Part 8
Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden; matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden; auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut; nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen. Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt, war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war. In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.
Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen. Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging er sparsam um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte, besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.
Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich; dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“
8. Die alte Heimat.
Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich:
„Herr Pfarrer, draußen steht ein wüster Gesell, arg zerrissen, bleich, mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot; da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er sprechen; sonst ginge es schlimm!“
„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“ erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“
Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach, ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“
Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte Ruhebett niedergelegt.
Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit wehmütiger Stimme, man sollte ihn im Walde beim Großvater begraben. Es wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte.
Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft. Vielleicht hatte ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen!
Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit, durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das Auswandern nichts einzuwenden hatte.
Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute, der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen.
Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten; schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem Leinenschrank der Pfarrerin.
Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit Joseph ausgezogen; er selbst aber war anders geworden, und der frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen.
In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer; sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch Herz.
In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort. „Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit Felsbrocken besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen, sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen knüpften.
Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm.
War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen.
Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade, die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst überwachsen; alles ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen; dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen? Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns wohl ins Land der Freiheit führen!“
Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen. Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen. Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz? Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für das Mägdlein, das er so innig liebte.
Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt:
„Keine Schönheit hat die Welt, Die mir nicht vor Augen stellt Meinen schönsten JEsum Christ, Der der Schönheit Ursprung ist.
Oft gedenk’ ich an dein Licht, Wenn der frühe Tag anbricht. Ach, was ist für Herrlichkeit In dem Licht der Ewigkeit!
Seh’ ich dann den Mondenschein Und des Himmels Äugelein, So gedenk’ ich: Der dies macht, Hat viel tausend schön’re Pracht.
Lieblich singt die Nachtigall; Süß erklingt der Flöten Schall. Aber über allen Ton Ist das Wort: ‚Mariensohn!‘“
Friedels Angst war bald geschwunden. Ja, es beschlich ihn eine süße, wunderbare Ahnung, die ihn trieb, in die letzte Strophe mit hellem Ton einzustimmen.
Aber horch! Welch schreckliches, unheimliches Brummen tönte jetzt aus dem alten Gemäuer? In tollen, seltsamen Sprüngen kam eine kleine vermummte Gestalt drohend auf den Jüngling zu. Der aber war aufgestanden und erwartete ruhig die geheimnisvolle Erscheinung.
„Tobi, alter guter Tobi!“ rief er. „Laß doch die Mummerei! Kennst du mich denn nicht mehr?“
Da stand die dunkle Gestalt still, ein paar scharfe Augen blickten aus dem Bärenfell dem Gaste ins lächelnde Antlitz. Plötzlich aber ward die Verhüllung abgeworfen, und mit dem Rufe: „Er ist’s, der Totgeglaubte!“ hing der treue Knecht an Friedels Halse.
Herzlich erwiderte dieser die Liebkosung, machte sich jedoch bald los und blickte unverwandt nach dem Hause hinüber. Siehe, da fiel das Silberlicht des Mondes auf die niedere Türöffnung und bestrahlte die schlanke jungfräuliche Gestalt, die ganz still auf den verfallenen Stufen stand! In leichten Wellen umfloß das goldene Haar ihre Schultern; das schlichte Gewand von grobem Linnen glänzte im Mondschein wie weiße Seide.
Eine Weile stand Friedel ins Anschauen versunken. Die Überraschung, das Glück war allzu groß! Dann flog er mit ausgebreiteten Armen auf die liebliche Erscheinung zu und drückte sie mit Freudentränen ans treue Herz.
„Du bist mein!“ flüsterte er. „Die Mutter gab dich mir, ehe sie starb! Ihr Segen ruht auf uns!“
„Ja, dein bin ich!“ erwiderte sie leise. „Ich wußte, daß du kommen würdest. Alle hielten dich für tot; mir sagte mein Herz, daß du lebtest. O, schütze mich, Geliebter, rette mich!“
„Droht dir Gefahr?“ fragte Friedel erschrocken.
„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott, wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben lang!“
Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß!
Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt, das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir bringen würde!“
Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite.
Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die Zungen lösten sich allmählich.
Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen. Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt. Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen. Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt; manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde.
Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte.
Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen beteten laut miteinander den Psalm vom guten Hirten, der auch im finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf, und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager.
Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren, sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt.
„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich.
„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken! Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu. Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der Welt gesehen haben, wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her, da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte, wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie haben in die Schloßküche.“
„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will ich ihn wie einen Wurm!“
„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘ spricht der HErr. -- Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer hier.‘ Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht. Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘ Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz. Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst, Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“
„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“
„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du hinkommst.“
„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier unter der Faust hätte!“
„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur Morgensuppe.“
Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang.
Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen:
„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“
Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust; aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“