Deutsche Sagen

Part 24

Chapter 243,795 wordsPublic domain

Die Obwaldner und Entlebucher Hirten stritten sich um einige Weiden, aber die Obwaldner waren im Besitz und trieben ihr Vieh darauf. Weil sie etwa von ihren muthigen Gegnern einen Ueberfall besorgten, stellten sie Wächter zu ihrer Heerde. Die geschwinden und feinen Entlebucher dachten auf einen Streich; nachdem sie sich eine Zeitlang still und ruhig verhalten hatten und die treuherzigen Obwaldner wenig Böses ahnten, sondern statt Wache zu haben, sich die Langeweile mit Spielen verkürzten, schlichen kühne entlebucher Hirten auf die schlechtbewahrte Trift, banden dem Vieh ganz leise die klingenden Schellen ab und führten den Raub eilig zur Seite. Einer aus ihnen mußte zurückbleiben und so lange mit den Kühglocken läuten, bis die Räuber vor aller Gefahr sicher wären. Er thats, warf dann all den Klumpen von Schellen auf den Boden und sprang unter lautem Hohngelächter mit überflügelnden Schritten fort. Die Obwaldner horchten auf und sahen das Unglück. Sie wollten sich rächen, sammelten bald einen Haufen Volks und überfielen jählings die Entlebucher, welche sich aber darauf vorbereitet hatten. Die Obwaldner wetzten ihren Schimpf nicht aus, sondern wurden noch dazu geschlagen; das ihnen damals abgewonnene Fähnlein bewahren die Entlebucher noch heutiges Tags in ihrer Heimlichkeit (einem alten Thurm im Dorfe Schüpfen) und der Ort, wo das kleine Gefecht sich ereignete, wird auch diesen Augenblick noch immer die Alpschlacht genannt.

289.

Der Stein bei Wenthusen.

Quedlinburger Sammlung. S. 150. 154.

Wenthusen im Quedlinburgischen war vorzeiten ein Frauenkloster und kam nachher an die Grafen von Regenstein, nach deren Absterben an andere Herrn. Man gibt vor, es läge auf diesem Gut von Klosterzeiten her noch ein Stein, der stets unberührt und unbeschädigt liegen bleiben müßte, wo nicht dem Besitzer ein großes Unglück widerfahren sollte. Einer derselben soll ihn aus Neugierde haben wegnehmen lassen, aber dafür auf alle mögliche Art und Weise so lange gequält worden seyn, bis der Stein wieder auf seiner rechten Stelle gelegen habe.

290.

Die altenberger Kirche.

+J.B. Heller’s+ Merkwürdigk. Thüringens. I. 59. 466.

+Falkenstein+ thür. Chronik II. 273. Anm. b. III. 1272.

Oberhalb dem Dorfe Altenberg im Thüringer Wald liegt auf einem hohen Berg luftig zwischen Bäumen das Kirchlein des Orts, die Johannes-Kirche genannt. Wegen des beschwerlichen Wegs dahin, besonders im Winter bei Glatteis und wenn Leichen oder Kinder zur Taufe hinauf zu tragen waren, wollten, nach der Sage, die Altenberger die Kirche abbrechen und unten im Dorfe aufrichten, aber sie waren es nicht vermögend. Denn was sie heute abgetragen und ins Thal herabgebracht hatten, fanden sie am andern Morgen wieder an seiner Stelle in gehöriger Ordnung oben auf der Capelle, also daß sie von ihrem Vorhaben abstehen mußten.

Diese Kirche hat der heil. Bonifacius gestiftet und auf dem Berge öfters geprediget. Einmal als er es dort unter freiem Himmel that, geschah es, daß eine große Menge Raben, Dohlen und Krähen herbeigeflogen kamen und ein solches Gekrächz und Geschrei anfingen, daß die Worte des heil. Bonifacius nicht mehr konnten verstanden werden. Da bat er Gott, daß er solchen Vögeln in diese Gegend zu kommen nimmermehr erlaube. Seine Bitte wurde ihm gewährt und man hat sie hernach nie wieder an diesem Orte gesehen.

