Deutsche Humoristen, 3. Band (von 8)
Part 10
Ihre Herzen klopften zum Zerspringen. Es kam näher -- grad' auf dem Wege kam es auf sie zu -- näher -- immer näher, auf dürren Blättern gehend, dann hopsend! Ja, wenn sie das wirklich wäre, dann überstiegen diese Laute alle Phantasie! Der entsetzlichste Kobold hätte nicht widersinniger rennen, hüpfen und stehen bleiben können, als es das tat, was da ankam! -- Und zu denken, daß diese arme Seele eine vornehme, geistreiche Hofdame war, wenn auch mit einem etwas boshaften Mundwerk gesegnet und mit einem Buckel! -- Ein Mensch! Eine Hofdame!! -- so heruntergekommen, so urweltlich sich aufführend -- so ungeheuerlich!
Die junge, starke Phantasie der fünf Nachtwandler wurde mächtig bestürmt. Sie standen wie Schatten an die Gartenmauer angedrückt -- totenstill. Wie mußte erst das Aussehen des Spukes sein, nach solchen Lauten! -- Sie hatten sich alle eine unbestimmte Vorstellung von der Begegnung mit der Göchhausen gemacht, etwas Geisterhaftes -- Nebelhaftes -- Huschendes -- Fiependes -- und daß sie wie aus einer Flasche sprechen würde; aber nicht so -- um Gottes willen nicht so!
Der Mond war hinter eine zerfetzte Wolke gekrochen, deren Ränder versilbernd.
Da sahen sie sich etwas bewegen -- etwas Ungestaltes, Niederes -- es glühten zwei Augen, da war gar kein Zweifel -- und zwei unbegreifliche, wackelnde Hörner zeigten sich und hoben sich gespenstisch vom dunklen Hintergrund ab! Diese wackelnden Hörner, was sollten die? Was wollten die?
Röse und Marie waren gelähmt vor Entsetzen.
Da mit einem Male ein Zappeln, ein Strampfen, ein Bocken und Stampfen, und wie aus einer Trompete ein urweltlicher, scheußlicher Ton, und -- ein Gelächter! Budang war's, der lachte.
Der Mond hatte sich jetzt durch seine Wolken gearbeitet und beleuchtete -- ein kleines, graues Ungetüm, das verdutzt auf vier hohen, sparrigen Beinen stand und seinen Riesenkopf mit seinen Riesenohren vor sich hin streckte und horchte.
»Jesses, ein Esel!« rief Röse erlöst.
Durch die Stimmen erschreckt, machte das kleine junge Scheusal hopsend und stolpernd Kehrt und jagte wieder mit vorgestrecktem Kopf in die Nacht und in den Park hinein.
»Weiß Gott,« sagte Budang, »das war der kleine ›Muffel‹, der ist dem Pächter entwischt!«
Sie blieben alle still und betreten, als müsse noch was kommen; zu einem wirklichen, herzhaften Gelächter brachten sie es nicht. Es lag etwas in der Luft, so etwas Rauschendes, Werdendes -- so etwas Banges, Wehes. -- Auf Windesflügeln fuhr es durch die hohen Bäume und sauste schwer über die uralte Erde hin; es klopfte und pochte überall an, an die schwellenden Knospen, an die Herzen, an die Gräber -- denn es war heilige Osternacht, wo die Toten auferstehen!
Fern fiepte es wieder: Fledermäuschen -- Käuzchen -- verliebtes Nachtgetier.
Jetzt zogen sie über die großen, weiten Parkwiesen. Die Schritte waren unhörbar auf dem moosigen Rasenboden. Eine moderige Feuchtigkeit stieg auf.
Sie gingen immer noch in einer Reihe, Hand in Hand.
»Ist's wahr,« erkundigte sich Röse bang, »daß vor Goethes Gartenhaus alle Morgen gekehrt wurde? Daß ein wunderschönes Mädchen dort gekehrt hat? -- Glaubt ihr das?«
Sie unterhielten sich alle mit halber Stimme. Die Wucht der stürmischen, feuchten Frühlingsnacht lag über ihnen.
