Deutscher Mondschein

Chapter 2

Chapter 22,660 wordsPublic domain

"Das ist wahr; aber ich wußte es auch nicht, doch heute kann ich darüber reden. Sie haben die ganze Nacht ruhig und solide von den Pandekten und dem Landrecht geträumt, und Sie erwachen und suchen sich den Inhalt Ihrer Träume wieder zu vergegenwärtigen. Es gelingt Ihnen nur zu gut, und der Jammer beginnt. Sie sehen von Ihrem Kopfkissen aus nach Ihrer Bibliothek hinüber, und plötzlich ergreift Sie eine kaum zu bezwingende Lust aufzuspringen, den ganzen Trödel in die Arme zu fassen---und--und--und--Dinge--unsagbare Dinge damit vorzunehmen. Sie bezähmen sich aber, denn es fällt Ihnen ein wieviel Geld Sie in den Wust gesteckt haben, und Sie bezähmen sich auch zum Glück für Ihre weitere Karriere und gehen an die Bereitung Ihres Kaffees. Dabei ergreift Sie dann die Vorstellung, daß Sie noch immer ohne die entsprechende Vergütung dem Staate zur Verfügung stehen, mit erschütternder Gewalt; und darüber wieder kocht Ihnen nicht nur die Galle, sondern auch Ihr Gebräu über, und Sie fressen die eine in sich hinein und schütten das andere nicht in die Dachrinne, sondern ebenfalls in sich hinein. Sie haben Illusionen verloren und Sie machen sich neue: sehen Sie, da haben Sie eine der ersten Wirkungen unseres Feindes, des Mondes! Ja, Sie machen sich sonderbare Illusionen, und was das sonderbarste ist, Sie verdenken es sich selber gar nicht. Nachher gehen Sie zum Büro, begegnen unterwegs Ihrem Vorgesetzten, grüßen ihn höflichst, und jetzt, mit einem Male, fällt Ihnen ein anderes Träumen ein! Sie erinnern sich dessen, was Sie träumten, als Sie mit dem Kopfe im offenen Fenster lagen und der Mond Ihnen auf den Kopf schien. Sie stehen und sehen dem Präsidenten nach; und nun, und einzig und allein durch des deutschen Mondes Schuld, fällt Ihnen bei, daß Sie für Ihre Person doch mehr gelesen haben als Ihre Vorfahren: nicht die Zeitung, sondern Zeitungen, außerdem Schiller und Goethe, Voltaire und Rousseau, Börne und Stahl, Ranke und Raumer und ein inkommensurables Gemisch neuester Poeten höchst liberaler Art. Sie erinnern sich an manches, was Sie auf Universitäten beim Kommersch sangen, und der sanfte, liebliche Mond, der vielleicht gerade als zarte Sichel über Ihnen im Hellblau des Morgenhimmels steht, verzieht den Mund höhnisch und wächst, wächst, wächst von neuem zu Vollmond an, während Sie Tag für Tag, Woche für Woche Ihren Amstgeschäften nachgehen. Sie fühlen sich grenzenlos unbehaglich, Sie kommen sich unsagbar dumm, albern und abgeschmackt vor und protokollieren auch dumm, wofür Sie eine ganz gehörige Nase besehen. Mit der letztern gehen Sie nach Hause und besehen zufällig Ihren abnehmenden Haarwuchs im Spiegel, und wenn Sie dabei in Ihrem Bart ein weißes Haar entdecken sollten, so kommt auch das Ihrem guten Freunde, dem Monde, ganz gelegen; denn er ist imstande, Sie daran fester zu fassen und leichter seine Wege zu führen als an irgend etwas anderem. Das nächste Mal, wenn Sie wieder einsam in der Nacht am Fenster sitzen, nimmt er Sie bei diesem Haar: Sie sehnen sich nach einem Busen, einem zarten, gefühlvollen, weichen Busen, in den Sie alle Ihre Wehmut ausschütten können, dem Sie Ihren Gram sagen, dem Sie Verdruß und Ärgernis mitteilen können. Sie träumen wachend, und der Mond hohnlacht ärger denn zuvor..."

