Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch

Part 8

Chapter 83,865 wordsPublic domain

Antoinette! hob der Vater ruhig an: seit Du mir Deine Hand gabst, habe ich nie hinter Deinem Rücken gehandelt; traue mir so viel Selbstgefühl zu, daß ich jetzt nicht anfangen werde, mich einem Fehler Preis zu geben, der -- er sagte das mit weicher Stimme -- auch den letzten Pfeiler unsers häuslichen Glücks untergraben würde. Was ich gethan habe, kann jeder wissen. Der Mann, der sich um Hulda’s Hand bewirbt, wollte heute früh schon Dich begrüßen; ich hielt ihn davon ab, und bat um Aufschub bis morgen, weil ich auf den Besuch Dich vorbereiten wollte; von seiner jugendlichen Raschheit mußte ich fürchten, daß er gleich heute mit seinem Anliegen hervortreten möchte; von Deiner Liebe zum einmal gefaßten Plane aber, daß Du, krank und mißgelaunt, nicht möchtest Dich ihm so erklären, wie wir mit ihm es wünschen. Ein +solcher+ Schwiegersohn, ist er einmal gekränkt, kömmt nicht leicht wieder, und darum rieth mir die Vernunft, mit Vorsicht hier an’s Werk zu gehen. Er lud uns beide zu sich ein; ich sagte zu, um unterdessen, bis ich mit Dir darüber sprechen konnte, den Mann, dem wir das Kind auf Lebenszeit hingeben sollen, noch näher zu ergründen. Daß seine Absicht ruchtbar ward, daß Maklers sie Dir hinterbringen, und ihres Sohnes Nebenbuhler in schwarzen Schatten stellen würden, konnte ich mir denken, und darum suchte ich die Menschen, wenigstens bis morgen, von Dir zu entfernen, damit Du ihn dann ohne Vorurtheil sähest, und zwischen ihm und Maklers Caspar freie Wahl hättest. Wenn ich hierinn gefehlt habe, so verzeihe mir Gott; ich that es nur, um Hulda’s Beßten willen. Du liebst das Kind, wie ich, und darum wirst auch Du mir gern vergeben, wenn mein Verfahren Dich beleidigt hat. Wehe wollte ich damit, beim Himmel, Dir nicht thun. Den Zweck, Alonso näher zu erforschen, habe ich nun zwar ganz verfehlt, denn in dem Saus und Braus von hundert frohen Gästen, ließ sich des Menschen Herz nicht sonderlich sondiren; indeß, was ich sah und was ich hörte, bezeichnet wohl den Mann, der unserm Kinde, außer Glanz und Reichthum, ein reines Herz darbringt, und, gute Antoinette, das ist in der Liebe und in der Ehe, ja doch immer der beßte Hausrath!

Die mexikanischen Weine müssen Euch über die europäischen Hindernisse hinweggehoben haben, oder ich begreife Dich und Hulda nicht, entgegnete die Mutter mit erzwungener Ruhe: lies doch den Brief meiner ehrlichen Maklerin. Der Mensch kann der gefährlichste Abenteurer seyn; das kümmert euch nicht. Er lügt Euch seine Piaster millionen weise her, und ihr seyd, mit der ganzen Stadt, gutmüthig genug, seine Prahlereien ihm auf’s Wort zu glauben. Er will von deutscher Abkunft seyn, und nennt sich Mantequilla! er hat gar, hie und da, den kecken tollen Wunsch geäußert, das Kind als Braut nach Mexiko zu nehmen, weil ihm der Trauschein seiner Aeltern und sein Tauf-Zeugniß nicht herzuschaffen seyen. Wer weiß, was für verlaufenes Gesindel seine Eltern sind! daß sie niemals getraut, und daß er nicht getauft -- beweis’t sein leerer Vorwand! Und einem solchen soll mein Kind, mein einziges Kind, geopfert werden? Nein -- nimmermehr. Wär’ frommer Sinn in seiner Heidenbrust, und hätte alles, was er sagt, recht seinen Grund, so gäbe er der Sache Raum, und käm nach Jahresfrist zurück, und brächte die Documente alle mit, die wir verlangen müssen, wenn uns der Vorwurf unsrer Mitwelt nicht treffen soll, daß wir ganz ohne Kopf handelten.

