Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage

Part 10

Chapter 103,684 wordsPublic domain

Über Kloningken strahlte die helle Sommersonne, und der kleine Ort lag so friedlich da, von einem Kranze wogender Felder und früchtebeladener Bäume umgeben, als hätten nie die Wellen des Krieges bis hierher geschlagen. Und doch trugen auch hier die Bewohner noch an den Lasten der verflossenen Kriegsjahre, die einstmals wohlhabenden Bauern waren verarmt, und in Sorgen bestellte mancher sein Feld. Frau von Seeheim, die selbst schwere Verluste an Geld und Gut erlitten hatte, linderte trotzdem bereitwillig die Not der andern, und sie stand vielen mit Rat und Tat hilfreich bei. Wenn möglich noch fester aber war in diesen Jahren das Band der Freundschaft zwischen Herrenhaus und Pfarrhaus geworden. Jetzt nahm Frau Friederike nicht mehr allein Liebe entgegen, sie gab auch diese in reichlichem Maße, und besonders Luise war ihrem Herzen immer teurer geworden. Es verging kaum ein Tag, an dem man Luises helle Stimme nicht im Gutshaus hörte, und das halbe Jahr, das diese auf Wunsch ihrer Mutter nach der Einsegnung in Königsberg bei Verwandten zugebracht hatte, war allen unendlich lang erschienen.

Und wieder einmal war, wie so manchmal, aus dem Pfarrhause lieber Besuch gekommen. Charlotte Flemming saß im Garten neben Frau Friederike und beide sahen lächelnd Luise zu, die einen Zweig des Baumes, unter dem die Frauen saßen, herabgezogen hatte und einige gelbe Frühbirnen abpflückte. »Wirklich, man kann sie schon essen,« sagte sie und biß herzhaft mit ihren weißen Zähnen in die saftige Frucht, »schade, daß ich nun schon zu groß bin, ich möchte gleich hinaufklettern, oben sitzen die allerschönsten.« Sie sprang ein wenig empor und suchte einen Ast zu erhaschen, dabei verfing sich ihr lockiges Haar in den Zweigen, und dann mußte sie sich erst mühsam aus der unfreiwilligen Gefangenschaft befreien, »wie weiland Absalom,« rief sie übermütig.

»Du bist und bleibst ein Wildfang, Luise,« sagte die Mutter, und doch ruhten ihre Augen mit zärtlichem Wohlgefallen auf dem blühenden Mädchen. Ja, hübsch war die kleine Luise geworden, groß und schlank, das dunkle Haar, das wieder nachgewachsen war, krauste sich noch immer eigensinnig um die weiße Stirn, die dunkeln Augen strahlten noch immer im alten Übermut, und noch immer lachten die roten Lippen so gern. Es war ihr gelungen, eine ganze Anzahl von Birnen zu pflücken, die sie nun auf dem Tische ausbreitete. »Hoffentlich kommt Renate bald, um meinen Raub mit mir zu teilen,« sagte sie -- »doch, ach, da kommt sie, als hätte sie meinen Ruf gehört.« Luise sprang hastig auf und eilte der Freundin entgegen, die die lange Ulmenallee vom Herrenhaus her entlangkam. »Endlich, endlich!« rief sie, sich an deren Arm hängend.

Renate hatte ihren großen Hut abgenommen und trug ihn am Arm, ein helles Kleid umschloß ihre schlanke Gestalt, das feine Gesicht mit der hohen edeln Stirn, um die schlicht das blonde Haar lag, und den großen, sanften Augen, trug, wie immer, einen Ausdruck sinnigen Ernstes. »Ich war bei der Großmutter Romeike, die sehr schwach ist,« sagte sie, »unterwegs sah ich deinen Vater kommen, Luise, der aus der Stadt zurückkehrte, er wird bald herüberkommen, er sagte, er brächte eine freudige Überraschung mit.«

»O, sicher einen Brief von Hans-Heinrich,« jubelte Luise, »glauben Sie es nicht auch, Tante?«

