Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage

Part 3

Chapter 33,769 wordsPublic domain

»Nein,« sagte der Alte, »just daher komme ich augenblicks nicht. Ich hab's aber eilig, gnädiger, junger Herr, ich muß mich sputen heimzukommen!«

Da ließ ihn Hans-Heinrich gehen. Der Alte aber dachte wehmütig, »nun habe ich auf meine alten Tage noch geflunkert, wenn ich just auch gerade aus dem Schloß und nicht aus Rußland kam, so war's doch falsch, was ich gesagt habe.« Er seufzte schwer, denn er war ehrlich und die halbe Wahrheit bedrückte ihn.

Von jenem Tage an war es, als würde sacht ein leise glimmendes Feuer geschürt. Man sah die Glut, man fühlte sie, aber noch war es nicht an der Zeit, das glimmende Feuer zu lodernder Flamme anzublasen. Franz von Seeheim war in Königsberg gewesen und mit ernstem Gesicht dann von Gut zu Gut geritten, er war auch bei seiner Base Friederike und im Pfarrhaus gewesen, und am Abend hatte der Pfarrer im Kreise der Seinen zum Schluß des Gebetes gesagt: »Herr unser Gott, deine Mühlen mahlen langsam aber sicher!« Mit einem solchen Ausdruck hatte er es gesagt, daß selbst Luise kein lautes Wort mehr wagte. Ehrerbietig küßte sie der Eltern Hand, nahm dann den kleinen Bruder und brachte ihn sorglich, wie eine kleine Mutter, zu Bett. Fritzchen nutzte das ungewohnt stille Wesen der Schwester aus, er kletterte aus seinem Bett heraus und quartierte sich bei der Schwester ein, was diese stillschweigend geschehen ließ. In dieser Nacht träumte Luise Flemming, sie ritte mit einem glänzenden Helm auf dem Haupt an der Spitze von vielen Soldaten, da plötzlich kamen Feinde, einer schwang seinen Säbel neben ihr, eine entsetzliche Angst befiel sie, und bitterlich weinend fuhr sie aus dem Schlafe empor. Hell schien der Mond in ihr Stübchen. Sie sah den Bruder neben sich schlafen, und beruhigt zog sie ihr weiches Federbett über das Näschen, und mit dem Gedanken an das nahe Weihnachtsfest schlief die kleine Heldin ein.

Weihnachten kam und verging. Es war ein stilles Fest, an dem eigentlich nur die Kleinsten rechte Freude hatten. Es gab überall nur eine kümmerliche Bescherung. Jungfer Karoline trug mit Renate und Luise selbstgebackene Pfefferkuchen, ein paar Äpfel und Nüsse in jedes Haus, das war alles was es zum Heiligen Christ gab. Freilich Weihnachtslieder wurden in jedem Haus gesungen, dafür hatte schon der Schulmeister gesorgt, daß die Kinder ordentlich singen konnten. So ertönten denn an dem stillen Winterabend die lieben Klänge in allen Häusern, das war feierlich und friedsam. In den Herzen der Erwachsenen aber sah es trotz Winterstille und Weihnachtssang nicht friedlich aus, eine bange Unruhe erfüllte die Menschen. Wie Gewitterschwüle lag es über dem Land. Jeder fühlte sie, und angstvoll lauschte man auf Nachricht, aber noch wußte niemand etwas Bestimmtes zu sagen. Man munkelte, es seien in vielen Grenzorten bereits Flüchtlinge aus Rußland eingetroffen. Aber die Nachrichten eilten nicht so schnell von Ort zu Ort. Dazu kam, daß in den Tagen vor Weihnachten wieder viel Schnee gefallen war und die Wege so verschneit lagen, daß jeder am liebsten daheim blieb. Endlich am neunundzwanzigsten Dezember brachte ein Bote die Nachricht nach Kloningken, Napoleon wäre aus Rußland zurückgekehrt, er sollte bereits in Paris eingetroffen sein. Die Armee aber sei vernichtet und ihre trostlosen Reste hätten schon teilweise die Grenze überschritten.

