Deutsche Humoristen, 2. Band (von 8)

Part 11

Chapter 113,453 wordsPublic domain

Das Herz kochte dem Fräulein Ännchen im Leibe, als sie das herrlich knisternde Feuer, die glühenden Kohlen, die schmucken kupfernen Kochtöpfe und Schmorpfannen auf dem Herde bemerkte. Sowie der Herr Dapsul von Zabelthau den Corduanspitz dicht heranführte an den Herd, da begann es stärker und stärker in den Töpfen und Pfannen zu zischen und zu brodeln, und das Zischen und Brodeln wurde zu ängstlichem Winseln und Stöhnen. Und aus einem Kochtopfe heulte es heraus: »O Daucus Carota! o mein König, rette deine getreuen Vasallen, rette uns arme Mohrrüben! -- Zerschnitten, in schnödes Wasser geworfen, mit Butter und Salz gefüttert zu unserer Qual, schmachten wir in unnennbarem Leid, das edle Petersilienjünglinge mit uns teilen!« Und aus der Schmorpfanne klagte es: »O Daucus Carota! o mein König! rette deine getreuen Vasallen, rette uns arme Mohrrüben! -- In der Hölle braten wir, und so wenig Wasser gab man uns, daß der fürchterliche Durst uns zwingt, unser eignes Herzblut zu trinken.« Und aus einem andern Kochtopf wimmerte es wieder: »O Daucus Carota! o mein König! rette deine getreuen Vasallen, rette uns arme Mohrrüben! -- Ausgehöhlt hat uns ein grausamer Koch, unser Innerstes zerhackt und es mit allerlei fremdartigem Zeug von Eiern, Sahne und Butter wieder hineingestopft, so daß alle unsere Gesinnungen und sonstige Verstandeskräfte in Konfusion geraten, und wir selbst nicht mehr wissen, was wir denken!« Und nun heulte und schrie es aus allen Kochtöpfen und Schmorpfannen durcheinander: »O Daucus Carota, mächtiger König, rette, o rette deine getreuen Vasallen, rette uns arme Mohrrüben!« Da kreischte Corduanspitz laut auf: »Verfluchtes dummes Narrenspiel!« schwang sich mit seiner gewöhnlichen Behendigkeit auf den Herd, schaute in einen der Kochtöpfe und plumpte plötzlich hinein. Rasch sprang Herr Dapsul von Zabelthau hinzu und wollte den Deckel des Topfs schließen, indem er aufjauchzte: »Gefangen!« Doch mit der Schnellkraft einer Spiralfeder fuhr Corduanspitz aus dem Topfe in die Höhe und gab dem Herrn Dapsul von Zabelthau ein paar Maulschellen, daß es krachte, indem er rief: »Einfältiger, naseweiser Kabbalist, dafür sollst du büßen! -- Heraus, heraus, Ihr Jungen allzumal!«

Und da brauste es aus allen Töpfen, Tiegeln und Pfannen heraus wie das wilde Heer, und hundert und hundert kleine fingerlange garstige Kerlchen hakten sich fest an dem ganzen Leibe des Herrn Dapsul von Zabelthau und warfen ihn rücklings nieder in eine große Schüssel und richteten ihn an, indem sie aus allen Geschirren die Brühen über ihn ausgossen und ihn mit gehackten Eiern, Muskatenblüten und geriebener Semmel bestreuten. Dann schwang sich Daucus Carota zum Fenster hinaus, und seine Vasallen taten ein gleiches.