291.

Der König im lauenburger Berg.

+Kornmann+ ~mons Veneris~.

+Seyfried’s+ ~medulla p.~ 482.

+Valvassor+ Ehre von Crain I. 247.

Auf einem Berg bei der Lauenburg in Cassuben fand man 1596. eine ungeheure Kluft. Der Rath hatte zwei Missethäter doch zum Tod verurtheilt und schenkte ihnen unter der Bedingung das Leben, daß sie diesen Abgrund besteigen und besichtigen sollten. Als diese hinein gefahren waren, erblickten sie unten auf dem Grund einen schönen Garten, darin stand ein Baum mit lieblich-weißer Blüte; doch durften sie nicht daran rühren. Ein Kind war da, das führte sie über einen weiten Plan hin zu einem Schloß. Aus dem Schloß ertönte mancherlei Saitenspiel, wie sie eintraten, saß da ein König auf silbernem Stuhl, in der einen Hand einen goldnen Scepter, in der andern einen Brief. Das Kind mußte den Brief den beiden Missethätern überreichen.

292.

Der Schwanberg.

+Agricola+ Sprichw. 389. 390.

Man hat gesagt bei Menschen Gezeiten her und niemand weiß, von wem es ausgekommen ist: “es soll der +Schwanberg+ noch mitten in Schweiz liegen,” das ist ganz Deutschland wird Schweiz werden. Diese Sage ist gemein und ungeachtet.

293.

Der Robbedisser Brunn.

+Letzner+ Dasselische Chronik. B. ~VIII. c.~ 10.

Wenn man von Dassel über die Höhe, Bier genannt, und über den Kirchberg gehen will, hat man zur linken Hand einen Ort Namens Robbedissen, wo ein Quellbrunn fließt. Von diesem, von dem schwarzen Grund hinter dem Gericht und der großen Pappel vor Eilenhausen haben die Leute der Gegend den festen Glauben: wann der robbedisser Brunn seine Stätte verrücke, der schwarze Grund der andern Erde gleich werde, und der große eilenhäuser Pappelbaum verdorre und vergehe, alsdann werde in der Schöffe, einem Feld zwischen Eilenhausen und Markoldendorf, eine große, blutige Schlacht gehalten werden.

294.

Bamberger Wage.

~+Manlii+ loc. comm. collect. p. 46.~

Zu Bamberg, auf Kaiser Heinrichs Grab, ist die Gerechtigkeit mit einer Wagschale in der Hand eingehauen. Die Zunge der Wage steht aber nicht in der Mitte, sondern neigt etwas auf eine Seite. Es gehet hierüber ein altes Gerücht, daß, sobald das Zünglein ins Gleiche komme, die Welt untergehen werde.

295.

Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern.

+Georg Draud+ fürstliche Tischreden. I.

vgl. +Fischart+ Gargantua 266~b~.

Etliche wollen, daß Kaiser Friedrich, als er aus der Gefangenschaft bei den Türken befreit worden, gen Kaiserslautern gekommen und daselbst seine Wohnung lange Zeit gehabt. Er baute dort das Schloß, dabei einen schönen See oder Weiher, noch jetzt der Kaisersee genannt, darin soll er einmal einen großen Karpfen gefangen und ihm zum Gedächtniß einen güldenen Ring von seinem Finger an ein Ohr gehangen haben. Derselbige Fisch soll, wie man sagt, ungefangen in dem Weiher bleiben, bis auf Kaiser Friedrichs Zukunft. Auf eine Zeit, als man den Weiher gefischt, hat man zwei Karpfen gefangen, die mit güldenen Ketten um die Hälse zusammen verschlossen gewesen, welche noch bei Menschen-Gedächtniß zu Kaiserslautern an der Metzler-Pforte in Stein gehauen sind. Nicht weit vom Schloß war ein schöner Thiergarten gebauet, damit der Kaiser alle wunderbarliche Thier vom Schloß aus sehen konnte, woraus aber seit der Zeit ein Weiher und Schieß-Graben gemacht worden. Auch hängt in diesem Schloß des Kaisers Bett an vier eisernen Ketten und, als man sagt, so man das Bett zu Abend wohl gebettet, war es des Morgens wiederum zerbrochen, so daß deutlich jemand über Nacht darin gelegen zu haben schien.