»Sie kommen,« jammerte manche furchtsame Seele weiter drinnen im Lande. Die Grenzbewohner jedoch hatten, nachdem sie die ersten Flüchtlinge gesehen hatten, keine Furcht mehr vor denen, die kamen. Die Not der Feinde nährte ihre Hoffnung auf Befreiung des Vaterlandes, und die Flamme unter der Asche zuckte und glühte. Kaum ein Abend verging, an dem nicht die Männer des Ortes zusammenkamen und ernste Reden führten. Der Schmied, Franz Strobeck, erhielt trotz des Winters so viele Sensen zu schleifen, wie sonst kaum in den Sommertagen, er lachte dazu und wehrte jede Bezahlung ab.

6. Kapitel.

Eine Neujahrsnacht.

So kam des Jahres Wende heran. Auf verschneiten Wegen wandelten die Leute von Kloningken um Mitternacht zur Silvesterandacht. Truppweise gingen die Bewohner der einzelnen Gehöfte, nur die Kleinsten der Kleinen und die Kranken blieben daheim. Jeder trug eine Laterne oder eine brennende Wachskerze in der Hand, und der kleine Fritz Flemming war glücklich, daß er auch mit einem brennenden Kerzlein zum Gottesdienste gehen durfte. In der Kirche stellte sich jeder sein Licht auf seinen Platz, und es war, als schaue Pfarrer Flemming auf lauter Sternlein herab, als er die Kanzel betrat und um Segen für das kommende Jahr bat. Die Gebete, die in dieser Nacht zum Himmel emporstiegen, waren so heiß und inbrünstig wie selten.

Draußen war es schneidend kalt. Die Sterne glitzerten an dem tiefdunkeln Himmel, der Schnee knirschte unter den Füßen und der Wind drang mit Messerschärfe durch die dicken Winterumhüllungen. Als die Leute die Kirche verließen, da dachte mancher voll Behagen an sein Heim, wenn es auch ärmlich war, so war es doch warm, war ein schützendes Dach. Vogt Schwarze sagte, als er die Hoftür verschloß: »Heut' ist's nicht gut sein auf der Landstraße. Was, Demoiselle Karoline, heute möchte Sie nicht draußen lustwandeln?«

Die Jungfer verwies ihm ärgerlich solche Reden. »So was ist nicht agreable zu hören, nach 'nem feierlichen Kirchgang, merk' Er sich das!«

Der alte Mann lachte, er ging noch einmal durch das Haus und durch die Ställe, dann erst legte er sich zur Ruhe.

Bald verlöschten alle Lichter im Hause, nur in dem Zimmer der Hausfrau brannte noch eins, das hell in die kalte Winternacht hinausleuchtete. Wie ein glänzender Stern stand es in der Dunkelheit, so erschien es auch zwei Wanderern, die sich auf der verschneiten Straße mühsam fortschleppten. Der eine hing an des anderen Arm, er taumelte nur noch, seine Augen waren halb geschlossen, und mitunter sank er seufzend zusammen. Dann riß ihn sein Gefährte wieder empor, und sie wankten weiter.

»~Voilà~ ein Licht, Kamerad!«

»Ein Licht!« Die Augen der beiden Wanderer öffneten sich weit. Sie wußten nicht mehr, wie lange sie gewandert waren durch den endlosen Wald, wußten nicht mehr, wo sie sich befanden. Hoffnungslos, stumpf, zum Tode erschöpft, kraftlos vor Hunger, so schleppten sie sich seit Tagen durch die eisige Winterkälte hindurch.

Ein Licht! Dort strahlte es hernieder, sah so friedlich in die kalte Nacht hinaus, und dies kleine Licht gab den beiden wieder etwas ihren Mut zurück. Sie strebten vorwärts, nahmen ihre letzte Kraft zusammen, immer die Augen angstvoll auf das Licht gerichtet, als könnte es verlöschen, ein Irrlicht sein, das sie genarrt hatte.

