Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8)

Part 10

Chapter 103,755 wordsPublic domain

In der Zeit, da noch Altengland war das lustige Altengland, da an William Shakespeares Scherzen Kön’gin Beß sich weidlich freute, führte Sir John Rash, ein junger Ritter, Sir John Wises, des klugen Alten, Tochter heim als Eh’frau. Quer von Barmouth bis nach Yarmouth, durch ganz England ging die Reise: denn am Dee, dem schilfumbüschten, lag das Schloß des Schwiegervaters, doch des Eidams Halle ragte ob dem weidengrünen Bure. Übern Tanat und den Weaver übern Terent und die Dove, über Trent und über Welland, über Ouse dahin und Yare und noch andre Flüss’ und Bäche zog die Fahrt durch’s ganze Eiland. -- Aber ach, noch kaum sechs Monde waren in das Land gegangen, als vor seinem Schwiegervater wieder in dem Schloß bei Barmouth stand der Schwiegersohn -- allein. „Gott zum Gruße, lieber Johnnie,“ sprach der Alte, „wo ist Ellen? bist du ihr voraufgeritten? folgt sie abends oder morgen?“ -- „Nein! nicht abends und nicht morgen folgt sie, deine liebe Tochter! denn sie -- dieses eben ist es! -- denn sie folgt mir überhaupt nicht! -- Kurz und gut: ich bin gekommen, dich zu bitten, deine Tochter wiederum mir abzunehmen, denn ich kann nicht mit ihr leben!“ -- „Setz’ dich, braver Johnnie, setz dich. -- Buttler, bring vom besten Welschwein! Lieber Jung’, das ist ja schrecklich! und gewiß ist sie im Unrecht: -- denn ich kenne meine Tochter, und ich kenn’ auch meinen Johnnie, der gewiß um kleiner Ursach’ willen nicht sein Weib verstieße. Also frisch! Sprich von der Leber: ist sie dir nicht schön genug, he?“ -- „Ach, sie ist ja schön wie keine!“ -- „Hat sie etwa schiefe Glieder, oder schwarze Muttermale?“ -- „Tannenschlank ist sie gewachsen, hat kein Tädelchen am Leibe!“ -- „Spürst zu ihr du keine Neigung?“ -- „Nur zu große, lieber Vater!“ -- „Weigert sie dir ihre Liebe?“ -- „Zärtlich kann sie sein, berückend!“ „Nun, dann weiß ich nicht -- was willst du?“ -- „Ach, sie ist so eigensinnig! Was sie will, das soll geschehen: ja, was ärger: das geschieht auch, ich bin nicht der Herr im Hause!“ -- Vor sich hin pfiff leis’ der Alte: „Das ist alles, lieber Eidam? Darum bist du hergeritten über Yare und Ouse und Welland, Trent und Dove, Terent, Weaver, Tanat, Bure und andre Wasser? Solches ist kein Grund zur Trennung! Reite wieder heim, mein Johnnie, über all’ die vielen Wasser, glaube mir, du wirst’s gewöhnen!“ -- „Nein, ich kann es nicht ertragen. Gehn zum Beispiel wir zu angeln, ich verstehe mich aufs Fischzeug -- deine Tochter Ellen gar nicht ... --“ -- „Weiß es!“ sprach der Schwiegervater. -- „An dem Bure, dem weidengrünen, schnell’ den Fisch ich aus dem Strudel, sag’ ich: ‚Welche Prachtforelle!‘ Spricht schön Ellen: ‚Ja, mein Lieber, schöner Fisch! Doch ist’s ein Karpfe!‘ Nun beschwör’ ich, Schwiegervater, in dem ganzen Flusse schwimmt auch nicht ein Karpfe, weil die Strömung ... --“ -- „Allzustark ist -- weiß es, Johnnie!“ -- „Doch ein Karpfe muß es bleiben, soll ich sie vergnügt erhalten. Gehn wir in dem Wald spazieren, in dem grünen Park am Abend, flötet von dem Ulmenwipfel wunderschön herab die Amsel, ich verstehe Vogelkunde ... --“ -- „Meine Tochter Ellen gar nicht!“ -- „Horch’, sag’ ich, wie schön! Die Amsel! -- ‚Herrlich!‘ flüstert deine Tochter, ‚aber ’s ist ein Hänfling, Männchen!‘ Nun beschwör’ ich dich, o Vater ...“ -- „Amsel sind und Hänfling wahrlich gar nicht zu verwechseln, Johnnie!“ „Doch ein Hänfling muß es bleiben, soll sie bleiben guter Laune! -- Reiten wir zur Jagd zusammen ... --“ -- „Du verstehst dich auf das Weidwerk, meine Tochter Ellen gar nicht -- und erlegtest du ein Birkhuhn und schön Ellen nennt es Wachtel -- eine Wachtel muß es bleiben, sollst du Ruh’ im Hause haben!“ „Wie? Warst neulich du zugegen heimlich?“ -- „Nein, das ist nicht nötig. War ich selbst doch auch vereh’licht!“ -- „Doch es steht schon in der Bibel: Und es soll der Mann dein Herr sein!“ -- „Neu’re Schriftgelehrte lesen an der Stelle: und es sollte eigentlich der Mann dein Herr sein. Andre lesen: soll dein Narr sein!“ -- „Aber meine sel’ge Mutter sagte oft, sie habe immer meinem Vater nachgegeben!“ -- „Sagte solches auch dein Vater?“ -- „Niemals sprach er mir darüber.“ -- „Siehst du! Leere nun den Humpen! Spät ward’s. Laß uns beide schlafen. Morgen will ich dir verkünden, Sohn, wie dir zu helfen ist!“

