Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine

Part 16

Chapter 163,380 wordsPublic domain

Seit Ende des Jahres 1869 war das kleine deutsche Kanonenboot ‚Meteor‘ unter dem Kommando des Kapitänleutnants Knorr in Westindien stationiert. Das Schiff hatte eine Größe von dreihundertsiebenundvierzig Tonnen, eine schwache Maschine von dreihundertzwanzig Pferdestärken. Seine größte Geschwindigkeit betrug nicht mehr als sieben Knoten, das ist kaum fünfzehn Kilometer in der Stunde. Die Bewaffnung war eine recht starke. Außer einer mittschiffs aufgestellten Fünfzehnzentimeterkanone, die nach beiden Seiten feuern konnte, trug das kleine Schiff noch zwei Zwölfzentimetergeschütze, die am Bug und am Heck standen. Die Besatzung zählte im ganzen zweiundsechzig Mann. Am 7. November 1870 morgens fuhr der ‚Meteor‘ in den Hafen von Havanna auf Kuba ein. Die notwendigen Arbeiten waren kaum beendet, da ankerte auch der französische Kriegsaviso ‚Bouvet‘, der bedeutend stärker war, im Hafen. Durch eine Maschine von 620 Pferdekräften erzielte das Schiff eine Fahrt von 20,4 Kilometer in der Stunde. Außer einer Besatzung von fünfundachtzig Mann gaben dem französischen Kriegsdampfer ein Sechzehnzentimetergeschütz auf dem Achterdeck, zwei Zwölfzentimetergeschütze an den Breitseiten und vier Drehbassen auf der Verschanzung eine größere Kampfkraft. Die Neutralität des Hafens erforderte, daß in seiner Nähe kein Gefecht stattfinden durfte. Trotz der vorzüglichen Verfassung des feindlichen Schiffes wollte das Kanonenboot unter Knorr einen Kampf erzwingen. ‚Meteor‘ dampfte deshalb des Mittags wieder hinaus und lud dadurch den ‚Bouvet‘ zum Kampfe ein. ‚Bouvet‘ kam nicht, er ließ sich nicht hinauslocken. Am Abend fuhr das deutsche Kanonenboot wieder in den Hafen ein. Kaum hatte das deutsche Schiff festgemacht, da erschien ein spanischer Offizier und eröffnete dem Kapitänleutnant Knorr, daß es der Neutralität entspräche, erst vierundzwanzig Stunden nach Abfahrt des französischen Schiffes den Hafen zu verlassen. Am 8. November mittags lichtete das französische Kriegsschiff seine Anker und fuhr hinaus. Genau vierundzwanzig Stunden später, am 9. November um ein Uhr mittags, folgte nach ungeduldigem Warten das kühne deutsche Schiff. Stolz wehte von der Gaffel die Flagge des Norddeutschen Bundes, und mutvoll beseelte das Kampfgefühl die deutschen Marinesoldaten. Nur ein Gedanke war in ihnen: im Kampfe zu siegen oder unterzugehen. Die Kunde von dem zu erwartenden Seegefecht verbreitete sich blitzschnell in der Stadt, und viele tausend Zuschauer begaben sich in die Nähe der Hafenausfahrt auf die Festungswerke und die hohen Ufer. Die vielen Deutschen, die in der Stadt wohnten, beherrschte die bange Sorge, ob das kleine deutsche Kriegsschiff auch dem stärkeren französischen Gegner gewachsen sei. Stolz zog das deutsche Schiff seine Bahn. Vor dem Hafen wurde ‚Klar Schiff‘ gemacht; alles war zum Gefecht bereit und jedem Geschütz ein bestimmter Teil des feindlichen Schiffes als Zielpunkt angewiesen. Besonders sollten die Maschine und die Wasserlinie beachtet werden. Die