Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch
Part 9
Sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände, und wimmerte, leise schluchzend. Da traten die mit schwarzem Krepp umflorten Träger ein, und verschlossen den Sarg. Einen Blick noch warf sie auf die Entschlafene, einen Blick der Liebe, der Verzeihung und des Friedens; und der Gott, der den schuldlosen Kindern das Himmelreich verheißet, und in seinem unerforschlichen Willen von seinen Auserwählten oft der Prüfung schwere Opfer fodert, schenkte ihrem Herzen wohlthätige Thränen und sanften Trost.
* * * * *
Mit einem spanischen Schiffe, das einige Wochen später nach dem Hafen von Calao[52] abging, hatte Hulda den Tod der Mutter deren Schwester, der Tante Sophie in Lima berichtet, sie von ihren Verhältnissen zu Alonso in Kenntniß gesetzt, und sie zugleich um die Aufschlüsse über der Mutter unerklärliche Abneigung gegen letztern gebeten.
* * * * *
Der Kummer über den Verlornen; der Schmerz, daß die erste Freundinn ihres Herzens, ihre Mutter, ein Bündniß nicht gebilliget hatte, in dem Hulda ihr ganzes Lebensglück zu finden meinte; die zweitausend Meilen weite Trennung von dem Treugeliebten; der sich täglich mehr begründete Zweifel eines möglichen Wiedersehens; das heimliche Spötteln mancher werthlosen Menschen; die heimtückische Rachsucht der Makler-Familie, die sich freute, das unglückliche Mädchen auf alle ersinnliche Art zu kränken; das lange vergebliche Harren auf eine endliche Nachricht von ihm und der Tante -- Alles dieß nagte zerstörend an Hulda’s frischer Jugendkraft. Sie verlor allen Reiz am Leben, zog sich aus allen gesellschaftlichen Kreisen, mied alle Zerstreuungen, und lebte nur ihrem stillen Kummer und der Erinnerung der seligen Stunden, die ihr in Alonso’s Nähe vom Geschick, nur viel zu spärlich, zugemessen gewesen waren.
Einem reinen, zartfühlenden Mädchen ist kein Gift gefährlicher, als das des Grams der Liebe. Wie schmerzlich hatte dieses hier gewüthet! Die schöne Knospe, sie war geknickt. Verwelkt waren Blätter und Zweige; verdorrt der Saft des Lebens!
Ich kannte Hulda’s Lage, und meine herzliche Theilnahme erwarb mir ihr freundliches Wohlwollen.
Sie sprach, wenn sie mit Gustchen, ihrer vertrautesten Freundinn allein war, gern von Alonso, -- aus der geheimsten Tiefe ihrer Seele schien dann immer noch ein schwacher Strahl der Hoffnung aufzublitzen, daß eine Verbindung mit dem Geliebten ihres Herzens doch möglich sey.
Ihre blasse Wange röthete sich dann ein wenig, und das thränenmüde Auge blickte mit wehmüthigem Lächeln in die Zukunft. Sie glich der Sonne am frühen Herbstabend, die, hinter trüben Wolken hinabsinkend, noch einmal der Erde den freundlichen Scheideblick zuwirft. In ihrem großen, geistvollen Auge lag ein Himmel voll Seligkeit, und wenn sie vom Herzen zum Herzen sprach, glaubte man eine Heilige der christlichen Vorwelt zu hören, so demüthig war ihr Sinn, so gottergeben ihr engelreines Gemüth, so vorbereitet ihre Seele auf das Jenseit, dem sie, durch Vollendung ihres edlen Selbst, entgegen reifte. Nur wenn die Rede auf ihn kam, an dem ihr Herz mit unaussprechlicher Liebe hing, trat die Anhänglichkeit an das Irdische mit all ihrem Zauber wieder vor; sie erschrak dann über die kalte Hand des Todes, die ihr den Blüthenreiz der Jugend so grausam abgestreift, das frische Purpurroth auf ihrer Lilienwange in kranke Leichenblässe gewandelt, und des Fleisches kräftige Frische so unerbittlich gewelkt hatte. Ihr Lieblingsaufenthalt war auf dem Balkon; wer die süßeste Sehnsucht der Liebe mahlen wollte, mußte dieß Mädchen sehen, wenn es oft Stunden lang, unverwendeten Blickes, in das unermeßliche Weltmeer schauete; und dann, heimlich vor sich hin, die Augen voll Wasser, den Kopf schüttelte, und leise sagte: er kömmt immer noch nicht.
