Part 22
An dem Hofe zu H. war ein Geselle, der seinen Gästen ein seltsam schimpflich Gaukelwerk machte. Nachdem sie gegessen hatten, begehrten sie, darum sie vornehmlich kommen waren, daß er ihnen zur Lust ein Gaukel-Spiel vorbringe. Da ließ er aus dem Tisch eine Rebe wachsen mit zeitigen Trauben, deren vor jedem eine hing: hieß jeglichen die seinige mit der Hand angreifen und halten und mit der andern das Messer auf den Stengel setzen, als wenn er sie abschneiden wollte; aber er sollte bei Leibe nicht schneiden. Darnach ging er aus der Stube, kam wieder: da saßen sie alle und hielten sich ein jeglicher selber bei der Nase und das Messer darauf. Hätten sie geschnitten, hätte ein jeder sich selbst die Nase verwundet.
253.
Fest hängen.
+Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern S. 105.
Zu Magdeburg war zu einer Zeit ein seltsamer Zauberer, welcher in Gegenwart einer Menge Zuschauer, von denen er ein großes Geld gehoben, ein wunderkleines Rößlein, das im Ring herumtanzte, zeigte und, wenn sich das Spiel dem Ende näherte, klagte, wie er bei der undankbaren Welt so gar nichts Nutzes schaffen könnte, dieweil jedermann so karg wäre, daß er sich Bettelns kaum erwehren mögte. Deshalb wollte er von ihnen Urlaub nehmen und den allernächsten Weg gen Himmel, ob vielleicht seine Sache daselbst besser würde, fahren. Und als er diese Worte gesprochen, warf er ein Seil in die Höhe, welchem das Rößlein ohne allen Verzug stracks nachfuhre, der Zauberer erwischte es beim Wadel, seine Frau ihn bei den Füßen, die Magd die Frau bei den Kleidern, also daß sie alle, als wären sie zusammen geschmiedet, nach einander ob sich dahin fuhren. Als nun das Volk da stand, das Maul offen hatte und dieser Sache, wie wohl zu gedenken, erstaunt war, kam ohn alle Gefähr ein Bürger daher, welchem, als er fragte, was sie da stünden, geantwortet ward, der Gaukler wäre mit dem Rößlein in die Luft gefahren. Darauf er berichtete, er habe ihn eben zu gegen seiner Herberge gesehen daher gehn.
254.
Das Noth-Hemd.
+Joh. Weier+ von Teufels-Gespenstern B. 8. Cap. 18.
+Zedler’s+ Universal-Lexicon ~h. v.~
Der ungewissenhafte Apotheker S. 650.
Das Noth-Hemd wird auf folgende Weise zubereitet. In der Christ-Nacht müssen zwei unschuldige Mägdlein, die noch nicht sieben Jahr alt sind, linnen Garn spinnen, weben und ein Hemd daraus zusammen nähen. Auf der Brust hat es zwei Häupter, eins auf der rechten Seite mit einem langen Barte und einem Helm, eins auf der linken mit einer Krone, wie sie der Teufel trägt. Zu beiden Seiten wird es mit einem Kreuze bewahrt. Das Hemd ist so lang, daß es den Menschen vom Hals an bis zum halben Leib bedeckt.
Wer ein solches Noth-Hemd im Krieg trägt, ist sicher vor Stich, Hieb, Schuß und anderm Zufall, daher es Kaiser und Fürsten hochhielten. Auch Gebärende ziehen es an, um schneller und leichter entbunden zu werden. ~Contra vero tale indusium, viro tamen +mortuo+ ereptum, a foeminis luxuriosis quaeri ferunt, quo indutae non amplius gravescere perhibentur.~
255.
Fest gemacht.
+Bräuner’s+ Curiositäten S. 365.
+Luther’s+ Tisch-Reden S. 109.