Absicht des kühnen Kommandanten ging dahin, den Gegner so zu treffen, daß er sich nicht bewegen konnte, und dann wollte er ihn durch Enterung nehmen. Etwa drei Seemeilen vom Lande entdeckten sie das französische Schiff. Der Kommandant Knorr, der nachmalige Admiral der deutschen Flotte, richtete an die Mannschaft kernige und herzliche Worte und legte ihnen vor allen Dingen die Pflicht auf, im Kampfe auf die Kommandos zu achten und nicht eher zu feuern, als bis der Befehl dazu gegeben sei. Während dieser Zeit schon grüßten die ersten Schüsse, die ihr Ziel verfehlten und ins Wasser schlugen, in einer Entfernung von zweitausend Meter vom französischen Schiff herüber. Ein lautes Hurra der deutschen Matrosen war die Antwort. Nachmittags halb drei Uhr war der ‚Meteor‘ auf etwa tausend Meter an den feindlichen Aviso herangekommen; jetzt eröffnete er das Feuer. Der Tanz hatte begonnen. Für kurze Zeit wurde nun von beiden Seiten ein lebhaftes Geschützfeuer unterhalten, ohne jedoch irgendeine ersichtliche Wirkung zu erzielen. Eine leichte nordöstliche Brise bewegte das Schiff, das durch sein Schlingern die Bedienung der Geschütze erschwerte. Das Kanonenboot stand südlich vom Feinde und steuerte, immer Feuer gebend, in nordöstlicher Richtung auf ihn zu. Da, als die Entfernung nur noch sechshundert Meter betrug, ging der ‚Bouvet‘ mit voller Dampfkraft auf den ‚Meteor‘ los, um ihm in die Seite zu rennen und ihn so dem sicheren Untergange zu weihen. Mächtig schnitt das Schiff durch die aufschäumenden Wogen. Rechtzeitig erkannte der umsichtige Kapitänleutnant Knorr die Gefahr, und keinen Augenblick verlor er die Ruhe. Ein klarer Befehl, eine entsprechende Ruderbewegung, und der Plan des Gegners war vereitelt! Gleichzeitig wurde der Befehl zum Entern gegeben; nur einige Mann, die bei den Geschützen standen, blieben zurück, die übrigen griffen zu den Handwaffen, um in den wenigen Sekunden, da das stattliche, hochbordige französische Schiff vorbeistrich, dieses unter Feuer zu nehmen. Als der ‚Bouvet‘ heranbrauste, war die ernsteste Gefahr vorüber. Beide Schiffskörper stießen in einem schwachen Winkel zusammen und jagten unter entgegengesetztem Kurse aneinander vorbei. Im Vorbeifahren fiel auf deutscher Seite ein Steuermann, der neben dem Kommandanten auf der Kommandobrücke stand; ein Matrose wurde an Deck getötet. Die deutsche Mannschaft hatte sich im Augenblick der Gefahr glatt auf die Erde gelegt, um nicht von den Bordwänden des ‚Bouvet‘ aus unter Feuer genommen zu werden, da diese einundeinhalb Meter höher waren. Während dieser Zeit hatte die Artillerie mit einigem Mißgeschick zu kämpfen. Im Augenblick des Vorbeistreichens riß dem Buggeschütz die Abzugsleine, und als dann endlich der Schuß losging, wurde nur noch das Hinterteil des ‚Bouvet‘ getroffen. Der ‚Bouvet‘ hatte sämtliche Backbordwanten und die beiden an Backbord hängenden Boote abgerissen und zerschlagen. Dazu zertrümmerte die Fockrahe des Franzosen diejenige des ‚Meteor‘ und knickte den Großmast über Deck ein, der wiederum den hinteren Mast abbrach. Dabei fiel der letztere sofort