* * * * *
Endlich, nach vierzehn langen Monaten, trafen Briefe von der Tante Sophie ein.
Der Mutter Wille, schrieb diese unter andern: ist, wie Du mir sagst, daß ich Dir das dunkele Räthsel löse, das der Unglücklichen Leben bis zur letzten Stunde trübte, und Dir, meine theure Hulda, alle Deine Hoffnungen, all’ Dein Glück, unwiederbringlich vernichtet hat.
Ich erfülle diesen Willen mit schwerem Herzen, weil ich des Unerforschlichen Wege, auf denen sich Folgen an Ursachen in ewiger Kette fortreihen, hier so sichtbar gezeichnet finde, daß ich alle Menschen laut und dringend beschwören möchte, jeden ihrer Schritte, jede ihrer Handlungen, und alles, was der Natur der Dinge nach, daraus entstehen muß, prüfend zu berathen, um seine Seele nicht mit Vorwürfen zu belasten, die keine Macht der Welt von uns zu nehmen vermag.
Antoinette ward, in der Blüthe ihrer Jahre, von einem jungen Manne geliebt, der ihren Reizen und ihren Tugenden mit unbeschreiblicher Leidenschaftlichkeit huldigte. Selbst ohne Vermögen, bot er, in leichter Hoffnung auf künftiges Glück, und ohne zu überrechnen, was zur Führung eines auch nur mittelmäßigen Hausstandes unentbehrlich nöthig ist, dem Mädchen seines Herzens die Hand; unsere Eltern aber, wie die seinigen, konnten diesen raschen Schritt nicht billigen, und empfahlen dem Heirathlustigen, die Verbesserung seiner Lage abzuwarten, die ihm, bei seinen Kenntnissen, mit der Zeit nicht entstehen könne.
Man hielt die Trennung beider Liebenden für das zweckmäßigste Mittel, ihn von allen Zerstreuungen abzuhalten, um sich desto bestimmter seinem Berufe widmen, und die Begründung seiner künftigen Selbständigkeit desto ungestörter bewirken zu können.
Er verließ, unter den heiligsten Schwüren ewiger Treue, unser Frankfurt, und ging nach Hamburg, um auf dem Comptoir eines der ersten dasigen Häuser zu arbeiten. Mangel an festen Grundsätzen, rasches Temperament, und Gelegenheit -- wie viele junge Männer unsrer Zeit mögen diesen verführerischen Dämonen ihres Lebensglücks sich nicht schon in die Arme geworfen haben, ohne die Folgen ihrer Unbesonnenheit zu berechnen -- Ein junges, unerfahrnes Mädchen von gutem Herkommen, wohnt mit ihm in einem und dem nämlichen Hause; sie sehen sich täglich; ihr beiderseitiger Umgang wird vertrauter, und der Mann, der vor wenigen Monaten noch, zu Antoinettens Füßen die Reinheit seiner Liebe mit tausend Eiden bekräftigte, mußte, um die Gefallene nicht dem Spotte der Welt Preis zu geben, mit ihr flüchten. In Mexiko gebar sie Alonso, und starb vor Gram über ihren Leichtsinn, der sie aus dem Kreise ihrer achtbaren Familie in einen fremden Erdstrich bannte, worin sie sich arm und verlassen fühlte und, nachdem der erste Rausch der Leidenschaft verflogen war, sich von dem nicht mehr geliebt sah, dem sie alles geopfert hatte. Alonso’s Vater machte seine Talente bald geltend; wer hier Thätigkeit mit Umsicht verbindet, +muß+ sein Ziel erreichen; das Glück war dem Manne, der sich nun mit rastlosem Eifer in die Geschäfte warf, vorzüglich günstig, und so hinterließ er seinem eingebornen Sohne ein Vermögen, welches, selbst nach hiesigem Maßstabe, zu den bedeutendern gehört. Seinen deutschen Namen, Schmalz, hatte er, wahrscheinlich um unentdeckt zu bleiben, oder weil die sechs Consonanten in Einer Sylbe, dem spanischen und indischen Munde seiner Geschäftsverbündeten und Untergebenen unaussprechbar waren, in das Spanische übersetzt, und sich daher Mantequilla genannt; oft schon hatte ich von dem reichen Mantequilla in Mexiko gehört, ohne zu ahnen, daß dieß der Unbesonnene sey, der meiner Antoinette das Herz gebrochen hat.