Ein vornehmer Kriegsmann ging bei einer harten Belagerung mit zwei andern außerhalb den Laufgräben auf und ab. Von der Festung herab wurde heftig auf ihn gefeuert, er aber fuhr mit seinem Befehlshaber-Stab links und rechts umher und hieß die beiden, an ihn halten und nicht ausweichen; wovon alle Kugeln abseits fuhren und weder ihn noch die andern beiden treffen oder verwunden konnten.
Ein General, welcher in eine Stadt aus einem Treffen fliehen mußte, schüttelte die Büchsenkugeln wie Erbsen häufig aus dem Ermel, deren keine ihn hatte verletzen können.
Meister Peter, Bartscheerer zu Wittenberg, hatte einen Schwiegersohn, der Landsknecht im Krieg gewesen. Er hatte die Kunst verstanden, sich sicher und unverwundbar zu machen. Ferner hat er auch seinen Tod vorher gesehen und gesagt: “mein Schwäher solls thun.” Deßgleichen soll er denselben Tag zu seinem Weib gesagt haben: “kauf ein, du wirst heute Gäste bekommen, das ist: Zuseher.” Welches also geschahe, denn da ihn sein Schwager erstach, lief jedermann in des Bartscheerers Haus und wollt den todten Menschen sehen.
256.
Der sichere Schuß.
+Aug. Lercheimer+ Bedenken von der Zauberei Bl. 12.
Ein Büchsen-Meister, den ich gekannt, vermaß sich, er wolle alles treffen, was ihm nur innerhalb Schusses wäre, daß ers erreichen könnte, ob ers gleich nicht sähe. Der ließ sich brauchen in der Stadt W. bei der Belagerung. Davor hielt in einem Wäldlein ein vornehmer Oberster und Herr, den er nicht sahe, erbot sich, er wollte ihn erschießen; aber es ward ihm gesagt, er sollts nicht thun. Da schoß er durch den Baum, darunter er hielt auf seinem Roß und zu Morgen aß. Valvassor (Ehre von Crain I. 676.) gedenkt eines vornehmen Herrn, welcher täglich nur drei unfehlbare Schüsse hatte, damit aber konnte er, was man ihm nur nannte, sicher treffen. Ein solcher Schütz kann sich aufgeben lassen, was er schießen soll, Hirsch, Reh oder Hasen, und braucht dann nur aufs Gerathewohl die Flinte zum Fenster hinaus abzudrücken, so muß das Wild fallen.
257.
Der herumziehende Jäger.
Mündlich, aus Paderborn und Münster.
Es trug sich zu, daß in einem großen Walde der Förster, welcher die Aufsicht darüber führte, todt geschossen wurde. Der Edelmann, dem der Wald gehörte, gab einem andern den Dienst, aber dem widerfuhr ein gleiches und so noch einigen, die auf einander folgten, bis sich niemand mehr fand, der den gefährlichen Wald übernehmen wollte. Sobald nämlich der neue Förster hineintrat, hörte man ganz in der Ferne einen Schuß fallen, und gleich auch streckte eine mitten auf die Stirne treffende Kugel ihn nieder; es war aber keine Spur ausfindig zu machen, woher und von wem sie kam.
Gleichwohl meldete sich nach ein paar Jahren ein herumziehender Jäger wieder um den Dienst. Der Edelmann verbarg ihm nicht, was geschehen war und setzte noch ausdrücklich hinzu, so lieb es ihm wäre, den Wald wieder unter Aufsicht zu wissen, könnte er ihm doch selbst nicht zu dem gefährlichen Amte rathen. Der Jäger antwortete zuversichtlich, er wolle sich vor dem unsichtbaren Scharfschützen schon Rath schaffen und übernahm den Wald. Andern Tags, als er, von mehrern begleitet, zuerst hineingeführt wurde, hörte man, wie er eintrat, schon in der Ferne den Schuß fallen. Alsbald warf der Jäger seinen Hut in die Höhe, der dann, von einer Kugel getroffen, wieder herabfiel. “Nun,” sprach er, “ist aber die Reihe an mir,” lud seine Büchse und schoß sie mit den Worten: “die Kugel bringt die Antwort!” in die Luft. Darauf bat er seine Gefährten, mitzugehen und den Thäter zu suchen. Nach langem Herumstreifen fanden sie endlich in einer an dem gegenseitigen Ende des Waldes gelegenen Mühle den Müller todt und von der Kugel des Jägers auf die Stirne getroffen.