Das alles, liebe Frau, begann der Vater sanft: läßt morgen sich besprechen; das Mädchen ist noch jung, und kann das Jahr noch warten. Zwei tausend Meilen hin, zwei tausend Meilen her, sind wohl kein kleiner Weg; indessen muß Alonso sich, bestehest Du darauf, mit kindlichem Gehorsam darein fügen; die Liebe mag ihm Zeit und Weg verkürzen. Auch hat er sich, wenn Du es wünschest, schon erklärt, sein Vaterland ganz aufzugeben, und hier bei uns sein Lebenlang zu bleiben; ich mochte ihm sein Wort deßhalb nicht fodern, denn aus dem ungeheuern Geschäft, was dort sich um ihn treibt, sich hieher in unsern Hökerkram zu setzen, kann seine Jugendkraft, die immer höher strebt, nicht reizen. Der zärtlichen Mutter aber, die das Kind ungern von sich ziehen sieht, ist wohl ein Vorschlag dieser Art nicht zu verargen. Sprich morgen selbst mit ihm. Vielleicht erfüllt er Deine Wünsche.

Die Mutter hatte still und ruhig zugehört; ihr Gesicht schien sich bei dem, was der Vater zuletzt anführte, ein wenig aufzuheitern.

Hulda kniete neben dem Bette nieder, und küßte ihre Hand, und fragte leise, ob Mütterchen noch böse sey.

Sie schwieg und lächelte, und eine stille Thräne zitterte ihr im halb erloschenen Auge.

Der Vater benutzte die in ihrem Innern vorgehende mildere Stimmung, und erzählte, daß der alte Linsing, der recht geläufig spanisch spreche, sich mit dem Steuermann und dem Guardian, so wie mit einigen Matrosen auf der Antoinette unterhalten, und sie, hinsichtlich der Vermögenslage ihres Capitains, recht umständlich über dieß und jenes ausgefragt, daß aber, nach dem was sie darüber hätten fallen lassen, Alonso eher zu wenig, als zu viel davon gesagt habe. Er kann, setzte er hinzu, weil er bemerkt hatte, daß die Idee von Alonso’s hiesiger Niederlassung, der Mutter vorzüglich zusagte: mit seinen funfzehn Millionen hier leben, wie ein Fürst.

Und meine Hulda liebt den fremden Mann? fragte die Mutter mit mildem Worte.

Wie keinen andern, lispelte Hulda leise, und bog sich auf der Mutter Hand herab.

Ich werde, versetzte die Mutter mit einem Tone, als wolle sie Hulda und den Vater überzeugen, daß beide sich in ihr geirrt hatten: ich werde meines Kindes Glück nicht stören. Ich habe zwar geglaubt, daß der, den ich im Stillen erwählte, auch Hulda werde wohlgefallen, doch, wenn das nicht soll seyn, kann ich mich gern fügen. Ist das, was von Alonso’s fabelhaftem Reichthum Ihr erzählt, zur Hälfte nur gegründet, und ist er meines Kindes Liebe werth, und kann er meinen Wunsch erfüllen, und seinen Wohnplatz bald, auf immer her verlegen! so kenne ich meine Mutterpflicht, und werde ihr nichts schuldig bleiben. Mit Freuden opfere ich dann jene kleine Grille, und segne Euren Bund.

Hulda traute ihrem Ohre kaum; sie umschlang die zärtliche Mutter, und bedeckte ihre bleiche Wange mit den Küssen der kindlichsten Liebe. Noch danke nicht, mein Kind, sagte die Mutter freundlich: erst wünsche ich den Mann zu sehen, dem es gelang, dieß reine Herz so schnell für sich zu gewinnen; doch -- jetzt nichts, nichts mehr davon. Ihr wißt, ich liebe nicht viel Worte.

Da eilte Hulda von dannen und flog in den Garten, um dem vor Freude und Entzücken fast zerspringenden Herzen Luft zu machen. So rasch, so leicht der Mutter Sinn zu wenden, hatte sie sich nicht gedacht. Die Schickung wollte alles so; der Finger dessen, der das Herz des Menschen lenkt, ließ sich hier nicht verkennen. Den ganzen Tag war sie noch nicht auf dem Balkon gewesen, und hatte es Alonso doch versprochen! Ein wenig mußte sie hinauf, und kaum, als sie sich sehen ließ, stand, wie durch einen Zauberschlag, das ganze Schiff, vom Wasserspiegel bis zum Topp, so herrlich groß beleuchtet -- ganz oben -- höher noch als sie, die Sonne und der Mond -- der Mexikaner sanfte Götter! verschwunden war am schwarzen Himmel das Kreuz und alle dräuende Gestalten. Nur Jauchzen hörte sie vom Schiff herauf und laute Freude, und mit der Liebe glücklichstem Entzücken warf sie dem schönen Mann, der beide Arme ihr entgegen breitete, die süßesten der Küsse zu.