Entsetzt sank Fräulein Ännchen bei der Schüssel nieder, auf der der arme Papa angerichtet lag; sie hielt ihn für tot, da er durchaus nicht das mindeste Lebenszeichen von sich gab. Sie begann zu klagen: »Ach, mein armer Papa -- ach, nun bist du tot, und nichts rettet mich mehr vom höllischen Daucus!« Da schlug aber Herr Dapsul von Zabelthau die Augen auf, sprang mit verjüngter Kraft aus der Schüssel und schrie mit einer entsetzlichen Stimme, wie sie Fräulein Ännchen noch niemals von ihm vernommen: »Ha, verruchter Daucus Carota, noch sind meine Kräfte nicht erschöpft! Bald sollst du fühlen, was der einfältige, naseweise Kabbalist vermag!« -- Schnell mußte Fräulein Ännchen ihm mit dem Küchenbesen die gehackten Eier, die Muskatenblüten, die geriebene Semmel abkehren, dann ergriff er einen kupfernen Kochtopf, stülpte ihn wie einen Helm auf den Kopf, nahm eine Schmorpfanne in die linke, in die rechte Hand aber einen großen eisernen Küchenlöffel und sprang so gewaffnet und gewappnet hinaus ins Freie. Fräulein Ännchen gewahrte, wie Herr Dapsul von Zabelthau im gestrecktesten Laufe nach Corduanspitzes Gezelt rannte und doch nicht von der Stelle kam. Darüber vergingen ihr die Sinne.

Als sie sich erholte, war Herr Dapsul von Zabelthau verschwunden, und sie geriet in entsetzliche Angst, als er den Abend, die Nacht, ja den andern Morgen nicht wiederkehrte. Sie mußte den noch schlimmern Ausgang eines neuen Unternehmens vermuten.

Sechstes Kapitel.

Welches das letzte und zugleich das erbaulichste ist von allen.

In tiefes Leid versenkt saß Fräulein Ännchen einsam in ihrem Zimmer, als die Tür aufging und niemand anders hineintrat als der Herr Amandus von Nebelstern. Ganz Reue und Scham, vergoß Fräulein Ännchen einen Tränenstrom und bat in den kläglichsten Tönen: »O mein herzlieber Amandus, verzeihe doch nur, was ich dir in meiner Verblendung geschrieben! Aber ich war ja verhext und bin es wohl noch. Rette mich, rette mich, mein Amandus! Gelb seh' ich aus und garstig, das ist Gott zu klagen, aber mein treues Herz habe ich bewahrt und will keine Königsbraut sein!« --

»Ich weiß nicht,« erwiderte Amandus von Nebelstern, »ich weiß nicht, worüber Sie so klagen, mein bestes Fräulein, da Ihnen das schönste, herrlichste Los beschieden.« -- »O spotte nicht,« rief Fräulein Ännchen, »ich bin für meinen einfältigen Stolz, eine Königin werden zu wollen, hart genug bestraft!« --

»In der Tat,« sprach Herr Amandus von Nebelstern weiter, »ich verstehe Sie nicht, mein teures Fräulein! Soll ich aufrichtig sein, so muß ich bekennen, daß ich über Ihren letzten Brief in Wut geriet und Verzweiflung. Ich prügelte den Burschen, dann den Pudel, zerschmiß einige Gläser -- und Sie wissen, mit einem racheschnaubenden Studenten treibt man keinen Spaß! Nachdem ich mich aber ausgetobt, beschloß ich, hierher zu eilen und mit eignen Augen zu sehen, wie, warum und an wen ich die geliebte Braut verloren. -- Die Liebe kennt nicht Stand, nicht Rang, ich wollte selbst den König Daucus Carota zur Rede stellen und ihn fragen, ob das Tusch sein solle oder nicht, wenn er meine Braut heirate. -- Alles gestaltete sich hier indessen anders. Als ich nämlich bei dem schönen Gezelt vorüberging, das draußen aufgeschlagen, trat König Daucus Carota aus demselben heraus, und bald gewahrte ich, daß ich den liebenswürdigsten Fürsten vor mir hatte, den es geben mag; denn denken Sie sich, mein Fräulein, er spürte gleich in mir den sublimen Poeten, rühmte meine Gedichte, die er noch nicht gelesen, über alle Maßen und machte mir den Antrag, als Hofpoet in seine Dienste zu gehen. Ein solches Unterkommen war seit langer Zeit meiner feurigsten Wünsche schönstes Ziel; mit tausend Freuden nahm ich daher den Vorschlag an. O mein teures Fräulein! mit welcher Begeisterung werde ich Sie besingen! Ein Dichter kann verliebt sein in Königinnen und Fürstinnen, oder vielmehr es gehört zu seinen Pflichten, eine solche hohe Person zur Dame seines Herzens zu erkiesen, und verfällt er darüber in einigen Aberwitz, so ergibt sich eben daraus das göttliche Delirium, ohne das keine Poesie bestehen mag, und niemand darf sich über die vielleicht etwas seltsamen Geberden des Dichters wundern, sondern vielmehr an den großen Tasso denken, der auch etwas am gemeinen Menschenverstande gelitten haben soll, da er sich verliebt hatte in die Prinzessin Leonore d'Este. -- Ja, mein teures Fräulein, sind Sie auch bald eine Königin, so sollen Sie doch die Dame meines Herzens bleiben, die ich bis zu den hohen Sternen erheben werde in den sublimsten göttlichsten Versen.« --

