change even more than I do. She has been most devotedly attached to her work in the hospitals and in divising work for the poor. I am distressed in view of the misery which may come to the poor people in the interior and I am doing what I can to keep the stream of help which we have supplied thus far from dying out altogether.
I cannot leave without sending a word of thankfulness for your never-failing kindness to me in these matters.
I have also most grateful recollections of the Embassy’s courtesy in their share of the work.
It will always afford me pleasure to testify of this.
Yours faithfully M. M. Peet.
342.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 7. Mai 1917.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 2.5.
Bibelhaus wird versuchen, die Notstandsaktion durch den Vertreter des Herrn Peet fortzuführen und amerikanische Gelder über Holland oder Schweden hierher zu leiten.
Waldburg.
343.
Bible House. May 12, 1917.
My dear Mr. Mordtmann,
Before leaving for Europe, Mr. Peet told me of his conversation with you, and of your willingness to help us in the matter of carrying on Relief to the poor in the Aleppo District, through our German friends there, Miss Rohner and Miss Schaeffer.
I should be very glad of an opportunity to talk over this matter with you, now that I am attempting to carry on Mr. Peet’s work. If convenient for you, could I call at your home some time soon to see you? I live near Tokatlian’s Hotel, and so could come in some evening, if that would be more convenient for you than during the day time.
Trusting that you will be able to see me on this matter,
Believe me, Very truly yours,
L. R. Fowle.
344.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 14. Mai 1917. Ankunft in Pera, den 14. Mai 1917.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 7. Mai.
Deutsch-armenische Gesellschaft und Direktor Axenfeld mögen etwa zur Verfügung stehende Notstandsgelder durch die Deutsche Orientbank an Zollinger, Aleppo, überweisen lassen.
Schwester Rohner hat infolge Erkrankung ihre Arbeit einer Kommission von Armeniern unter Aufsicht von Zollinger übergeben und zieht sich nach Marasch zurück.
Rößler.
345.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 14. Mai 1917.
Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage eine Aufzeichnung des Diplomingenieurs Bünte über Beobachtungen gelegentlich, einer vom 1. bis 6. April am Chabur ausgeführten Reise. Es ist kein Zweifel, daß die dort in großen Mengen liegenden menschlichen Schädel und Gebeine von den Armeniermetzeleien des vorigen Juli und August herrühren, über die ich zuletzt am 5. September v. J. berichtet habe[145]. Die aus armenischer Quelle stammenden Erzählungen der Anlagen jenes Berichtes, welche als eine Stelle, bei der hauptsächlich die Metzeleien erfolgt seien, Schedadie (Kalat Scheddad) genannt hatten, finden dadurch ihre Bestätigung.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Aleppo, den 11. Mai 1917.
Ich bin in der Zeit vom 1. bis 6. April zusammen mit Herrn Hauptmann Loeschebrand und Herrn Unteroffizier Langenegger von Buseir am Euphrat den Chabur hinaufgegangen und fand am linken Ufer große Mengen von ausgebleichten Menschenschädeln und Gerippen, zum Teil waren die Schädel mit Schußlöchern. An einigen Stellen fanden wir Scheiterhaufen, ebenfalls mit menschlichen Knochen und Schädeln. -- Gegenüber der Kischla Scheddade waren die größten Anhäufungen. Die Bevölkerung sprach von 12000 Armeniern, die hier allein niedergemetzelt, erschossen oder ertränkt seien[146].
An dieser Stelle verließen wir den Fluß und fanden auf dem Wege zum Sindjar keine Spuren mehr.
Bünte, Diplomingenieur, K. O. Oberleutnant.
346.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 17. Mai 1917. Ankunft in Pera, den 18. Mai 1917.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bitte zu veranlassen, daß das Bibelhaus von jetzt an das Geld an Zollinger, Aleppo, schickt. Schwester Rohner ist abgereist und zieht sich endgültig von der Arbeit zurück.
Rößler.
Notiz. Ich habe den Verwalter der amerikanischen Hilfsgelder (Mr. Fowle, American Bible-House) unter der Hand verständigt.
Mordtmann.
347.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 19. Mai 1917.
Wie der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet, ist die Schwester Beatrice Rohner, welche bisher die Hilfsaktion für die deportierten Armenier leitete, infolge Erkrankung nach Marasch zurückgereist und hat die Arbeit einer Kommission von Armeniern übergeben, die von Herrn Zollinger kontrolliert wird. Da die Genannte endgültig zurückgetreten ist, so werden die deutsch-armenische Gesellschaft und die Orient- und Islamkommission des deutschen Evangelischen Missionsausschusses gebeten, die von ihnen eventuell zu bewilligenden Hilfsgelder durch die Deutsche Orientbank an Herrn Zollinger in Aleppo zu überweisen.
Ich bitte gehorsamst, vorstehendes zur Kenntnis der beiden genannten Vereine bringen zu wollen.
Waldburg.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
348.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 19. Mai 1917.
Das hiesige American Bible House, das bisher die amerikanischen Hilfsgelder für die Türkei verwaltete und verteilte, hofft bestimmt, daß weder von amerikanischer noch auch von türkischer Seite der Fortführung des Liebeswerkes, das sich nicht nur auf die deportierten Armenier erstreckte, sondern auch anderen christlichen Bevölkerungselementen (Griechen, Syrer etc.) und den Muhammedanern zugute kam, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. In dieser Beziehung wird darauf hingewiesen, daß die amerikanische Hilfsaktion für die notleidende Bevölkerung in Belgien auch nach dem Bruche mit Deutschland unter neutraler Leitung ihren Fortgang nimmt, und daß die hiesigen türkischen Behörden und speziell Talaat Pascha sich der Tätigkeit des Bible House gegenüber bisher wohlwollend verhalten haben. Übrigens sind seitens des Bible House bereits Verhandlungen angeknüpft worden, um eventuell, d. h. sobald die amerikanische Regierung die Verwendung der Hilfsgelder nach der Türkei gestattet und sofern kein anderer Weg sich bietet, diese über Holland oder Schweden hierher zu leiten. Im Augenblick verfügt das Bible House noch über genügend Fonds für etwa zwei Monate und hat hiervon noch in den letzten Tagen u. a. einen größeren Betrag nach Aleppo überwiesen; bereits vorher hatte der dortige amerikanische Konsul Jackson bei seiner Abreise den Rest seiner Hilfsgelder an die Schwester Rohner abgegeben. Die Verwalter dieser Fonds (Mr. W. W. Peet, der inzwischen am 9. d. M. nach der Schweiz abgereist ist, und sein Nachfolger, Mr. Fowle) haben unter der Hand die Bitte ausgesprochen, daß die Kaiserliche Botschaft und die Kaiserlichen Konsulate in der Provinz ihnen in der bisherigen Weise die rein geschäftlichen Berichte der im Innern mit dem Hilfswerke betrauten Personen übermitteln möchten, und ich trage um so weniger Bedenken, dieser Bitte zu entsprechen, als es sich hauptsächlich um die Vermittelung der Korrespondenz mit Schweizer Staatsangehörigen, wie z. B. Schwester Rohner und Hr. Zollinger in Aleppo, handelt.
v. Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
349.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
Telegramm.
Pera, den 23. Mai 1917.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Das amerikanische Bibelhaus überwies durch die ottomanische Bank am 15. Mai 3000 t. Pfund. Glauben Sie, daß es zu erreichen wäre, Merrill oder Martin von Aintab zur Organisation und Kontrolle des Hilfswerkes nach Aleppo kommen zu lassen? Geschäftliche Nachrichten über Hilfswerk würden dem Bibelhause erwünscht sein und ihm von der Botschaft unter der Hand mitgeteilt werden.
Kühlmann.
350.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 31. Mai 1917. Ankunft in Pera, den 1. Juni 1917.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Organisation, welche Zollinger leitet, ist von Schwester Rohner geschaffen und so brauchbar als bei der schwierigen Lage möglich. Meines Erachtens könnten Amerikaner aus Aintab hier nicht von der Polizei ungestört arbeiten. Durch amtliche Verwendung für diesen Zweck könnte das ganze Hilfswerk gefährdet werden.
Bitte dem Bibelhaus anheimzustellen, 3000 Pfund türkisch, die am 15. Mai auf den Namen der Schwester Rohner überwiesen waren, auf Zollinger überschreiben zu lassen.
Rößler.
_Juni._
351.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 15. Juni 1917.
Im Anschluß an den Bericht vom 19. v. M.
Das American Bible House, das bisher die amerikanischen Hilfsgelder für die Türkei ihrer Bestimmung übermittelte, ist seit Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika von jeder Verbindung mit den Geldgebern abgeschnitten. Der bisherige Leiter des Bible House, Mr. Peet, ist vor einiger Zeit nach der Schweiz abgereist und hat bisher keine Nachrichten hierher gelangen lassen. Inzwischen sind die vorhandenen Fonds fast völlig aufgebraucht, und der Betrieb müßte demnächst eingestellt werden, wenn nicht dem Vertreter des Mr. Peet neue Kredite eröffnet werden.
Meines Erachtens haben auch wir ein wesentliches Interesse daran, daß die amerikanischen Geldsendungen nicht unterbrochen werden oder ganz aufhören.
Ich glaube daher der Bitte des Mr. L. R. Fowle, der den abwesenden Mr. Peet vertritt, um Beförderung des anliegenden Briefes entsprechen zu sollen. Gegebenenfalls bitte ich die Antwort des Mr. Peet auf gleichem Wege hierher gelangen zu lassen wollen; eine tunlichst baldige Erledigung würde im allseitigen Interesse sein und von den Beteiligten mit besonderem Dank begrüßt werden.
v. Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
352.
Berlin, den 20. Juni 1917.
Seiner Hochwohlgeboren Herrn Geheimrat von Rosenberg, Auswärtiges Amt.
In der Anlage überreiche ich Ihnen die Abschrift eines Briefes, der mir aus Angora zugegangen ist. Ich würde es für gut halten, wenn man die Türkei doch wissen lassen würde, daß diese Art des Auftretens den türkischen Interessen in Deutschland schädlich ist.
Erzberger, Mitglied des Reichstags.
353.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 25. Juni 1917.
Nach dem auszugsweise hier beigefügten, dem Abgeordneten Erzberger zugegangenen Schreiben des Dr. David in Angora gibt das Verhalten der dortigen Behörden gegenüber den katholischen Armeniern neuerdings zu Besorgnissen Anlaß. Nach Dr. Davids Ansicht ist es auf Zwangsbekehrungen abgesehen; möglicherweise werden auch neue Austreibungen beabsichtigt, die sich durch militärische Gründe nicht würden rechtfertigen lassen.
Euere Exzellenz bitte ich, die türkische Regierung auf die Vorgänge in Angora aufmerksam zu machen und die Erwartung auszusprechen, daß sie die dortigen katholischen Armenier vor Zwangsbekehrungsversuchen und anderen Verfolgungen der Ortsbehörden schützen wird.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn von Kühlmann, Konstantinopel.
Anlage.
Angora (Kleinasien), den 3. Juni 1917.
Seit Dezember vorigen Jahres fand sich hier wieder ein armenisch katholischer Priester, der in vollkommener Freiheit Seelsorge ausüben konnte. Die Folge war, daß die so hart geprüfte Bevölkerung wieder aufatmete und neue Lebenshoffnung bekam. Damit ist es nun wieder völlig vorbei.
Schon im Februar dieses Jahres verleidete man den Armeniern die Teilnahme an meinem Gottesdienste, indem man während der hl. Messe in brutalster Weise lärmend mit Polizei und Gendarmerie eindrang und alle Armenier hinauswies. Seit Pfingsten ist nun auch dem armenisch-katholischen Priester die Abhaltung öffentlicher Gottesdienste untersagt. Außerdem finden Vorkehrungen statt, die nach früheren Erfahrungen und nach ausdrücklicher Versicherung unterer Polizeiorgane eine neue Exilierung einleiten sollen. Ich habe allerdings einstweilen noch den Eindruck, es handele sich mehr darum, die wieder mutiger gewordenen Katholiken einzuschüchtern, ihren Widerstand gegenüber der Einladung zum Übertritt zum Islam zu lähmen und die früher in nicht rechtsverbindlicher Form Übergetretenen beim Islam festzuhalten.
Wie dem auch sei, jedenfalls liegt eine eigentliche religiöse Verfolgung vor. Jedenfalls kommen Gründe militärischer Art gar nicht in Betracht, da es sich fast nur um Frauen und Kinder handelt und Angora zudem soweit als möglich von jedem Kriegsgebiet entfernt liegt.
Dr. David, Feldgeistlicher in Angora.
_Juli._
354.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 1. Juli 1917.
Telegramm.
An Deutsche Gesandtschaft, Bern.
Bitte Herrn Peet, Genf, mitzuteilen: Wie die Botschaft Konstantinopel drahtet, hat das amerikanische Bibelhaus, da seine Mittel erschöpft sind, die Geldüberweisungen nach dem Innern eingestellt. Dringende Gesuche um Unterstützung aus den amerikanischen Hilfsgeldern sind gerade in den letzten Tagen durch das Konsulat Aleppo eingegangen.
Zimmermann.
355.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 9. Juli 1917.
Auf Erlaß vom 25. Juni[147].
Auf Wunsch des Dr. David in Angora bin ich bereits im Monat Mai bei der Pforte in der Angelegenheit der katholischen Armenier vorstellig geworden.
Der Vertreter des Vereins vom heiligen Lande, Herr Dr. Schade, hat mir einen Auszug verschiedener Briefe Dr. Davids zur Verfügung gestellt; aus einem vom 13. Juni (also 10 Tage nach Abgang des Briefes an Herrn Erzberger) datierten Schreiben ist folgende Stelle zu entnehmen: „Vorige Woche kam mir eine telegraphische Weisung des Ministeriums zur Sicht, in der kategorisch dem hiesigen Wali untersagt wird, die Katholiken zu deportieren, selbst falls dafür Gründe vorlägen, und aufgegeben wird, weitere Weisungen abzuwarten. Ich denke, daß dies eine Wirkung der von der Botschaft unternommenen Schritte ist. Man beschränkt sich seither auf Maßnahmen gegen solche, die früher einmal zum Islam übergetreten waren, und scheint sich damit zufrieden zu geben, wenn sie sich im Gefängnis bereit erklären, in Zukunft türkische Tracht zu tragen.“
Aus weiteren Stellen der erwähnten Briefe geht hervor, daß in Angora unter den armenischen Katholiken große Beunruhigung besteht. Bei der nun einmal hier herrschenden Willkür ist es nicht ausgeschlossen, daß gewisse Übergriffe von Zeit zu Zeit erfolgen werden. Immerhin ist die Regierung zweifellos gewillt, ein schärferes Vorgehen gegen die armenischen Katholiken zu vermeiden. Dr. Schade erhält mich fortgesetzt auf dem Laufenden über die Verhältnisse in Angora. Ich werde nicht verfehlen, die Angelegenheit im Auge zu behalten und nötigenfalls die hiesige Regierung auf die Vorgänge in Angora aufmerksam zu machen.
v. Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.
356.
Deutsche Evangelische Missionshilfe. Berlin-Steglitz, den 14. Juli 1917.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Als Vorstandsmitglied der Deutschen Blindenmission im Orient ging mir von dem Leiter unseres Blindenheims in Malatia, Ernst J. Christoffel, ein Brief vom 26. März d. J. zu, der die Anschauung des Herrn Christoffel über die Lage und Zukunft der Armenier in Kleinasien enthält. Ich erlaube mir, denselben in Abschrift zur Kenntnisnahme vorzulegen, ohne zu den Mitteilungen Stellung zu nehmen.
A. W. Schreiber, Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe.
Anlage.
Bericht des Herrn J. Christoffel, Vorsteher des Blindenheims Malatia, über die Lage der Armenier, an Pastor G. Stoevesandt, Berlin.
Malatia, den 26. März 1917.
Ich benutze eine günstige Gelegenheit, um Nachricht zu geben. In der Hauptsache die Lage der orientalischen Christen Betreffendes.
Die Verluste des armenischen Volkes seit der Verschickung Sommer 1915 bis heute übersteigen 1 Million. Ein Teil wurde in den Gefängnissen, nach fürchterlichen Folterqualen, getötet. Von Frauen und Kindern starben die meisten auf dem Wege in die Verbannung, an Hunger, Seuche und Mord. Auf Einzelheiten kann ich nicht eingehen. Sollte A. K. Gelegenheit haben, Sie zu sehen, so kann er mehr oder weniger meine nackten Sätze illustrieren.
Ein kümmerlicher Rest der Verschickten fristet in den Ebenen Syriens und Nordmesopotamiens ein elendes Dasein und wird durch Seuchen und Zwangsbekehrungen täglich kleiner. Männer sind nur vereinzelt übrig geblieben. In den Städten Anatoliens befindet sich noch eine Anzahl Versprengter, Geflüchteter, die aber meistens zum Islam übergetreten sind. Neben den Zwangsbekehrungen, die in Massen stattfanden, stand als ein anderes charakteristisches Zeichen die Massenadoption armenischer Kinder. Es handelt sich da um viele Tausende. Sie werden künstlich zu fanatischen Muhammedanern gemacht. Das Morden hat nachgelassen, aber der Vernichtungsprozeß hat nicht aufgehört, hat nur andere Formen angenommen.
Den Leuten ist alles geraubt worden. Eigentum, Familie, Ehre, Religion, Leben. Im Herbst 1915 kam für die protestantischen und katholischen Armenier, wahrscheinlich auf Veranlassung der deutschen und österreichischen Botschaft, ein Gnadenerlaß heraus, der diese vor der Verschickung bewahren und sie in Besitz ihres Eigentums lassen sollte. Er war nur wie ein Schlag ins Wasser. Meistenteils wurde er unterdrückt, bis die protestantischen Männer getötet waren, und auch für die Frauen und Kinder hatte er kaum praktische Bedeutung.
Vom Schwarzen Meer bis nach Syrien ist die Predigt des Evangeliums verstummt, ausgenommen in den deutschen Anstalten. Die protestantischen Gemeinden sind vernichtet. Ihre Prediger, bis auf einzelne Ausnahmen (vielleicht 4 bis 5), getötet. Ihre Kapellen und Schulen weggenommen, geschändet oder zerstört. Dasselbe gilt von den katholischen und altarmenischen Gemeinden.
Den armenischen revolutionären Kreisen die Verantwortung zuzuschieben, ist ein Unsinn. Die haben vom türkischen Standpunkt aus gefehlt, nicht so vom armenischen aus. Die Nation als solche war nicht schuldig. Das weiß die türkische Regierung so gut wie jeder in diesem Lande. Für uns deutsche Missionare ist es unsagbar schwer, daß Deutschland von Christen und Muhammedanern als der Urheber der Greuel angesehen wird. Die Ansicht wird von türkischer Seite genährt und gestärkt. Bleibt dieser Vorwurf auf Deutschland haften, dann wird er auf Jahrzehnte hinaus das größte Hindernis deutscher Mission sein, sowohl den Christen wie den Muhammedanern gegenüber. Nachrichten aus türkischen oder turkophilen Kreisen sind entweder glatt abzulehnen oder mit größtem Mißtrauen zu behandeln. Wenn jemals diese Verfolgung untersucht werden sollte, so müßte von deutscher Seite darauf gedrungen werden, daß damit:
1. Unparteiische, unabhängige Männer beauftragt würden, die auch Verständnis für die religiöse Seite der Frage haben.
2. Den Armeniern, die zwangsweise zum Islam bekehrt wurden, muß Gelegenheit gegeben werden, den Übertritt rückgängig zu machen, und zwar dieses, ohne daß sie für Leib und Leben zu fürchten haben.
3. Die Verwandten derjenigen Kinder, die in muhammedanischen Häusern weilen, müssen das Recht haben, dieselben zurückzufordern.
4. Die gottesdienstlichen und Schulgebäude müssen zurückgegeben werden.
5. Das immobile Eigentum muß zurückgegeben oder der Wert ersetzt werden.
6. Den Armeniern muß die Auswanderung erlaubt sein.
7. Der christliche Gottesdienst darf nicht verhindert werden.
Wir deutschen Missionare hier im Innern können nicht viel mehr tun, als das unsagbare Leid der orientalischen Christenheit, mehr oder weniger passiv, mitzutragen. Aktivität aber ist Sache der deutschen evangelischen Christenheit und bei den deutschen evangelischen Missionskreisen.
Ich bin überzeugt, wenn man die Wahrheit wüßte, würde ein einziger Schrei der Entrüstung durch unser Volk gehen. Es ist kein Zweifel, das, was dem armenischen Volke angetan wurde und noch angetan wird, ist das größte Verbrechen der Weltgeschichte. Wird das Volk der Reformation die gänzliche Vernichtung einer christlichen Nation als gegebene Tatsache hinnehmen? Wird die deutsch-evangelische Kirche, die in diesem Jahr ihre Reformationsjahrhundertfeier begehen will, kein Wort des Protestes dafür haben, daß hier eine Schwesterkirche von sadistischen Fanatikern zerstört wurde? Das wäre nicht deutsch, nicht christlich.
Bitte machen Sie von meinem Brief Gebrauch, wo Sie können. Womöglich lassen Sie auch Exzellenz Dryander Einsicht nehmen.
Gott aber, der Herr der Kirche, wolle Sie in allem leiten!
Und dann noch eins: Wir brauchen materielle Hilfe, und wieder Hilfe und nochmals Hilfe. Es stehen missionarische Güter von höchstem Wert auf dem Spiel.
Ernst J. Christoffel.
357.
(Kaiserlich Deutsche Gesandtschaft.)
Telegramm.
Bern, den 24. Juli 1917.
An Auswärtiges Amt.
M. Léopold Favre (Genf) hat mir einhunderttausend Franks ausgehändigt für Hilfswerk im Innern.
Er bittet, diese Summe Mr. Fowle in Konstantinopel zur Verfügung zu stellen.
Romberg.
358.
(Kaiserliches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 31. Juli 1917. Ankunft in Berlin, den 2. August 1917.
Der Kaiserliche Konsul an Auswärtiges Amt.
Für Dr. Andreas Vischer, Basel:
Ich habe zweitausend Franks erhalten. Geber sollten diesen Betrag lieber für Waisenkinder in Aleppo bestimmen, anstatt für Tokatleute. 800 Kinder sollen morgen mangels Brot aus armenischer Kirche auf die Straße gesetzt werden.
Große Summen wären zu wirksamer Hilfe erforderlich. Letzte Zuwendungen für Kinderheim waren ganz unzureichend. Drahtantwort.
Rößler.
_August._
359.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 7. August 1917.
An Deutsche Gesandtschaft, Bern.
Unter dem 4. d. M. ist der Kaiserliche Geschäftsträger in Konstantinopel angewiesen worden, Herrn Fowle den Gegenwert von 100000 Franks gleich 6987,5 türkische Pfand auszuzahlen. Bitte, Herrn Favre hiervon zu verständigen.
Frhr. v. d. Bussche.
360.
Niederschrift über den Gang der Besprechung zwischen dem Generalissimus der türkischen Armee in Syrien, Djemal Pascha, und Missionsdirektor D. Axenfeld, Direktor A. W. Schreiber und Oberlehrer Sommer, zu Berlin.
Hotel Adlon, den 28. August 1917.
Nach freundlicher Begrüßung durch Exzellenz Djemal Pascha eröffnete die in französischer Sprache geführte Besprechung
D. Axenfeld. Er dankte für die Gewährung der Unterredung und gab der Sympathie aller Deutschen für die tapferen türkischen Bundesgenossen Ausdruck. Namens der Sr. Exzellenz bekannten deutschen evangelischen, Liebesarbeiten im Orient dankte er auch für den Schutz und die mannigfache Förderung dieser dem Wohle der notleidenden türkischen Bevölkerung dienenden Unternehmungen, so der Arbeit der Kaiserswerther Schwestern in Jerusalem, Beirut und Aleppo und des deutschen Hilfsbundes in Aleppo und Marasch (Schwester Beatrice Rohner, Schwester Paula Schäfer, Herr Blank). Die Not, namentlich bei den Armeniern, übersteige aber unsere Hilfskräfte und wecke unser tiefstes Mitleid. Wir seien Deutsche, und darum sei es selbstverständlich, daß wir loyale Freunde der Türkei seien. Aber wir seien auch Christen. Wie es ein muslimisches Gemeingefühl gäbe, so hätten auch wir Christen ein herzliches Mitgefühl mit allen unseren Mitchristen, zumal wenn sie sich in Not und Anfechtung befänden. Es gehe ein tiefer Schmerz durch die Kreise der deutschen Christen wegen des Geschickes der Armenier. Er erlaube sich daher die sehr herzliche Bitte um Hilfe für die Notstände, an deren Linderung die deutschen Liebeswerke arbeiten, namentlich um Gewährung von Nahrungsmitteln für die Frauen und Kinder.
Djemal Pascha dankt für den Besuch, sowie den Ausdruck der Sympathie für die Türkei und spricht seine „Anerkennung der geäußerten edlen religiösen Gefühle und seine volle Übereinstimmung mit den bekundeten menschenfreundlichen Gesinnungen“ aus. Diese Übereinstimmung werde aber nicht widerlegt durch die Stellung, die die Türkei gegen die Armenier eingenommen habe. Ihnen gegenüber habe es sich nicht um eine religiöse, sondern um eine politische Frage gehandelt. Die Türkei habe einem Manne geglichen, der von allen Seiten überfallen wird und in der höchsten Lebensnot zu den äußersten Mitteln greifen muß. In jedem Lande ginge ferner die Bevölkerung, zumal in Zeiten der Erregung, leicht über strenge Maßnahmen der Regierung noch hinaus und ließe sich zu Ausschreitungen hinreißen, die nicht zu billigen seien, so in der Türkei besonders die Kurden. Gegen die Armenier sei die türkische Regierung nicht vorgegangen, weil sie Christen, sondern weil sie Armenier waren, und der Bestand des Staates gefährdet war. Gegen Araber würde im gleichen Fall ebenso verfahren. Im übrigen wären in seinem Bezirke, dank seines starken persönlichen Einflusses, keine Ausschreitungen gegen Armenier erfolgt. Aber nicht jeder Oberbefehlshaber könne einen so starken Einfluß ausüben.
Auf die Frage, ob seine Ausführungen deutlich gewesen und verstanden worden seien, erwiderte
D. Axenfeld: Ich habe die Ausführungen Euerer Exzellenz wohl verstanden. Mir liegt aber Ihnen gegenüber sehr daran, festzustellen, daß wir nicht gekommen sind, um zu tadeln oder anzuklagen, sondern nur, um in loyaler Gesinnung Hilfe zu erbitten für Notleidende. Diese hungernden Frauen und Kinder können der Türkei nicht gefährlich sein. Es handelt sich um ein Werk der rein menschlichen Barmherzigkeit.
Djemal Pascha: Dem kann ich nur beistimmen. Ich bin gern bereit, in jeder Beziehung Ihre Arbeiten zu unterstützen und unentgeltlich Lebensmittel zu gewähren. Schreiben Sie Ihren Freunden in Aleppo und Marasch, in Jerusalem und Beirut und anderen Orten, daß sie ihre Bitten mir vorlegen. Ich werde reichlich helfen und auch in anderen Bezirken meinen Einfluß geltend zu machen suchen.
Oberlehrer Sommer dankt in türkischer Sprache für die bisherige Hilfe und die freundliche Zusage der freien Gewährung von Lebensmitteln. Da die Hungersnot sehr empfindlich und Getreide auf dem offenen Markt nicht zu haben sei, bittet er besonders um Gewährung von Getreide aus den staatlichen Vorräten. Es sei dieses eine reine Menschlichkeitsfrage; auch in unseren Anstalten, besonders den Krankenhäusern, werde Christen und Muhammedanern die gleiche Hilfe zuteil.
Djemal Pascha, ebenfalls in türkischer Sprache: Das ist auch meine persönliche Stellung. Ich mache keinen Unterschied zwischen Christen und Muhammedanern. Das Wohl aller Osmanen liegt mir am Herzen. Der Grundsatz der Toleranz ist mir sehr sympathisch. Ihre Bitten will ich gerne gewähren.
D. Axenfeld. Schreiber.
_Oktober._
361.
Deutsche Evangelische Missionshilfe. Berlin-Steglitz, den 24. Oktober 1917.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Herr Dr. Greenfield, der stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, schickt mir einen Brief von Agathon Bey, dem Sekretär von Nubar Pascha. Der Brief ist die Antwort auf eine von Dr. Greenfield gerichtete Anfrage betreffend die zeitweilige Stockung in der Überweisung von Unterstützungen für die Armenier, die glücklicherweise seit Mitte August wieder aufgehoben ist. Agathon Bey fragt an, wie von ihm gesammelte Kleidungsstücke am besten an Konsul Rößler in Aleppo geschickt werden. Dr. Greenfield gibt mir diese Anfrage weiter, die ich hierdurch dem Auswärtigen Amt mit der Bitte um Beratung vorlege.
A. W. Schreiber, Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe.
_November._
362.
Telegramm.
Berlin, den 6. November 1917.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Funkspruch Lyon 3. 11. 1917 meldet: Rußland. Das armenische Heer, Tiflis: Das armenische Heer, dessen Aufstellung von der provisorischen Regierung Rußlands verfügt worden ist, beginnt sich zu organisieren. Dieses Heer wird in kurzer Zeit 150000 Mann stark sein und setzt sich nur aus Armeniern russischer Untertanenschaft zusammen, welche sonst an anderen Fronten standen und nun für die Befreiung Armeniens von der Türkei kämpfen werden. Die armenischen Freiwilligen-Legionen werden wie früher ein Korps für sich bilden, welches Seite an Seite mit dem oben erwähnten russisch-armenischen Heere kämpfen wird. Der Kommissar der provisorischen Regierung Rußlands, Kharlawoff, wohnte einer Parade über die Truppen bei und erklärte ihnen im Auftrag der Regierung: „Es ist die heilige Pflicht der russischen Demokratie, den Armeniern zur Erlangung ihrer alten politischen Wünsche beizustehen. Eine Folge unseres Sieges wird die Befreiung Armeniens sein.“
_Dezember._
363.
Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Berlin, den 7. Dezember 1917. Der Parteivorstand.
Das holländisch-skandinavische Komitee, die derzeitige Vertretung der Sozialisten der neutralen Länder in Stockholm, übersendet uns eine ihm von armenischer Seite zugegangene Mitteilung über eine angeblich geplante neue Deportation von Armeniern nach wüsten Gegenden Mesopotamiens. Wir fügen die betreffende armenische Mitteilung in der uns übermittelten Fassung bei.
Das holländisch-skandinavische Komitee ersucht uns, bei der Deutschen Regierung zu intervenieren, in der Hoffnung, daß es durch Einwirkung auf die türkische Regierung gelingen würde, Tausende Frauen und Kinder zu retten.
Wir unterbreiten Ihnen die Angelegenheit und bitten, Ermittelungen darüber anzustellen, ob die Behauptungen den Tatsachen entsprechen.
Ergebenst
Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Hermann Müller, Reichenbach, M. d. R.
An das Auswärtige Amt, Hier.
364.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 10. Dezember 1917.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Durch die deutsche sozialdemokratische Partei hat das holländisch-skandinavische Komitee, welches die Sozialisten neutraler Länder vertritt, unsere Intervention bei der türkischen Regierung erbeten, damit angeblich geplante neue Armenierverschickungen aus Konia und Aleppo und Umgegend unterbleiben.
Bitte bei dortiger Regierung festzustellen, ob der in letzter Zeit mehrfach von feindlicher Presse erwähnte Verschickungsplan tatsächlich besteht und gegebenenfalls dringend von Ausführung abzuraten.
Kühlmann.
365.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 11. Dezember 1917.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 10. Dezember.
Großwesir bittet kategorisch zu dementieren, daß neue Deportierung von Armeniern erfolge.
Vertraulich fügte er hinzu, er habe die Absicht, wenn es zum Separatfrieden mit Rußland komme, einen allgemeinen Gnaden- und AmnestieerlaB für Armenier nebst Geldbewilligung zu veröffentlichen. Jeder deportierte oder gefangene Armenier solle frei hingehen können, wohin er wolle, und mit Geld unterstützt werden. Die Finanzfrage habe er -- Talaat Pascha -- bereits mit Djavid Bey erörtert.
Bernstorff.
366.
Kaiserlich Deutsche Botschaft. Pera, den 16. Dezember 1917.
Der armenisch-katholische Patriarch, Monseigneur Terzian, hat mir kürzlich die in der Anlage beigefügte Übersicht über den Bestand der armenisch-katholischen Gemeinden in den von den Armenierverfolgungen betroffenen Bezirken in Kleinasien und Ostanatolien übergeben.
Danach zählten diese Gemeinden vor dem Kriege rund 70000 Seelen mit 157 Geistlichen und 128 Ordensschwestern; hiervon sind:
1. an Ort und Stelle verblieben 16360 (23,37 %) 21 Geistliche, 24 Ordensschwestern 2. ausgesiedelt: a) an anderen Orten angesiedelt 13050 (18,64 %) 37 „ 56 „ b) verschollen 40590 (57,99 %) 99 „ 48 „ --------------------------------------------------- 70000 157 „ 128 „
Unter den Verschollenen dürfte sich ein, wenn schon geringer Prozentsatz von solchen finden, die sich zurzeit noch versteckt halten oder zum Islam übergetreten sind; anderen dürfte es gelungen sein, nach Rußland oder Persien zu flüchten. Von der Mehrzahl kann jedenfalls angenommen werden, daß sie durch Krankheiten und Entbehrungen und auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist. Am schlimmsten betroffen sind die Gemeinden Diarbekr, Trapezunt, Siwas, Tokat, Harput, Kaisarieh, Musch und Malatia. Sämtliche Verschickte sind aber durch die mit der Aussiedelung verbundenen Vermögenskonfiskationen um ihr gesamtes Hab und Gut gekommen.
Bernstorff.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling.
1918
_Februar._
367.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 8. Februar 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Deutsche Armenierfreunde sind durch Meldung der Milli-Agence vom 4. Februar über armenische Greuel lebhaft beunruhigt. Sie bezweifeln Richtigkeit dieser Meldungen und befürchten türkische Vergeltungsmaßnahmen.
Euere Exzellenz bitte ich, bei der dortigen Regierung bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen: Es ist im eigensten Interesse der Türkei durchaus notwendig, bei dem Vormarsch der Kaukasusarmee die strengste Disziplin zu halten, von allen Vergeltungsmaßregeln abzusehen und lediglich diejenigen Armenier den Gerichten zur Bestrafung zu übergeben, die an Verbrechen gegen die muselmanische Bevölkerung teilgenommen haben.
Für die Türkei, und zwar auch für ihr Verhältnis zu den Bundesgenossen müßte eine Wiederholung der türkischen Armeniergreuel die schwersten Folgen haben. Erbitte Drahtbericht über die Aufnahme Ihrer Vorstellungen.
Freihr. v. d. Bussche.
368.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 10. Februar 1918.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 8. Februar.
Bereits mehrfach habe ich mich im Sinne der Weisungen Euerer Exzellenz ausgesprochen, insbesondere General v. Seeckt gebeten, dafür zu sorgen, daß nicht etwa militärischerseits Repressalien angeordnet werden. Auch Halil werde ich energisch auf mögliche Folgen aufmerksam machen. Da hierzulande nur ein Mann Autorität besitzt, nämlich Talaat Pascha, dürfte es sich daher empfehlen, schon jetzt vor seiner Abreise aus Brest oder Berlin auf ihn einzuwirken.
Bernstorff.
369.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. Februar 1918.
An Auswärtiges Amt.
Im Anschluß an Telegramm vom 10. Februar.
Auf meine Vorstellungen antwortete mir Halil Bey, daß sehr strenge Befehle erlassen wären, um Repressalien wegen der armenischen Banden zu verhindern. Ich erinnerte den Minister an das Versprechen des Großwesirs, nach Abschluß des Friedens mit Rußland eine armenische Amnestie zu erlassen, und sagte ihm, jetzt sei dazu der Moment gekommen, worin mir Halil Bey zustimmte. Ich darf annehmen, daß der Herr Staatssekretär Gelegenheit gehabt haben wird, Talaat Pascha in unserem Sinne zu beeinflussen, da mir Halil Bey sagte, daß der Großwesir die Frage mit Trotzki besprochen hätte.
Bernstorff.
370.
Orient- und Islam-Kommission des Deutschen Evangelischen Missions-Ausschusses.
Berlin, den 11. Februar 1918.
Euer Exzellenz
bitte ich als Vorsitzender der Orient- und Islam-Kommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses unsere ernste, neuerdings aufs höchste gesteigerte Sorge um das Geschick des armenischen Volkes gehorsamst vortragen zu dürfen, wie ich mich in gleicher Angelegenheit wiederholt an Euer Exzellenz Herrn Amtsvorgänger habe wenden dürfen.
Wenn schon im Januar d. J. die durch die Verhandlungen in Brest-Litowsk eröffnete Aussicht auf Wiederbesetzung des von den Russen eroberten Teils von Türkisch-Armenien durch die Türken die Gefahr neuer, schlimmer Ausschreitungen nahelegte, so läßt die vom Wolffschen Büro am 4. Februar mitgeteilte Meldung der Agence Milli für die nächste Zeit Vorgänge befürchten, die alles, was schon während dieses Krieges an Greueln bekannt wurde, unter Umständen weit hinter sich lassen können. Wenn es wahr ist, daß nachdem die russischen Truppen von ihrer dortigen Front abgezogen sind, die armenischen Kadres des russischen Heeres aber, verstärkt durch armenische Freischärler von türkischer Seite, um ihre Landsleute nicht wehrlos in die Hände der nach den früheren Erlebnissen nicht ohne Grund gefürchteten Türken fallen zu lassen, sich selbständig zur Wehr gesetzt, die armenische Republik erklärt, und bereits an türkischer Bevölkerung, die ihnen erreichbar war, Racheakte verübt haben, so ist nicht nur zu erwarten, daß die Türken bei der Niederwerfung dieses verzweifelten, in letzter Stunde gewagten armenischen Freiheitskampfes mit schonungsloser Grausamkeit vorgehen werden, sondern es ist auch die Lage der noch in Anatolien und Syrien lebenden Armenier aufs neue und sehr ernstlich gefährdet. Aber selbst wenn die armenische Bevölkerung im türkischen Machtbereich, eingeschüchtert durch ihre furchtbaren Erlebnisse in den letzten Jahren, sich gänzlich loyal verhält, so ist nicht anzunehmen, daß ihre muslimische Umwelt ihnen das glauben wird. Auf beiden Seiten sind von der Vergangenheit her Verbitterung, Rachsucht und Mißtrauen jetzt so hoch gehäuft, daß schon ein grundloses Gerede genügen könnte, um Ausbrüche der Volkswut auszulösen. Sind aber solche Exzesse erst an einigen Stellen vorgekommen, so ist das Unheil unter Umständen nicht mehr aufzuhalten, und das Ende kann die fast völlige Ausrottung des armenischen Volkes werden.
Diese unsere Sorgen wären selbst in dem Falle begründet, daß die türkische Regierung jetzt den ernstlichen Willen hätte, Ausschreitungen zu verhüten, wie auch wir hofften neuerdings voraussetzen zu dürfen. Aber die erwähnte Meldung der Agence Milli spricht leider stark für das Gegenteil. Kam es der türkischen Regierung nur darauf an, militärische Maßnahmen über die Waffenstillstandsgrenze hinaus zur Pazifizierung ihres früheren Gebietes im voraus vor der Öffentlichkeit Europas zu rechtfertigen, so genügte dazu der Hinweis auf den dem Waffenstillstandsvertrag zuwiderlaufenden Abzug der russischen Truppen und auf das Auftreten irregulärer armenischer Banden. Wenn sie statt dessen in jener Meldung sich über die an Türken verübten armenischen Gewalttaten, die, so verabscheuenswert sie sind, nicht ein Tausendstel dessen ausmachen, was während dieses Krieges Türken an Armeniern begangen haben, ausführlich ergeht, so kann ihr die Wirkung solcher Schilderung auf die muselmanische Bevölkerung des eigenen Landes nicht unbewußt gewesen sein. Dazu kommt, daß in der durch die Agence Milli unter dem 5. Februar mitgeteilten Rede von Halil Pascha die Worte,
„Wir weisen noch einmal alle Vorschläge oder Ratschläge, die uns von welcher Seite auch immer in Form einer Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten zugehen, entschieden zurück.“
nach dem Zusammenhang und nach ihrer Betonung auffallen. Ist denn die Selbständigkeit der Türken in ihren inneren Angelegenheiten durch irgendwen außer durch die Ententemächte bedroht? Oder soll hier im voraus einem Einspruch auch der Bundesgenossen, den zu befürchten man allen Grund hat, ein Riegel vorgeschoben werden?
Ich bitte, das Mißverständnis, als sei diese meine ehrerbietige Vorstellung aus unfreundlicher, illoyaler Gesinnung gegen unsere osmanischen Bundesgenossen geflossen, völlig ausschließen zu dürfen. Die zu der von mir geleiteten Orient- und Islam-Kommission gehörigen evangelischen Missionen und Liebeswerke verfolgen rein religiös-charitative Ziele. Unsere Instruktion bildet der supranationale Missionsbefehl Jesu. Wir dienen den Völkern, zu denen wir uns gesandt wissen, mit dem Evangelium und sind überall der bestehenden Obrigkeit untertan. Als einen verhängnisvollen Mißgriff müßten wir es verurteilen, wenn eine Mission ein unterworfenes Volk zum Freiheitskampf verleiten, oder in ihm bestärken oder unterstützen wollte. Als Einzelne verfolgen wir die politischen Ziele unseres deutschen Vaterlandes, als Missionsarbeiter im fremden Lande kennen wir politische Ziele nicht. Uns treibt allein christliches Erbarmen, dieses aber ist ebenso der muselmanischen Bevölkerung zugewandt, wie der armenischen. Wir können den Untergang eines altchristlichen Volkes durch fremde und eigene Schuld nicht teilnahmslos mit ansehen, wissen auch wohl, daß die Türkei durch seine Ausrottung sich selbst den größten Schaden zufügt, und dürfen auch nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem ungeheuren Ärgernis, mit dem dadurch der deutsche Name in aller Welt belastet wird.
Von allen Verleumdungen, die gegen Deutschland erhoben sind, hat nach unserer Kenntnis keine eine so unheilvolle Dauerwirkung erlangt, wie die, daß Deutschland der verborgene Anstifter der armenischen Greuel sei. Man geht im Auslande von der irrigen Voraussetzung aus, daß Deutschland, was es wollte, bei der Türkei habe erreichen können, ist auch beeinflußt durch türkische Äußerungen, die ohne Scheu ihre Maßnahmen auf deutschen Befehl zurückführen, und durch die unseligen Ableugnungen des tatsächlich Geschehenen seitens deutscher Türkenfreunde, die, wie man im Auslande richtig sieht, dadurch die türkische Regierung gegen die Vorwürfe der übrigen Welt unempfindlich machen und in ihrer Armenierpolitik bestärken. Die Überzeugung von der Verantwortlichkeit Deutschlands für die Behandlung der Armenier durch die Türken ist tatsächlich in der neutralen und feindlichen Welt so weit verbreitet und hat so tief gewurzelt, daß auch die Empörung, die über neuerliche Massakres ausbrechen müßte, in erster Linie wieder Deutschland zur Last fallen würde. Es kann somit die Frage ihrer Verhütung nicht lediglich als eine innere Angelegenheit der Türkei angesehen werden, die Deutschland außer Betracht zu lassen hätte.
Wie aber die politische Leitung Deutschlands deswegen angegriffen wird, so erregt es in der außerdeutschen Christenheit auch Ärgernis, daß, wie man meint, wir deutsche Christen und besonders die Missionskreise zu dem allen gewissenlos stillschweigen. Neue Greuel müssen daher auch den Riß in der Christenheit noch weiter vertiefen.
Aus all diesen Gründen bitte ich inständigst und gehorsamst, mit allen überhaupt in Frage kommenden Mitteln auf die türkische Regierung einzuwirken, daß sie die Maßnahmen gegenüber den armenischen Insurgenten in den Grenzen des Unerläßlichen halte und an ihrem Teil Ausschreitungen allerwärts ernstlich zu verhüten suche.
D. Karl Axenfeld, Missionsdirektor.
Dem Kanzler des Deutschen Reiches Herrn Grafen von Hertling, Exzellenz, Berlin.
371.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 14. Februar 1918.
Dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen von Bernstorff, Exzellenz, Pera, zur gefälligen Kenntnis ergebenst übersandt.
Freihr. v. d. Bussche.
_März._
372.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 2. März 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Bei künftigen Friedensverhandlungen mit den Westmächten werden diese unzweifelhaft die Armenierfrage zur Sprache bringen und versuchen, möglichst weitgehende Autonomie ostanatolischer Wilajets durchzusetzen. Gegenüber solchen Versuchen wird Lage der Türkei günstiger sein, wenn sie schon vor Eintritt in Verhandlungen greifbare Beweise dafür gegeben hat, daß sie entschlossen ist, den christlichen ebenso wie den muhammedanischen Bewohnern dieser Provinzen eine gleichmäßige, milde und gerechte Behandlung angedeihen zu lassen und ihnen beim Wiederaufbau des durch die Kriegsereignisse Zerstörten behilflich zu sein.
Die Wiederbesetzung des Gebiets vollzieht sich unerwartet schnell. Nach den letzten Nachrichten ist mit baldiger Einnahme Erzerums zu rechnen. Sobald dies geschehen, dürfte die Zeit gekommen sein, um die Armenier, die noch die Waffen tragen, zu freiwilliger Unterwerfung aufzufordern und ihnen für diesen Fall Straflosigkeit und freie Rückkehr in ihre Wohnsitze zu gewähren. Abgesehen davon, daß auf diese Weise weitere vielleicht schwierige Kämpfe vermieden würden, kann nur so der Anfang dazu gemacht werden, dortige Armenier, die unentbehrliches wertvolles Bevölkerungselement dieser Provinzen darstellen, wieder zu loyalen Untertanen der Türkei zu erziehen. Weiter müßten die geplanten finanziellen Beihilfen zum Wiederaufbau der Dörfer und zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung der Wilajets gleichzeitig Christen und Muhammedanern zugute kommen. Auch würde sich empfehlen, die Rückführung der ins Innere des Reichs verbannten armenischen Bewohner in Aussicht zu nehmen.
Außerdem würde es die Stimmung weiter und einflußreicher Kreise günstig beeinflussen, wenn die türkische Regierung den deutschen Missionsanstalten, die früher unter Armeniern gewirkt haben, gestatten wollte, Vertreter an Ort und Stelle zu entsenden, um unter der Bevölkerung, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, Wohltätigkeit zu üben.
Fast ebenso wichtig wie die Behandlung der Armenier ist die der Griechen. Bei jetziger Lage besteht kein Grund mehr, die weggeführte griechische Bevölkerung der Küstendistrikte des Schwarzen Meeres von dort fern zu halten. Ihre baldige Zurückführung würde einzuleiten sein.
Euere Exzellenz bitte ich, in Ihren Besprechungen mit dem Großwesir, mit dem Minister des Äußern und auch Enver Pascha diesen Gedankengang zu entwickeln und über die Aufnahme Ihrer Vorstellungen zu berichten.
v. d. Bussche.
373.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. März 1918.
An Auswärtiges Amt.
Seit Monaten habe ich bei jeder Gelegenheit die Gedankengänge des Telegramms Euerer Exzellenz vom 2. d. M. an maßgebender Stelle wiederholt. Einer direkten Ablehnung bin ich niemals begegnet. Öfters gelang es, beabsichtigte unkluge Maßnahmen zu verhindern, meist erhielt ich aber Versprechungen, die bisher noch unerfüllt blieben.