"Halten Sie einmal, Löhnefinke!" rief ich, beide Hände auf die Stirn drückend. "Muß denn immer erst ein anderer kommen und einem seine eigensten vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Zustände klar und objektiv hinstellen? Kollega, Sie haben vollständig recht; nervös, wie Sie selber, folge ich Ihrer Auseinandersetzung! Fahren Sie fort,--wahrhaftig, der Mond ist ein Ungeheuer!"

"Er ist es, der Mond, und vor allem dieser deutsche Mond! Da kommt er abermals über das Dach, und Sie legen den Kopf auf die Schulter und blinzeln ihm blöde und verlegen in die breite Fratze. Und plötzlich schwankt hohes Weizenährenfeld vor Ihren Blicken, die Nachtigall oder sonst ein Vogel piept im Gebüsch, es blitzt der Teich, der Bach murmelt, und Sie, Kollega, fangen gleichfalls an zu murmeln. Was murmeln Sie? Natürlich irgendeinen wohlklingenden Taufnamen, auf E oder A auslaufend,--Klothilde, Josephine, Maria, Amalia--was weiß ich?! Einerlei! Es ist entschieden--er hat Sie; er hat Sie mit allem, was an Ihnen ist, dieser heimtückische, hinterlistige Schleicher, der Mond, der deutsche Mooond! Sie fühlen sich in der Stimmung, ihn Ihren Freund zu nennen, die Arme nach ihm auszustrecken, eine Träne ihm hinzuweinen, und Sie sind ohne allen weitern Zweifel grenzenlos blamiert."

"Ja!" sagte ich und nichts weiter. Der Kollege aber schwieg in melancholischem Tiefsinn eine geraume Weile, bis er von neuem auf und fortfuhr.

"Ich war Landbote, als während des Militärkonflikts Seine Majestät unserem Ministerpräsidenten den berühmten, symbolischen Stock schenkte; ich stimmte selbstverständlich mit der Majorität und jetzt --jetzt im Jahre siebenundsechzig--habe ich ein Sonett--bedenken Sie, ein Sonett!--ein Lobsonett auf den allverehrten Herrn Ministerpräsidenten gemacht und dasselbige im Inseratenteil der Nationalzeitung abdrucken lassen. Verstehen Sie mich und meine Stellung zu dem Monde, dem deutschen Monde?"

"Vollkommen!" sagte ich nach einigem Nachdenken.

"Dann kann ich mich kurz fassen und werde es tun. Man kennt--und der Mond weiß es--einen passabel wohlklingenden, auf E oder A auslaufenden Namen und die Trägerin natürlich dazu; oder man sucht sofort nach einem solchen Namen und seiner Trägerin, und daß der Mond bereitwilligst hilft, ihn und sie zu finden, versteht sich von selber. Kein Kuppler bietet in derartigen Fällen eilfertiger und geschickter seine Hand. O, er leuchtet uns auf den lyrischen Dichter, mit welchem wir uns plötzlich mehr als wahlverwandt fühlen. O, er scheint uns auf das Blatt, auf welchem wir selber der Muse die Cour machen. O, er greint auf uns herab, wenn wir am Ausgange des Ball, Konzert oder Theatersaales auf sie warten. O, o, o, er geleitet uns später auch nach Hause, wenn die Alte nichts dagegen einzuwenden hatte, daß wir sie dahin bringen. O, o, o, o, wer versteht es besser als er, dem Esel, dem Menschen, heimzuleuchten? Gleichgültig ist es, aber doch eine wohl aufzuwerfende Frage, ob auch er die Schuld davon trage, wenn der Alte eines schönen Morgens 'Ja!' sagt. Sind Sie auch verheiratet, Kollege?"

Die Frage drang so abrupt auf mich ein, daß sie mich fast vom Stuhle warf und ich mich wahrhaftig erst einen Moment durch sammeln mußte, ehe ich sie bejahend beantworten konnte.