Frau Friederike nickte freundlich. »Wir wollen es hoffen,« sagte sie, »ich sehne mich nach einer Nachricht von ihm.«

Die Mädchen hatten sich an dem Tisch niedergelassen, Luise nahm eine Arbeit zur Hand, und flink, wie die Nadel, ging auch ihr Zünglein. In ihrer lebhaften Art besprach sie eifrig den Inhalt des erwarteten Briefes, der sicher von Hans-Heinrich war. Der junge Mann weilte seit einigen Monaten in Berlin, als Gast des alten Generals von M., bei dem er auf der Rückfahrt von Leipzig gewesen war. Der hatte ihn seitdem oft herzlich eingeladen, aber erst in diesem Jahre war Hans-Heinrich der freundlichen Aufforderung gefolgt. Nun, da die Ernte beginnen sollte, wurde der junge Herr zurückerwartet, denn Frau von Seeheim hatte die Verwaltung des Gutes in des Sohnes Hände gelegt, an dessen Seite schaffte, an Stelle des bei Leipzig gefallenen Vogts, Friedrich, der achtfingrige, wie Fritz ihn nannte.

Charlotte Flemming erkundigte sich unterdessen bei Renate nach der Großmutter Romeike, und diese erzählte von ihrem Besuche, ernst und verständig sprach sie mit der mütterlichen Freundin, deren Blicke voll herzlicher Liebe auf ihr ruhten. Die sanfte, stille Renate war der Liebling aller Kranken und Bedürftigen im Dorf, aber Frau Charlotte wünschte im Herzen oft, sie möchte heiterer sein, mehr von Luises froher Lebenslust besitzen, einmal recht glücklich werden und ihr Jugendleid verwinden.

»Dort kommt der Vater,« unterbrach Luise ihre eigene Rede. Sie sprang lebhaft auf, riß beinahe den ganzen Tisch um und eilte dem Pfarrer entgegen, der mit Fritz daherkam, er zeigte schon von weitem einen Brief, den er dann lächelnd der Hausfrau überreichte.

»Ich bringe ihn selbst aus der Stadt mit, liebe Freundin, hoffentlich steht eine gute Nachricht darin!«

Frau Friederike erbrach das Siegel, sie durchflog rasch das Schreiben, es waren nur wenige Zeilen.

Aus Luises Gesicht stand die Neugier, und die Hausfrau sagte lachend: »Na, Mariellchen, du scheinst gar nicht wissen zu wollen, was in dem Briefe steht?«

»Er ist so kurz, das ist ein Zeichen, daß Hans-Heinrich bald heimkommt,« rief das Mädchen fröhlich.

»Ja, er kündet nun endlich seine Rückkehr an,« sagte Frau von Seeheim mit freudestrahlendem Gesicht. »Auch von einer Überraschung schreibt er noch, hört nur: Einen sehr lieben Gast für das Pfarrhaus bringe ich mit; ich bin sicher, er wird dort mit offenen Armen aufgenommen werden. Wie er heißt, mag Fräulein Luise in ihrer sechzehnjährigen Weisheit erraten.«

Luise verzog schmollend den Mund. »Immer neckt mich Hans-Heinrich, und dabei ist er kaum vier Jahre älter als ich; aber wer mag der Gast sein?«

Man riet hin und her, endlich sagte der Pfarrer: »Vielleicht ist es Herr von Lühenaar. Im vergangenen Winter schrieb er mir, daß er zum Sommer eine Reise beabsichtige und hoffe, dabei auch nach Kloningken kommen zu können.«

»Sicher, Väterchen, haben Sie richtig geraten,« rief Luise, und auch die Mutter nickte: »Es könnte wohl so sein, aber wer auch kommen mag, herzlich willkommen wollen wir ihn heißen.«

Frau Friederike, die nochmals das Schreiben gelesen, sagte: »Nach Hans-Heinrichs Brief zu urteilen, können die Reisenden bald eintreffen, er schreibt, sie wollten am nächsten Tag ihre Reise antreten und nur in Küstrin einen kurzen Aufenthalt nehmen.«