Der Großwesir ist seit seiner Rückkehr aus Europa für Ermahnungen im Sinne der Berücksichtigung der öffentlichen Meinung zugänglicher.
Erst gestern sprach ich mit Talaat Pascha im Sinne Euerer Exzellenz Weisung, und er versprach dabei, mit den Armeniern entsprechend zu verhandeln und eine Amnestie bald zu erlassen.
Bernstorff.
374.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 13. März 1918.
Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.
Wie mir Monsignore Dolci mitteilt, ist er vom Papst angewiesen worden, bei der hiesigen Regierung für die Armenier einzutreten.
Unter allen Armeniern herrscht große Aufregung, da sie befürchten, daß allgemeine Repressalien seitens der Türken zu erwarten sind. Ich drahtete deshalb direkt an den Herrn Staatssekretär nach Bukarest die Bitte, die Angelegenheit mit dem Großwesir zu besprechen. Ohne Talaat Pascha werde hier nichts getan, und vielleicht sei der Großwesir zu bewegen, jetzt nach dem Frieden mit Rußland und der Einnahme Erzerums die versprochene Amnestie zu erlassen.
Bernstorff.
375.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 17. März 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Tanin und Terdjüman-Artikel vom 15. März sind geeignet, nicht nur Armenier, sondern auch unsere öffentliche Meinung über Absichten türkischer Regierung in Armenierfrage zu beunruhigen. Abgesehen davon sind aber so heftige Presseäußerungen auch deshalb bedenklich, weil dadurch unter türkischer Bevölkerung Stimmung hervorgerufen wird, die zu gefährlichen Ausbrüchen gegen Armenier führen kann und jedenfalls der türkischen Regierung die von ihr beabsichtigte versöhnliche Armenierpolitik erschweren muß. Ich empfehle dringend, daß türkische Regierung der Presse Zurückhaltung auferlegt. Es wäre auch zweckmäßig, weitere amtliche Meldungen über Greueltaten der Armenier zurückzuhalten, bis die Berichte der zu Wehib Pascha zu entsendenden Pressevertreter vorliegen. Berichte der Milli-Agence finden nach früheren Erfahrungen im neutralen und feindlichen Auslande keinerlei Glauben mehr.
Bitte dringend in diesem Sinne auf dortige Regierung einzuwirken.
v. d. Bussche.
376.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 17. März 1918.
An den Herrn Staatssekretär, Bukarest.
Botschafter Pera telegraphiert: „In armenischer Frage hat trotz aller Ermahnungen Zensur erst jetzt eingegriffen und Presse gezwungen, beruhigende Artikel zu schreiben oder zu schweigen.
Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie den päpstlichen Delegaten, den Patriarchen oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung scheint diesmal wirklich ehrlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.
Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Konföderation zu gründen. Großwesir steht nach Euerer Exzellenz Telegramm noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will. Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich wenigstens noch mehr nach Baku als nach Batum.“
Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenierfrage einzugreifen.
Bernstorff.
377.
Aufzeichnung.
Berlin, den 19. März 1918.
Vom Herrn Stellvertreter des Staatssekretärs seinen Erklärungen im Reichstag am 21. und 22. März zugrunde gelegt.
... Das Auswärtige Amt und die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei haben von Beginn der armenischen Krise an alles mit diplomatischen Mitteln mögliche getan, um das Los der Armenier zu mildern. Die Kaiserliche Regierung ist bei ihrem Druck auf die türkische Regierung bis zur äußersten Grenze gegangen. Die Verantwortung dafür, durch einen Bruch mit der Türkei wegen der Armenierfrage die Südostflanke unserer Weltkampfstellung zu entblößen und dadurch unsere damals im Osten und Westen schwer ringenden Heere in eine bedrohliche Lage zu bringen, hätte keine deutsche Regierung tragen können.
Als nach Abschluß des Waffenstillstands von Brest-Litowsk die Möglichkeit einer Räumung der damals von den Russen besetzten ostanatolischen Provinzen näher rückte, haben wir uns sofort mit den türkischen Staatsmännern wegen der Behandlung der Frage der Armenier in Verbindung gesetzt und ihnen gesagt, wie wichtig es im eigensten Interesse der Türkei, auch wegen ihrer Beziehungen zu den Bundesgenossen ist, daß beim Wiedereinmarsch der türkischen Truppen Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung vermieden und daß von vornherein die Grundlagen für friedliche Verhältnisse zwischen den christlichen und muhammedanischen Elementen geschaffen werden. Der Finanzminister und der Minister des Äußern, mit denen im Januar bei ihrem Aufenthalt in Berlin in diesem Sinne gesprochen wurde, zeigten volles Verständnis und erklärten sich auch grundsätzlich damit einverstanden, daß sich nach Wiedereinnahme Ostanatoliens deutsche Wohltätigkeitsunternehmungen der Armenier dort annähmen.
Anfang Februar gelangte die Nachricht hierher, daß die russischen Truppen aus Ostanatolien abzogen, daß sich aber in dem von ihnen verlassenen Gebiet armenische Freischaren unter Führung fremder Offiziere gebildet haben und dort schlimm hausten. Einzelheiten sind durch die amtliche türkische Telegraphenagentur bekannt gegeben worden. Diese Nachrichten haben vielfach keinen Glauben gefunden und sind so aufgefaßt worden, als ob die türkische Regierung damit ein beabsichtigtes grausames Vorgehen gegen die Armenier im voraus entschuldigen wollte. Diese Auffassung scheint nicht begründet. Obwohl andere telegraphische Meldungen aus dem Kaukasus ins Ausland gelangen, ist bisher in keinem feindlichen oder neutralen Blatte eine Nachricht über türkische Ausschreitungen veröffentlicht worden. Auch das schweizerische Hilfskomitee für Armenien hat keine solche Nachricht erhalten. Einem Telegramm der Genfer Gruppe der armenischen Sozialisten an das Internationale Sozialistische Büro in Genf, worin von neuen türkischen Metzeleien nach Räumung des Landes durch die Russen die Rede ist, liegen offenbar nur Befürchtungen zugrunde. Diese Befürchtungen sind im Hinblick auf die Ereignisse des Jahres 1915 und die gegenseitige Erbitterung wohl begreiflich. Die Kaiserliche Regierung hat deshalb keine Gelegenheit vorübergehen lassen, der türkischen Regierung die Bedeutung der armenischen Frage vor Augen zu führen und hat bestimmte Vorschläge gemacht, wie weiteres Blutvergießen vermieden und auf die Dauer friedliche Zustände hergestellt werden können. Sie hat namentlich dringend geraten, die strengste Manneszucht unter den einrückenden Truppen aufrecht zu erhalten, die armenischen Freischaren zur freiwilligen Unterwerfung aufzufordern, ihnen, wenn sie dieser Aufforderung Folge leisten, Amnestie zu gewähren, bei der beabsichtigten Hilfsaktion für die ostanatolischen Provinzen gleichmäßig die Armenier und Muhammedaner zu berücksichtigen, ferner auch die Zurückführung der nach dem Innern des Reiches Ausgesiedelten, die sich bei den jetzigen Transportschwierigkeiten allerdings nicht durchführen läßt, wenigstens zu beschließen und einzuleiten. Die türkische Regierung hat sich diesen Vorschlägen durchaus zugänglich gezeigt. Nach den bündigen Versicherungen, die der Großwesir, der Minister des Äußern und sein Vertreter Halil Bey gegenüber dem Herrn Reichskanzler, dem Staatssekretär von Kühlmann und dem Kaiserlichen Botschafter abgegeben haben, sind wir zu dem Vertrauen berechtigt, daß die Regierung zur Milde gegen die Armenier entschlossen ist, die unbeteiligte Bevölkerung nicht für die Untaten Einzelner verantwortlich machen und ähnliche Vorgänge, wie sie sich im Jahre 1915 abgespielt haben, zu verhüten wissen wird. Denn es besteht die Gefahr, daß sich in den benachbarten Bezirken von Kars und Ardahan, die nach dem Friedensvertrag von Brest von den Russen zu räumen sind und deren Bevölkerung selbst ihr künftiges Schicksal beschließen soll, zwischen Armeniern und Muhammedanern Kämpfe entspinnen, die, da die Armenier auch hier in der Minderheit sind, zu ihrem Nachteil ausschlagen müssen. Der baldige Erlaß einer Amnestie ist zugesagt worden.
378.
Telegramm.
Bukarest, den 20. März 1918.
Der Staatssekretär an Auswärtiges Amt.
Habe die armenische Frage im Sinne dortiger Anregungen mit Großwesir besprochen. Talaat Pascha meinte, daß er von hier aus wenig machen könne. Sobald er nach Konstantinopel zurückgekehrt sei, werde er die in Aussicht genommene Amnestiekundgebung erlassen. Bitte Graf Bernstorff entsprechend zu verständigen.
Kühlmann.
379.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 22. März 1918.
An den Staatssekretär, Bukarest.
Funkspruch Lyon vom 17. März meldet:
„Armenisches Nachrichten-Übermittelungsbüro gibt bekannt, daß Rückkehr Türken nach Trapezunt sich in neuerlichen Akten von Roheiten bemerkbar machte. Tausende von russischen Nachzüglern wurden erschossen oder lebend verbrannt. Die Armenier werden unbeschreiblichen Qualen unterzogen; Kinder in Säcke gesteckt und ins Meer geworfen. Die alten Männer und Frauen wurden gekreuzigt und verstümmelt, alle jungen Mädchen und jungen Frauen wurden den Türken ausgeliefert.“
Botschafter Konstantinopel ist benachrichtigt und um Äußerung ersucht. Anheimstelle Ew. Exzellenz, Angelegenheit mit Talaat zu besprechen.
v. d. Bussche.
380.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 24. März 1918.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die letzte heftige Preßkampagne gegen die Armenier ist dem Vernehmen nach auf unmittelbare Veranlassung Enver Paschas zurückzuführen. Ich bitte Euere Exzellenz durch General von Seeckt auf Enver einzuwirken. Alle Preßangriffe gegen die Armenier und auch Meldungen über Greueltaten der Armenier sollten, da sie der Sache nur schaden, unbedingt verhindert werden.
v. d. Bussche.
_April._
381.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 3. April 1918.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Mit dem Überschreiten der früheren russischen Grenze gelangen die türkischen Truppen jetzt in Gegenden dichter armenischer Ansiedlungen. Damit wächst die Gefahr, daß es zu Ausschreitungen kommt. Euere Exzellenz wollen dahin wirken, daß Aufrechterhaltung strengster Manneszucht und mildes Vorgehen gegen die friedliche Bevölkerung den Truppenführern von neuem eingeschärft wird.
v. d. Bussche.
382.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 14. April 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Folgender Funkspruch ist aus Moskau hier eingegangen:
„Der armenische Nationalrat, als das oberste Organ der Willenskundgebung des armenischen Volkes, wendet sich an Sie aus Anlaß der entstandenen unerträglichen Lage. Armenien, das blutüberströmt kaum aus dem Zustande einer jahrhundertlangen Unterdrückung entrissen wurde, ist neuen Leiden unterworfen worden. Den Abzug der russischen Truppen ausnützend, ergossen sich die türkischen Truppen sofort über das wehrlose Land, indem sie nicht nur alle türkischen, sondern auch schon alle russischen Armenier der Ausrottung unterwarfen. Im Widerspruch mit den Friedensbedingungen, die das Selbstbestimmungsrecht aller kaukasischen Bezirke anerkennen, rückt das türkische Heer, das Land verwüstend und die christliche Bevölkerung vernichtend, gegen Kars und Ardahan vor. Die Verantwortung für das weitere Schicksal der Armenier trifft Deutschland, da auf sein Betreiben die russischen Truppen aus den armenischen Bezirken herausgezogen wurden. Jetzt hängt es von ihm ab, die türkischen Truppen von den gewohnten Exzessen, die auf dem Boden der Rache und Wut stehen, abzuhalten. Nur schwer kann man sich mit dem Gedanken aussöhnen, daß ein Kulturstaat wie Deutschland, der die Möglichkeit einer Einwirkung auf seinen Bundesgenossen, die Türkei, hat, es gestatten würde, daß der Friedensvertrag von Brest für das armenische Volk, das gegen seinen Willen in diesen Krieg hineingezogen wurde, zur Quelle zahlloser Leiden würde. Deshalb ist der Nationalrat des Glaubens, daß Sie die nötigen und nur Ihnen möglichen Maßnahmen gegen die türkischen Behörden zwecks Beschützung des armenischen Volkes vor neuen Schrecken treffen werden.
Als Bevollmächtigter des Nationalrates Nikolai Adonz, Professor der Universität Petrograd, Johannes Sawriew, vereidigter Rechtsanwalt.“
Bitte dortiger Regierung Mitteilung zu machen und auf das Bedenkliche des türkischen Vorgehens hinweisen.
v. d. Bussche.
383.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 15. April 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Die Nachrichten über Greueltaten der vorrückenden türkischen Truppen mehren sich neuerdings. Euere Exzellenz darf ich um baldige Äußerung bitten, wie Sie diese Nachrichten beurteilen und was für Meldungen dort etwa aus dem ehemals russischen Gebiet eingegangen sind.
Da wir die Bestimmung des Brester Vertrages über Kars, Ardahan und Batum für die Türken durchgesetzt haben, wären wir in einer äußerst peinlichen Lage, wenn die jetzt erhobenen Beschuldigungen auf Wahrheit beruhten. Wir müssen verlangen, daß die Türkei schonend mit der christlichen Bevölkerung umgeht und ihre Rechte in jeder Hinsicht achtet. Auch haben wir ein Recht darauf, von den Türken über alle Vorgänge in den genannten Gebieten auf dem Laufenden erhalten zu werden. Euere Exzellenz wollen in diesem Sinne mit Großwesir und Minister des Äußern sprechen und Talaat Pascha an seine Zusage erinnern, alsbald nach der Rückkehr aus Bukarest eine Amnestie für die Armenier zu erlassen. Von einer solchen Maßnahme versprechen wir uns im gegenwärtigen Augenblick eine beruhigende Wirkung auf die überall bereits stark erregte öffentliche Meinung. Auch auf die Armenier in dem ehemals russischen Gebiete dürfte sie ihren Eindruck nicht verfehlen. Es wäre erwünscht, wenn General von Seeckt die Entsendung deutscher Offiziere durchsetzen würde.
Unterstaatssekretär v. d. Bussche.
384.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 24. April 1918.
An Auswärtiges Amt.
Enver Pascha, der heute morgen aus Batum zurückgekehrt ist, war bei meiner heutigen Unterredung mit dem Großwesir längere Zeit zugegen. Enver war voll Optimismus. Alles stehe im Kaukasus großartig für die Türken. Sie brauchten nur etwas weiter vorzurücken, dann werde Tschenkeli sofort nach Batum kommen und Frieden schließen. Enver hat im gleichen Sinn unserer obersten Heeresleitung gedrahtet.
Ich sagte Großwesir, daß wir zum mindesten eine Garantie in der Armenierfrage haben müßten, wenn wir die türkische Politik im Kaukasus unterstützen sollten. Hierauf erwiderte Talaat Pascha, daß ich seine diesbezügliche Zusage nicht mehr als vertraulich zu behandeln brauche. Ich sei autorisiert, Euerer Exzellenz amtlich auch zur Veröffentlichung mitzuteilen, daß die Amnestie für friedliche Armenier nebst Geldbewilligung und Erlaubnis zur Rückkehr in Heimat in Vorbereitung sei.
Bernstorff.
385.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 26. April 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Auf Telegramm vom 24. April.
Es wäre uns vor Veröffentlichung türkischer Erklärung erwünscht, Aufklärung zu erhalten, ob sich die Rückkehrerlaubnis auch auf die nach Rußland Geflüchteten oder nur auf die Deportierten bezieht. Für welche Zwecke ist Geldbewilligung beabsichtigt?
v. d. Bussche.
386.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 28. April 1918. Ankunft, den 29. April 1918.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 26. April.
Die Amnestie soll, wie mir Großwesir sagte, für die hiesigen Armenier gelten. Die nicht im Lande befindlichen zurückzuholen, wäre -- so meinte Talaat Pascha -- gefährlich. Die Geldbewilligung soll erfolgen, um die Armenier zu entschädigen, die ihren Besitz verloren haben. Die Armenier sollen, so weit dies möglich ist, die Wahl zwischen ihrem früheren Besitz und einem Geldbetrag haben.
Bei seiner Anwesenheit in Batum hat Enver Pascha eine Proklamation an die in den drei neuen türkischen Bezirken wohnhaften Armenier erlassen, daß sie dort bleiben möchten. Er hafte für ihre Sicherheit, Besitz und Freiheit. Die meisten hätten sich zu bleiben bereit erklärt.
Bernstorff.
387.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 30. April 1918.
Richtlinien für den deutschen Bevollmächtigten zu Verhandlungen mit der Transkaukasischen Republik in Batum.
I. Bei den Verhandlungen mit den Transkaukasiern ist zu beachten:
* * * * *
3. Es ist dahin zu wirken, daß den Armeniern in den Gebieten, wo sie in geschlossenen Siedelungen wohnen, von den Georgiern und Tataren lokale Autonomie gewährt und auch in den übrigen Teilen Transkaukasiens ihnen volle Freiheit in der Ordnung ihrer kirchlichen und kulturellen Angelegenheiten zugestanden wird.
II. Bezüglich der Türkei ist zu berücksichtigen:
* * * * *
2. Die türkische Regierung ist zu bewegen, in den an sie nach dem Brester Frieden und dem Vertrag mit Transkaukasien zurückfallenden Gebieten den Armeniern, wo sie in geschlossenen Siedelungen wohnen, lokale Autonomie zu gewähren und in den übrigen Teilen des Landes ihnen volle Freiheit in der Ordnung ihrer kirchlichen und kulturellen Angelegenheiten zuzugestehen.
_Mai._
388.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. Mai 1918.
An Auswärtiges Amt.
Aus Erzindjan ging folgendes Telegramm ein:
Im Kreise Erzindjan waren während der russischen Okkupation 1916/17 1500 mohammedanische Einwohner zurückgeblieben. Verhalten Okkupationsarmee wird allgemein gelobt. Als Russen nach Waffenstillstand Dezember v. J. desertierten, wurde armenisches Schreckensregime unter Mrat Pascha gebildet. 600 Muslims im Alter von 3-70 Jahren wurden ermordet, Hunderte werden vermißt. Stadt ist ein Trümmerhaufen, nur das Zentrum mit Regierungskonak und Generalkommando sind erhalten, da Mine versagte.
Bernstorff.
389.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 6. Mai 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Von den Armeniern ist der Wunsch geäußert worden, daß ihren aus der Türkei geflüchteten Stammesgenossen die Rückkehr gestattet werde, da ihr Verbleiben im Kaukasus wegen des Mangels an Land und Unterhaltsmitteln zu Reibungen mit der nichtarmenischen Bevölkerung führen würde. Euere Exzellenz bitte ich, General von Lossow als Nachtrag zu seiner Instruktion zu ersuchen, den Versuch zu machen, die bekannten türkischen Bedenken gegen Wiederzulassung der Ausgewanderten zu überwinden.
Stellvertretender Staatssekretär v. d. Bussche.
390.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 12. Mai 1918.
An Auswärtiges Amt.
Nach militärischen Meldungen beträgt die Zahl der wegen armenischer Grausamkeiten aus Erivan, Igdir und Nakhitschevan nach Bajasid ausgewanderten Mohammedaner etwa 10000. Ein großer Teil mußte wegen Verpflegungsschwierigkeiten nach Persien weitergeschickt werden. Die Leute können sich nicht gegen die Armenier wehren, da es ihnen an Waffen und Munition fehlt.
Bernstorff.
391.
Kaiserlich Deutsches Konsulat. Aleppo, den 15. Mai 1918.
Wie mir erst jetzt bekannt wird, sind Mitte März auf Befehl des Kommandeurs des 4. Korps Ali Ihsan Pascha in seinem Bereich, insbesondere im Wilajet Mamuret-ul-Aziz wieder Maßregeln gegen den Rest der noch vorhandenen Armenier ergriffen worden. So sind aus den Ortschaften Pertak und Peri etwa 300 Frauen und Kinder nach Mamuret-ul-Aziz gebracht worden. Die halbwüchsigen Jungens waren gefesselt und wurden gesondert hinterher gebracht. Der Wali von Mamuret-ul-Aziz hat die Frauen und Kinder unbehindert gelassen, die Knaben aber sind in das Gefängnis gebracht worden.
Hungersnot herrscht in weiten Gebieten der östlichen Wilajets, so in Diarbekr, Meya-Farkin, Mardin und anderen Orten.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling.
392.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 15. Mai 1918.
Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.
Telegramm des Generals von Lossow:
„Die maßlose türkische Forderung, auch auf die rein armenischen Gebiete von Achalkalaki, Alexandropol und Eriwan abzielt auf Gebietserwerb weit über Brester Vertrag hinaus, auf alleinige wirtschaftliche Ausbeutung Kaukasiens und auf völlige Ausrottung der Armenier auch in Transkaukasien.
Am 13. abends haben die Türken die Überlassung der Bahn Kars-Alexandropol-Dschulfa in Form eines Ultimatums gefordert, ohne mein Einverständnis erlangt oder mich vorher benachrichtigt zu haben. Ich habe gegen dieses Vorgehen protestiert. Mein Vermittelungsvorschlag, auf Grund dessen eine prinzipielle Regelung der wichtigsten und brennendsten Fragen zu erlangen wäre, ist folgender:
1. Die Türken müssen den Brester Vertrag als Basis anerkennen.
2. Um den Türken den Rückzug zu erleichtern, wird der muhammedanische Bezirk von Achalzich in Form von Grenzregulierungen gegen georgisches Gebiet nördlich Batum und den rein armenischen Ostteil vom Bezirk Kars ausgetauscht, wobei Festung Kars den Türken verbleibt.
Halils Stellung noch unbekannt. Sobald der Vorschlag angenommen ist, kann der Transport türkischer Truppen auf der Strecke Kars-Dschulfa beginnen, jedoch nur unter deutscher Leitung und Garantie. Ich bitte daher, sofort kleine Kommission zu schicken, die gemeinsam mit mir in Tiflis die Bahnsachen bearbeitet, sowie ein deutsches Bataillon, das Wach- und Ordnungsdienst auf den Stationen von Alexandropol bis Dschulfa übernimmt. Dies wird von Kaukasiern unbedingt verlangt, da sie den Türken mit größtem Mißtrauen gegenüberstehen. Türkische Leitung oder Beeinflussung der kaukasischen Bahn lehnen sie mit größter Entschiedenheit ab.
Nachsatz: Aus einer Besprechung, die ich nachmittags mit Halil hatte, geht klar hervor, daß er, Wehib und ich im Prinzip einig sind. Dagegen bleibt Enver auf seinen Forderungen bestehen und verlangt ein sofortiges Ultimatum. Soll ein neuer blutiger Krieg im Kaukasus vermieden werden, so muß der Botschafter unverzüglich dem Großwesir erklären, daß die deutsche Oberste Heeresleitung niemals Envers Forderung unterstützen kann und schärfsten Protest gegen das die verbündeten Interessen schwer schädigende türkische Vorgehen einlegt.“
Bernstorff.
393.
Kars, den 16. Mai 1918.
Am 14. April d. J. trat ich von Konstantinopel die Reise nach meinem früheren Amtssitz Erzerum an. An Bord der „Gul Nihal“, die eigentlich nach dem von den Türken am 26. Februar d. J. zurückeroberten Trapezunt gehen sollte, befand sich Enver Pascha und das türkische große Hauptquartier. Da auf hoher See durch Funkspruch die Einnahme von Batum gemeldet wurde, so ließ Enver Pascha trotz erheblicher Minengefahr die „Gul Nihal“ nach Batum gehen und lief Trapezunt nur an, um den türkischen Oberbefehlshaber Wehib Pascha an Bord zu nehmen.
Bei dem Aufenthalt in Batum vom 18. bis 20. April konnte ich authentisch feststellen, daß die Türken, ebenso wie ich es in Trapezunt am 26. Februar beobachtet hatte, strenge Manneszucht hielten und den Einwohnern von Batum gegenüber Milde walten ließen. Die meisten Armenier waren aus Furcht vor Massakres aus Batum geflohen, jedoch erwies sich ihre Furcht als unbegründet und einige kehrten bereits dorthin zurück. Gewiß trug die persönliche Anwesenheit Enver Paschas, Wehib Paschas und des Generals von Seeckt zur Aufrechterhaltung der Disziplin bei. Es handelte sich hier um Truppen der 37. kaukasischen Division des Kjasim Bey, die sich bereits bei Trapezunt, Rize und Chope ausgezeichnet hatten.
Vom 22. bis 25. April hatte ich in Trapezunt Gelegenheit, griechische und persische Kaufleute zu sprechen, die ebenfalls keine Klagen über das Verhalten der Türken hatten. In Trapezunt war seit einigen Tagen der neue Wali eingetroffen und die Zivilverwaltung hatte wieder eingesetzt. Ich erfuhr Einzelheiten über die Verschickung der Armenier aus Trapezunt im Sommer 1915, wobei dieselben auf Mahonen verladen wurden, die jedoch nicht am Bestimmungsort Samsun ankamen, sondern mit Mann und Maus auf hoher See untergegangen sind[148]. Ich stellte authentisch fest, daß auf dieser tragischen Fahrt auch der mir persönlich aus Bagdad und Erzerum befreundete Armenier Regiedirektor Belekdjian mit seiner hochgebildeten Frau und seinen Söhnen umgekommen ist. Während der russischen Okkupation hat im Trapezunter Bezirk Ordnung geherrscht. Als jedoch nach der russischen Revolution vom Kaukasus aus armenische Regimenter nach Trapezunt in Garnison kamen, begannen trübe Zeiten für die Muselmanen. Nach dem Abzug der russischen Truppen im Februar 1918 hatten sich im Gebiet von Trapezunt und Erzindjan armenische Freischaren gebildet, die das Land gegen die vorrückenden Türken verteidigen wollten. Auf der Strecke von Trapezunt bis Erzindjan vom 25. bis 30. April passierte ich viele verwüstete Dörfer. Ob diese Verwüstungen von den armenischen Freischaren verübt worden sind, oder ob die abziehenden griechischen Einwohner vor den anmarschierenden Türken oder die abziehenden Türken vor den armenischen Freischaren selbst ihre Dörfer angezündet haben, war nicht festzustellen.
In Erzindjan verblieb ich vom 1. bis 4. Mai. Die Stadt, die ich in ihrer besten Blütezeit noch im Juni 1914 besucht hatte, war nicht wieder zu erkennen. Es sollen nach dem türkisch-kaukasischen Waffenstillstand im Dezember 1917 dort die Armenier unter Führung von Mrat Pascha ein Schreckensregime geführt haben. 600 Muselmanen im Alter von 3-70 Jahren sollen ermordet worden sein, Hunderte werden vermißt. Beim Abzug im März d. J. hatten die Armenier eine Mine gelegt, um die hervorragenden Regierungskonaks und das von Zeki Pascha erbaute Generalkommando zu sprengen; die Mine versagte jedoch. Am furchtbarsten sah das früher blühende armenische Viertel aus, das nach der Verpflanzung der Armenier aus Erzindjan nach Mesopotamien von den Türken okkupiert worden war. Der Bischofssitz, in dem ich dem armenischen Bischof gemeinsam mit dem englischen Konsul in Erzerum, Mr. Monahan, im Juni 1914 einen längeren Besuch abgestattet hatte, war völlig abgebrannt.
In Erzindjan erfuhr ich auch noch Einzelheiten von dem tragischen Ende des mir aus Erzerum befreundeten armenischen Bischofs Sinbad, der ein gern gesehener Gast im deutschen Konsulat in Erzerum gewesen war. Nach den mir gemachten Angaben ist Bischof Sinbad, den ich als einen überaus sympathischen und loyalen türkischen Armenier hochschätzte, im Juli 1915 auf dem Wege von Erzindjan nach Kemach, einige Kilometer von Erzindjan entfernt, von türkischen Gendarmen ermordet worden.
Zwischen Erzindjan und Erzerum hatte ich schon auf der Informationsreise im Juni 1914 festgestellt, daß außer dem Flecken Mamachatun, dem Sitz des Kaimakams des Kasa Terdjan, nur einige ganz kleine Weiler am Wege lagen. Mamachatun, um dessen Besitz von 1915 bis 1918 Russen und Türken heftig gekämpft hatten, war ein Trümmerfeld. Jetzt ist es türkische Etappenstation und von etwa 100 Muselmanen bewohnt. Seit Ende April war bereits wieder eine türkische Zivilverwaltung eingerichtet. Der Kaimakam sagte mir, daß alsbald von der türkischen Heeresleitung die Genehmigung zur Rückkehr der nach Kemach und Kharput geflüchteten muselmanischen Einwohner in ihre Ländereien zu erwarten sei. Von ihm erfuhr ich auch, daß der bisherige Wali von Sivas zum Wali von Erzerum ernannt sei und in einigen Tagen in Erzerum eintreffen solle.
In Erzerum verblieb ich vom 5. bis 8. Mai. Die Stadt, die bereits im Frieden einen trostlosen Eindruck gemacht hatte, war nun fast gänzlich verwüstet. Das deutsche Konsulat, das von den Kosaken am 7. Februar 1916 geplündert worden war, hatte bis zur Wiedereinnahme der Stadt durch die Türken als russisches Hospital gedient. Nun war es türkisches Hospital; in jedem der fünf Zimmer lagen 10 sieche türkische Soldaten.
Besonders stark hatte das armenische Viertel gelitten, in dem sich die armenischen Freischaren bis zum Einzug der Türken im April 1918 verteidigt hatten. Dieses Viertel war bereits von den Türken beim Abzug aus Erzerum zerstört worden, dann jedoch von den Russen wieder aufgebaut worden. Von den 10000 Armeniern, die ich im Jahre 1914 dort gekannt hatte, fand ich keinen mehr vor. Doch stellte ich mit Genugtuung fest, daß die beim deutschen Konsulat angestellten Armenier Solighian und Scherefian sowie alle österreichischen Schutzgenossen (die armenisch-römisch-katholischen Mechitaristen, sowie der armenisch unierte katholische Bischof) von den Türken im Sommer 1915 verschont worden waren und sich in Siwas und Konstantinopel in Sicherheit befinden. Dagegen war der mir befreundete zweite Direktor der Ottomanbank, Setrak Pasdirmadjian, ein Opfer der Leidenschaften geworden. Seine Töchter haben zwangsweise türkische Gendarmen geheiratet und sollen zurzeit in Urfa leben. In Erzerum selbst sollen bei dem Auszug der Armenier im Juni 1915 Ausschreitungen gegen das Leben der Deportierten nicht vorgekommen sein, da der Wali Tahsin Bey nur strikt den Ausweisungsbefehl aus Konstantinopel durchführte. Dem Führer der Daschnakisten in Erzerum, Rostom Effendi, war es gelungen, nach Rußland zu entkommen. Die nach der am 6. Februar 1916 erfolgten Einnahme von Erzerum durch Russen dort verbliebenen Muselmanen hatten ein trauriges Los. Viele wurden ins Gefängnis geworfen oder nach Sibirien verschickt. Ein neben mir im Todeskorridor der Zitadelle Tiflis inhaftierter Kurdenscheich wurde ohne kriegsgerichtliches Urteil auf Befehl des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch im Februar 1917 gehängt. Einwandfreie Augenzeugen, deutschstämmige russische Soldaten aus den deutschen Kaukasus-Wolga-Kolonien, hatten mir bereits in Tiflis übereinstimmend erzählt, daß russische und armenische Soldaten türkische Frauen und Kinder in Erzerum unter dem Vorwande, nach Waffen zu suchen, vergewaltigt und geschändet hätten. Einzelheiten über die gegen die Muselmanen von armenischer Seite verübten Racheakte teilte der belgische Journalist Simais in Tiflis mit, der im Stabe des Generals Tschernosuboff den Einmarsch der Russen von Persisch-Azerbeidjan nach Wan und Rewanduz mitgemacht hatte. Dabei sollen armenische Drujinen (Freiwilligenkorps) nach dem russischen Vormarsch auf Bitlis und Musch Einwohner der hinter der neuen russischen Front gelegenen türkischen Dörfer niedergemetzelt haben. Von türkischer Seite wurde dann noch erzählt, daß, als die russischen Soldaten im Januar 1918 freiwillig Erzerum verließen und die Armenier beschlossen, unter Leitung französischer Offiziere die besetzten Gebiete der Türkei zu verteidigen, die Muselmanen Erzerums furchtbaren Martern ausgesetzt worden seien. Hunderte von Muselmanen, Männer, Frauen und Kinder, seien in zwei gegenüberliegende Häuser eingesperrt worden, die alsdann angezündet wurden.
Von andrer Seite erfuhr ich jedoch auch, daß vorher die Türken bei der Wiedereroberung von Erzerum sämtliche in der Stadt zurückgebliebenen Armenier hatten über die Klinge springen lassen.
Ich reiste von Erzerum über das Schlachtfeld von Sarikamisch nach Kars, wo ich vom 10. bis 14. Mai verblieb. Nach der Erzählung von Deutschrussen, die den Einmarsch der Türken in Kars Ende April d. J. miterlebt haben, war diesmal die Manneszucht gelockert und die einziehenden Truppen raubten und plünderten. Auch gingen die Türken sehr rigoros bei Requirierung von Proviant und Vieh vor. Trotz Weisung Enver Paschas konnte nicht verhindert werden, daß das Symbol von Kars, eine zur Verherrlichung des russischen Sieges 1878 gesetzte Statue eines russischen Soldaten in Bronze, der mit dem Fuße eine ottomanische Fahne zertritt, von den erbitterten türkischen Soldaten sofort zertrümmert wurde.
Zurzeit leisten die armenischen Truppen, die sich nach Preisgabe der früheren russisch-türkischen Grenze bei Alexandropol konzentriert haben, den Türken verzweifelten Widerstand.
Anders.
394.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 21. 5. 1918.
Aufzeichnung.
Ich habe Herrn Nasariantz beim Abschied folgende Mitteilung gemacht:
Seit die Delegierten des armenischen Nationalrates von dem stellvertretenden Herrn Staatssekretär empfangen worden sind, haben sich die Ereignisse im Kaukasus weiter entwickelt. Die Türken haben sich aus militärischen Gründen veranlaßt gesehen, die Grenzen von Ardahan, Kars und Batum zu überschreiten. Leider erscheint es infolgedessen zu Zusammenstößen mit Armeniern gekommen zu sein. Wir stehen wegen dieser Fragen in Telegrammwechsel mit der türkischen Regierung. Auch wird bereits in nächster Zeit der Oberst Freiherr von Kreß, ein guter Kenner der Türkei und der Türken, nach dem Kaukasus entsandt werden. Die armenischen Delegierten könnten sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat mit ihren Wünschen an Oberst von Kreß wie auch an General von Lossow wenden. Herrn von Kreß ist die armenische Angelegenheit besonders ans Herz gelegt worden.
Göppert.
395.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 23. Mai 1918. Ankunft, den 24. Mai 1918.
An Auswärtiges Amt.
General von Lossow drahtet:
Eine Deputation armenischer Vertrauensmänner sowie die armenischen Vertreter in transkaukasischer Delegation, die gleichzeitig als Minister der Regierung angehören, hatten mehrfach Besprechungen mit mir. Armenier erwarten von Deutschland Rettung und Hilfe in ihrer verzweifelten Lage.
Das Ziel der türkischen Politik ist, wie ich immer wiederhole, dauernde Besitznahme der armenischen Distrikte und Ausrottung der Armenier. Alle gegenteiligen Versicherungen Talaats und Envers sind wertlos. In Konstantinopel herrscht die extreme armenierfeindliche Richtung. Türkischer Plan liegt klar vor mir: den muhammedanischen Bezirk von Achalzich glauben sie sicher zu bekommen, den völlig armenischen Bezirk von Achalkalaki suchen sie unter Verschleierung der Tatsachen als zum Bezirk Achalzich gehörig hinzustellen. Die Stadt Alexandropol ist von ihnen besetzt. Die Bahnstrecke nach Djulfa wollen sie einschließlich eines Geländestreifens 25 Kilometer östlich der Bahn okkupieren; um ihn nie wieder mehr zurückzugeben.
Die Annexion des Gouvernements Elisabethpol und Baku haben die Türken mit Einverständnis tatarischer Bevölkerung bewirkt, zugleich vorgehen sie auf Baku, um dortige Bolschewiki zu vertreiben und sich dort festzusetzen. Ferner sind türkische Truppen auf Front südlich Achalkalaki im Vorrücken gegen Tiflis und Eriwan. Die Armee begleitende kurdische und tatarische Freiwillige rauben und morden in armenischen Ortschaften. Männer werden alle abgeführt. Die armenischen Truppen weichen, um Konflikte zu vermeiden, nach Osten aus. Armenische Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie alsbald auf Tataren stoßen muß, was zu Massakers führen muß. Türkische Politik hat offenbar das Ziel, unter Vermeidung von Ultimatum bezüglich des Territorialbesitzes ein fait accompli zu schaffen. Für armenische Bevölkerung bleibt kein Platz zum Leben. Dies muß zu Guerillakrieg führen, der Transport und Nachschub auf Linie Alexandropol-Djulfa unmöglich machen wird. Wie ich vermute, liegt dies in türkischer Absicht. Der Bevollmächtigte der Delegation armenischen Volkes, armenischen Nationalrats nachsucht Schutz Deutschlands gegen völlige Vernichtung und bittet, den Rest armenischen Territoriums unter deutsches Protektorat zu nehmen. Offizielles Schriftstück hierfür befindet sich in meiner Hand. Wenn die Ausrottung der Armenier verhindert werden soll, ist sofortiger ständigster Druck auf Türkei notwendig. Erbitte baldigst deutsches Kriegsschiff, damit ein Bataillon nach Poti, ferner Instruktionen über Stellungnahme zu offizieller armenischer Erörterung. Sofortige Aktion erforderlich.
396.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 26. Mai 1918.
An den Botschafter, Wien.
Infolge des Verhaltens der türkischen Regierung sind die Verhandlungen in Batum gescheitert. Die transkaukasische Republik ist auseinandergefallen, während sich Georgien vermutlich inzwischen als selbständiger Staat proklamiert hat.
Die türkische Regierung hat sich auf Grund der Bestimmungen des Brester Vertrags, wonach die Bezirke Ardahan, Kars und Batum von Rußland geräumt und es der Bevölkerung überlassen wurde, ihre staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Verhältnisse im Einvernehmen mit den Nachbarstaaten, besonders mit der Türkei, neu zu ordnen, für berechtigt gehalten, diese Bezirke zu okkupieren. Sie hat aber an ihren Grenzen nicht haltgemacht, sondern den Vormarsch weiter fortgesetzt. Die türkischen Delegierten haben bei den Verhandlungen in Batum mit dem Vorrücken ihrer Truppen immer weitergehende Gebietsforderungen gestellt. Außer Ardahan, Kars und Batum verlangten sie die Bezirke Achalzych und Achalkalaki, im Gouvernement Eriwan die Bahn Alexandropol-Djulfa, einschließlich des Gebiets westlich davon und einen 25 km breiten Streifen östlich der Bahn, das Gebiet nördlich Batums bis in die Höhe von Kubelity, wogegen sie sich zur Rückgabe des weiter nördlich von ihnen besetzten georgischen Gebietes bereit erklärten. Demgegenüber haben wir der türkischen Regierung nachdrücklichst geraten, die Grundlage des Brester Vertrages nicht zu verlassen und ihr empfohlen, die Stadt Batum nicht zu behalten, sondern den Georgiern zu überlassen, da es sonst wegen der Bevölkerungsverhältnisse und aus wirtschaftlichen Gründen schwerlich zu dauernd friedlichen Verhältnissen zwischen Türken und Georgiern kommen würde. Wir haben einen Austausch des Bezirks Batum nördlich des Tschorochflusses gegen andere und zwar von Tataren bewohnte transkaukasische Gebietsteile ins Auge gefaßt und der Türkei dringend nahegelegt, eine freundschaftliche Einigung mit der transkaukasischen Regierung herbeizuführen.
Statt diesem Rate zu folgen, haben die Türken jedes Maß verloren. Sie haben in Elisabethpol und anderen tatarischen Bezirken die türkische Flagge gehißt, beabsichtigen die Annexion des ganzen Gouvernements Elisabethpol und Baku und gehen auf Baku vor, um die Bolschewisten zu vertreiben und sich dort festzusetzen. Auf der Front südlich Achalkalaki sind türkische Truppen im Vorrücken gegen Tiflis und Eriwan. Die sie begleitenden kurdischen und tatarischen Freiwilligen rauben und morden in armenischen Ortschaften, aus denen alle Männer abgeführt werden. Die armenische Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie alsbald auf Tataren stoßen wird.
Die Lage muß als außerordentlich kritisch bezeichnet werden. Ein weiterer Vormarsch der Türken würde im Kaukasus den allgemeinen Kampf entfesseln. Ferner ist zu besorgen, daß die kaukasischen Christen, besonders die Armenier, dem Wüten der tatarischen Bevölkerung und der irregulären Truppen preisgegeben, ausgeplündert, aus ihren Wohnsitzen vertrieben werden und, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben zu retten, in jeder Weise vergewaltigt werden. Wir können es aber weder vor unserem eigenen Volke, noch vor der Welt verantworten, wenn wir es zuließen, daß die Bestimmungen des Brester Vertrages, die mit unserer Hilfe durchgesetzt worden sind, als Freibrief zur Verfolgung der Christen im Kaukasus mißbraucht werden. Abgesehen hiervon, werden durch das türkische Vorgehen im Kaukasus starke Kräfte den wichtigsten militärischen Aufgaben der Türkei, den Operationen zur Verteidigung Mesopotamiens und Palästinas und zur Wiedergewinnung des verlorenen Gebietes, entzogen.
Unter diesen Umständen ist dem Kaiserlichen Botschafter in Pera folgende Instruktion erteilt worden:
„Das Vorgehen der Türken, die sich über unsere, von wahrer Bundesfreundlichkeit eingegebenen Mahnungen und Warnungen hinweggesetzt haben, hat die Hoffnung auf eine gütliche Einigung mit dem Kaukasus zerstört und die kaukasische Konföderation gesprengt. Angesichts dieser neuen schwierigen und bedauerlichen Lage bitte ich Euere Exzellenz, der Pforte in freundschaftlicher aber bestimmter Form mündlich folgende Erklärung abzugeben:
1. Die Kaiserliche Regierung wahrt sich gegenüber allen Geschehnissen im Kaukasus freie Hand und behält sich namentlich ihre Stellung vor zu solchen innerhalb oder außerhalb der Bezirke Ardahan, Kars und Batum getroffenen Maßnahmen, die nicht in Einklang mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk stehen.
2. Die Kaiserliche Regierung kann einen weiteren Vormarsch türkischer Truppen im Kaukasus und eine türkische Propaganda außerhalb der genannten drei Bezirke weder billigen noch unterstützen.
3. Die Kaiserliche Regierung erkennt die georgische Regierung als de-facto-Regierung an und erklärt sich vorbehaltlich der Zustimmung der russischen Sowjet-Republik grundsätzlich zur Anerkennung der Unabhängigkeit Georgiens bereit. Sie ladet die Kaiserlich Osmanische Regierung ein, ebenso zu verfahren und die Grenzen Georgiens zu achten. Die genaue Abgrenzung Georgiens wird unter Beteiligung Deutschlands zu vereinbaren sein.
4. Die Kaiserliche Regierung ersucht die Kaiserlich Osmanische Regierung, die angemessene Behandlung der Armenier in den von der Türkei besetzten Gebieten sicher zu stellen. Sie behält sich nähere Vorschläge hierüber vor.
5. Die Kaiserliche Regierung macht die Kaiserlich Osmanische Regierung darauf aufmerksam, daß die Türkei aus den bestehenden politischen Verträgen gegen Deutschland keine Ansprüche auf Schutz oder Beistand für solche militärischen oder diplomatischen Aktionen herleiten kann, die sie ohne unsere Zustimmung oder gar gegen unseren Rat unternimmt. Die Kaiserliche Regierung lehnt jede Verantwortung für derartige auf eigene Faust begonnene Unternehmungen ab und muß der Türkei die Folgen überlassen. Sollte sich durch willkürliche Zersplitterung der Kräfte die Gesamtlage der Türkei verschlechtern und die Erreichung der vertragsmäßig verbürgten Ziele in Frage gestellt werden, so wird sich die Türkei damit abzufinden haben, da wir uns ihr gegenüber auf eine Mehrbelastung unseres politischen Kontos nicht einlassen können. Ebenso wenig könnten wir die Türkei decken, wenn gegen die christliche Bevölkerung des Kaukasus von türkischer Seite Ausschreitungen verübt würden.“
Unsere Oberste Heeresleitung hat entsprechende Schritte bei der türkischen Heeresleitung unternommen.
Da Gefahr im Verzuge ist, war es nicht möglich, uns vorher mit der österreichisch-ungarischen Regierung ins Einvernehmen zu setzen. Ich wäre aber dem Grafen Burian besonders dankbar, wenn er den Markgrafen Pallavicini mit größtmöglicher Beschleunigung anweisen wollte, die gleiche Erklärung wie Graf Bernstorff abzugeben, damit sich die türkische Regierung einem einheitlichen Vorgehen der beiden verbündeten Großmächte gegenübersieht und nicht den Versuch macht, die eine gegen die andere auszuspielen.
Einem schleunigen Drahtbericht über die Antwort des Grafen Burian sehe ich entgegen.
Kühlmann.
_Juni._
397.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 1. Juni 1918.
An die Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Talaat Pascha hat uns in der Armenierfrage vor mehr als einem Monat einen Amnestieerlaß als unmittelbar bevorstehend angekündigt und eine entsprechende Veröffentlichung anheimgestellt. Daraufhin ist hier eine solche Veröffentlichung veranlaßt worden. Deshalb und als Beweis des guten Willens der Türken müssen wir erwarten, daß die Amnestie nunmehr erlassen wird.
Kühlmann.
398.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 3. Juni 1918.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Euere Exzellenz wollen den dort vorliegenden Bericht des Konsuls in Aleppo vom 15. 5. 1918 inhaltlich beim Großwesir verwerten[149].
Stellvertretender Unterstaatssekretär von Langwerth.
399.
Großes Hauptquartier.
Telegramm.
Den 8. Juni 1918.
Der K. Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
General Ludendorff hat an Enver Pascha gedrahtet:
„Die Türkei hat sich ohne irgendwelche Rücksichten auf die Bundesgenossen über die in Brest geschlossenen Verträge, soweit sie Transkaukasien betreffen, hinweggesetzt. Die deutsche Regierung hat hiergegen bereits Verwahrung eingelegt und auf die Folgen eines solchen Verfahrens hingewiesen. Ich möchte nicht unterlassen, Euerer Exzellenz zu versichern, daß ich mich mit dem Vorgehen der deutschen Regierung in vollster Übereinstimmung befinde.
General von Lossow hat den Bahnschutz auf der Bahnlinie Poti-Tiflis-Alexandropol aus deutschen Kommandos gebildet, nicht lediglich aus deutschem Interesse, sondern auch im Interesse der türkischen Operationen in Richtung Djulfa. Diese Bahnwachen sind deutsche Truppen, und ich erhebe Einspruch dagegen, daß sie von dem Führer der 3. Armee nicht entsprechend respektiert werden.
Euere Exzellenz ersuche ich nochmals, die durch den Brester Vertrag gezogenen Grenzen zu respektieren, widrigenfalls ich mir die Freiheit weiterer Entschließungen vorbehalten muß.
Verträge, die zwischen der Türkei und den transkaukasischen Staaten unter Umgehung Deutschlands, Österreichs und Bulgariens abgeschlossen wurden, vermag ich von vornherein nicht anzuerkennen.