* * * * *

Und am andern Morgen rief den Gast Sir Wise in seinen Schloßhof, wo gezäumt fünf Pferde standen und ein großer Sack voll Eier. „Reite nun, mein Sohn, nach Hause, -- Ralf, mein Knapp’, soll dich begleiten -- reite heimwärts quer durch England, über all’ die vielen Wasser, forsche nach in jedem Schlosse, jedem Haus und jeder Hütte, findst du, unter einem Dache sei der Mann der Herr, so schenk’ ihm eins der Pferde dort. Die graue Stute ist das schlechtste!“ -- „Freilich! Und der Fuchshengst ist der beste; das erkennt, wer je ein Pferd sah.“ -- „Findst du aber, daß die Gattin führt das Regiment im Hause, nimm ein Ei aus jenem Sacke -- just fünfhundert sind darin, John! -- und der Hausfrau schenk’ es schweigend. Wenn du früher die fünf Pferde los wirst, John, als die fünfhundert Eier, nehm’ ich dir die Tochter wieder ab, mein armer Johnnie. Wirst du aber früher fertig mit dem halben tausend Eier, als mit jenen fünf Stück Pferden -- dann behalte meine Tochter: denn dann siehst du, lieber Eidam, daß dein Los nicht ungewöhnlich!“

* * * * *

Wohl zufrieden war’s der Eidam, stieg zu Roß und ritt von dannen mit den Pferden und den Eiern und mit Ralf, dem alten Knappen. Und an jedem Schlosse hielt er, hielt an jedem Haus und Hüttlein, überall mit Fleiß erforschend bei dem Ritter, Bürger, Bauer, wer im Haus die Herrschaft führe. Übern Tanat und den Weaver, übern Terent und die Dove, über Trent und über Welland, über Ouse dahin und Yare kam er und die andern Wasser: -- vieler Eier ward er ledig, daß der Sack schon beinah’ leer war. Und inzwischen wuchs gewaltig ihm die Sehnsucht nach der Süßen, nach der Holden, nach der Blonden, mit den blauen Heil’gen-Augen; wie sie schwebet, wie sie ruhet, wie sie lächelt, wie sie schmollet, ach, im Schmollen noch so lieblich, ach, und vollends, wie sie küsset -- Tag und Nacht mußt’ er’s gedenken. Und so kam er, nah’ der Heimat, mit fünf Pferden und fünf Eiern in das Schloß des Grafen Warwick, welchen Schotten und Franzosen nur den „Lord von Eisen“ nannten, dessen Wille nie gehemmt ward, dessen grimmer Zorn gescheut ward in Paris und Edinburgh. „Hier werd’ ich das Pferdlein los doch!“ denkt der Gast und sieht mit Freude, wie die kleine, zarte Lady -- Maud war eigentlich ihr Name, Lady Demut nannt’ ihr Mann sie -- ganz zerschmilzt in eitel Sanftmut. Niemals wagt sie andre Meinung: Tritt der Lord nur in die Halle -- auch im Haus in Eisen geht er -- zittert alles: und am meisten zittert vor ihm Lady Demut. -- Nach drei Tagen sagt der Gast den Wirten offen seiner Einkehr Ursach’ und ersucht den Hausherrn, mit ihm in den Stall zu schreiten und das Pferd sich von den fünfen, das ihm ansteht, auszusuchen. „Und Mylord, Ihr seid der erste Eh’mann zwischen Bar- und Yarmouth, dem ein Rößlein ich darf schenken. Denn -- bestätigt, Lord und Lady! -- wie ich’s fand in den drei Tagen, so steht’s immer hier im Hause: Widerspruch und Eigenwille Lady Mauds wird nie geduldet?