Ferner: zu Kaiserslautern ist ein Felsen, darin eine große Höhle oder Loch, so wunderbarlich, daß niemand weiß, wo es Grund hat. Doch ist allenthalben das gemeine Gerücht gewesen, daß Kaiser Friedrich, der Verlorne, seine Wohnung darin haben sollte. Nun hat man einen an einem Seil hinabgelassen und oben an das Loch eine Schelle gehangen, wann er nicht weiter könne, daß er damit läute, so wolle man ihn wieder heraufziehen. Als er hinab gekommen, hat er den Kaiser Friedrich in einem güldenen Sessel sitzen sehen, mit einem großen Barte. Der Kaiser hat ihm zugesprochen und gesagt, er solle mit niemand hier reden, so werde ihm nichts geschehen, und solle seinem Herrn erzählen, daß er ihn hier gesehen. Darauf hat er sich weiter umgeschaut und einen schönen weiten Plan erblickt und viel Leut, die um den Kaiser standen. Endlich hat er seine Schelle geläutet, ist ohne Schaden wieder hinauf gekommen und hat seinem Herrn die Botschaft gesagt.

296.

Der Hirt auf dem Kiffhäuser.

+Georg Draud+ fürstliche Tischreden I.

Etliche sprechen, daß bei Frankenhausen in Thüringen ein Berg liege, darin Kaiser Friedrich seine Wohnung habe und vielmal gesehen worden. Ein Schafhirt, der auf dem Berge hütete und die Sage gehört hatte, fing an auf seiner Sackpfeife zu pfeifen und als er meinte, er habe ein gutes Hofrecht gemacht, rief er überlaut: “Kaiser Friedrich, das sey dir geschenkt!” Da soll sich der Kaiser hervorgethan, dem Schäfer offenbart und zu ihm gesprochen haben: “Gott grüß dich, Männlein, wem zu Ehren hast du gepfiffen?” “Dem Kaiser Friedrich,” antwortete der Schäfer. Der Kaiser sprach weiter: “hast du das gethan, so komm mit mir, er soll dir darum lohnen.” Der Hirt sagte: “ich darf nicht von den Schafen gehen.” Der Kaiser aber antwortete: “folge mir nach, den Schafen soll kein Schaden geschehen.” Der Hirt folgte ihm und der Kaiser Friedrich nahm ihn bei der Hand und führte ihn nicht weit von den Schafen zu einem Loch in den Berg hinein. Sie kamen zu einer eisernen Thür, die alsbald aufging, nun zeigte sich ein schöner, großer Saal, darin waren viel Herrn und tapfre Diener, die ihm Ehre erzeigten. Nachfolgends erwiese sich der Kaiser auch freundlich gegen ihn und fragte, was er für einen Lohn begehre, daß er ihm gepfiffen? Der Hirt antwortete: “keinen.” Da sprach aber der Kaiser: “geh hin und nimm von meinem güldnen Handfaß den einen Fuß zum Lohn.” Das that der Schäfer, wie ihm befohlen ward, und wollte darauf von dannen scheiden, da zeigte ihm der Kaiser noch viel seltsame Waffen, Harnische, Schwerter und Büchsen und sprach, er sollte den Leuten sagen, daß er mit diesen Waffen das heilige Grab gewinnen werde. Hierauf ließ er den Hirt wieder hinaus geleiten, der nahm den Fuß mit, brachte ihn den andern Tag zu einem Goldschmied, der ihn für ächtes Gold anerkannte und ihm abkaufte.

297.

Die drei Telle.

Journal des Luxus und der Moden. Januar 1805. S. 38.