Man saß noch eine Weile zusammen und sprach von dem zu erwartenden Gast. In den vergangenen Jahren waren zwischen dem einstigen Pflegling und dem Pfarrer oft Briefe gewechselt worden, und das in schwerer Zeit geknüpfte Freundschaftsband hatte sich nicht gelockert. Wie an einen Sohn in der Ferne, so dachten die Pfarrersleute an den jungen Mann, und Hans-Heinrich hatte auch in ihm einen älteren Freund gefunden. Bisher hatten die Verhältnisse Herrn von Lühenaar die weite Reise noch nicht gestattet, auch er mußte in seiner Heimat aufbauen, was der Krieg zerstört hatte. Nun man ihn erwartete, rückte sein Bild allen nahe. Frau Charlotte gedachte mit mütterlicher Liebe des jungen Mannes, und Luise erging sich in allerlei Fragen, wie er Hans-Heinrich wohl in Berlin getroffen haben könnte, und wie wunderbar dies sei.

»Nicht ganz so wunderbar,« mischte sich der Pfarrer ein, »da mir Hans-Heinrich erzählte, er habe einen Brief an Herrn von Lühenaar gerichtet und von seiner Reise geschrieben.«

Luise nahm sich vor, das Grab des Franzosen noch zu schmücken, obgleich der Rosenstock, der darauf gepflanzt worden war, in voller Blüte stand.

So verging mit Plänemachen und Erinnerungen die Zeit, und Frau Charlotte mahnte an den Aufbruch. Sie meinte, es sei gut, noch heute einen Kuchen zu backen, zum festlichen Empfang des Gastes. So schied man froh voneinander, Luise hüpfte singend den Wiesenweg zum Heimathaus hin. »Morgen kommt vielleicht Hans-Heinrich,« trällerte sie nach einer selbsterfundenen Melodie. Die Eltern gingen still nebeneinander, nur einmal sagte die Pfarrerin aus schmerzlichem Erinnern heraus: »Könnten wir doch unsern Jungen so erwarten!«

Renate hatte still im fröhlichen Kreise gesessen und mit versonnenen Augen träumerisch in die Weite geschaut, was kümmerte sie der junge Mann, der da als Gast im Pfarrhaus einkehren wollte. Dennoch half sie am kommenden Morgen fleißig der Pfarrerin bei den Vorbereitungen für den Besuch. Diese schaffte gar emsig, denn, so blitzblank auch alles war, so entdeckte ihr scharfes Auge doch immer noch ein Stäubchen. Luise eilte, ein Liedchen singend, treppauf, treppab, neckte sich inzwischen einmal mit Fritz, hob das Kätzchen liebkosend auf den Arm, und umschlang im nächsten Augenblick Renate mit dem Jubelruf: »Ach, bin ich froh, ich kann es gar nicht sagen!« Dann lief sie wieder die Treppe hinab, denn aus der Küche erscholl der Mutter Stimme, die ihre Hilfe haben wollte.