Dieser herumziehende Jäger blieb noch einige Zeit in Diensten des Edelmanns, doch weil er das Wild festbannen und die Feldhühner aus der Tasche fliegen lassen konnte, auch in ganz unglaublicher Entfernung immer sicher traf und andere dergleichen unbegreifliche Kunststücke verstand, so bekam der Edelmann eine Art Grausen vor ihm und entließ ihn bei einem schicklichen Vorwande aus seinem Dienst.
258.
Doppelte Gestalt.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 1097.
+Bräuner’s+ Curiosit. S. 351. 352.
Ein Landfahrer kam zu einem Edelmann, der mit langwieriger Ohnmacht und Schwachheit behaftet war und sagte zu ihm: “ihr seyd verzaubert, soll ich euch das Weib vor Augen bringen, das euch das Uebel angethan?” Als der Edelmann einwilligte, sprach jener: “welches Weib morgen in euer Haus kommt, sich auf den Herd zum Feuer stellt und den Kesselhaken mit der Hand angreift und hält, die ist es, welche euch das Leid angethan.” Am andern Tag kam die Frau eines seiner Unterthanen, der neben ihm wohnte, ein ehrliches und frommes Weib und stellte sich dahin genau auf die Weise, wie der Landfahrer vorhergesagt hatte. Der Edelmann verwunderte sich gar sehr, daß eine so ehrbare, gottesfürchtige Frau, der er nicht übel wollte, so böse Dinge treiben sollte und fing an zu zweifeln, ob es auch recht zugehe. Er gab darum seinem Diener heimlichen Befehl, hinzulaufen und zu sehen, ob diese Nachbarin zu Hause sey oder nicht. Als dieser hinkommt, sitzt die Frau über ihrer Arbeit und hechelt Flachs. Er heißt sie zum Herrn kommen, sie spricht: “es wird sich ja nicht schicken, daß ich so staubig und ungeputzt vor den Junker trete.” Der Diener aber sagt, es habe nichts zu bedeuten, sie solle nur eilig mit ihm gehen. Sobald sie nun in des Herrn Thüre trat, verschwand die andere als ein Gespenst aus dem Saal und der Herr dankte Gott, daß er ihm in den Sinn gegeben, den Diener hinzuschicken, sonst hätte er auf des Teufels Trug vertraut und die unschuldige Frau verbrennen lassen.
259.
Gespenst als Eheweib.
+Bräuner’s+ Curiositäten 353-355.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus. 1097. 1098.
Zur Zeit des Herzogs Johann Casimir von Coburg wohnte dessen Stallmeister G. P. v. Z. zuerst in der Spital-Gasse, hierauf in dem Hause, welches nach ihm ~D.~ Frommann bezogen, dann in dem großen Hause bei der Vorstadt, die Rosenau genannt, endlich im Schloß, darüber er Schloß-Hauptmann war. Zu so vielfachem Wechsel zwang ihn ein Gespenst, welches seiner noch lebenden Ehefrau völlig gleich sah, also daß er, wenn er in die neue Wohnung kam und am Tisch saß, bisweilen darüber zweifelte, welches seine rechte leibhafte Frau wäre, denn es folgte ihm, wenn er gleich aus dem Hause zog, doch allenthalben nach. Als ihm eben seine Frau vorschlug, in die Wohnung, die hernach jener Doctor inne hatte, zu ziehen, dem Gespenst auszuweichen, hub es an mit lauter Stimme zu reden und sprach: “du ziehest gleich hin, wo du willst, so ziehe ich dir nach, wenn auch durch die ganze Welt.” Und das waren keine bloße Drohworte, denn nachdem der Stallmeister ausgezogen war, ist die Thüre des Hinterhauses wie mit übermäßiger Gewalt zugeschlagen worden und von der Zeit an hat sich das Gespenst nie wieder in dem verlassenen Hause sehen lassen, sondern ist in dem neubezogenen wieder erschienen.