Wie Euerer Exzellenz bekannt, habe ich stets Ihre Interessen und Wünsche warm vertreten. Ich muß es Euerer Exzellenz gegenüber klar aussprechen, daß ich dies für die Folge nicht nur nicht tun kann, sondern daß das vertragswidrige Vorgehen der Türkei für mich jedes Zusammengehen mit Euerer Exzellenz ausschließen würde.“
Berckheim.
400.
Großes Hauptquartier, den 9. Juni 1918.
Der Kaiserliche Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
Feldmarschall Hindenburg läßt drahten:
Ich habe an Enver Pascha gedrahtet:
Im Namen der Obersten Heeresleitung ersuche ich Euere Exzellenz, anzuordnen:
daß alle türkischen Truppen aus dem kaukasischen Gebiet mit Ausnahme der Bezirke Kars, Ardahan und Batum zurückgezogen werden.
Berckheim.
401.
Tiflis, den 14. Juni 1918.
Bericht über das Blutbad bei Katharinenfeld am 1. Juni 1918.
Ich glaube von dem Ereignis, das sich am 1. Juni in der Nähe von der Kolonie Katharinenfeld zugetragen hat, ein ziemlich richtiges Bild zu besitzen. Insofern ich nicht selbst Augenzeuge war von den Tatsachen, konnte ich dieselben durch Ausfragen von Tataren, die an den Metzeleien beteiligt waren, und von geretteten Armeniern ergänzen.
Nach blutigen Kämpfen zwischen Türken und Armeniern bei Karakilissa, in denen die letzteren unterlagen und schließlich von den Türken umringt wurden, gelang es einer Schar von ungefähr 800 Armeniern -- Soldaten und Flüchtlingen --, in der Richtung der Bahnlinie den Türken zu entkommen. Unter Verfolgung der Türken flohen diese der Bahnlinie entlang, und der größere Teil erreichte glücklich die Station Sanain, wo sie, wie anzunehmen war, die Türken nicht mehr zu fürchten hatten, da die Station von einer deutschen Truppenabteilung bewacht wurde und der dortige deutsche Kommandant die Armenier unter seinen Schutz nahm. Doch ihr Ziel war Tiflis; da allein, glaubten sie, würde ihr Leben gesichert sein. Sie schlugen den Weg über Ach-Kjoerpi nach Bolnis-Chatschin ein, wo von der gesamten Zahl nur noch 480 Mann ankamen. Unterwegs hatten sie große Not: keine Lebensmittel; kein Dorf wollte sie durchlassen, weder ein tatarisches, noch ein armenisches, aus der Befürchtung, dafür als Feinde der Türken betrachtet werden zu können. So mußten sie, meist auf Umwegen, durch tiefen Wald und auf menschenleeren Bergrücken entlang, flüchten und gelangten den 29. Mai, ganz ausgehungert, in die Nähe des armenischen Dorfes Bolnis-Chatschin. Da Bolnis-Chatschin bekanntlich ein reiches Dorf ist, so hofften auch die Unglücklichen hier bestimmt auf Aufnahme und Unterstützung von seiten ihrer Volksgenossen. Doch, wie ich von verschiedener Seite vernommen habe, sollen sie bei dem Versuche, sich dem Dorfe zu nähern, auch hier bewaffnetem Widerstande nicht nur der Tataren der benachbarten Dörfer, sondern auch der Bewohner von Bolnis-Chatschin begegnet sein. Sie wurden nachts, währenddem sie sich in dem benachbarten Walde (von den Deutschen der „Judenwald“ genannt) aufhielten, von der Seite des Dorfes her beschossen. Da trat ein tapferer Fähnrich der armenischen Bergbatterie, der sich schon vorher auf dem Wege als tüchtiger Führer bewährt hatte, kühn mit der weißen Fahne vorangehend auf und erklärte, daß seine Leute fast waffenlos seien. Daraufhin wurde ihnen erlaubt, das Dorf zu betreten. Doch hier mußten sie bald entdecken, daß sie von einer übermächtigen tatarischen Horde umringt waren, an deren Spitze ein gewisser Israfil-Begh aus Bolnis-Kapanaktschi stand. Man verlangte von den Belagerten vor allem die Abgabe ihrer Waffen, die im ganzen ungefähr noch 80 Flinten ausmachten. Was die übrigen Flinten anbetrifft, so -- gaben die Flüchtlinge an -- hatten sie die längst teilweise bei Karakilissa an die Türken verloren, teilweise unterwegs bei der Bevölkerung gegen Brot ausgetauscht. Nach langem Zögern traten sie schließlich ihre Waffen ab, unter Versicherung ihrer Volksgenossen, sowie der Tataren, sie glücklich nach Katharinenfeld zu bringen. Dann erklärte Israfil-Begh, im Namen des sich in Katharinenfeld befindlichen türkischen Paschas, des angeblichen Divisionsstabschef aus Dschelal-Ogly, die Entwaffneten als türkische Gefangene, die er die Aufgabe habe nach Katharinenfeld zum Pascha zu bringen. Hierbei muß bemerkt werden, daß in der Kolonie die Gemüter schon längst in Aufregung waren infolge verschiedener Gerüchte von dem Anrücken der Türken und der verzweifelten Flucht der armenischen Partisanenschar unter der Führung des berüchtigten und weit und breit gefürchteten Andraniks.
Die Türken zeigten sich denn eines Tages wirklich in Person zweier Offiziere, die von Dschelal-Ogly angekommen waren. Doch hatte sich die Nachricht von der Ankunft des Andraniks nie bewährt. So war es denn nichts Neues, als am 29. Mai tatarische Reiter mit der Nachricht angesprungen kamen, daß Andranik mit einem einige tausend Mann starken Haufen in Bolnis-Chatschin eingetroffen sei, doch wurde die Angabe so kategorisch wiederholt und dabei betont, Andranik wolle sich über Katharinenfeld nach Tiflis durchschlagen, daß es wiederum die ganze Kolonie auf die Füße brachte und eine gewaltige Panik hervorrief und den deutschen Bataillonschef veranlaßte, sämtliche Mannschaften unter Gewehr zu bringen. Dies geschah am Abend des 29. Mai. Um den Durchzug etwaiger Banden durch die Kolonie zu verhindern, wurden sofort 3 Posten, je 60 Mann stark, in den Richtungen südlich, westlich und nördlich, in 2 Kilometer Entfernung von der Kolonie ausgestellt, die, in ununterbrochener Verbindung mit einander stehend, die ganze Nacht durch Wache hielten. Um Mitternacht wurden Reiter nach Bolnis-Kapanaktschi ausgeschickt, die von dort ganz beruhigende Nachrichten brachten. Namentlich ist ihnen unterwegs niemand begegnet, und in dem Tatarendorfe gab man ihnen eine Auskunft, aus der man schließen konnte, es sei nichts los. Gegen Morgen wurden die ausgestellten Posten wieder zurückgezogen. Hierauf trat eine verhältnismäßige Ruhe ein; die Kolonisten, gewöhnt an verschiedenartige Provokation der Tataren, kamen zu dem Entschluß, daß auch diesmal Ähnliches vorliege und begaben sich auf die Arbeit. Nur erschien an demselben Tage -- das ist der 30. Mai -- wieder ein türkischer Offizier, nachdem die oben genannten ersten zwei die Kolonie verlassen hatten. Derselbe gab sich für den Stabschef der Division, die in Dschelal-Ogly stand, aus. Am selben Tage kamen die Tataren und Armenier aus den benachbarten Dörfern, u. a. auch aus Bolnis-Chatschin, und brachten dem „Pascha“ ihre Huldigung dar. Im übrigen verlief der Tag ruhig.
Am 31. morgens kamen wiederum aus Kapanaktschi Boten (Tataren) mit der Meldung an den „Pascha“, daß in Bolnis-Chatschin 700 bis 1000 Mann armenischer Soldaten angekommen seien. Doch bald wuchs die Zahl derselben, da immer neue Boten aus dem Bolnistale ankamen, bis auf etliche tausend Mann. Die Panik war wieder groß in der Kolonie. Obwohl ich diesen Nachrichten wenig Glauben schenkte, ging ich doch auf den Kirchenplatz, um womöglich Näheres zu erfahren. Dort traf ich den türkischen Stabsoffizier, welcher mir sagte, daß er soeben oben erwähnte Nachricht erhalten habe, und bat mich, Alarm zu blasen. Es ist zu bemerken, daß die Angaben der Tataren sich unterdessen schon an 10000 Mann beliefen. Ich, an derartige Übertreibungen tatarischerseits gewöhnt, riet dem Offizier, den Tataren nichts zu glauben, da ohnehin 5 von meinen Soldaten, die ich vor einer Stunde in den „Faldasch“ (das Wasserscheidegebirge zwischen dem Muschawer- und Bolnistale) geschickt, um das Nähere auszukundschaften, in einer Stunde hier sein müßten mit zuverlässigen Nachrichten. Er war einverstanden, auf das Eintreffen meiner Soldaten zu warten und gab offen sein Mißtrauen zu den tatarischen Meldungen kund. Nach einer Stunde kamen meine Soldaten vom Faldasch zurück und meldeten, die Tataren hätten die ganze Bergkette Faldasch besetzt, und somit den Weg nach Katharinenfeld abgesperrt. Obwohl dieser Bericht uns nicht beunruhigte, alarmierten wir doch sofort die ganze Mannschaft. Es wurden wieder Posten ausgestellt; einer im Süden bei der Muschawerbrücke und einer im Westen der Kolonie.
Hier muß ich jedoch bemerken, daß diesmal auf den Alarm nur wenige eintrafen, denn die Kolonisten, die letzten Tage schon so oft unnötigerweise alarmiert, verhielten sich ziemlich gleichgültig und schenkten der Bekanntmachung keinen Glauben mehr. Darum konnten nur verhältnismäßig schwache Posten ausgestellt werden.
Es verlief der Abend und die Nacht zum 1. Juni ganz ruhig. Am Morgen des 1. Juni ging ich zu dem türkischen Stabsoffizier, welcher mich mit den Worten empfing: „Es ist doch unglaublich, wie die Tataren lügen können. Es hat sich nun herausgestellt, daß in Bolnis-Chatschin nur 80 Mann bewaffneter Armenier sind.“ Auf dieses hin hoben wir die Posten auf und entließen unsere Mannschaften bis auf die wachthabende Halbkompagnie, und alles machte sich wieder an die Arbeit, da diese in den Gärten sehr dringend war.
Bis 5 Uhr nachmittags am 1. war alles ganz ruhig. Da, plötzlich fing am St. Georgsberg eine heftige Schießerei an. Ich begab mich sofort in den höher gelegenen Teil der Kolonie, von wo aus man das Tal und die daran grenzende Anhöhe, die „Tatarensteppe“, übersehen konnte. Die letztere wimmelte von Tatarenhaufen, deren Zahl ich ungefähr auf 3000 Mann schätzte. Im Verlaufe von etlichen Minuten hatten sich die Massen ins Tal heruntergewälzt, wo das Schießen immer heftiger wurde. In unglaublich kurzer Zeit waren große tatarische berittene Haufen im Galopp den Mühlenweg und den Karbacher Viehtrieb herangeritten und hatten so ihren Opfern den Zutritt zur Kolonie unmöglich gemacht. Etliche von den Reitern erklärten den Deutschen, daß diese sich ruhig verhalten möchten, da sie es nur mit den Armeniern zu tun hätten. An ein Einmischen unsererseits war übrigens im Moment auch gar nicht zu denken, da, wie schon gesagt, die ganze Mannschaft entlassen worden war und sich in den Gärten und Feldern auf der Arbeit befand. Es standen uns alles in allem nur 90-100 Mann zur Verfügung. Dazu kam noch der Zufall, daß von den auf der Tatarensteppe Arbeitenden niemand das Herannahen der Haufen zeitig bemerkt hatte. Und so wußte man den genauen Sachverhalt lange nicht. Die Tataren sagten nur, das wären die Armenier, die schon etliche Tage erwartet würden; sie würden jedoch allein mit denselben fertig werden.
Schnell verpflanzte sich unterdessen der „Kampf“ in die dicht an die Kolonie angrenzenden Weingärten, bis in die westlichen Straßenenden des Dorfes hinein, wo wir uns inzwischen, mit Maschinengewehren versehen, aufgestellt hatten, und zwar anfangs mit der Absicht, keinenfalls irgend jemand von den Banden in das Dorf herein zu lassen. Erst durch die von Deutschen geretteten und in die Kolonie eingeführten Armenier erfuhren wir den wahren Sachverhalt, woraufhin wir uns fest entschlossen, so viel als möglich, von den Armeniern, koste es was es wolle, zu retten. Die Armenier erzählten nämlich, daß -- was oben schon teilweise vorausgegriffen ist -- sie in Bolnis-Chatschin auf die Versicherung des Tatarenführers Israfil-Begh, sie ungefährdet nach Katharinenfeld zu bringen, als Kriegsgefangene des türkischen „Paschas“, ihre Waffen -- etwa 80 Flinten -- ausgeliefert und sich den Tataren übergeben hätten. Auf dem Wege in die Kolonie seien sie aber am Fuße des St. Georgsberges plötzlich von ihren Begleitern überfallen und der größere Teil zwischen der Kolonie und der erwähnten Stelle niedergemacht worden. Diese Angaben bestätigten sich u. a. auch tatarischerseits. Nur wenigen, berichteten weiter die Armenier, sei es gelungen, in die Weingärten zu entkommen, seien jedoch auch hier, verfolgt von den Tataren, größtenteils niedergemacht worden.
Nun gingen wir energisch vor und stellten den Tataren die kategorische Forderung, das Gemetzel einzustellen. Wir machten uns bereit zum Eingreifen, richteten das Maschinengewehr gegen die Tatarenmassen auf und drohten jeden niederzuknallen, der sich noch erlauben würde, einem Armenier nachzustellen. Gleichzeitig schickte ich eine Abteilung deutscher Schützen in das Innere der Kolonie, um sämtliche Muselmanen, deren in der Kolonie eine große Anzahl wohnt, und die, Blut gerochen, auch bereit waren, auf die Armenier loszugehen, in ihre Häuser zu treiben und sie zu bewachen.
Die Tataren, die anfangs, trotz der Drohung der Deutschen, immer noch vordrangen und fortfuhren, einzelne sich flüchtende Armenier zu verfolgen, fügten sich zwar grollend den Deutschen, als sie merkten, daß unserer mehr geworden waren. Die Leute hatten sich unterdessen, beunruhigt durch das gewaltige Schießen, schleunig allerseits von den Gärten in die Kolonie begeben und die Mannschaft sich gesammelt. Dies alles geschah innerhalb von stark zwei Stunden.
Um die Verwundeten aufzulesen und die sich dort noch aufhaltenden Tataren zu verjagen, durchstreiften wir nun die Gärten und das Tal. Es bot sich uns daselbst ein schauderhaftes Bild dar. Die ganze Gegend war bestreut mit nackten blutbefleckten, unmenschlich zugerichteten Leichen und Schwerverwundeten. Aus verschiedenem Versteck, aus dem Gebüsch, aus hochgewachsener Saat, aus Wassergräben und Kanälen krochen auf unseren Ruf die am Leben Gebliebenen hervor und freuten sich unbeschreiblich, als sie sich in den Händen der Deutschen wußten. So gelang es uns, hundert unversehrte und 52 verwundete Armenier zu retten. Die Toten ließen wir vorläufig noch liegen, da es inzwischen Nacht geworden war, die Verwundeten aber schneller Hilfe bedurften. Die 152 Mann wurden nun im Schulhause untergebracht, wo ihnen sogleich ärztliche Hilfe durch die Ärzte Ljesnik und Tetter zuteil wurde. Auch stellte sich sofort eine Anzahl deutscher Frauen und Mädchen bereitwillig zur Verfügung, die Unglücklichen zu pflegen. Die Kolonisten brachten gleich Wäsche, Kleider, Brot, Milch, Butter und Käse und alles Mögliche herbei, um die Untergebrachten zu stärken. Diese konnten sich für ihre Rettung nicht genug bedanken.
Erst am nächsten Morgen, am Sonntag den 2. Juni, machten wir uns daran, die Toten zusammenzufahren. Dank zahlreicher Teilnahme konnte das schnell geschehen. Wir fuhren sie an einen Hügel westlich von der Kolonie zusammen. Nachmittags um 1 Uhr wurden sie da in einem Massengrabe mit der Teilnahme unseres Herrn Pastor Steinwand christlich beerdigt, im ganzen 270 Mann.
Die hundert Mann, die unversehrt geblieben und von den Kolonisten mit Kleidern und Speise versehen waren, wurden von dem türkischen Stabsoffizier als seine Gefangene erklärt und uns zur Bewachung überlassen. Am selben Tag traf in Katharinenfeld eine Eskadron türkischer Reiter ein, mit denen die Gefangenen sogleich nach Dshelal-Ogly befördert werden sollten. Dieser Umstand versetzte die Armenier in solche Angst, daß noch in derselben Nacht 35 Mann von ihnen flüchteten, darunter auch der oben erwähnte Fähnrich von der armenischen Bergartillerie. Die übrigen 65 Mann wurden am 3. Juni mit den türkischen Soldaten nach Dshelal-Ogly befördert. Die Verwundeten wurden in Katharinenfeld in unserer Pflege zurückgelassen, wo sie sich noch jetzt befinden. Jedoch sind davon die am schwersten Verwundeten, 20 an der Zahl, schon gestorben.
Leutnant Walker.
402.
(Kaiserliches Konsulat Tiflis.)
Telegramm.
Tiflis, den 19. Juni 1918.
An Auswärtiges Amt.
Deutsche Bahnwachen haben unverändert strengen Befehl, nichts Feindseliges gegen die Türken zu unternehmen. Einfahrt der Türken ohne deutsche Genehmigung ist gemäß Artikel 2 unseres Abkommens dadurch verhindert worden, daß die Züge an der Grenze von der deutschen Kommission angehalten werden mit der Drohung, die Eisenbahnstrecke werde zerstört, falls die Türken gewaltsam weiterfahren sollten. Türken haben tatsächlich nachgegeben und haben bis heute noch keinen Transportantrag bei der deutschen Kommission gestellt.
Türkische Truppen haben gestern morgen nördlich Kalageran deutsche Truppen beschossen, die Feuer erwiderten. Türken haben auf der Strecke nach Karakliß 3 Brücken verbrannt, Schanze Tiegenhof, nördlich von Kalageran, und denken vorläufig nicht daran, auf Karakliß zurückzugehen. Truppentransporte wegen vernichteter Brücken nunmehr dort unmöglich.
Türken haben in Batum alle muhammedanischen Nationalisten (türkenfeindliche und zu Georgien neigende) verhaftet. Hiesige Regierung bittet dringend, etwas für diese Leute zu tun, da sonst Abstimmung in Batum voraussichtlich für Türken ausfallen wird.
Schulenburg.
_Juli._
403.
Armenische Delegation. Berlin, den 2. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Durch unsere Denkschrift vom 15. Juni und bei Gelegenheit der Unterredungen, die Sie uns zu gewähren die Güte hatten, durften wir die Aufmerksamkeit der Deutschen Regierung auf die äußerst besorgniserregende Lage der armenischen Flüchtlinge im Kaukasus lenken.
Fast aus allen Ortschaften Transkaukasiens, die von den Türken besetzt wurden, sind die Armenier mit Weib und Kind geflüchtet, Hab und Gut im Stiche lassend und nur darauf bedacht, das nackte Leben zu retten. Die Zahl der so geflüchteten Armenier wird, niedrig geschätzt, mit 600000 berechnet (die Flüchtlinge türkisch-armenischer Herkunft nicht einbegriffen). Viele dieser Unglücklichen haben in den Bergen Zuflucht gesucht, und fast alle leben unter freiem Himmel, da für Unterbringung und Verpflegung solcher Massen bei der Einschränkung des armenischen Territoriums und der allgemein herrschenden Not keinerlei Möglichkeit besteht.
Ist der Zustand der armenischen Flüchtlinge jetzt schon unerträglich, so verschlimmert er sich in steigendem Maße von Woche zu Woche. Das Wenige an Lebensmitteln, die sie vielleicht mitnehmen konnten, wird bald erschöpft sein, und sie dürfen angesichts des allgemeinen Mangels auf eine nennenswerte Hilfe von anderer Seite nicht rechnen. Andererseits naht der Herbst heran, und das Hausen im Freien wird in dem herben Klima der gebirgigen Gegend ohne ernste Gefahr für Leben und Gesundheit nicht möglich sein. Dazu kommt noch, daß ihre Felder und Äcker herrenlos zurückgelassen unbestellt bleiben und ihre Wirtschaften und Baulichkeiten gänzlich verfallen müssen, wenn sie nicht bald in ihre Heimatsorte zurückkehren. Das wäre ein Ruin für viele Hunderttausend Menschen, aber auch ein großer Nachteil für die Lebensmittelversorgung und das wirtschaftliche Gedeihen von ganz Transkaukasien. Auch der Umstand, daß unter den armenischen Flüchtlingen bereits epidemische Krankheiten aufgetreten sind und sich ausbreiten, birgt Gefahren in sich, die für diese selbst verderblich, aber auch für die übrige Bevölkerung der Gegend verhängnisvoll werden können.
Nur durch eine sehr baldige Zurückführung der Flüchtlinge in ihre Heimstätten könnte allen diesen Gefahren vorgebeugt werden. Dank der schützenden Hand Deutschlands ist glücklicherweise der Schaden an Leben und Eigentum infolge des türkischen Einmarsches in Transkaukasien nicht in dem Maße eingetreten, wie wir es befürchtet hatten. Wird den Flüchtlingen die Möglichkeit der baldigen Rückkehr in ihre Wohnorte gegeben, so kann auch der durch ihre Flucht herbeigeführte Schaden in engeren Grenzen gehalten werden. Aber solange die Türken ihre Ortschaften besetzt halten, wird es nicht möglich sein, die Flüchtlinge zur Rückkehr zu bewegen. Sie befürchten, von den Türken festgenommen und verschleppt zu werden, wie das mit ihren zurückgebliebenen Volksgenossen an manchen Orten geschehen ist, wo die Männer über 16 Jahre eingezogen wurden und verschwanden.
Die Flüchtlinge werden erst dann zurückkehren, wenn die Türken die Gegend geräumt haben. Wir durften erfahren, daß die Deutsche Regierung entschlossen ist und Schritte getan hat, die türkischen Truppen zur Räumung des armenischen Gebietes bis zu der durch den Brester Vertrag gezogenen Grenze zu veranlassen. Dieser wirksame Schutz unserer nationalen Existenz im Kaukasus erfüllt uns mit tiefster Dankbarkeit und läßt uns vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Es bleibt uns zu bitten, daß die Räumung, da sie nunmehr beschlossen ist, mit Rücksicht auf die unhaltbare Lage der armenischen Flüchtlinge und die Dringlichkeit ihrer sehr baldigen Rückkehr rechtzeitig genug erfolgt, um die geflüchteten Armenier vor größten Gefahren und Nachteilen zu bewahren.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung. Dr. H. Ohandjanian.
404.
(Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus.)
Telegramm.
Tiflis, den 10. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Brieflich eingegangen am 30. Juli.
Bischof Mesrop ist mit Lebensgefahr von Eriwan hierher gekommen, um deutsche Hilfe zu erflehen. Nach seiner Angabe müssen mindestens eine halbe Million Armenier Hungers sterben, wenn nicht sofort den Armeniern die Rückkehr in die Gegend von Sadarabad-Igdir und Darvala erlaubt wird, um die reife Ernte einzubringen. Die Schilderungen des glaubwürdigen und verdienten Bischofs sind erschütternd. Die türkische Absicht, die ganze armenische Nation durch völlige Abschließung verhungern zu lassen, liegt klar zutage. Essad hat meine Bitte, den armenischen Flüchtlingen und dem armenischen Nationalrat die Rückkehr zu erlauben, unter nichtigen Vorwänden abgeschlagen. Stärkster Druck der Mittelmächte auf die Türken ist dringendes Gebot der Menschlichkeit und Politik.
Kreß.
405.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 11. Juli 1918.
Heute hat mich der armenische Bischof Mesrop, ehemaliger Verweser des Erzbistums Tiflis, besucht, wie ich Euerer Exzellenz bereits anderweitig berichtete.
Der Bischof, ein ehrwürdiger Mann, Ende der fünfziger Jahre, ist in Dorpat geboren und spricht gut deutsch. Er ist allein zu Pferde über das Gebirge durch die tatarischen Banden hindurch in steter Lebensgefahr von Eriwan nach Tiflis geritten, um die deutsche Hilfe zur Rettung der Reste der armenischen Nation zu erbitten.
In ergreifenden Worten schildert der Bischof das Schicksal seiner Nation. Er hat sich redlich bemüht, das Elend zu lindern und zu helfen. Mehr als eine halbe Million von Armeniern aus den von den Türken besetzten und bedrohten Gebieten haben in der ersten Hälfte des April in panikartiger Flucht ihre Dörfer verlassen und sind vor den Türken geflohen. Sie sind zurzeit in der Gegend von Eriwan versammelt. Man hat zwar etwas Geld aufgebracht, um sie zu unterstützen, aber sie bekommen auch für schweres Geld nichts zu essen. Viele, viele Tausende leben seit Wochen nur von Gras. Selbstverständlich wüten ansteckende Krankheiten und fordern zahllose Opfer unter den halb verhungerten und verelendeten Menschen.
Die Türken haben ungeachtet des Friedensvertrages von Batum und der Anerkennung der Selbständigkeit von Armenien das armenische Gebiet nicht geräumt und erlauben vor allem dem in Tiflis sitzenden Nationalrat und den in Georgien befindlichen Flüchtlingen nicht, in die Heimat zurückzukehren. Da der Nationalrat keine Verbindung mit Armenien hat, kann er seinen Regierungspflichten nicht nachkommen.
Die Ernte wird in den nächsten Tagen reif. Sie soll besonders in dem Gebiet zwischen Sardarabad-Igdir und Darvala gut sein. Wenn aber den armenischen Bauern nicht in kürzester Zeit gestattet wird, in ihre Heimat zurückzukehren, so ist die Ernte verloren. Die Armenier müssen dann entweder Hungers sterben oder ihre Ernährung fällt den Mittelmächten zur Last.
Etwa 14000 Armenier im Alter zwischen 17 and 60 Jahren sollen von den Türken zum Arbeitsdienst gepreßt sein. Nach Angabe des Bischofs herrscht größtes Elend unter ihnen. Jeder Armenier erhält trotz schwerer Arbeit täglich nur ein Stück türkisches Hartbrot (etwa 200 g). Der Bischof appelliert im Namen der armenischen Nation und in seiner Eigenschaft als Priester einer christlichen Kirche an die Großmut Seiner Majestät des Kaisers und der Deutschen Regierung. Nur Deutschland sei in der Lage, die Türkei zu zwingen, daß sie von ihrem verbrecherischen Beginnen einer systematischen Aushungerung der geringen Reste der armenischen Nation ablasse.
Deutschland müsse sich bewußt sein, daß es vor der Geschichte die Verantwortung zu tragen habe, wenn es seine Macht nicht dazu ausnutze, um eine christliche Nation vor der Ausrottung durch die Muhammedaner zu schützen.
Euere Exzellenz bitte ich, meine persönliche Auffassung dahin äußern zu dürfen, daß nach all den zahlreichen Nachrichten und Berichten, die ich hier erhalten habe, wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen dürfte, daß die Türken systematisch darauf ausgehen, die wenigen Hunderttausende von Armeniern, die sie bis jetzt noch am Leben gelassen haben, durch systematische Aushungerung auszurotten.
Es steht mir nicht zu, Euere Exzellenz auf die Pflichten aufmerksam zu machen, die Deutschland als christliche Nation den christlichen Armeniern gegenüber zu erfüllen hat, und auf den Eindruck, den es auf unsere öffentliche Meinung und die ganze christliche Welt machen wird, wenn wir die Armenier nicht vom Untergange retten. Ich darf aber die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz darauf lenken, daß unser Ansehen im Kaukasus und den umliegenden Gebieten schweren Schaden leiden wird, wenn es uns nicht gelingt, die Armenier gegen die Türken zu schützen.
Entschieden wird man uns vorwerfen, daß uns der gute Wille gefehlt habe, oder man wird annehmen, daß wir nicht die Kraft und die Macht besitzen, den Türken gegenüber unseren Willen durchzusetzen. Wir würden uns die zahlreichen und infolge ihres großen Reichtums sehr einflußreichen Georgier armenischer Abstammung zu unversöhnlichen Feinden machen und würden unseren Gegnern ein ganz besonders wirksames Propagandamittel gegen uns in die Hand geben.
Ich bitte deshalb Euere Exzellenz ebenso dringend wie gehorsamst, mit allen verfügbaren Mitteln und möglichst rasch einen energischen Druck auf die türkische Regierung auszuüben, daß sie sofort ihre Truppen aus Armenien zurückzieht, den geflüchteten Armeniern die Rückkehr in ihre Heimat gestattet, dafür sorgt, daß die Armenier unbehindert und ungefährdet an Leben und Gut ihre Ernte einbringen können, und daß die zum Arbeitsdienst gepreßten Armenier sofort in ihre Heimat entlassen werden.
Freiherr von Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling.
406.
Königlich Preußische Gesandtschaft. München, den 12. Juli 1918.
Der Nuntius bittet mich soeben, festzustellen, ob es möglich wäre, durch die Deutsche Regierung dringende Unterstützung für die armenische und syrochaldäische Bevölkerung im Kaukasus und in Persien zu senden, da es nicht möglich sei, solche vermittels der englischen Regierung über Konstantinopel zu schicken.
Der Nuntius ist zu dieser Anfrage durch den Kardinalstaatssekretär beauftragt und legt auf Beschleunigung der Antwort großen Wert.
Treutler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling.
407.
Armenische Republik. Delegation in Berlin.
Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Wir haben die Ehre, in der Anlage Auszüge aus Briefen und Nachrichten aus der Heimat einzusenden, die als Belege für unsere Mitteilungen über die kritische Lage in Kaukasisch-Armenien dienen mögen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung. Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.
408.
Berlin, den 15. Juli 1918.
Neueste Nachrichten aus Kaukasisch-Armenien.
Auszüge aus dem Brief des Präsidenten des Nationalrates Herrn Aharonian vom 11. Juni (n. S.) aus Tiflis.
... Es hat den Anschein, daß Deutschland bezüglich Georgien ernste und entschiedene Engagements hat, die es in edler Weise und mutvoll verwirklicht, während unsere Sache noch in der Schwebe ist. Durch das türkische Eindringen flieht unser Volk zu Hunderttausenden, alles im Stiche lassend. Der Bezirk Achalkalaki ist schon ganz entvölkert; die Stadt ist niedergebrannt und liegt in Trümmern. 80000 Einwohner sind geflüchtet und haben sich in den Schluchten von Bakuriani eingeschlossen. Aus ganz Surmalu, aus allen besetzten Gebieten von Alexandropol und Kars, aus Etschmiadsin und den sonstigen Gegenden, bis wo die Türken vorgedrungen sind, flieht die Bevölkerung in großer Eile und geht zu Zehntausenden zugrunde. Diese Tatsache, daß die Türken aus Stadt und Bezirk Alexandropol die ganze armenische Jugend gesammelt und ins Innere der Türkei verschleppt haben, verbreitet Schrecken, und kein Flüchtling will in die von den Türken besetzten Gebiete zurückgehen. Das armenische Volk geht in den „Krallen“ der Flucht zugrunde, wie es in Türkisch-Armenien zugrunde gegangen ist. Deutschland, das in Türkisch-Armenien dieses furchtbare Verbrechen gegen die Armenier dulden mußte, weil sein Arm nicht hinreichte, wird es dulden wollen, daß nun auch hier im Kaukasus das armenische Volk durch Hunger und Flucht ausgetilgt wird, da Deutschlands Arm hinreicht und Wunder tun kann, wenn es will? Das müssen Sie unseren deutschen Freunden verständlich machen.
Der deutsche Vertreter, Graf von Schulenburg, verhält sich uns gegenüber wohlwollend; doch hat er die erforderlichen Anweisungen aus Berlin noch nicht erhalten, zu unseren Gunsten ebenso zu wirken, wie er zugunsten Georgiens tätig ist.
In der Tat beherrschen die Türken heute ganz Aserbeidschan bis Ciskaukasien. Sie beherrschen selbst die armenischen Gebiete, die nach dem letzten (Friedens-) Vertrag nicht unter die türkische Herrschaft fallen. Die türkischen Truppen halten besetzt: Lori, Kasach, Bortschalu. Aus Eriwan haben wir keine Nachrichten. Wir sind abgeschnitten. Die Eisenbahn und der Telegraph sind außer Betrieb. Es ist eine unerträgliche Lage. Wir konnten selbst die Nachricht von dem Friedensschluß dem General Nazarbekoff nicht mitteilen. Wir sind auch von Baku abgeschnitten. Wir versuchen, eine Regierung unserer armenischen Republik zu bilden; aber es besteht keine Möglichkeit einer Reise nach Eriwan. Unser Volk ist herrenlos, unsere Flucht unendlich, die Sterblichkeit riesengroß. Wir müssen entschieden und sofort wissen: Will Deutschland uns in der Tat beschützen oder nicht?
Auszüge aus der in Tiflis erscheinenden armenischen Zeitung „Horizon“ vom 11. Juni (Nr. 112).
25 Offiziere getötet.
Der Festungsoffizier von Kars, Karapetian, welcher am 4. Juni aus türkischer Gefangenschaft geflohen ist, berichtet folgende erschütternde Geschichte:
„Wir waren 28 Offiziere: 12 russische, 6 georgische und 10 armenische. Wir gerieten in der Station Allahwerdi in türkische Gefangenschaft. Man brachte uns nach Aschagha-Maral, wobei man uns unterwegs die Schuhe auszog. Dann kam ein türkischer Offizier und sagte: Folgt mir zu unserem Pascha, welcher sich in der Nähe in dem Büro von Mantascheff befindet und Euch verhören will.
Als man uns aus dem Eisenbahnwagen herausholte, fragte einer der Askjaris (türkischer Soldat): Habt Ihr die Maschinengewehre gebracht? Der andere hieß ihn drohend schweigen. Wir folgten dem Unteroffizier, umzingelt von Askjaris. Nachdem man uns etwa 3 Werst weiter geführt hatte, wurde der Regimentskommandeur Wladimiroff vorgerufen und seiner Kleider und Barschaft (1500 Rubel) beraubt, ebenso verfuhren sie mit den übrigen Offizieren. Auch mir nahmen sie die Kleider und 3833 Rubel weg. Dann hieß man uns zusammen hinsetzen, während der Unteroffizier die Gewehre zu laden befahl. In einem Halbkreis, 6 Schritt von uns entfernt, legten sich die Askjaris mit geladen Flinten hin. Gerade als der Befehl -- Feuer -- erteilt werden sollte, flohen wir alle, aber nur drei von uns konnten sich retten: ich und zwei andere, Leutnant des Ephremoffschen Regiments Smirnoff und Militärbeamter Kusma Fomin.
Die Nacht verbrachten wir im Schilf. Im Morgengrauen des 5. Juli krochen wir nach dem Platz, wo das Verbrechen begangen worden war und sahen dort die Leichen unserer Kameraden umherliegen, darunter die des Regimentskommandeurs Wladimiroff, des Offizierstellvertreters Sohraboff, des Bataillonchefs Bosnakian und des Offizierstellvertreters Bosnakian.
Mit großen Schwierigkeiten konnten wir die Station Kumis erreichen, von wo aus deutsche Offiziere uns nach Tiflis brachten. Barfuß und in Unterkleidern meldeten wir uns bei dem Stab der Roten Garde und erhielten Kleider und Schuhe.“
Ferman Wehib Paschas.
Zum Zwecke der Wiederherstellung der Eisenbahnverbindung zwischen Eriwan und Elisabethpol wurden besondere Züge abgelassen, in denen sich türkische Offiziere befanden. Diese Offiziere nahmen einen Ferman Wehib Paschas mit, in dem der tatarischen Bevölkerung mitgeteilt wurde, daß nunmehr der Friede geschlossen sei und ihre feindselige Haltung den Armeniern gegenüber aufzuhören habe. Ebenso sei es verboten, fernerhin die Armenier zu töten[150].
Auf der kaukasischen Heeresstraße. (Zur Lage der armenischen Flüchtlinge.)
Aus Wladikawkas wird uns vom 2. Juli berichtet:
Es gibt keinen Armenier, dem nicht in Lars bei Kasbek ein Unglück begegnet wäre. Die armenischen Flüchtlinge werden nicht nur ihres Geldes und ihrer Habe beraubt, sondern sie haben dazu noch Erniedrigungen und Vergewaltigungen aller Art zu erdulden. Die Flüchtlinge, welche Wladikawkas erreichen, glauben, dort in Sicherheit zu sein. Nach kurzer Rast daselbst begeben sich die Flüchtlinge nach Armavir. Auf den Stationen Darkoch und Elchotowo wird der Flüchtlingszug das Opfer eines organisierten Räuberüberfalles. Hier werden die Flüchtlinge von den Räubern gründlich ausgeplündert, die geraubte Habe wird auf kleine Wagen verladen und nach den Wohnsitzen der Räuber geschleppt. Dies alles geschieht am hellen Tage und straflos. Die dortige Regierung, welche alle diese Ereignisse mit ansehen mußte, hat nun endlich strenge Maßnahmen ergriffen. Diesen zufolge sollten die Züge durch Soldatenabteilungen beschützt werden und hauptsächlich aus Panzerwagen bestehen. Wir hoffen, daß die räuberischen Überfälle nunmehr bald aufhören werden.
Aus Duschet wird uns vom 8. Juni gemeldet:
Einige Kilometer von Kazbek entfernt, brachen Feindseligkeiten zwischen den Gardisten der georgischen Republik und den Gardisten der russischen kommunistischen Republik aus. Die beiderseitigen Gegner schlossen, als sie das Elend der Flüchtlingsscharen auf dem betreffenden Gebiet sahen, einen Waffenstillstand von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachmittags, um den Flüchtlingen Gelegenheit zu geben, gruppenweise die Linien zu passieren. Nach 2 Uhr sollte das „Kriegsspiel“ wieder aufgenommen werden. Nicht wenige Flüchtlinge werden trotzdem Opfer dieser Scharmützel und müssen, oft unter Zurücklassung ihrer gesamten Habe, schleunigst flüchten, um nur das nackte Leben zu retten. Auf den Sammelstellen der Flüchtlinge herrschen schreckliche Zustände. Kälte, Schmutz, Nächte unter dem freien Himmel fördern gefährliche Epidemien, denen viele zum Opfer fallen.
Auszug aus der Depesche der armenischen Delegation in Konstantinopel.
Aus dem Felde, den 12. Juli 1918. Ankunft, den 12. Juli 1918.
Kaiserliche Botschaft an Auswärtiges Amt.
Für Dr. Ohandjanian, Berlin.
Avons reçu de Tiflis conseil national télégramme suivant date 7 juillet. Nationalrat erhält täglich alarmierende Nachrichten aus dem von türkischen Truppen besetzten Gebiet Lori. Fälle von Plünderungen und Morden seitens türkischtatarischer Banden im Süden von Sanahin mehren sich. Nach Unterzeichnung des Vertrages von Batum sind in Karakilissa fast 2000 armenische Männer, Frauen und Kinder Massakers zum Opfer gefallen. Zahlreiche Banden operieren noch jetzt in dieser Gegend. Nationalrat ersucht Euch um energischen Protest und um unverzügliche Räumung des armenischen Gebietes, das noch von türkischen Truppen besetzt ist. Essad Pascha Batum sandte mir ein Schreiben, worin er mitteilt, daß Rückkehr armenischer Flüchtlinge nach Akhalkalaki unangängig, da Bevölkerung noch stark erregt sei, über Verbrechen, die Armenier in demselben Gebiet verübten.
409.
Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Bei Besprechungen im Großen Hauptquartier sind in bezug auf die Kaukasusstaaten sowie in bezug auf Persien die in der folgenden Niederschrift enthaltenen Richtlinien festgelegt worden. General Ludendorff, der sich mit diesen Richtlinien einverstanden erklärt hat, hat mich beauftragt, im Auswärtigen Amt dem Herrn Staatssekretär Vortrag zu erstatten und bittet, daß möglichst völlige Übereinstimmung der politischen und militärischen Stellen herbeigeführt wird.
von Lossow.
410.
Berlin, den 15. Juli 1918.
~Richtlinien.~
Armenien, Kaukasisch-Aserbeidschan, Nordkaukasische Republik.
Nachdem die Verhandlungen mit Georgien beendet sind, folgen der Reihe nach Verhandlungen mit Armenien, Aserbeidschan und Nordkaukasus. Bezüglich Armeniens und Aserbeidschans könnte die Verhandlung gleichfalls in einer Revision der von der Türkei mit diesen Ländern in Batum geschlossenen Verträge bestehen. Auf der Konferenz wäre an die Delegierten dieser Länder als erste Frage zu stellen: „Wer ist Euer Staat, wer ist Eure Regierung, ist Eure Unabhängigkeit anerkannt oder nicht?“ Da eine befriedigende Antwort auf diese Fragen noch nicht gegeben werden kann, so ist es klar, daß die weiteren Verhandlungen mit diesen Staaten nur provisorischen Charakter haben können. Immerhin ist es möglich, daß für Armenien und Aserbeidschan der bisher rein türkische Vertrag durch einen provisorischen allgemeinen Vertrag ersetzt wird, der die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen neuen Staatengebilden und den Vierbundmächten einigermaßen festlegt. Für die Nordkaukasusstaaten, deren staatliche Grundlage auf noch unsicheren Füßen steht, wird der Abschluß eines Vertrages vielleicht großen Schwierigkeiten begegnen.
General Ludendorff spricht sich dahin aus, daß sich die deutsche Oberste Heeresleitung und die Oberste Kriegsleitung auf die rein militärische Seite der Kaukasusfragen zurückzuziehen wünscht und die politische Leitung ausschließlich dem Auswärtigen Amt überlassen will.
General Ludendorff bittet den Staatssekretär, ihn darin zu unterstützen.
Bezüglich Armeniens ist noch nachzutragen, daß die deutsche Oberste Heeresleitung anstrebt, daß auch seitens der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung einige Bataillone und Batterien zur Verfügung gestellt werden, um in Armenien eine ähnliche Aufgabe zu übernehmen, wie die Deutschen in Georgien, vor allem den Schutz der physischen Existenz der Armenier gegenüber drohenden türkisch-tatarischen Massakers.
Weiter ist erwünscht, daß die armenischen Streitkräfte organisiert und wieder verwendungsfähig gemacht werden, in ähnlicher Weise, wie wir es in Georgien beabsichtigen.
411.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus.
Telegramm.
Tiflis, den 16. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt.
Frhr. v. Frankenstein hat seiner Regierung folgende Beobachtungen gedrahtet, die sich mit meinen decken:
„In Begleitung des Bischofs Mesrop und eines k. u. k. Militärarztes habe ich gestern einen Teil der in den Wäldern von Bakuriani kampierenden ca. 40000 Armenier besichtigt, die aus dem 2 Tagereisen entfernten Achalkalaki angesichts des türkischen Vormarsches im Mai geflüchtet sind. Ein Teil ist noch im Besitz geringer Vorräte, die übrigen sind in großer Not, liegen teils krank herum, dem Regen ausgesetzt; Flecktyphus und andere Krankheitsfälle sind in Zunahme. Sollten diese Flüchtlinge noch längere Zeit in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben, so wird nach Ansicht der unter ihnen tätigen Ärzte eine hohe Sterblichkeit durch Hunger eintreten. Die georgische Regierung gestattet wegen der Seuchengefahr nicht ihre Verteilung in Georgien.
Die besonders gut stehende Ernte in ihren Heimatdörfern muß in 10 bis 20 Tagen spätestens eingebracht werden. Falls die Flüchtlinge nicht bis dahin geschützt gegen türkische Gewalttätigkeiten zurückkehren können, so wird voraussichtlich ein großer Teil der Ernte zugrunde gehen, da die Türken zur Bergung der Ernte nicht in der Lage sein werden, und es wird nötig sein, daß die Mittelmächte in den kommenden Monaten diese Leute mit Getreide versorgen oder der Hungersnot überlassen. Gegen 30000 geflüchtete Armenier sind notdürftigst in Tiflis untergebracht und befinden sich, wie ich heute persönlich festgestellt habe, wegen hiesigen Brotmangels an der Verhungerungsgrenze; sie erwarten sehnsüchtig eine Möglichkeit zur Heimkehr.
Wie Bischof Mesrop versichert, ist die Lage der rund 500000 in die Umgebung von Eriwan gedrängten Armenier geradezu verzweifelt.“
Kreß.
412.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 18. Juli 1918.
Auf Bericht vom 12. 7. 1918.
Euer Exzellenz bitte ich dem Nuntius zu sagen, daß wir prinzipiell gern bereit sind, die Übermittlung von Unterstützungsgeldern an die armenische und syrochaldäische Bevölkerung im Kaukasus und in Persien zu übernehmen. Ob und wie weit die Ausführung -- insbesondere in Persien -- praktisch möglich ist, steht allerdings dahin.
Frhr. v. d. Bussche.
An die Königlich Preußische Gesandtschaft München.
413.
Armenische Republik. Delegation in Berlin. Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Die Depesche unserer Delegation in Konstantinopel vom 12. d. M., die Sie uns zuzusenden die Güte hatten, übermittelt uns ein Telegramm des armenischen Nationalrats aus Tiflis vom 7. d. M., wonach täglich alarmierende Nachrichten über Greuel gegen Armenier aus den von den türkischen Truppen besetzten armenischen Gebieten einlaufen. Zahlreiche türkische und tatarische Banden treiben ungestraft ihr Unwesen. Im Süden von Sanahin in Lori mehren sich die Plünderungen und Morde an Armeniern, und in Karaklis sind noch nach Unterzeichnung des Friedensvertrages von Batum fast 2000 armenische Männer, Frauen und Kinder den Massakres zum Opfer gefallen. Nach den bitteren Erfahrungen in Türkisch-Armenien bedeuten diese Vorgänge, die ähnlich auch in anderen Gegenden sich häufen -- so z. B. bei der deutschen Kolonie in Katharinenfeld --, das Vorspiel zu katastrophalen Ereignissen, und aus diesen Befürchtungen heraus ersucht der armenische Nationalrat seine Delegierten, gegen diese Untaten energischen Protest zu erheben, und auf die unverzügliche Räumung des armenischen Gebiets durch die türkischen Truppen zu dringen.
Wir durften bereits durch unser ergebenes Schreiben vom 2. Juli der schweren Sorge Ausdruck geben, die uns und unserer Nation die Fortdauer der türkischen Besetzung unseres Gebiets bereitet, wodurch die Lage der Hunderttausende zählenden armenischen Flüchtlinge, die nackt und hungrig in den Bergen und Wäldern umherirren und massenweise den Entbehrungen erliegen, sich in steigendem Maße verschlimmert und die Rückkehr von Ruhe, von Beruhigung in unser Volk unmöglich gemacht wird. Jede Woche, um die sich die Räumung verzögert, erschwert die Lage, verwickelt die Situation mehr und treibt einem Zustand entgegen, dessen Gefahren für das Schicksal der Flüchtlinge und die Existenz unserer Nation überhaupt offensichtlich sind. Wir bitten auch, darauf hinweisen zu dürfen, daß die mit der türkischen Besetzung zusammenhängenden dauernden Ausschreitungen gegen die Armenier bei unseren Volksgenossen in allen Ländern begreiflicherweise starke Erregung und Befürchtungen hervorrufen.