In der wilden Berggegend der Schweitz um den Waldstättersee ist nach dem Glauben der Leute und Hirten eine Felskluft, worin die drei Befreier des Landes, die +drei Tellen+ genannt, schlafen. Sie sind mit ihrer uralten Kleidung angethan, und werden wieder auferstehen und rettend hervorgehen, wann die Zeit der Noth fürs Vaterland kommt. Aber der Zugang der Höhle ist nur für den glücklichen Finder.

Ein Hirtenjung erzählte folgendes einem Reisenden: sein Vater, eine verlaufene Ziege in den Felsenschluchten suchend, sey in diese Höhle gekommen und gleich, wie er gemerkt, daß die drei drin schlafenden Männer die drei Tellen seyen, habe auf einmal der alte eigentliche Tell sich aufgerichtet und gefragt: “welche Zeit ists auf der Welt?” und auf des Hirten erschrockene Antwort: “es ist hoch am Mittag” gesprochen: “es ist noch nicht an der Zeit, daß wir kommen,” und sey darauf wieder eingeschlafen. Der Vater, als er mit seinen Gesellen, die Telle für die Noth des Vaterlands zu wecken, nachher oft die Höhle gesucht, habe sie doch nie wieder finden können.

298.

Das Bergmännchen.

+Wyß+ a. a. O. S. 1-12. vgl. 305. 308. aus mündl. Sage.

In der Schweitz hat es im Volk viele Erzählungen von Berggeistern, nicht blos auf dem Gebirg allein, sondern auch unten am Belp, zu Gelterfingen und Rümlingen im Bernerland. Diese Bergmänner sind auch Hirten, aber nicht Ziegen, Schafe und Kühe sind ihr Vieh, sondern Gemsen und aus der Gemsenmilch machen sie Käse, die so lange wieder wachsen und ganz werden, wenn man sie angeschnitten oder angebissen, bis man sie unvorsichtiger Weise völlig und auf einmal, ohne Reste zu lassen, verzehrt. Still und friedlich wohnt das Zwergvolk in den innersten Felsklüften und arbeitet emsig fort, selten erscheinen sie den Menschen, oder ihre Erscheinung bedeutet ein Leid und ein Unglück; außer wenn man sie auf den Matten tanzen sieht, welches ein gesegnetes Jahr anzeigt. Verirrte Lämmer führen sie oft den Leuten nach Haus und arme Kinder, die nach Holz gehen, finden zuweilen Näpfe mit Milch im Wald stehen, auch Körbchen mit Beeren, die ihnen die Zwerge hinstellen.

Vorzeiten pflügte einmal ein Hirt mit seinem Knechte den Acker, da sah man neben aus der Felswand dampfen und rauchen. “Da kochen und sieden die Zwerge, sprach der Knecht, und wir leiden schweren Hunger, hätten wir doch auch ein Schüsselchen voll davon.” Und wie sie das Pflugsterz umkehrten, siehe, da lag in der Furche ein weißes Laken gebreitet und darauf stand ein Teller mit frischgebackenem Kuchen und sie aßen dankbar und wurden satt. Abends beim Heimgehen war Teller und Messer verschwunden, blos das Tischtuch lag noch da, das der Bauer mit nach Haus nahm.

299.

Die Zirbelnüsse.

Mündlich, aus Oberwallis.

Die Frucht der Arven oder Zirbeln, einer auf den Alpen wachsenden Gattung Tannen (~Pinus cembra~), hat einen röthlichen, wohl und süßschmeckenden Kern, fast wie Mandelnüsse sind. Allein man kann blos selten und mit Mühe dazu gelangen, weil die Bäume meistens einzeln über Felsenhängen und Abgründen, selten im Wald beisammen stehen. Die Bewohner geben allgemein vor: die Meisterschaft habe diesen Baum verwünscht und unfruchtbar gemacht, darum weil die Dienerschaft zur Zeit, wo sie auf dem Feld fleißig arbeiten sollen, sich damit abgegeben hätte, ihres lieblichen Geschmacks wegen diese Nüsse abzuwerfen und zu essen, worüber alle nöthige Arbeit versäumt oder schlecht gethan worden wäre.

300.

Das Paradies der Thiere.

Mündlich, aus Oberwallis im Visperthal.