Wie die Edelfrau Kleidung anlegte, in derselben ist auch das Gespenst erschienen, es mogte ein Feierkleid oder ein alltägliches seyn, und welche Farbe als es nur wollte; weswegen sie niemals allein in ihren Haus-Geschäften, sondern von jemand begleitet, ging. Gemeinlich ist es in der Mittagszeit zwischen elf und zwölf Uhr erschienen. Wenn ein Geistlicher da war, so kam es nicht zum Vorschein. Als einmal der Beichtvater Johann Prüscher eingeladen war und ihn beim Abschied der Edelmann mit seiner Frau und seiner Schwester an die Treppe geleitete, stieg es von unten die Treppe hinauf und faßte durch ein hölzernes Gitter des Fräuleins Schürz und verschwand, als dieses zu schreien anfing. Einsmals ist es auf der Küchen-Schwelle mit dem Arm gelegen und als die Köchin gefragt: “was willst du?” hat es geantwortet: “deine Frau will ich.” Sonst hat es der Edelfrau keinen Schaden zugefügt. Dem Fräulein aber, des Edelmanns Schwester, ist es gefährlich gewesen und hat ihm einmal einen solchen Streich ins Gesicht gegeben, daß die Backe davon aufgeschwollen ist und es in des Vaters Haus zurückkehren mußte. Endlich hat sich das Gespenst verloren und es ist ruhig im Hause geworden.
260.
Tod des Erstgebornen.
Mündlich.
In einem vornehmen Geschlecht hat es sich vor ein paar hundert Jahren zugetragen, daß das erste Kind, ein Söhnlein, Morgens bei der Amme im Bett todt gefunden wurde. Man verdachte sie, es absichtlich erdrückt zu haben und ob sie gleich ihre Unschuld betheuerte, so ward sie doch zum Tod verurtheilt. Als sie nun niederkniete und eben den Streich empfangen sollte, sprach sie noch einmal: “ich bin so gewiß unschuldig, als in Zukunft jedesmal der Erstgeborene dieses Geschlechts sterben wird.” Nachdem sie dieses gesprochen, flog eine weiße Taube über ihr Haupt hin; darauf ward sie gerichtet. Die Weissagung aber kam in Erfüllung und der älteste Sohn aus diesem Hause ist noch immer in früher Jugend gestorben.
261.
Der Knabe zu Colmar.
Mündlich.
Bei Pfeffel in Colmar war ein Kind im Hause, das wollte nie über einen gewissen Flecken im Hausgarten gehen, auf dem seine Cameraden ruhig spielten. Diese wußten nicht warum und zogen es einmal mit Gewalt dahin; da sträubten ihm die Haare empor und kalter Schweiß brach aus seinem Leibe. Wie der Knabe von der Ohnmacht endlich zu sich kam, wurde er um die Ursache befragt, wollte lange nichts gestehen, endlich auf vieles Zureden sagte er: “es liegt an der Stelle ein Mensch begraben, dessen Hände so und so liegen, dessen Beine so und so gestellt sind (welches er alles genau beschrieb) und am Finger der einen Hand hat er einen Ring.” Man grub nach, der Platz war mit Gras bewachsen und drei Fuß unter der Erde tief fand sich ein Gerippe in der beschriebenen Lage und am benannten Finger ein Ring. Man beerdigte es ordentlich und seitdem ging der Knabe, dem man weder davon noch vom Ausgraben das mindeste gesagt, ruhig auf den Flecken. -- Dies Kind hatte die Eigenschaft, daß es an dem Ort, wo Todte lagen, immer ihre ganze Gestalt in Dünsten aufsteigen sah und in allem erkannte. Der vielen schrecklichen Erscheinungen wegen härmte es sich ab und verzehrte schnell sein Leben.