Er kam den folgenden Morgen bei früher Tageszeit, hörte von Hulda und dem Vater, wie die Sachen sich unterdessen gestaltet hatten, und welche Wünsche ihm würden eröffnet werden, und trat, in beider Mitte, in das Zimmer der Mutter.

Ein Fieberblitz zuckte dieser durch alle Glieder, als sie seiner ansichtig ward; sie schrie laut auf und verhüllte das Gesicht mit ihrem Tuche, als hätte sie ein Gespenst gesehen.

Der Capitain Don Mantequila, hob der Vater, wegen dieses sonderbaren Auftritts, sehr verlegen an, und wollte ihr Alonso vorstellen. Sie aber rief: um Gotteswillen weg, weg -- das ist sein Gesicht -- das ist er selbst. Warum -- ich frage Dich furchtbare Allmacht, warum mir hier, am Rande des Grabes, noch diese ungeheure Qual! --

Antoinette, sagte der Vater höchlich bestürzt: was ist Dir? Mütterchen, rief Hulda, und stürzte vor ihr Bette auf die Knie nieder: um Gotteswillen sprich -- was hast Du für ein böses Traumgesicht?

Laßt mich sterben! tödtet mich! macht meinem entsetzlichen Leben ein Ende! entgegnete die Mutter aus schwer gepreßter Brust, und rang die Hände mit abgewendetem Gesicht -- +das+, +das+ soll Hulda’s Gatte seyn? Ein Teufel ist es, den die Hölle ausgespien! Ich habe ihm geflucht! Sie richtete sich in die Höhe, die Augen rollten funkelnd ihr im Kopfe, die bleichen Wangen brannten dunkelroth, und krampfhaft bebten ihr die blassen Lippen -- Es ist die letzte Stunde meines Lebens! des Todes Schauer rieseln kalt mir durch die Seele -- die Rache Gottes führt Dich Sünder zum Gericht. Ich fluche dreimal Dir -- Fluch, Fluch, Fluch, Dir schauderhaftem Ungeheuer! --

Um Jesus Christi willen, Mutter! schrie Hulda außer sich, und faßte die drohende Rechte der Schrecklichen, die vor ihr grausend lag, wie jenes Wolkenbild am Himmel.

Der Mutter aber war der Athem ausgegangen -- der Tod schlug grinsend seine kalten Arme um die sichere Beute -- die Pulse stockten, und wie das letzte Gift des unversöhnlichsten Ingrimms, so trat ihr der weiße Schaum auf die zuckenden Lippen. --

Alonso schwankte vom Vater begleitet lautlos zur Thüre hinaus.

Der Mutter brechendes Auge suchte ihn, und da es ihn nicht mehr fand, ward sie ruhiger. -- Sie athmete schwer. -- Sie seufzte tief -- eine Riesenlast lag ihr auf dem Herzen. Sie hatte aber nicht die Kraft mehr, sich sie abzuwälzen. Nur abgebrochene Worte, die kaum mehr verständlich waren, konnte sie hervorbringen.

Sie faßte Hulda’s Hand, und drückte sie heftig in die ihrigen. Mit höchster Anstrengung sammelte sie den Rest ihrer Kräfte, und sprach in kurzen Sätzen, halb laut -- Die letzte Bitte Deiner Mutter! schwöre mir, ihm nimmer zu gehören --

Du bist krank, meine Mutter, sagte Hulda weinend: Deine Phantasie --

Nein, erwiederte die Sterbende: ist er es nicht, so ist’s sein Sohn; ich habe ihm geflucht bis in das dritte Glied -- Sophie wird Dir alles sagen.

Der Heiland hat verziehen, entgegnete Hulda: er betete für seine Feinde; und Du, mein Mütterchen, willst scheiden aus der Welt mit solchem Groll, und wie -- wie kann Alonso den verdienen, da Du ihn nie sahest?