Oben auf den hohen und unersteiglichen Felsen und Schneerücken des Mattenbergs soll ein gewisser Bezirk liegen, worin die schönsten Gemsen und Steinböcke, außerdem aber noch andere wunderbare und seltsame Thiere, wie im Paradies zusammen hausen und weiden. Nur alle zwanzig Jahre kann es einem Menschen gelingen, in diesen Ort zu kommen und wieder unter zwanzig Gemsenjägern nur einem einzigen. Sie dürfen aber kein Thier mit herunter bringen. Die Jäger wissen manches von der Herrlichkeit dieses Orts zu erzählen, auch daß daselbst in den Bäumen die Namen vieler Menschen eingeschnitten ständen, die nach und nach dort gewesen wären. Einer soll auch einmal eine prächtige Steinbockshaut mit herausgebracht haben.

301.

Der Gemsjäger.

+Wyß+ a. a. O. S. 43-61. vgl. 312.

Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat und immer weiter klimmend, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein häßlicher Zwerg vor ihm, der sprach zornig: “warum erlegst du mir lange schon meine Gemsen und lässest mir nicht meine Heerde? jetzt sollst du’s mit deinem Blute theuer bezahlen!” Der Jäger erbleichte und wäre bald hinabgestürzt, doch faßte er sich noch und bat den Zwerg um Verzeihung, denn er habe nicht gewußt, daß ihm diese Gemsen gehörten. Der Zwerg sprach: “gut, aber laß dich hier nicht wieder blicken, so verheiß ich dir, daß du jeden siebenten Tag Morgenfrüh vor deiner Hütte ein geschlachtetes Gemsthier hangen finden sollst, aber hüte dich mir und schone die andern.” Der Zwerg verschwand und der Jäger ging nachdenklich heim und die ruhige Lebensart behagte ihm wenig. Am siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Aesten eines Baums vor seiner Hütte, davon zehrte er ganz vergnügt und die nächste Woche gings eben so und dauerte ein Paar Monate fort. Allein zuletzt verdroß den Jäger seiner Faulheit und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg er auf und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er eben losdrücken, da war der Zwerg hinten her geschlichen und riß den Jäger am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund sank.

Andere erzählen: es habe der Zwerg dem Jäger ein Gemskäslein geschenkt, an dem er wohl sein Lebelang hätte genug haben mögen, er es aber unvorsichtig einmal aufgegessen oder ein unkundiger Gast ihm den Rest verschlungen. Aus Armuth habe er demnach wieder die Gemsjagd unternommen und sey vom Zwerg in die Fluh gestürzt worden.

302.

Die Zwerglöcher.

+Behrens+ curiöser Harzwald S. 37. 75. 76.

Am Harz in der Grafschaft Hohenstein, sodann zwischen Elbingerode und dem Rübenland, findet man oben in den Felsenhöhlen an der Decke runde und andere Öffnungen, die der gemeine Mann +Zwerglöcher+ nennt, wo die Zwerge vor Alters, vermittelst einer Leiter, ein- und ausgestiegen seyn sollen. Diese Zwerge erzeigten den Einwohnern zu Elbingerode alle Güte. Fiel eine Hochzeit in der Stadt vor, so gingen die Eltern oder Anverwandten der Verlobten nach solchen Höhlen und verlangten von den Zwergen messingne und kupferne Kessel, eherne Töpfe, zinnerne Schüssel und Teller und ander nöthiges Küchengeschirr mehr. Darauf traten sie ein wenig abwärts, und gleich hernach stellten die Zwerge die gefoderten Sachen vor den Eingang der Höhle hin. Die Leute nahmen sie sodann weg und mit nach Haus; wann aber die Hochzeit vorbei war, brachten sie alles wieder zur selben Stelle, setzten zur Dankbarkeit etwas Speise dabei.

303.

Der Zwerg und die Wunderblume.

+Otmar+ S. 145-150.