»Wie, du hast ihn gesehen, den hämischen Kobold, und er hat« -- so brach Fräulein Ännchen los im tiefsten Erstaunen, doch in dem Augenblick trat er selbst, der kleine gnomische König, hinein und sprach mit dem zärtlichsten Ton: »O meine süße, liebe Braut, Abgott meines Herzens, fürchten Sie ja nicht, daß ich der kleinen Unschicklichkeit halber, die Herr Dapsul von Zabelthau begangen, zürne. Nein! -- schon deshalb nicht, weil eben dadurch mein Glück befördert worden, so daß, wie ich gar nicht gehofft, schon morgen meine feierliche Vermählung mit Ihnen, Holdeste! erfolgen wird. Gern werden Sie es sehen, daß ich den Herrn Amandus von Nebelstern zu unserm Hofpoeten erkoren, und ich wünsche, daß er gleich eine Probe seines Talents ablegen und uns eins vorsingen möge. Wir wollen aber in die Laube gehen, denn ich liebe die freie Natur, ich werde mich auf Ihren Schoß setzen, und Sie können mich, geliebteste Braut, während des Gesanges etwas im Kopfe krauen, welches ich gern habe bei solcher Gelegenheit.«

Fräulein Ännchen ließ, erstarrt vor Angst und Entsetzen, alles geschehen. Daucus Carota setzte sich draußen in der Laube auf ihren Schoß, sie kratzte ihn im Kopfe, und Herr Amandus von Nebelstern begann, sich auf der Guitarre begleitend, das erste der zwölf Dutzend Lieder, die er sämtlich selbst gedichtet und komponiert und in ein dickes Buch zusammengeschrieben hatte.

Schade ist es, daß in der Chronik von Dapsulheim, aus der diese ganze Geschichte geschöpft, diese Lieder nicht aufgeschrieben, sondern nur bemerkt worden, daß vorübergehende Bauern stehen geblieben und neugierig gefragt, was für ein Mensch denn in der Laube des Herrn Dapsul von Zabelthau solche Qualen litte, daß er solch entsetzliche Schmerzenslaute von sich geben müsse.

Daucus Carota wand und krümmte sich auf Fräulein Ännchens Schoß und stöhnte und winselte immer jämmerlicher, als litte er an fürchterlichem Bauchgrimmen. Auch glaubte Fräulein Ännchen zu ihrem nicht geringen Erstaunen zu bemerken, daß Corduanspitz während des Gesanges immer kleiner und kleiner wurde. Endlich sang Herr Amandus von Nebelstern (das einzige Lied steht wirklich in der Chronik) folgende sublime Verse:

Ha! wie singt der Sänger froh! Blütendüfte, blanke Träume, Zieh'n durch ros'ge Himmelsräume, Selig, himmlisch Irgendwo! Ja du gold'nes Irgendwo, Schwebst im holden Regenbogen, Hausest dort auf Blumenwogen, Bist ein kindliches So So! Hell Gemüt, ein Herz so so, Mag nur lieben, mag nur glauben, Tändeln, girren mit den Tauben, Und das singt der Sänger froh. Sel'gem fernem Irgendwo Zieht er nach durch gold'ne Räume, Ihn umschweben süße Träume Und er wird ein ew'ges So! Geht ihm auf der Sehnsucht Wo, Lodern bald die Liebesflammen, Gruß und Kuß, ein traut Zusammen Und die Blüten, Düfte, Träume Lebens, Liebens, Hoffens Keime Und --

Laut kreischte Daucus Carota auf, schlüpfte, zum kleinen, kleinen Mohrrübchen geworden, herab von Ännchens Schoß und in die Erde hinein, so daß er in einem Moment spurlos verschwunden. Da stieg auch der graue Pilz, der dicht neben der Rasenbank in der Nacht gewachsen schien, in die Höhe; der Pilz war aber nichts anders als die graue Filzmütze des Herrn Dapsul von Zabelthau, und er selbst steckte darunter und fiel dem Herrn Amandus von Nebelstern stürmisch an die Brust und rief in der höchsten Ekstase: »O mein teuerster, bester, geliebtester Herr Amandus von Nebelstern! Sie haben mit Ihrem kräftigen Beschwörungsgedicht meine ganze kabbalistische Weisheit zu Boden geschlagen. Was die tiefste magische Kunst, was der kühnste Mut des verzweifelnden Philosophen nicht vermochte, das gelang Ihren Versen, die wie das stärkste Gift dem verräterischen Daucus Carota in den Leib fuhren, so daß er trotz seiner gnomischen Natur vor Bauchgrimmen elendiglich umkommen müssen, wenn er sich nicht schnell gerettet hätte in sein Reich! Befreit ist meine Tochter Anna, befreit bin ich von dem schrecklichen Zauber, der mich hier gebannt hielt, so daß ich ein schnöder Pilz scheinen und Gefahr laufen mußte, von den Händen meiner eigenen Tochter geschlachtet zu werden! Denn die Gute vertilgt schonungslos mit scharfem Spaten alle Pilze in Garten und Feld, wenn sie nicht gleich ihren edlen Charakter an den Tag legen wie die Champignons. Dank, meinen innigsten heißesten Dank, und -- nicht wahr, mein verehrtester Herr Amandus von Nebelstern, es bleibt alles beim alten rücksichts meiner Tochter? -- Zwar ist sie, dem Himmel sei es geklagt, um ihr hübsches Ansehen durch die Schelmerei des feindseligen Gnomen betrogen worden, Sie sind indessen viel zu sehr Philosoph, um« -- »O Papa, mein bester Papa,« jauchzte Fräulein Ännchen, »schauen Sie doch nur hin, schauen Sie doch nur hin, der seidne Palast ist ja verschwunden. Er ist fort, der häßliche Unhold mitsamt seinem Gefolge von Salatprinzen und Kürbisministern und was weiß ich sonst alles!« -- Und damit sprang Fräulein Ännchen fort nach dem Gemüsegarten. Herr Dapsul von Zabelthau lief der Tochter nach, so schnell es gehen wollte, und Herr Amandus von Nebelstern folgte, indem er für sich in den Bart hineinbrummte: »Ich weiß gar nicht, was ich von dem allen denken soll; aber so viel will ich fest behaupten, daß der kleine garstige Mohrrübenkerl ein unverschämter prosaischer Schlingel ist, aber kein dichterischer König, denn sonst würde er bei meinem sublimsten Liede nicht Bauchgrimmen bekommen und sich in die Erde verkrochen haben.«