Gott strafte auch der Väter Sünde bis in’s vierte Glied. Alonso soll des Vaters Sünde büßen.

Kennst Du den Vater denn?

Ein schwerer Seufzer war die Antwort; das Auge fand die letzten Thränen; -- die Arme schluchzte laut, das hart gequälte Herz ward endlich weich und milde.

Nimm Mutter, Deinen Fluch zurück, bat Hulda christlich fromm, in Angst und Schmerz ganz aufgelös’t. Der Tod versöhnt ja alles! Laß beten mich für Deiner Seele Ruhe. O -- Mutter richte nicht! Ich weiß nicht, was man gegen Dich verbrochen hat. Alonso aber ist nicht schuldig! Und Gott allein ist unser Richter. Mach’ Dir die Sterbestunde leicht. Vergib, so wird auch Gott Dir gern vergeben, und Engel werden Deine fromme Seele zu seinen Himmeln sanft geleiten.

Da fiel ein Schuß, ein zweiter, und ein dritter, und von dem Hafenfort erdonnerte des Abschiedgrusses Antwort.

Alonso geht in See, schrie händeringend Hulda, und sank ohnmächtig in einander. --

* * * * *

Die Unglückliche hatte sich nicht getäuscht.

Alonso, bis in den Grund der Seele erschüttert, des Mutterfluches grause Worte in dem Herzen, kam todtenbleich an seines Schiffes Bord.

Er fand den alten Linsing, warf weinend sich ihm in die Arme und rief, vom scharfen Schmerz zerrissen: Ich muß von dannen, ich muß fort. Allmählig nur gelang dem antheilvollen Freunde, das schreckliche Begebniß ihm abzufragen.

Alonso, hob er tröstend an: nur hier nicht gleich so rasch gehandelt. Die Frau hat phantasirt; ein Mißverständniß seltner Art muß hier zum Grunde liegen. Mein Freund, mein lieber Sohn, sey ruhig. Es wird, es muß sich alles noch enträthseln.

Kann Hulda den je lieben, den ihrer Mutter Fluch getroffen hat? fragte Alonso und starrte dunkeln Blickes vor sich hin. Ich ahne Gräßliches! Ein Mißverständniß ist es nicht. Die Frau gehörte dieser Welt schon nicht mehr an, und drüben sieht man heller, als wir blöde Menschen. Sie hat sich nicht geirrt. Mein Vater -- und ihr Bild! Im Sterben noch war sie sich ähnlich. -- Antoinette nannte sie der Mann -- des Vaters Lieblingsname -- zu ehren ihn, hab’ ich mein Schiff also genannt. -- Aus Frankfurt sagt Auguste -- aus jedem Umstand press’ ich einen Tropfen zu dem Gifte, das mir in ihrem Fluche liegt. Und Hulda -- mein ganzes Glück, mein Leben -- dem Fluchbedeckten darf sie ja die reine Hand in Ewigkeit nicht reichen. -- O -- hätt’ ich doch aus meinem Scherze Ernst gemacht; ich wollte gestern mit ihr fort, -- da hielt sie mich, um ihrer Mutter Segen willen. Statt dessen schleuderte die Sterbende, aus ihres Grabes Schauertiefe, mir ihren Fluch in’s todte Leben nach! -- So wahr mein Gott im hohen reinen Himmel -- ich büße eine fremde Schuld. -- Was helfen nun mir alle Millionen! Das Höchste meines Lebens, das Herz des Engels ist mir freventlich geraubt, und ich bin bettelarm! So lang ich athme, wird das meine ihr allein gehören. -- Nein, außer ihr kann Keine ich je lieben! -- Mein alter Herr und Freund, bringt meine Schwüre ihr. Der Sonne Strahl soll langsam quälend mich vertrocknen, des Mondes mildes Licht mir nimmer wieder scheinen, und meines großen Gottes Rache fort und fort mich überall verfolgen, wenn meinen Schwur der Treue ich je breche. Bringt, Freund, ihr diesen Kuß! Ich kann sie nimmer wieder sehen.