Auf diese hatte seine Treulosigkeit einen furchtbaren Eindruck gemacht. Sie war von dem Augenblicke an, da sie die Nachricht seiner Flucht hörte, wie umgewandelt; sonst die fröhliche Unbefangenheit, die Gutmüthigkeit, die Liebe selbst, ward sie kalt und verschlossen; sie haßte das Leben und seine Freuden; in ihrem Innern gährte eine Säure, eine Bitterkeit, die sie gegen alle Menschen immer mehr und mehr verfeindeten; ihre Vernunft nur und ihr Pflichtgefühl, zügelten ihren heimlichen Ingrimm gegen die ganze Welt; sie glaubte an keine Eide mehr; sie hielt das ganze Menschengeschlecht für entwürdiget.
Dein Vater, von dem Reize ihrer blendenden Schönheit hingerissen, warb um ihre Hand; er ward von allen seinen Freunden gewarnt; allein der joviale Mann hielt ihre Kälte für Tiefe des Gemüths; ihre Zurückgezogenheit für Folge ihrer bisher eingeschränkten Lebensweise; ihre Bitterkeit, für Witz. Sie gab ihm ihre Hand ohne Liebe; sie gab sie ihm, weil es unsere Aeltern wünschten, weil sie jede ihrer Wünsche als unwiderrufliches Gesetz ansah, und weil sie jede ihrer Pflichten mit einer Strenge gegen sich selbst erfüllte, die an Märtyrerwahn gränzte. Es that ihr wohl, sich dem älterlichen Willen zum Opfer zu bringen; ihr Leben hatte, nach ihrer trüben Ansicht, doch nun wenigstens +einen+ Zweck gehabt.
Es gibt, für den Mann von Gefühl, kein entsetzlicheres Loos unter dem Monde, als mit einer Gattinn verbunden zu seyn, die ihm, aus mehreren bewegenden Nebenumständen, nur nicht aus dem Drange ihres Herzens, ihre Hand gegeben. Antoinette erkannte alle Bemühungen Deines Vaters, ihr das Leben angenehm zu machen, sich in ihre unermüdlichen Launen zu fügen, und ihr Beweise seines herzlichsten Wohlwollens, seiner innigsten Liebe zu geben, an; aber sie konnte ihm dafür nichts, als bloßen Dank wiedergeben; sie haßte sich darüber selbst; sie klagte, in jedem ihrer Briefe, sich deßhalb selber an; die engelgleiche Schonung, mit der Dein Vater ihr zurückstoßendes Benehmen trug, und gegen andere sogar entschuldigte, drückte sie noch tiefer nieder; sie setzte sich in ihren schwermüthigen Selbstbetrachtungen zusammen, daß sie ihm und andern eine Last sey, und zerfiel so mit dem innern Glauben an sich und ihren Werth immer mehr. Eine sonderbare Frömmelei, der sie sich, nach ihren Briefen, besonders in der spätern Zeit, hingegeben zu haben, und in der sie, wie aus mehreren ihrer Aeußerungen hervorging, von einem dortigen mit ihr befreundetem Hause, bestärkt zu werden schien, dämpfte ihre zuweilen rege werdenden Bemühungen, sich aus sich selbst heraus zu reißen, noch mehr. Sie hielt jede Widerwärtigkeit für eine ausdrückliche Schickung Gottes, welcher die züchtige, die er lieb habe, und fügte sich zur Duldsamkeit der strengsten Büßerinnen unsrer christlichen Vorzeit. Ewig und ewig wühlte aber das Andenken an die Wehthat des Meineidigen, in ihrem tausendfach zerrissenen Herzen. Ach könnten die Männer das Unermeßliche der Liebe ahnen, das im keuschen Busen der Jungfrau so allmächtig wogt, sie würden die ungeheure Qual verstehen, die eine solche Liebe leidet, wenn sie betrogen wird! Verdamme nicht Deine unglückliche Mutter, wenn sie, -- diese brennende Qual mehr denn zwanzig Jahre im gewaltsam verschlossenen Herzen, in der Stunde des ersehnten Todes, Alonso erkennend, -- den wortbrüchigen Vater verfluchte! Es liegt in diesem Fluche etwas so schauderhaft Gräßliches, daß mir die Sinne vergingen, als ich ihn las. Hörten ihn doch alle, die sich eines gleichen Verbrechens schuldig wissen!