-- Fräulein Ännchen fühlte, als sie in dem Gemüsegarten stand, wo keine Spur eines grünenden Hälmchens zu finden, einen entsetzlichen Schmerz in dem Finger, der den verhängnisvollen Ring trug. Zu gleicher Zeit ließ sich ein herzzerschneidender Klagelaut aus der Tiefe vernehmen, und es guckte die Spitze einer Mohrrübe hervor. Schnell streifte Fräulein Ännchen, von ihrer Ahnung richtig geleitet, den Ring, den sie sonst nicht vom Finger bringen können, mit Leichtigkeit ab, steckte ihn der Mohrrübe an, diese verschwand, und der Klagelaut schwieg. Aber o Wunder! sogleich war auch Fräulein Ännchen hübsch wie vorher, wohlproportioniert und so weiß, als man es nur von einem wirtlichen Landfräulein verlangen kann. Beide, Fräulein Ännchen und Herr Dapsul von Zabelthau, jauchzten sehr, während Herr Amandus von Nebelstern ganz verdutzt dastand, und immer noch nicht wußte, was er von allem denken sollte. --

Fräulein Ännchen nahm der herbeigelaufenen Großmagd den Spaten aus der Hand und schwang ihn mit dem jauchzenden Ausruf: »Nun laßt uns arbeiten!« in den Lüften, aber so unglücklich, daß sie den Herrn Amandus von Nebelstern hart vor den Kopf (gerade da, wo das +Sensorium commune+ sitzen soll) traf, so daß er wie tot niederfiel. Fräulein Ännchen schleuderte das Mordinstrument weit weg, warf sich neben dem Geliebten nieder, und brach aus in verzweifelnden Schmerzenslauten, während die Großmagd eine ganze Gießkanne voll Wasser über ihn ausgoß, und Herr Dapsul von Zabelthau schnell den astronomischen Turm bestieg, um in aller Eile die Gestirne zu befragen, ob Herr Amandus von Nebelstern wirklich tot sei. Nicht lange dauerte es, als Herr Amandus von Nebelstern die Augen wieder aufschlug, aufsprang, so durchnäßt, wie er war, Fräulein Ännchen in seine Arme schloß, und mit allem Entzücken der Liebe rief: »O mein bestes, teuerstes Ännchen! nun haben wir uns ja wieder!« --

Die sehr merkwürdige, kaum glaubliche Wirkung dieses Vorfalls auf das Liebespaar zeigte sich sehr bald. Beider Sinn war auf eine seltsame Weise geändert.

Fräulein Ännchen hatte einen Abscheu gegen das Handhaben des Spatens bekommen, und herrschte wirklich wie eine echte Königin über das Gemüsreich, da sie dafür mit Liebe sorgte, daß ihre Vasallen gehörig gehegt und gepflegt wurden, ohne dabei selbst Hand anzulegen, welches sie treuen Mägden überließ. Dem Herrn Amandus von Nebelstern kam dagegen alles, was er gedichtet, sein ganzes poetisches Streben höchst albern und aberwitzig vor; und vertiefte er sich in die Werke der großen, wahren Dichter der ältern und neuen Zeit, so erfüllte wohltuende Begeisterung so sein Inneres ganz und gar, daß kein Platz übrig blieb für einen Gedanken an sein eignes Ich. Er gelangte zu der Überzeugung, daß ein Gedicht etwas anderes sein müsse als der verwirrte Wortkram, den ein nüchternes Delirium zu Tage fördert, und wurde, nachdem er alle Dichtereien, mit denen er sonst, sich selbst belächelnd und verehrend, vornehm getan, ins Feuer geworfen, wieder ein besonnener, in Herz und Gemüt klarer Jüngling, wie er es vorher gewesen. --

Eines Morgens stieg Herr Dapsul von Zabelthau wirklich von seinem astronomischen Turm herab, um Fräulein Ännchen mit Herrn Amandus von Nebelstern nach der Kirche zur Trauung zu geleiten.

Sie führten nächstdem eine glückliche, vergnügte Ehe; ob aber später aus Herrn Dapsuls ehelicher Verbindung mit der Sylphide Nehahilah noch wirklich etwas geworden, darüber schweigt die Chronik von Dapsulheim. -- -- --

J. H. D. Zschokke:

Die Nacht in Brczwezmcisl.