Vogt Schwarze war noch nicht eingeschlafen, als es draußen zaghaft an das Tor klopfte. Er richtete sich auf und lauschte, war es eine Täuschung gewesen?

Es klopfte noch einmal, lauter, dringender, und ein Ruf kam von draußen, den er nicht verstand. Er stand rasch auf und nahm die Laterne und Schlüssel, um zu sehen, wer Einlaß begehrte. Als er in die Halle trat, kam Frau von Seeheim die Treppe herunter, auch sie hatte das Klopfen vernommen und sie ging nun mit dem Vogt zusammen auf den Hof.

Und wieder klang das Klopfen und wieder war es von angstvollem Rufen begleitet. »~Pitié~«! -- Frau Friederike blieb stehen, »Franzosen,« sagte sie, und die Züge ihres Gesichtes wurden hart. »Wer begehrt Einlaß?« rief sie laut.

»Wir seien ~malade, mon camarade~ und ick, helft o ~pitié~!« klang es flehend von draußen herein.

Der Schlüssel in der Hand des Vogts zuckte, er sah fragend auf seine Herrin. Eine Weile zögerte diese, sie lauschte mit vorgebeugtem Kopf. Sie schien zu überlegen, minutenlang, während draußen die Bitte wieder erklang. Franzosen waren es, Feinde. Von denen welche, die ihr den Mann, den Sohn geraubt hatten.

Jäh richtete sie sich empor, nein, für die hatte sie kein Mitleid. Mit harter, heller Stimme, die bis zu den Wartenden hinausklang, rief sie: »Nein, in meinem Hause ist kein Platz für französisches Gesindel. Wir wollen hineingehen!«

Sie ging langsam über den Hof zurück und betrat das Haus. Schweigend, aber zögernd, sich immer wieder umschauend, folgte der Vogt seiner Herrin; ihnen nach klangen die jammernden Rufe.

Die Außenstehenden hatten sich an die Türpfosten geklammert, sie starrten angstvoll zu dem Hause empor. Half man ihnen, ließ man sie nicht hinein? Ach, dort drinnen war noch immer Licht, war es warm, vielleicht gab es dort Brot, ein Lager zum Ausruhen!

Minute um Minute verrann, der eine der beiden Wanderer rüttelte wieder und wieder an der Tür, während sein Gefährte kraftlos in den Schnee gesunken war. Aber plötzlich verlosch oben das Licht, und in ein schweigendes Dunkel gehüllt lag das Haus da.

Ein Schrei klang durch die Nacht, ein Schrei voller Jammer und Qual. Der eine der beiden Verirrten preßte seinen Kopf an die Mauer und schluchzte wie ein Kind. Er wollte noch einmal rufen, aber die Stimme versagte ihm und nur ein Stöhnen kam aus seiner Brust.

Gab es denn keine Hilfe? Verzweifelt irrten seine Augen durch die Nacht, sie war ziemlich hell und er konnte sehen, daß weiterhin noch mehrere Häuser lagen, anscheinend war es ein größeres Dorf. Doch da, dort war es wieder, als schimmere ein Licht, oder war es eine Täuschung? Er sah fest darauf hin, die dunkle Masse dort war wohl ein Haus, und das Lichtlein blieb, es verlosch nicht. Er raffte noch einmal seine Kräfte zusammen und faßte seinen Gefährten unter den Arm.

»~Mon camarade!~«

Aber der murmelte nur müde: »Ach, laßt mich sterben!« Doch der andere ließ nicht nach, er zerrte und schob, und endlich kam sein Gefährte hoch, und nun taumelten beide dem letzten Hoffnungsstrahl in dieser eisigen Nacht zu.

Pfarrer Flemming hatte noch lange, nachdem er aus der Kirche zurückgekehrt war, mit seiner Frau zusammengesessen, er hatte mit ihr über die Sorgen und Hoffnungen des kommenden Jahres gesprochen. Plötzlich hob der Pfarrer horchend das Haupt. »War es nicht wie ein Ruf, -- hörtest du nichts, Charlotte?«

Auch die Frau lauschte, es war ihr als klänge ein Schrei durch die Nacht.