Alonso, liebster Freund, ermahnte bittend der Director: ach haltet diesesmal nur Euern raschen Sinn im Zügel. Die Mutter ist ja krank, sie kann sich bessern; das böse Wort, dem Irrthum bloß enteilt, kann sie ja widerrufen. -- Sie kann vielleicht auch sterben, und dann ist Hulda frei! --

So denkt Ihr hier in Eurer alten Welt? fragte Alonso bitter. Ein Irrthum war es nicht! Der Geist des höhern Lichts sprach aus des Todtenrichters Munde. Und lebt sie Jahre noch, sie wird, sie kann nicht widerrufen. Und thät sie es -- meint Ihr, daß sie damit den in Gift getauchten Dolch mir aus dem Herzen ziehen könnte, den sie tief hinein gestoßen hat? Was ich hörte, ich kann es nicht ungehört machen. Ich könnte nimmermehr mit Liebe mich ihr nahen; ich könnte nie Vertrauen zu ihr fassen. Sie könnte Mutter nimmermehr mir seyn. -- Und frei, sagt Ihr, sey Hulda wenn sie stürbe? Wohl werden Wunder nicht geschehn, wenn Hulda mir die Hand nach ihrer Mutter Tode gäbe. Kann Hulda aber das? Kann Hulda an der Seite des Verfluchten sich eine Stunde nur des Lebens freuen? -- Beim kleinsten Mißgeschick -- muß sie nicht immer gleich des Mutterfluches harte Folgen fürchten? -- Das Drohbild, was sie gestern in den Wolken sah! -- Mein Gott und Herr, soll das ein Vorgefühl des Jammers, den der Zorn der Mutter uns bereitet hat, gewesen seyn? -- Ich kann nicht bleiben; -- ich muß fort. Sie noch einmal zu sehen, ist mehr als ich ertragen kann. -- Mein Arm darf sie nicht mehr umfangen! Sie muß mich fliehen, ich bin geächtet. -- In wenig Stunden bin ich der ganzen Stadt Gespött! man zeigt mit Fingern auf den kühnen Fremden, der sich erdreistete, der Blumen lieblichste Europa’s Gärten zu entführen, und den ein Weib mit Fluch und Bann belegte! -- Nein! fort von hier! hinaus in’s wilde Meer! vielleicht wirft bald eine Welle mich in des Abgrunds dunkle Tiefe! -- Gott sey mir Armen gnädig.

Mit wildem Ungestüm sprang er zum Fockmast vor, und schrie den Negern zu: ~Listo! levad el ancla~,[50] und andern: ~Listo! dad vela~[51]; und pfeilschnell flogen sie auf ihre Posten. Die schweren Anker wanden sich aus ihrem Grunde, und in die aufgehießten Segel blies der leichte Landwind seewärts.

Alonso ließ ein kleines Boot aussetzen, um den alten Linsing an das Land zu bringen. Noch einmal schloß er ihn in seine Arme. Ein heißer Thränenstrom entstürzte seinen Augen. Mein letztes Wort ist Hulda! rief er im Schmerz der Trennung fast vergehend. Beschwöret sie, mit Liebe meiner immer eingedenk zu bleiben. -- Doch ihre Hand sey frei. Kann sie mit einem Andern glücklich seyn, so segne ich den Bund, mag es mir auch das Leben kosten. Kein Bild, kein Blatt, nicht eine Locke, ich habe nichts von ihr, das süße Wehe nur in der gequälten Brust. Noch höre ich den Wohllaut ihrer Stimme, noch sehe ich die reizende Gestalt; mein guter Gott, laß mir dies beides nur, so lange ich das Leben hier noch friste. -- Noch einmal laßt mich athmen tief -- es ist die Luft in der sie lebt, laßt ihres Athems Würze mich einsaugen. -- Ich sehe sie ja +nie+ -- verstehst Du alter Freund, verstehst Du dieses Schreckenswort? -- Ich sehe nie sie wieder; -- die Lootsen kommen an den Bord, aus Euerm Hafen mich zu bringen. Gehabt Euch wohl. Ich steure meinen Cours in’s Grab. Mein Herzensfreund, wenn Du mich liebst, so bitte mit mir Gott, daß er das liebeleere Leben mir bald ende. Dort oben gilt kein Fluch. Dort seh ich Hulda wieder! -- Dank Dir, mein alter Freund, daß Du die bittere Scheidestunde mir versüßest. Bring Frau und Kindern meinen Gruß. Dieß, Linsing, meiner Hulda!