=Johann Heinrich Daniel Zschokke= wurde am 22. März 1771 als Sohn eines wohlhabenden Tuchmachers in Magdeburg geboren, ging nach kurzer Hauslehrer- und Theater-Tätigkeit und nach dem Besuch der Universität Frankfurt a. O. 1796 nach der Schweiz, wo er bald ein zweites Vaterland fand. Die wechselvollen politischen Umbildungen der damaligen Zeit stellten ihm, der von gemeinnützigem Sinne beseelt war, mannigfache bedeutende Aufgaben, denen er sich mit größtem Eifer unterzog. Seine großen Verdienste um die Schweiz und namentlich um den Kanton Aargau, in dem er sich niedergelassen hatte, wurden durch Übertragung vieler Ämter und Würden an ihn geehrt. Nachdem er seine letzten Lebensjahre den stets mit Eifer betriebenen schriftstellerischen Arbeiten gewidmet hatte, starb er am 27. Juni 1848 auf seinem Landsitz Blumenhalde an der Aar.

Zschokke ist ein Volksschriftsteller ersten Ranges: klar, gediegen, von energischem und lebendigem Vortrag. »Die Abenteuer der Neujahrsnacht«, »Addrich im Moos«, »Die Branntweinpest«, »Das Goldmacherdorf« sind einige seiner bekanntesten Erzählungen, neben denen eine große Zahl volkstümlicher Geschichtswerke und die bekannten »Stunden der Andacht« stehen. Auch durch Herausgabe allgemeinverständlicher Zeitschriften (namentlich des trefflichen »Schweizerboten«) hat sich Zschokke verdient gemacht. Daß er bei der von ihm entwickelten gemeinnützigen Tätigkeit großen Stils auch durch seine Dichtungen wirken wollte, kann nicht wunder nehmen; tatsächlich haben auch nicht nur die beiden letzten der obengenannten Erzählungen tiefgreifenden Einfluß geübt. Aber er moralisiert nicht nur. Wenn er ernste Mahnungen geben will, wie das häufig geschieht, weiß er sie dem Leser freundlich ans Herz zu legen, und er ist der Erzählung schwankhafter Ereignisse, wie »Die Nacht in Brczwezmcisl« zeigt, durchaus nicht abgeneigt.

E. S.

Die Nacht in Brczwezmcisl.

1.

Fahrt nach Brczwezmcisl.

Ich zweifle gar nicht, das Jahr 1796 mag wohl manche schreckliche Nacht gehabt haben, zumal für die Italiener und Deutschen. Es war das erste Siegesjahr Napoléon Bonapartes und die Zeit von Moreaus Rückzug. Damals hatte ich in meiner Vaterstadt auf der Universität die akademischen Studien beendigt; war Doktor beider Rechte, und hätte mich wohl unterstanden, den Prozeß sämtlicher europäischer Kaiser und Könige mit der damaligen französischen Republik zu schlichten, wenn man mich nur zum Schiedsrichter verlangt hätte.

Ich war indessen bloß zum Justizkommissar einer kleinen Stadt des neuen Ostpreußens ausersehen. Viel Ehre für mich. Mit dem einen Fuß schon im Amte, mit dem andern fast noch im akademischen Hörsaale, heißt seltenes Glück. Das dankte ich der Eroberung oder Schöpfung eines neuen Ostpreußens und dem Falle Kosciuszkos. Man macht es zwar dem hochseligen Könige -- wir andere Christen sterben nur schlechtweg selig, und die Bettler vermutlich nur tiefselig; man sagt, im Tode sind wir einander alle gleich, ich beweise im Vorbeigehen das Gegenteil! -- also man macht ihm zwar zum Vorwurf, an einer schreienden Ungerechtigkeit teilgenommen zu haben, da er ein selbständiges Volk verschlingen half; aber ohne diese kleine Ungerechtigkeit, ich möchte sie gar nicht schreiend nennen, wären tausend preußische Musensöhne ohne Anstellung geblieben. In der Natur wird eines Tod das Leben des andern; der Hering ist für den Magen des Walfisches, und das gesamte Tier- und Pflanzenreich, auch das Steinreich, wenn es nicht zuweilen unverdaulich wäre, für den Magen des Menschen da. Übrigens läßt sich sehr gut beweisen, daß ein Mädchen, welches seine Ehre, und ein Volk, welches seine Selbständigkeit überlebt, an ihrem eigenen Unglücke schuld sind. Denn wer sterben kann, ist unbezwingbar, und eben der Tod ist der feste Stützpunkt eines großen, ruhmreichen Lebens.

