Deutsche Humoristen, 8. Band (von 8)
Part 6
Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände, daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte. „Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner. „Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse Instinkte[263].“ -- „Aber als klassisches Stück?“ -- „Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch. Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die Ereignisse in die Gegenwart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt, als der Hofmarschall auftrat?“ Furtner nickte zustimmend und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges für seine Kritik zu verwenden. Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen, als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung. Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte, wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr umdrehte, nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie auf ihrem Beifall bestehen bleibe, und einen Mann achte, der von liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!
Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein finsteres Schicksal über die braven Leute kam.
Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne, wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen war, und alle anderen schwiegen erschüttert.
Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium[264] ein höchst frivoles[265] Lachen anzuheben.
Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein, der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen abzukühlen. Was gab es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer, welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten, mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der schuftige Sekretär diktierte. Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.
Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der immer mehr in Ferdinand von Waller sein Ebenbild sah, und der ganz in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn du genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte! Dir wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im Himmel begegnete! Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne!“
Ha, du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, du pomadisierter und bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein Schnupftuch zwischen dir und Anton, und du solltest Gott danken, Memme, daß du zum erstenmal etwas in deinen Hirnkasten kriegtest!
Fühlst du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem dunklen Parterre hervor nach dir schießen, und weißt du, was du aus dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute geschenkt hatte. Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen Gürtel; und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde, rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte zu Herrn Elfinger hinüber.
Verloren, ja! Unglückselige, du bist es.
Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte[266] den Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal. Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.
Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät, wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete. Der Vorhang fiel.
Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber Weiß blieb noch sitzen, in Vernichtung, und rang nach Luft und verwischte mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes und ging als der letzte hinaus. Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die Heimatstadt, ihre Wohltätigkeit und ihr Familienglück. Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer Babette folgte und in eine Nebengasse bog.
Er schlich ihnen nach. Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe. „Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke Ausfälligkeiten darin.“
„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“
„Ich meine überhaupt die Prinzipien[267], und die Rolle, welche man den Herzog spielen läßt.“
„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“
„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“
„Ja ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht geben.“
„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“
Trollmann sperrte seine Haustüre auf.
„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“
„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“
Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der Einleitung zu verwerten waren.
Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die Befürchtungen Trollmanns bestätigte.
Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter Küssen das Unerlaubte versprochen hat.
Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen, wenn er es fertig bringe.
Da tönte ein Halt.
Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und legte seine Finger um den Adamsapfel. Wie sie zittert, die Memme!
„Wie weit kamst du mit dem Mädchen?“
Und eine harte Schlosserfaust schlug drauflos und ruinierte[268] eine Menge Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in Unordnung.
„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.
Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.
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6-7. =Balladenbuch Band 1=: Neuere Dichter. _31.-40. T._
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*25-26. =Balladenbuch Band 2=: Ältere Dichter. _11.-20. T._
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28. =Luther, Martin als deutscher Klassiker.= _16.-25. T._
29-30. =Deutsche Humoristen Band 4/5.= Vergriffen!
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54. =Franzos, Karl Emil: Geschichten aus Halbasien.= _1.-20. T._
*55. =Lessing, Gotthold Ephraim: Minna von Barnhelm.= _1.-20. T._
*56. =Müllenhoff: Schleswig-Holsteinische Sagen und Märchen.= Mit Bildern. _1.-20. T._
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58. =Keller, Gottfried: Ursula.= Mit Bildern. _1.-30. T._
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11. =Ebner-Eschenbach, Marie von: Die Freiherren von Gemperlein.= Mit Bildern. _71.-90. T._ 20 50
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18. =Kleist, Heinrich v.: Die Verlobung in St. Domingo.= Das Erdbeben in Chile. Der Zweikampf. _31.-50. T._ 30 60
19. =Rosegger, Peter: Der Adlerwirt von Kirchbrunn.= Mit Bildern. _61.-80. T._ 40 80
*20. =Zahn, Ernst: Die Mutter. Mit Bildern.= _41.-60. T._ 20 50
*21. =Groth, Ernst Joh.: Die Kuhhaut.= Mit Bildern. _61.-100. T_. 20 50
*22. =Schmitthenner, Adolf: Die Frühglocke.= Mit Bildern. _61.-80. T._ 20 50
*23. =Freytag, Gustav: Karl der Große.= Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. _31.-50. T._ 30 60
24. =Spielhagen, Friedrich: Hans und Grete= (Novelle). Mit Bildern. _41.-60. T._ 40 75
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26. =Heyse, Paul: Andrea Delfin.= Mit Bildern. _51.-60. T._ 30 60
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*28. =Ludwig, Otto: A. d. Regen in d. Traufe.= Vergriffen! 25 55
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33. =Wilbrandt, Adolf: Der Mitschuldige.= Mit Bildern. _41.-60. T_. 40 80