"Wohl! Dann wollen wir über dieses Thema kein Wort weiter verlieren. Ist er auch an der Alliteration schuld? Sehen Sie, da ist er und guckt ins Fenster--die Wolken, auf welche Sie mich vorhin vertrösteten, haben auch nichts gegen ihn vermocht. Die Wiesen liegen im weißesten Lichte--o wie schön, wie wunderbar! Lieber Kollege, wie reizend ist doch die Welt--wie großartig in Krieg und Frieden! Poesie trieft von oben herab und sprießt von unter herauf! Horchen Sie--hören Sie die Musik des ewigen Meeres! Die Wogen tanzen den unsterblichen Tanz im deutschen Mondschein, weshalb sollten wir nicht mittanzen? Meine Seele ist im harmonischen Fließen der Welt ein Tropfen. Kollege, lassen Sie uns hinaustreten in die holde Natur; es ist ein Sünde, in diesem dumpfen Gemache zu sitzen, während Erde und Wasser da draußen vor dem Pavillon im deutschen Mondschein so außerordentlich schön daliegen; kommen Sie, trinken Sie aus, lassen Sie..."

"Sie fürchten nicht mehr...?"

"Was sollte ich fürchten? Liebster, guter Freund, das ist es ja eben! Er siegt uns allen ob, und in seinem Lichte gewinnen wir alle unsere Siege."

"Auch die Schlacht bei Königgrätz?"

"Auch diese, was man auch dagegen einzuwenden haben mag. Und künftige große und merkwürdige Siegesschlachten ebenfalls! Ach, welche Luft, welches Licht! Bitte, lassen Sie uns noch einmal die Düne besteigen, noch einen Blick auf das heilige Meer zu werfen."

"Und nachher, mitten im Mondschein stehend, werden Sie mir weiter von Ihrer Lebensentwicklung sprechen?"

"Gern, mit Vergnügen, sofort, obgleich es meiner Meinung nach doch eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Sehen Sie, Bester, das Faktum steht ebenso fürchterlich wie behaglich fest--der Mond übermannt dann und wann den königlich preußischen Justizbeamten Löhnefinke, und letzterer hat zu guter Letzt selber nicht die geringsten Einwendungen gegen den ihm aufgedrängten Rausch und Taumel zu erheben. Ja, ich habe im deutschen Mondschein auch ein deutsches Mädchen gefunden, mich mit Einwilligung der Eltern desselben demselben verlobt und es später geheiratet. Heute noch befinde ich mich mit Zugabe einer achtzehnjährigen Tochter im unangefochtenen Besitz, und vielleicht kann ich nachher beide Damen Ihnen vorstellen."

"Also--also Sie laufen wirklich nicht allein--nicht sich selber überlassen hier auf Sylt herum?"

"Keineswegs. Ich wohne mit Weib und Kind dort in Westerland und bin unter ihrer Aufsicht hierher ins Bad gekommen. Was denken Sie auch?"

"Entschuldigen Sie meine törichte Frage, Kollege. Dieses ist ein so wunderbarer Abend, ein so erfreuliches Zusammentreffen, und eine so überinteressante Unterhaltung, daß da alles zu entschuldigen ist."

"Beruhigen Sie sich nur; wir verstehen uns vollkommen. Auch habe ich Sie schon tagelang, unbemerkt von Ihnen, ins Auge gefaßt; als Mensch fielen Sie mir auf, und den Juristen erkannte ich sofort in Ihnen, und das Schicksal ließ mich vorhin nicht ohne Absicht und vollgütige Berechtigung Ihnen in die Arme rutschen. Wir mußten uns heute abend gegeneinander aussprechen; es gehört mit zur Kur und ist auch zum großen Teil eine Wirkung des Salzwassers. Aber der Mond - ich muß Sie immer von neuem auf diesen herrlichen Mond aufmerksam machen! Ja, ich bin in seinen Banden und werde darin bleiben müssen, bis der Tod mich erlöst. Kollege, durch ihn und mit Beihilfe der gegenwärtigen Zeit und der Weltlage bin ich--der Poet in meiner Familie geworden. Fassen Sie das ganz und begreifen Sie mich ganz, sowohl in meiner Stimmung bei unserem Begegnen am Strande wie in meinem augenblicklichen Geisteszustand."

Löhnefinke der Poet in seiner Familie! Ich trat mehrere Schritte zurück. Obgleich der tolle Mensch klar wie die Insel Sylt im deutschen Mondenschein vor mir lag, frappierte mich das Wort doch. Es war wie der Kanonenknall, der einen auch frappiert, trotzdem daß man mit dem Lorgnette vor den Augen beobachtete, wie der Kanonier die Lunte anblies.