über die Steuerbordseite und zertrümmerte mit seinem unteren Ende auch die Kommandobrücke. Freischwebend hing er an dem zugehörigen Tauwerk an der Bordwand über Wasser. Eine angsterregende Szene; das Kanonenboot schien in große Bedrängnis geraten zu sein. Der Wellenschlag kam vom Steuerbord und holte bei den heftigeren Schlingerbewegungen stärker nach Backbord über. Der Großmast schwankte hin und her und drohte jeden Augenblick nach der Backbordseite hinüberzufallen und die Geschütze gefechtsunfähig zu machen. Die Gefahr war aufs höchste gestiegen. In diesen Augenblicken hing alles von der Tüchtigkeit der Geschützführung ab. Durch ein geschicktes Manövrieren wollte der Schiffsleiter das Schiff so führen, daß der gebrochene Mast nach Steuerbord hinüberfiel, damit die Geschütze wieder ungestört Feuer geben konnten. Vorzüglich glückte das Manöver. Während dieser Drehbewegung war der ‚Bouvet‘ in die Visierrichtung des Hintergeschützes gekommen, und der Geschützführer, der beste Schütze an Bord, Bootsmannsmaat Wage, der die Gunst der Lage erkannte, wartete keinen Befehl ab, sondern feuerte mit größter Kaltblütigkeit. Sausend schlug die vierundzwanzigpfündige Granate in den Rumpf des ‚Bouvet‘ ein. Sie hatte gut getroffen. Die weißen Dampfwolken, die gleich darauf aufstiegen, bewiesen, daß der verwundbarste Teil des Schiffes, die Maschine, getroffen war. Das fremde Schiff war kampfunfähig. Ob dieses erfolgreichen Schusses brach unter den deutschen Matrosen ein heller Jubel aus. Jetzt hieß es, sich so schnell wie möglich von den hängenden gestürzten Masten zu befreien und die verbindenden Taue zu kappen, um dem Gegner auf den Leib zu rücken. Ein letzter Kampf, Mann gegen Mann, sollte über das Schicksal der Schiffe entscheiden. Leider ging das nicht so schnell, wie man auf dem deutschen Schiffe erwartet hatte. Durch Tauwerk der herunterhängenden Takelage war die Schraube unklar geworden. Als endlich Schraube und Ruder wieder arbeiteten, war eine kostbare halbe Stunde vergangen. Während dieser Zeit hatte der ‚Bouvet‘ Segel gesetzt, um in schleuniger Flucht den schützenden Hafen zu erreichen. Der ‚Meteor‘ näherte sich, da er mit voller Kraft fuhr, zwar wieder dem feindlichen Schiffe und nahm das Geschützfeuer auf, jedoch schon nach dem vierten Schusse erreichte der Franzose die schützende spanische Hoheitsgrenze, und die spanische Korvette ‚Hernan Cortez‘ zeigte dies durch einen Schuß an. Jetzt mußte der ‚Meteor‘ die Verfolgung aufgeben. Unbeholfen und schwer bewegte sich das französische Schiff in den Hafen; die Zuschauer an der Hafeneinfahrt grüßten es mit eisigem Schweigen. Bald darauf lief schnell und behende der ‚Meteor‘ ein. Sein Äußeres wies deutlich darauf hin, daß er durch den Kampf schwer mitgenommen war; die Masten und ein Teil der Kommandobrücke fehlten, aber dennoch: stolz als Sieger zog das kleine deutsche Schiff dicht an den Ufern vorbei, und mächtiger Beifallssturm brauste vom Land herüber. Er galt der kleinen, tapferen Streiterschar, die mutvoll für die Ehre der deutschen Flagge einem stärkeren Gegner entgegengetreten war.