Marie sagte leise: »Goethe hat das Mädchen selbst einmal gesehen; die Schopenhauern hat's erzählt, und die weiß auch, wer's gewesen ist. Beim ersten Morgenschimmer hat er das Mädchen getroffen, wie sie gekehrt hat -- und da hat sie aufgeschrieen wie eine arme Seele und ist zusammengesunken wie ein Wisch; und eine alte Frau, die wie ein Schatten war, hat sie mit sich genommen und hat etwas gemurmelt, wie: ›Ach, wenn ma auch immer alleinig is!‹ Dann sind sie nie wieder gekommen, und das Kehren war aus!«
Diese erschütternde Erzählung stieß auf einigen Unglauben. -- »Ja, wißt ihr denn das nicht?« rief Marie unwillig, »Goethe hat der Schopenhauern gesagt, daß das nicht das einzige Mal gewesen ist, daß er das Mädchen gesehen hat. Wenn er in seinem Zimmer bei der Arbeit saß, hat es sich ihm manchmal so zart an die Seite gedrängt -- so wie ein Kätzchen -- oder wie ein Mädchen, das ihn lieb hatte und für ihn gestorben ist. Einmal hat er auch, als es wieder so kam, einen ganz feinen Arm gesehen, der sich über seine Brust spannte -- nur einen Arm und eine Hand. Und wenn er in der Dämmerung in seinen Garten ging, da soll etwas neben ihm aufgetaucht sein, etwas Unbestimmtes. Es haben's auch andre Leute gesehen und sind davor erschrocken. Ja, es war oft jemand unsichtbar um ihn, der ihn übermenschlich liebte! Und der Schopenhauern hat er erzählt, daß kein Gefühl je dem gleichgekommen ist und ihn so übermannt hat, wie der Schauer, wenn das Wundersame bei ihm gewesen sei. Und an dem Morgen, an dem er das schöne Mädchen kehren gesehen hat, da soll er ganz verstört gewesen sein!«
Mit dem Kehren schien es also doch seine Richtigkeit zu haben; alle unterhielten sich weiter über geheimnisvolle Dinge. Jeder hatte etwas zu erzählen.
Röse wußte von einem Kobolde, der den Leuten beim Umzug als Feder nachfliegt und im neuen Hause wieder mit einzieht; die Beutlersleute, die über Kirstens wohnten, kannten einen in ihrer Familie, der auf Spinnenbeinen ging und eine Zipfelmütze trug. -- Im alten Rattenneste Weimar spukte es zu jener Zeit eben noch recht kräftig. Da gab es keinen Kreuzweg und kaum eine Wegesbiegung, wo nicht irgend etwas nächtlich hockte und sein Wesen trieb, und kein altes Haus, in dem es ganz einfach geheuer war, und keine adelige Familie, die nicht gerade so wie ihr altes Familiensilber ihren alten Familienspuk besaß. Das heißt, auf den Familienspuk war bei weitem sicherer als auf das Familiensilber zu rechnen.
Und so strichen unsere Fünf im nächtlichen Grauen auf den einsamen Parkwiesen hin und her und betraten nun mit abermals klopfendem Herzen die dunkelsten, geheimnisvollstem, überwachsenen, feuchten Wege an der Ilm, um trotz allem der gespenstischen Hofdame zu begegnen, denn gerade dort, hieß es allgemein, sollte sie spuken.
Die Kameraden sprachen zwar nach der Eselbegegnung ziemlich von oben herab von diesen Dingen, waren aber wiederum um nichts weniger eifrig und weniger erregt, als unsere Ratsmädchen. Jetzt gingen sie über die Borkenbrücke und versuchten ihr Glück und ihr Grauen am jenseitigen Ufer. Da führte der Weg an einem mit Bäumen und Büschen bestandenen Abhange hin, und kaum waren sie hier eine Strecke in tiefem Schweigen geschlichen -- denn es war eine so feuchte, monddurchschienene Einsamkeit, als wäre jahrhundertelang hier niemand gegangen -- da standen sie alle mit einem Schlage wie gebannt!