"Ich, der Erbe so unendlicher Prosa", fuhr der Kollege fort, "ich bin besiegt von meinem Feinde und ihm jedesmal, wenn er über den Horizont guckt, verfallen trotz allem Gesperr und Gezappel. Ich bin Idealist in der Politik, Dichter in der Führung meines Haushalts. Ich sehe die Zeit kommen, wo ich mein Abrechnungsbuch in Hexametern und Ottave Rime führen werde. Ich schwärme für Gemüt und Gemütlichkeit in den Vorgängen der Stunde, und--Kollege, Kollege!--ich werde von meinen Weibern--meinen Damen nicht verstanden, nicht begriffen. Das ist es, was meine Nerven zerrüttet und mich unter ihrer, meiner Damen, Führung hieher nach Westerland gebracht hat, und jetzt lassen Sie uns gefälligst nach Hause gehen, es wird allmählich sehr kühl."

Er hatte mich untergefaßt--zärtlichst; und wir wandelten Arm in Arm über die mondbeglänzte Heide von Sylt. Nimmer war ich in meinem Leben mit einem so poetischen preußischen Kreisrichter Hüfte an Hüfte geschritten. Er, dieser exaltierte Kollege, deklamierte laut, immer lauter. Er zeigte eine wahrhaft staunenerregende Belesenheit in deutscher und fremder Lyrik. Gedichte an den Mond wechselten mit Hymnen auf die Freiheit und Schlachtliedern gegen alle möglichen und unmöglichen Feinde. Tropische Landschafts-- und Stimmungsbilder wechselten mit abgerissenen Strophen aus bekannten und unbekannten Romanzen und Balladen jeglichen historischen und unhistorischen Inhalts. Löhnefinke war göttlich, und sein Feind, der Mond, konnte wirklich seine Freude an ihm haben; aber mehr als einem seiner und meiner Vorgesetzten würde er in diesem Zustande nicht nur moralische, sondern auch physische Übelkeit erregt haben. In der Ferne nordwärts blinzelte das wechselnde Licht des Leuchtturms von Kampen wie das Auge eines Spötters, der seine Umgebung auf irgend etwas außergewöhnlich Drolliges aufmerksam macht. Die Schafe auf der Heide, über deren Tüder, das heißt Haltestricke, wir stolperten, standen auf, sahen uns verwundert an und staunend nach.

So kamen wir dem Dorfe Westerland immer näher, jedoch bevor wir es erreichten, wurden wir angerufen und, der äußern Erscheinung und dem Tone nach, auf die allerlieblichste Weise aus dem Traum, Nacht und Mondscheinwandeln in die Wirklichkeit zurückgerissen. Vom Dache konnten wir glücklicherweise beide nicht fallen.

Wie aus den Strahlen des Mondes gebildet, stand auf einer Bodenanschwellung der Heide eine ungemein zierliche, graziöse Mädchengestalt vor uns, und ein ganz reizendes Mädchengesichtchen neigte sich im Mondenscheine wahrhaftig märchenhaft hübsch uns entgegen. Daß der Kreisrichter Löhnefinke aus Groß-Fauhlenberge ein reizendes Gesichtchen aufzuweisen gehabt habe, kann ich nicht sagen, aber er besaß eine biedere, gewissermaßen auch joviale Visage, und der Enthusiasmus der letzten Stunden hatte dieselbige sogar noch sehr verschönert: um so heftiger mußte ich mich jetzo über den Ausdruck verwundern, mit welchem er sein süßes Töchterchen ansah. Statt noch heiterer und noch glücklicher zu werden, fielen plötzlich seine sämtlichen Züge schlaff auseinander, um sich sofort zu einem Gewirr verdrießlicher Falten zusammenzuziehen.

"Da bist du endlich, Papa? Na, das muß ich sagen!" rief die elfenhafte Huldin uns entgegentretend.

"Ja, da bin ich endlich", brummte der Kollege, "und hier..."

Er vollendete nicht; denn die junge Dame schnitt ihm kurz das Wort ab:

"Wir haben lange auf dich gewartet, Papa, und die Mama ist sehr böse auf dich!"