“ -- „Ei behüte, welche Sünde!“ ruft die Lady und verkriecht sich stirnesenkend, augensenkend, an der breiten Brust des Gatten. Dieser aber, waffenklirrend, ruft: „Bei Gott! ich heiße Warwick! Fragt in Schottland, fragt in Frankreich, was das heißt. -- Und dieses Weiblein -- mit zwei Fingern bräch ich’s mitten ... -- sollte mir? --“ der Zorn erstickt ihm beim Gedanken schon die Stimme. In dem Stall stehn Gast und Wirte. „Dort den Fuchshengst,“ sprach Lord Warwick, „werd’ ich wählen; ’s ist das beste von den fünfen unverkennbar.“ -- „Nein, du nimmst die graue Stute!“ -- „Aber Weibchen, nimm Vernunft an!“ -- „Brauch’ ich die erst anzunehmen? Bin ich also regelmäßig unvernünftig? Warwick, Warwick! dort die graue Stute nimmst du, ’s ist das beste Tier von allen. Nimm’s! Sonst -- sonst wirst du’s lang bereu’n! Nun, wie oft noch soll ich bitten?“ Und das kleine Füßlein stampfte, daß die Streu im Stall umherflog. „Ja, -- ’s ist wahr,“ sprach zögernd Warwick, „ja -- wenn ich es recht erwäge, -- ’s ist die beste von den fünfen. Ja, die graue Stute wähl ich!“ -- Doch John Rash rief: „Ralf, den Sack her!“ Aus dem Sack zog er ein Eilein, bot es zierlich dar der Lady: „Dies gebührt Euch, Lady Demut, und dazu mein Dank auf ewig! Spornstracks reit’ ich jetzt nach Hause. O wie freu’ ich mich auf Ellen! Ralf, vier Eier und fünf Pferde bring zurück dem Schwiegervater und dazu des Eidams Segen!“ --

Nachschrift.

Diese Dichtung wollt’ ich widmen meinem lieben Weib Therese, hatte schon das Wort geschrieben. Da jedoch sie -- selbstverständlich nur erraten konnt’ ich’s ahnend -- nicht so sehr dadurch erfreut schien, als ich eigentlich erwartet, hab’ ich’s wieder ausgestrichen: ungewidmet bleibt das Werk! --

Rothaarig ist mein Schätzelein

von

Julius Wolff.

Rothaarig ist mein Schätzelein, rothaarig wie ein Fuchs, und Zähne hat’s wie Elfenbein und Augen wie ein Luchs.

Und Wangen wie ein Rosenblatt und Lippen wie ein’ Kirsch’, und wenn es ausgeschlafen hat, so schreitet’s wie ein Hirsch.

Im Köpfchen sitzt ihm ein Kobold, ein Grübchen in dem Kinn; ein Herzchen hat es klar wie Gold und kreuzfidelen Sinn.

Wie Silberglöcklein spricht’s und lacht’s, wie eine Lerche singt’s, und tanzen kann’s und Knickse macht’s, und wie ein Heuschreck springt’s.

Und lieben tut’s mich, Zapperlot! das weiß, was lieben heißt, und küßt es mich, -- Schockschwerenot! ich denk manchmal, es beißt.