Renate stieg die schmale Holztreppe hinauf, in das Zimmer, das für den Gast hergerichtet worden war. Oben stand sie einige Minuten still, da links lag die Kammer, die einst Walter bewohnt hatte, sie war unverändert geblieben, ein kleiner Erinnerungstempel für die Seinen. Auch heute hätte Renate gern diesen friedlichen, kleinen Winkel aufgesucht, sie dachte aber an ihr Versprechen, zu helfen, und so ging sie den Gang entlang, bis zu dem Fremdenzimmer. Das war schlicht, wie alle Räume im Pfarrhaus; Wand und Decke weiß getüncht und mit einer breiten, blauen Kante abgesetzt, das blendend weiße Bett, ein birkenes Spind, ein Waschtisch, einige Stühle und in der Mitte ein runder Tisch, über den eine zierlich gestickte Decke gebreitet war, bildeten die Einrichtung. Als einzigen Schmuck stellte das Mädchen eine hübsche Meißener Vase hin, die ein Staatsstück der Pfarrerin war, Renate hatte sie mit frischen Blumen gefüllt, damit, wenn der Gast kam, das Zimmer bereit war, welkten die Blumen inzwischen, so schadete es nichts, im Garten standen sie in köstlicher Fülle. Die Zentifolien und Balsaminen strömten süßen Duft aus, und der alte Lindenbaum vor dem Hause streckte seine Äste bis an das geöffnete Fenster heran, in seinen Zweigen zwitscherten die Vögel, denen er Wohnung gab. Sonst war es still im Zimmer. Regungslos stand Renate und sah hinaus in das weite Land, sie dachte an jenen Vorfrühlingstag, da sie von Walter Flemming Abschied genommen hatte. Sehnsuchtsvoll sah sie den ziehenden Wolken nach, die wie weiße Vögel am tiefblauen Sommerhimmel hinschwebten, könnte ich mit ihnen ziehen, dachte die einsame Träumerin, könnten sie mir wenigstens sein Grab zeigen, dann würde ich ruhiger werden.

In ihrem Sinnen hatte sie den leichten Schritt überhört, der die Treppe heraufkam, und sie fuhr nun erschreckt zusammen, als Luises helle Stimme ihren Namen rief. Luise hatte schon wieder etwas Wichtiges der Freundin mitzuteilen, dabei sah sie sich fröhlich im Zimmer um und rief: »Wie schön du die Blumen geordnet hast, nein, wirklich niemand kann es so gut wie du, sie stecken so zart und duftig in der Vase, daß es eine Freude ist, sie anzusehen. Ah sieh, Braut im Haar und brennende Liebe ist auch dabei,« sie drohte schelmisch mit dem Finger, »Renate, Renate, wer weiß, was das für eine Bedeutung hat! Ich denke schon immer daran, ob dir der geheimnisvolle Gast nicht gefährlich wird, wenn es wirklich dieser Herr von Lühenaar wäre, er war damals schon so nett zu dir, mich behandelte er immer wie ein Kind.«

»Du nennst mich eine Träumerin, Luise, und träumst doch selbst am hellen Tag!«

»Ich bin so froh, Renate, und das muß doch eine gute Vorbedeutung haben,« rief Luise lachend, die Freundin umschlingend.

»Vielleicht rührt deine heitere Stimmung auch davon her, daß Hans-Heinrich zurückkommt?« neckte Renate.

Da wurde Luise blutrot. »Ach Unsinn!« rief sie und eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab, damit die Freundin ihre Verlegenheit nicht sehen sollte.

Renate lachte ihr leise nach. Die Neckerei hatte sie fröhlich gemacht, und eifrig putzte sie nun noch einmal im Stübchen jeden Gegenstand ab, als erwartete sie, daß Herr von Lühenaar die allerstrengste Prüfung vornehmen würde.

Schlußkapitel.

Durch Leid zum Glück.

Am Spätnachmittag dieses Tages kam Renate von dem Hof Daniel Romeikes, wo die alte Großmutter Marie krank lag, sie hatte bei der alten Frau gesessen und ihr aus der Bibel vorgelesen. Das Gehöft des Bauern lag etwas abseits vom Dorfe, und so schlug das Mädchen einen Feldweg ein, der dicht beim Pfarrhaus endete. Sie strich, während sie so dahinging, mit ihrer Hand über die Ähren, die bereits einen goldenen Schimmer trugen und die bald die Hand des Schnitters niederstrecken würde. Die Sonne stand tief im Westen, und wenn Renate aufsah, blendete ihr heller Glanz sie, sie legte die Hand vor die Augen, um besser sehen zu können. Luise hatte ihr entgegenkommen wollen, und sie schaute nach ihr aus. Die Freundin war nicht zu sehen, aber dort, wo der Feldweg auf die Landstraße mündete, stand, an einen Baum gelehnt, ein Mann. Sie konnte ihn nicht erkennen, daß es keiner der Bauern war, sah sie freilich, ein Fremder schien es ihr zu sein. Seine Figur hob sich dunkel von dem im leuchtendsten Abendrot glühenden Himmel ab. Einen Augenblick dachte sie, vielleicht ist es Herr von Lühenaar, aber ebenso rasch verwarf sie den Gedanken, der würde ja mit Hans-Heinrich zusammen kommen.