Deine Briefe, meine Hulda, bestimmten mich zu einer Reise nach Mexiko. Nach meiner festen Ueberzeugung galten die grausenden Verwünschungen der Sterbenden nicht dem schuldlosen Sohne, sondern der Sünde des Vaters. Alonso’s Aehnlichkeit mit diesem hatte der Unglücklichen, die auf der furchtbaren Schauerbrücke zwischen dieß und jenseits stand, wo alle Sehnen, alle Nerven, alle Fibern im Kampfe mit dem wüthenden Tode, bis zum Zerspringen gereizt, wo ihre Sinne krampfhaft zerrüttet, wo die unsichtbaren Bande zwischen Seele und Körper, von der erbarmunglosen Parze schon halb zerschnitten waren, jene Aehnlichkeit, sage ich, hatte in diesem entsetzlichen Augenblicke, ihrer verworrenen Phantasie das Bild des Treulosen wie mit einem Zauberschlage vorgeführt; dem Jahre lang, unter der Gewalt der Vernunft erlegenen Herzen entstürzte fest das bitterste aller Gifte, das Gift gekränkter Liebe. Das Recht, was sie sich anmaßte, den Vater im Sohne noch zu hassen, ist ein Beweis ihres Wahnsinns mehr. Ihr frommer Geist war schon von ihr gewichen; diese Aeußerung war nur die letzte Zuckung ihres verblutenden Herzens. Nur einen lichten Augenblick hätte sie noch haben dürfen, nur der ernsten Zusprache eines verständigen Freundes hätte es bedurft, und jene unseligen Worte wären über ihre Lippen nicht gekommen, oder von ihr, mit ihrem milden christlichen Sinne, widerrufen worden.
Im Plane der Vorsehung hat es anders gelegen! Jene Sünde des Vaters hat den schuldlosen Sohn zum Opfer gefordert.
Bereite Dich vor, meine Hulda, das Schmerzlichste zu hören.
Ein Schwarzer empfing mich und meinen Gatten in Alonso’s fürstlichem Palaste.
Auf unsere Frage nach seinem Herrn, brach der Mann in sanfte Thränen aus. Nur zu seiner Ruhestätte kann ich Euch geleiten, entgegnete er, mein edler Herr ist todt!
Hulda, halte fest an Gott und seinen Glauben! Alonso ist in der Blüthe seines Lebens, in des Todes kalte Arme gesunken.