Von dem dringenden Wunsche der Deutschen Regierung, Armenierverfolgungen im Kaukasus zu verhindern, sind wir vollkommen überzeugt und dankbar dafür. Aber solange die Türken noch Teile unseres Gebiets besetzt halten, werden sie immer Mittel und Wege finden, offen oder versteckt, direkt oder indirekt, durch organisierte türkische und tatarische Banden ihrer Politik der Armenier-Ausrottung nachzugehen. Schon die Vertreibung der Armenier aus ihren Heimstätten ist ein solches Mittel, das die Flüchtlinge wirtschaftlich ruiniert und sie zugleich allen Gefahren der Aufreibung aussetzt. Daher werden die Türken in jeder Weise ihre Rückkehr in ihre Wohnstätten verhindern. In dem Telegramm des armenischen Nationalrats ist auch von einem Schreiben Essad Paschas die Rede, der die Rückkehr der armenischen Flüchtlinge aus Achalkalaki für unmöglich erklärt, weil die Bevölkerung angeblich über Verbrechen der Armenier dort noch stark erregt ist. Von Verbrechen, die Armenier in Achalkalaki verübt haben sollen, ist uns nichts bekannt; aber die Hinfälligkeit der Begründung Essad Paschas ergibt sich schon aus der Tatsache, daß in Achalkalaki die Muhammedaner -- auf die sich doch nur die Erregung beziehen könnte -- nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmachen. In dem Bezirk Achalkalaki leben:
82775 Armenier, 9939 christliche Georgier und nur 5400 Muhammedaner und 800 Kurden.
Das einzige Mittel, den verderblichen Absichten der Türken bezüglich der Armenier rechtzeitig und wirksam zu begegnen, bietet nur die baldige Räumung unseres Gebiets und die Verwirklichung der Bedingungen des Brester Vertrags hinsichtlich unserer Grenzen. Nur ein energisches Eingreifen Deutschlands vermag die Türken zur Zurücknahme ihrer Truppen zu nötigen, und im Hinblick auf die wachsende Erregung und Panik, die das Verbleiben und die Ausschreitungen türkischer Truppen auf unserem Gebiet verursachen, wiederholen wir, indem wir gegen die türkischen Ausschreitungen in aller Form protestieren, inständigst unsere dringende Bitte, durch alsbaldige Entfernung der türkischen Besatzungen unser Volk aus einer Lage folgenschwerer Entwurzelung und voll lauernder Gefahren zu retten, bevor es zu spät ist. Wir bitten ferner, bis zur Durchführung der Räumung und zu ihrer Überwachung die Armenier durch eine militärische Expedition vor weiteren Verfolgungen schützen zu wollen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung. Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.
414.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 17. Juli 1918.
Aufzeichnung für mündlichen Vortrag.
Armenien hat sich zu einer selbständigen Republik erklärt.
Sein Gebiet ist aber zum größten Teil von den Türken besetzt, die Bevölkerung teils in die Berge zusammengedrängt, teils nach Georgien geflohen, und die armenische Regierung außerhalb des Landes in Tiflis.
Die Lage der Armenier ist derart, daß etwas für sie geschehen muß.
Das den Armeniern zur Verfügung stehende Gebiet ist so beschränkt, daß die Armenier unmöglich darin leben können und bei Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes dem Untergange geweiht sind. Es wird daher erforderlich sein, die Türken zu bewegen, hinter die Grenze zurückzugehen, die ihnen im Vertrage von Brest-Litowsk zugestanden worden ist und auf armenischem Gebiete höchstens Bahnwachen zu belassen zur Sicherung der ungestörten Abwicklung der Militärtransporte in der Richtung auf Djulfa und Täbris. Die Armenier werden aber nur dann in ihr altes Gebiet zurückkehren können, wenn ihnen ein Schutz sowohl gegen erneute türkische Einfälle wie gegen Ausschreitungen tatarischer Banden gegeben wird. Dies läßt sich nur erreichen, wenn das Land von zuverlässigen Truppen besetzt wird. Die russische Regierung würde die Anwesenheit deutscher Truppen in Armenien vielleicht ohne Widerspruch hinnehmen, wenn ihr klar gemacht wird, daß diese Maßnahme nur aus humanitären Gründen erfolgt, um die Reste des armenischen Volkes zu retten. Können wir die für diesen Zweck erforderlichen Kräfte zur Verfügung stellen? Es darf darauf hingewiesen werden, daß die Rückführung der Armenier dringlich ist, damit die Ernte in den in Betracht kommenden Gebieten wenigstens noch zum Teil gerettet und Armenien vor einer Hungersnot bewahrt wird.
415.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Der Armenierführer Aharonian hat bei mir wieder verschiedene Klagen vorgebracht. Es handelt sich in erster Linie um die armenischen Flüchtlinge, wegen deren ich schon mehrmals beim Großwesir vorstellig wurde. Ferner bat Aharonian, Armenien durch österreichische oder deutsche Polizeitruppen zu besetzen. Er ist mit mir der Ansicht, daß die Beschlüsse der Konferenz einen Schlag ins Wasser bedeuten werden, wenn nicht die betreffenden Gebiete durch deutsche oder österreichische Truppen besetzt sind. Schließlich war Aharonian sehr besorgt wegen einer Unterredung des Berliner armenischen Delegierten mit Joffe. Dieser habe gesagt, daß Rußland zur Not Georgien anerkennen werde, aber nicht Armenien und Aserbeidjan. Lieber würde Rußland die Türkei mit Waffengewalt hinter die Grenzen von Brest-Litowsk zurücktreiben. Es scheint, daß die Russenherrschaft von den Armeniern ebenso sehr gefürchtet wird wie die der Türken.
Bernstorff.
416.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Täglich werde ich von der hiesigen armenischen Delegation mit der Bitte um Entsendung deutscher oder österreichischer Truppen nach Armenien bestürmt. Ohne eine solche Hilfeleistung unsererseits würde es unmöglich sein, die Anarchie in Armenien zu unterdrücken. Die armenischen Flüchtlinge würden jede Hoffnung verlieren, sich zusammenrotten und Banden bilden, um die Türken und die Tataren zu bekämpfen. Gefahr sei im Verzuge. Selbst wenn die Konferenz bald zusammentreten und Beschlüsse fassen sollte, würden diese in Armenien nicht befolgt werden, wenn nicht deutsche oder österreichische Truppen ihre Durchführung überwachten. Aharonian übergab dem Großwesir eine Denkschrift über die Lage in Armenien, welche ich mit dem nächsten Feldjäger einreiche. Talaat Pascha machte die üblichen Versprechungen; diese werden aber natürlich nicht erfüllt werden, da die lokalen türkischen Militär- und Zivilbehörden Weisungen aus Konstantinopel bekanntlich nicht befolgen, am allerwenigsten dann, wenn sie wissen, daß diese Weisungen die Folge eines deutschen Drucks sind.
Bernstorff.
417.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 27. Juli 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
General von Kreß drahtet vom 19. Juli:
„Ist bei der türkischen Regierung die dauernde Rückkehr der armenischen Flüchtlinge nicht sofort zu erreichen, so bitte ich dringend, durchzusetzen, daß eine größere Anzahl Männer vorübergehend zur Ausführung der Erntearbeiten in ihre Heimat zurückkehrt. Andernfalls werden Hunderttausende Hungers sterben müssen. Es ist größte Eile geboten. Die Türkei muß auf Konferenz unbedingt dazu gezwungen werden, daß sie die Rückkehr der Armenier gestattet. Armenien ist viel zu klein, um alle diese Leute zu ernähren.“
Ferner vom 20. Juli:
„Ich halte es für meine Pflicht, nochmals darauf hinzuweisen, daß wir unter allen Umständen durchsetzen müssen, daß die Türken den geflüchteten Armeniern sofort die Heimkehr und Bergung ihrer Ernte gestatten.
Abgesehen vom Gebot der Menschlichkeit würde unser Ansehen und unser Einfluß im Orient die schwerste Einbuße erleiden, wenn wir uns so schwach zeigten, daß wir die Rettung einer halben Million Christen vom sicheren Hungertod bei den Türken nicht durchzusetzen vermögen.“
Euere Exzellenz bitte ich bei der dortigen Regierung in diesem Sinn nachdrückliche Vorstellungen zu erheben. Der österreichisch-ungarische Geschäftsträger erhält entsprechende Weisung.
Ich bitte die Oberste Heeresleitung, auf Enver Pascha im gleichen Sinne einzuwirken[151].
Hintze.
418.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 30. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt, Berlin.
Endlich haben sich nun der Großwesir und Nessimi Bey entschlossen, in der Kaukasusfrage bestimmte Stellung zu nehmen, nachdem die Angelegenheit mehrfach im Ministerrat besprochen worden ist.
Was die armenischen Flüchtlinge betrifft, so will die türkische Regierung sofort mit der Zurückführung in die Heimat beginnen. Talaat und Nessimi behaupteten, daß sie den Widerstand Envers, der militärische Gründe vorschütze, mit großer Mühe überwunden hätten. Letzterer habe auch bestimmt verlangt, daß für den Bezirk Achalkalaki bis nach Abschluß der Konferenz eine Ausnahme gemacht werde. Dort ständen nur neu gebildete schwache türkische Truppen, auf deren Disziplin man sich nicht verlassen könne. Die Armenier hätten dort vor ihrem Rückzug mit den Greueltaten begonnen; es liege daher die Gefahr nahe, daß die Türken sich rächen würden.
In der Frage der Grenzregulierungen blieb die türkische Regierung vollkommen intransigent.
Wir haben meines Erachtens gar kein Mittel, die Türken zum Nachgeben zu zwingen. Mit jeder Art von Repressalien ist bereits vergeblich gedroht worden.
Sollten Euere Exzellenz es für ausgeschlossen erachten, daß wir auf obiger Basis zu einer Einigung mit der Türkei kommen, so bliebe meines Erachtens nur übrig, mehr Truppen nach Armenien und Georgien zu schicken.
Bernstorff.
419.
Deutscher Militärbevollmächtigter.
Konstantinopel, den 30. Juli 1918.
Generalfeldmarschall von Hindenburg drahtet am 29. 7. für Euere Exzellenz:
„Verschiedene Meldungen weisen übereinstimmend auf die dringende Notwendigkeit hin, den armenischen Flüchtlingen die Rückkehr nach Armenien zu gestatten, damit sie die Ernte einbringen können. Andernfalls müßten Hunderttausende Hunger sterben, da ihre anderweitige Versorgung nicht möglich ist. Allergrößte Eile sei geboten. Mit Euerer Exzellenz weiß ich mich darin eins, daß wir nicht gegen die Bevölkerung Krieg führen wollen. Euere Exzellenz werden es auch verstehen, wenn ich mich hier als Christ für die Errettung von 500000 Glaubensgenossen vom sicheren Hungertod einsetze. Im Interesse der Menschlichkeit bitte ich Euere Exzellenz, Befehl zu geben, daß die Unglücklichen in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Ich zweifle nicht, daß Euere Exzellenz, nun Sie durch mich von der Lage der Armenier unterrichtet sind, keinen Augenblick zögern werden, allerstrengste Weisung zu geben und ihre Durchführung zu überwachen.“
Lyncker.
Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister und Vizegeneralissimus Enver Pascha.
420.
Großes Hauptquartier, den 31. Juli 1918.
Telegramm.
An General von Seeckt für Enver Pascha.
Die Mitteilungen über die Bewegungen der türkischen Divisionen in Richtung Djulfa bestätigen, daß in diesen Gegenden Kämpfe mit Armeniern stattfinden. Ich würde es für einen ebenso großen politischen wie militärischen Fehler halten, wenn diese Kämpfe über das militärisch unbedingt nötige Maß ausgedehnt würden. Wir können auch aus militärischen Gründen nicht über die bedenkliche Stimmung hinwegsehen, die durch Exzesse gegen die Einwohner bei diesen Kämpfen in Transkaukasien hervorgerufen würde.
v. Hindenburg.
_August._
421.
Armenische Republik. Delegation in Berlin. Berlin, den 2. August 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Wir erlauben uns, in der Anlage Auszüge aus den Briefen unserer Delegation in Konstantinopel zur gütigen Kenntnisnahme zu überreichen. Sie konstatieren eine weitere Verschlimmerung der Lage der armenischen Flüchtlinge, die äußerste Gefährdung ihrer Existenz und eine bedenkliche Zunahme der blutigen Gewalttätigkeiten der türkischen Truppen und tatarischen Banden. Angesichts dieser verhängnisvollen Entwicklung, die uns mit der tiefsten Sorge um unsere Nation erfüllt, bitten wir, unsere dringende Bitte um baldige Hilfe wiederholen zu dürfen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung. Dr. H. Ohandjanian.
Anlage.
Die letzten Nachrichten über die Lage in Kaukasisch-Armenien.
Aus dem Brief des Vorsitzenden des armenischen Nationalrates, Herrn Aharonian, vom 20. Juli.
„... Sie können sich dort keine Vorstellung davon machen, welchen ungeheuren Maßstab die Flucht unserer Nation angenommen hat und wie furchtbar das daraus entspringende Elend ist. Von Eriwan bis Dilidjan und Neubayazid sind die Straßen ein einziges Meer von armenischen Flüchtlingen. Die Heeresstraße zwischen Tiflis und Wladikawkas ist bedeckt von flüchtenden Armeniern... Die 80000 Armenier von Achalkalaki sind in den Schluchten von Bakuriani zusammengedrängt, ausgesetzt den amtlichen und nichtamtlichen Feindseligkeiten der fremden Ortsobrigkeiten. Die Täler von Karakilissa sind gefüllt mit Flüchtlingen. Dort befinden sich alle armenischen Einwohner von den Bezirken Kars und Alexandropol. Tataren aus Kaasch und Bortschalu haben, ermutigt durch die Gegenwart der türkischen Truppen, unmenschliche Metzeleien gegen sie verübt. So haben sie allein im Bezirk Karakilissa 2000 Armenier ermordet. Auf der Station Aschaghaserail wurden armenische Waisen, die mehrere Waggons füllten, mit ihren Lehrerinnen niedergemetzelt. Überhaupt ist die Eisenbahnlinie von Karakilissa bis Tiflis das „Schlachthaus“ unserer Nation geworden... Die Schar der Flüchtlinge, die an Zahl eine halbe Million übersteigt, schwindet in Not und Elend dahin, täglich und stündlich... Wenn nicht sehr bald unser Gebiet bis zur Brester Grenze geräumt wird, ist unser Volk verloren...“
Aus dem Brief des Ministers des Auswärtigen, Herrn Chatissian, vom 20./23. Juli.
„... Auf unsere Note, betreffend die Frage der Flüchtlinge, hat die türkische Regierung noch nicht geantwortet, obgleich sie versprochen hatte, die Angelegenheit binnen drei Tagen zu prüfen... Die türkischen Truppen verhalten sich sehr unkorrekt und begingen selbst Metzeleien in Karakilissa, Lori, Nucha, im Bezirk Achalkalaki usw..... Unsere Flüchtlinge gehen aus Lori über die Berge nach Dilidjan und von dort nach Neu-Bayazid und Eriwan. Die Türken führen die Tataren aus Kasach in den Bezirk von Kars über, um sie in den Ortschaften der geflüchteten Armenier anzusiedeln...“
Aus dem Briefe des Sekretärs der armenischen Delegation in Konstantinopel
Herrn Kotscharian, vom 20. Juli.
„... Der Verkehr ist noch nicht wiederhergestellt, weder nach Baku noch nach Eriwan.... Es bestätigt sich, daß viele Armenier aus der Ebene Schirak festgenommen und nach der Türkei verschleppt worden sind. In Elisabethpol sind die Armenier von den Türken ihrer Waffen beraubt worden.... Die armenischen Flüchtlinge aus den Tälern von Lori haben sich nach Kasach und andere Gegenden zerstreut. Die Heeresstraße nach Wladikawkas ist endgültig versperrt.... Die Flüchtlinge aus Achalkalaki sind noch nicht zurückgekehrt, Räuberbanden treiben in diesem Bezirk ihr Unwesen.... Die Zahl der armenischen Flüchtlinge allein aus unserem beschränkten Gebiet beläuft sich auf über 600000. Hunger und Epidemien herrschen unter ihnen und nehmen tagtäglich an Umfang zu.... Die Armenier entfernen ihre Familien aus der Stadt Baku...“
422.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Enver Pascha hat folgendes Telegramm an Feldmarschall von Hindenburg gerichtet:
„Ich habe dem (türkischen) Auswärtigen Ministerium, welches sich mit der Frage der armenischen Flüchtlinge beschäftigt, mitgeteilt, ich könne vom militärischen Standpunkt zustimmen, daß die Flüchtlinge in das Gebiet bis zu 20 km östlich der Bahn Alexandropol-Dschulfa sowie in die Distrikte zurückkehren, in welchen keine Kämpfe zwischen Muselmanen und Armeniern stattgefunden haben[152]. Als solcher ist z. B. die Gegend von Batum anzusehen. Im einzelnen muß Oberbefehlshaber der 3. Armee bestimmen. Ich vermag noch nicht anzugeben, inwieweit hiernach vom Auswärtigen Ministerium die Zulassung der Flüchtlinge erfolgen wird, werde jedoch nicht verfehlen, die Angelegenheit beschleunigen zu lassen und Euerer Exzellenz Mitteilung von dem Ergebnis zu machen.
Zu meinem Bedauern bin ich aus zwingenden militärischen Gründen bei vollster Würdigung der Euerer Exzellenz leitenden Beweggründe und dem lebhaften Bestreben, den Wünschen Euerer Exzellenz zu entsprechen, nicht in der Lage, die Rückkehr der Armenier in vollem Umfang und ohne Einschränkung zuzulassen.
Ich bitte, bei Beurteilung dieser Frage unsere Lage den Armeniern gegenüber in Betracht ziehen zu wollen. Vor Baku, bei Dschulfa und bei Urmia stehen sie uns im Kampf gegenüber, ihre Verbindung mit den Engländern ist nachweisbar. Eine Trennung zwischen Volk und militärischem Gegner ist in diesem Falle kaum möglich bei aller Bereitwilligkeit, grundsätzlich nicht gegen eine Bevölkerung Krieg zu führen. Euere Exzellenz verlangen von mir, eine halbe Million zum Teil bewaffneter und feindlich gesinnter Einwohner im Rücken unserer kämpfenden Armeen zu lassen, ohne daß irgend eine Gewähr für ihr friedliches Verhalten gegeben werden kann. Sie werden jedoch wie früher im russischen, so jetzt im englischen Sold unserer Kriegführung Schwierigkeiten machen. Zurückgekehrt in Gebiete, die durch Jahrhunderte alten nationalen Haß durchwühlt sind, werden sie Anlaß zu neuen blutigen Kämpfen geben. Euere Exzellenz wollen berücksichtigen, daß seit der letzten russischen Zählung allein im Gebiet Kars sich die Zahl der muselmanischen Einwohner um 45000 vermindert hat, welche alle den Verfolgungen der Armenier erlegen sind[153], da in dieser Gegend eine russische Aushebung nicht stattgefunden hat. Es ist unausbleiblich, daß das muselmanische Volk in diesen Gegenden zur Rache aufstehen wird, so daß die türkischen Truppen gezwungen wären, um die Armenier zu schützen, gegen ihre eigenen Stammes- und Glaubensgenossen einzuschreiten. Gerade im Interesse der Menschlichkeit muß ein solcher erneuter Bürgerkrieg mit seinen unausbleiblichen grausamen Folgen vermieden werden. Die Rückkehr der Armenier würde ein Truppenaufgebot im Innern bedingen, welches die beabsichtigten Operationen unmöglich machen und unsere Kriegführung lahmlegen würde. Euere Exzellenz bitte ich, bei Beurteilung unseres Verhaltens diese Verhältnisse würdigen zu wollen.
Wenn ein Abzug der Armenier aus Baku und ihre Rückkehr in das armenische Staatsgebiet unmittelbar oder durch Vermittlung des Generals von Kreß verlangt wird, so werden von dem in Aserbeidschan kommandierenden türkischen Befehlshaber keine Schwierigkeiten gemacht werden. Ihre Entfernung aus Baku kann uns nur erwünscht sein, da es leichter sein wird, sich mit den dortigen Russen zu verständigen, falls nicht der dort anscheinend herrschende Einfluß eine Verständigung verhindert.“
423.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 4. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Die türkische Regierung hat sich auf unsere von der Obersten Heeresleitung unterstützten sehr zahlreichen Schritte bereit erklärt, mit der Zurückführung der armenischen Flüchtlinge in die Heimat sofort zu beginnen. Nur der Bezirk Achalkalaki bleibt aus militärischen Gründen bis nach Abschluß der Kaukasuskonferenz ausgenommen. Wir hoffen, weiter Erfolg zu haben.
Der Staatssekretär Hintze.
424.
(Delegation im Kaukasus.)
Telegramm.
Abgang aus Tiflis, den 4. August 1918. Ankunft, den 15. August 1918.
Augenschein und eingehende Besprechung mit Regierung und Katholikos in Eriwan, von wo wir eben zurückgekehrt sind, haben unsere Auffassung bestätigt und bestärkt, daß nur baldige Hilfe der Mittelmächte Armenien vom Untergang retten kann. Kleines jetziges Armenien kann nicht einmal seßhafte Bevölkerung ernähren, geschweige denn die zurzeit dort befindlichen drei bis fünfhunderttausend Flüchtlinge, die Herstellung der Ruhe unmöglich machen. Entgegen dem Willen der Regierung führt schwierige Lage der Flüchtlinge dauernd zu neuen Bandenbildungen und hervorruft somit neue Verwickelungen mit Türken. Armenien wird von Türken ringsum hermetisch abgeschlossen, diese verhindern jeglichen Handel und Verkehr, veranlassen Abwanderung tatarischer und persischer Bevölkerung, so daß armenische Regierung Angriff auf Eriwan befürchtet. Türken haben auch hier Bedingungen Batumer Friedens nicht eingehalten, sondern halten jenseits Batumer Grenze wichtige Gebiete besetzt. Armenien nur lebensfähig mit Brest-Litowsker Grenzen ohne von Türken angestrebte Grenzberichtigungen, welche gerade wirtschaftlich wichtigste Distrikte an Türkei bringen würden. Zurzeit sind produktionsfähige Gebiete fast sämtlich von Türken besetzt, welche sie planmäßig ausraubten. Trotz Vertrags führen sie besonders große Baumwollvorräte aus. Die Ernte zum Teil von Türken eingebracht, zum Teil geht sie zugrunde. Bis Nachitschewan muß Eisenbahn unbedingt armenisch werden. Türken wäre Anspruch auf Truppentransport einzuräumen wie in Georgien. Bahn in leidlich gutem Zustande. Armenier stellen ebenso wie ich bestimmt in Abrede, daß es zwischen beiden Staaten zu Kämpfen kommt, wenn Türken sich auf Batumer Grenze zurückzogen. Envers gegenteilige Behauptung nur Vorwand, um für die völlige Zerstörung und Ausbeutung vertragswidrig besetzten Landes Zeit zu gewinnen, Türken wollen neuerdings von Aserbeidschan aus in rein armenische Provinz Karabagh einrücken und diese entwaffnen. Neue Kämpfe der wehrhaften Bergbewohner gegen Mohammedaner sind unvermeidlich, wenn wir sie nicht daran hindern.
In Eriwan Empfang warm und herzlich.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling.
425.
Der k. u. k. Vertreter in Tiflis. Tiflis, den 4. August 1918.
An Seine Exzellenz den Herrn Minister des k. u. k. Hauses und des Äußern, Stefan Grafen Burian.
Eröffnung des armenischen Parlamentes.
Während Baron Kreß wegen dringender Angelegenheiten nach eintägigem Aufenthalte in Eriwan nach Tiflis zurückkehren mußte, blieb ich noch einen Tag in der Hauptstadt Armeniens, um der Eröffnung des Rates von Armenien beizuwohnen, hierbei Eindrücke zu sammeln und um noch mit dem Minister des Innern ein Gespräch zu führen.
Der bisherige Präsident des armenischen Nationalrates verlas von einer Tribüne vor den 46 Mitgliedern des Parlaments, hinter denen sich ein zahlreiches Publikum versammelt hatte, eine längere Eröffnungsrede, in welcher er zuerst einen historischen Überblick über die Vorgänge gab, die zur Selbständigkeitserklärung geführt haben, durch welche das Ziel jahrhundertelanger Bestrebungen erreicht worden sei. (Im Jahre 1046 verlor Armenien endgültig seine Selbständigkeit.) Er erklärte sodann, daß die Grenzen des Batumer Vertrages, innerhalb welcher Armenien nicht leben könne, nicht feststehend seien und revidiert werden würden. Alle in Armenien wohnenden Nationalitäten sollen ihr ruhiges Heim in der Republik haben, daher sei Wert darauf gelegt worden, daß die Nationalitätenvertreter bereits bei der ersten Sitzung anwesend seien. (Im Gegensatze hierzu sind im georgischen Nationalrate bisher nur georgische Volksvertreter, doch soll eine Vertretung der hiesigen anderen Nationalitäten in dieser Körperschaft geplant sein.) Er übergebe die Fürsorge für das Wohl des Vaterlandes dem Parlamente und trete als Präsident des Nationalrates zurück. Er wurde sodann einstimmig zum Parlamentspräsidenten gewählt. Seine Rede wurde hierauf zuerst auf türkisch und dann auf russisch verlesen, weil die Nationalitätenvertreter zum Teil armenisch nicht verstehen.
Die Volksvertretung ist folgendermaßen zusammengesetzt:
18 Daschnakzagan, 6 Freisinnige, 6 Sozialdemokraten, 6 Sozialrevolutionäre, 2 Parteilose, 6 Tataren, 1 Russe, 1 Yeside.
Die Yesiden sind ein den Kurden verwandter Stamm, der Religion nach sogenannte Teufelsanbeter.
Unter der Präsidententribüne hatten links die Präsidenten des tatarischen und des russischen Nationalrates Platz genommen, rechts die Pressevertreter. Über diesen in einer Loge die Minister und die Generäle, ihnen gegenüber war der leer gebliebene Armstuhl des Katholikos. Neben diesem war die Loge für die fremden Vertreter, in welcher sich außer mir zwei deutsche, nach Eriwan zur politischen und wirtschaftlichen Orientierung detachierte Offiziere, ferner der türkische und der persische Konsul und der Vertreter der Ukraine befanden. Außer der erwähnten Rede des Präsidenten wurden keine Ansprachen gehalten. Ein Teil der Abgeordneten verlangte dringend, daß am nächsten Tage sofort eine Sitzung abgehalten werde, da die furchtbare Notlage Armeniens sofortige Arbeit erheische.
Anschließend an die Eröffnungssitzung fand eine Parade aller Waffengattungen statt, zu der der größte Teil der Truppen morgens von der nahen türkischen Front gekommen war. Sie waren schlecht adjustiert, aber bemerkenswert große und kräftige Leute, die stramm marschierten. Das zahlreiche bunte Publikum -- größtenteils Bauern -- von Polizisten in Ordnung gehalten, verhielt sich ruhig.
Der k. u. k. Vertreter.
426.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 5. August 1918.
Am 30. v. M. abends fuhr ich mit Baron Frankenstein und einigen Herren meines Stabes von Tiflis über Alexandropol nach Eriwan, um mich der armenischen Regierung vorzustellen. Essad Pascha hatte sein Versprechen gehalten und dafür gesorgt, daß unser Zug ohne ernstliche Belästigung das von den Türken besetzte Gebiet passieren konnte. Die Fahrzeit betrug etwa 22 Stunden. Wir trafen um 9 Uhr abends in Eriwan ein und wurden noch zu einem vom Bürgermeister gegebenen Essen eingeladen. Am 31. vormittags machten wir den Ministern und dem Vorsitzenden des Nationalrats unseren Besuch und fuhren dann nach Etschmiadzin, um dem Katholikos unsere Aufwartung zu machen. Seine Heiligkeit lud uns zu Tisch. Nachmittags kamen der Ministerpräsident und der Präsident des Nationalrats zu einer langen vertraulichen Besprechung zu uns. Abends wurde uns zu Ehren ein Bankett gegeben, an dem alle Würdenträger der Republik Armenien teilnahmen.
Ich trat noch am gleichen Abend die Rückreise an, während Baron Frankenstein die Einladung zur Teilnahme an der am nächsten Tage stattfindenden Parlamentseröffnung annahm. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, meinen Aufenthalt in Eriwan zu verlängern, weil die zurzeit bestehende Spannung zwischen Aserbeidschan und Georgien meine sofortige Rückkehr nach Tiflis wünschenswert machte.
Die Aufnahme, die uns von der Regierung und der Bevölkerung zuteil wurde, war warm und sympathisch. Mir fiel besonders vorteilhaft die gute Haltung und Straßendisziplin der armenischen Offiziere und Soldaten auf. Der Oberkommandierende General Nazarbekow macht einen sehr guten Eindruck; er soll auch in der russischen Armee den Ruf eines besonders tüchtigen Generals besessen haben.
Der Bolschewismus scheint beim armenischen Volke und beim armenischen Soldaten nur wenig Anhänger gefunden zu haben.
An der Spitze der Regierung steht als Ministerpräsident Herr Ruben Katschasnuni, ein etwa 60 jähriger, verständiger, sympathischer Mann, Minister des Innern ist Herr Aram Marukian, Minister des Auswärtigen Herr Alexander Chatissian, Kriegsminister General Aschwerdian und Finanzminister Herr Chatschatur Kartschikian.
Die Herren scheinen ruhige besonnene und zielbewußte Arbeiter zu sein.
Eine imponierende Persönlichkeit ist der Katholikos. Ein schöner stattlicher Greis von etwa 70 Jahren, von der Würde seiner hohen Stellung und dem ganzen Gewicht der auf ihm lastenden Verantwortung durchdrungen, klug und zielbewußt, während der Verhandlungen von einer geradezu abweisenden Zurückhaltung und Kälte, bei Tisch der aufmerksamste und liebenswürdigste Hausherr.
Die Unterredung des Katholikos mit Baron Frankenstein und mir nahm einen geradezu dramatischen Verlauf. Während von draußen das Summen und Brausen der tausendköpfigen Menge von Flüchtlingen, die in den weiten Höfen des Klosters biwakieren, in das klösterliche Gemach hereindrang, sprach sich der greise Katholikos bei der ergreifenden Schilderung des Elends seines Volkes, das der Vernichtung preisgegeben sei, und dem er als oberster geistlicher Hirte nicht helfen könne, in eine solche Erregung hinein, daß er am ganzen Körper zitterte. Er beruhigte sich wieder, als ich die Rolle schilderte, die die Mittelmächte bei den Armeniergreueln 1915 gespielt haben und ihm auseinandersetzte, wie Deutschland, das mit einer Welt von Feinden um seine Existenz kämpfte, der Armenier halber nicht das Bündnis mit den Türken auf das Spiel setzen konnte, und deshalb gezwungen war, sich auf Proteste gegen das Vorgehen der Türken in der Armenierfrage zu beschränken.
Im folgenden erlaube ich mir, die augenblickliche Lage Armeniens zu skizzieren, wie sie sich mir auf Grund persönlicher Beobachtung und auf Grund der Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten darstellt.
Die Armenier sind zurzeit von den Türken auf einem ganz kleinen Gebiete eingekreist, das mit Ausnahme des Beckens von Eriwan vollkommen Hochgebirgscharakter trägt und nahezu völlig unproduktiv ist. Ebenso wenig wie gegenüber Georgien haben die Türken Armenien gegenüber die Bestimmungen des von ihnen selbst diktierten Friedens von Batum eingehalten. Sie haben jenseits der von ihnen festgesetzten Grenze eine Reihe von Gebieten besetzt, deren Verlust für Armenien ganz besonders schmerzlich ist, weil ihnen dadurch auch noch die letzten Produktionsgebiete abgenommen wurden.
Zurzeit scheinen die Türken von Aserbeidschan aus gegen die zu 90 Prozent von Armeniern besiedelte Provinz Karabach vorgehen und die dortige Bevölkerung entwaffnen zu wollen, unter dem Vorwand, daß dort neuerdings die Armenier gegen die Muselmanen aggressiv geworden seien.
Die türkische Politik gegen die Armenier zeichnet sich klar ab. Die Türken haben ihre Absicht, die Armenier auszurotten, noch keineswegs aufgegeben, sie haben nur ihre Taktik gewechselt. Man reizt die Armenier, wo nur irgend möglich, man provoziert sie in der Hoffnung, dadurch einen Vorwand zu neuen Angriffen auf Armenien zu erhalten. Gelingt dies nicht, so will man sie aushungern und wirtschaftlich völlig ruinieren. Zu diesem Zwecke wird das unter nichtigen Vorwänden entgegen dem Vertrag von Batum besetzte Gebiet systematisch und planmäßig ausgeplündert und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, abgeführt. Die Beute an Kriegsmaterial, die die Türken in und bei Alexandropol gefunden haben, ist außerordentlich groß. Daß sie entgegen den Bestimmungen des Aprilvertrages auch alle Baumwolle ausführen, deren sie habhaft werden können, habe ich bereits gemeldet. Baron Frankenstein, der im Kraftwagen über Akstafa hierher zurückreiste, begegnete einer Kolonne von 3-400 schwer mit Baumwolle beladenen Bauernwagen, die aus Aserbeidschan nach Karakilissa fuhren.
Der Widerstand, den die Türken allen Aufforderungen zum Räumen des widerrechtlich besetzten Gebietes entgegensetzen, ist meines Erachtens lediglich darauf zurückzuführen, daß es ihnen noch nicht gelungen ist, alle Beute aus diesen Gebieten wegzuführen. Armenien befindet sich demgegenüber in einer sehr schwierigen Lage. Die Regierung ist fest entschlossen, alles zu vermeiden, was den Türken einen Vorwand zu neuen Angriffen geben könnte; aber sie besitzt nicht die Macht, zu verhindern, daß sich immer wieder neue Banden bilden. Es sind weniger politische Motive, aus denen heraus diese Banden entstehen, als der Hunger, der die Leute zwingt, auf Raub auszuziehen. Die Armenier in Karabach sind wilde Bergstämme, die niemals freiwillig ihre Waffen ausliefern werden. Wenn die Türken trotz meiner Warnungen die Entwaffnung durchführen wollen, so sind heftige Kämpfe mit allen den hier üblichen Begleiterscheinungen unvermeidlich. Der bekannte Bandenführer Andranik sollte in Armenien verhaftet werden. Man konnte aber nur eines Teiles seiner Bande habhaft werden, der Rest, unter Andraniks Führung, ist aus der Republik Armenien geflohen und führt nun auf eigene Faust Krieg gegen die Türken. Die armenische Regierung ist sich der Gefahr, in der sich ihr Land dauernd befindet, wohl bewußt. Sie ist entschlossen, dem Kampf auszuweichen und ihn solange wie irgend möglich zu vermeiden. Sie ist aber ebenso fest entschlossen und weiß sich darin mit dem ganzen armenischen Volke eins, sich bis zum letzten Mann zu verteidigen, falls die Türken ihr Land nochmals angreifen sollten. Die Türken würden dann in einen Gebirgskampf verwickelt, der unter Umständen recht beträchtliche Kräfte auf längere Zeit bindet -- falls die Armenier nicht durch den Hunger besiegt werden.
Die Behauptung Envers, die Türken müßten die Bezirke von Alexandropol, Karakilissa usw. besitzen, um Zusammenstöße zwischen Armeniern and Georgiern zu verhindern, ist darauf berechnet, soviel Zeit zu gewinnen, daß die Ernte aus diesen Gebieten weggeführt und die Gebiete noch völlig ausgeraubt werden können.
Was die innere Lage Armeniens angeht, so wird sie außerordentlich erschwert durch die große Anzahl von Flüchtlingen, die sich gegenwärtig auf dem kleinen Gebiet Armeniens und insbesondere in der Gegend von Eriwan angesammelt haben.
Die eingesessene Bevölkerung des derzeitigen Gebietes der Republik Armenien wird auf 750000 Köpfe geschätzt. Auf dem Gebiet, das schon diese Leute nicht annähernd ernähren kann, befinden sich zurzeit aber außerdem noch 300-500000 Flüchtlinge. Diese Leute sind Hals über Kopf vor den Türken geflüchtet und mußten vielfach ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen. Die geringen Vorräte, die sie mitgebracht haben, sind schon längst verzehrt. Sie schlachten nach und nach ihr Vieh und berauben sich damit der letzten Möglichkeit zu Gründung einer neuen Existenz. Die Regierung schreitet energisch gegen Marodeure ein, aber der Hunger ist stärker als die Furcht vor der Strafe. Auf diese Weise geht auch der eingesessenen Bevölkerung der größere Teil ihrer Ernte verloren. Mit gebundenen Händen müssen inzwischen die Armenier zusehen, wie in den von Türken besetzten Gebieten die Ernte weggeführt wird oder zugrunde geht. Die armenische Regierung und den Katholikos bedrückt die doppelte Sorge, wie die Bevölkerung im laufenden Jahre ernährt werden soll und wie sich die Ernährungsfrage in der Zukunft gestalten wird. Wenn es den Zentralmächten Ernst ist mit ihrer Absicht, die Armenier vor der Vernichtung zu schützen, so müssen sie ihnen auch so viel Grund und Boden verschaffen, daß wenigstens die Hauptmenge des Verpflegungsbedarfes aus dem Lande gedeckt werden kann. Über das laufende Jahr aber müssen wohl oder übel die Zentralmächte durch Getreidelieferungen hinweghelfen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Deutsche Reich ruhig zusehen kann, wie die Muhammedaner ein christliches Volk der Vernichtung durch Hunger preisgeben.
Nachdem die Türken trotz unserer Vorstellungen die armenische Ernte zugrunde gehen ließen, ist es wohl nicht mehr wie recht und billig, daß das zum Unterhalt des armenischen Volkes benötigte Getreide jenen Beständen entnommen wird, die die Türken sonst aus der Ukraine oder aus Rumänien erhalten würden.
Die armenischen Flüchtlinge leben im Freien. In kürzester Zeit werden die Nächte kalt. Dann wird sich zum Hunger der Frost gesellen, um die Flüchtlinge zu dezimieren, wenn sie nicht vorher in ihre Heimat zurückkehren durften. Unsere Hilfe muß bald wirksam werden, sonst kommt sie zu spät. Wenn die Konferenz von Konstantinopel noch lange auf sich warten läßt, sind viele Tausende von Menschen zum Tode verurteilt.
Die Frage, was zu geschehen hat, um Armenien lebensfähig zu machen und ihm zu ermöglichen, unter Anlehnung an eine der Mittelmächte ein selbständiges Dasein zu führen, möchte ich dahin beantworten, daß Armenien die Grenzen des Brest-Litowsker Vertrages erhalten muß, aber ohne daß den Türken die von ihnen angestrebten Grenzberichtigungen bewilligt werden. Gerade diese Grenzberichtigungen würden Armenien seiner besten Grenzgebiete berauben. Wenn diese Gebiete den Türken überlassen werden, so geht ihre Produktion infolge der geschäftlichen Untüchtigkeit der Türken sofort zurück und ist für den Markt verloren.
Bei entsprechendem Ausbau der Bewässerungsanlagen, bei Einfuhr der nötigen Maschinen usw. werden die Armenier, aber niemals die Türken, aus diesen fruchtbaren Gebieten eine reiche Ernte von Seide, Baumwolle, Reis, Wein, Kognak, Spiritus und Obst, wahrscheinlich auch an Montanprodukten, herausholen.
Ich werde mir in Bälde erlauben, Euerer Exzellenz einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Armenien vorzulegen.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
427.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 6. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Der Ministerrat hat endlich die Amnestie für die türkischen Armenier beschlossen, Djambolat wird mit der Ausführung beauftragt[154].
Bernstorff.
428.
(Großes Hauptquartier.)
Telegramm.
Großes Hauptquartier, den 6. August 1918.
Der Kaiserliche Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
Bei zweckmäßiger Auswahl der Truppen hat General Ludendorff keine Bedenken[155]. General v. Cramon erhielt bereits vor mehreren Tagen Weisung, unter dieser Einschränkung die Frage der Entsendung einer österreichisch-ungarischen Polizeitruppe mit Generaloberst von Arz zu besprechen.
Berckheim.
429.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 14. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Die bisherige Haltung der türkischen Regierung in der Angelegenheit der Rückkehr der armenischen Flüchtlinge nötigt uns zur Prüfung der Frage, ob eine Abwanderung der Flüchtlinge nach dem Norden möglich ist und unverzüglich ins Werk gesetzt werden kann.
Euer Hochwohlgeboren wollen sich hierzu umgehend telegraphisch äußern; gegebenenfalls bitte ich geeignete Maßnahmen in die Wege zu leiten.
v. Stumm.
430.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 20. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Ohne die politische Wichtigkeit, die eine Besserung der Lage der Armenier für uns und für die Türkei besitzt, im geringsten zu verkennen, und bei aller menschlichen Teilnahme für ihre Leiden müssen wir uns doch eine gewisse Zurückhaltung mit Rücksicht auf die Türkei auferlegen.
Wir würden selbstverständlich für rein humanitäre Maßnahmen freie Hand haben. In dieser Hinsicht regen hiesige Armenierfreunde an, der Regierung in Eriwan dasselbe Quantum Getreide zu liefern, wie der Georgischen Regierung. Ob es möglich sein würde, das Kriegsernährungsamt zur Hergabe zu bestimmen, ist noch zweifelhaft. Ehe ich einen Versuch in dieser Richtung unternehme, bitte ich Euer Hochwohlgeboren um Äußerung, ob es angängig erscheint, Getreide durch Georgien nach Armenien gelangen zu lassen, obwohl wir den Georgiern selbst nur ein geringeres Quantum geben können als zuerst versprochen.
Hintze.
431.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 21. August 1918.
Urschriftlich dem Auswärtigen Amt, Berlin gehorsamst vorgelegt.
Frhr. von Kreß.
Der armenische Nationalrat von Kars. Tiflis, den 19. August 1918.
Der armenische Kirchenrat von Kars, der einzig und allein befugt ist, den Willen und die Interessen der vielgeprüften armenischen Bevölkerung des erwähnten Gebietes auszudrücken, protestiert auf das entschiedenste im Namen der armenischen Bevölkerung des Gouvernements gegen das von der türkischen Regierung unternommene Referendum der Bevölkerung des Gouvernements, wonach dieses Gebiet ohne weiteres dem ottomanischen Reiche einverleibt werden soll und erklärt hierdurch, daß § 4 des Brester Vertrages durch die türkische Regierung auf die gröbste Weise verletzt worden ist, da erstens die türkische Regierung teils mit Gewalt, teils mit Zwang, den sie auf die kaukasischen Regierungen geübt, wider den direkten und ausgesprochenen Sinn des Vertrages das Land okkupiert hat und zweitens allein und eigenmächtig ohne Rücksicht auf die Signatarmächte, die in demselben Paragraphen neben der Türkei erwähnt werden, die Willensäußerung ~nur der muhammedanischen Bevölkerung~ herbeigeführt habe, da ja die armenische Bevölkerung, die eine Majorität im Sandjak Kars bildet mit den anderen christlichen Völkern gänzlich von ihren Stammsitzen fortgetrieben, jeglicher juridischer Willensäußerung entzogen worden ist, obwohl sie faktisch durch ihre Flucht aus dem durch die türkischen Truppen okkupierten Lande ihre Willensrichtung deutlich zur Genüge an den Tag gelegt hat.
Im Namen der Rechte, die auf Grund des Brester Vertrages der ganzen Bevölkerung und nicht allein ihrem muhammedanischen Teile zugesprochen sind, appelliert der armenische Nationalrat von Kars an das Gewissen der im Brester Vertrage erwähnten Signatarmächte und bittet erstens, die türkischen Okkupationstruppen, sowie auch die muhammedanischen Massen, die von verschiedenen Nachbargebieten dorthin gezogen worden sind, um eine Stimmenmehrheit mit türkischer Orientierung herbeizuführen, zu entfernen und zweitens, Bedingungen zu schaffen, die der christlichen Bevölkerung die Rückkehr und die Festsetzung in ihrer Heimat ermöglichen, damit sie in den Stand gesetzt werden, laut demselben Vertrage ihre Regierungsform selbst zu bestimmen.
Eine diesbezügliche, ausführliche, durch geschichtliche, geographische und ethnographische Angaben unterstützte Denkschrift wird in Bälde der Kaiserlich Deutschen Regierung unterbreitet.
Der Vorsitzende des armenischen nationalen Rates von Kars. Die Mitglieder: Unterschriften. Der Schriftführer: Unterschrift.
An die Kaiserlich Deutsche Regierung in Berlin.
432.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 22. August 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Von General v. Kreß ging nachstehendes Telegramm vom 12. August ein:
„Envers Antwort[156] geht von falschen Voraussetzungen aus. Nicht darum handelt es sich, daß Armenier in das Gebiet östlich von Alexandropol-Djulfa einwandern dürfen, sondern darum, daß die dort eingepferchten und durch Hunger zur Verzweiflung getriebenen Armenier über die Bahn nach Westen zurückwandern dürfen, und daß das Gebiet bis zur Brester Grenze der Republik Armenien zur Ansiedlung der Flüchtlinge zurückgegeben wird. Die Durchführung der im Prinzip erteilten Erlaubnis zur Rückwanderung der Armenier in bestimmte Bezirke, wie Batum, wird dadurch erschwert, daß Essad Pascha für jeden einzelnen Armenier ein schriftliches Gesuch verlangt und diese Gesuche nicht erledigt. Nach Angabe des hiesigen türkischen Vertreters sollen sich bei Essad Pascha seit Wochen mehr als 1200 unerledigte Gesuche befinden.
Die armenische Regierung will und braucht Frieden mit der Türkei. Bei Djulfa, Baku und Urmia handelt es sich um Banden, die sich meist aus ehemaligen türkischen Armeniern zusammensetzen, Leuten, die alles verloren haben und deshalb weiter kämpfen.
Die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee könnten durch Österreicher und Deutsche geschützt werden.
Die auf dem kleinen Gebiet der Republik Armenien bestehende Ansammlung vom Hungertode bedrohter Hunderttausender von Flüchtlingen bedeutet zweifellos eine größere Gefahr als die Verteilung der Leute im Lande.“
Euere Exzellenz wollen die Pforte darauf aufmerksam machen, daß ihre Absicht, den armenischen Flüchtlingen die Rückkehr in gewisse Gebiete freizugeben, durch das Verfahren Essad Paschas vereitelt wird. Sie wollen die türkische Regierung um Abhilfe ersuchen und sie bitten, nochmals zu erwägen, ob nicht überwiegende Gründe dafür sprechen, das ganze Gebiet bis zur Brester Grenze den Rückwanderern zu öffnen.
v. Hintze.
433.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 24. August 1918.
An den Kaiserlichen Delegierten in Tiflis.
Mit Euerer Exzellenz Reise nach Eriwan und Ihrem dortigen Auftreten bin ich völlig einverstanden. Da die sehr ernsten Vorstellungen des Kaiserlichen Botschafters und die energischen Schritte der Obersten Kriegsleitung die Türkei nicht zur Räumung des armenischen Gebiets und zur Bewilligung der Rückkehr der Flüchtlinge bestimmt haben, erscheint es leider zweifelhaft, ob wir überhaupt imstande sein werden, den Armeniern wirksam zu helfen. Unser weiteres Vorgehen hängt von der allgemeinen politischen und militärischen Lage ab.
Hintze.
434.