Sie schritt mit gesenktem Kopf weiter, und auf einmal fiel ein langer, schwarzer Schatten auf den sonnenbeschienenen Weg.

Sie schrak zusammen, blieb stehen und sah auf; vor ihr stand der Fremde.

Narrte sie das blendende Licht, war es ein Traum, der sie umfangen hielt?

Es flimmerte ihr rot vor den Augen, wie in einem Wirbel drehte sich alles um sie, die Bäume tanzten, die Felder schienen ineinander zu wogen, und wie ein starkes Brausen ging es durch die Luft.

Renate schwankte, da legten sich zwei Arme um sie, und aus dem Tosen heraus klang, wie aus einer fernen, fernen Welt eine Stimme an ihr Ohr. »Renate, meine Renate!«

Ein Lächeln glitt über ihre Züge, »wie schön ist der Traum,« flüsterte sie.

»Nein, Renate, kein Traum, es ist Wahrheit, o sieh mich an!«

Da öffnete sie die Augen, groß, angstvoll, daß der Traum ihr entschwinden könnte, und sah in ein gebräuntes Männergesicht, das ihr so fremd und doch so vertraut war. Ein Gesicht, an das sie im Wachen und Träumen, in heißen Schmerzen alle die Jahre gedacht hatte. War sie nur wirklich wach? Da lag das Pfarrhaus, da die wogenden Felder, die Sonne leuchtete rot, alles wie vorher und doch -- »Walter,« rief sie plötzlich, »Walter, bist du es wirklich, du lebst, o mein Gott!«

»Ja, Renate,« sagte der Mann, »ich bin es, kein Geist; Fleisch und Blut, ich, dein alter Freund.«

»Du, ach du, kann denn das sein,« schluchzte Renate und umklammerte den Heimgekehrten. »Du, du lebst ja!«

Fritz Flemming stand im Pfarrgarten und hielt Umschau unter den Himbeerbüschen, er sah dabei den Weg entlang, und da fielen ihm vor Schreck die zwei dicken, roten Beeren, die er gerade in den Mund stecken wollte, aus der Hand, ja, was war denn das? Dort stand Renate, und ein Mann hielt sie ganz fest, der Mann aber war ihm ganz fremd, Hans-Heinrich war es nicht, und sein guter Freund, der Onkel Franz aus Schönheide, auch nicht. Eine Weile blieb Fritz ganz verwundert stehen, dann aber ließ er seine Beeren im Stich und lief eilends nach dem Pfarrhaus, um dort zu erzählen, was er gesehen hatte. »Draußen auf der Straße steht Renate, und ein ganz, ganz fremder Mann küßt sie immerzu,« schrie der kleine Kerl und stürmte in das Zimmer, in dem die Eltern und Luise saßen. Zuerst verstanden diese die Worte gar nicht, und der Pfarrer fragte: »Was hast du gesehen, Fritz, sprich?«

Und Fritzchen erzählte, mit vieler Wichtigkeit, was er soeben erlebt hatte. Frau Charlotte wurde totenbleich, ihre Lippen bebten, und mit einem beinahe angstvollen Ausdruck sah sie zu ihrem Manne hin, ihre Blicke senkten sich ineinander, und einer las in des andern Augen, Furcht und Hoffen. »Es wird Hans-Heinrich sein,« stammelte sie.