Wenige Tage nach seiner Abfahrt aus Euerm Hafen, hatte ihn, wie der Neger erzählte, ein hitziges Fieber befallen. Der Steuermann, der Bootsmann, der Guardian, alle bitten ihn, zurückzukehren; er aber besteht auf der Fortsetzung der Fahrt; nach zwei langen Monaten fängt die Kraft des Rüstigen endlich an, sich allmählig wieder zu regen; alles preis’t Gott, der ihn, ohne ärztliche Hülfe wieder genesen ließ; nur ihm macht die Rückkehr in das Leben keine Freude; er, sonst der Lebendigste, der Heiterste auf dem Schiffe, sitzt in sich gekehrt und still, mit dem Gesichte nach Europa gewendet; spricht kein Wort, ist weich wie ein Kind, und hat oft heiße Thränen im Auge. Der Pilot, ein verständiger Mann, naht sich ihm mit bescheidener Frage nach der Ursache seines Kummers, glaubt, daß er körperlich leide, und bitter, seinen Cours auf die zunächst liegende Insel richten zu dürfen, um da für seine Gesundheit besser sorgen zu können; Alonso aber reicht ihm freundlich dankend die Hand, bittet, die Fahrt nach Vera-Cruz möglichst zu beschleunigen, behauptet, daß ihm auf dieser Welt Niemand helfen könne, setzt späterhin sein Testament auf, und übergibt es, für den Fall seines Todes auf der See, gedachten drei Schiffsoffizieren mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten.
Ein anhaltender, sehr bedeutender Sturm, der das Schiff mehrere hundert Meilen verschlägt, und die angreifendsten Anstrengungen nöthig macht, deren sich Alonso, um die Mannschaft zu retten, Tag und Nacht unterzieht, bewirken in seiner Krankheit einen gefährlichen Rückfall. Seine Kräfte schwinden immer mehr, und nur mit Mühe gelingt es ihm, kaum noch lebend nach einer höchst mühvollen Fahrt, im Hafen von Vera-Cruz, endlich an das Land zu setzen. Man bringt ihn in das benachbarte Xalappa[53], das eine gesündere und angenehmere Lage hat, als Vera-Cruz selbst; allein er dringt darauf, nach Mexiko geschafft zu werden; die erdrückende Hitze auf den Dünen[54], über die ihn, in einem Ruhebette, seine treuen Sclaven tragen, verschlimmert seine Krankheit, und kaum in Mexiko angelangt, verscheidet er nach kurzem Leiden.
Sein letztes Wort war Dein Name, meine unglückliche Hulda. An Dich sind die Zeilen gerichtet, die er am Bord der Antoinette geschrieben, und unter Deiner Adresse versiegelt hinterlassen hat, und die mir, da ich mich als Deiner Mutter Schwester auswies, zur Weiterbeförderung an Dich, ausgehändigt worden sind. Alonso muß ein sehr edler Mensch gewesen seyn. Er hat im Testamente seinen sämmtlichen Sclaven die Freiheit geschenkt, und sie mit Mitteln zur Rückkehr in ihre Heimath versehen. Ganz Mexiko rühmt ihn, als ein Muster von Sittenreinheit; der Ruf seiner Tugend, seiner Kenntnisse und seines Wandels hat ihm die Liebe und Achtung der ganzen Stadt gewonnen, und ein recht rührender Beweis der zarten Anhänglichkeit seiner Umgebungen war, daß uns alle Personen im Hause, als wir nach seinem Grabmal wandelten, schweigend Hand und Fuß küßten, als wollten sie uns für die letzte Ehre danken, die wir ihrem angebeteten Herrn erwiesen. Das Monument, unter dem seine Hülle ruht, ist ein einfacher Würfel von weißlich grauem, sehr schön geschliffenen Granit. Es liegt unfern der Stadt, auf dem Hügel von Toatihuacan, zwischen den majestätischen Trümmern der, den indischen Göttern, dem Monde und der Sonne, geweihten Pyramiden, in der Mitte eines heiligen Palmenhains, rings umgeben von einem Kranze frisch gepflanzter brennender Liebe. Wir knieten, vom Dunkel der stillen Friedens-Palmen umschattet, am Grabe nieder, und beteten für Alonso und für Dich. --
Alonso’s mit schwacher Hand geschriebene Zeilen lauten also:
Meine ewig einzige Hulda! Nur, wenn ich hinüber gegangen bin in die Gefilde der Seligen, empfängst Du dieses Blatt. Ruht Dein Auge also darauf, so bin ich schon drüben in dem Lande des Friedens, in dem keine Täuschung mehr gilt, in dem nur die Wahrheit und das Recht dem Throne des Allmächtigen zur Seite stehen.