Doch weiter kriegt ihr nichts heraus, und fragt ihr früh und spat, es kratzt mir sonst die Augen aus, wenn ich noch mehr verrat.

Lacrimae Christi

von

Rudolf Baumbach.

Es war in alten Zeiten ein schwäbischer Fiedelmann, der kräftig strich die Saiten und lustige Mären spann.

Mit Friederich, dem andern, ins Welschland zog er ein, und kostete im Wandern von einem jeden Wein.

Und als auf seinem Zuge er nach Neapel kam, quoll ihm aus ird’nem Kruge ein Tropfen wundersam.

Er trank mit durst’gem Munde und rief den Wirt herbei: „Viellieber, gebt mir Kunde, was für ein Wein das sei.

„Er rinnt mir altem Knaben wie Feuer durchs Gebein; von allen Gottesgaben muß das die beste sein.“

Der dicke Kellermeister gab ihm die Auskunft gern: „Lacrimae Christi heißt er, denn Tränen sind’s des Herrn.“

Da überkam ein Trauern den fremden Fiedelmann; er dachte an den Bauern, der in der Heimat rann.

Und betend sank er nieder, den Blick empor gewandt: „Herr, weinst du einmal wieder, so wein’ im Schwabenland!“

Der Pfropfenzieher

von

Rudolf Baumbach.

Nun laßt uns tapfer brechen den Rheinweinflaschen den Hals, und füllt mit goldnen Bächen die Höhlung des Kristalls. Erhebt euch von dem Tische und steht in Reih’ und Glied, und singt das ewig frische, uralte Zecherlied: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein!

Der diesen Spruch ersonnen, ein frommer Ritter was, der lieber denn am Bronnen bei vollen Fässern saß, und als der letzte Gulden aus seinem Beutel schied, da machte er fröhlich Schulden und sang sein altes Lied: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein!

Die Lehen und Allode ertranken im Malvasier; als letztes der Kleinode blieb ihm ein Pfropfenzieh’r. Das Alter tät ihm färben die Haare silberlicht. Er gönnte seinen Erben den Pfropfenzieher nicht. Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein!

Er zog aus seiner Tasche das Kleinod glatt und blank und gab’s für eine Flasche, gefüllt mit Lautertrank. Ein Schlag, da sank in Scherben der Flaschenhals zu Tal. Er trank und sang im Sterben zum allerletztenmal: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein!

Nun trinken wir die Minne des alten, durst’gen Herrn, und blieb ein Tropfen drinne, er säh’s gewiß nicht gern. Erhebt euch von dem Tische und steht in Reih’ und Glied, und singt das ewig frische, uralte Zecherlied: Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch ’nein, alles muß vertrunken sein!

’s Gebet

von

Franz von Kobell.

A gar kleans Dirndl mit der Muatta hat in der Kirch’ in Sunnta[180] bet’t, und’s Maderl war so voller Andacht, als wenn se’s halt recht nöti hätt; dees hat der Muatta gar gut g’fall’n, und nach der Kircha sagt dazua: „Du bist amal a rechti Frummi[181], du hast schon bet’t in aller Fruah’. Was hast jetzt bet’t, dees muaßt ma sag’n, du Schatzerl, du, so brav und nett.“ Und’s Madel sagt auf ihra Frag’n: „+Daß d’ Kirch bald aus werd’, hab’ i bet’t!+“

Canzone

von

Friedrich Stoltze.

Merr hawwe uns zwar gestern was gekippelt un ohne Abschid is se fortgehippt[182]. -- Ich haw’ err heut en lange Brief geschriwwe; doch hat se, scheint’s, des beste iwerhippelt[183] un brotzt[184] noch fort un is noch stark verschnippt, sonst wär se heint net schned eweckgebliwwe[185].

Ich schriew err: Komm um sechs. Jetz is es siwwe. Was mir draa leiht[186]! -- Ich wart noch bis e Vertel, dann geh ich. Ja, verlaß sich ääns uff Mensche! Sie utzt sich selbst um e Paar neue Hännsche[187] un um e Stahlschnall un en Moiree-Gertel.