(Kaiserlich Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 25. August 1918. Ankunft, den 26. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
General von Kreß telegraphiert unterm 20. August:
„Das scheinbare türkische Zugeständnis in der Frage der Rückkehr armenischer Flüchtlinge ist vollkommen wertlos. Während in den von türkischen Truppen besetzten Gebieten die Ernte, soweit sie nicht von den Türken selbst fortgeschafft wird, aus Mangel an Arbeitskraft verfault, gehen die zusammengeballten Menschenmassen in den unproduktiven Gebieten östlich der von Enver Pascha bezeichneten Linie ihrem sicheren Untergang entgegen. Die Lage verschlimmert sich täglich. Sollten alle verzweifelten Hilferufe der Regierung und der obersten Geistlichkeit Armeniens ungehört verhallen, so wird die Verantwortung für Vernichtung dieses alten christlichen Volkes für immer auf Deutschland und Österreich lasten. Geschichte wird und kann nicht gelten lassen, daß die beiden großen Christenreiche Mitteleuropas nicht imstande waren, wenigstens hier, wo es sich um Sein oder Nichtsein eines ganzen Volkes handelt, ihrem asiatischen Verbündeten ihren Willen aufzuzwingen.“
Bernstorff.
_September._
435.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 3. September 1918.
Euer Exzellenz berichte ich gehorsamst, daß ich am 30.8., einer Einladung Halil Paschas und den dringenden Bitten der armenischen Regierung folgend, zusammen mit Baron Frankenstein Halil Pascha bei seinem Antrittsbesuch in Eriwan begleitet habe.
Ich habe die an mich gerichtete Einladung angenommen, weil ich hoffte, bei dieser Gelegenheit Halil Pascha davon überzeugen zu können, daß die Vorstellungen, die man sich in Konstantinopel von der sogenannten Armeniergefahr macht, unrichtig und unberechtigt sind. Ich hoffe, daß es den Berichten Halil Paschas gelingen wird, die türkische Oberste Heeresleitung davon zu überzeugen, daß all den Schlagworten, wie „militärische Notwendigkeiten“, „Bedrohung der rückwärtigen Verbindungen“ und dergleichen mehr, mit denen man den Mord an vielen Tausenden von Menschen zu rechtfertigen und die Bemühungen des deutschen Botschafters und der deutschen Obersten Heeresleitung zur Rettung der Armenier lahmzulegen versucht, jeder berechtigten Grundlage entbehren.
Die türkischen Truppen im Kaukasus, mit den Armeeführern angefangen bis herunter zum letzten Leutnant, der auf Grenzwache steht, sind von Wehib Pascha derart gegen die Armenier und Deutschen verhetzt, daß es voraussichtlich lange dauern wird, bis es Halil Pascha, der auf einem weit vernünftigeren Standpunkt steht, gelingen wird, sich durchzusetzen. Essad und Ali Ichsan Pascha, sowohl wie insbesondere Schewki Pascha machen ihm nach jeder Richtung hin Schwierigkeiten. Der letztere hat jüngst Halil Pascha geschrieben, er könne sich mit seiner Politik in keiner Weise einverstanden erklären. Seitdem er, Halil Pascha, den Oberbefehl übernommen habe, mache sich schon wieder der Einfluß dieser Deutschen fühlbar. Hinsichtlich der Einzelheiten unseres Besuches bitte ich auf die beiliegende Abschrift eines von Baron Frankenstein verfertigten Berichtes, dem ich in allen Punkten beitrete, Bezug nehmen zu dürfen.
Ich möchte mir erlauben, die folgenden Punkte als besonders charakteristisch für die türkische Politik unterstreichen zu dürfen.
1. Auf das Drängen der deutschen Regierung und Obersten Heeresleitung hin, sagt die türkische Regierung unserem Botschafter und den armenischen Bevollmächtigten in Kospoli zu, daß die Bezirke Lori and Pambak unter gewissen Bedingungen den Armeniern eingeräumt werden sollen. Ein diesbezügliches, von General v. Seeckt unterzeichnetes Telegramm trifft in Batum ein, mit dem Auftrag, auch mir hiervon Kenntnis zu geben. 2 Stunden später setzt ein Telegramm Envers den von General v. Seeckt gezeichneten Befehl außer Kraft. Ich erhalte keine Mitteilung.
2. Enver ordnet an, daß die armenischen Flüchtlinge, unter gewissen Bedingungen, nach gewissen Gegenden zurückkehren können. Essad Pascha sollte die nötigen Vollzugsbestimmungen erlassen. Da dieser grundsätzlich auf Briefe und Telegramme, die ihm nicht genehm sind, keine Antwort gibt, schicken Baron Frankenstein und ich den K. u. K. Oberstleutnant Pawlas nach Batum, um mit Essad Pascha über die Formalitäten der Rückkehr der Flüchtlinge zu verhandeln. Dieser schickt ihn wieder weg mit der Behauptung, die Kommandoverhältnisse hätten sich geändert, Halil Pascha sei nunmehr zuständig. Wir kommen zu Halil, um von ihm zu erfahren und durch Dokumente belegt zu erhalten, daß die Behauptung Essads glatt erfunden ist.
3. Halil las uns einen Bericht vor, den er von Nuri Pascha zur Weitergabe nach Konstantinopel erhalten hatte. In diesem Bericht wird wider besseres Wissen behauptet, daß „die Armenier“ im Bezirk von Karabag innerhalb 2 Tagen 30 tatarische Dörfer niedergebrannt hätten. Nuri weiß sehr wohl, daß es sich hier nicht um die Armenier, d. h. die armenische Republik, sondern nur um Andranik handelt, mit dem die armenische Regierung nichts zu tun hat. Nuri weiß ferner sehr wohl, daß höchstens 10 Dörfer zerstört sind, wenn ein Tatare ihm meldet, daß 30 vernichtet worden seien, er weiß auch sehr wohl, daß man sich in Kospoli nicht 4 oder 5 armselige Lehmhütten darunter vorstellt, wenn er von Tatarendörfern meldet. Dies ist nur ein Beispiel für viele, in welch gewissenlos tendenziöser Weise nach Kospoli berichtet wird, um dort völlig übertriebene und unrichtige Vorstellungen von der sogenannten Armeniergefahr zu erwecken. Nur aus dieser wissentlich falschen Berichterstattung läßt es sich erklären, daß man sich, ungeachtet unserer Berichte, noch immer auf den Standpunkt stellt, daß die Rückkehr der armenischen Flüchtlinge in die Heimat eine Gefahr für die türkische Armee bedeute. „Man kann nicht zugeben, daß eine halbe Million bewaffneter Feinde im Rücken unserer Armee angesiedelt wird.“ Diese halbe Million bewaffneter Feinde sind Greise, Weiber und Kinder. Dafür, daß nahezu keine waffenfähigen Männer mehr zurückkehren können, haben die Türken und Tataren gründlich gesorgt. Es ist ein leichtes, die Flüchtlinge beim Überschreiten der Grenze völlig zu entwaffnen.
Auf ein weites Gebiet verstreut, bilden die verelendeten Flüchtlinge eine geringere Gefahr, als wenn sie auf einem engen Raum versammelt durch Hunger zu Verzweiflungstaten getrieben werden.
Wenn die Armenier wollten, so könnten sie heute tagtäglich in dem unübersichtlichen Gebirgsgelände ohne alle Schwierigkeit die rückwärtigen Verbindungen der Türken an einer der zahlreichen Kunstbauten der Gebirgsbahn Sanain-Karakilissa auf Wochen unterbrechen. Wenn die Türken sich gegen eine Bedrohung ihrer rückwärtigen Verbindungen sichern wollen, dann können sie dies nur dadurch tun, daß sie sich die Armenier zu Freunden machen. Treiben sie aber die Armenier zur Verzweiflung, so erreichen sie gerade das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen.
Die diesjährige Ernte in den von den Türken besetzten armenischen Gebieten ist zum Teil von den Türken eingebracht worden. Zum weitaus dem größeren Teil aber haben die Türken die Ernte dadurch vernichtet, daß sie ihre Pferde und ihr Vieh auf die Felder trieben.
Wenn die Flüchtlinge nicht zurückkehren dürfen, so werden diese reichen Gebiete -- in erster Linie zum Schaden der Türken -- auch im nächsten Jahre keine Ernte tragen.
Frhr. von Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
Anlage.
Ergebnis der Eriwaner Verhandlungen Halil Paschas und der armenischen Regierung unter unserer Mitwirkung:
Im Gegensatz zu den tendenziös entstellten Meldungen Essad, Schefki und Nuri Paschas über die der Türkei seitens Armeniens drohende Gefahr, gewann Halil Pascha den Eindruck, daß Armenien keineswegs beabsichtigt, gegen die Türkei vorzugehen. Halil versprach, Enver darüber aufzuklären, es handle sich bei der Rückkehr der Flüchtlinge hauptsächlich um Frauen, Kinder, Greise, die wenigen übrig gebliebenen Männer könnten vorher leicht entwaffnet werden. Er bezeichnete selbst Envers Zugeständnis der Rückkehr der Armenier in Gebiet 20 km östlich Bahnlinie Alexandropol-Djulfa als wertlos.
Die Rückgabe der Gebiete von Lori und Pambak, die General v. Seeckt vor einiger Zeit durch Telegramm nach Batum anordnete, Enver Pascha aber durch ein zweites Telegramm widerrief, versprach Halil wärmstens zu befürworten.
Essad Paschas Hinterhältigkeit ist durch die Oberstleutnant Pawlas gegenüber abgegebene offensichtlich unwahre Erklärung erwiesen, die Feststellung der Gebiete in seinem Kommandobereiche, in welche die Flüchtlinge ohne Gefahr der Niedermetzelung zurückkehren könnten, falle infolge Kommandoveränderung in Halil Paschas Kompetenz, was dieser selbst als unrichtig bezeichnet.
Erbitten eheste Mitteilung, ob Halil in obigem Sinne Enver berichtete, und mit welchem Ergebnisse.
Sterblichkeit unter den Flüchtlingen zunehmend.
Kreß. Frankenstein.
436.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Eriwan, den 10. September 1918.
An die Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis.
1. Am 9. September traf der politische Vertreter der Türkei, Mehmed Ali Pascha, mit 2 Offizieren in Eriwan ein.
2. Die erste Zusage Halils, Zurücksendung der armenischen Gefangenen, ist in Ausführung begriffen. Es sind bis heute ca. 400 Mannschaften und Offiziere eingetroffen. Der Zustand der Leute ist allerdings fürchterlich.
Der gestern eingetroffene zweite Transport soll ein gleiches Bild geboten haben.
Die türkische Regierung hat den armenischen Flüchtlingen erlaubt, wieder in ihre Dörfer, die jetzt zerstört sind, zurückzukehren.
Eisenmann.
437.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 20. September 1918.
An den Herrn Geschäftsträger, Pera.
Talaat Pascha hat geäußert, daß er sich bei seinen hiesigen Besprechungen mit Georgiern und Armeniern davon überzeugt habe, wie wichtig ein gutes nachbarliches Verhältnis mit beiden Völkern für die Türkei sei, und daß, abgesehen von Kars, Ardahan und Batum, das von den Türken besetzte Gebiet zurückgegeben werden müsse. Es ist daher zu hoffen, daß die türkische Regierung in der Rückwanderungsfrage jetzt Entgegenkommen zeigen wird.
von Stumm.
438.
Kaiserlich Deutsche Delegation. Tiflis, den 23. September 1918.
Wie mir Halil Pascha mitteilt, hat Nuri den Einmarsch regulärer armenischer Truppen in das Karabachgebiet zur Entwaffnung der Bande des Generals Andranik mit der Begründung abgelehnt, daß Karabach aserbeidschanisches Gebiet sei; demnach dürften die türkischen Klagen über die angeblich illoyale Haltung der armenischen Regierung und ihr geheimes Einvernehmen mit den Feinden der Türkei fortab jeder Berechtigung entbehren.
Freiherr v. Kreß.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
_Oktober._
439.
Armenische Republik. Delegation in Berlin. Berlin, den 1. Oktober 1918.
Das Ergebnis der kürzlich in Berlin mit Talaat Pascha gepflogenen Verhandlungen gestattet uns, zu hoffen, daß die türkische Regierung, nachdem sie ihren Widerstand gegen die Anerkennung der Brester Grenze aufgegeben hat, nunmehr durch die baldige Räumung unseres Gebiets ihrem Zugeständnis die Tat folgen lassen wird. Wir sind uns der Bemühungen wohl bewußt, die von der Deutschen Regierung aufgewendet wurden, um dieses für uns erfreuliche Resultat herbeizuführen, und bitten, dafür den Ausdruck unserer aufrichtigen Dankbarkeit gütigst entgegennehmen zu wollen.
Unsere hiesige Delegation wurde in einem Augenblick äußerster Gefahr für unsere Existenz nach Berlin geschickt, um bei der Deutschen Regierung Schutz und Hilfe zu suchen. Wir wurden hier freundlich aufgenommen und genossen in weitestem Maße Gastfreundschaft, ein Zeichen gütigen Wohlwollens, welches wir zu schätzen wissen und das uns zur Dankbarkeit verpflichtet hat.
Durch die hoffentlich baldige Lösung der Räumungsfrage ist wohl der dringendste Teil der Aufgabe unserer hiesigen Delegation erfüllt.
Dr. H. Ohandjanian, Bevollmächtigter Vertreter der armenischen Regierung.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
440.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 17. Oktober 1918.
Urschriftlich nebst Anlage Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler, Prinz Max von Baden, gehorsamst vorgelegt.
Frhr. von Kreß.
La République de l’Arménie M. A. E.
Mission diplomatique en Géorgie, Tiflis. Tiflis, Le 17 Octobre 1918.
Excellence!
J’ai l’honneur de communiquer à Votre Excellence la traduction textuelle de la note de protestation, que je viens d’adresser à Monsieur le Représentant Diplomatique de l’Azerbaidjan concernant le massacre de la population arménienne dans la ville de Bacou.
Je prie Votre Excellence d’avoir l’obligeance de porter à la connaissance du Gouvernement Impérial le contenu de cette note et les protestations de mon Gouvernement au sujet des cruautés inouies, commises lors de la prise de la ville de Bacou.
Profitant de cette occasion, je me fais plaisir de renouveler à Votre Excellence l’assurance de ma très haute considération.
Djamalian. Chargé d’Affaires de la République de l’Arménie en Géorgie.
Son Excellence Monsieur le Général Kress von Kressenstein, Chef de la Délégation Impériale Allemande au Caucase.
La République de l’Arménie. Mission diplomatique en Géorgie.
Traduction.
Tiflis, le 16 Octobre 1918.
Le soussigné, Chargé d’Affaires de la République d’Arménie en Géorgie, a l’honneur de communiquer à Monsieur le Représentant Diplomatique de l’Azerbeidjan auprès du Gouvernement Géorgien, que d’après des renseignements d’une source certaine, reçus par le Gouvernement de la République d’Arménie, la prise de la ville de Bacou a été suivie d’un cruel massacre de la population paisible arménienne sans distinction de sexe et d’âge et complétée par un pillage des maisons, commis par des foules musulmanes.
Le nombre des victimes s’élève de vingt cinq jusqu’à trente mille personnes. Les scènes d’une barbarie inouie ont eu lieu pendant trois jours, et ce n’est qu’après l’expiration de ce délai, que des mesures ont été prises par les autorités, et quelques bandits alors surpris sur place ont été punis.
Lors de l’établissement du pouvoir du Gouvernement de l’Azerbeidjan, de nombreuses arrestations ont été opérées parmi les restes de la population arménienne et surtout parmi la classe intellectuelle, quant aux arméniens riches, des extorqueurs les somment, sous menace de les délivrer, à verser des sommes d’argent considérables.
Les blessés restés sans soins, les enfants jetés sur le pavé complètent le spectacle affreux de la domination de la foule dans cette ville.
En informant de ce qui précède, le soussigné a l’honneur de prier Monsieur le Représentant Diplomatique de porter à la connaissance du Gouvernement de l’Azerbeidjan la protestation la plus énergique du Gouvernement de la République d’Arménie, contre la non-prise des mesures opportunes pour faire cesser le massacre de la population paisible arménienne. Le Gouvernement de la République d’Arménie insiste également et sur la punition la plus sévère des personnes coupables d’agressions contre les habitants arméniens et sur l’adoptation des mesures efficaces, afin de mettre fin aux violences, qui ont lieu sur les malheureux survivants.
A. Djamalian. Pour traduction conforme: M. Toumanoff, Conseiller de Légation.
441.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 21. Oktober 1918.
Euerer Großherzoglichen Hoheit beehre ich mich, anliegend Abschrift einer Eingabe des armenischen diplomatischen Vertreters in Tiflis gehorsamst vorzulegen.
Ich habe den Vertreter der Delegation in Baku, Oberstleutnant Freiherr von der Goltz, beauftragt zu helfen, soweit dies möglich ist.
Frhr. von Kreß.
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler Prinzen Max von Baden.
Anlage.
Stempel der Vertretung der armenischen Regierung in Tiflis. Tiflis, le 19. Octobre 1918.
Excellence!
Vos bonnes intentions pour tout ce qui concerne Bacou me sont connues. Je sais également tous les efforts que Votre Excellence a apporté à introduire à Bacou un détachement avec les troupes turco-tatares, ce qui aurait occasionné une garantie des biens et des vies des habitants arméniens de Bacou. Il ne m’est également pas inconnu le refus tenace qui était opposé à toutes vos intentions.
Tout le monde connaît maintenant les horreurs dont fut victime la population inoffensive arménienne de Bacou et je n’ai aucun doute que les renseignements que vous avez, seront à temps communiqués au Gouvernement et à la nation Allemande. Toutefois la conduite inhumaine qui continue à avoir lieu envers cette population martyrisée, et le cauchemar sous lequel continuent à vivre encore les Arméniens de Bacou -- ne sont pas connus à tout le monde.
Une terreur règne à Bacou. D’après les récits et les rapports des témoins de nationalités différentes et dans ce nombre il faut inclure et des musulmans, toute la classe intellectuelle arménienne est arrêtée et endure des tortures inimaginables. De ce nombre jusqu’à présent nous avons appris l’arrestation des personnes suivantes.
1. Tigrane Sakharian (docteur en médecine), 2. Djoumchout Aroutiuniantz (l’ex-maire de la ville), 3. Artem Egiasarian, 4. Konstantin Kalantarian (ingénieur), 5. Samson Amiroff, 6. Serge Melikoff, 7. Georges Melikoff, 8. Petre Souraboff, 9. Stepan Tigranian (avocat), 10. Mickail Atabékian (directeur de la banque du Caucase), 11. Konstantin Khisanian (ingénieur), 12. Manandian (avocat), 13. Khoublarian (directeur de la banque de commerce), 14. Grigor Ogandjanian.
La plupart des emprisonnés n’ont aucun rapport avec la politique, car tous ceux qui ont organisé la défense de la ville de Bacou, d’après les mêmes sources, ont quittée la ville à temps. L’arrestation de la classe intellectuelle peut être envisagé comme un acte de vengeance d’une cruauté inutile.
Les poursuites et les oppressions de la population arménienne ont fait surgir des groupes d’extorqueurs qui achèvent de ruiner cet élément. Sous la menace de dénoncer aux autorités, ces groupes d’extorqueurs somment beaucoup d’arméniens riches à verser des sommes d’argent plus que considérables et en cas de refus menacent de les faire emprisonner, les accusant d’avoir pris part au massacre des tatares.
Après le massacre apparurent une foule d’orphelins et de blessés, équi sans aucun aide de quel coté que ce fut, survivent à des jours effroyables et des bruits en plus circulent, que les autorités de Bacou ont l’intention d’amasser les réfugiés dans des camps de concentration, où ces derniers seront voués sans aucun doute à une mort certaine.
En vous communiquant tous ces faits, je prie Votre Excellence au nom de l’humanité et de la charité dont vous vous êtes toujours guidés à bien vouloir protéger les malheureux habitants arméniens afin qu’ils soient à l’abri des attentats qui pourraient se commettre et sur leurs vies et sur leurs biens.
Veuillez agréer, Excellence, l’expression de ma plus haute considération.
A. Djamalian
Chargé d’Affaires de la République de l’Arménie auprès du Gouvernement Géorgien.
Son Excellence, Monsieur le Général Kress von Kressenstein, Chef de la Délégation Impériale Allemande au Caucase.
442.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 30. Oktober 1918.
Euerer Großherzoglichen Hoheit beehre ich mich, in der Anlage das Hauptsächlichste über die Baku-Massakres mir zugegangene informatorische Material für die Akten des Auswärtigen Amts gehorsamst zu übersenden.
Desgleichen füge ich den Schrift- und Notenwechsel bei, welcher zwischen der Kaiserlichen Delegation und den türkischen Befehlshabern bzw. Diplomaten und der Aserbeidschanischen Regierung in der gleichen Angelegenheit entstanden ist. Ich halte es für angezeigt, daß sich dieses Material bei den Akten des Auswärtigen Amts befindet, damit die Kaiserliche Regierung über die Maßnahmen unterrichtet ist, die die hiesige Kaiserliche Vertretung im Interesse der Menschlichkeit und zum besonderen Schutze der in Baku lebenden Deutschen unternommen hat.
Wenn die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen nicht alle zur Ausführung gelangt sind, so trägt daran einzig und allein die ablehnende Haltung der Türken die Schuld, gegen die ich keine Machtmittel besaß.
Die Entsendung des Barons von der Goltz erfolgte zum Teil ebenfalls aus dem Grunde, um wenigstens einen moralischen Druck auf die höheren türkischen Heerführer ausüben zu können.
Frhr. von Kreß.
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler, Prinzen Max von Baden.
Anlage 1.
Türkische Heeresgruppe Ost. Chef des Generalstabes Osmanischer Oberstleutnant Paraquin.
Tiflis, den 26. September 1918.
An Generalleutnant von Seeckt, Exzellenz.
~Vorgänge in Baku nach der Einnahme am~ 16. ~und~ 17. ~September~ 1918.
Am 16. 9. vormittags begaben sich Halil und Nuri Pascha mit ihrer Begleitung von Puta mit der Bahn nach Baku.
Bei Baladschari lagen 10 bis 12 tote weiße Engländer am Bahndamm. Der Bahnhof war nach der Wegnahme durch die Türken abgebrannt. Der Bahnkörper war auf der ganzen Strecke unbeschädigt.
Über der schwarzen Stadt hingen mächtige Rauchwolken. Türkische Artillerie hatte am 15. 9. vormittags einen Massut-Tank in Brand geschossen. Nuris Behauptung, er habe selbst gesehen, daß ein kleines russisches Kriegsschiff die schwarze Stadt beschossen habe, ist falsch. Ich habe in Baku deutsche und russische Zeugen, vor allem auch die Vertreter der russischen Flotte gesprochen. Da Südwestwind herrschte, schien der Brand eine große Gefahr für die Fabrikstadt zu bedeuten. Doch sprang der Wind am Nachmittag um. Es wurden nur 3 bis 4 große Tanks vom Feuer erfaßt, deren Inhalt am Abend des 17. noch nicht ausgebrannt war.
Noch am Vormittag des 17. war die schwarze Stadt von keinem türkischen Soldaten betreten worden! An diesem Tage kamen aus der schwarzen Stadt von verschiedenen Seiten Hilferufe. Die Tataren waren eingedrungen und plünderten. Die Gefahr, daß durch die Schießereien oder andere Zwischenfälle ein Brand mit verhängnisvollen Folgen eintreten könne, war groß. Es bedurfte trotzdem nochmaliger energischer Vorstellungen des Majors Mayr bei dem zum Stadtkommandanten bestimmten Generalstabschef Nuris, Nasim Bey, um endlich zu erreichen, daß am 17. mittags ein Infanterieregiment mit dem Schutze der wertvollen Anlagen betraut wurde, durch deren Zerstörung Baku seine wirtschaftliche Bedeutung einbüßen würde.
Die Fahrt durch die Außenstadt auf das Kampffeld bot einen seltsamen Anblick. Die Straßen waren fast menschenleer. Die Läden und Häuser waren nahezu ausnahmslos geplündert. An verschiedenen Stellen waren Haufen von geraubten Gegenständen zusammengetragen, die anscheinend den tatarischen Plünderern abgenommen und teilweise von einzelnen türkischen Soldaten bewacht wurden. Die an sich zweckmäßige Maßnahme kam jedoch nicht zur beabsichtigten Wirkung, da Soldaten und Tataren ungehindert in dem Haufen herumwühlten und wegtrugen, was ihnen beliebte. Schon auf dieser Fahrt zeigten sich die unverkennbaren Spuren schwerer Ausschreitungen. Zwei ermordete Kinder lagen am Wege, dicht neben uns krachte in einer Seitengasse ein Schuß, aus einem Fenster schrien Frauen in höchster Verzweiflung um Hilfe. Unsere Autos hielten, wir eilten in das Haus, allein die Übeltäter waren nach rückwärts entflohen. Trotzdem damals schon allgemein die Überzeugung herrschte, daß in der Stadt jede Zucht und Ordnung aufgehört und die christliche Bevölkerung geplündert, vergewaltigt und gemordet werde, wurde die Fahrt auf das Kampffeld fortgesetzt, wo eine stundenlange Parade vom 6. Infanterieregiment und den übrigen Waffen stattfand.
Nuri Pascha, der in Baku der Höchstkommandierende war, hat es unterlassen, rechtzeitig und ausreichend Maßnahmen zum Schutze des bedrohten christlichen und europäischen Lebens und Eigentums zu treffen. Ich bitte als Beweis für meine Behauptung folgende Punkte aufführen zu dürfen:
1. Am 23. 8. sagte mir Mürzel Pascha in Güsdek, daß die Tataren offen aussprächen, sie würden die Armenier massakrieren, sobald die Türken Baku nähmen. Ich habe diese Äußerung Nuri Pascha mitgeteilt, und ihn rechtzeitig mehrfach um vorbeugende Maßnahmen gebeten.
2. Ich habe sowohl Mürzel als Nuri Pascha gegenüber an Hand des Stadtplanes von Baku dargelegt, wie die Maßnahmen zur Besetzung einer großen Stadt zu treffen seien, einmal zur eigenen Sicherheit, dann zum Schutze fremden Lebens und Besitzes. Ich schlug die Anfertigung vervielfältigter Stadtskizzen und die genaue Einweisung der Regimenter in ihre Aufgaben vor. Von alledem ist nichts geschehen.
3. Der größte Teil der Tataren wohnt in Baku in einem durch eine 2 km lange hohe Mauer abgeschlossenen Stadtteile. Nichts wäre einfacher gewesen, als die Zugänge zu besetzen. Damit wäre einem großen Teil des Mordgesindels die Möglichkeit zu Ausschreitungen genommen gewesen. Bis zuletzt wurde diese Maßnahme nicht durchgeführt.
4. Von vornherein mußten in Gensche oder Tiflis Plakate vorbereitet werden, die das Standrecht verkündeten und jede Plünderung mit dem Tod bedrohten. Als das Gemetzel unvermindert den dritten Tag anhielt, entschloß man sich endlich zu dieser Maßnahme.
5. Nach der Flucht des Feindes wurde am 15. 9. ein Infanterieregiment zu kaum 1000 Mann, das 56. Infanterieregiment, in die Viertel-Millionenstadt mit ihrer gewaltigen Ausdehnung entsendet. Es bedarf keiner Ausführung, daß diese Besetzung völlig unzureichend war.
6. Der Rest der Truppe wurde nicht etwa zur taktischen Sicherung der Stadt verwendet. Die Truppe lagerte friedensmäßig auf den Höhen, hörte unten in der Stadt die ununterbrochenen Schießereien in den Häusern und hielt am 16. 9. vormittags eine Parade vor dem Pascha zu Ehren des hohen muhammedanischen Festtages, des Kurban-Beiram. Auf meine dringenden Vorstellungen, die ich an Halil Pascha als Mensch und Freund richtete, befahl Nuri, daß noch ein zweites Regiment in die Stadt rücken solle. Ich hielt mich für verpflichtet, sofort aufmerksam zu machen, daß diese Maßnahme nicht ausreichend sei. Nuri erwiderte, er hielte sie für genügend.
7. Als wir im Saale des Hotel Metropol versammelt waren, stürmten von allen Seiten telephonische und persönliche Hilferufe auf uns ein. Die neutralen Konsuln, an ihrer Spitze der dänische, erschienen und beschwerten sich in bitteren Worten über die Untätigkeit der Türken, der es allein zu verdanken sei, daß Gemetzel und Plünderung andauerten.
Naturgemäß wendeten sich alle Deutschen und deutschen Schutzbefohlenen an mich, aber auch die Konsuln und andere Persönlichkeiten baten mich als Deutschen um Vermittlung und Unterstützung. Ich brachte sie zu Nuri Paschas Kenntnis. Vor allem ersuchte ich, da ein amtlicher deutscher Vertreter fehlte, um den Schutz deutschen Lebens und Eigentums. Ich erbat die sofortige Gestellung von Schutzposten vor die deutschen Quartiere.
8. Statt mit allen Mitteln an die Herstellung der Ordnung in der Stadt zu gehen, trieben sich die Paschas, der Stadtkommandant, die gesamten Generalstabsoffiziere müßig in den Sälen des Hotels umher. Wenn Klagen und Bitten an Nuri oder den Stadtkommandanten kamen, so wurden sie mit jener inneren Teilnahmslosigkeit abgefertigt, die sofort erkennen läßt, daß jeder ernste Eifer und Wille fehlt. Ein großes Festmahl schloß sich an, dem sämtliche Generäle und die Stäbe mit dem Stadtkommandanten beiwohnten. Das Kaukasuslied wurde gespielt. Mit unverhohlenem Triumph wurde mir der Inhalt verdeutscht, daß nunmehr die Türkei sich ihr altes Eigentum, den Kaukasus, wieder holen werde. Während und nach der Tafel ging in der Stadt Mord und Plünderung weiter. Die Türken ließen sich dadurch in ihrer Untätigkeit nicht stören.
Ich kann die vielfach offen ausgesprochene Ansicht nicht unerwähnt lassen, daß die türkische Führung den Tataren die Gelegenheit zur Rache an den Armeniern geben wollte.
Zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags erschien der dänische Konsul in großer Erregung im Saale des Hotel Metropol, wo sich unentwegt das ganze freie Treiben abspielte, und teilte mir mit, daß erneut deutsche Häuser geplündert und die Bewohner mit Waffen bedroht würden. Ich ging auf Nuri Pascha zu und sagte mit lauter erhobener Stimme ungefähr folgendes: „Exzellenz, ich bitte Sie nun endlich wirksame Maßnahmen zum Schutze der Deutschen zu treffen. Ich bin sonst gezwungen, der Deutschen Botschaft in Konstantinopel zu berichten, wie wenig Sie deutsches Leben und deutsches Eigentum schützen.“ Nuri erwiderte etwas verdutzt, er habe doch alles getan. Ich antwortete, daß dies nicht stimme. Man hätte eine Parade gehalten, während Mord und Plünderung herrschten. Es stünden immer noch 5 Regimenter untätig vor der Stadt, außerdem sitze der Stadtkommandant noch immer untätig im Saale. Von den Führern und Generalstabsoffizieren habe noch keiner das Hotel verlassen, um selbst einzugreifen. Ich bäte ihn nochmals dringend, nun endlich die Sicherheit der Deutschen zu gewährleisten. Ich persönlich würde mich nun mit den 3 deutschen Offizieren in die Stadt begeben, um nach Möglichkeit selbst den Deutschen zu helfen, daraufhin wandte ich mich ab und verließ den Saal.
Die ganze Auseinandersetzung konnte natürlich den im Saale Anwesenden nicht verborgen bleiben. Ich habe mit scharfer Betonung gesprochen, aber kein Wort und keine Geste gebraucht, die im geringsten beleidigend sein könnte. Der Tragweite meines Schrittes war ich mir wohl bewußt. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich in der gegebenen Lage nach all dem Vorausgegangenen so handeln mußte, wenn nicht die deutschen und neutralen Vertreter die Anschauung gewinnen sollten, daß der Schutz deutschen Lebens und Eigentums in ungenügender Weise von mir vertreten würde, da höfliches Ersuchen nicht zum Ziele geführt hatte.
Sachlich trug mein Auftreten jedenfalls Früchte. Der Stadtkommandant wurde sofort seiner Stelle enthoben. Nasim Bey wurde zum Stadtkommandanten ernannt und richtete sich nun eine Arbeitsstätte in einem anderen Hotel ein. Offiziere wurden mit Autos in die Stadt entsandt. Neue Truppen wurden in die Stadt gezogen. In diesen Maßnahmen dürfte das beste Eingeständnis der bisherigen Unterlassungen liegen.
Ich hatte an einige deutsche Häuser türkische Posten aufgestellt und war auf Ersuchen einer deutschen Familie mit Major Mayr zu einem jungen armenischen Rechtsgelehrten gefahren, der von den Tataren mit dem Tode bedroht wurde. Ich stellte vor das Haus ebenfalls einen Posten und nahm den Mann mit in das Hotel. Es war Nacht geworden. Als wir heimfuhren, krachten von allen Seiten die Schüsse. Das Feuer wurde immer lebhafter. Es klang, als ob in der Stadt ein erbitterter Kampf ausgefochten würde. Nuri Pascha meinte, es sei Festschießen zu Ehren des Kurban-Beiram. Auf jeden Fall war das Schießen ein willkommener Deckmantel für die Fortsetzung des Gemetzels.
Am nächsten Morgen, 17. 9., ging die Plünderung ruhig weiter. Nun wurde vor unserem Hotel ein Plünderer aufgehängt. Die Türken erzählten uns, auch andere Hinrichtungen würden jetzt vollzogen, um die Plünderer abzuschrecken. Als ich am 17. 9. abends Baku verließ, war in der Nähe des Bahnhofs noch eine lebhafte Schießerei. Die Ordnung war in der Stadt noch nicht hergestellt.
Die Ausschreitungen spielten sich meist im Innern der Häuser ab. Daher lagen auf den Straßen verhältnismäßig wenig Leichen. Sie waren meistens in Winkeln zusammengetragen, so daß man oft erst durch den Geruch aufmerksam wurde. An einer Stelle sah ich sieben Leichen, meist nackt, übereinander liegen, darunter mehrere Kinder und eine Wöchnerin. Die Leichen waren nahezu alle mit blutunterlaufenen Stellen, die von Kolbenschlägen herrührten und mit Stichen bedeckt. Aus Kellern schlug Leichengeruch entgegen. Ich muß betonen, daß ich nur wenig Zeit hatte, den Spuren des Gemetzels nachzugehen, da ich von allen Seiten um Hilfe bestürmt wurde. Doch schon auf meinen kurzen Gängen traf ich auf diese handgreiflichen Beweise der Metzeleien. Der Eindruck der Plünderung ganzer Straßenzeilen vom Keller bis unter das Dach drängte sich ohne weiteres beim Passieren der Straßen auf. Als ein türkischer Major am 17. abends von einem Rundgang zurückkam, sagte er unaufgefordert zu mir: „Sie haben recht. In der Stadt ist es schrecklich zugegangen. Man kann es nicht leugnen.“ Vor anderen Zeugen erzählte mir ein Deutscher, er sei mit dem Adjutanten Nuri Paschas in ein Haus gekommen, in dem 13 Grusinier ohne Unterschied des Geschlechts und Alters ermordet lagen. Als er darauf hinwies, daß es sich um Grusinier, also deutsche Schutzbefohlene handle, erhielt er die Antwort: „Man hat sie eben für Armenier gehalten.“
Der dänische Konsul bemühte sich, die Erschießung der beiden Deutschen aufzuklären. In ihrem Hause hatten sich armenische Soldaten verteidigt, die bei der Annäherung der Türken flohen. Obwohl beide ohne Waffen waren, und sich als Deutsche bezeichneten, wurde sie ohne weitere Prüfung des Sachverhaltes an die Wand gestellt und erschossen.
Aus der Fülle der tragischen Erlebnisse und erschütternden Eindrücke möchte ich ein Vorkommnis herausgreifen. Eine deutsche Dame mit drei Töchtern teilte mir mit, daß ihr Schwiegersohn -- ein Armenier -- getötet worden und ihre Tochter -- eine Deutsche -- mit zwei Kindern weggeschleppt worden sei. Da ich hoffte, sie befänden sich vielleicht in einem der Schutzlager, in die die Armenier seit dem 17. vormittags mit Kolbenstößen und Peitschenhieben zusammengetrieben und wie Viehherden zusammengepfercht wurden, so ging ich mit ihr von Lager zu Lager. Die Verlorene war nirgends zu finden. Alles hofft auf Deutschlands Hilfe. Vom Auftreten der Türken hat man genug.
Ich halte es für dringend nötig, schon zum Schutze der riesigen wirtschaftlichen Interessen, daß deutsches Militär und deutsche Sachverständige nach Baku kommen.
Den türkischen Versuchen gegenüber, die schweren Verfehlungen und widerlichen Vorgänge in Baku als harmlos und als im Zusammenhang mit der Erstürmung der Stadt hinzustellen, möchte ich nochmals betonen, daß das Gemetzel schon vor Wochen angekündigt und ohne jeden Zusammenhang mit taktischen Vorgängen durchgeführt wurde. Auch der Einwurf, man habe die Truppen nicht in die Stadt gelassen, da man ihrer nicht sicher gewesen sei, ist nicht stichhaltig. Allerdings durfte man nicht, wie es vielfach geschah, die Soldaten in kleineren Patrouillen durch die Stadt schicken. Wo dies geschah, beteiligte sich die türkische Soldateska lebhaft am Plündern und Schänden. Hätte man sie bataillonsweise auf den großen Plätzen aufgestellt und von dort Züge unter Offizieren entsendet, so hätte sich Ordnung schaffen lassen und die Truppe wäre in der Hand behalten worden.
Aus der Fülle von Zeugen, die weit besser wie ich über die schweren Ausschreitungen berichten können, möchte ich den dänischen, schwedischen und persischen Konsul, einen Herrn Dassel neben zahlreichen Deutschen, deren Namen mir entfallen, dann Major Hartmann, Major Mayr, Oberstabsarzt Brokelmann, Leutnant Uttermarck des bayerischen Jägerregiments Nr. 15 nennen. Der russische General Ali Pascha erzählte mir, daß sogar seinen beiden alten Schwestern 600 Rubel in der Wohnung abgepreßt wurden, da man ihnen vorhielt, sie seien Christinnen, obwohl sie den Koran vorzeigten. Ich würde es für richtig halten, daß in Baku eine deutsche Kommission gebildet wird, bei der alle Ausschreitungen gegen Deutsche und deutsche Schutzbefohlene angemeldet werden.
Ab ich am 17.9. abends mich von Nuri Pascha verabschiedete, reichte er mir die Hand. Obwohl es bekannt war, daß bei Baladschari ein Zusammenstoß zweier Züge erfolgt war und die Strecke gesperrt sei, fuhren wir los. Vielleicht käme man doch durch. Die Folge war, daß wir fast 24 Stunden vor Baladschari liegen blieben. Die Station Kyschli war ebenfalls geplündert. In der Gegend im Nordosten Bakus zeigten sich Reitergruppen, zahlreiche Schüsse fielen, Staubwolken tauchten auf. Was wirklich vorging, war nicht zu erkennen.
Am 18. vormittags erschien der Adjutant Halil Paschas und überreichte mir, ohne daß vorher ein Wort zwischen Halil und mir gewechselt oder irgend eine Reibung erfolgt wäre, folgendes Enthebungsschreiben, datiert vom 17. 9.:
Votre tenue et vos paroles d’hier contre S. E. Noury Pascha, le commandant en Chef de l’armée Islam, devant une foule amie et étrangère et par conséquence la plainte officielle de S. E. à moi m’obligent définitivement de mettre un terme à votre Mission de Chef d’Etat-Major chez moi.
Je vous ai mis à la disposition du grand quartier Général auquel je l’ai télégraphié.
Halil
en Chef de groupe d’armées d’Est. Lieutenant-Général et commandant.
Der schroffe Inhalt des Schreibens machte es mir unmöglich, die Geschäfte bis zur Antwort des Großen Hauptquartiers weiterzuführen. Sie wurden vom Sous Chef, Oberstleutnant Bassri Bey, übernommen.
Paraquin, Oberstleutnant.
Anlage 2.
Délégation Imperiale Allemande au Caucase. Tiflis, le 20 Septembre 1918.
Excellence,
En vous faisant parvenir ci-jointe la copie d’un télégramme que je viens d’adresser à Son Excellence Noury Pascha, je ne manque pas de prier aussi Votre Excellence instamment de faire valoir toute votre influence auprès de votre Gouvernement et auprès du commandant-en-chef de l’armée Islam afin qu’il consente à la demande que j’ai dû lui exprimer. Comme représentant de l’Allemagne le plus rapproché des événements de Bacou je porte toutes les responsabilités pour la protection des sujets Allemands de cette ville vis-à-vis de mon Gouvernement ainsi que de la nation Allemande toute entière.
En même temps je crois pouvoir recourir à vos sentiments de haute justice et de l’humanité pour obtenir l’intervention de Votre Excellence en faveur des pauvres gens qui en ce moment souffrent si terriblement de la fureur des Tatares et qui ne sauraient être sauvés que par une puissante protection des troupes régulières Ottomanes.
D’après les renseignements absolument sûrs que je viens de recevoir, les Tatares ont commencé immédiatement après l’entrée dans la ville des troupes Ottomanes à se livrer à toutes sortes de cruautés, de pillages et de massacres. En première ligne ces atrocités furent dirigées contre les Arméniens, mais il y en a aussi des sujets des autres nations, qui sont tombés victimes eux-mêmes et leurs biens propres.
Quoique Noury Pascha disposât d’un nombre suffisant de troupes régulières pour mettre immédiatement fin à ces cruautés, il n’a pas pris pour des raisons qui ne me sont pas connues à temps des mesures énergiques de sorte que même le soir du 17 l’ordre à Bacou ne fut pas encore rétabli.
C’est en ma qualité de collègue et d’Allié que je me permets d’adresser cet appel au représentant d’une grande nation civilisée. En particulier je me base sur les promesses que Votre Excellence a bien voulu me donner au sujet des efforts que vous avez fait pour arriver à un resserrement des relations cordiales entre nos deux puissances.
Je saisis l’occasion pour renouveler à Votre Excellence l’assurance de ma très haute considération.
v. Kreß.
Son Excellence Abdoul Kerim Pascha, Représentant Impérial Ottoman près du Gouvernement de la République Géorgienne à Tiflis.
Anlage 3.
Délégation Imperiale Allemande au Caucase. Tiflis, le 20 Septembre 1918.
Très urgent!
Télégramme.
Je tiens d’une source absolument sûre que lors des massacres, qui malheureusement ont eu lieu à Bacou après la prise de la ville, plusieurs sujets ou anciens sujets Allemands sont aussi tombés victimes des atrocités et leurs biens dévastés. Par conséquent vu le fait que Votre Excellence n’était pas à même de protéger suffisamment les vies et les intérêts des citoyens Allemands, je vous adresse au nom de l’Empire Allemand la demande officielle et formelle de donner dès à présent votre consentement à l’envoi d’un bataillon Allemand qui sera exclusivement chargé de la sauvegarde des dits intérêts de mes connationaux. En ce qui concerne les crimes, qui ont été déjà commis contre des sujets Allemands je me réserve d’y revenir plus tard après avoir reçu les instructions y relatives de mon Gouvernement. Veuillez répondre, Excellence, par retour du courrier, et agréez l’assurance de ma haute consideration.
Général v. Kreß.
A Son Excellence Noury Pascha Général de division Impérial Ottoman à Bacou.
Anlage 4.
Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 20. September 1918.
Herr Diplomatischer Vertreter!
Ich erfahre soeben aus absolut zuverlässiger Quelle, daß nach der Eroberung Bakus durch die türkischen Truppen tatarische Banden und Teile der tatarischen städtischen Bevölkerung Gemetzel größten Umfangs angezettelt haben, dem auch einige Deutsche zum Opfer gefallen sind.
Indem ich mir vorbehalte, auf einzelne Geschehnisse zurückzukommen, sobald ich im Besitz entsprechender Instruktionen meiner Regierung bin, bitte ich Euere Exzellenz schon heute, Ihrer Regierung mitteilen zu wollen, daß ich genötigt sein werde, volle Genugtuung für die Gewalttaten zu fordern, denen wehrlose Deutsche oder unter deutschem Schutz stehende Personen von Seiten der Tataren ausgesetzt gewesen sind.
Genehmigen Euere Exzellenz die erneute Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.
v. Kreß.
Seiner Exzellenz Herrn Djafaroff, diplomatischem Vertreter der Aserbeidschanischen Republik bei der Georgischen Regierung in Tiflis.
Anlage 5.
(Ottomanische Vertretung in Tiflis.) Tiflis, le 21. Septembre 1918.
A Son Excellence le Représentant du Gouvernement de l’empire allemand, Général von Kreß.
Excellence,
J’ai l’honneur de vous informer sur les soi-disantes atrocités et attaques sur les vies et bénéfices des sujets allemands pendant l’occupation de Bacou. Cela a été avisé à Votre Excellence par une idée tout à fait exagérée et pour les Arméniens aussi il n’a pas été commis aucun excès et aucune cruauté. Quant aux petits événements qui soi-disant eurent lieu pendant l’occupation de la ville, ils peuvent être considérés comme des accidents attachés aux anciens événements et cela peut arriver partout, mais c’est bien sûr que sur la chute d’une position de défense, qui a passée des scènes sanglantes, dans le passé et dans le présent, quelques petits accidents peuvent surgir, mais ils n’ont absolument aucun sens de massacre. Et surtout de pratiquer volontairement une attaque contre les sujets allemands, peut rester tout à fait en dehors de la vérité. C’est absolument impossible admettre de la part de l’armée et du peuple ottoman d’une telle action vis-à-vis de son allié et ami, Etat et peuple d’Allemagne. On peut réparer toujours les petits dégats qui soi-disant ont eu lieu pendant le courant des événements de Bacou et en même temps s’il y a eu de tels incidents appartenants à ce temps là, ce sera bien possible d’empêcher définitivement leurs répétitions et de maintenir la discipline et l’ordre, d’établir aussi la tranquillité et la paix et je crois que jusqu’à maintenant toutes ces choses là sont faites. C’est pour cela que je ne vois d’après moi aucun besoin d’envoyer un autre bataillon pour une ville qui a été prise avec tel prix de sang et des pareils sacrifices.
Parce que c’est bien sûr que les officiers supérieurs, les officiers et les troupes ottomanes qui se trouvent à Bacou savent que toutes sortes de droits de leurs confrères allemands sont aussi honorés et sacrés au même degré de leurs propres droits. C’est ce que j’appuis sur les idées et les jugements de n’envoyer sans nécessité un bataillon allemand à Bacou, c’est fondé sur la raison qui ne consiste aucun danger pour l’Empire ottoman et pour les armées devant nos ennemis communs ainsi que pour les sujets allemands et la façon d’agir en envoyant le susdit bataillon aura peut-être quelques inconvénients et des rumeurs nuisibles dans les sphères qui nous entourent.
Cependant en parlant du texte de votre lettre, Excellence, je l’ai communiqué au Gouvernement et au Commandant de l’armée de l’Islam et j’ai ajouté de ma part qu’il soit apporté de la part des troupes ottomanes le concours essentiel avec une attention spéciale, et s’il existe des nécessiteux, il faudrait pour ces pauvres aussi, par grâce, prêter le concours immédiat.
En joignant mes respects, Excellence, j’ai l’honneur d’appuyer sur notre alliance remplie d’honneur et de gloire communs et nos liens et amitiés et aussi les créances que Votre Excellence porte pour le gouvernement et le peuple ottoman et ainsi que pour l’armée remplie d’héroisme.
Veuillez agréer, Excellence, l’assurance de ma haute considération. Représentant Diplomatique et Militaire du Gouvernement Impérial Ottoman,
Abdul-Kerim
Anlage 6.
(Türkische Kaukasusarmee.) Bakou, le 25-9-34.
Excellence,
J’ai reçu votre télégramme et votre honoré du 20.9.18 informant les évènements arrivés à Bakou.
Ces nouvelles ne peuvent être de si authentique comme d’annonce.
Le premier jour de l’offensive générale de nos troupes contre Bakou, la résistance de l’ennemi n’avait pas été rompu tout à fait.