»Vielleicht ein Verirrter, der unser Licht gesehen hat,« sagte der Pfarrer, »ich will nachsehen, wer es ist und sehen, ob wir helfen können.« Er nahm eine kleine Laterne, seine Frau hüllte ihn sorglich in einen Mantel, sie selbst nahm ein Tuch um und sagte einfach: »Ich begleite dich!«

Der Mann nickte nur. Er schloß die Haustür auf und eine eisige Luft wehte ihnen entgegen. Eine Weile war alles still. Dann klang wieder ein Schrei durch die Stille, aber nur schwach, wie ein Todesröcheln. Die Eheleute gingen rasch dem Rufe nach, aber schon nach wenigen Schritten sahen sie am Gartenzaun, im Schnee, zwei dunkle Gestalten liegen. Der Zaun war für die schwachen Kräfte der Wanderer unüberwindlich gewesen, und die nahe Tür hatten sie nicht gefunden. Der Pfarrer beleuchtete sie, dann wandte er sich zu seiner Frau und sagte tiefernst: »Es scheinen französische Flüchtlinge zu sein.«

»Sie brauchen unsere Hilfe, wir wollen sie rasch in das Haus tragen,« sagte Frau Charlotte einfach.

Sie beugte sich nieder und bemühte sich, einen der beiden Männer vom Boden aufzuheben; ihr Gatte unterstützte sie, und ihren vereinten Kräften gelang es, die beiden Verirrten in das Haus zu bringen. Die Pfarrerin räumte, ohne sich lange zu besinnen, das eigene Schlafgemach ein. Im Zimmer sahen sie beide erst erschüttert, in welchem jammervollen Zustande ihre Schützlinge waren. Nur Lumpen bildeten ihre Kleidung, die Füße waren mit dicken Lappen umwickelt, und während Frau Charlotte am Herd stand und einen heißen Trank bereitete, verband der Pfarrer, der darin manche Erfahrung hatte, die Wunden der Flüchtlinge. Ein tiefes, gütiges Erbarmen lag in seinem Gesicht, als er auf die völlig vernachlässigten, vereiterten Wunden sah. Er dachte nicht, dies sind Feinde, er dachte nur daran, daß es Unglückliche waren, die seiner Hilfe bedurften.

Es war eine schwere, unruhige Nacht. Die Pfarrersleute fanden keinen Schlaf in ihr, aber auch Frau Friederike von Seeheim versuchte vergeblich, Ruhe zu finden. Sie wälzte sich auf ihrem Lager hin und her, die weichen Kissen dünkten ihr hart, die Nacht unerträglich lang, der Schlaf floh ihre Augen. Immer wieder sagte sie sich: »Ich tat recht, dem Feinde die Zuflucht zu verweigern, es war meine Pflicht, gegen mein Vaterland.«

Aber immer wieder meinte sie draußen eine flehende Stimme zu hören, die klagend um Erbarmen rief.

7. Kapitel.

Vater und Sohn.

Wie sonst, hielt auch Pfarrer Flemming am Neujahrsmorgen des Jahres 1813 die Andacht in der Kirche. Aber nicht wie sonst begleiteten ihn seine Frau und seine Kinder, nur Luise machte den Kirchweg an der Seite des Vaters. Frau Charlotte war bei den Kranken geblieben, die ihrer Hilfe bedurften, und Walter hatte gefehlt, er war nicht mit der Schwester zur Kirche gegangen und war auch, zu deren Verwunderung, nachher nicht erschienen, und so hatte Luise allein in dem alten Kirchenstuhl gesessen. Ihre lebhaften Augen blickten nicht wie sonst von einem zum andern, sie rutschte nicht auf ihrem Stuhl hin und her, etwas, was ihr schon so manchen Tadel der Mutter eingetragen hatte.