Nahe -- in ihrer allernächsten Nähe, hatte jemand aufgestöhnt, und sie hatten alle deutlich gehört, wie etwas, das in den Büschen steckte, so recht verbissen und verzweifelt zwischen den Zähnen »verdammt« gezischt hatte. »Verdammt!« deutlich: »verdammt!« -- nichts weiter, und dann wieder tiefe, tiefe Stille auf beiden Seiten.
»Das is sie aber!« flüsterte Röse schaudernd.
Alle hielten den Atem an und horchten.
Das Einsame, Verlassene, Geheimnisvolle in den Büschen schien indessen auch zu horchen.
Totenstille!
Die Geistersucher warteten, ob sich's nicht wieder regen würde -- denn da war etwas -- das war sicher!
Sie fühlten die Nähe eines fremden Wesens; sie standen wie die Bildsäulen so starr -- ganz Erwartung! Dasjenige, das in den Büschen auf so sonderbare Weise »verdammt!« gesagt hatte, mußte sicherlich in Verwunderung geraten sein, was mit den vielen Schritten, die es doch kommen gehört hatte, geworden sei.
Jetzt aber -- was war das? -- Ein Fiepen, ein jämmerliches, sonderbares Fiepen, als singe ein Wasserkessel, oder quietsche ein Wägelchen, oder auch als wimmere ein Hund unter ganz besonderen Umständen!
Es war ein ganz merkwürdiger Ton! Allen schien es durchaus nicht unmöglich, daß sie es wäre, denn daß sie fiepe, oder wie durch eine Flasche rede, hatten sie ja gewußt!
Das war das Entsetzliche!
Der Mond schien dämmernd hell; hell genug, um das, was im Gebüsch steckte, zu erkennen, falls es sich hervorwagte.
Dadurch merkwürdig ermutigt und wie von Jagdeifer gepackt, mahnte Röse: »So kommt doch!« Und sie war's, die sich wieder auf die Beine machte, ohne auf die andern zu achten, die ihr schleichend folgten.
So ging's den kleinen Abhang ein wenig hinan; einige Schritte, mit klopfendem Herzen und stockendem Atem. -- Dann ein gewaltiges Rascheln im dichten Gebüsch -- ein furchtbarer Schrei -- ein Springen -- ein heiserer Laut -- und im Mondlichte sahen sie, wie Röse von einem großen, dunklen Mantel umfangen wurde. -- Ein ungeheurer Schreck! -- Etwas so Unbegreifliches! Schauervolles!
Marie schrie verzweifelt auf.
»Ruhig -- ruhig!« sagte eine erregte Stimme. »Was macht ihr denn hier? Röse, um Gottes willen, wie kommst du hierher?«
Von Röse hörte man kein Sterbenswort; aber sie schien zu flüstern und war immer noch in dem großen Mantel verschwunden. Und jetzt -- ein zarter, zarter Frühlingslaut -- so süß, so wunderlich -- ein Laut wie ein Kuß!
»Herr Gott, der Thon!« rief Marie ganz überwältigt. »Der lag hier auf der Fuchspasse!« Das nicht gerade jagdgemäße Wort hatte sich ihr im Schreck und in der Überraschung gebildet.
Da sprang auch schon Thons Hund, dem er im Ärger und in der Erregung über die geheimnisvollen nächtlichen Schritte, die ihm den Fuchs verscheuchten, die Schnauze zugehalten hatte, wedelnd an Marie in die Höhe.
»Ja, der Thon!« antwortete der Geheimnisvolle bewegt, erschüttert, doch auch unwillig aus dem großen, dunklen Mantel heraus. -- »Was fällt euch denn ein?«
»Ich hab's ihm schon erzählt,« sagte Röse betreten, »daß wir ausgerissen sind.«
»Ja aber,« meinte Budang in seiner offenen Weise, »sie sind ja mit _uns_ -- und wenn _wir_ dabei sind, dürfen sie alles! -- Frau Rat hat es ihnen ein für allemal erlaubt.«
Der junge Adjutant mußte über die Ehrenwache, die die beiden Mädchen hatten, lächeln.