Ich habe eine schwere Krankheit überstanden; meine Leute glauben mich genesen, aber ich fühle, daß meiner Stunden nur wenige noch sind. Erinnert an meine Sterblichkeit, habe ich meinen letzten Willen aufgesetzt, Kraft dessen Du die alleinige Erbinn dessen bist, was die Menschen zeitliches Glück nennen. Danke mir dafür nicht, denn es war seit dem Augenblicke, als Du mir Deine Hand gabst, ja schon Dein. Das Testament selbst, das gleich nach meiner Landung unserm Alcalde Mayor wird eingehändigt werden, bedarf, nach unserm Gesetz, die Bestätigung des Vicekönigs, für deren Bewirkung die nöthige Sorge getragen werden soll.
Ich mag und kann nicht mehr leben. Ohne Dich, meine angebetete Hulda, hat die ganze Welt keinen Werth für mich. Zwischen uns hat sich der Fluch der sterbenden Mutter, wie ein glühender Markstein gestellt. Der Geächtete, der Verfluchte konnte Dir nie seine Hand bieten! Es ist mir gewesen, als wäre mein Gehirn aus dem Schädel gebrannt, denn ich habe den Gedanken, Dich, Dich meine Hulda, auf diese Weise aufgeben zu müssen, nicht fassen können.
Im Wahnwitz des hitzigen Fiebers, an dem ich krank lag, war mir am wohlsten. Da hielt ich Dich noch für mein; da spann ich mir die Sekunde, die ich mit Dir lebte, zu Tagen aus; jedes Wort, jeder Blick, jedes Lächeln von Dir, Du alleiniger Engel meines Lebens, war mir gegenwärtig, und in meiner glücklichen Einsamkeit störte mich nichts, als das Toben der Wellen, die sich an den Seiten meines Dreimasters schäumend brachen. Ich sprach, ich kos’te mit Dir; ich sog aus Deinen Augen, von Deinen Lippen, aus Deinen tausendfachen Reizen das Süßeste der Liebe.
Nach und nach verflogen meine Fieberträume; ich kehrte in das schauerkalte, der Verzweiflung heimgefallene Leben zurück, und bin unterdessen tausend Meilen von Dir weggekommen. Sonst, Du in diesen meinen Armen, an dieser meiner Brust! -- jetzt -- ein halbes Weltmeer zwischen uns! -- Ich sehe und sehe, aber mitten auf dem unermeßlichen Ozean erspähe ich nichts, als Himmel und Wasser, Dunst und Nebel; dieß armselige Gewand unsers ganzen Erdballs begränzt mir den Blick nach Deinen Küsten, und meine Einsamkeit ist fürchterlich, weil sie ewig ist. Ich kann mit glühender Sehnsucht hinabblicken in den Abgrund des Meeres, denn nur mit meinem Tode hört mein Unglück auf.
Jenseits sollen die in Gott Entschlafenen sich wieder finden! Hast Du dieß Blatt in Deinen Händen, so habe ich, wenn jene wohlthuende Hoffnung des himmlischen Wiedersehens kein leeres Trostwort unsers Glaubens ist, und Deine Mutter unterdessen den letzten Todeskampf auch überstanden hat, sie gefunden, und bin von ihr jener Unheil bringenden Verwünschung entlastet worden. Ich bin dann rein von aller Sünde, auch von der, die aus falscher Ansicht mir aufgebürdet wurde, und Du kannst und darfst an mich denken, ohne mit Deinem engelreinen Herzen Dich meiner zu schämen!
Weine um mich nicht, Hulda. Ich fürchte den Tod nicht, und wenn Du diese Zeilen liesest, habe ich ja den letzten Kampf schon glücklich gekämpft. Die Trennung von Dir, meine einzige geliebte Hulda, war mir wahrhaftig schwerer, als mir die vom Leben werden kann. Nun Du mir fehlst, fehlt mir alles. Athemholen und Essen und Trinken heißt noch nicht Leben. Ehe ich Dich kannte, liebte ich neben Gott meinem Herrn, meiner Neger sanfte Gottheiten, den Mond und die Sonne. Seit Dich mein Auge sah, vergaß ich beide, denn beide, die alles belebende Kraft der Sonne, und die stille Milde des freundlichen Mondes, fand ich in Dir wieder. Nun ich Dich nicht mehr sehen kann, mag ich auch die Götter meiner Neger nicht; nur nach des Grabes Dunkel sehnt sich mein müdes Herz.