Sie saß ganz still, sie hatte so viel zu bedenken, daß sie sich immer wieder dabei ertappte, daß ihre Gedanken von der Predigt abirrten. Und doch sprach der gute Vater so schön, so ernst und eindringlich, trotzdem mußte sie immer an die beiden armen verirrten Franzosen denken, die in der Nacht in das Haus gekommen waren. Luise hatte trotz ihres Übermutes ein weiches, warm empfindendes Herzchen, das jetzt mit tiefem Mitleid erfüllt war. Sie dachte daran, wie es den Bruder erschüttert hatte, als ihnen heute früh die Eltern erzählten, was in der Nacht geschehen war, totenbleich hatte er das Zimmer verlassen, kein Wort hatte er gesprochen. Jetzt half er gewiß der Mutter bei der Pflege, hatte diese nicht allein lassen wollen. »Seinem Nächsten dienen ist auch ein Gottesdienst,« hatte der Vater gesagt; wie gut von dem Bruder, daß er nach diesem Worte handelte. Luise faßte den Plan, der Mutter auch fleißig zur Hand zu gehen, sie wollte nicht mehr spielen, sondern helfen, und da kamen ihr wieder allerlei romantische Gedanken, was sie alles tun wollte. Jede Arbeit wollte sie der Mutter abnehmen, wie ein richtiger kleiner Engel der Barmherzigkeit wollte sie im Hause schalten und walten, und im Geiste hörte sie schon die Mutter sagen: »Ja, wenn wir unsere Luise nicht hätten, wie sollte es werden!« Dann würde auch Tante Friederike nicht mehr schelten, ganz erstaunt würde sie sein über den Fleiß der Nichte. Flugs kamen ihr ein paar Tränlein der Rührung über ihre eigene Vortrefflichkeit. Doch plötzlich intonierte die Gemeinde das Schlußlied, und der Gesang weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Da fielen alle ihre Luftschlösser zusammen und recht beschämt, daß sie so wenig auf die Predigt geachtet hatte, ging sie an ihres Vaters Hand nach Hause.

Nach der Kirche hatte es die Pfarrersmagd dem Oberknecht vom Gute erzählt, daß ihr Herr Franzosen aufgenommen habe, der eine schrie ganz greulich, kein Wort wäre zu verstehen, sie fürchtete sich ordentlich. Bald verbreitete sich diese Kunde im Dorf und drang in das Herrenhaus. Dort hatten es die Dienstleute schon erfahren, daß in der Nacht Fremde an das Tor gepocht hatten. Jungfer Karoline, die munter geworden war, hatte es erzählt, daß sie vor Furcht sich das Deckbett über die Ohren gezogen, davon hatte sie freilich geschwiegen. Zuerst waren alle geneigt gewesen, ihre Herrin für hart zu halten, besonders, da der Vogt diese nicht, wie sonst, in den Schutz nahm, sondern schwieg. Friedrich, der Oberknecht, jedoch schimpfte auf das französische Gesindel, er ließ harte Worte gegen den Pfarrer fallen. Und weil er eine gewichtige Stimme hatte, redeten die andern bald wie er.

Frau Friederike war mit sich selbst unzufrieden. »Ich bin im Recht,« sagte sie sich, und um die mahnende Stimme ihres Gewissens zu übertönen, sprach sie herbe zu Jungfer Karoline darüber, daß es Sünde sei, wenn ein Deutscher Franzosen in sein Haus aufnehme. Das Wort reute sie rasch, aber es war gesprochen, und es ging weiter durch das Dorf. Manch einer zögerte freilich noch, den Pfarrer zu verurteilen. Die Frauen dachten milde und rühmten die Pfarrersleute ob ihrer Tat. Als Stasiu Wietak, der Stellmacher, der einen heimlichen Groll auf den Pfarrer hatte, so wie ihn falsche Menschen manchmal gegen jene haben, die die Lauterkeit selbst sind, höhnisch über die Flüchtlinge im Pfarrhaus spottete, da verwiesen ihm etliche seine Reden. Am Abend aber kamen die Männer bei dem Schmied zusammen, und die redeten miteinander von der Schmach des Landes. Stasiu Wietak war auch dabei, und er war freigebig an diesem Abend und verschenkte Kirschwasser, er hatte eine große Flasche voll mitgebracht. Das ungewohnte Getränk machte die Köpfe heiß, und der Stellmacher wußte geschickt das Feuer zu schüren; da vergaßen die Leute in dieser Stunde alle die treue Sorge, die Pfarrer Flemming seiner Gemeinde erwiesen hatte, und mit wilden Reden schalten sie auf den Geistlichen. Magister Richter versuchte bescheiden, die Tat des Pfarrers als eine gute hinzustellen, aber verächtlich drehte man ihm den Rücken; ja, Stasiu Wietak rief lachend: »Schweigt, Schulmeister, davon versteht Ihr nichts.« Die Männer nahmen ihren Zorn mit heim und hielten den Frauen, die mitleidig dachten und verteidigen wollten, die Tat der gnädigen Frau als Beispiel vor.