Se kimmt net! -- No, heut krieht se’s noch ze wisse, mein Ring eraus! mei Brosch un ’s Nadelkisse! Mei Sache! -- ’s läg merr uff! des wär net bitter, so Hahlgäns, so bredale[188], wetterwenn’sche! Un nemm dei lumpig Sigar-Etwie[189] widder!

Absagebrief

von

Friedrich Stoltze.

„Jean, leb wohl! mei Vatter leidt’s net, un merr soll die Eltern ehrn; ohne Sege da gedeiht’s net, wann merr noch so glicklich wern.

„Ewig zwar wern ich dich liewe, nimmermehr vergeß ich dich; doch die Eltern zu betriewe, des breng ich nicht iwer mich.

„Geh net mehr am Haus voriwer, daß dich nicht mei Vatter sieht, dann ich krieh sonst Vorwerf driwer, wie ich se schon oft hab’ krieht.

„Teurer Jean, du des bedenke! Gelt, du dust’s for ganz gewiß? Du den alten Mann net krenke un komm erscht, wann’s dunkel is!

„Awer komm’ dorchs Hinnerpörtche! Dann mei kindlich Ehrlichkeit wääs zwar des gehääme Örtche, wo der Vorderschlissel leiht;

„Doch die Eltern zu betriehe, liewer Jean, sei fern von mir! -- Nää! un kräg ich’s ääch verziehe -- drum komm dorch die Hinnerdir.

„Stolper ja net uff de Stäge, dann mei Vatter is ze Haus; du’s um seines Schlummers wege! Liewer zieh die Stiwel aus!“

Die Wacht am Rhein

von

Friedrich Stoltze.

Die Wacht am Rhei -- merr hat kää Ruh, merr heert se alsfort brille. Merr wisse’s ja, zum Deiwel zu, un ääch um Gotteswille.

Heint Nacht um zwelf ehrscht schlaf ich ei, da stolpern zwää voriwer un brille laut die Wacht am Rhei, so daß ich uffwach driwer.

Ich haw en ääch mein Dank gezollt: ihr Männer ihr, ihr brave! +Wacht ihr+ am Rhei, so viel derr wollt, in Frankfort laßt mich +schlafe+!

Die schöne Predi’

von

Karl Stieler.

Der alte Pfarrer von Waxelmoos, der hat neuli ’predigt. Ah der schießt los! Kreuzhimmelsakra -- der hat’s ihna g’sagt, all Leut’ hab’n g’woant und an jeden hat’s packt, nur oaner lahnt so an der Kirchtür dran. „No“, sag i, „kann dir denn jetzt gar nix an?“[190] „Ja“, sagt er und rührt si gar nit dabei, „Ja wissen ’s, i bin nit aus dera Pfarrei!“

Bei Wörth

von

Karl Stieler.

Der Preußen-Kronprinz fragt bei Wörth an Jager von die Boarn[191], an kloan: „Warst sechsasechz’ge aa scho mit?“ „Ja,“ sagt der sell, „dös wollt i moan.

„Aber dort hamma g’habt koa Glück. I glaub allweil und b’steh’s ganz laut: Hä’n +Sie+ uns damals aa schon g’führt, na hä’n ma d’ Preußen grad so g’haut.“

A scharfer Zeug’n

von

Karl Stieler.

Beim G’richt, da ham’s zum Zeug’n g’sagt: „Du warst dabei! Jetzt sag’s, +wenn+[192] hast an Hans begeg’nt?“ „Um halbe drei.“

„Kunnt’s nit dreiviertel g’wesen sein? So sag’s nur frei! Auf dös kimmt jetzt dös Ganze an!“ -- -- „Um halbe drei!“

„Ja, geht dei Uhr denn so akkrat? So b’sinn di nur!“ „Ja,“ sagt der Zeug’n, „akkrat geht’s nit, i han koa Uhr!

„Mir hat mei Lebtag neamand nie no koane g’schenkt.“ „Wie woaß’st denn na, daß’s halbe war?“ „I hab mir’s -- denkt!“

Der Taubenkobel

von

Ludwig Anzengruber.

Wonn mer en Michelbauern frogt, wie er si mit sein’ Wei vatrogt[193], so tut er zun vasteh’n oam[194] geb’n, daß s’ all’ zwoa wie dö Täuberln leb’n.