Le lendemain, par suite de la défense et durable et définitive de l’ennemi, l’armée a été obligée d’entrer en combat à la ville.
Plusieurs musulmans déjà chagrinés du massacre des musulmans fait par les arméniens en date 18 Mars 1918, et surtout les gaspilleurs ouvriers Persans, profitèrent instantanément de l’occasion présentée et se mirent à commettre quelques offenses.
Ces évènements a pu se rétablir en sûreté par les preuves et les mesures énergiques prit par l’armée et par la condamnation à mort de centaines de musulmans coupables de ces atrocités.
Dès lors, la ville possède une sûreté extraordinaire de sorte qu’aucun du peuple ne porte plainte.
Les renseignements que vous venez de recevoir sur les sujets allemands tombés victimes des atrocités ne sont pas ni vrais et ni réels, si il y a de même des offenses commis envers les sujets allemands, le Gouvernement Azerbaydjanien est obligé de dédommager les pertes désignées.
Les troupes turcs ont déjà rétabli l’ordre et la sûreté public. Voilà pourquoi il ne serait pas nécessaire d’envoyer les troupes allemandes pour la sauvegarde des sujets allemands.
C’est un de mes spéciaux devoirs la charge de protéger les vies et les intérêts des sujets allemands.
Noury, Général de Division.
Son Excellence le Général von Kreß, Délégué Impérial Allemand Tiflis
443.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 29. Oktober 1918.
Die Meldung der Tribune de Genève[157] ist unzutreffend. Der wahre Sachverhalt ist folgender:
Bereits am 4. Juni hat die Türkei in Batum mit der damals neu gegründeten armenischen Republik einen Friedensvertrag geschlossen, dessen Bestimmungen in territorialer Hinsicht für die Armenier sehr ungünstig waren. Die türkische Grenze war weit über die im Frieden von Brest-Litowsk gezogene Linie vorgeschoben. Das den Armeniern verbleibende unfruchtbare Gebirgsland reichte nicht aus, um außer den ursprünglichen Bewohnern, den vielen Flüchtlingen aus Türkisch-Armenien und den von den Türken besetzten kaukasischen Gebieten Unterkommen und Nahrung zu bieten. Wir haben den Vertrag von Batum nicht anerkannt und alsbald energische Schritte unternommen, um die Türken zur Innehaltung der Bestimmungen des Brester Friedens zu veranlassen. Lange zeigte sich die türkische Regierung taub gegen alle Vorstellungen. Auch unser Versuch, den armenischen Flüchtlingen wenigstens zur Bergung der Ernte die Rückkehr in ihre verlassenen Dörfer zu ermöglichen, blieb zunächst erfolglos.
Erst bei den Verhandlungen, die im September hier mit dem Großwesir geführt wurden, gelang es uns, ihn zum Entgegenkommen gegenüber den Wünschen der Armenier zu bewegen und das Versprechen einer Revision der territorialen Bestimmungen des Vertrages von Batum zu erlangen. Die seit Anfang Juni in Berlin anwesenden armenischen Delegierten haben an den deutsch-türkischen Verhandlungen nicht teilgenommen. Talaat Pascha hat sich aber ihnen gegenüber im gleichen Sinne ausgesprochen.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Konstantinopel hat er dann sein uns gegebenes Versprechen erfüllt und mit der armenischen Republik eine Vereinbarung über Wiederabtretung und Räumung des armenischen Gebiets bis zur Grenze von Brest-Litowsk abgeschlossen.
I. A.: von Langwerth.
An die Deutsche Gesandtschaft, Bern.
_November._
444.
Société Impériale ottomane du Chemin de Fer de Bagdad. Konstantinopel, den 5. November 1918.
An den Verwaltungsrat der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft, Berlin, betreffend Armenierfrage.
In dieser Frage haben wir Ihnen in den Jahren 1915 und 1916 -- hauptsächlich im Sommer und Herbst 1915 -- vielfach und eingehend zu berichten gehabt.
Wie Sie sich erinnern werden, hatten wir Kämpfe zu bestehen, um unsere armenischen Angestellten ihrem Dienst an unseren Bahnen zu erhalten. Die kritischste Periode war im August 1915, als die türkische Regierung unvermittelt eines Tages an die Ausführung ihrer Absicht ging, unsere armenischen Angestellten in der Zahl von etwa 850 zwangsweise mit ihren Familien in die entfernteren Gegenden des Reiches abzuführen. Sie erinnern sich, daß der Zeichner dieses damals zunächst einen Aufschub der Maßregeln erwirkte dadurch, daß er erklärte, zur selbigen Stunde den Betrieb auf der ganzen Linie einzustellen, weil ein solcher in geregelter Weise nach der Herausnahme von 850 geschulten und eingearbeiteten Beamten eine Unmöglichkeit sei. An unserer ohnehin geschwächten Organisation zu rühren, bilde überhaupt eine Gefahr von ungeheurer Tragweite, die sogar den Gang des Krieges beeinflussen könne.
Es war dann eine sehr schwierige Aufgabe, den Aufschub in eine Aufhebung der Maßregeln gegen unsere armenischen Angestellten umzuwandeln, und, wie Sie wissen, haben wir diese Aufgabe trotz vielfacher und immer wieder aufs neue einsetzender starker Pression siegreich durchgeführt.
In diesen Tagen war nun eine Deputation unserer armenischen Angestellten bei uns, um zu erklären, daß sie erst jetzt die Freiheit besäßen, uns auszusprechen, was sie seit 1915 in steigender Lebhaftigkeit empfunden hätten, nämlich daß sie und ihre Familien Leben und Existenz nur unserem damaligen festen Eingreifen zu danken hätten. Daß sie seien, und was sie seien, dankten sie einzig der Leitung der anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft, und es gäbe in den armenischen Familien an unseren Linien kein Familienmitglied, daß dieser Tatsache nicht jeden Tag, den Gott gibt, dankbar gedächte. In diesem Sinne sprach sich die Deputation aus, und unsere Erwiderung bewegte sich in der Richtung, daß wir an unseren armenischen Angestellten stets gewissenhafte Mitarbeiter besessen hätten, und daß es sich um ein einfaches Gebot der Pflicht für uns gehandelt hätte, Treue mit Treue zu entgelten. Den Dank nähmen wir gerne entgegen und hofften, daß wir ihn in der Gestalt von treuer Pflichterfüllung und Hingabe an unsere gemeinsame Aufgabe betätigt sähen. Wenn wir uns wie bisher auf unsere armenischen Angestellten verlassen könnten, so könnten sie sich mit Zuversicht auch auf uns -- die Leitung -- verlassen, und auf diese Weise könnten wir in gemeinsamer ernster Arbeit jeder von seinem Platze aus die Aufgabe erfüllen, die unseren Bahnen in der Türkei zum Besten des Landes und seiner Bewohner gestellt ist.
Einige Tage nach dem Erscheinen dieser Deputation sandte der armenische Patriarch in seiner Vertretung einen Herrn zu uns, dessen offizielle Tätigkeit die Führung der Geschäfte des armenischen Patriarchats ist. Im Namen des Patriarchs und des ganzen armenischen Volkes dankte er mir für meine Intervention zugunsten unserer armenischen Angestellten und deren Familien. Die armenische Nation habe eine Dankesschuld abzutragen, die Ehrensache eines jeden Armeniers sein müsse.
Ich möchte hier noch beifügen, daß unmittelbar nach meinem ersten Vorgehen im August 1915 und meiner stürmischen Auseinandersetzung mit den Behörden der damalige armenische Patriarch einen Vertrauten zu mir sandte mit folgender Botschaft: Er (der Patriarch) sei ein alter Mann und hoffe bald vor Gottes Thron zu stehen. Er sehne diesen Augenblick herbei, und er werde sich dem Throne Gottes mit einem Gebet auf den Lippen für mich nähern. Das sei alles, was er mir für jetzt im Namen der Armenier sagen lassen könne.
Die Armenier werden jetzt wieder in ihre ursprünglichen Wohnorte zurückgeführt. Das Elend der Armen ist nach ihren mehrjährigen Leiden ungeheuer. Um im Gebiet unserer Bahn den Leuten etwas Hilfe zu leisten, haben Herr Huguenin und Zeichner dieses im Hinblick auf die Unmöglichkeit einer vorhergehenden Verständigung mit Ihnen jeder von sich aus Ltq. 500 dem bestehenden Komitee gespendet.
Hochachtungsvoll Der Generaldirektor. Günther.
Anhang
Inhalt.
1. Zeitun und Suedije S. 457
2. Bitlis-Musch S. 468
3. Wan S. 471
4. In den Konzentrationslagern S. 486
5. Das Hilfswerk in Urfa S. 494
1.
Zeitun und Suedije.[158]
Ich war ein Jahr lang Pfarrer im Dienste der armenisch-protestantischen Kirche in Zeitun. Der folgende Bericht gibt meine persönlichen Erfahrungen wieder:
Früh im Frühjahr dieses Jahres begann die Regierung eine drohende Haltung gegenüber der Bewohnerschaft von Zeitun anzunehmen. Älteste und Notable der Stadt wurden vorgeladen und einem inquisitorischen Verfahren unter Anwendung der Bastonnade unterzogen. Absurde und unmögliche Anklagen wurden erhoben, um Geld zu erpressen. Inzwischen wurden 4000 Soldaten regulärer Truppen in den Kasernen oberhalb der Stadt einquartiert. Ein Versuch, das armenische Kloster, in das sich Deserteure geflüchtet hatten, zu überrumpeln, kostete den Türken einige Verluste und verfehlte seinen Zweck. Die Besatzung des Klosters verteidigte sich, und selbst als sie von Feldartillerie angegriffen wurde, gelang es nicht, das Kloster zu nehmen.
Infolgedessen wurden fünfzig der angesehensten Männer von Zeitun in die Kaserne geladen „zu einer Konferenz mit dem Kommandeur“. Sie wurden sofort gefangen gesetzt, und ihre Familien wurden geholt. Jedermann wartete ängstlich auf die Rückkehr dieser Leute. Aber nach einiger Zeit erfuhr man, daß sie an einen unbekannten Bestimmungsort fortgeschickt worden waren. Ein paar Tage später wurde eine andere und größere Gruppe von Familien in die Kaserne befohlen und mit Drohungen und Flüchen an einen anderen Verbannungsort fortgetrieben. Auf diese Weise wurden 300 oder 400 Familien fortgeschickt, auf abseitigen Wegen durch die Berge, die einen nordwestlich nach Konia zu, andere südöstlich in heiße und ungesunde Distrikte von Mesopotamien (Der es Zor). Tag für Tag sahen wir, wie die verschiedenen Viertel der Stadt von Einwohnern entblößt wurden, bis von den 10000 Einwohnern der Stadt nur ein kleiner Rest übrigblieb.
Neben meinen Pflichten als Pfarrer hatte ich gerade damals die Aufsicht über das Missions-Waisenhaus. Der Kommandeur ließ mich morgens holen und sagte mir, ich solle mich sofort zur Abreise bereit halten. „Ihre Frau muß auch gehen“, sagte er, „und die Kinder vom Waisenhaus.“ Wir trafen eilends unsere Vorbereitungen, denn wir durften nur wenig mit uns nehmen. Als wir fortzogen, sah ich mit trauerndem Herzen zurück auf unsere Kirche, die leer und verlassen stand. Die letzte Schar von unsern Landsleuten strömte das Tal hinunter in die Verbannung. Ich hatte in früheren Zeiten Massakers gesehen, aber etwas Ähnliches hatte ich niemals vorher gesehen. Ein Massaker ist wenigstens schnell vorüber, aber die verlängerte Seelenqual einer solchen Deportation ist fast nicht zu tragen.
Der erste Tagesmarsch erschöpfte uns alle. Als wir uns im Freien niederlegten, kamen im Dunkeln türkische Maultiertreiber und beraubten uns der wenigen Esel und Maultiere, die wir hatten. Am nächsten Tag erreichten wir in kläglichem Zustand Marasch: die Kinder mit geschwollenen und wunden Füßen. Durch dringende Fürsprache der amerikanischen Missionare erhielten wir für mich und meine Frau vom Gouverneur Erlaubnis, in mein Heimatdorf, Yughonoluk, das in der Nähe der See, 12 Meilen westlich von Antiochia, gelegen ist, zurückzukehren. Der Gouverneur gab die Erlaubnis nur aus dem Grunde, weil meine Frau und ich nicht Eingeborene von Zeitun waren. Mein Herz war geteilt zwischen dem Wunsch, dem Rest meiner Gemeinde in die Verbannung zu folgen, und dem Wunsch, meine Frau an einen Ort zu bringen, wo sie in meinem Elternhaus verhältnismäßig sicher war. Da der Reiseschein schon ausgestellt war, hatte ich keine Alternative, sondern mußte gehen.
In Aintab fanden wir die große armenische Gemeinde in großer Sorge, aber damals war noch nicht der Befehl gegeben, die Stadt zu verlassen. Gerüchte erreichten uns, daß auch die Dörfer am Meer bedroht waren, aber wir hielten es für das beste, unsern Weg nach Süden fortzusetzen, obgleich die Reise zu solcher Zeit schwierig war.
Der letzte Teil unseres Weges führte uns durch eine fruchtbare Ebene nach Antiochia. Reste der Römerstraße, die einst von Antiochia nach Seleucia ans Meer führte, sind noch in dem Tal unterhalb meines Heimatdorfes zu bemerken. Die steinernen Dämme der römischen Hafenbauten von Seleucia sind durch die Stürme und Erdbeben der Jahrhunderte noch nicht völlig zerstört worden.
Die Leute meines Heimatdorfes Yoghonoluk sind einfache fleißige Leute. Jahrelang war ihre Hauptbeschäftigung das Sägen und Handpolieren von Kämmen aus hartem Holz und Bein. Viele unserer Männer sind auch geschickte Holzschnitzer. In den Nachbardörfern sind die Hauptbeschäftigungen Seidenraupenzucht und Webereien für seidene Taschentücher und Shawls auf Handwebstühlen. Jedes Haus ist von Maulbeerbäumen umgeben, und viele schöne Obstgärten bedecken die terrassenartigen Abhänge nach Süden und Westen. Reisende, welche in Süditalien gewesen sind, erzählen uns, daß die Dörfer bei Neapel den unsern gleichen. Der breite rauhe Rücken des Musa-Dagh, der an den Djebel el Ahmar stößt, erhebt sich im Osten. Jede Schlucht und jede Klippe unseres Berges ist unsern Knaben und Männern bekannt. Unsere Leute lieben ihre Kirchen sehr, und seitdem die amerikanischen Missionare hier Schulen eröffnet haben, haben die meisten unserer Kinder Lesen gelernt.
Ich erwähne diese Dinge über mein Heimatsdorf, damit Sie etwas fühlen können von dem ruhigen glücklichen Leben, das durch diesen letzten Versuch der Türken, unsere Rasse auszurotten, so roh und so vollständig zerstört worden ist.
Achtzehn Tage, nachdem ich meine Heimat erreicht hatte, kam ein offizieller Befehl von der türkischen Regierung in Antiochia, daß die sechs Dörfer am Musa Dagh sich innerhalb sieben Tagen auf die Verschickung vorzubereiten hätten. Sie können sich die Bestürzung und Entrüstung kaum vorstellen, welche dieser Befehl verursachte. Wir saßen die ganze Nacht auf und überlegten, was wir am besten tun könnten. Es schien hoffnungslos, der türkischen Regierung zu widerstehen, und doch schien es eine so furchtbare Aussicht, unsere Familien in die ferne Wüste zu schicken, die von fanatischen Araberstämmen bewohnt wird, daß die Frauen sowohl als die Männer dahin neigten, sich dem Befehl zu widersetzen und lieber den Zorn der Regierung auf sich zu laden. Indessen waren nicht alle dieser Ansicht. Pastor Harutiun Nokhudian, der Pfarrer der protestantischen Kirche in Beytias, zum Beispiel kam zu der Überzeugung, daß es eine Torheit sein würde, Widerstand zu leisten, und daß die Härte der Verbannung vielleicht irgendwie gemildert werden könnte. Er war dafür, nachzugeben. Fünfzig Familien seines eigenen Dorfes und eine beträchtliche Zahl aus dem Nachbardorf die ihm zustimmten, trennten sich von uns und machten sich unter türkischer Bewachung nach Antiochia auf den Weg. Sie wurden in der Richtung auf den unteren Euphrat weitertransportiert. Wir haben alle Spur von ihnen verloren und hören vielleicht niemals wieder von ihnen.
Unsere Freunde, die amerikanischen Missionare, waren von uns abgeschnitten, 120 (engl.) Meilen weit nach Norden in Aintab. Da alle Verbindungen mit der Außenwelt abgebrochen waren, sahen wir uns auf unsere eigene Hilfe angewiesen, und es wurde uns klar, daß die Gnade Gottes unsere einzige Hoffnung war. Da wir wußten, daß es unmöglich sein würde, unsere Dörfer am Fuß der Berge zu verteidigen, entschlossen wir uns, uns auf die Höhen des Musa-Daghs zurückzuziehen. Wir nahmen soviel als möglich Nahrungsmittel mit und soviel Gerät, als möglich war zu tragen. Alle Schafe und Ziegenherden wurden den Berg hinaufgetrieben, und jede Verteidigungswaffe wurde instand gesetzt. Wir fanden, daß wir 120 Büchsen und Gewehre hatten und vielleicht dreimal soviel alte Feuersteinschloßgewehre und Sattelpistolen. Die Hälfte unserer Männer blieb noch ohne Waffen. Es wurde uns schwer, unsere Häuser zu verlassen und von unseren Kirchen und Schulen Abschied zu nehmen. Am dritten Tage erreichten wir bei Eintritt der Nacht die Höhen des Berges. Beim Morgengrauen des nächsten Tages waren alle Hände an der Arbeit, um an den wichtigsten Stellen Gräben zu graben. Wo keine Erde war, um Gräben zu graben, wurden Felsen aufeinandergerollt und daraus Barrikaden gemacht, hinter welchen unsere Schützen verteilt wurden. Die Sonne ging herrlich auf, und wir waren den ganzen Tag hart an der Arbeit, um unsere Stellungen gegen einen Angriff zu befestigen, den wir bald erwarten mußten.
Gegen Abend hatten wir eine allgemeine Zusammenkunft und wählten ein Verteidigungskomitee, dem die oberste Autorität für unsere sechs Gemeinden zuerkannt wurde. Einige begünstigten eine Wahl durch Händehochheben, aber andere meinten, daß dies eine Sache von so ungeheurer Wichtigkeit sei, daß die übliche Wahlmethode der Gemeinde durch geheime Abstimmung befolgt werden sollte. Schnell wurden Papierschnitzel gesammelt und die Wahl vorgenommen. Nachdem auf diese Weise ein Rat gebildet worden war, wurden sofort Pläne gemacht, um jeden Paß des Berges und jeden Zugang zum Lager zu verteidigen. Wächter, Boten und eine Reservetruppe von Schützen wurden gewählt und ihnen ihre Pflichten zugeteilt.
Der Regierungsbefehl war am 30. Juli ausgegeben worden. Die Frist von sieben Tagen war jetzt fast verstrichen, und wir konnten feststellen, daß die Türken unsere Flucht entdeckt hatten. Die Ebene von Antiochia ist von Türken und Arabern bevölkert, und immer liegt eine starke militärische Besatzung in den Kasernen von Antiochia.
Am 5. August begann denn auch der Angriff. Die Vorhut bestand aus 200 Regulären. Ihr Hauptmann rühmte sich, daß er den Berg an einem Tage säubern würde. Aber die Türken hatten mehrere Verluste und wurden an den Fuß des Berges zurückgeworfen. Als wir Vorbereitungen trafen, uns zu lagern und das Abendessen zu kochen, setzte ein strömender Regen ein, der die ganze Nacht andauerte. Darauf waren wir schlecht vorbereitet. Es war nicht Zeit gewesen, Hütten aus Zweigen zu machen, noch hatten wir irgendwelche Zelte aus wasserdichtem Stoff. Männer, Frauen und Kinder, im ganzen etwas über 5000, wurden bis auf die Haut naß. Viel von dem Brot, das wir mitgebracht hatten, wurde in eine Teigmasse verwandelt. Wir waren mehr besorgt, unser Pulver und unsere Büchsen trocken zu halten.
Als die Türken zu einem allgemeinen Angriff vorgingen, schleppten sie zwei Feldkanonen auf den Berg, welche nach einigen Experimenten sich einen Abschnitt sicherten und Verheerungen in unserm Lager anrichteten. Einer unserer Schützen, ein beherzter junger Bursche, kroch durch das Buschwerk hinunter und zwischen den Felsen entlang, bis er dem Bereich der Feldkanonen nahe war, die auf einer Felsenfläche aufgestellt waren. Nachdem er sich eine Barrikade von Zweigen gemacht hatte, wartete er auf eine gute Gelegenheit. Er war so nahe, daß er die Türken miteinander reden hören konnte, wenn sie die Kanonen luden. Als ein Kanonier in Sicht kam, streckte ihn der junge Mann mit dem ersten Schuß nieder. Mit 5 Kugeln tötete er 4 weitere Kanoniere. Der Hauptmann warf voll Entsetzen seine Hände in die Höhe, und da er nicht fähig war, unseren Schützen zu entdecken, befahl er, daß die Kanonen nach einem gedeckten Platz geschleppt wurden. So wurden wir an jenem Tage und an mehreren späteren vor schwerem Feuer bewahrt.
Aber die Türken zogen ihre Streitkräfte zu einem Hauptangriff zusammen. Sie hatten in viele muhammedanische Dörfer Botschaft geschickt, um die Leute zu den Waffen zu rufen. Armeebüchsen und viel Munition wurden aus dem Arsenal in Antiochia ausgegeben, bis der Haufe von 4000 Muhammedanern, die nach einem Massaker dürsteten, ein für uns furchtbarer Feind geworden waren. Aber die Hauptmacht der Türken waren die 3000 regulären Truppen, die an Disziplin und an Beschwerlichkeiten gewöhnt waren.
Plötzlich eines Morgens meldeten unsere Späher unserm Hauptquartier, daß der Feind an jedem der Bergpässe erschienen sei. Hier und da hatten die Türken schon die Hänge und die Bergrücken besetzt. Unsere Reservetruppe war unklugerweise, wie wir später merkten, in kleinen Gruppen nach diesen verschiedenen Punkten geschickt worden. Kaum waren unsere Kräfte so verteilt, als ein Massenangriff mit großer Gewalt eine Schlucht hinauf einsetzte. Das gesamte übrige Vorgehen waren Scheinangriffe gewesen, die nicht weiter verfolgt wurden. Mit der Zeit erkannten unsere Leute die Lage und berichteten von verschiedenen Punkten, daß die Türken unsere Späher erschossen und einen wichtigen Paß genommen hätten. Zu unserm Entsetzen sahen wir sie schon in vollem Besitz der Höhen, so daß sie unser Lager bedrohten. Verstärkungen rückten beständig den Berg herauf, und als der Nachmittag herankam, sahen wir, daß wir weit in der Minderzahl waren. Wir merkten auch, daß die Schußweite der türkischen Büchsen unsern altmodischen Feuerwaffen weit überlegen war. Bei Sonnenuntergang hatte der Feind 3 Kompagnien durch das dichte Unterholz und den Wald vorgeschickt, bis auf 400 Ellen vor unsern Hütten. Eine tiefe dumpfige Schlucht lag dazwischen, und die Türken entschlossen sich, lieber da, wo sie standen, zu biwakieren als in der Dunkelheit weiter vorzugehen.
Unsere Führer hielten in aller Eile Rat ab, flüsterten nur leise und erlaubten kein Licht im Lager. Jedermann wußte, daß die Lage kritisch war. Endlich wurde ein gewagter Plan angenommen. Im Dunkel der Nacht an die türkischen Stellungen heran zu kriechen, eine Einkreisungsbewegung auszuführen, dann einen plötzlichen Feuerüberfall zu eröffnen und zum Nahkampf überzugehen. Wir wußten, daß alles verloren war, wenn dieser Plan scheiterte. Mit außerordentlicher Geschicklichkeit krochen unsere Männer durch die dunkeln und feuchten Wälder. Hier machte unsere Vertrautheit mit jenen Schluchten und Dickichten es möglich, etwas auszuführen, was Fremde nicht hätten versuchen können. Der Kreis war tatsächlich geschlossen, als mit Blitzen und Krachen von allen Seiten unsere Männer zum Angriff übergingen und mit verzweifeltem Mute vorwärts stürmten.
Nach wenigen Augenblicken war es klar, daß Bestürzung und Schrecken das türkische Lager in die größte Verwirrung gebracht hatte. Die Truppen stürzten in der schwarzen Nacht hierhin und dorthin und stolperten über Felsplatten und Baumstämme. Offiziere schrieen sich widersprechende Befehle zu und mühten sich vergeblich, ihre Leute zusammenzuhalten. Augenscheinlich glaubten sie es mit einem sehr gefährlichen Angriff zu tun zu haben, denn nach weniger als einer halben Stunde gab der türkische Oberst den Befehl zum Rückzug, und vor Morgengrauen waren die Wälder tatsächlich von Truppen frei. Mehr als 200 Türken waren gefallen, und wir hatten einige Beute gemacht: 7 Mausergewehre, 2500 Pack Munition und einen Maulesel. Kein Anzeichen deutete auf einen Wiederbeginn des Kampfes, aber wir wußten, daß unser Feind nicht geschlagen war. Er war nur vertrieben.
Während der nächsten Tage wurde die ganze muhammedanische Bevölkerung, viele Meilen im Umkreis, mobil gemacht, eine Horde von vielleicht 8000 Menschen. Mit dieser Masse konnten sie den Musa Dagh umzingeln und auf der Landseite belagern. Ihr Plan war, uns auszuhungern. Auf der Seeseite war kein Hafen, noch irgendeine Verbindung mit einem Seehafen möglich. Der Berg fiel steil zum Meere ab. Wir waren voll beschäftigt mit der Sorge für unsere Verwundeten und der Ausbesserung des Schadens, der in unserm Lager angerichtet war. Besondere Versammlungen wurden abgehalten, um Gott zu danken, daß er uns so weit bewahrt hatte, und für unsere Familien und für unsere Kleinen zu beten.
Als wir entdeckten, daß unser Berg im Belagerungszustand war, begannen wir, unsere Nahrungsquellen abzuschätzen. Während der ersten Woche auf der Höhe war das Brot, die Kartoffeln und der Käse, welche wir von Hause mitgebracht hatten, zu Ende gegangen. Sehr wenige nur hatten Mehl und andere Feldfrüchte mitbringen können. Einen Monat etwa lebten wir von unsern Herden und schlachteten täglich eine Zahl Schafe und Ziegen. Die Ziegenmilch brauchten wir für die Kinder und die Kranken. Diese beständige Fleischnahrung bekam uns nicht, aber wir waren tief dankbar, daß wir so dem Hungertode entgingen. Ende Juli zählten wir sorgfältig die Herden und fanden, daß unser Vorrat, selbst bei reduzierter Fleischration, nicht länger als zwei weitere Wochen reichen würde. Von Anfang an hatten wir daran gedacht, ob wir nicht auf dem Seewege entkommen könnten.
Ehe wir durch die Belagerung eingeschlossen waren, hatten wir einen Läufer abgesandt, der die gefährliche Reise von 85 (engl.) Meilen durch türkische Dörfer bis Aleppo, der Provinzialhauptstadt, machen mußte, mit einer Bitte an den amerikanischen Konsul Mr. Jackson, uns, wenn möglich, Hilfe von der See aus zu schicken. Aber es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß unser Läufer Aleppo je erreichen würde. Da kam uns der Gedanke, daß möglicherweise ein Kriegsschiff der Verbündeten 35 Meilen nördlich im Hafen von Alexandrette liegen könnte. Einer unserer jungen Leute, der ein guter Schwimmer war, erklärte sich freiwillig bereit, durch die türkischen Linien zu kriechen und eine Botschaft mitzunehmen, die an der Innenseite seines Gürtels befestigt war. Es gelang ihm auch, die Hügel zu erreichen, von denen aus man den Hafen von Alexandrette überblicken konnte, aber als er sah, daß kein Kriegsschiff da war, kehrte er zurück. Sein Plan war gewesen, in das Meer hinauszuschwimmen, das Kriegsschiff zu umkreisen und so den türkischen Wachtposten auf den Straßen, die in die Stadt führen, zu entgehen.
Wir stellten dann dreifache Abschriften des folgenden Hilferufs her und bestimmten drei Schwimmer, welche ständig auf jedes vorüberfahrende Schiff aufpassen, sich durch die Brandung durchschlagen und am Kap hinausschwimmen sollten, um das Schiff zu erreichen:
„An irgendeinen englischen, amerikanischen, französischen, italienischen oder russischen Admiral, Kapitän oder Befehlshaber, den diese Petition erreichen mag.
Wir flehen im Namen Gottes und menschlicher Brüderlichkeit. Wir, die Bevölkerung von sechs armenischen Dörfern, im ganzen etwa 5000 Seelen, haben uns in den Teil des Musa Daghs, der Damlajik genannt wird, drei Stunden Wegs nordwestlich von Suedije an der Meeresküste, geflüchtet.
Wir haben hier Zuflucht gesucht vor türkischer Barbarei und Grausamkeit und vor allem vor der Schändung der Ehre unserer Frauen. Sir, Sie müssen gehört haben von der Vernichtungspolitik der Türken gegen unsere Nation. Unter dem Schein der Verschickung und dem Vorwand, einer Rebellion vorzubeugen, vertreiben sie unsere Leute aus ihren Häusern und berauben sie ihrer Gärten, Weinberge und aller ihrer Habe. Dieses grausame Programm ist schon mit der Stadt Zeitun und ihrer 32 Dörfer, auch mit Albistan, Göksun, Yarpus, Gürün, Diarbekr, Adana, Tarsus, Mersina, Dörtjol, Hadjin usw. durchgeführt worden. Dieselbe Politik wird auf die anderthalb Millionen Armenier in verschiedenen Teilen der Türkei ausgedehnt.
Der Schreiber dieses war protestantischer Pfarrer in Zeitun vor wenigen Monaten und war Augenzeuge von vielen unsagbaren Grausamkeiten. Ich sah Familien von 8 oder 10 Köpfen die Straßen entlang getrieben, barfüßige Kinder von 6 und 7 Jahren neben alten Großeltern, hungern und dürsten. Ihre Füße geschwollen von der schwierigen Reise. Längs der Straße hörte man Schluchzen, Fluchen und Gebete. Unter dem Druck der Angst kamen Frauen in den Gebüschen an der Straßenseite nieder. Unmittelbar nachher wurden sie von den türkischen Wachen gezwungen, ihre Reise fortzusetzen, bis der gütige Tod ihrer Qual ein Ende bereitete.
Der Rest der Leute, welche stark genug waren, die Beschwerlichkeiten des Marsches zu ertragen, wurden unter den Peitschen der Gendarmen in die Steppen des Südens weitergetrieben. Einige starben vor Hunger. Andere wurden beraubt auf dem Wege. Andere wurden von der Malaria dahingerafft und mußten an den Straßen liegen bleiben. Als letzter Akt dieser entsetzlichen Tragödie massakrierten die Araber und Türken alle Männer und verteilten die Witwen und Frauen unter ihre Stämme.
Etwa vor 35 Tagen benachrichtigte uns die Regierung, daß unsere 6 Dörfer in die Verbannung gehen müßten. Wir zogen es vor, uns auf diesen Berg zu flüchten, statt uns diesem Befehl zu unterwerfen. Wir haben jetzt wenig Nahrung übrig, und die Truppen belagern uns. Wir haben fünf heftige Kämpfe bestanden. Gott hat uns bisher geholfen, aber das nächste Mal werden wir eine viel größere Macht gegen uns haben.
Sir, wir flehen Euch an im Namen Christi!
Bringt uns, wir bitten Euch, nach Cypern oder nach irgend einem andern freien Lande. Unsere Leute sind nicht träge. Wir wollen unser Brot selbst verdienen, wenn wir beschäftigt werden.
Wenn dies zu viel ist, um es uns zu gewähren, so nehmt wenigstens unsere Frauen, alte Leute und Kinder auf. Stattet uns mit genügenden Waffen aus, mit Munition und Nahrung, und wir wollen uns mit aller Macht gegen die türkischen Streitkräfte verteidigen. Wir bitten, Sir, wartet nicht, bis es zu spät ist!
Im Namen aller Christen hier.
2. September. Ihr untertäniger Diener Digran Andreasian.“
Aber Tage vergingen, und nicht ein Segel war zu sehen. Der Krieg hatte die Küstenschiffahrt auf ein Minimum reduziert. Inzwischen hatten auf meinen Vorschlag unsere Frauen zwei große Flaggen zusammengenäht, auf deren eine ich in großen, deutlichen, englischen Druckbuchstaben schrieb: Christen in Not, Hilfe! Es war eine weiße Flagge mit bunten Buchstaben, hastig von unsern Frauen gestickt. Die andere, welche meine Schwester Iskuhi gemacht hatte, war auch weiß mit einem großen roten Kreuz in der Mitte. Wir befestigten diese Flaggen an großen Bäumen und stellten eine Wache am Fuß auf, um den Horizont vom Morgen bis zum Abend abzusuchen. Einige Tage hatten wir Regen und an andern schweren Nebel, die an unserer Küste ziemlich häufig sind.
Die Türken griffen uns wiederholt an, und wir hatten einige schwere Kämpfe, aber niemals solche Nahkämpfe, wie während des ersten Zusammenstoßes. Von einem günstigen Punkt aus konnten wir Felsstücke die steile Bergseite hinunterrollen mit furchtbarer Wirkung auf unsern Feind. Unser Pulver und unsere Kugeln verringerten sich, und die Türken hatten augenscheinlich eine Ahnung von unserer Bedrängnis, denn sie begannen uns mit lautem Geschrei in unverschämter Weise zur Übergabe aufzufordern. Das waren ängstliche Tage und lange Nächte! Hier gebar meine Frau ihr erstes Kind, einen Sohn. Als wir zwei Tage später an die See hinunterflohen, litt sie sehr, aber ich trug sie und half ihr, soviel ich konnte. Gott sei Dank geht es ihr und unserm kleinen Sohn jetzt gut.
Eines Sonntagsmorgens, am 36. Tage unserer Verteidigung, während ich mich eben auf eine kurze Predigt vorbereitete, um unsere Leute zu ermutigen und zu stärken, wurde ich aufgeschreckt durch einen Mann, der mit höchster Stimme schrie. Er raste durch unser Lager geradenwegs auf meine Hütte zu. „Pastor! Pastor!“ schrie er, „ein Kriegsschiff kommt und hat auf unsere Fahnen geantwortet! Gott sei Dank, unsere Gebete sind erhört!... Wenn wir die Rote Kreuz-Flagge schwingen, antwortet das Kriegsschiff mit Signalflaggen ... Sie sehen uns und kommen näher an die Küste!“
Das Schiff erwies sich als der französische Kreuzer „Guichin“, ein Schiff mit 4 Schornsteinen. Während eines der Boote herabgelassen wurde, stürzten einige unserer jungen Leute zur Küste hinab und schwammen zu dem stattlichen Schiff, welches uns wie von Gott gesandt erschien. Mit klopfendem Herzen eilten wir hinunter zum Strand, und bald kam eine Einladung vom Kapitän, eine Gesandtschaft solle an Bord kommen und über die Lage berichten. Er schickte ein drahtloses Telegramm an den Admiral der Flotte, und nach kurzer Zeit erschien das Flaggschiff „Sainte Jeanne d’Arc“ am Horizont, von anderen französischen Kriegsschiffen gefolgt. Der Admiral sprach Worte des Trostes und der Aufmunterung zu uns und gab Befehl, daß jede Seele unserer Gemeinde an Bord der Schiffe genommen werden sollte.
Die Einschiffung dauerte einige Zeit und war außerordentlich schwierig, da die Küste so rauh war. Wir mußten über improvisierte Flöße klettern, um durch die brüllende Brandung zu den Booten der Schiffe zu kommen. Vier französische und ein englischer Kreuzer nahmen uns an Bord, und man sorgte sehr freundlich für uns.
Nach zwei Tagen kamen wir in Port Said (Ägypten) an und haben uns jetzt in einem dauernden Lager niedergelassen, welches die britischen Behörden für uns eingerichtet hatten.
Wir sind Mr. William C. Hornblower besonders dankbar für die ausgezeichnete Organisation dieses Lagers und Oberst P. G. Elgoot und seiner Frau, wie Miß Russell für ihre große Güte und unermüdlichen Bemühungen unseretwegen. Die armenische Rote-Kreuz-Gesellschaft, welche kürzlich organisiert worden ist, hat uns drei Ärzte und drei Pflegerinnen geschickt. Der gregorianische Bischof ist Ehrenvorsitzender dieser Gesellschaft, Mr. Fermanian Direktor und Professor Kayajan Sekretär. Eine genaue Statistik ist aufgestellt worden, welche zeigt, daß die Zahl der Überlebenden folgende ist:
427 Säuglinge und Kinder unter 4 Jahren, 508 Mädchen von 4-14 Jahren, 628 Knaben von 4-14 Jahren, 1441 Frauen über 14 Jahre, 1054 Männer über 14 Jahre, ---- 4058 Seelen im ganzen gerettet.
Nach der ersten Aufforderung der Türken am 30. Juli verteidigten wir uns auf dem Musa Dagh 44 Tage und eine zweitägige Reise brachte uns nach Port Said am 14. September.
Dikran Andreasian.
2.
Bitlis-Musch.[159]
„Seit dem Ausbruch des Krieges waren die Städte und die armenischen Dörfer von türkischen und kurdischen Banden angefüllt, die als Milizen in die Armee eingestellt waren. Die Gendarmen beschäftigten sich unter dem Vorwande von Requisitionen mit Räubereien und Plünderungen. Den Armeniern wurden alle für den Winter aufgesparten Vorräte an Lebensmitteln weggenommen, und man befürchtete für das Frühjahr eine Hungersnot....
Gouverneur von Bitlis war Mustafa Chalil Pascha, Schwager des Ministers des Innern Talaat Bey. In der Stadt und Umgegend hatte er bereits alle männlichen Armenier zwischen dem 20. und 45. Jahre zum Heeresdienste (d. h. zum Straßenbau und Lasttragen) ausheben lassen. Kirchen und Häuser der Armenier mußten für Einquartierung geräumt werden. Nach der Erklärung des Dschihad begannen die Mollahs, die Scheichs und die Banden, die von bekannten Räubern geführt wurden, ihre aufreizende Tätigkeit.
Die Muhammedaner wurden bewaffnet, und in den Moscheen wurde der Christenhaß gepredigt. Schon in den Monaten Dezember und Januar kam es zu mancherlei Untaten. Türken aus Bitlis hatten eine kurdische Bande gebildet und belagerten das Dorf Urdap. Sie nahmen den Bauer Pallabech Karapet und einige andere gefangen, führten sie gefesselt in die Stadt und folterten sie, indem sie ihnen die Bärte ausrissen. Eine andere Bande von 300 Mann unter Führung des Chumadji Farso (eines Nachkommen des berüchtigten Kurdenscheichs Djelaleddin) und des Emirs Mehmed griff 10 armenische Dörfer im Gebiet von Gargar an, plünderte und verbrannte sie....
Außer den Armeniern, die zur Armee ausgehoben waren, wurden Armenier jeden Alters in beliebiger Zahl zum Wegebau und zum Lasttragen requiriert. Die Lastträger hatten den Winter über durch die verschneiten Gebirge schwere Lasten bis zu 70 Pfund an die Kaukasusfront zu tragen. Schlecht genährt und ohne Schutz gegen Kurdenüberfälle, kam die Hälfte auf dem Wege um, oft kehrte auch nur ein Viertel zurück. Als nach den Kämpfen von Sarikamisch und Ardahan die Kaukasusarmee in Schnee und Eis einquartiert war, desertierten viele Soldaten. Aber auf fünf türkische Deserteure kam höchstens ein armenischer.
Einzelne Deserteure kehrten in ihre Dörfer zurück. Die Gendarmen gingen mit Listen von Deserteuren von Dorf zu Dorf, um die Auslieferung derselben zu verlangen. Zugleich nahmen sie Haussuchungen nach Waffen vor. Falls sich die Deserteure nicht fanden, wurden ihre Häuser niedergebrannt und ihre Äcker eingezogen. Diese Razzias, die die Gendarmen veranstalteten, führten gelegentlich zu Zusammenstößen. Anfang März kam so der Kommissar Razim Bey und der Mülasim Djevded Bey mit 40 Zaptiehs in das armenische Dorf Zronk. Bei einem Kugelwechsel mit einem Flüchtling wird einem Gendarm das Pferd unter dem Leibe weggeschossen. Er kehrt in das Dorf zurück, nimmt ein gutes Pferd von den Bauern, läßt sich 40 türkische Pfund als Ersatz für das tote Pferd zahlen, 25 Häuser anzünden, die Männer des Dorfes über die Klinge springen und konfisziert die Äcker. In Armedan werden türkische Freiwillige in armenischen Häusern einquartiert. Zum Dank für die Verpflegung vergewaltigt der Anführer die Schwiegertochter seines Quartierwirtes....
Ähnliche Dinge wiederholten sich in anderen Dörfern. Zu gleicher Zeit wurden alle noch irgendwie tauglichen armenischen Männer zu den Wegebau- und Lastträgerkolonnen (Hamalar-Taburi) und ohne Rücksicht darauf, ob die Familien ohne Ernährer blieben, ausgehoben. So erhielt z. B. der Vorsteher des Dorfes Goms in der Musch-Ebene Befehl, 50 Ochsen und 50 Mann für Transportzwecke zu stellen. Trotzdem das Dorf nur 70 Männer, die Greise eingerechnet, hatte, brachte er 50 Ochsen und 45 Mann zusammen und bot für die fünf fehlenden Mann die Militärbefreiungssteuer an. Der Müdir von Agdschemak, der nach Goms gekommen war, wollte damit zufrieden sein, aber sein Begleiter, der Kurde Mehmed Amin, ein Feind des Dorfvorstehers, nahm das Fehlen der 5 Mann zum Anlaß, den Dorfvorsteher auszupeitschen und 7 Armenier zu erschießen. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem 7 Gendarmen und weitere 20 Armenier getötet wurden. Drei Tage nach diesem Vorfall kam es zu einem Zwischenfall in dem Kloster Arakeloz. Dorthin hatten sich 80 Armenier geflüchtet. Truppen aus Musch, die das Kloster durchsuchten, brachen einen Streit vom Zaun, der blutig endete. Der Mutessarrif von Musch schickte Truppen, forderte die Auslieferung der Flüchtlinge, ließ sie aber nach weiteren Verhandlungen abziehen. Trotzdem ließ der Mutessarrif die Leichen der Türken, die bei dem ersten Zusammenstoß umgekommen waren, nach Musch bringen und sagte in der Leichenrede öffentlich: „Für jedes Haar Eures Hauptes will ich tausend Armenier hinschlachten lassen“...
Trotz aller Drangsalierungen verhielten sich die Armenier ruhig, ertrugen die Übergriffe und ließen sich zu keinem Widerstand verleiten. Sie beschwerten sich bei der Regierung, und zeitweise schien die Regierung sie auch schützen zu wollen. In Musch hielt sich zu der Zeit Wahan Papasian, der Abgeordnete des Parlaments für Musch, auf. Er vertrat die Interessen der Armenier beim Mutessarrif von Musch und beim Wali von Bitlis. Er versuchte, durch Verständigung mit der Regierung (unter Zustimmung des Ministers des Innern Talaat Bey) dahin zu wirken, daß Streitigkeiten geschlichtet wurden und die Ordnung, so gut es unter den anarchistischen Zuständen möglich war, aufrecht zu erhalten.“
Ende Juni kam Djevded Bey, nachdem er Wan den Russen preisgegeben hatte, mit seinen Truppen nach Bitlis, ließ dort die armenische Bevölkerung massakrieren und den Rest, 900 Frauen und Kinder, abtransportieren. Wie es heißt, wurde der Transport im Tigris ertränkt. In Musch begann das Massaker am 11. Juli. Von den 15000 Armeniern der Stadt blieben nur 200, von den 59000 Bewohnern der mit armenischen Dörfern besäten Muschebene konnten sich nur 9000 in die Berge von Sassun durchschlagen.
3.
Wan.[160]
~Halil Bey in Nordpersien.~
In den ersten Kriegsmonaten Ende 1914 und Anfang 1915 waren türkische Truppen in Nordpersien in das Gebiet von Urmia und Dilman eingefallen. Den 20000 Regulären hatten sich noch 10000 Kurden aus dem oberen Zabgebiet angeschlossen. Auch Djevdet Bey, der Wali von Wan, beteiligte sich an diesen Operationen. Djevdet Bey ist ein Schwager des türkischen Kriegsministers Enver Pascha; Halil Bey, der Kommandeur des Korps, das in Persien einfiel, ein Onkel von Enver Pascha. Die türkischen und kurdischen Truppen verwüsteten auf persischem Gebiete alle christlichen Dörfer. Die syrische Bevölkerung des Urmiagebietes und die armenische Bevölkerung der Salmas-Ebene (um Dilman) wurde, soweit sie nicht auf russisches Gebiet flüchten konnte oder in dem Anwesen der amerikanischen Mission Schutz fand, von den Kurden erbarmungslos niedergemacht.
~Djevdet Bey in Wan.~
Als Djevdet Bey, der Wali von Wan, Mitte Februar aus Salmas zurückkehrte, begrüßte er freundlich die armenischen Führer, versprach den Plünderungen der Dörfer Einhalt zu tun und die Geplünderten zu entschädigen. Nur bat er, noch einige Wochen zu warten, bis die persische Expedition vorüber sei. Zugleich aber hörte man, daß er in einer Versammlung von türkischen Notabeln gesagt habe: „Wir haben mit den Armeniern und Syrern von Aserbeidschan (Nordpersien) reinen Tisch gemacht; wir müssen mit den Armeniern von Wan das gleiche tun.“
An der Spitze des Daschnakzagan-Komitees standen damals drei bekannte Armenier, Wramjan, Deputierter von Wan, Ischchan und Aram.
Der Wali stellte sich in den nächsten Wochen freundlich mit ihnen und bat sie, wie bisher, mit ihm zusammenzuarbeiten, um die Ordnung im Wilajet aufrechtzuerhalten. Es wurden Kommissionen gebildet, die in die Dörfer geschickt wurden, um den Plünderungen der Kurden und den Gewalttaten der Gendarmen Einhalt zu tun und Streitigkeiten zu schlichten. Inzwischen hatte der Wali um Verstärkungen von Erzerum gebeten und rechnete wohl auch auf die Unterstützung durch die Truppen, die in Persien eingefallen waren, falls sein geplantes Vorgehen gegen die Armenier, die sich noch nichts Schlimmes von ihm versahen, auf Widerstand stoßen würde. Plötzlich demaskierte er sich und zeigte sein wahres Gesicht.