Ein junger, armer Schäfer aus Sittendorf an der südlichen Seite des Harzes in der goldnen Aue gelegen, trieb einst am Fuß des Kyffhäusers und stieg immer trauriger den Berg hinan. Auf der Höhe fand er eine wunderschöne Blume, dergleichen er noch nie gesehen, pflückte und steckte sie an den Hut, seiner Braut ein Geschenk damit zu machen. Wie er so weiter ging, fand er oben auf der alten Burg ein Gewölbe offenstehen, blos der Eingang war etwas verschüttet. Er trat hinein, sah viel kleine glänzende Steine auf der Erde liegen und steckte seine Taschen ganz voll damit. Nun wollte er wieder ins Freie, als eine dumpfe Stimme erscholl: “vergiß das Beste nicht!” Er wußte aber nicht wie ihm geschah und wie er herauskam aus dem Gewölbe. Kaum sah er die Sonne und seine Heerde wieder, schlug die Thür, die er vorher gar nicht wahrgenommen, hinter ihm zu. Als der Schäfer nach seinem Hut faßte, war ihm die Blume abgefallen beim Stolpern. Urplötzlich stand ein Zwerg vor ihm: “wo hast du die Wunderblume, welche du fandest?” “Verloren,” sagte betrübt der Schäfer. “Dir war sie bestimmt,” sprach der Zwerg, “und sie ist mehr werth, denn die ganze Rothenburg.” Wie der Schäfer zu Haus in seine Taschen griff, waren die glimmernden Steine lauter Goldstücke. Die Blume ist verschwunden und wird von den Bergleuten bis auf heutigen Tag gesucht, in den Gewölben des Kyffhäusers nicht allein, sondern auch auf der Questenburg und selbst auf der Nordseite des Harzes, weil verborgene Schätze rucken.

304.

Der Nix an der Kelle.

+Otmar’s+ Volkssagen. vgl. +Behrens+ S. 82.

An der Kelle, einem kleinen See, unweit Werne im Hohensteinischen, wohnten sonst Nixen. Einmal hohlte der Nix des Nachts die Hebamme aus einem Dorfe und brachte sie unter großen Versprechungen zu der Untiefe hin, wo er mit seinem Weibe wohnte. Er führte sie hinab in das unterirdische Gemach, wo die Hebamme ihr Amt verrichtete. Der Nix belohnte sie reichlich. Eh sie aber wegging, winkte ihr die Kindbetterin und klagte heimlich mit einem Thränenstrom, daß der Nix das neugeborene Kind bald würgen würde. Und wirklich sah die Hebamme einige Minuten nachher auf der Oberfläche des Wassers einen blutrothen Strahl. Das Kind war ermordet.

305.

Schwarzach.

Badische Wochenschrift 1807. St. 17. Sp. 268. und St. 34. Sp. 543.

Von der alten Burg Schwarzach in der Pfalz hat es zweierlei Sagen. Ein Ritter lebte da vorzeiten, dessen Töchterlein, als sie am See auf der Wiese spielte, von einer großen Schlange, die aus dem Felsen kam, in den See gezogen wurde. Der Vater ging tagtäglich ans Ufer und klagte. Einmal glaubte er eine Stimme aus dem Wasser zu vernehmen und er rief laut: “gib mir ein Zeichen, mein Töchterlein!” Da schlug ein Glöcklein an. Fortan hörte er es jeden Tag schallen, und einmal lautete es heller und der Ritter vernahm die Worte: “ich lebe, mein Vater, bin aber an die Wasserwelt gebannt; lang hab ich mich gewehrt, aber der erste Trunk hat mich um die Freiheit gebracht; hüte dich vor diesem Trunk.” Der Vater blieb traurig stehen, da traten zwei Knaben zu und reichten ihm aus einem güldenen Becher zu trinken. Er kostete ihn kaum, so stürzte er in den See und sank unter.