Während es so im Dorfe gärte, saß Pfarrer Flemming in seinem Hause und sorgte mit seiner Frau treulich für das Wohl der Kranken. Er wußte noch nichts von der erbitterten Stimmung seiner Gemeinde gegen ihn, aber eine bange Ahnung davon hatte sich seiner bemächtigt. Die Eheleute sprachen nicht darüber, aber wenn sie sich ansahen, da lag in beider Augen tiefes Weh. Sie wußten, sie hatten sich eine schwere Last auf die Schultern gebürdet, sie fühlten, sie würden um ihrer Tat willen von vielen verdammt werden, ach, und der, der ihnen diese Erkenntnis gebracht hatte, war ihr eigener Sohn gewesen. Ihr eigenes Kind hatte zum erstenmal die Ehrfurcht vor seinen Eltern vergessen, der Knabe hatte seinem Vater einen Vorwurf daraus gemacht, daß er die Feinde in sein Haus aufgenommen, trotzig, mit gefalteter Stirn, mit zornsprühenden Augen, hatte er vor seinen Eltern gestanden und weder die ernste Mahnung des Vaters, noch die sanfte Bitte der Mutter hatten vermocht, ihn von seinem Unrecht zu überzeugen.

»So geh denn in deine Kammer,« hatte der Vater endlich gesagt, »und vielleicht kommt dir in der Einsamkeit die Erkenntnis deines Unrechtes.«

Nun saß der Knabe oben in der kleinen Mansardenstube und starrte auf die weißen, glitzernden Eisblumen am Fenster. Er hatte ein Buch in der Hand, ein Buch, das ihm Frau von Seeheim geschenkt, und an dem sich seine feurige Knabenseele berauschte, »Wilhelm Tell von Friedrich von Schiller«.

»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,« über diese Worte kam er nicht hinweg. Er legte den Kopf auf das Fensterbrett und finstere, unklare Gedanken bewegten seine junge Seele. Ihm war es, als sei plötzlich ein schönes Bildwerk, zu dem er in ehrfurchtsvoller, frommer Bewunderung aufgeschaut hatte, zertrümmert worden. Seine Eltern hatten Feinde in ihr Haus aufgenommen, und sie hatten dadurch in seinen Augen Verrat an dem Vaterland geübt. Er dachte gar nicht darüber nach, was aus den beiden Unglücklichen in der kalten Winternacht hätte werden sollen, alle Worte von Nächstenliebe und Pflicht gegen die Mitmenschen hatte er vergessen. Er redete sich selbst immer tiefer in einen wilden Trotz hinein und kam sich in der kalten Kammer zuletzt fast wie ein Märtyrer einer guten Sache vor. Daß sacht die Dämmerung heraufgekommen war, merkte er gar nicht in seinem Sinnen.

Plötzlich schrak er zusammen, an das Fenster war Schnee geworfen worden, und ein leises Pfeifen klang von unten herauf. Walter sprang auf und öffnete das Fenster, das fest gefroren war und nur schwer nachgab, endlich ging es kreischend auf und Walter sah hinab. Dort unten aus dem Schatten der Bäume heraus löste sich eine Gestalt, und er erkannte Hans-Heinrich, der dort stand und ihm winkte.