262.
Tod des Domherrn zu Merseburg.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1056.
Von langer Zeit her ward in der Stiftskirche zu Merseburg drei Wochen vor dem Absterben eines jeglichen Domherrn bei der Nacht ein großer Tumult gehört, indem auf dem Stuhl dessen, welcher sterben sollte, ein solcher Schlag geschah, als ob ein starker Mann aus allen Kräften mit geschlossener Faust einen gewaltsamen Streich thäte. Sobald solches die Wächter vernommen, deren etliche sowohl bei Tag als bei Nacht in der Kirche gewacht und wegen der stattlichen Kleinodien, die darinnen vorhanden waren, die Runde gemacht, haben sie es gleich andern Tags hernach dem Capitel angezeigt. Und solches ist dem Domherrn, dessen Stuhl der Schlag getroffen, eine persönliche Vertagung gewesen, daß er in dreien Wochen an den blassen Reigen müßte.
263.
Die Lilie im Kloster zu Corvei.
~+Gab. Bucelin+ Germania sacra II. 1642.
Notitiae S. R. I. procerum III. c. 19. p. 334.
+Höxar+ in elegiis. Paderb. 1600.~
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1054. 1055.
Altdeutsche Wälder II. 185-187.
Das Kloster der Abtei zu Corvei an der Weser hat von Gott die sonderbare Gnade gehabt, daß, so oft einer aus den Brüdern sterben sollte, er drei Tage zuvor, ehe er verschieden, eine Vorwarnung bekommen, vermittelst einer +Lilie+ an einem ehrenen Kranze, der im Chor hing. Denn dieselbe Lilie kam allzeit wunderbarlich herab und erschien in dem Stuhl desjenigen Bruders, dessen Lebens-Ende vorhanden war; also daß dieser dabei unfehlbar merkte und versichert war, er würde in dreien Tagen von der Welt scheiden. Dieses Wunder soll etliche hundert Jahre gewährt haben, bis ein junger Ordensbruder, als er auf diese Weise seiner herannahenden Sterbestunde ermahnt worden, solche Erinnerung verachtet und die Lilie in eines alten Geistlichen Stuhl versetzt hat: der Meinung, es würde das Sterben dem Alten besser anstehen, als dem Jungen. Wie der gute alte Bruder die Lilie erblickt, ist er darüber, als über einen Geruch des Todes, so hart erschrocken, daß er in eine Krankheit, doch gleichwohl nicht ins Grab gefallen, sondern bald wieder gesund, dagegen der junge Warnungs-Verächter am dritten Tag durch einen jählingen Tod dahin gerissen worden.
264.
Rebundus im Dom zu Lübeck.
~+Ph. H. Friedlieb+ medulla theologica.~
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1057-1065. aus mündl. Sage.
Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben sollte, so fand sich Morgens unter seinem Stuhlkissen im Chor eine +weiße Rose+, daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte, sein Kissen gleich umwendete, zu schauen, ob diese Grabes-Verkündigung darunter liege. Es geschah, daß einer von den Domherrn, Namens +Rebundus+, eines Morgens diese Rose unter seinem Kissen fand, und weil sie seinen Augen mehr ein schmerzlicher Dornstachel, als eine Rose war, nahm er sie behend weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines nächsten Beisitzers, obgleich dieser schon darunter nachgesehen und nichts gefunden hatte. Rebundus fragte darauf, ob er nicht sein Kissen umkehren wollte? der andere entgegnete, daß er es schon gethan habe; aber Rebundus sagte weiter: er habe wohl nicht recht zugeschaut und solle noch einmal nachsehen, denn ihm bedünke, es habe etwas Weißes darunter geschimmert, als er dahin geblickt. Hierauf wendete der Domherr sein Kissen um und fand die Grab-Blume; doch sprach er zornig: das sey Betrug, denn er habe gleich Anfangs fleißig genug zugeschaut und unter seinem Sitz keine Rose gefunden. Damit schob und stieß er sie dem Rebundus wieder unter sein Kissen, dieser aber wollte sie nicht wieder sich aufdrängen lassen, also daß sie einer dem andern zuwarf und ein Streit und heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand. Als sich das Capitel ins Mittel schlug und sie aus einander bringen, Rebundus aber durchaus nicht eingestehen wollte, daß er die Rose am ersten gehabt, sondern auf seinem unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, hub endlich der andere, aus verbitterter Ungeduld, an zu wünschen: “Gott wolle geben, daß der von uns beiden, welcher Unrecht hat, statt der Rosen in Zukunft zum Zeichen werde und wann ein Domherr sterben soll, in seinem Grabe klopfen möge, bis an den jüngsten Tag!” Rebundus, der diese Verwünschung wie einen leeren Wind achtete, sprach frevellich dazu: “Amen! es sey also!”