Eine andre Erzählung erwähnt eines alten, blinden Ritters, der mit seinen neun Töchtern auf Schwarzach lebte. Nah dabei hauste ein Räuber im Wald, der den Töchtern lange vergeblich nachstellte. Eines Tags kam er in Pilgrimkleidern und sagte den Jungfrauen: “wenn ihr euren Vater heilen wollt, so weiß ich drunten in der kalten Klinge ein Kraut dafür, das muß gebrochen werden, eh die Sonne aufgeht.” Die Töchter baten, daß er es ihnen zeige. Als sie nun frühmorgens hinab in die kalte Klinge kamen, mordete sie der Bösewicht alle neun und begrub sie zur Stelle. Der Vater starb. Dreißig Jahre später trieb den Mörder die Reue, daß er die Todtengebeine ausgraben und in geweihte Erde legen ließ.

306.

Die drei Jungfern aus dem See.

Badische Wochenschrift 1806. St. 21. Sp. 342.

Zu Epfenbach bei Sinzheim traten seit der Leute Gedenken jeden Abend drei wunderschöne, weißgekleidete Jungfrauen in die Spinnstube des Dorfs. Sie brachten immer neue Lieder und Weisen mit, wußten hübsche Märchen und Spiele, auch ihre Rocken und Spindeln hatten etwas eignes und keine Spinnerin konnte so fein und behend den Faden drehen. Aber mit dem Schlag elf standen sie auf, packten ihre Rocken zusammen und ließen sich durch keine Bitte einen Augenblick länger halten. Man wußte nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen; man nannte sie nur: die Jungfern aus dem See, oder die Schwestern aus dem See. Die Bursche sahen sie gern und verliebten sich in sie, zu allermeist des Schulmeisters Sohn. Der konnte nicht satt werden, sie zu hören und mit ihnen zu sprechen, und nichts that ihm leider, als daß sie jeden Abend schon so früh aufbrachen. Da verfiel er einmal auf den Gedanken und stellte die Dorfuhr eine Stunde zurück und Abends im steten Gespräch und Scherz merkte kein Mensch den Verzug der Stunde. Und als die Glocke eilf schlug, es aber schon eigentlich zwölf war, standen die drei Jungfern auf, legten die Rocken zusammen und gingen fort. Den folgenden Morgen kamen etliche Leute am See vorbei; da hörten sie wimmern und sahen drei blutige Stellen oben auf der Fläche. Seit der Zeit kamen die Schwestern nimmermehr zur Stube. Des Schulmeisters Sohn zehrte ab und starb kurz darnach.

307.

Der todte Bräutigam.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 105-109.

Ein Adlicher verlobte sich zu Magdeburg mit einer schönen Fräulein. Da geschahs, daß der Bräutigam in die Elbe fiel, wo man ihn drei Tage suchte und nicht finden konnte. Die ganze Verwandtschaft war in tiefer Bekümmerniß, endlich kam ein Schwarzkünstler zu der Liebsten Eltern und sprach: “den ihr suchet, hat die Nixe unterm Wasser und wird ihn auch lebendig nicht loslassen, es sey dann, daß eure Tochter und ihr Liebster Leib und Seele der Nixe verschwören, oder daß eure Tochter sich flugs an seiner Statt von den Nixen das Leben nehmen lasse, oder auch, daß der Bräutigam sich der Nixe verspreche, welches er aber jetzund nicht thun will.” Die Braut wollte sich gleich für ihren Liebsten stellen, allein die Eltern bewilligten es nicht, sondern drangen in den Zauberer, daß er den Bräutigam schaffen solle, lebendig oder todt. Bald darauf fand man seinen Leichnam am Ufer liegen, ganz voll blauer Flecken. -- Ein ähnliches soll sich mit dem Bräutigam einer Fräulein von Arnheim begeben haben, der auch im Wasser umgekommen war. Weil man aber die Stelle nicht wußte, brachte ein Zauberer durch seine Kunst zuwege, daß der Leichnam dreimal aus dem Wasser hervorsprang, worauf man an dem Ort suchte und den Todten im Grunde des Flusses fand.

308.

Der ewige Jäger.

Nach einem Meistergesang +Michael Beham’s+, ~MS. Vatic.~ 312. Bl. 165. mitgetheilt in der Sammlung für altd. Lit. u. Kunst von +Hagen+ u. a. S. 43-45.