Am nächsten Tage wurden die beiden an Bord fürs Vaterland Gefallenen auf dem Gottesacker von Havanna bestattet; es war eine selten schöne Begräbnisfeierlichkeit. Den Gefallenen des ‚Bouvet‘ wurde ein Seemannsgrab auf offener See zuteil.

Der ‚Meteor‘ blieb noch lange im Hafen von Havanna, um gründlich seine Schäden auszubessern; den glücklichen Schützen und den umsichtigen Kommandanten schmückte von dem Tage an das Eiserne Kreuz.

* * * * *

Michel, horch, der Seewind pfeift!

Michel, horch, der Seewind pfeift, Auf, und spitz die Ohren! Wer jetzt nicht ins Ruder greift, Hat das Spiel verloren. Wer nicht jetzt sein Teil gewinnt, Wird es ewig missen. Michel, horch, es pfeift der Wind, Segel gilt’s zu hissen!

Denk’ des Ruhms vergangner Zeit Und der alten Lehre: Volkes Wohl und Herrlichkeit Blüht auf freiem Meere. Schläfst du wieder, altes Kind? Hurtig aus den Kissen! Hurtig auf, ins Boot geschwind, Segel gilt’s zu hissen!

Droben überm Nordseestrand Schimmern Meeresweiten: Deutsches Meer war’s einst genannt -- Hei, das waren Zeiten! Heldenzeiten, hochgesinnt, Kühner Tat beflissen -- Michel, horch, es pfeift der Wind, Segel gilt’s zu hissen!

Und wie alter Helden Ruf Tönt’s aus fernen Tagen: Was die Kraft der Ahnen schuf, Du auch sollst es wagen! Michel, eh’ die Zeit verrinnt, Schlag an dein Gewissen -- Michel, horch, es pfeift der Wind, Segel gilt’s zu hissen!

Sieh die Nachbarn! Meer um Meer Sperren sie mit Ketten, Michel, schärf’ die alte Wehr, Rette, was zu retten! Michel, bist du taub und blind? Hurtig aus den Kissen! Hurtig auf, ins Boot geschwind, Segel gilt’s zu hissen!

Gottfried Schwab.

(Aus: „Wolkenschatten und Höhenglanz“. Augsburg, Theodor Lampart.)

Die deutsche Flotte im Kampf um den Kolonialbesitz.

1. Ostafrika.

In den achtziger Jahren ließen sich an verschiedenen Stellen der afrikanischen Küste deutsche Kaufleute nieder, die von den dort ansässigen Häuptlingen der Eingeborenen Gebietsteile erwarben. Eine festere Gestalt nahmen diese Landstriche für das Vaterland an, als sich im Jahre 1884 auf Anregung Doktor Peters’ in Berlin ein Kreis von Herren zusammentat, um eine Gesellschaft für deutsche Kolonisation zu gründen. Sie erachteten als ihr Arbeitsgebiet, in außereuropäischen Ländern Ackerbau- und Handelskolonien zu schaffen. Die zur Ausführung solcher weitgreifenden Pläne nötigen Gelder wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit beschafft. Man begann sofort mit der Ausführung des Planes, indem man die Herren Doktor Peters, Graf Pfeil und Jühlke nach Ostafrika hinaussandte.

Diesen kühnen Männern gelang es, eine Reihe Verträge mit den Häuptlingen der Eingeborenen abzuschließen, so daß ein Gesamtgebiet von über zweitausend Quadratmeilen von ihnen erworben wurde. Diese Bezirke konnten dann im Jahre 1885 unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt werden.

Gegen das Auftreten der Deutschen im Küstengebiete Ostafrikas wandte sich der Sultan von Sansibar, und ihm mußten erst die in die dortigen Gewässer gesandten Schiffe ‘Prinz Adalbert‘, ‘Stosch‘, ‘Elisabeth‘ und ‘Gneisenau‘ Achtung vor der deutschen Macht einflößen. Als die deutsche Flottenmacht gegenüber dem Sultanspalaste vor Sansibar lag, willigte er in die von deutscher Seite aufgestellten Forderungen und erkannte Deutschlands Oberhoheit über die Küstenbezirke an.

Die junge Kolonie sollte sich nicht ungetrübt entwickeln. Das Eindringen der deutschen Kaufleute als Kulturpioniere paßte den im Küstenstriche ansässigen arabischen Händlern durchaus nicht, ihre Macht schwand, und da die herrschende Gewalt auf das Deutschtum überging, sahen sie sich in ihren Einkünften geschmälert, zumal auch jetzt Ernst gemacht wurde in der Bekämpfung des Sklavenhandels, der bis dahin ein gutes Geschäft für die farbigen Händler bildete. Der offene Aufstand begann. Die noch nicht hinreichend befestigten Stationen fielen den Aufständischen im ersten Ansturm in die Hände. Gewalt und grauenhafte Taten wurden von den aufständischen Eingeborenen und Arabern verübt, das Hinterland der Kolonie befand sich im hellen Aufstande. Wenn nicht alles verloren gehen sollte, mußte kraftvoll eingegriffen werden. Im Küstengewässer waren zu Beginn des Aufstandes nur die Korvetten ‚Leipzig‘ und ‚Sophie‘, sowie der Kreuzer ‚Möwe‘ anwesend; die von diesen Schiffen gelandeten Marinemannschaften hatten die Ehre der deutschen Flagge zu wahren, sie mußten den ersten Ansturm aushalten, bis neue Verstärkungen aus dem Heimatlande herankamen.