Do denkt a seiner G’vattersmon: „Schaugts d’r den Taubenkobel on! I siech fürs Leben gern so poor valiabti Kesstelflickerwor’[195]!

„Fahrst hin zu dö zwoa glücklig’n Leut’. Es kost’t koan Haus, machst eahna d’ Freud’!“ Er setzt sich af dö Eiserbohn, mit derer kimmt mer schnell hindon.

Er trifft ins Ort, jed’s Kind woas Red’, wo Michelbauers Hütt’n steht. Doch wie er klopfen will an d’ Tür, da macht’n a Spektakel irr’.

Drein geht’s wie in ’ra Reitschul’ zua, es kirrt[196] a Dirn, es fluacht a Bua, a Wickelkind is a no z’hör’n, dös d’ Seel si aus ’n Leib will plärr’n.

Den G’vattern aber neugiert’s groß, er druckt dö Tür schnell aus ’m G’schloß, und is am erschten Blick scho g’wiß, daß er beim Michelbauern is.

Durch d’ Stuben laft a Kinderpaarl, dös gleicht ’en Eltern af a Haarl, da kloane Bua oan Borschtwisch führt, dö Dirn’ si mit oan Holzschuach wihrt[197].

Sö jag’n anander um dö Wieg’n und wonn sa si zun fassen krieg’n, so setzt’s ganz g’hörig Pläscher[198] oh. Der G’vatter schreit: „Wos treibt ’s denn do?“

Da stengen[199] s’ steif als wie dö Schrog’n[200] und wissent onfongs nix zan sog’n, donn keift es Dirndel in da Still’n: „Na, Voda-Muada tan mer spiel’n!“

Därf ih ’s Dirndl liab’n?

von

Peter Rosegger[201].

Ih bin jüngst verwich’n hin zan Pforra g’schlich’n: „Därf ih ’s Dirndl liab’n?“ -- „Untasteh dih nit, bei meina Seel’, wonstas[202] Dirndel liabst, so kimst in d’ Höll’!“

Bin ih vull Verlonga[203] zu da Muata gonga: „Därf ih ’s Dirndl liab’n?“ „O mei liaba Schotz, es is no z’frua[204], noch funfzehn Jahrln erst, mei liaba Bua!“

War in groß’n Nöt’n, hon ih ’n Votan bet’n: „Därf ih ’s Dirndl liab’n?“ „Duners Schlangl[205]!“ schreit er in sein Zurn, „willst mein’ Steck’n kost’n, konst es tuan!“

Wos is onzufonga? Bin zan Hergott gonga: „Därf ih ’s Dirndl liab’n?“ „Ei jo freili,“ sogt er und hot g’locht, „weg’n an Büaberl hon ih ’s Dirndl g’mocht!“

Just und expressi nit!

von

Peter Rosegger.

Do[206] kapriziert sih ums Geld da Wirt auf da G’stät, hiazt[207] zohl ih expressi und justament nöt!

Mei Weib is von Schnaunzbort drahn[208] neama ka Freind; hiazt loß ih’n expressi stean, grod weil sie greint.

Won ih a por Flügerl hät, kunt fliag’n wiar a Taub’n; zan Dirndl expressi nöt, grod weil d’ Leut’ glaub’n.

Ih kriagad[209] mei Nochbars Dirn leicht olli Tog; ih nim ma s’ expressi nit, weil ih nit mog.

Won ih nur d’ Miazl[210] hät; de war nit schiach[211]; ih heirat s’ expressi nöt -- weil ih s’ nit kriag. --

Seelenbündnis

von

Josef Willomitzer.

Ich öffne zögernd ihren Brief. Der kleine Brief, was tut er kund? Vielleicht nimmt es Mathilde schief, daß ich sie lieb’ aus Herzensgrund. Vielleicht hat sie mein Fleh’n erhört, vielleicht ist all’ mein Glück zerstört? Ich seufzte tief, bevor mein Blick das Blatt durchlief. --

Sie schreibt: „Wir wollen Freunde sein wie Goethe und die Frau von Stein!“ Da ruf’ ich jubelnd: „Frisch voran! dem Glück will ich entgegenzieh’n.“ Im Flug trägt mich die Pferdebahn zu meiner Göttin Tempel hin. „Komm an mein Herz, du süßes Glück!“ ruf’ ich ihr zu. Sie weicht zurück und staunt mich an: „Wie könnt Ihr mir so stürmisch nah’n? Wir wollen doch nur Freunde sein wie Goethe und die Frau von Stein.“