In den wenigen Worten Budangs lag jedoch so eine überzeugende Vortrefflichkeit -- so eine unantastbare Treuherzigkeit -- daß jedes weitere Wort, jeder Unwille und jedes Mißtrauen abgeschnitten war. Der Adjutant schüttelte Budang die Hand und begrüßte die beiden andern, währenddem er seine junge Braut nicht aus dem Arme ließ.
»Also die Göchhausen wolltest du sehen? -- Für so etwas hattest du also doch noch Raum?«
»Und Sie,« flüsterte Röse bedrängt und zaghaft -- »lagen da doch des Fuchses wegen?«
»Ja, mein Herz -- weil ich's daheim nicht aushalten konnte. -- Was denkst du denn? Da ist die Welt zu enge!«
»Ja,« sagte Röse leise, »deshalb war ich eben auch hier.«
Und nun gingen sie alle miteinander und brachten die leichtsinnigen Dinger, die Ratsmädchen, heim in die Wünschengasse.
Unterwegs erzählte Röse ihrem Bräutigam von ihren Kameraden -- wie gut sie immer wären, wie lustig, wie treu, und was sie von ihnen gelernt hätte, besonders von Budang.
Sie schüttete ihrem Bräutigam ihr ganzes Herz aus, das voller Liebe und Freundschaft war, voller Anhänglichkeit -- und erzählte alle möglichen dummen und lustigen Streiche.
Er mußte in aller Eile alles wissen. Und sie bat ihn, auch ihre Kameraden lieb zu haben. »Sie sind so gut, so klug! Solche gibt's nicht wieder!« rief sie.
Und er hörte ihr glücklich lächelnd zu.
Das war Frühlingsreinheit -- Frühlingszartheit -- Frühlingswonne!
Der Wind hatte sich gelegt, und der Mond schien hell.
* * * * *
Viele, viele Jahre sind vergangen. -- Die Jugend vieler Millionen Menschen ist verweht. -- Es ist alles anders geworden.
Röse ist nun eine alte Frau. -- Was das Leben ihr gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt -- nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen sehen, immer von neuem. -- Sie ist gut, still und heiter und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie die schöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch -- sonst nirgends!
Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die sie nichts angehen.
Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft -- aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.
Geduldig werden -- geduldig werden -- geduldig werden! darauf läuft's hinaus.
Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.
Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit durch die Straßen fährt.
Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.
Da -- was ist das?
Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.
»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer Enkelin -- »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. -- »Das ist er!« nickte sie träumerisch.
»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenn er uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«
Da tut sich die Tür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen Augen -- und seine silberweißen, dichten Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. -- Er hat eine Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.
»Wie geht's der Röse?« fragt er.
Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.
»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Tränen im Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«
»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten, »das freut dich?«
Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten miteinander einen weiten -- weiten Ausflug in die gute, alte Zeit.
Und das war die beste Medizin.
Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; -- aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr wohl tat.
»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch -- du treuer Mensch!«
Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen -- treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.
Hausbücherei
der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung.
+Bis Dezember 1904 sind erschienen folgende Bände:+
Bd. 1. _Heinrich von Kleist_: Michael Kohlhaas. Mit Bildnis Kleists, 7 Vollbildern von Ernst Liebermann und Einleitung von Dr. Ernst Schultze. Preis gebunden 90 Pfg. +6.--10. Tausend.+
Bd. 2. _Goethe_: Götz von Berlichingen. Mit Bildnis Goethes von Lips und Einleitung von Dr. Wilhelm Bode. Preis gebunden 80 Pfg.
Bd. 3. _Deutsche Humoristen._ +Erster Band+: Ausgewählte humoristische Erzählungen von Peter Rosegger, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter und Albert Roderich. 221 Seiten stark. Preis gebunden 1 Mark. +6.--10. Tausend.+
Bd. 4. _Deutsche Humoristen._ +Zweiter Band+: Clemens Brentano, E. Th. A. Hoffmann, Heinrich Zschokke. 222 Seiten. Preis gebunden 1 Mark. +6.--10. Tausend.+
Bd. 5. _Deutsche Humoristen._ +Dritter Band+: Hans Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. 196 Seiten. Preis gebunden 1 Mark. +6.--10. Tausend.+
Bd. 6/7. _Balladenbuch._ +Erster Band+: Neuere Dichter. 495 Seiten. Preis gebunden 2 Mark.