Da nun Rebundus nicht lange darnach starb, hat es von dem an unter seinem Grabsteine, so oft eines Domherrn Ende sich nahte, entsetzlich geklopft, und es ist das Sprichwort entstanden: “Rebundus hat sich gerührt, es wird ein Domherr sterben!” Eigentlich ist es kein bloßes Klopfen, sondern es geschehen unter seinem sehr großen, langen und breiten Grabstein drei Schläge, die nicht viel gelinder krachen, als ob das Wetter einschlüge oder dreimal ein Karthaunen-Schuß geschähe. Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der Schall der Länge nach durch die ganze Kirche mit so starkem Krachen, daß man denken sollte, das Gewölbe würde ein- und die Kirche übern Haufen fallen. Es wird dann nicht blos in der Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern vernehmlich gehört.
Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntage, zwischen neun und zehn Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig angeschlagen, daß etliche Handwerksgesellen, welche eben auf dem Grabstein gestanden und die Predigt angehört, theils durch starke Erbebung des Steins, theils aus Schrecken, nicht anders herabgeprellt wurden, als ob sie der Donner weggeschlagen hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag wollte jedermann zur Kirche hinaus fliehen, in der Meinung, sie würde einstürzen, der Prediger aber ermunterte sich und rief der Gemeinde zu, da zu bleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein Teufels-Gespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse man verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen Wochen ist des Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobte auch, wenn eines Domherrn naher Verwandter bald zu Grabe kommen wird.
265.
Glocke läutet von selbst.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus 1035. 1036. 1039.
In einer berühmten Reichsstadt hat im Jahr 1686 am 27sten März die sogenannte Markt-Glocke von sich selbst drei Schläge gethan, worauf bald hernach ein Herr des Raths, welcher zugleich auch Marktherr war, gestorben.
In einem Hause fing sechs oder sieben Wochen vor dem Tode des Hausherrn eine überaus helle Glocke an zu läuten und zwar zu zweien verschiedenen Malen. Da der Hausherr damals noch frisch und gesund, seine Ehefrau aber bettlägrig war, so verbot er dem Gesinde, ihr etwas davon zu sagen, besorgend, sie mögte erschrecken, von schwermüthiger Einbildung noch kränker werden und gar davon sterben. Aber diese Anzeigung hatte ihn selbst gemeint, denn er kam ins Grab, seine Frau aber erholte sich wieder zu völliger Gesundheit. Siebzehn Wochen nachher, als sie ihres seeligen Eheherrn Kleider und Mäntel reinigt und ausbürstet, fängt vor ihren Augen und Ohren die Tennen-Glocke an sich zu schwingen und ihren gewöhnlichen Klang zu geben. Acht Tage hernach erkrankt ihr ältester Sohn und stirbt in wenig Tagen. Als diese Wittwe sich wieder verheirathete und mit ihrem zweiten Mann etliche Kinder zeugte, sind diese, wenige Wochen nach der Geburt, gleich den Märzblumen verwelkt und begraben. Da dann jedesmal jene Glocke dreimal nach einander stark angezogen wurde, obgleich das Zimmer, darin sie gehangen, versperrt war, so daß niemand den Drath erreichen konnte.