Lebe wohl, meine Treugeliebte! behalte die Ueberzeugung fest, daß der Fluch Deiner Mutter mich unschuldig traf. Du warst meine erste, meine einzige Liebe. Schuldlos wie das Kind, das in der frühesten Jugend der himmlische Vater zu sich ruft, scheide ich aus diesem Leben. Die Gluth der Liebe, die von Deinen zauberischen Reizen angefacht, in meinem Herzen mit Riesengewalt empor loderte, sie soll nur im engen finstern Grabe, oder wenn ich auf der See noch sterbe, nur in der unergründlichen Tiefe des großen Weltmeeres erkalten. -- Dir meine Hulda -- das Laster des Neides ist dem Sterbenden fremd -- Dir gebe ich Dein Gelöbniß der Treue hiermit feierlich zurück. Findest Du einen Mann Deiner Liebe werth, so reiche ihm Deine Hand, und sey mit ihm glücklich. Vergiß meiner nie, und bete für das Heil meiner Seele.
Weiter hatte Alonso, vermuthlich wegen Körperschwäche, nicht schreiben können; die letzten Worte waren ohnehin schon fast ganz unleserlich. Hulda reichte leichenbleich die Blätter dem Vater. Sie war vom Schreck so durchbebt, daß sie kein Wort sprechen konnte; ein Schauer jagte nach dem andern ihr durch Mark und Blut, sie zitterte an allen Gliedern, und das starre Auge netzte keine Thräne.
Ich konnte, sagte sie endlich nach langer Weile, ihre Leichtgläubigkeit sich selbst verweisend, mit erschütternder Kälte: ich konnte noch hoffen, und die Mutter hatte mir in jenem Wolkenbilde doch schon seinen Grabstein gezeigt! Weißlich grau war damals das Gestein, und daß jener schreckliche Spiegel meiner Zukunft nicht lüge, schleifen sie den Würfel, der auf seinem Grabe ruht, von weißlich grauem Granit!
Mehr sprach sie keine Sylbe; sie ging, wie im Traume, nach dem Garten-Saal, und trat auf den Balkon. Da erst, als sie in die Gegend hinschaute, in die er gesegelt war, ohne je wieder zurückzukommen, trat ihr das Wasser in die Augen, da erst fand das schwer belastete Herz Erleichterung durch sanfte Thränen.
Ich will, sagte sie, und reichte dem Vater wehmüthig die Hand: mit der Vorsehung nicht hadern; ich will nicht murren! aber womit habe ich dieses entsetzliche Loos verdient? Was habe ich gegen den Allgerechten verbrochen, daß ich dieser Strafe werth wäre? Für meinen Verlust ist hienieden kein Ersatz denkbar; mißbillige daher, mein armer Vater, mißbillige es nicht, wenn ich meinen Gott im Himmel bitte, mich bald von hier abzurufen. Drüben soll ich ihn ja wieder sehen, dort darf ich ihn ja lieben. Einen Vortheil, ja einen habe ich aus meinem unermeßlichen Unglück gerettet, den Vortheil des leichten Todes. Die letzte Stunde dieses freudenleeren Lebens -- wann schlägt sie mir? Andere schaudern ihr entgegen, mir ist sie das Einzige, wornach ich mich hier noch sehne. Allgütiger, ende bald mit mir. Sie sah noch einmal über das Meer hinüber, sie lispelte leise: Mein Alonso, schlummere im Schatten Deiner Friedenspalmen sanft und ruhig. Deine brennende Liebe nehme ich mit in meine Gruft. Noch einen Blick -- es war der letzte -- warf sie rund um auf Land und Meer, verließ, sanft weinend, ihren Lieblingsplatz, den Balkon, und hat ihn nie wieder betreten.