In Schatakh, einem überwiegend von gregorianischen und katholischen Armeniern, zum geringeren Teile auch von Kurden bewohnten Landstädtchen von über 2000 Einwohnern, an den Quellen des östlichen Tigris (50 Kilometer von Wan), wurde am 14. April der Armenier Howsep, ein Daschnakzagan, von Gendarmen verhaftet. Seine Freunde wollten ihn befreien, es gab einen blutigen Zusammenstoß. Als der Wali davon hörte, ließ er die drei Führer der Daschnakzagan, Wramjan, Ischchan und Aram, zu sich kommen und bat sie, zusammen mit dem Müdir der Polizei von Wan nach Schatakh zu gehen, um den Streit zu schlichten. Das Komitee bestimmte, daß Ischchan mit drei anderen Armeniern namens Wahan, Kotot und Miran nach Schatakh gehen sollte. Der Müdir der Polizei nahm einige tscherkessische Saptiehs mit sich. Halbwegs nach Schatakh, in der Flußniederung von Hayoz-Dzor, übernachteten sie in dem Dorfe Hirtsch. Als die vier Armenier eingeschlafen waren, ließ der Müdir der Polizei sie im Schlaf durch die Tscherkessen ermorden. In der Frühe des nächsten Tages, ehe noch die Armenier von Wan etwas von dem Meuchelmorde wußten, ließ der Wali Djevdet Bey die beiden andern armenischen Führer Wramjan und Aram zu sich bitten. Aram war zufällig abwesend. Wramjan geht arglos zum Wali und wird, sobald er den Konak betreten hat, verhaftet. Der Wali schickt ihn sofort gefesselt nach Bitlis. Von Bitlis wurde Wramjan, der als Deputierter von Wan in besonderem Ansehen stand, nach Diarbekr transportiert und unterwegs ermordet.
Noch am gleichen Morgen bereitete der Wali Djevdet Bey den Angriff auf die beiden armenischen Viertel vor und ließ Kanonen gegen sie in Stellung bringen. Es gab damals in Wan 10-15 Kanonen älterer Konstruktion und zwei neue Maschinengewehre, die kürzlich mit einer Abteilung Soldaten von Erzerum gekommen waren. Zur selben Zeit, als der Wali sich der Führer zu bemächtigen suchte, hatten die Massaker in Ardjesch und den Dörfern der Hayoz-Dzor schon ihren Anfang genommen. Die Armenier der Stadt konnten nichts anderes erwarten, als daß ein Massaker über sie verhängt werden sollte, auch hatten sie gehört, daß der Wali 6-7000 Mann Kavallerie aus Erzerum angefordert und beiläufig gesagt hatte, jetzt würde es gefährlich für die Armenier.
Wir lassen nun den Bericht des amerikanischen Missionars folgen, der die weiteren Ereignisse miterlebt hat[161]:
~Die Belagerung von Wan.~
„Wan ist eine Stadt von Gärten und Weinbergen, die inmitten einer von hohen, prächtigen Bergen umgebenen Ebene am Wansee liegt. Die von Mauern umgebene Stadt enthält den Bazar und den größten Teil der öffentlichen Gebäude. Sie wird beherrscht von dem Kastell-Felsen, einem gewaltigen Felsblock, der sich steil aus der Ebene erhebt, von alten Mauern und Festungswerken gekrönt ist und nach der Seeseite zu berühmte Keilinschriften trägt. Die Vorstadt Aigestan, die „Gärten“ genannt (weil jedes Haus seinen Garten oder Weinberg hat), erstreckt sich 4 (engl.) Meilen ostwärts der umwallten Stadt und ist 2 (engl.) Meilen breit.
Das Grundstück der amerikanischen Mission liegt am südöstlichen Rand des mittelsten Drittels der Gärten auf einer kleinen Anhöhe, wodurch die Gebäude ihre Umgebung beträchtlich überragen. Diese Gebäude bestehen aus einer Kirche, zwei großen, neuen Schulgebäuden, zwei kleineren, einer Spitzenschule, einem Hospital, Klinik und vier Missionsgebäuden. Nach Südosten dehnt sich, ganz in der Nähe, die große Ebene aus. Hier lag die größte Kaserne der großen türkischen Garnison, unmittelbar an dem Bereich der amerikanischen Mission. Nordwärts, durch einige Straßen getrennt, lag eine andere Kaserne, und noch weiter nördlich in Schußweite der Burgfelsen (Topkala) mit einer kleinen Kaserne darauf, die die Armenier „Pfefferdose“ getauft hatten. 5 Minuten östlich von den amerikanischen Instituten liegt das deutsche Waisenhaus, dem Herr Spörri nebst Frau und Tochter, Schweizer von Herkunft, und drei unverheiratete Damen vorstanden. Die amerikanische Mission bestand zurzeit aus der alten Mrs. Raynolds (Dr. Raynolds war in Amerika), Dr. Usher, dem Chefarzt des Hospitals, Mrs. Usher, der Leiterin der Spitzenindustrie, Mr. und Mrs. Yarrow, den Leitern der Knabenschule, Miß Rogers, Vorsteherin der Mädchenschule, Miß Silliman, Leiterin der Vorschule, Miß Usher, Lehrerin für Musik, Miß Bond, der Oberin des Hospitals und der Missionarin Mc. Claren. Auch Miß Knapp aus Bitlis war zu Besuch da.
Die Stadt Wan hatte 50000 Einwohner, von denen drei Fünftel Armenier und zwei Fünftel Türken waren. Ich sage „waren“, denn inzwischen haben sich die Verhältnisse vollständig geändert. Die Führer der Armenier waren Wramjan, Ischchan und Aram, Leiter der Partei der Daschnakzagan.
In der Zeit seit der Mobilisation, im letzten Herbst und Winter, waren die Armenier unter dem Vorwand von Requisitionen in der härtesten Weise ausgeplündert worden. Reiche Leute wurden ruiniert und arme Leute völlig entblößt. Die armenischen Soldaten in der türkischen Armee wurden vernachlässigt, äußerst mangelhaft ernährt, gezwungen, nur niedrige Arbeiten zu tun, und, was das Schlimmste war, jeder Waffe beraubt, so daß sie der Gnade ihrer fanatischen muhammedanischen Kameraden ausgeliefert waren. Kein Wunder, daß, so viele es vermochten, sich von ihrer Militärpflicht loskauften, andere auch desertierten. Wir ahnten im voraus, daß es zu einem Zusammenstoß kommen würde. Aber die Daschnakzagan benahmen sich mit erstaunlicher Zurückhaltung und Klugheit, beherrschten die heißblütige Jugend, patrouillierten in den Straßen, um Unruhen zuvorzukommen, und befahlen den Dorfbewohnern, lieber schweigend zu dulden, daß das eine oder andere Dorf niedergebrannt werde, als durch Gegenwehr den Anlaß für ein Massaker zu geben.
Trotzdem Dr. Usher seit Beginn des russischen Krieges manche verwundete türkische Soldaten aufgenommen und behandelt hatte, versuchte die Regierung gleichwohl, die Arzneien der amerikanischen Apotheke zu requirieren und das Hospital zu schließen. Außerdem hatten Miß Mc Claren und Schwester Martha vom deutschen Waisenhaus im Dezember angefangen, die Verwundeten in dem anderthalb (engl.) Meilen von unserem Grundstück entfernten türkischen Militärlazarett zu pflegen, wo keine Pflegeschwestern und die Zustände unbeschreiblich waren.
Als Djevdet Bey, der Generalgouverneur des Wilajets, in den ersten Frühlingswochen von den Grenzkämpfen zurückkehrte, ahnte jedermann, daß bald etwas geschehen würde. Und so war es. Er verlangte von den Armeniern 3000 Soldaten. Sie waren aufs äußerste besorgt, Frieden zu halten, so daß sie seinem Verlangen nachzukommen versprachen. Aber gerade da brach in der Gegend von Schatakh der Streit zwischen Türken und Armeniern aus, und Djevdet Bey verlangte von Ischchan, daß er mit drei anderen angesehenen Daschnakzagan dorthin gehen sollte, um Frieden zu stiften. Auf dem Wege wurden alle vier heimtückischerweise ermordet. Das war Freitag, den 16. April. Dann befahl Djevdet Wramjan zu sich unter dem Vorwand, daß er sich mit ihm beraten wolle, ließ ihn verhaften und verschickte ihn. Die Daschnakzagan wußten nun, daß sie Djevdet Bey nicht trauen konnten und daß es daher unmöglich wäre, ihm die geforderten 3000 Mann zu geben. Sie sagten, sie würden 400 geben und nach und nach die Militärbefreiungssteuer für die übrigen zahlen. Der Wali erklärte aber, er brauche Leute und nicht Geld, sonst würde er die Stadt angreifen. Einige Armenier baten Dr. Usher und Mr. Yarrow, zu Djevdet Bey zu gehen und zu versuchen, ihn zu begütigen. Unterwegs begegnete ihnen ein Offizier, der ausgeschickt war, um sie zu rufen. Der Wali war hartnäckig. Man habe zu gehorchen. Er werde diesen Widerstand unter allen Umständen brechen, es koste, was es wolle. Erst werde er Schatakh bestrafen und dann die Sache mit Wan vornehmen. Wenn aber die Armenier nur einen Schuß abfeuerten, würde das für ihn das Zeichen zum Angriff sein. Für das amerikanische Grundstück wollte er eine Wache von 50 Soldaten stellen[162]. Diese Wache müsse entweder angenommen werden, oder man müsse ihm schriftlich das Zeugnis ausstellen, daß die Wache verweigert worden wäre und er dadurch von aller Verantwortung für unsere Sicherheit frei sei. Er verlangte sofortige Antwort, war aber schließlich bereit, bis Sonntag zu warten. Ferner verlangte er, daß Miß Mc Claren und Schwester Martha ihre Arbeit im türkischen Lazarett fortsetzen sollten. Sie gingen und waren darauf gefaßt, vielleicht für längere Zeit nicht mit uns korrespondieren zu können.
Als Dr. Usher am Montag den Wali wiedersah, fragte der Wali, ob er die Wache senden solle. Dr. Usher überließ ihm die Entscheidung. Wir haben keine Wache erhalten.
Dienstag, den 20. April, um 6 Uhr morgens, versuchten einige türkische Soldaten, aus einem Trupp Frauen, die nach der Stadt kamen, sich eine herauszugreifen[163]. Sie floh. Armenische Soldaten kamen hinzu. Der türkische Soldat schoß auf sie und tötete sie. Herr Spörri war Augenzeuge von diesem Ereignis, mit dem die Feindseligkeiten begannen.
Den Tag über gab es mehr oder weniger anhaltendes Gewehrfeuer; vom Burgfelsen her wurde beständiger Kanonendonner auf die befestigte Stadt vernommen, die nun von aller Verbindung mit den Gärten abgeschnitten war. Nachts sah man nach jeder Richtung hin Häuser in Flammen stehen. Die Zahl der in den Gärten wohnenden Armenier betrug gegen 30000, während die armenische Bevölkerung in der inneren befestigten Stadt nur gering war. Die Bewohner der Gartenstadt wurden nun in einem Bezirk von etwa einer (engl.) Quadratmeile zusammengebracht, und dieser Raum wurde durch „Dirks“ (Barrikaden), sowie durch Mauern und Verhaue geschützt. Von den Verteidigern konnten 1500 mit Gewehren bewaffnet werden, ebensoviele etwa noch mit Pistolen. Ihr Vorrat an Munition war gering, darum waren sie sehr sparsam damit und wandten allerlei Listen an, um die Angreifer zum Feuern und zum Verbrauch ihrer Munition zu verführen. Sie machten sich daran, Kugeln zu gießen und Patronen anzufertigen, 3000 wurden täglich fertig. Ebenso machten sie sich Schießpulver, und nach einiger Zeit machten sie sich auch drei Mörser. Der Materialverbrauch für alle diese Dinge war gering, Methoden und Einrichtung roh und primitiv. Aber sie waren sehr froh und hoffnungsvoll und freuten sich ihrer Geschicklichkeit, den Angreifern standzuhalten. Einige der Regeln, die sie für ihre Leute aufgestellt hatten, waren: Haltet euch sauber, trinkt nicht, sagt immer die Wahrheit, sagt nichts gegen die Religion des Feindes.
An die Türken der Stadt schickten sie ein Manifest, um ihnen kundzutun, daß sie nur mit einem einzigen Manne (dem Wali) Streit hätten und nicht mit ihren türkischen Nachbarn. Walis würden gehen und kommen, aber die beiden Rassen müßten fortfahren, miteinander zu leben, und sie hofften, daß, wenn Djevdet gegangen wäre, ihre Beziehungen zueinander wieder friedlich und freundlich sein würden. Die Türken antworteten in demselben Sinne und sagten, sie wären gezwungen, zu kämpfen. Tatsächlich wurde auch von mehreren vornehmen Türken ein Protest gegen diesen Kampf unterzeichnet, aber Djevdet ließ ihn vollständig unbeachtet.
Die Kaserne nördlich von unserem Grundstück wurde von den Armeniern erobert und niedergebrannt. Die Insassen ließen sie entkommen. Eine weitere Offensive versuchten sie in keiner Weise, da ihre Zahl zu gering war. Sie kämpften nur für ihre Heimstätten und für ihr Leben.
Kein bewaffneter Mann durfte unser Grundstück betreten. Aram, der Führer der Armenier, verbot sogar, daß die verwundeten Armenier in unser Hospital gebracht würden, damit unsere Neutralität nicht verletzt würde. Dafür behandelte sie Dr. Usher in ihrem eigenen provisorischen Lazarett.
Am 23. April schrieb Djevdet Bey an Dr. Usher, daß man bewaffnete Leute unser Grundstück habe betreten sehen und daß die Rebellen Verschanzungen in unserer Nähe aufgeworfen hätten. Wenn bei einem Angriff ein Schuß von diesen Schanzen abgefeuert würde, würde er zu seinem Bedauern gezwungen sein, seine Kanonen auf unser Grundstück zu richten und es vollständig zu zerstören; wir möchten das als sicher annehmen.[164] Dr. Usher antwortete, daß wir unsere Neutralität mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln aufrecht erhielten. Kein Gesetz könnte uns verantwortlich machen für Handlungen von Personen oder Organisationen, die sich außerhalb unseres Anwesens befänden.
Unsere Verhandlungen mit dem Wali wurden durch unseren amtlichen Vertreter, Signore Sbordone, den italienischen Konsularagenten, geführt, und unser Briefträger war eine alte Frau, die sich durch eine weiße Fahne schützte. Bei ihrem zweiten Ausgang fiel sie in einen Graben, und als sie darauf ohne ihre Fahne wieder aufstand, wurde sie sofort von den türkischen Soldaten erschossen. Es fand sich eine andere, aber sie wurde verwundet, als sie vor der Tür ihrer Hütte, in der Nähe unseres Grundstücks, saß.
Da erklärte Aram, er würde keine weitere Korrespondenz mehr erlauben, bis nicht der Wali auf einen Brief des Konsularagenten Sbordone geantwortet hätte, in welchem gesagt war, Djevdet könne von den Armeniern nicht erwarten, daß sie sich jetzt übergeben, da sein Vorgehen gegen die Armenier den Charakter eines Massakers habe.
Während der Zeit der Belagerung hausten die türkischen Soldaten und ihre Gesellen, die wilden Kurden, fürchterlich in der ganzen Umgegend. Sie massakrierten Männer, Frauen und Kinder und brannten ihre Heimstätten nieder. Kleine Kinder wurden in den Armen ihrer Mütter erschossen, andere schrecklich verstümmelt, Frauen ihrer Kleider beraubt und geschlagen. Die Dörfer waren auf einen Angriff nicht vorbereitet, andere widersetzten sich, bis ihre Munition verschossen war. Sonntag, den 25. kam der erste Trupp Flüchtlinge mit ihren Verwundeten in die Stadt. Unser Hospital, das in normaler Zeit 50 Betten hat, mußte für 142 Patienten Raum schaffen. Bettzeug wurde geliehen und überall auf den Fußböden Lagerstätten geschaffen. Leichtverwundete wurden täglich verbunden.
4000 Menschen waren mit aller ihrer Habe aus „den Gärten“ ausgezogen und füllten unsere Kirche, Schulgebäude sowie alle nur irgendwie entbehrlichen Räume unserer Missionshäuser. Eine Frau sagte zu Mrs. Silliman: „Was sollten wir tun, wenn die Missionare nicht wären? Das ist nun das dritte Massaker, während dessen ich hier Zuflucht gefunden habe.“ Ein großer Teil dieser Leute mußte ernährt werden, denn sie waren so arm, daß sie ihr Brot täglich vom Bäcker gekauft hatten, und nun gab es das nicht mehr. (Die Armenier backen ihr Brot meistens selbst und sorgen dafür, daß sie fürs ganze Jahr die nötigen Weizenvorräte haben.) Diese vielen Menschen unterzubringen, für ihre Gesundheit, Nahrung und Disziplin zu sorgen, waren Probleme, die uns zu schaffen machten. Mr. Yarrow organisierte Komitees für diese Arbeit. Jedem irgendwie fähigen Mann wurde darin eine Rolle zugewiesen, und es zeigte sich ein wundervoller Geist der Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit. Ein Mann gab allen Weizen, den er besaß, mit Ausnahme von einem Monatsvorrat, den er für seine Familie behielt. Ein öffentlicher Backofen wurde erworben, Weizen und Mehl gekauft und verteilt, Brotkarten ausgegeben und später eine Suppenküche eröffnet. Miß Rogers und Miß Silliman sicherten sich einen täglichen Milchvorrat und ließen die Milch von ihren Schulmädchen kochen und an die kleinen Kinder verteilen. Hundertneunzig wurden auf diese Weise ernährt. Die Schuljungen betätigten sich als Schutzleute, schützten die Gebäude gegen Feuersgefahr, hielten unser Grundstück sauber, sahen nach den Kranken und verteilten Milch und Eier an Kinder und Kranke außerhalb unseres Grundstücks. Ein regelrechtes Stadtregiment wurde von den Armeniern mit Bürgermeister, Richtern und Polizisten organisiert. Nach Ablauf von zwei Wochen ließen uns die in der befestigten Stadt in ihrem Viertel belagerten Armenier sagen, daß sie einige von den Regierungsgebäuden erobert hätten, obgleich sie nur eine Handvoll waren und Tag und Nacht bombardiert wurden. Ungefähr 16000 Kanonenkugeln oder Schrapnells wurden auf sie gefeuert. Die altmodischen Kugeln trafen die drei Fuß dicken Lehmmauern, ohne viel Schaden anzurichten. Mit der Zeit fielen die Mauern natürlich ein, aber es waren die oberen Mauern, und die Leute flüchteten hinter die unteren, so daß nur drei Personen ihr Leben ließen. Einige von den „Dirks“ in „den Gärten“ wurden auch bombardiert, aber ohne viel Schaden. Es schien, als wolle der Feind sein schweres Geschütz und seine Schrapnells bis zuletzt aufbewahren. Drei Kanonenkugeln fielen in der ersten Woche auf unser Grundstück, eine davon gegen ein Tor von Dr. Ushers Haus; 13 Personen wurden von Kugeln auf unserem Grundstück verwundet, eine tödlich. Unser Grundstück liegt so im Mittelpunkt, daß die Kugeln der Türken hindurch pfiffen, in mehrere Zimmer eindrangen, die Ziegel der Dächer zerbrachen und die Mauern draußen mit Löcherspuren verzierten.
Dr. Usher tat und tut noch die Arbeit von drei Menschen. Als einziger Arzt in der belagerten Stadt mußte er natürlich für die Patienten im Hospital, die verwundeten Flüchtlinge und die verwundeten armenischen Soldaten tätig sein, aber auch seine Poliklinik und seine Außenpatienten vermehrten sich in erschreckender Weise. Bei den Flüchtlingen hatten Not und Mangel unzählige Fälle von Lungenentzündung und Dysenterie im Gefolge; dazu wütete unter den Kindern eine Masernepidemie. Miß Silliman übernahm die Masernkranken, Miß Rogers und Miß Usher halfen im Hospital, wo Miß Bond und ihre armenischen Krankenschwestern bis an die Grenzen ihrer Kraft angestrengt wurden. Nach einer Weile eröffnete Miß Usher mit Hilfe von Miß Rogers ein weiteres Hospital in einem armenischen Schulhaus, in dem vorher Flüchtlinge Unterkunft gefunden hatten. Dabei war die Schwierigkeit, Bettzeug, Utensilien, Helfer, ja selbst Nahrung für die Patienten zu bekommen. Die ärztliche und wundärztliche Tätigkeit wurde durch Mangel an Medikamenten gehemmt, denn die jährlichen Lieferungen für Dr. Ushers Apotheke lagerten im Hafen von Alexandrette.
Zwei Wochen nach dem Beginn der Belagerung kam ein aus Ardjesch geflüchteter Mann, um von dem Schicksal dieser Stadt, der zweitgrößten im Wilajet nach Wan, zu berichten. (Ardjesch liegt in der fruchtbaren Ebene, die das Nordufer des nordöstlichen Ausläufers des Wansees, der See von Ardjesch genannt wird, bildet. Die alte Stadt, eine Residenz der armenischen Könige und des Seldschukken Toghrul Beg, ist vor 70 Jahren vom See überschwemmt worden, und der Name ist auf die neue Stadt [Agantz] übergegangen. Die Ebene von Ardjesch ist durch ihre Fruchtbarkeit von Melonenkultur berühmt.) Der Kaimakam von Ardjesch hatte die Männer von allen Handwerksgilden zusammengerufen. Da er immer freundlich gegen sie gewesen war, vertrauten sie ihm. Als sie alle beisammen waren, ließ er sie von den Soldaten niedermähen. Soweit wir in Erfahrung bringen konnten, entkam nur ein Mann und zwar dadurch, daß er sich die ganze Nacht unter einem Haufen von Leichen versteckt hielt.
Viele von den Flüchtlingen hatten nahe bei der Stadt in dem kleinen Dorf Schuschanty auf einem Berge, wo man einen Blick auf die Stadt hat, haltgemacht. Hier befahl ihnen Aram zu bleiben. Am 8. Mai stand das Dorf in Flammen, und ebenso verbrannte das danebenliegende Kloster Warak nebst seinen unersetzlichen alten Manuskripten. Jetzt kamen die Flüchtlinge in die Stadt. Der Wali Djevdet schien seine Taktik geändert zu haben. Er ließ Frauen und Kinder zu Hunderten hereintreiben, damit sie die Hungersnot in der Stadt vermehren hülfen. Dank der Mobilisation im vorigen Herbst waren die Weizenvorräte in „den Gärten“ schon im Anfang sehr zusammengeschmolzen und nun, da zehntausend Flüchtlingen eine tägliche Ration gegeben wurde -- wenngleich eine Ration, die kaum zur Erhaltung des Lebens genügte --, neigten sich die Vorräte schleunigst ihrem Ende zu. Auch die Munition wurde knapp. Die Aussichten schienen sehr trübe. Djevdet konnte viele Leute und Munition von anderen Städten heranschaffen. Wenn nicht von anderer Seite Hilfe kam, war es nicht möglich, die Stadt noch länger zu halten, und die Hoffnung auf solche Hilfe schien sehr schwach zu sein. Wir hatten keine Verbindung mit der Außenwelt. Ein Telegramm, das wir an unsere Botschaft schicken wollten, kam nie aus unserer Stadt heraus. Die Daschnakzagan schickten Hilferufe an die russisch-armenischen Freiwilligen an der Grenze, aber keiner von den Boten kehrte zurück, und wir haben seitdem erfahren, daß keiner seinen Bestimmungsort erreichte. Wir wußten, daß in der letzten Bedrängnis unser Grundstück die letzte Hoffnung für die Leute in den belagerten „Gärten“ sein würde. Von Djevdet, der über die lange Belagerung wütend war, konnte man kaum hoffen, daß er das Leben von irgendeinem dieser Männer, Frauen und Kinder schonen würde. Er würde vielleicht den Amerikanern persönliche Sicherheit versprechen, wenn sie das Grundstück verließen, aber das wollten wir natürlich nicht tun. Wir wollten das Schicksal unserer Leute teilen. Und es war auch durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der Wali uns nicht einmal Sicherheit bieten würde, da er zu glauben schien, daß wir die „Rebellen“ unterstützten.
Sonnabend und Sonntag, den 15. und 16. Mai, sah man mehrere Schiffe Avantz, den Hafen von Wan, verlassen. Sie enthielten die Familien von Türken und Kurden; den Männern war verboten worden, sich zu entfernen. Wir begaben uns nun alle auf die Dächer, sahen durch Ferngläser und wunderten uns. Bei den Türken herrschte augenscheinlich eine Panik. Schon einmal, am Anfang des Jahres, war unter ihnen eine Panik ausgebrochen, als die Russen bis Sarai vorgerückt waren; aber es war weiter nichts erfolgt. Hatte diese Flucht eine ähnliche Bedeutung?
Wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatten die Türken die Absicht, noch so viel Unheil als möglich anzurichten. Am Sonnabend begannen die Kanonen der großen Kasernen auf uns zu schießen. Zuerst konnten wir nicht glauben, daß die Schüsse auf unser Sternenbanner zielten, aber schließlich blieb kein Zweifel darüber[165]. Sieben Bomben fielen auf unser Grundstück, eine auf das Dach von Miß Rogers und Miß Sillimans Haus, wobei sie ein großes Loch machte. Zwei andere bewirkten dasselbe auf den Dächern der Knaben- und Mädchenschule. Am Sonntagmorgen begann das Bombardement von neuem. 26 Bomben fielen schon am Vormittag auf unser Grundstück, am Nachmittag weitere 10, die entweder niederfielen, oder in der Luft explodierten. Das Pfeifen der Schrapnells war ein Laut, den man nie wieder vergißt. Eine Granate explodierte in einem Zimmer von Mrs. Raynolds Haus und tötete ein kleines Kind. Eine andere Granate schlug durch die äußere Mauer von Miß Knapps Zimmer in Dr. Ushers Haus, explodierte, und dabei drangen die Hülsen und die Kugeln, die sie enthielt, durch die Mauer in das angrenzende Zimmer und zerbrachen die Tür der entgegengesetzten Mauer.
Nach Sonnenuntergang war alles still. Es kam ein Brief von den Bewohnern des einzigen armenischen Hauses innerhalb der türkischen Linien, das verschont geblieben war, weil Djevdet als Knabe darin gelebt hatte[166]. Darin wurde mitgeteilt, daß die Türken die Stadt verlassen hätten. Die Kasernen auf dem Burgfelsen und am Fuß desselben enthielten eine so kleine Wache, daß sie leicht überwältigt wurden. Dann wurden die Kasernen niedergebrannt. Dasselbe geschah mit sämtlichen türkischen „Dirks“ (Verschanzungen), die danach aufgesucht wurden. Die große Kaserne spie ihre Garnison aus, einen Trupp von zahlreichen Reitern, die über die Hügel davon ritten. Nach Mitternacht wurde dann die Kaserne niedergebrannt. Man fand große Vorräte von Weizen und Munition. Das alles erinnerte an 2. Könige 7 (Belagerung von Samaria).
Die ganze Stadt war wach, man sang und freute sich die ganze Nacht. Der Weg zur befestigten Stadt war nun offen, ebenso auch zum türkischen Hospital. Nun aber kam der erste Dämpfer auf unsere Freude. Miß Mc Claren und Schwester Martha waren nicht da. Sie waren vor vier Tagen mit den verwundeten Soldaten nach Bitlis geschickt worden. (Ein Brief von Djevdet Bey an Herrn Spörri besagte, „das Kriegsglück habe sich gewendet und die Schwestern seien mit ihrem Willen nach Bitlis gegangen“[167].) Aus anderer Quelle erfuhr ich, daß Djevdet ihnen nicht gestattet hätte, uns zu besuchen, weil (so sagte er) die Armenier vernichtet worden seien und es nicht sicher für sie wäre, zu uns zu gehen. Wir waren ihretwegen sehr besorgt[168]. 25 türkische Soldaten, die zum Reisen zu krank waren, hatte man ohne Nahrung und Wasser im Hospital zurückgelassen. Sie wurden zu uns gebracht. Man fand viele Leichen, einige von russischen Kriegsgefangenen, die die Türken bei ihrer Flucht getötet hatten.
Am Dienstag, den 18. Mai, kam die Vorhut der russisch-armenischen Freiwilligen. Sie hatten keine Botschaft von Wan erhalten und wußten nicht, daß die Stadt schon in den Händen der Armenier war. Am Mittwoch, den 19. Mai, kamen die Freiwilligen mit Soldaten der russischen Armee herein. Sie hatten das ganze Land östlich des Wansees von türkischen Truppen gesäubert und fuhren damit fort. Auch heute wurde heftig gekämpft. Russische Truppen hatten schon den Weg nach Bitlis eingeschlagen, wo bis dahin noch kein Massaker stattgefunden hatte, wie uns der russische General erzählte. Das Feldlazarett war bei dem schnellen Vormarsch mehrere Tage hinter der Armee zurückgeblieben; ebenso war es mit den Proviantkolonnen. Es war für die Stadt eine schwere Aufgabe, jetzt auch noch die Armee zu ernähren und ihr alles zu überlassen. Es gab Weizen, aber kein Mehl, denn die Mühlen hatten nicht mehr gearbeitet. Fleisch war kaum zu bekommen, obwohl die Kosaken große Schafherden in den kurdischen Bergen requiriert hatten.
Auf unserm Grundstück sind tausend türkische Frauen und Kinder, die die armenischen Soldaten uns gebracht haben, weil das der sicherste Zufluchtsort für sie wäre[169]. Ein verwundeter Soldat, der vom türkischen Hospital zu uns gebracht wurde, rühmte sich, daß er 20 Armenier getötet habe. Sie setzten ihn bei uns ab und taten ihm weiter nichts. Die Ernährung der Flüchtlinge in dieser Notzeit und die Frage, was mit ihnen werden solle, sind schwierige Probleme für unsere Mission und werden schwieriger von Tag zu Tag. Es würde ihr Tod sein, sie jetzt wegzuschicken, sie müssen unbedingt durchgebracht werden, und niemand außer uns kann es tun. Der General hat uns eine Wache für sie versprochen.
Inzwischen ordnen sich allmählich die Verhältnisse. Aram ist zum Gouverneur ernannt worden. Die Dorfleute kehren zu ihren Heimstätten zurück. Unsere 4000 Gäste haben uns verlassen. Wir haben die Schutzvorrichtungen von unseren Fenstern entfernt. Die Freiwilligen haben unser zweites Hospital übernommen; so wird die Arbeit in unserem eigentlichen Hospital wieder leichter.“
Soweit der amerikanische Bericht.
~Armenischer Bericht.~
„12000 Granaten wurden gegen die Stadt gefeuert. Die Kanonenschüsse haben fast keine Verluste gebracht. Sie zerschossen am Tage die Häuser, aber in der Nacht wurden sie wieder instand gesetzt, so daß die Armenier kein Terrain verloren, dagegen wurden 20 türkische Häuser von ihnen besetzt. Den Hauptvorteil gewannen sie, als es ihnen am vierten Tage gelang, die Hamid-Agha-Kaserne in die Luft zu sprengen und niederzubrennen. Sie legten eine Bombe an die Grundmauer der Kaserne, die explodierte. Obwohl die Kaserne nicht zusammenstürzte, geriet sie in der Nacht plötzlich in Brand. Einige Soldaten verbrannten, die übrigen flohen im Schutz der Nacht. Durch Besetzung des Terrains dieser Kaserne waren die Armenier Herren von Aigestan. Die Stärke der Regierungstruppen überstieg nicht 6000 Mann, nur die Hälfte waren reguläre Truppen. Die Regierung versuchte alle Mittel, die Armenier zur Übergabe zu bewegen. Bis zur letzten Stunde wußten sie nichts von einem Entsatz.
Die Belagerung hatte genau 30 Tage gedauert. Auf armenischer Seite sind im ganzen nicht mehr als 18 gefallen, aber viele verwundet; die Verluste der Türken sollen beträchtlicher gewesen sein. Von den armenischen Stadtteilen verbrannten Glortach und Surb Hagop, ebenso mehrere türkische Quartiere. Die türkischen Bewohner flohen nach Bitlis. Zehn Tage nach dem Einmarsch der russischen Vortruppen in Wan kam der General Nikolajeff mit dem Gros in die Stadt. Aram begrüßte ihn und sagte in seiner Ansprache: „Als wir vor einem Monat zu den Waffen griffen, rechneten wir nicht damit, daß die Russen kommen würden. Unsere Lage war damals verzweifelt. Wir hatten nur die Wahl, uns zu ergeben und uns wie die Schafe abschlachten zu lassen oder mit klingendem Spiel im Kampfe zu sterben. Wir zogen das letztere vor. Unerwartet wurden wir von Ihnen entsetzt, und jetzt sind wir Ihnen, nächst der tapferen Verteidigung der Unsrigen, unsere Errettung schuldig.“
Es ist wichtig, festzustellen, daß, wie die amerikanischen Missionare und der Bericht über den Empfang der Russen übereinstimmend bezeugen, die Armenier von Wan in keiner Verbindung mit den Russen und den russisch-armenischen Freikorps standen, auch während der Belagerung nicht in der Lage waren, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Der sogenannte „Aufstand von Wan“ war ein Akt der Selbstverteidigung und eine Episode in der Geschichte der Massakers, nicht Landesverrat[170]. Der Entsatz von Wan war eine Etappe in den Operationen der russischen Truppen gegen Nordpersien und das Wangebiet, nicht eine Aktion zugunsten der Armenier von Wan. Die beiden Ereignisse, die Selbstverteidigung der Wan-Armenier gegen das ihnen drohende Massaker und der Vormarsch der Russen stehen in keinem kausalen Zusammenhange mit einander. Hätten die Türken genügende Truppen und fähige Führer gehabt, um den russischen Vormarsch aufzuhalten, der ihnen ihre nordpersischen Eroberungen und die nordöstliche Hälfte des Wilajets Wan kostete, so hätte die Episode keinerlei Bedeutung für die Kriegslage an der kaukasisch-persischen Grenze gehabt. Durch ihre Selbstverteidigung bezweckten die Wan-Armenier nichts anderes, als das Leben der Ihrigen zu retten. Sie hätten sonst dasselbe Schicksal wie die Armenier der übrigen Wilajets erlitten.
4.
In den Konzentrationslagern.[171]
„Ich hatte die Erlaubnis erlangt, die Lager der Armenier längs des Euphrat von Meskene bis Deir-es-Sor zu besuchen und Rechenschaft zu geben von dem Zustande, in dem sich die dorthin deportierten Armenier befinden, von den Bedingungen, unter denen sie leben, und, wo möglich von der annähernden Anzahl der Verschickten.
Die Aufgabe des gegenwärtigen Berichtes ist, die Ergebnisse dieser Mission darzustellen. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen meinen Bericht zu übersenden, indem ich Sie zugleich bitte, die sich daraus ergebenden Schlußfolgerungen in Erwägung zu ziehen. Auch wenn Sie dieselben annehmen, werden sie nur in sehr geringem Maße dazu dienen, die täglich andauernden Leiden eines unglücklichen Volkes zu lindern, das im Begriff ist zu verschwinden.
Es ist unmöglich, eine Vorstellung von den entsetzlichen Eindrücken zu geben, die ich auf der Reise durch die verstreuten Lager längs des Euphrat empfing. Ich reiste auf dem rechten Ufer des Stromes. Von „Lagern“ zu sprechen ist eigentlich nicht möglich. Der allergrößte Teil dieser Unglücklichen, die in brutaler Weise aus ihrer Heimat von Haus und Hof fortgetrieben worden, getrennt von ihren Familien, noch im Augenblick ihrer Austreibung alles dessen beraubt, was sie besessen, unterwegs entblößt auch von allem, was sie noch mitgenommen hatten, ist unter freiem Himmel wie Vieh zusammengepfercht, ohne den geringsten Schutz gegen Hitze und Kälte, beinahe ohne Kleidung, sehr unregelmäßig und durchgängig in völlig unzureichender Weise ernährt. Jedem Wechsel der Witterung ausgesetzt, im Sommer dem glühenden Sonnenbrand der Wüste, im Frühjahr und Herbst dem Wind und Regen, im Winter der bitteren Kälte, durch die äußersten Entbehrungen geschwächt, durch endlose Märsche entkräftet, übelster Behandlung, grausamen Torturen und der beständig drohenden Todesangst ausgesetzt, haben sich diejenigen, die noch einen Rest ihrer Kräfte behielten, an den Ufern des Stromes Löcher in die Erde gegraben, in die sie sich verkriechen.
Die äußerst Wenigen, denen es gelungen ist, einige Kleider und etwas Geld bei sich zu behalten und die in der Lage sind, etwas Mehl zu kaufen, werden als glückliche und reiche Leute angesehen. Glücklich auch die, welche sich von den Landleuten einige Wassermelonen oder eine kranke und magere Ziege, die sich die Nomaden mit Gold aufwiegen lassen, erstehen können. Überall sieht man nur blasse Gesichter und ausgemergelte Gestalten, herumirrende Skelette, die von Krankheiten geschlagen sind und sicherlich dem Hungertode zum Opfer fallen werden.
Bei den Maßnahmen, die man getroffen hat, um diese ganze Bevölkerung in die Wüste zu transportieren, hat man in keiner Weise für irgend welche Ernährung Sorge getragen. Im Gegenteil, es ist ersichtlich, daß die Regierung den Plan verfolgt hat, sie Hungers sterben zu lassen. Selbst ein organisiertes Massentöten wie in der Zeit, da man in Konstantinopel noch nicht Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit proklamiert hatte, würde eine sehr viel menschlichere Maßregel gewesen sein, denn es würde diesem erbarmungswerten Volk die Schrecken des Hungers, den langsamen Tod und die entsetzlichsten Schmerzen unter raffinierten Torturen, wie sie grausame Mongolen nicht erdacht haben würden, erspart worden sein. Aber ein Massaker ist weniger konstitutionell als der Hungertod. Die Zivilisation ist gerettet!
Was noch übrig ist von der armenischen Nation, die an die Ufer des Euphrat versprengt ist, setzt sich zusammen aus Greisen, Frauen und Kindern. Männer mittleren Alters und junge Leute, soweit sie noch nicht abgeschlachtet sind, wurden auf den Landstraßen des Reiches zerstreut, wo sie Steine klopfen oder für den Bedarf der Armee für andere Arbeiten auf Rechnung des Staates requiriert sind.
Die jungen Mädchen, oft noch Kinder, sind die Beute der Muhammedaner geworden. Auf den langen Märschen zum Ziel ihrer Verschickung hat man sie verschleppt, bei Gelegenheit vergewaltigt, verkauft, soweit sie nicht bereits von den Gendarmen, welche die düsteren Karawanen begleiteten, umgebracht wurden. Viele sind von ihren Räubern in die Sklaverei des Harems geschleppt worden.
Wie an die Pforte von Dantes Hölle kann man an die Eingänge des Konzentrationslagers schreiben: „Die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren.“
Berittene Gendarmen machen die Runde, um alle, die zu entweichen suchen, festzunehmen und mit der Knute zu bestrafen. Die Straßen sind gut bewacht. Und was für Straßen! Sie führen in die Wüste, wo sie ein ebenso gewisser Tod erwartet, wie unter der Bastonnade ihrer ottomanischen Gefängniswärter.
Ich begegnete in der Wüste, an verschiedenen Orten, sechs solcher Flüchtlinge, die im Sterben lagen. Sie waren ihren Wächtern entschlüpft. Nun waren sie von ausgehungerten Hunden umgeben, die auf die letzten Zuckungen ihres Todeskampfes warteten, um sich auf sie zu stürzen und sie zu verzehren.
Am Wege findet man überall die Überbleibsel solcher unglücklichen Armenier, die hier liegengeblieben sind. Zu Hunderten zählen die Erdhaufen, unter denen sie ruhen und namenlos entschlafen sind, diese Opfer einer unqualifizierbaren Barbarei.
Auf der einen Seite hindert man sie, die Konzentrationslager zu verlassen, um sich irgendwelche Nahrung zu suchen, auf der anderen Seite macht man es ihnen unmöglich, die natürlichen Fähigkeiten, die dieser Rasse eigen sind, zu gebrauchen, um sich an ihr schreckliches Schicksal anzupassen und ihre traurige Lage in erfinderischer Weise zu verbessern.
Man könnte irgend welche Unterschlupfe, Stein- oder Erdhütten bauen. Wenn sie wenigstens irgendwo unterkommen könnten, wäre es ihnen möglich, sich mit Landarbeit zu beschäftigen. Aber auch diese Hoffnung hat man ihnen genommen, denn sie werden beständig unter Bedrohung des Todes von einem Ort zum andern geschleppt, um Abwechslung in ihre Qualen zu bringen. Man scheucht sie auf zu neuen Gewaltmärschen, ohne Brot, ohne Wasser, unter der Peitsche ihrer Treiber neuen Leiden, neuen Mißhandlungen ausgesetzt, wie sie nicht einmal die Sklavenhändler des Sudan ihren Opfern zufügen würden, und die ganze Strecke des Weges, eine fürchterliche Reihe von Leidensstationen, ist durch die Opfer dieser Transporte bezeichnet.
Diejenigen, die noch etwas Geld bei sich haben, werden unablässig von ihren Wärtern ausgeplündert, die sie mit einer noch weiteren Verschickung bedrohen, und wenn ihre kleinen Mittel erschöpft sind, diese Drohungen auch in Ausführung bringen. Hier von „Tausend und eine Nacht“ des Schreckens zu reden, heißt nichts sagen. Ich glaubte buchstäblich die Hölle zu durchqueren. Die wenigen Züge, die ich wiedergeben will, sind zufällig und in der Eile zusammengelesen. Sie können nur eine schwache Vorstellung von dem entsetzlichen und grauenhaften Bild geben, das ich vor Augen gehabt habe. Überall, wo ich gereist bin, habe ich dieselben Szenen gesehen; überall, wo das Schreckensregiment der Barbarei herrscht, das die systematische Ausrottung der armenischen Rasse zum Ziel hat. Überall findet man dieselbe unmenschliche Bestialität der Henker, dieselben Torturen, mit denen man die unglücklichen Opfer quält. Von Meskene bis Der es Zor, überall sind die Ufer des Euphrat Zeugen derselben Scheußlichkeiten.
1.
Meskene, durch seine geographische Lage an der Grenze von Syrien und Mesopotamien, ist der gegebene Konzentrationspunkt für die Transporte der deportierten Armenier aus den anatolischen Wilajets, von wo aus sie längs des Euphrat verteilt wurden. Sie kamen dort zu Zehntausenden an, aber der größte Teil von ihnen ließ dort sein Leben. Der Eindruck, den die große Ebene von Meskene hinterläßt, ist tieftraurig und deprimierend. Die Auskünfte, die ich an Ort und Stelle empfangen habe, gaben mir das Recht zu sagen, daß gegen 60000 Armenier hier begraben sind, die dem Hunger, den Entbehrungen, der Dysenterie und dem Typhus erlagen. Soweit das Auge reicht, sieht man Erdhügel, von denen jeder etwa zweihundert bis dreihundert Leichen enthält. Frauen, Greise, Kinder, alles durcheinander, von jedem Stand und jeder Familie.
Gegenwärtig sind noch 4400 Armenier zwischen der Stadt Meskene und dem Euphrat eingepfercht. Sie sind nicht mehr als lebende Gespenster. Ihre Oberwächter verteilen ihnen sehr unregelmäßig und sparsam ein kleines Stück Brot. Es kommt oft vor, daß sie im Lauf von drei oder vier Tagen absolut nichts erhalten.
Eine entsetzliche Dysenterie wütet und fordert besonders unter den Kindern schreckliche Opfer. Diese unglücklichen Kleinen fallen in ihrem Hunger über alles her, was sie finden, sie essen Gras, Erde und selbst Exkremente.
Ich sah unter einem Zelt, das nur einen Raum von fünf zu sechs Metern im Quadrat bedeckte, ungefähr vierhundert Waisenkinder, die am Verhungern waren. Diese unglücklichen Kinder sollen täglich 150 Gramm Brot erhalten. Es kommt nicht nur vor, sondern geschieht oft, daß man sie zwei oder drei Tage ohne jede Nahrung läßt. Natürlich ist die Sterblichkeit fürchterlich. In acht Tagen hatte die Dysenterie, wie ich selbst feststellen konnte, siebzig dahingerafft.
2.
Abu Herere ist eine kleine Ortschaft nördlich von Meskene am Ufer des Euphrat. Es ist der ungesundeste Ort der Wüste. Auf einem Hügel zweihundert Meter vom Fluß fand ich 240 Armenier, von zwei Gendarmen bewacht, die sie mitleidslos unter gräßlichen Qualen des Hungers sterben ließen. Die Szenen, welche ich gesehen habe, lassen jede Vorstellung denkbaren Grausens hinter sich. Nahe dem Ort, wo mein Wagen hielt, sah ich Frauen, die kaum, daß sie mich hatten kommen sehen, sich daran machten, aus dem Kot der Pferde die wenigen unverdauten Gerstenkörner, die sich noch darin fanden, auszulesen, um sie zu essen. Ich gab ihnen Brot. Sie warfen sich darüber, wie verhungerte Hunde, und zerrissen es in grauenhafter Gefräßigkeit mit ihren Zähnen, unter Zuckungen und epileptischen Konvulsionen, und sobald jemand diesen 240 Unglücklichen, oder besser gesagt, diesen 240 hungrigen Wölfen, die seit 7 Tagen nichts gegessen hatten, meine Ankunft mitgeteilt hatte, stürzte sich die ganze Horde, von der Höhe des Hügels herabrasend, auf mich, streckten mir ihre Skelette von Armen entgegen und flehten mich mit heiserem Geschrei und Schluchzen um ein Stück Brot an. Es waren nur Frauen und Kinder, etwa ein Dutzend Greise darunter.
Bei meiner Rückkehr brachte ich ihnen Brot, und mehr als eine Stunde lang war ich der mitleidige aber ohnmächtige Zuschauer einer wahren Schlacht um ein Stück Brot, wie sie selbst verhungerte wilde Tiere nicht aufführen können.
3.
Hamam ist ein kleines Dorf, wo 1600 Armenier eingeschlossen sind. Auch da jeden Tag dasselbe Schauspiel des Hungers und Entsetzens. Die Männer sind in Strafabteilungen zu Erdarbeiten auf den Straßen requiriert worden. Als Lohn ihrer Arbeit empfangen sie täglich ein ungenießbares und unverdauliches Stück Brot, das absolut unzureichend ist, um ihnen für ihre schwere Arbeit die nötige Kraft zu geben.
An diesem Ort traf ich einige Familien, die noch etwas Geld hatten und auf eine nicht ganz so jämmerliche Weise ihr Leben zu fristen suchten. Aber die große Masse hatte kein anderes Quartier als die nackte Erde, ohne den geringsten Schutz und nährte sich von Wassermelonen. Die Elendesten unter ihnen suchen ihren Hunger zu betrügen, indem sie die Schalen, die die andern wegwerfen, essen. Die Sterblichkeit ist enorm, besonders unter den Kindern.
4.
Rakka ist ein bedeutender Platz am linken Ufer des Euphrat. Dort sind 5-6000 Armenier, hauptsächlich Frauen und Kinder, die auf die verschiedenen Stadtviertel verteilt sind, in Gruppen von fünfzig bis sechzig, in verfallenen Häusern untergebracht, die die Güte des Gouverneurs diesen Unglücklichen angewiesen hat. Man soll das Verdienst ehren, wo man es findet. Was als nichts anderes als die Erfüllung elementarster Pflichten gegenüber ottomanischen Untertanen von Seiten eines türkischen Beamten gelten sollte, muß unter den gegenwärtigen Umständen für einen Akt eines besonderen, ja fast heroischen Edelmutes angesehen werden. Obwohl die Armenier in Rakka besser behandelt werden, als sonst irgendwo, ist ihr Elend gleichwohl schrecklich genug. Brot wird ihnen nur sehr unregelmäßig und in völlig unzureichenden Quantitäten von den Behörden ausgeteilt. Alle Tage sieht man Frauen und Kinder vor den Bäckereien angesammelt, die um ein wenig Mehl betteln. Hunderten von Bettlern begegnet man in den Straßen. Immer diese entsetzliche Qual des Hungers! Dabei muß man bedenken, daß sich unter der verhungerten Bevölkerung nicht wenige befinden, die eine hohe Stellung im sozialen Leben eingenommen haben, die begreiflicherweise unter diesem Elend doppelt leiden müssen. Gestern waren sie reich und beneidet. Heut betteln sie gleich den Ärmsten um ein Stück Brot.