Im August des Jahres 1888 begann der Aufstand im Norden des Schutzgebietes, in Pangani; dort weigerte sich der Wali des Ortes, den von der Ostafrikagesellschaft eingesetzten Bezirkshauptmann anzuerkennen. Das Erscheinen des Kreuzers ‚Möwe‘, dem bald die ‚Carola‘ folgte, genügte, um den Widerstand des Walis zu brechen. Von seiten der Schiffsleitungen sah man davon ab, die Schwarzen zu bestrafen, und dadurch schwoll diesen der Mut. In Tanga, Bagamoyo und anderen Küstenplätzen begann die offene Empörung.

Am 6. September 1888 lag der Kreuzer ‚Möwe‘ vor Tanga. Ein Marineboot, das ans Land fuhr, um Lebensmittel aufzukaufen, wurde vom Lande her mit Schüssen empfangen. Die Mannschaft sah sich gezwungen, zurückzukehren. In verstärkter Zahl kam eine Landungsabteilung von vierzig Matrosen zurück, die Schiffsgeschütze der ‚Möwe‘ feuerten in die arabischen Linien hinüber, dazu drang die in Schützenlinie aufgelöste Abteilung unter lebhaftem Gewehrfeuer vor. Die Araber mußten den erstürmten Ort räumen. Glücklicherweise gab es auf deutscher Seite nur zwei Verwundete, die zur Pflege in ein Lazarett nach Sansibar kamen. Große militärische Erfolge zu erreichen, war sehr schwer, überall gelang es dem Feind, zu entwischen, wenn die Landungsabteilungen in die Küstenortschaften einmarschierten. In Berlin glaubte man nicht an eine ernste Gefahr; das Kreuzergeschwader erhielt Befehl, nach Südafrika zu fahren. Erst durch einen gegen den Geschwaderführer Konteradmiral Deinhardt geplanten Anschlag sah man, daß man einer planmäßig vorbereiteten Empörung gegenüberstand.

Das Zentrum des feindlichen Aufstandes bewegte sich um die wichtigen Niederlassungen Bagamoyo und Daressalam. In Bagamoyo führten die aufständischen arabischen Rebellen Greuel der verschiedensten Art aus. Die von der Korvette ‚Leipzig‘, die vor Bagamoyo ankerte, gesandte Matrosenabteilung konnte gleichfalls, unterstützt von den Kanonen des Kriegsschiffes, den Ort stürmen und besetzen. Unter Zurücklassung zahlreicher Toter und Verwundeter entfloh der Feind wieder ins Innere des Schutzgebietes. Dreißig Matrosen blieben zum Schutze der Station zurück. Jetzt begannen die Wogen des Aufstandes höher zu schlagen.

Buschiri, der Halbblut-Araberhäuptling, stellte sich an die Spitze der ganzen Bewegung und entwickelte sich mit der Zeit zu einem gefährlichen Gegner. Die Flotte begann zunächst eine Blockade der Küste, um dadurch den Handel der Araber lahmzulegen, ferner wurde ihnen dadurch die Zufuhr von Waffen aller Art abgeschnitten, und insbesondere wurde der Sklavenhandel gehindert. Am 6. Dezember begann die Blockade durch sechs Schiffe der deutschen Marine mit einer Besatzung von 1337 Mann; ihnen schlossen sich englische und italienische Schiffe an. Energisch haben die deutschen Kriegsschiffe das Werk angegriffen.