"So? hm!" brummte der Kollege, und "hm!" sagte auch ich in der Tiefe meiner Seele.

"Komm her, Helene, wir wollen zusammen heimgehen", sprach der Vater des schönen Kindes begütigend; allein die Elfe im Mondschein entgegnete noch kürzer:

"Ich danke, Papa; ich werde mit der Mama gehen. Da kommt sie schon und wird dir sagen, wie sie auf dich gewartet hat. Mama, hier ist der Papa endlich!"

Ei freilich, er war in der Tat hier, der Vater Löhnefinke, und er zitierte in diesem Augenblick keine deutschen Dichter und keine auswärtigen mehr. Aber ebenfalls durch den deutschen Mondschein kam die Mama heran, und zwar ziemlich rasch und energisch. Ich hätte mit Vergnügen Abschied genommen und mich empfohlen, ehe sie uns erreichte; doch der Kollege hielt meinen Arm mit einem wahren Landdragonergriff fest und flüsterte:

"O, ich muß Sie vorstellen, Freund. Wo wollen Sie hin? O Kollege,erlauben Sie, daß ich Sie meiner Gattin vorstelle!" Was konnte ich anders ausdrücken als die größte Sehnsucht, auch die Kollegin kennenzulernen?

Zwischen den ersten Häusern der Ortschaft Westerland vorschreitend, hatte die Würdige uns jetzt erreicht und den Arm ihrer Tochter genommen. Mich übersah sie zu Anfang natürlich vollständig und widmete sich einzig und allein den Angelegenheiten der Familie:

"Also endlich, Löhnefinke?! Deine alte, gewohnte Rücksichtslosigkeit! Aber ich sage dir, Löhnefinke..."

"Aber liebe Johanna, so sieh doch! Erlaube mir, dir hier meinen Freund und Korrespondenten..."

So wird man nicht selten als spanische Wand zwischen den Zugwind und den Lehnstuhl des Rheumatismuskranken geschoben! Die Vorstellung fand statt, und ich fügte mich mit der mir angebornen Bonhomie in die mir zugeteilte Rolle. Nach etlichem höflichen Wortaustausch schritten wir vier nun doch miteinander den biedern, niedern, friedlichen, friesischen Hütten zu, und wenn mir bis jetzt in den Seelenzuständen meines Kollegen ein letzter Punkt dunkel geblieben war, so wurde derselbe mir nun auf diesem kurzen Wege vollkommen klar.

O, wie der Mond, der deutsche Mond auf die beiden Frauen und den königlich preußischen Kreisrichter herunterlachte! O, er weiß sich zu rächen, der deutsche Mond! Er hat seine Mittel, er kennt seine Mittel, und er weiß seine Mittel zu gebrauchen! Mein Freund Löhnefinke hat vollständig recht: es ist ein Elend, die Erbschaft von Generationen, von Jahrhunderten antreten zu müssen, ohne vorher von der Rechtswohltat des beneficii inventarii Gebrauch machen zu dürfen. Es ist ein Jammer, jenen bleichen, ab- und zunehmenden Gesellen erst nicht zu beachten, dann zu verachten und endlich seinem Einflusse ohne erklecklichen Widerstand hingegeben zu werden und sich hinzugeben!

Man muß eben ein Mann--ein deutscher Mann und Beamter sein, um das Entsetzliche im ganzen und vollen an sich zu erleben. Frau Johanne und Fräulein Helene Löhnefinke, ohne je die Ansprüche des Mondes an den Menschen berücksichtigt zu haben, hatten sich ganz auf die Seite des Mondes gestellt und rächten ebenfalls ihn an seinem Verächter. Es war nicht abzusehen, wieweit sie den Gatten und Vater noch hinunterbringen konnten,--tief genug hinunter hatten sie ihn bereits gebracht.

Als ich spät am Abend wieder bei meinem Bäcker saß, rauchte ich ein halb Dutzend Pfeifen über den Erlebnissen und Erfahrungen des Tages und kam gegen Mitternacht zu dem Entschluß, meinem augenblicklich in Göttingen Mathematik studierenden Jungen ein Exemplar von Jean Paul Friedrich Richters sämtlichen Werken zu seinem nächsten Geburststage zu schenken.