Bd. 8. _Hermann Kurz_: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung. Mit Einleitung von Prof. Sulger-Gebing. 209 Seiten. Preis gebunden 1 Mark.
Bd. 9. _Novellenbuch._ +Erster Band+: C. F. Meyer, Ernst von Wildenbruch, Friedrich Spielhagen, Detlev von Liliencron. 194 Seiten. Preis gebunden 1 Mark.
Bd. 10. _Novellenbuch._ +Zweiter Band+ (Dorfgeschichten): Ernst Wichert, Heinrich Sohnrey, Wilhelm von Polenz, Rudolf Greinz. 199 Seiten. Preis gebunden 1 Mark.
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(Goldene Medaille der Weltausstellung St. Louis 1904.)
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Aufruf der Stiftung.
Fast täglich lesen wir in den Zeitungen von der Enthüllung neuer Denkmäler. Kaiser und Fürsten, Feldherren und Staatsmänner, Dichter und Künstler erhalten Standbilder, die das Andenken der Nachwelt an ihre Verdienste in eine besonders wirksame Form kleiden und für alle Zeiten befestigen sollen.
Gewiß ist das an sich ein lobenswertes Tun; aber daneben muß doch auch dafür gesorgt werden, _daß dem äußeren Bild ein inneres Gedenken entspricht_ -- daß nicht nur bei einigen wenigen Kundigen, sondern in den weitesten Kreisen des Volkes Verständnis dafür vorhanden ist, was der Gefeierte für sein Volk geleistet hat. Ganz besonders aber müssen _unsere großen Dichter in der Seele ihres ganzen Volkes weiterleben_, sollen ihre Standbilder nicht ein leerer Prunk bleiben.
Schon oft ist von deutschen Dichtern der Gedanke ausgesprochen worden, daß aller Ruhm und alle Ehre, mit denen Mit- und Nachwelt sie schmücken können, ihnen nichts ist gegen die frohe Hoffnung, im Herzen ihres Volkes eine bleibende Stätte zu finden.
_Gustav Freytag_ war es, der zum ersten Male klar und bestimmt darauf hinwies, daß man einen großen Dichter so gut wie durch ein Denkmal durch die Begründung einer Stiftung ehren könne, die seine Schriften auch nach seinem Tode im Volke verbreite. Als es sich im Jahre 1874 um die Errichtung eines Denkmals für den eben verstorbenen _Fritz Reuter_ handelte, machte er den Vorschlag, man möge kein gewöhnliches Denkmal setzen, sondern lieber die Volksbibliotheken fortgesetzt mit den Schriften Reuters versehen. -- Und in jüngster Zeit ist derselbe Grundgedanke u. a. in ansprechendster Form von _Rosegger_ verfochten worden: »Die Denkmäler erstehen, die poetischen Schöpfungen verstauben. Als ob die Dichter geboren würden und ihre Werke schrieben, damit einmal eine Denksäule, eine Figur ihren Namen trüge! Die Hoffnung, der Stolz, das Leben und die Unsterblichkeit eines Dichters besteht aber darin -- gelesen zu werden, mit seinen Schöpfungen im Volke zu wirken ... _Wenn das Kapital, das für ein Dichterdenkmal aufgebracht worden, auf Zinsen angelegt_
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Im Werbeteil (Aufruf der Stiftung) fehlt offenbar eine Seite.
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzungen wurden stillschweigend korrigiert, die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Textkorrekturen:
S. 114: Teelöfel → Teelöffel Die _Teelöffel_ zitterten hörbar,
S. 132: Gymnasialenglich → Gymnasialenglisch mein bestes _Gymnasialenglisch_, »~made in Germany~«,
S. 166: gleichzeitg → gleichzeitig Das sind sie! dachten Röse und Marie _gleichzeitig_
S. 186: war → wahr »Ist's _wahr_,« erkundigte sich Röse bang,