Und nun erzählt sie mir genau, was sie gelernt im Pensionat vom Seelenbündnis jener Frau mit Goethe, dem Geheimen Rat, wie tadellos und einwandfrei der zarte Bund gewesen sei. -- „Mathilde, schau, was du da sagst, ist mir zu blau. So wird es nicht gewesen sein, denn Goethe, der war nicht von Stein!“

Da widersprach sie hochgemut, so ging die Rede hin und her. An Worten gab es eine Flut, ein weites sturmbewegtes Meer. Es schwoll die Flut, es wuchs der Zank, bis blutig flammend die Sonne sank .... Und kurz und gut: dann küßten wir uns in Liebesglut so ganz allein im Kämmerlein wie Goethe und die Frau von Stein.

Der Bettler

von

Richard von Volkmann-Leander.

Wintertag. Die Flocken trieben durch die enge Flucht der Gassen, und hernieder von den Dächern hängen kalt und schwer die Zapfen. Aber drin im dunkeln Stübchen, wo die Mutter mit der Tochter spinnend sitzt am warmen Herde, prasselt lustig auf die Flamme und die roten Lichter wirft sie spielend auf den blanken Estrich.

Horch! da klopft es an der Türe, leise klopft es, doch vernehmlich -- wär’s auch nur für Mädchenohren, die versteckt im Busch der Locken lauschen und die feinsten Dinge hören auf der weiten Erde. Zögernd auf nach kurzem Säumen hebt die Jungfrau sich vom Sitze; leise auf den Zehen schreitet sie hinaus. Da steht der Liebste vor der Tür: „Um Gottes willen, geh, die Mutter ist zu Hause! Warte doch!“ Und beide Arme schlingt sie um den Hals dem Jüngling, drückt ihn an die Brust und küßt ihn. -- In das Zimmer tritt sie wieder, schüttelt sich den Schnee vom Kleide.

„War’s ein Bettler?“ „Ja, ein Bettler, Mütterchen, ein armer Bettler!“ „Sag, was hast du ihm gegeben?“ „Eine Kleinigkeit nur, Mutter!“ spricht das Mädchen, und errötend beugt sie sich und schürt das Feuer, daß die Flamme lohend aufschlägt, und wie goldne Mückenschwärme tanzend über ihrem Scheitel im Kamin die Funken fliegen.

„Gib den Bettlern nicht zu reichlich,“ mahnt die Mutter sorgend wieder, „denn sie kommen viel zu oft.“ Schweigend rückt den Stuhl zum Herde sich das Mädchen. Schweigend greift es wieder zur verlass’nen Spindel, und wie sie im Kreise wirbelt, wiederholt es in Gedanken still die Worte: Viel zu oft!

Ein gutes Tier...

von

Wilhelm Busch.

Ein gutes Tier ist das Klavier, still, friedlich und bescheiden, und muß dabei doch vielerlei erdulden und erleiden.

Der Virtuos stürzt darauf los mit hochgesträubter Mähne. Er öffnet ihm voll Ungestüm den Leib, gleich der Hyäne.

Und rasend wild, das Herz erfüllt von mörderlicher Freude, durchwühlt er dann, soweit er kann, des Opfers Eingeweide.

Wie es da schrie, das arme Vieh, und unter Angstgewimmer bald hoch, bald tief um Hilfe rief, vergeß ich nie und nimmer.

Fing man vorzeiten einen Dieb...

von

Wilhelm Busch.

Fing man vorzeiten einen Dieb, hing man ihn auf mit Schnellbetrieb, und meinte man, er sei verschieden, ging man nach Haus und war zufrieden.

Ein Wandrer von der weichen Sorte kam einst zu solchem Galgenorte und sah, daß oben einer hängt, dem kürzlich man den Hals verlängt.

Sogleich, als er ihn baumeln sieht, zerfließt in Tränen sein Gemüt. Ich will den armen Schelm begraben, denkt er, sonst fressen ihn die Raben.