Einige glauben, dieses Läuten (welches oft nicht von den Kranken und Sterblägrigen, sondern nur von andern gehört wird) geschehe von bösen Geistern, andere dagegen: von guten Engeln. Wiederum andere sagen, es komme von dem Schutz-Geist, welcher den Menschen warnen und erinnern wollte, daß er sich zu seinem heraneilenden Ende bereite.
266.
Todes-Gespenst.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus S. 419. u. 1044.
Zu Schwatz und Innsbruck in Tirol läßt sich zur Sterbenszeit ein Gespenst sehen, bald klein, bald groß, wie ein Haus. Zu welchem Fenster es hinein schaut, aus demselben Hause sterben die Leute.
267.
Frau Berta oder die weiße Frau.
~+Joh. Jac. Rohde+ de celebri spectro, quod vulgo~ die weiße Frau ~nominant.~ Königsberg 1723. 4.
+Stilling’s+ Theorie der Geisterkunde. S. 351-359.
+Erasm. Francisci+ höll. Proteus. S. 59-92.
vgl. Volksmärchen der Frau +Naubert+. Bd. III.
Die +weiße Frau+ erscheint in den Schlössern mehrerer fürstlichen Häuser, namentlich zu Neuhaus in Böhmen, zu Berlin, Baireuth, Darmstadt und Carlsruhe und in allen, deren Geschlechter nach und nach durch Verheirathung mit dem ihren verwandt geworden sind. Sie thut niemanden zu Leide, neigt ihr Haupt vor wem sie begegnet, spricht nichts und ihr Besuch bedeutet einen nahen Todesfall, manchmal auch etwas fröhliches, wenn sie nämlich keinen schwarzen Handschuh an hat. Sie trägt ein Schlüsselbund und eine weiße Schleierhaube. Nach einigen soll sie im Leben +Perchta von Rosenberg+ geheißen, zu Neuhaus in Böhmen gewohnt haben und mit Johann von Lichtenstein, einem bösen, störrischen Mann, vermählt gewesen seyn. Nach ihres Gemahls Tode lebte sie in Witwenschaft zu Neuhaus und fing an zu großer Beschwerde ihrer Unterthanen, die ihr fröhnen mußten, ein Schloß zu bauen. Unter der Arbeit rief sie ihnen zu, fleißig zu seyn: “wann das Schloß zu stand seyn wird, will ich euch und euern Leuten einen süßen Brei vorsetzen,” denn dieser Redensart bedienten sich die Alten, wenn sie jemand zu Gast luden. Den Herbst nach Vollendung des Baus hielt sie nicht nur ihr Wort, sondern stiftete auch, daß auf ewige Zeiten hin alle Rosenberge ihren Leuten ein solches Mahl geben sollten. Dieses ist bisher fortgeschehen[13] und unterbleibt es, so erscheint sie mit zürnenden Mienen. Zuweilen soll sie in fürstliche Kinderstuben Nachts, wenn die Ammen Schlaf befällt, kommen, die Kinder wiegen und vertraulich umtragen. Einmal als eine unwissende Kinderfrau erschrocken fragte: “was hast du mit dem Kinde zu schaffen?” und sie mit Worten schalt, soll sie doch gesagt haben: “ich bin keine Fremde in diesem Haus wie du, sondern gehöre ihm zu; dieses Kind stammt von meinen Kindeskindern. Weil ihr mir aber keine Ehre erwiesen habt, will ich nicht mehr hier einkehren.”
[13] Der Brei wird aus Erbsen und Heidegrütz gekocht, auch jedesmal Fische dazu gegeben.
268.
Die wilde Berta kommt.
~+Crusii+ annal. suev. p. I. lib. XII. c. 6. p. 329.; p. II. l. VIII. c. 7. p. 266.~
+Flögel+ Gesch. des Grotesken. S. 23.
Journal von und für Deutschland. 1790. Bd. 2. S. 26 ff.