Walter sann nach, durch das Haus wagte er nicht zu gehen, er befürchtete, dem Vater zu begegnen oder von der Mutter gesehen zu werden. Das Weinspalier reichte nicht ganz bis zum Fenster, aber immerhin war es für ihn nicht allzu schwer, es zu erreichen, kurz entschlossen stieg er auf das Fensterbrett, und mit einem geschickten Sprung erfaßte er richtig das Spalier und kletterte nun an ihm herab; bald stand er neben dem Freunde, der ihm etwas verlegen die Hand reichte. »Komm hinter in euren Holzstall,« sagte der, »ich muß dich sprechen.«

Die Knaben gingen in den schon dunkeln Schuppen, und dort erzählte Hans-Heinrich, wie böse seine Mutter sei, und daß auch die Leute im Dorfe dem Pfarrer zürnten. »Ich denke, dein Vater hat recht getan, Walter, er hat doch nur ein paar arme Menschen aufgenommen, und das ist doch eigentlich seine Pflicht. Ich ginge am liebsten hinein, um die beiden zu besuchen, aber --« er stockte, »Mutter hat es mir verboten, ich sollte -- sie mochte nicht, daß ich heute kommen sollte.« Scheu sah er den Freund an und drückte mit unbeholfener Zärtlichkeit dessen Hand, »grüße deine Eltern und Luise,« bat er.

Walter stand und biß die Lippen zusammen, er hörte gar nicht auf des Freundes letzte Worte, die Glut der Scham brannte in seinen Wangen, der Sohn schämte sich seines Vaters. Verachtet von den Leuten war er nun, der so hochverehrte Vater, ein Schützer, ein Freund der Franzosen war er geworden. Das mußte ihm geschehen, der sein Vaterland so glühend liebte.

»Leb' wohl,« sagte er rauh. Er wandte sich hastig ab, selbst der Freund brauchte nicht zu sehen wie sehr er litt. Niedergeschlagen schlich er sich wieder auf demselben mühsamen Weg, auf dem er gekommen war, in seine Kammer zurück.

Diesen Abend erschien Walter nicht mehr unten im Familienzimmer. Als Frau Charlotte mit schwerem Herzen zu dem Sohne kam, um zu versuchen, ob es ihren milden Worten gelingen würde, ihn zur Einsicht und Abbitte zu bewegen, da fand sie ihn, anscheinend im festen Schlaf, angekleidet auf seinem Bette liegen. Sie deckte ihn sorgsam zu und strich dann mit sanfter Hand über sein dunkles Haar, und ein heißes Gebet stieg aus ihrem Herzen empor, daß Gott den Sinn des Knaben lenken möge. Dann ging sie hinaus, und sie hörte nicht mehr das Aufschluchzen Walters. Dieser sprang auf und eilte zur Tür, er wollte diese aufreißen und der Mutter nacheilen, aber sein Trotz hielt ihn zurück, die Hand sank von der Klinke herab, die Schritte der Mutter verhallten, er war wieder allein und warf sich bitterlich weinend auf sein Lager.

Es war eine traurige Nacht im Pfarrhause.

Die Nacht, die kam, war nicht minder schwer als die vorhergehende für die Pfarrersleute. Sie wachten beide bei den Kranken. Luise hatte zwar flehentlich gebeten, sie pflegen zu lassen, aber Frau Charlotte hatte doch kein rechtes Zutrauen zu des kleinen Irrwischs Pflegekünsten. Luise ahnte aber nicht, wie trostreich ihre Hilfsbereitschaft, ihre zärtliche Liebe den Eltern war. Sie nahm Walters Trotzen nicht allzu schwer, und sie ahnte nicht, wie unsäglich die gütigen Eltern darunter litten. Zur Hand bleiben wollte sie jedoch der Mutter, auf dem harten, steifen Sofa der Wohnstube schlug sie ihr Lager auf, und dann schlief sie nach fünf Minuten wie ein Murmeltier und merkte nichts von aller Sorge und Unruhe, die die Kranken verursachten.