Auf dem rechten Ufer des Euphrat, gegenüber von Rakka, fand ich ebenfalls Tausende Armenier unter Zelten zusammengepfercht und von Soldaten bewacht. Sie waren gleichermaßen ausgehungert. Sie warteten darauf, an andere Plätze weitertransportiert zu werden, wo sie die ausgestorbenen Reihen ihrer Vorgänger ausfüllen sollen. Aber wie viele werden auch nur an ihren Bestimmungsort gelangen?
5.
Sierrat liegt nördlich von Rakka. Dort kampieren 1800 Armenier. Sie leiden dort mehr als anderwärts unter dem Hunger. Denn in Sierrat ist nichts als Wüste. Gruppen von Frauen und Kindern irren am Flusse entlang und suchen einige Halme von Kräutern, um ihren Hunger zu stillen. Andere brechen unter den Augen ihrer gleichgültigen, mitleidlosen Wächter ohnmächtig zusammen. Eine barbarische Order, barbarisch in jedem Sinn, verbietet jedermann die Grenze des Lagers zu verlassen ohne spezielle Erlaubnis, bei Strafe der Bastonnade.
Semga ist ein kleines Dorf, wo 250 bis 300 Armenier eingesperrt sind, unter denselben Bedingungen, in derselben traurigen Lage wie überall.
6.
Der es-Zor ist der Sitz des Gouverneurs der Provinz gleichen Namens. Vor einigen Monaten waren hier 30000 Armenier in verschiedenen Lagern außerhalb der Stadt unter dem Schutze des Gouverneurs Mutessarif Aly Suad Bey untergebracht. Obwohl ich mich der persönlichen Bemerkungen enthalten will, möchte ich mir doch den Namen diese Mannes einprägen, denn er besitzt ein Herz, und die Deportierten sind ihm dankbar, weil er versucht hat, ihr Elend zu erleichtern. Ihm ist es zu danken, daß einige unter ihnen sich etwas durch Straßenhandel verdienen konnten und sich erträglich dabei standen. -- Dies beweist, daß, selbst wenn man einen Augenblick zugestehen will, daß irgend eine Staatsraison die Massen-Deportation der Armenier forderte, um den Schwierigkeiten, denen die Lösung der armenischen Frage begegnen konnte, zuvorzukommen, gleichwohl die türkische Behörde, im eigenen Interesse des Reiches, die Menschlichkeit nicht hätte zu verleugnen brauchen, wenn sie die Armenier in Gegenden transportiert hätte, wo sie Arbeit finden und sich dem Handwerk oder Handel hätten widmen können. Man hätte sie in kultivierbare Gegenden schicken können, wo sie in dieser Zeit, wo der Ackerbau so darniederliegt, reichliche Arbeit gefunden hätten. Aber nein, es war ein vorbedachter Plan, die armenische Rasse zu vernichten und so mit einem Schlage die armenische Frage aus der Welt zu schaffen. Diesen Zweck würde man bei einem anderen Vorgehen nicht erreicht haben. -- Die günstigeren Umstände, deren sich die Armenier von Der es-Zor erfreuten, wurden der Anlaß zu einer Denunziation bei der Zentralbehörde in Konstantinopel. Der „schuldige“ Aly Suad Bey wurde nach Bagdad geschickt und durch Zekki Bey ersetzt, der durch seine Grausamkeit und Barbarei genügend bekannt ist. Man hat mir entsetzliche Dinge erzählt, die unter diesem neuen Gouverneur passiert sind. Einkerkerung, scheußliche Torturen, Bastonnaden, Hängen waren an der Tagesordnung. Sie waren das tägliche Brot der Deportierten in dieser Stadt. Die jungen Mädchen wurden vergewaltigt und den arabischen Nomaden der Umgegend überlassen. Die Kinder wurden in den Fluß geworfen. Aly Suad Bey, dieser seltene türkische Beamte, hatte etwa Tausend Waisenkinder in einem großen Hause untergebracht und gab ihnen auf Kosten der Munizipalität ihren Unterhalt. Sein Nachfolger Zekki Bey warf sie auf die Straße, und die meisten von ihnen starben wie Hunde vor Hunger und entsetzlichen Entbehrungen. Noch mehr. Die 30000 Armenier, die in Der es-Zor waren, wurden in das Gebiet längs des Flusses Chabur, eines Nebenflusses des Euphrat, verschickt. Es ist die schlimmste Gegend der Wüste, wo es unmöglich ist, irgend etwas zum Lebensunterhalt zu finden. Nach den Nachrichten, die ich eingezogen habe, ist ein großer Teil dieser Deportierten bereits dem Tode erlegen. Was davon noch übrig ist, wird dasselbe Schicksal erleiden.“
5.
Das armenische Hilfswerk in Urfa und Umgebung.
Unser Hilfswerk in Urfa und Umgegend begann als die allgemeine Deportation und Vernichtung des armenischen Volkes in der Türkei begonnen hatte. Dies war im Mai 1915. Damals kamen die ersten Deportierten aus Nordanatolien hier durch, bereits schon in der unsagbar traurigsten Verfassung und keine Männer unter ihnen, nur Frauen und Kinder. Die Männer und Väter waren schon auf die Seite gebracht worden. Wer immer von Urfas christlicher Bevölkerung damals jemand von diesen Bedauernswerten verstecken konnte, der tat es. Urfa besaß damals drei Missionen, zwei evangelische, eine amerikanische und eine deutsche, und eine katholische. Letztere allerdings war schon seit Kriegsausbruch, weil französisch, unterbunden. Alle taten ihr Möglichstes zur Linderung der Not. Schon im April 1915 hatten sie Boten an ihre Konsuln in Aleppo gesandt, um sie von dem drohenden Unheil zu unterrichten. Im Juni suchte Schreiber dieses, er war eben von einem schweren Typhus aufgestanden, das deutsche, österreichische und amerikanische Konsulat in Aleppo auf, um sie inständig zu bitten, doch ihr Möglichstes zur Unterbindung des grausamen, auf die völlige Vernichtung des armenischen Volkes hinzielenden Treibens zu tun. Allein alle diese Schritte nützten nichts. Der Armenier war vogelfrei geworden. Er mußte umgebracht werden. Ich war nicht in der Lage, über die schrecklichen Frauen- und Kindertransporte in europäischen Zeitschriften Berichte zu lesen, aber ich nehme an, daß diese gewiß schon oft geschildert worden sind. Mir ist es, als ob sie unbeschreiblich waren. Schon im August wurde die persönliche christliche Hilfe für die Unglücklichen hier illusorisch wegen der Maßregeln der Regierung. Wohl hatten alle Missionare hier ihre Häuser voll der Schutz Suchenden, aber an ein und demselben Tage wurden alle aus diesen Häusern, es waren deren etliche Hundert, polizeilich abgeholt. Wer unter ihnen Mann war, wurde, wenn er aus dem amerikanischen Institute war, erhängt; wenn er aus dem deutschen Spitale, aus dem deutschen Privathause war, oder aus dem dänischen und schweizerischen Hause, wurde er alsbald als Soldat weggeschickt. Die Frauen aber und Kinder mußten in die Wüste wandern, von wo es keine Rückkehr mehr gab. Auch den Muhammedanern wurde verboten, Armeniern Unterschlupf zu geben. Glücklicherweise aber finden alle amtlichen Verbote in der Türkei ihre Übertreter. Und diesen Übertretern ist es zu verdanken, wenn heute noch Tausende und Abertausende von armenischen Kindern wieder zum Vorschein kommen, nachdem sie 4 Jahre in muslimischen Häusern in Stadt und Land gewesen waren. Auch das deutsche Missionshospital durfte, selbst in der Zeit, da es am schlimmsten zuging, viele Frauen und Kinder hindurchretten. Freilich, Männer hindurchretten konnte es nicht, da selbst die in demselben sich befindenden Verwundeten abgeholt und umgebracht worden waren. Nur der dänischen Missionarin, Fräulein Karen Jeppe, gelang es, allen Hausdurchsuchungen zum Trotze, sieben Männer durchzubringen. Die amerikanische Mission hatte im Oktober ihre Arbeit einstellen müssen, weil der noch vorhandene Missionar seiner Sache zum Opfer gefallen war. Mir drohte ein Pascha, mich wie einen Armenier zu behandeln, wenn ich ferner den Armeniern beistehen würde. Durch meine Tätigkeit in unserem Hospital konnte ich aber für die Sterbenden und Schwerkranken, welche wir aus den nie endenwollenden Zügen der hier Durchdeportierten nahmen, sehr viel tun und tun lassen. Wir beherbergten von Juli 1915 bis Juni 1916 nicht weniger als 500 dieser Unglücklichsten. Das Hospital galt allgemein als ein Hort der Armenier. Dies war wohl der Hauptgrund, weshalb ein jungtürkischer Sanitätsrat das Hospital im Juni 1916 schloß. Nun mir die Tätigkeit im Hospital verboten war, konnte ich an die Gründung eines eigentlichen Hilfswerkes denken. Denn jetzt hatte ich auch Zeit dazu. Die Deportation nahte ihrem Ende. Daher wagten sich denn immer mehr von den Arabern in den Dörfern versteckt gehaltene Frauen mit ihren Kindern nach der benachbarten Stadt zurück. Diesen mußte geholfen werden. An eine Wiedereröffnung der zwei Waisenhäuser, welche bis Oktober 1915 hier existierten, durfte nicht gedacht werden. Das hätte die Regierung niemals erlaubt. Aber ich konnte mehr oder weniger heimlich die Armen unterstützen. Wohl mußte ich mir deshalb des öfteren polizeiliche Untersuchungen gefallen lassen. Ich galt auch als Spion, deshalb kam auch niemals ein noch so unverdächtiges, von mir abgesandtes Telegramm an sein Ziel.
Dem Eingang der eingegangenen Hilfsgelder entsprechend, die anfangs ziemlich spärlich flossen, konnte ich Waisen unterstützen. Erwachsene mußten sehen, wie sie sich durchbrachten, an Arbeit fehlte es damals nicht, weil die Muhammedaner Dienerinnen benötigten. Ich trug die Namen der Waisen, welche ich unterstützen konnte, in fortlaufender Nummer in ein Buch ein. Auf der Karte, welche das unterstützte Kind erhielt, waren die Unterstützungen eingetragen, damit ich doch eine gewisse Kontrolle hatte. Ein Arbeitsmangel für die vielen Witwen trat erst zu Anfang 1917 ein, als große Transporte von Armeniern aus dem Deportiertenlager, aus Rakka hierher gebracht worden waren, und als eine Teuerung begann, weshalb viele Araber ihre armenischen Schützlinge nach der Stadt schickten.
Ich ließ nun feine Handarbeiten verfertigen, in denen so viele Armenierinnen große Künstler sind. So ließ ich über 13000 Taschentücher mit feinen Spitzen anfertigen. Allein deren Herstellung erforderte gar bald so große Summen, daß alsdann für die vielen Waisen keine Hilfe mehr möglich gewesen wäre. Eine Umsatzmöglichkeit war ausgeschlossen, weil solche Tücher für Europa und Amerika bestimmt sind, und wegen des Krieges an einen Transport nicht zu denken war. Aus gleichem Grunde ging auch eine im Frühjahr angefangene Seidenzucht wieder ein. Es war da ein junger verbannter Armenier aus Brussa, der ein Diplom hatte als Seidenzüchter, der arbeits- und brotlos war. Dem verhalf ich zur Arbeit, indem ich ihn Seide züchten ließ, und da wir bestimmt auf ein baldiges Kriegsende rechneten, so ließ ich ihn auch für das andere Frühjahr Brut bereiten. Allein der Krieg ging nicht zu Ende. Jemand, der die Kokons hätte verarbeiten können, fand sich nicht, auch kein Seidenweber. Nicht einmal ein Käufer für die Kokons ließ sich auftreiben. Und als die junge Brut im Frühjahr 1918 ausschlüpfte, war niemand da, der hier und anderswo danach verlangte. Auch der Mann aus Brussa hatte Urfa wieder verlassen. So blieb mir nichts anderes übrig, als die wimmelnde Brut wegzuwerfen.
War die Zahl der unterstützten Waisenkinder im Juni 1916 bloß 87, so stieg sie bis zum Juni 1917 auf über 2000. Im Sommer 1917 aber kam wieder ein Abtransport. Man benötigte zum Straßenbau Frauen und Kinder, weshalb viele nach Biredjik und Surudj gebracht worden waren. Andere wieder flohen und suchten ihre alte Heimat wieder aufzufinden. Manche von diesen erhielten etwas Zehrgeld von uns.
Eine schwierige Arbeit war die Versorgung der Armenier in anderen Städten, welche zum Sandjak Urfa gehörten. Rakka war ein Emigrantenzentrum. Diese Stadt war bis Frühjahr 1917 von Aleppo aus vom amerikanischen Konsul versorgt worden. Nach Wegzug dieses Konsuls wurde mir vom deutschen Konsul in Aleppo diese Arbeit übergeben. Zweimal konnte ich Mittel hinsenden und zweimal ging ich selbst mit bedeutenden Mitteln hin. Das zweite Mal aber wurde ich einige Tage festgehalten. Der Gendarmeriekommandant hatte von mir Bestechung erwartet. Nach Biredjik und Adiaman gelang es mir, kleine Summen zu senden und sie dort durch deutsche Offiziere zu verteilen. Den an der Straße von Surudj Frohndienst leistenden halbnackten Kindern und Frauen konnten wir einmal zwei Lasten Kleider bringen. Aus Dörfern der Umgebung kamen zuweilen Armenier, welche im Namen der daselbst befindenden Notleidenden Hilfe erbaten. Geringe Mittel konnten wir geben.
Im Dezember 1916 begab ich mich nach Aleppo, um dem amerikanischen und deutschen Konsul auch die Not der kurdischen Emigranten ans Herz zu legen, die zu Tausenden an den Wegen und in den Dörfern Hungers starben. Ich hoffte durch eine Unterstützung auch dieser Emigranten eine Erleichterung für das armenische Hilfswerk von seiten der türkischen Regierung, die dies bislang so sehr beargwöhnte. Schon im Februar 1917 reifte die Frucht dieses Schrittes. Durch Konsul Jackson erhielt ich 700 Pfund, und vom deutschen Konsul 300 Pfund für diesen Zweck. Im März habe ich denn auch in Hunderten von Dörfern an Tausende von Muselmanen, die dem Hunger verfallen waren, Weizen und Gerste austeilen dürfen. Von diesem Zeitpunkte an konnte ich wenigstens in Urfa freier für die Armenier arbeiten.
Im Laufe dieser Notzeit haben wir auch armenische Familienreste leihweise, aber kräftig unterstützt. Diese hatten vor der Deportation bedeutende Summen bei Banken oder bei Missionen hinterlegt, welche sie aber jetzt unmöglich beziehen konnten.
Anfang 1917 richtete meine Frau heimlich, sorgfältig vor den Augen der Regierung versteckt, ein kleines Waisenhaus ein, nachdem sie schon früher in christlichen syrischen Familien eine Anzahl Ganzwaisen untergebracht hatte. Ende 1917 hatte sie schon zwei kleine Häuser mit Waisen gefüllt, denen sie sogar den Segen der Schule zuteil werden lassen konnte. Über hundert Kinder besuchten auch eine vom Hilfsgelde eingerichtete Schule im syrischen Stadtquartier. Doch dauerte diese Freude nicht lange. Durch jungtürkischen Ukas wurden alle nicht vom Staate geöffneten Schulen im ganzen Reiche geschlossen. Etwas Gescheiteres gab es offenbar für die Landesväter nicht zu tun während dieses fürchterlichen Krieges.
Neue Aufgaben brachte unserem Werke der Waffenstillstand. Da begannen Urfa-Armenier, sei es aus der Wüste, sei es vom Soldatenstande hierher zurückzukehren. Diese fanden hier ihre Häuser zerstört vor. Man mußte ihnen zu einem Bette verhelfen oder ihnen zu einem neuen Geschäftsanfange die Hand reichen.
Gott Bei Dank war nun der Bann gebrochen, den das jungtürkische Regime über das armenische Volk verhängt hatte, und das zur Vernichtung von wohl mehr als Dreiviertel des Volkes geführt hatte. Nun wehte ein anderer Wind. Durch Ausrufen ließ die Regierung in den Straßen der Stadt verkünden, daß jetzt kein Armenier mehr bedrückt werden dürfe, und daß alle armenischen Kinder, Jungfrauen und Frauen, selbst wenn diese verheiratet worden seien, jetzt entlassen werden müssen. Dieser Befehl aber war eine bittere Nuß für viele Muhammedaner. Besonders, die Frauen entlassen! Hatten doch viele sich Armenierinnen genommen und dann gefunden, daß so eine Armenierin doch eine ungleich bessere Hausfrau ist, als eine geborene Türkin. Immerhin, mit der Entlassung der besten unter ihnen hatten sie keine Eile. Erst entließ man einmal die Alten, Gebrechlichen und Kranken. Daneben diejenigen Kinder, welche man noch nicht recht zur Arbeit gebrauchen konnte. Aber eine große Menge wurde doch schon entlassen. Wohin sollten sich diese wenden? Eine armenische Gemeinde existierte seit 1916 in Urfa nicht mehr[172]. Zu Jakob Effendi, war die Losung der Befreiten! Damit war ich und meine Frau gemeint. Es war sehr gut, daß ich in jenen Tagen die Gebäude des amerikanischen Instituts von der Regierung zurückerhalten hatte. Wenn sie auch ihres Mobiliars beraubt waren, so waren doch wenigstens die Gebäude noch bewohnbar. Somit war Platz für mehrere Hunderte von Waisen geschaffen. Diese kamen denn auch in großer Zahl, sei es, daß sie von den Muhammedanern entlassen worden waren, oder selbst von diesen fortliefen. Allein sie kamen ohne Betten, oft ohne Kleider, viele von ihnen krank. Auch viele Frauen kamen an. Im Vertrauen auf Gott nahmen wir fast alles auf, was da kam. Die Gebäude füllten sich rasch. Leider aber stellten die Banken, durch welche wir unsere Hilfsgelder erhielten, ihre Auszahlungen ein. Der Geldmangel zwang mich, Ende November nach Aleppo auf die Suche nach Mitteln zu gehen. Allein auch dort war vorerst nicht viel zu holen. Um nicht mit leeren Händen nach Urfa zurückkehren zu müssen, griff ich zu etwas sonst nicht erlaubtem, ich schrieb einen Scheck auf die Bank in der Schweiz, durch die ich bisher Gelder von dort geschickt bekam. Mit dem Gelde des Schecks, es waren 10000 Franks, konnte ich viele Kleider, Bettwerk, Essen für die wachsende Kinderschar anschaffen. Aber schon im Januar dieses Jahres war wieder völlige Ebbe in der Kasse, trotzdem stieg die Zahl der aufgenommenen Waisen bis zu Ende des Monats auf 200. Diesmal half ich mir dadurch, daß ich Herrn Dr. Lepsius in Potsdam mit 26000 Mk. belastete, welche ich hier auch in der Hoffnung aufnahm, daß bei ihm gewiß wieder Hilfsgelder eingegangen sein werden, welche aber jetzt nicht hergesendet werden konnten. Anfang Februar erhielt ich auch von Mr. Fowle, American Board, wieder Hilfsgelder. Auch zeitigte meine im November nach Aleppo gemachte Reise eine neue Frucht, indem mein damals an das britische Hauptquartier gerichtetes Gesuch Erhörung fand und uns nun für das Hilfswerk eine bedeutende Summe zugestellt wurde.
Nun ist aber das amerikanische Institut voll besetzt. Eine Schule ist im Gange, Weberei, Schusterei und Spinnerei sind in Betrieb, aber der Waisen werden es täglich mehr. Zusammen mit einigen wenigen noch vorhandenen armenischen Männern wollen wir noch eins, zwei weitere Waisenhäuser einrichten. Diejenigen, welche von auswärts sind, und irgendwo westwärts Verwandte zu haben glauben, senden wir an die nächste Bahnstation, von wo sie durch englische Hilfe in die alte Heimat geschickt werden.
Mit Beginn des Waffenstillstandes erhielt ich auch das von der Deutschen Orient-Mission (auch mit Schweizer Geld) unterhaltene Hospital zurück von der militärischen Behörde, welche es zwei Jahre lang für ihre Soldaten besetzt hatte. Somit war auch gleich ein hochnötiges Krankenheim für die vielen kranken Waisenkinder bereit. Augenblicklich ist die Skabies in sehr hartnäckiger Form die Hauptkrankheit.
Mit den Hilfsgeldern konnten wir wieder einmal nach drei Monaten die täglich in vermehrter Zahl unser Haus umlagernden Witwen und Waisen unterstützen, welche in der Stadt zerstreut wohnen oder neu aus Dörfern eingekehrt waren, aber in unserem Waisenhause nicht Aufnahme fanden. So wurden an einigen Tagen über 1000 Personen, meist Kinder, unterstützt. Ferner konnten wir all den Vielen, welche in ihre alte Heimat reisen wollten, wieder wie den früher Verreisten, einen Zehrpfennig auf den Weg mitgeben.
In der ersten Zeit unseres Hilfswerks machten diese Arbeit meine Frau und ich allein. Seit Frühjahr 1917 mußte ich ab und zu Pater Ephraim Djurassian, den Prediger in der syrisch-protestantischen Kirche, einer der wenig übrig gebliebenen Armenier, zu Hilfe rufen. Er übernahm auch das Lehramt. Seit November 1918 aber habe ich ihn und seine Frau als Waiseneltern im amerikanischen Institut eingesetzt. Seit Februar 1919 ziehen wir uns zur wachsenden Arbeit die nötigen Helfer heran. Wir, das heißt meine Frau, welche fast übermenschlich ihr organisatorisches Talent in den Dienst des Hilfswerks stellte, und ich harren auf neue amerikanische oder europäische Hilfe, denn es ist uns zuweilen, als ob die Kraft uns versagen wollte. Doch, wie der Tag so die Kraft, so war es bis heute gewesen und wird es weiter so bleiben, bis die Ablösung da sein wird.
Urfa, den 20. Februar 1919.
Jakob Künzler.
Der auswärtige Dienst 1914-1918
Der auswärtige Dienst 1914-1918.
Reichskanzler.
Dr. von Bethmann Hollweg vom 14. Juli 1909 bis 14. Juli 1917.
Dr. Michaelis vom 14. Juli bis 1. November 1917.
Dr. Graf von Hertling vom 1. November 1917 bis 3. Oktober 1918.
Prinz Max von Baden vom 3. Oktober bis 9. November 1918.
Staatssekretäre.
von Jagow vom 11. Januar 1913 bis 22. November 1916.
Zimmermann vom 22. November 1916 bis 6. August 1917.
von Kühlmann vom 6. August 1917 bis 16. Juli 1918.
von Hintze vom 16. Juli 1918 bis 7. Oktober 1918.
Dr. Solf vom 7. Oktober 1918 bis 30. Dezember 1918.
Unterstaatssekretäre.
Zimmermann vom 5. Mai 1911 bis 22. November 1916.
von Stumm vom 22. November 1916 bis 7. Dezember 1918.
Freiherr von dem Bussche-Haddenhausen, zweiter Unterstaatssekretär vom 27. November 1916 bis 1. Januar 1919.
Botschaft Konstantinopel.
Freiherr von Wangenheim, Botschafter seit 1912, † 25. Oktober 1915, beurlaubt vom 20. Juli 1915 bis 2. Oktober 1915, vertreten durch Fürst Hohenlohe-Langenburg, Botschafter in außerordentlicher Mission vom 20. Juli 1915 bis 2. Oktober 1915.
Botschaftsrat Freiherr von Neurath, Geschäftsträger vom 25. Oktober 1915 bis 15. November 1915.
Graf Wolff-Metternich, Botschafter in außerordentlicher Mission vom 15. November 1915 bis 3. Oktober 1916.
Geh. Legationsrat von Radowitz, Geschäftsträger vom 3. Oktober 1916 bis 16. November 1916.
Dr. von Kühlmann, Botschafter in außerordentlicher Mission vom 16. November 1916 bis 24. Juli 1917. Beurlaubt vom 26. Dezember 1916 bis 5. Januar 1917, vertreten durch Geh. Legationsrat Dr. Göppert. Beurlaubt vom 26. Juni 1917 bis 7. Juli 1917, vertreten durch Botschaftsrat Grafen von Waldburg.
Botschaftsrat Graf von Waldburg, Geschäftsträger vom 24. Juli 1917 bis 7. September 1917.
Graf von Bernstorff, Botschafter vom 7. September 1917 bis 27. Oktober 1918.
Botschaftsrat Graf von Waldburg, Geschäftsträger vom 27. Oktober 1918 bis 20. Dezember 1918.
Konsulate.
~Adana.~
Dr. Büge, Konsul, von Mai 1910 bis Oktober 1918.
~Aleppo.~
Rößler, Konsul, von 1910 bis 30. Mai 1918.
Vom 27. März 1915 auf Dienstreise in Marasch, vertreten durch Herrn Rühe, Direktor der deutschen Orientbank,
beurlaubt vom 3. Oktober bis 22. Oktober 1915 } vertreten durch „ „ 15. August bis 9. September 1916 } Vizekonsul „ „ 12. August bis 30. September 1917} Hoffmann. „ „ 30. Mai 1918 ab, vertreten durch Konsul Dr. Schönberg, bis 12. Oktober 1918.
~Alexandrette.~
Hoffmann, Vizekonsul, seit April 1914.
~Bagdad.~
Hesse, Konsul, seit 1910 bis 28. Februar 1917.
~Beirut.~
v. Mutius, Konsul (seit 15. April 1916 Generalkonsul) von 1912 bis Ende September 1918, beurlaubt vom 15. Juni bis 25. Oktober 1917, vertreten: 1. bis 29. Juli 1917 durch Konsul Graf v. d. Schulenburg, 2. vom 30. Juli bis 25. Oktober 1917 durch Herrn Drubba.
~Damaskus.~
Karl Schiffer, Prokurist der Deutschen Palästina-Bank, Verweser, von Juni 1914 bis 15. Januar 1915.
Dr. Padel, Konsul, Verweser, vom 15. Januar bis 26. Mai 1915.
Dr. Loytved-Hardegg, Konsul, Verweser, vom 13. Juni 1915, † 7. Mai 1917, vom 13. September bis 2. Oktober 1915 in Haifa.
Vizekonsul Hoffmann, Verweser, vom 10. Mai bis 10. August 1917.
Graf v. d. Schulenburg, Konsul, Verweser, vom 10. August 1917 bis 2. April 1918.
Dr. Ziemke, Verweser, vom 2. April bis 20. Juni 1918.
Dr. Brode, Konsul, Verweser, vom 30. Juni bis Ende September 1918.
~Erzerum.~
Vizekonsul Anders, Verweser, seit 4. September 1913 bis Ende Juli 1914.
Dr. Schwarz, Konsul, Verweser, seit 29. September 1914 bis 17. Februar 1915.
Scheubner-Richter, Verweser, vom 17. Februar bis 6. August 1915.
Graf v. d. Schulenburg, Konsul, Verweser, vom 6. August bis Ende Februar 1915; bis 12. Februar 1916 Geschäfte von Sekretär Werth geführt, der dann nach Siwas übersiedelte.
~Haifa.~
Dr. Loytved-Hardegg, Vizekonsul (seit 23. Juni 1914 Konsul) seit 1912; beurlaubt vom 18. Juli bis 9. September 1914, vertreten durch Bankdirektor Faber.
Seit 1915 wurde Haifa von Damaskus aus verwaltet, als Vertreter des Konsulats Damaskus befand sich bis Ende September 1918 Dragoman Hoffmann in Haifa.
~Jaffa.~
Dr. Brode, seit Juni 1914 bis Ende März 1916, beurlaubt vom 13. Juli bis 9. September 1914 } vertreten durch in Jerusalem vom 1. bis 15. August 1915 } Dragoman „ „ „ 5. Sept. bis 26. Okt. 1915 } Baumert.
Seit Ende März 1916 bis November 1917 wurde Jaffa von Jerusalem aus verwaltet; in Jaffa bis 28. August 1917 Dragoman Schabinger, dann bis 21. September Dragoman Baumert, dann bis November 1917 Dragoman Schabinger.
November 1917 nach Haifa verlegt.
~Jerusalem~, Generalkonsulat.
Schmidt, Generalkonsul seit 1914, † 27. März 1916, abwesend vom 1. bis 14. August 1915 } vertreten durch „ „ 5. September bis 26. Oktober 1915 } Konsul Dr. Brode.
Dr. Brode, Verweser, vom 25. März 1916 bis 15. November 1917. Am 15. November 1917 nach Damaskus übergesiedelt.
~Mossul.~
Vizekonsul Holstein, Verweser seit 1911 bis Ende April 1918; vom 1. November bis 19. Dezember 1914 Dienstreise nach Wan, Oktober 1915 auf Dienstreise; beurlaubt 22. Juli bis 23. September 1916, vertreten durch Vizekonsul Schünemann; beurlaubt 1. Mai bis 19. September 1917, vertreten durch Vizekonsul Wustrow.
Vizekonsul Wustrow, Verweser, von Ende April bis 23. Juli 1918.
Vizekonsul Seiler, Verweser, vom 23. Juli bis Oktober 1918.
~Samsun.~
Kuckhoff, Wahlvizekonsul, seit 1905 bis August 1917.
Mosel, Kaufmann, Verweser, von August 1917 bis 7. Januar 1918.
Dr. Bergfeld, Konsul, Verweser, vom 7. Januar bis 3. Juli 1918 (zugleich für Konsulat Trapezunt).
Hesse, Konsul, Verweser, vom 3. Juli 1918 bis November 1918.
~Siwas.~
Vom 27. Februar 1916 bis 4. Februar 1917 von Sekretär Werth verwaltet.
Dr. Bergfeld, Konsul, Verweser, vom 4. Februar bis 8. Oktober 1917.
Hesse, Konsul, vom 8. Oktober 1917 bis August 1918. Seit August 1918 wurden die Geschäfte von Erzerum und Siwas von Konsul Bergfeld von Trapezunt aus geführt.
~Smyrna.~
Humbert, Konsul seit 1910 bis 8. Januar 1916.
Graf v. Spee, Konsul, Verweser vom 8. Januar 1916 bis 19. Januar 1917.
Dr. Weber, Konsul, Verweser, vom 19. Januar 1917 bis November 1918.
~Trapezunt.~
Dr. Bergfeld, Konsul, seit 1910 bis 8. März 1916; am 8. März 1916 nach Samsun übergesiedelt, das Konsulat Trapezunt wurde seitdem von Samsun aus verwaltet. In Samsun bis 27. Januar 1917 Konsul Dr. Bergfeld, dann Vizekonsul Kuckhoff, Verweser bis August 1917, dann bis Anfang Januar 1918 Kaufmann Mosel, Verweser, dann wieder Konsul Dr. Bergfeld bis Juli 1918.
Dr. Bergfeld, Konsul, wieder in Trapezunt vom Juli bis November 1918.
Register
Aktenregister.
Amerikanische Botschaft, Berlin, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 252.
Amerikanische Botschaft, Konstantinopel, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 220.
Amerikanische Mission, Marasch, an Kais. Deutsches Konsulat, Aleppo. Nr. 25, Anlage 2. Nr. 188, Anlage 4.
Amerikanisches Bible House an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 341. 343.
Amerikanisches Staatsdepartement, Washington, an Kais. Deutsche Gesandtschaft, Washington. Nr. 252, Anlage.
Armenische Republik, Delegation der --, Berlin, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 403. 407. 413. 421. 439.
Armenischer Nationalrat von Kars an Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis. Nr. 431.
Armenische Republik, Geschäftsträger der --, Tiflis, an Diplomatische Vertretung der Aserbeidschanschen Republik, Tiflis. Nr. 440.
„ Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis. Nr. 440. 441, Anlage.
Aufzeichnung des Auswärtigen Amtes. Nr. 224. 300. 321. 377. 394. 414.
Aufzeichnungen der Deutschen Botschaft, Konstantinopel. Nr. 69. 131. 146. 147. 217. 324.
Aufzeichnungen eines Österreichers. Nr. 137, Anlage I.
Auswärtiges Amt, Berlin, Unterstaatssekretär Zimmermann, an Kais. Deutsche Botschaft Konstantinopel (Wangenheim). Nr. 83. 101. 187. 192. (Hohenlohe) Nr. 144. 159. 174.
„ Kais. türk. Botschaft, Berlin. Nr. 178.
Auswärtiges Amt, Berlin, Staatssekretär v. Jagow, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wolff-Metternich). Nr. 200. 205.
Auswärtiges Amt, Berlin, Staatssekretär Zimmermann, an Armenische Delegation, Berlin. Nr. 394. Aufzeichnungen. Nr. 224. 300. 321. 377. „ Halil Bey, Minister des Äußern. Nr. 299. „ Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wolff-Metternich) Nr. 207. 208. 211. 212. 213. 242. 244. 247. 252. 267. (Kühlmann) Nr. 310. 316. 320. 323. 353. 362. 372. „ Kais. Deutsche Gesandtschaft, Bern. Nr. 244. 354. 359. 443. „ Orient- und Islamkommission des Deutsch-Evangelischen Missionsausschusses. Nr. 337.
Auswärtiges Amt, Berlin, Staatssekretär v. Kühlmann, an Armenische Delegation, Berlin. Nr. 394. Aufzeichnung. Nr. 414. „ Deutsche Gesandtschaft, Bern. Nr. 443. „ Deutsches Konsulat, Erzerum. Nr. 393. „ Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Bernstorff). Nr. 364. 367. 371. 372. 375. 380. 381. 382. 383. 385. 389. 397. 398. 417. 432. 437. „ Kais. Deutsche Botschaft, Wien. Nr. 396. „ Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis. Nr. 423. 430. 433. „ Königl. Preuß. Gesandtschaft, München. Nr. 412. Richtlinien zu Verhandlungen mit der Transkaukasischen Republik. Batum. Nr. 387. 410. „ Staatssekretär v. Kühlmann, Bukarest. Nr. 376. 379.
Bagdadbahn, Generaldirektion Konstantinopel, an Verwaltungsrat der Bagdadbahn, Berlin. Nr. 444.
Bericht über das Blutbad bei Katharinenfeld. Nr. 401.
Bünte, Diplomingenieur K. O. Oberleutnant, Aleppo, an Deutsches Konsulat, Aleppo. Nr. 345, Anlage.
Central Turkey College, Aintab, an Deutsches Konsulat, Aleppo. Nr. 188, Anlage 5.
Chef des Generalstabes der türkischen Heeresgruppe Ost an Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis. Nr. 442, Anlage 1.
Christoffel, J., Malatia an Deutsche evangelische Missionshilfe, Berlin. Nr. 356, Anlage.
David, Dr., Feldgeistlicher, Angora, an Erzberger, Matthias, M. d. R., Berlin. Nr. 353, Anlage.
Deutsch-Armenische Gesellschaft, Potsdam, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 82. 258. „ den Reichskanzler von Bethmann Hollweg. Nr. 206.
Deutsche in Konia, an Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Hohenlohe). Nr. 143.
Deutsche evangelische Missionshilfe, Berlin-Steglitz, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 356. 361.
Deutsche Militärmission, Konstantinopel, an Kais. Deutsche Botschaft Konstantinopel. Nr. 307, Anlage.
Deutsche Missionsklinik, Urfa, an Kais. Konsulat, Aleppo. Nr. 226, Anlage 1. 234, Anlage.
Deutsche Orient-Handels- und Industriegesellschaft, Urfa, an Deutsch. Konsulat, Aleppo. Nr. 137, Anlage II.
Deutsche Orientmission, Potsdam, an den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 251.
Deutsche Realschule, Aleppo, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 182.
Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 319. „ den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 213, Anlage.
Deutscher Militärbevollmächtigter, Konstantinopel, an Kriegsminister Enver Pascha. Nr. 419.
Djemal Pascha, Besprechung mit --, Nr. 360. Befehl vom 31. 3. 1915. Nr. 25, Anlage 3.
Dolci Monsignore, päpstl. Delegat, Konstantinopel, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 145.
Ehmann, Joh. und Frau, Mamuret ul Aziz, an Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wangenheim). Nr. 42. 96. „ Deutscher Hilfsbund für christl. Liebeswerk im Orient, Frankfurt a. M. Nr. 314.
Enver Pascha, Kriegsminister, Gespräch mit Korvettenkapitän Humann. Nr. 131. an Großes Hauptquartier. Nr. 422.
Erzberger, Matthias, M. d. R., Berlin, an Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 238, Anlage. „ Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 246. 352. „ den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 267.
Funkspruch vom Eiffelturm. Nr. 294. 362.
Gesetz, vom 14. / 27. Mai 1915. Nr. 71.
„ provisorisches, vom 26. September 1915. Nr. 223.
Halil Bey, Minister des Äußern, Konstantinopel, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 194. 217. 225. 272. 311.
Hauptquartier, Großes, an Auswärtiges Amt Berlin. Nr. 285. 399. 400. 409. 410. 428.
Hauptquartier Pleß, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 189.
Humann, Korvettenkapitän, Gespräch mit Kriegsminister Enver Pascha. Nr. 131.
Johansson, Alma, Schwester, Musch, Angaben an die Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 196.
Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel, Wangenheim, Aufzeichnungen Nr. 69. an armenischen Patriarchen. Nr. 32. 55. „ Auswärtiges Amt, Berlin (Zimmermann). Nr. 29. 35. 43. 46. 56. 72. 93. 181. 183. „ Ehmann Joh. Mamuret ul Aziz. Nr. 61. 86. „ Großwesir, Memorandum. Nr. 106, Anlage. „ Hali Bey, Minister des Äußern, Konstantinopel. Nr. 194. „ Kais. Deutsches Konsulat Adana. Nr. 28. 89. „ „ „ „ Aleppo. Nr. 77. „ „ „ „ Erzerum. Nr. 36. 60. 65. 68. 70. 88. „ „ „ „ Mossul. Nr. 11. 50. 191. „ „ „ „ Samsun. Nr. 117. „ „ „ „ Trapezunt. Nr. 95. „ den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 1. 7. 9. 10. 13. 14. 15. 16. 20. 21. 24. 26. 30. 37. 38. 44. 62. 81. 106. 108. 114. 116. 184. 188. 195. „ Talaat Pascha, Minister des Innern. Nr. 69. 112.
Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Hohenlohe), Aktennotizen. Nr. 119. 157. Aufzeichnungen. Nr. 131. 146. 147. an Auswärtiges Amt, Berlin (Zimmermann). Nr. 168. 177. „ Großwesir, Konstantinopel. Nr. 136, Anlage. „ Kais. Konsulat, Adana. Nr. 133. 148. 171. „ „ „ Aleppo. Nr. 122. 127. 133. 142. 152. 173. „ „ „ Damaskus. Nr. 135. „ „ „ Erzerum. Nr. 133. „ „ „ Jerusalem. Nr. 151. „ „ „ Mossul. Nr. 133. „ „ „ Trapezunt. Nr. 133. 161. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 126. 136. 138. 160. 167. 175. 179.
Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wolff-Metternich), Aufzeichnung. Nr. 217. Aktennotizen. Nr. 225. 245. 259. an Auswärtiges Amt, Berlin (Zimmermann). Nr. 216. 248. 250. 276. 277. 278. 286. „ Kais. Konsulat, Aleppo. Nr. 221. 228. „ „ „ Damaskus. Nr. 269. 284. „ Halil, Minister des Äußern. Nr. 225. 253. 272. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 201. 204. 209. 210. 215. 218. 219. 230. 232. 238. 240. 241. 243. 245. 253. 255. 256. 261. 262. 264. 268. 273. 275. 282. 287. 289. 296.
Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Radowitz), an den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 301. 302. 303. 304. 306. 307.
Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Kühlmann), Aktennotiz. Nr. 324. an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 308. 312. 322. 328. 347. „ Halil Bey, Minister des Äußern. Nr. 311. „ Kais. Konsulat, Aleppo. Nr. 325. 342. 349. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 313. 317. 318. 329. 348. 351. 355.
Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Bernstorff), an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 365. 368. 369. 373. 374. 384. 386. 388. 390. 392. 395. 415. 416. 418. 427. 432. 434. „ Reichskanzler Graf Hertling. Nr. 366.
Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Eriwan, an Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis. Nr. 436.
Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 404. 411. 431. 438. „ Chef des Generalstabes der türkischen Heeresgruppe Ost. Nr. 442, Anlage 2. „ General Nury Pascha. Nr. 442, Anlage 3. „ Reichskanzler Graf Hertling. Nr. 405. 424. 426. 435. „ Reichskanzler Prinz Max v. Baden. Nr. 440. 441. 442. „ diplomatischen Vertreter der Aserbeidschanschen Republik, Tiflis. Nr. 442, Anlage 4.
Kais. Deutsche Gesandtschaft, Bern, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 357.
Kais. Konsulat, Adana, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 19. 28. 34. 58. 90. 165. 170. „ Schweizerisches Hilfswerk für Armenien. Nr. 263, Anlage 2.
Kais. Konsulat, Aleppo, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 358. „ Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wangenheim). Nr. 11. 22. 23. 25. 27. 40. 47. 48. 66. 75. 76. 79. 87. 103. 107. 185. 186. 188. „ Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Hohenlohe). Nr. 121. 125. 128. 134. 140. 141. 150. 153. 158. 164. 169. 172. 180. „ Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wolff-Metternich). Nr. 225. 226. 227. 229. 231. 233. 234. 235. 236. 241. 254. 257. 265. 271. 281. 291. 292. 293. 297. 298. „ Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Radowitz). Nr. 301. 302, Anlage 1 (Kühlmann). 326. 330. 340. 344. 346. 350. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 120. 137. 188. 193. 202. 203. 260. 274. 290. 305. 315. 327. 330. 334. 339. 345. „ Reichskanzler Grafen Hertling. Nr. 391. „ Schweizerisches Hilfswerk f. Armenien. Nr. 262, Anlage 1. „ Vischer, Dr., Basel. Nr. 262, Anlage 1.
Kais. Konsulat, Alexandrette an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wangenheim). Nr. 18.
Kais. Konsulat, Beirut, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 331. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 331.
Kais. Konsulat, Damaskus, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Hohenlohe). Nr. 154. (Wolff-Metternich). Nr. 270. 275. 283. (Radowitz). Nr. 332. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 332. „ Schweizerisches Hilfswerk für Armenien. Nr. 263, Anlage 3.
Kais. Konsulat, Erzerum, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 132. 393. „ Deutsche Botschaft, Konstantinopel, (Wangenheim). Nr. 2. 3. 4. 5. 6. 10. 14, Anlage. 17. 32. 33. 39. 41. 45. 51. 52. 53. 54. 59. 63. 64. 73. 74. 84. 85. 91. 92. 98. 104. 123. (Hohenlohe). Nr. 129. 130. (Wolff-Metternich). Nr. 237. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 10. 14, Anlage. 309.
Kais. Konsulat, Jerusalem, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel, (Hohenlohe). Nr. 163. (Wolff-Metternich). Nr. 279.
Kais. Konsulat, Mossul, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel, (Wangenheim). Nr. 49. 57. 78. 80. 110. 113. 115. 118. 190. (Hohenlohe). Nr. 124. 139. (Radowitz). Nr. 333. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 333. „ Schweizerisches Hilfswerk für Armenien. Nr. 263, Anlage 4.
Kais. Konsulat, Samsun, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wangenheim). Nr. 99. 116, Anlage. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 116, Anlage.
Kais. Konsulat, Siwas, an Deutsche Botschaft, Konstantinopel (Wolff-Metternich). Nr. 280. 289.
Kais. Konsulat, Tiflis, an Auswärtiges Amt (Kühlmann). Nr. 402.
Kais. Konsulat, Trapezunt, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel, (Wangenheim). Nr. 94. 97. 100. 102. 105. (Hohenlohe). Nr. 155. 162. „ Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 8. 12. 109. 156.
Kais. türkische Botschaft, Berlin, an Norddeutsche Allgemeine Zeitung. Nr. 202, Anlage.
Kais. und Königl. Vertreter in Tiflis, an den österreichischen Minister des Äußern. Nr. 425.
Königl. Preußische Gesandtschaft, München, an Reichskanzler Grafen v. Hertling. Nr. 406.
von Kühlmann, Staatssekretär, Bukarest, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 378.
Künzler, Jacob, Urfa, Das Hilfswerk in Urfa und Umgebung. Anhang Nr. 5.
an Deutsches Konsulat, Aleppo. Nr. 226, Anlage 1. 234, Anlage. 290, Anlage. 334. 335. 338. 339, Anlage.
Militär-Kommissariat, Aleppo, an Bagdadbahn. Bauabteilung III. Nr. 166.
Militärmission, Deutsche, Konstantinopel, an Kais. Deutsche Botschaft (Radowitz). Nr. 307, Anlage.
Missionsausschuß der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, an Reichskanzler Bethmann v. Hollweg. Nr. 197, Anlage 2.
Nachrichten aus Kaukasisch-Armenien. Nr. 408. 421, Anlage.
Neukirch, Dr. (Rote-Kreuz-Expedition), Erzindjan, an Auswärtiges Amt. Nr. 192, Anlage.
Notstandswerk, Urfa, Bericht über das --. Anhang Nr. 5. an Kais. Konsulat, Aleppo. Nr. 290, Anlage. 334. 335. 338. 339, Anlage.
Nury Pascha, General, an Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus. Nr. 442, Anlage 6.
Österreichers, Aufzeichnung eines --. Nr. 137, Anlage I.
Orient- und Islamkommission des Deutschen evangelischen Missionsausschusses, Berlin, an Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. Nr. 336. „ Reichskanzler Graf Hertling. Nr. 370.
Ottomanische Vertretung, Tiflis, an Kais. Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis. Nr. 442, Anlage 5.
Patriarch, armenischer, Erzbischof Zaven, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 101. 103. 214.
Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 363.
Peet Mr. W. W. Treasurer of American Missions in Turkey, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 67.
Pforte, die (Ministerium des Äußern) an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 218, Anlage. 272.
Publication aux Wilajets. Nr. 226, Anlage 2.
Reichskanzler v. Bethmann Hollweg, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 197. „ Direktor der Evangelischen Missionshilfe. Nr. 198. „ Erzberger, Matthias, M. d. R., Berlin. Nr. 199.
Richtlinien zu Verhandlungen mit der Transkaukasischen Republik Batum. Nr. 387. 410.
Rohner, Schwester Beatrice, Aleppo, an Kais. Konsulat, Aleppo. Nr. 274, Anlage. 302, Anlage 2. „ Schweizerisches Hilfswerk für Armenien. Nr. 263, Anlage 1.
Rohrbach, Dr. Paul, Berlin, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 266.
Sahak, Katholikos von Cilicien, an armenischen Patriarchen, Konstantinopel. Nr. 34.
Schäfer, Schwester Paula, Marasch, an Kais. Konsulat, Aleppo. Nr. 262, Anlage 2.
Schweizerisches Hilfswerk für Armenien, an Kais. Deutsche Gesandtschaft, Bern. Nr. 239. 249. „ „ „ „ Aleppo. Nr. 263. „ „ „ „ Damaskus. Nr. 263, Anlage 3.
Senatsverhandlungen im Oktober und November 1915. Bericht über --. Nr. 223.
Shepard, Dr., Aintab, an Amerikanisches Konsulat, Aleppo. Nr. 25, Anlage 1.
Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Parteivorstand der --, an Auswärtiges Amt, Berlin. Nr. 363.
Staatsdepartement Washington an Kais. Deutsche Gesandtschaft, Washington. Nr. 252, Anlage.
Stange, Oberstleutnant, Erzerum, an Deutsche Militärmission, Konstantinopel. Nr. 149.
Talaat Pascha, Großwesir, an Kais. Deutsche Botschaft, Konstantinopel. Nr. 157. 160, Anlage 1. 2. 3.