Um die flachgehenden arabischen Sklavenfahrzeuge abzufangen, wurde ein ausgedehnter Bootsdienst bei Tag und Nacht eingerichtet, der außerordentlich beschwerlich war und die Mannschaften sehr anstrengte. Oft kamen sie nicht aus den Booten und mußten aus den Negerdörfern Nahrungsmittel holen, um keine Zeit mit der Rückkehr zu den weit draußen liegenden Schiffen zu verlieren. Sie hatten alle Unbilden der Witterung, brennende Hitze, schweren Regen, Sturm und See in ihren offenen Booten auszuhalten. Trotzdem erlahmten sie nicht und taten in treuester Pflichterfüllung ihre volle Schuldigkeit. Manche Heldentat wurde dabei von den braven deutschen Seeleuten ausgeführt. Dazu ein Beispiel:

Der Leutnant zur See von Bredow erspähte des Nachts einmal eine große arabische Dhau, die er mit seinem Boote, das mit fünf Matrosen besetzt war, zur Untersuchung anhielt. Als das Marineboot anlegte, traten den Deutschen plötzlich achtundzwanzig Araber schußfertig entgegen, doch der Ernst der Lage erschreckte von Bredow nicht. Sein sicheres und besonnenes Auftreten schüchterte die Araber so sehr ein, daß die anderen, auf die gegebenen Signale herbeieilenden Boote der Marine, ohne weiteren Widerstand zu finden, die Araber gefangennehmen konnten.

Diese Zeiten des Kampfes in den Jahren 1888/89 brachten für die Mannschaften unserer Marine schwere Gefahren mit sich, und wer die Geschichte unserer Kolonien verfolgt, wird dankbar auf die Taten der deutschen Seeleute stoßen. Der beschwerliche Wachtdienst in den Booten wurde unterbrochen, wenn es zu Kämpfen auf dem Festlande kam, denn auch dort dauerten die Kämpfe unentwegt fort. Buschiri, der kühne Araberhäuptling, schuf sich zwischen Bagamoyo und Pangani einen festen Stützpunkt, um von hier aus seine Räuberbanden nach allen Seiten bequem aussenden zu können. Er glaubte sich um so sicherer an diesem Platze, als die deutschen Schiffsbesatzungen vorläufig nur Bagamoyo und Daressalam hielten; er spottete der ‚feigen Weißen‘. In Deutschland war man jedoch zur Erkenntnis gekommen, daß nur eine durchgreifende Änderung erzielt werden würde, wenn man kraftvoller gegen diesen Häuptling vorginge. Zur Lösung dieser Aufgabe war Major Wißmann ausersehen.

Unentwegt hatte inzwischen Buschiri bald Bagamoyo, bald Daressalam gestürmt, aber immer wieder mußten seine Scharen mit blutigen Köpfen heimkehren. Am 25. Januar und am 3. März 1889 fanden besonders heftige Angriffe statt. Mit dem 4. März desselben Jahres verhängte Admiral Deinhardt, der den Oberbefehl über die deutschen Schiffe innehatte, die Blockade auch über Sansibar, und acht Tage später das Standrecht über den ganzen Küstenstrich von Bagamoyo bis Daressalam. Im April traf Wißmann ein, und im Mai 1889 ging er zum Angriff über, als seine Truppen zur Stelle waren und die notwendigsten Vorbereitungen dies erlaubten.

Der Bericht des Reichskommissars über die Erstürmung des feindlichen Lagers lautet:

„Nach Verständigung mit dem Chef des Kreuzergeschwaders, Herrn Konteradmiral Deinhardt, beschloß ich, sofort in Aktion zu treten. Den eingegangenen Berichten zufolge hatte Buschiri seine Streitkräfte in der Stärke von sechshundert bis achthundert Mann in einem etwa eineinhalb Stunden von Bagamoyo gelegenen, nach afrikanischen Begriffen außerordentlich starken Lager versammelt.

„Die Durchführung unseres Angriffes wurde auf den 8. Mai festgesetzt. Wir brachen um sieben Uhr morgens auf. Der Weg führte uns anfangs auf den Kamm des an der Küste entlanglaufenden Höhenzuges. Ungefähr um acht Uhr wurde dieser schöne, mit Palmen und Fruchtbäumen dichtbewachsene Höhenzug verlassen, und ein ungefähr neunhundert Meter breites, schattenloses, sumpfiges, mit fast mannshohem Grase bewachsenes Tal lag vor uns. Glühend heiß brannte die Sonne auf dasselbe herab, kein Luftzug machte sich fühlbar, ein übler Geruch entströmte den morastigen Stellen, welche den Marsch außerordentlich erschwerten.