»Aber nein, Mutter, Hans-Heinrich ist's gewiß nicht,« rief Fritzel, »er sieht doch ganz anders aus.«

»Komm, wir wollen gehen und sehen, wer es ist,« sagte der Pfarrer, und seine Stimme klang gepreßt. Hand in Hand ging Charlotte Flemming mit ihrem Gatten, sie gingen wie zwei Kinder, die die Hoffnung auf eine große Freude haben und die doch fürchten, sie könnten getäuscht werden. So traten sie beide in die Haustür, gerade als Walter mit Renate durch den Garten kam. »Walter!« -- »Mein Sohn!«

In diesen Rufen lag all der heiße Schmerz der langen Jahre, den die Elternherzen um ihren Sohn gelitten hatten, das namenlose Glück, ihn wiederzuhaben.

Sie hielten ihn in ihren Armen und meinten zu träumen, gerade wie vorher Renate.

Und dann saßen sie im Zimmer, mitten unter ihnen der Totgeglaubte, der so heiß Beweinte, die Eltern hielten seine Hände in den ihren, und die Tränen liefen ihnen aus den Augen, aber es waren Freudentränen. Und Luise lachte und weinte und versicherte immer wieder, sie hätte geahnt, daß der Bruder wiederkehren würde, sie umarmte Renate, die ganz still, mit großen, verklärten Augen dasaß, und Fritzel jauchzte, und in allen Jubel, alles Fragen und Antworten hinein sagte die Mutter mit bebender Stimme: »Er ist es wirklich, o, mein Gott, wie danke ich dir!«

Und dann kamen vom Herrenhaus her Frau Friederike und Hans-Heinrich, letzterer rief schon an der Tür: »Ist der Gast, den ich euch brachte, nicht willkommen?«

Walter Flemming ist wieder da, der Totgeglaubte zurückgekehrt!

Die Kunde kam ins Dorf, so schnell wie damals die Nachricht von dem großen Sieg bei Leipzig. Jungfer Karoline kam gleich nach ihrer Herrin, sie war noch schnell in den Garten gelaufen und hatte Blumen gepflückt, in ihrer Aufregung hatte sie lauter große, leuchtende Feuerlilien abgebrochen, daran roch sie unterwegs fortwährend, und so wurde ihre Nase ganz gelb. Als sie in das Zimmer kam und Walter sitzen sah, da vergaß sie sogar ihre feierlichen Verbeugungen, ihre geschraubten Redensarten, sie fiel dem jungen Mann einfach um den Hals, und ihr altes, gutes Gesicht strahlte vor Freude; im Überschwang der Gefühle umarmte sie dann Luise und gab ihr die Feuerlilien. Dann tat sich wieder die Tür auf, und der Magister Fürchtegott Richter erschien. »Ist's möglich, ist's möglich, hat unser lieber Herrgott ein Wunder getan?« rief er.

Franz Strobeck, der Schmied, ließ den Hammer wuchtig niederfallen, als seine Frau die Worte in die Werkstatt rief: »Pfarrers Walter ist wieder da!«

»Daß gleich das Donnerwetter dreinschlage, Alte, was sagst du?« Franz Strobeck lief zur Schmiede hinaus, dem Pfarrhaus zu, und nahm sich nicht einmal Zeit, die Ärmel seines blauen Hemdes wieder über seine rußigen Arme zu streifen. Einer nach dem andern kam, um den Heimgekehrten zu begrüßen, und Walter Flemming hatte kaum Zeit, all die Hände zu drücken, die sich ihm entgegenstreckten, und alle die Fragen zu beantworten: »Wo er so lange gewesen sei?«

»In französischer Gefangenschaft!«

»Der Teufel soll die Franzmänner holen,« rief der Schmied, und kratzte sich verlegen hinter den Ohren, als er auf den Pfarrer blickte. Die Schmiedsfrau aber, die gerade eintrat, sagte zu Jungfer Karoline: »Mein Mann ist und bleibt ein Hitziger!«

»Warum er nicht geschrieben hätte?« fragte Daniel Romeike.