Meine Mutter gab mir ihren besten Segen, nebst Wäsche und Reisegeld; und so reiste ich meiner glänzenden Bestimmung nach Neu-Ostpreußen entgegen, von dem die heutigen Geographen nichts mehr wissen, ungeachtet es doch kein Zauber- und Feenland war, das auf den Wink eines Oberon entsteht und verschwindet. Ich will meine Leser mit keiner langen Reisebeschreibung ermüden. Flaches Land, flache Menschen, schlechte Postwagen, grobe Postbeamte, elende Straßen, elender Verkehr, und nebenbei jedermann auf seinen Misthaufen stolz, wie ein Perser-Schah auf seinen Thron. Es ist einer der vortrefflichsten Gedanken der Natur, daß sie jedem ihrer Wesen ein eigenes Element anwies, worin es sich mit Behaglichkeit bewegen kann. Der Fisch verschmachtet in der Luft, der polnische Jude in einem prunkvollen Damengemache.

Also kurz und gut, ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang nach, ich glaube, es hieß Brczwezmcisl, einem freundlichen Städtchen; freundlich, obgleich die Häuser rußig, schwarz, die Straßen ungepflastert, kotig, die Menschen nicht säuberlich waren. Aber ein Kohlenbrenner kann in seiner Art so freundlich aussehen, wie eine Operntänzerin, deren Fußtriller von Kennern beklatscht werden.

Ich hatte mir das Brczwezmcisl, meinen Berufsort, viel schrecklicher vorgestellt; vermutlich fand ich's gerade deswegen freundlicher. Der Name des Orts, als ich ihn zum ersten Male aussprechen wollte, hatte mir fast einen Kinnbackenkrampf zugezogen. Daher mochte meine heimliche Furcht vor der Stadt selbst stammen. Der Name hat immer bedeutenden Einfluß auf unsere Vorstellung von den Dingen. Und weil das Gute und Böse in der Welt weniger in den Dingen selbst, als in unserer Vorstellung von ihnen liegt, ist Veredlung der Namen eine wahre Verschönerung des Lebens.

Zur Vergrößerung meiner Furcht vor der neuostpreußischen Bühne meiner Rechtskunst mochte auch nicht wenig der Umstand beigetragen haben, daß ich bisher im Leben noch nicht weiter von meinem Geburtsorte gekommen war, als man etwa dessen Turmspitze sehen konnte. Ungeachtet ich wohl aus den Lehrbüchern der Erdbeschreibung wußte, daß die Menschenfresser ziemlich entfernt wohnten, erregte es doch zuweilen mein billiges Erstaunen, daß man mich unterwegs nicht ein paarmal totschlug, wo Ort und Zeit dazu gelegen waren, und weder Hund noch Hahn um mein plötzliches Verschwinden vom Erdball gekräht haben würden. Wahrhaftig, man gewinnt erst Vertrauen auf die Menschheit, wenn man sich ihr, als Fremdling und Gast, auf Gnade und Ungnade überläßt! Menschenfeinde sind die vollendetsten, engherzigsten Selbstsüchtlinge; Selbstsucht ist eine Seelenkrankheit, die aus der Stetigkeit des Aufenthalts entspringt. Wer Egoisten heilen will, muß sie auf Reisen schicken. Luftveränderung tut dem Gemüte so wohl als dem Leibe.