„Nach dem Überschreiten des Tales wurde wieder auf dem Höhenzuge entlangmarschiert. Auf diesem lag in einem Palmenhain Buschiris Lager. Dasselbe war weithin sichtbar und bot den Anblick einer hohen, aus dicht aufgestellten Baumstämmen bestehenden Verschanzung. Nachdem wir bis auf sechshundert Meter an das feindliche Lager herangekommen waren, schwärmte der Vortrupp sofort aus, während die Artillerie -- drei Geschütze -- Aufstellung in der Schützenlinie nahm. Die Marineabteilung unter Korvettenkapitän Hirschberg von S. M. S. ‚Schwalbe‘ stand dicht hinter dem Vortrupp beziehungsweise der Artillerie. In dieser Formation wurde bis auf zweihundertfünfzig Meter an das Lager herangegangen. Beim ersten Sprung auf zweihundert Meter begann das Feuern aus dem Lager, das unsererseits nicht erwidert wurde. Als jedoch bald darauf der weiße Reitesel Buschiris vor dem Lager erschien, beschoß ich und verwundete scheinbar das dem wohlbeleibten Buschiri notwendige Mittel zur Flucht, auch war dieser Schuß das Zeichen zum Beginn des Feuers auf der ganzen Linie. Das Feuergefecht wurde auf beiden Seiten ein sehr heftiges. Zugleich trat im Lager ein Geschütz, mit Eisenstücken geladen, in Tätigkeit. Wir schossen uns sprungweise bis auf hundert Meter an das Lager hinan. Nachdem das Schnellfeuer etwa eine Minute gedauert hatte, gab ich auf Verabredung mit Korvettenkapitän Hirschberg den Befehl, das Seitengewehr aufzupflanzen und zur Attacke vorzugehen. Die Sudanesen des Freiherrn von Gravenreuth waren zuerst an den Palisaden und Leutnant Sulzer der erste am Lager. In der Front brachen gleichzeitig die Matrosen unter Korvettenkapitän Hirschberg und die Askaris unter Freiherr von Eberstein ein. Den Matrosen voraus, nicht wartend, bis Bresche gerissen war, überklomm Leutnant zur See Schelle die Palisaden und wurde im Lager tödlich getroffen. Während jetzt die Matrosen die Palisaden soweit niedergerissen hatten, daß Mann hinter Mann eindringen konnte, war Freiherr von Eberstein mit den Askaris durch eine eingerannte Tür gedrungen. Nun wurde alles, was sich im Lager befand, niedergemacht. Die Flüchtlinge ließ ich noch eine Strecke verfolgen, bis das hohe Gras den Nachstürmenden ein Ziel setzte. Buschiri selbst soll nur mit Mühe entkommen sein. Erbeutet wurden zwei arabische, mit Koransprüchen beschriebene Geschütze und eine Menge anderer Waffen. Ferner fielen den Soldaten drei Kisten mit 6000 Rupien in die Hände. Nach zuverlässigen Nachrichten soll sich der Verlust des Gegners auf hundertsechs Mann belaufen.“ --

Die günstigen Folgen des Sieges blieben nicht aus. Viele Orte unterwarfen sich der deutschen Oberhoheit, und wo sich Eingeborene und Araber nicht freiwillig unterwarfen und sich noch aufsässig zeigten, gingen die Land- und Seetruppen gegen die Aufsässigen vor. Ungeheure Strapazen haben die deutschen Seeleute damals zu ertragen gehabt. Das feuchtheiße afrikanische Klima, vereint mit den Anstrengungen mußte naturgemäß zeitweise zu Krankheitserscheinungen führen. Die Erfolge der deutschen Waffen mehrten sich; nachdem der Küstenstrich in Besitz genommen war, folgte das Innere. Im Dezember des Jahres 1889 konnte die Blockade aufgehoben werden. Der Handel kam wieder zur Geltung; selbstverständlich blieb der Sklavenhandel für immer verboten.

2. Die Opfer der Samoainseln.