»Der Brief müsse verloren gegangen sein.«

»Wo man ihn gefangen gehalten habe?«

»In einer kleinen Festung an der spanischen Grenze!«

»Eintränken müsse man es den Franzosen, es wäre doch lange Frieden.«

So schwirrten Fragen und Antworten durcheinander, und wenn die Leute zurückgingen, dann standen sie noch auf der Dorfstraße und redeten lebhaft miteinander. Einer der Ihren heimgekehrt, ein Sohn des Dorfes, war es nicht als wäre jedem Hause eine heilige Freude widerfahren? In manchem Herzen regte sich da leise eine Hoffnung, zwar, man hat ihn bestimmt totgesagt, aber wer weiß, wenn der Walter Flemming zurückgekehrt war, o Gott, vielleicht wäre es doch noch möglich!

Die alte Mutter Romeike sandte noch am Abend ins Pfarrhaus und ließ um Jesu willen bitten, der Herr Pfarrer möge doch mit seinem Sohn kommen, bei ihr ging's gewiß zum Sterben, und sie hätte noch den einen Wunsch, den Heimgekehrten zu sehen. Vater und Sohn gingen noch hin, die Enkelin mußte mit einem brennenden Kienspan Walters Gesicht beleuchten, damit die Großmutter mit ihren halberblindeten Augen ihn sehen konnte.

»Ja, er ist es,« murmelte sie, und dann forschte sie, ob er nichts von ihrem Enkel wußte. Walter konnte ihr keine Auskunft geben. »Er fiel bei Laon,« sagte der Pfarrer.

Die alte Frau nickte, »so sagen sie, und da werde ich ihn bald wiedersehen,« dann legte sie segnend ihre welken, arbeitsmüden Hände auf Walters Haupt.

Am Abend kam von Schönheide der Freiherr Franz herübergeritten, der lange Friedrich hatte ihm einen Boten gesandt, er saß mit in dem Familienkreise, und nun erst konnte Walter seine Erlebnisse berichten, sie saßen alle zusammen in dem Wohnzimmer, durch das offene Fenster strömte die warme Sommerluft in das Gemach, und Nachtschmetterlinge flatterten, von dem Licht angezogen, herein: »Wie schön es daheim ist,« sagte Walter leise, »ach wie oft habe ich an die Heimat gedacht. Im Schlachtenlärm, bei den langen Märschen, im Feindesland und dann in der langen, langen Gefangenschaft. Bei Leipzig bin ich gut fortgekommen, und dann später auch bei unserm Marsch nach Frankreich. Bis zu dem Tag von La Chaussee, es war kein heißer Tag, wie der von Leipzig, aber doch fiel mancher meiner Kameraden. Wir waren ein Häuflein, das abgetrennt war von den andern, unser Oberst war verwundet worden, unsere Fahne in Gefahr, da haben wir denn versucht, den Rückzug zu decken, bis die Verstärkung kam. Ich erhielt einen Schuß, wie ein Schlag war es, und ich weiß nur noch, daß ich das laute Siegesgeschrei der Unsern hörte, wie ich zu Boden sank. Ich mußte wohl lange ohne Besinnung gelegen haben, als ich erwachte, war es dunkel um mich her, ich empfand einen rasenden Schmerz in der Brust, und brennender Durst quälte mich, ich versuchte, mich aufzurichten, aber stöhnend sank ich wieder zurück. Ich sah über mir an dem dunkeln Nachthimmel einige Sterne glitzern, und manchmal klang das Wimmern und Stöhnen derer an mein Ohr, die gleich mir verwundet und verlassen auf dem Schlachtfeld lagen. Ich war so matt und schloß wieder die Augen, und auf einmal klang wie aus weiter Ferne Hilferuf an mein Ohr, und zugleich empfand ich wieder den rasenden Schmerz. Ich öffnete mühsam die Augen, neben mir lag jemand, ich konnte eine dunkle Gestalt erkennen, und dann hörte ich Worte, ein Flehen war es um Wasser, ein jammervolles Bitten. Es war ein französischer Offizier. Mühsam suchte ich meine Feldflasche, nur das Jammern meines Nachbars gab mir die Kraft zu dieser Anstrengung. Ich fand die Flasche und reichte sie dem Offizier, ich hörte noch seinen Dank, dann verlor ich wieder das Bewußtsein.