Er gab ihm aus einem neben ihm stehenden Blumentopfe, einen Zweig brennender Liebe, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, zog ihn noch einmal an sein Herz, und die Kanonen seines Schiffes sagten dem Hafen Lebewohl.

Linsing ließ sich an das Land setzen, und Alonso stand wie ein Wahnsinniger, mit starrem Blicke nach dem Balkon gerichtet.

Weiter und weiter trieb der Wind die Antoinette hinaus, dem unermeßlichen Weltmeere zu -- Hulda erschien nicht -- Alonso’s Kräfte schwanden. Die starke Eiche brach, wie mürbes Rohr, zusammen. Er stieß der bittersten Verzweiflung lauten Schrei aus der zerrissenen Brust, und stürzte halb todt auf das Verdeck; da eilten seine treuen Neger schnell herbei, und trugen ihren Herrn erstarrt in die Kajütte.

* * * * *

Wer mahlt der armen Hulda namenlosen Schmerz, als sie erwachte. Die Mutter lag entseelt vor ihr im Bette. Das Herz, es schlug nicht mehr, kein Athemzug -- das starre Auge hatte nicht mehr Leben, vom bittern Todeskampf war das Gesicht entstellt -- der Fluch -- es war, als hätte sie ihn nicht zurück genommen, als wäre sie mit ihm zur Unterwelt gefahren.

Des Kindes Angstgeschrei rief den Vater und die Bedienung herbei. Auch der Arzt kam. Alle Mittel, des Todes Macht zu bannen, blieben erfolglos.

Hulda konnte nicht bleiben; das furchtbar zürnende Gesicht der -- mein Jesus, rief sie laut: ich will ja, Mutter, Deinen Willen thun, nur zürne mir im Tode nicht! Ich war Dein liebes Kind ja immer, und Gott wird Kraft mir geben, daß ich -- O Mutter, Mutter, höre noch aus Deiner fernen Welt auf Deines Kindes banges Flehen -- geh’ nicht mit diesem Groll in Deine stille Gruft.

Der Vater bat weinend die Umstehenden, Hulda auf ihr Zimmer zu bringen. Bete mein Kind, sagte er, ihr ängstliches Zagen beschwichtigend: auf Deinen Knieen um die Ruhe der Verklärten. Alles meines Bestrebens ungeachtet, hat ihr das Leben der Freuden wenig nur geboten. Sie nannte oft den Tod nur ihren einzigen Freund. Sein sanfter Schlaf möge ihr die Erquickung schenken, die sie hier nirgends finden konnte, und jenseits, wo uns kein Kummer trüben soll und wo wir klarer schauen werden, wird sich vielleicht auch mir des Trübsinns Grund eröffnen, der überall die Rosen ihres Lebens bleichte.

Hulda, in Thränen der kindlichsten Wehmuth zerfließend, lag in ihrem Zimmer, vor ihrem Gott gebeugt, als der alte Linsing eintrat, die brennende Liebe ihr reichte, Alonso’s Scheidekuß ihr auf die Lippen drückte, und ihre vorhin geäußerte, über das plötzliche Verscheiden der Mutter aber wieder entschwundene Ahnung von Alonsos Abreise, durch die einfachen, im Munde des tief gerührten Mannes kaum vernehmbaren Worte: Er ist fort! bestätigte.

Sie sah den Todesboten mit thränenschweren Augen an, that aus der blutenden Brust einen lauten Schmerzensschrei und sank, dem Jammer des Lebens auf ewig verfallen, ohne Besinnung zu Boden.

Nach einer Stunde erst kam sie so weit wieder zu sich, daß sie ihrer Sinne mächtig ward. Unter dem Vorwande, frische Luft zu schöpfen, ging sie in den Garten, trat später in den Saal und bestieg den Balkon.

Auf der Stelle im Hafen, wo die prächtige Antoinette vor Anker lag, befand sich jetzt ein unansehnlicher Grönlandsfahrer; draußen auf dem Meere, ganz oben, auf der fernsten Höhe des Wasserspiegels, gewahrte sie einen schwarzen Punkt. Das war Alonso’s Schiff; mit gebrochenem Herzen rief sie dem Entschwindenden, der unauslöschlichen Liebe verzweiflungvolles Lebewohl, leise nach, und sah, still vor sich weinend, starren Auges, nach dem immer mehr und mehr enteilenden Punkte hin, bis er verschwand.

Zehnmal wischte sie sich die aus der gepreßten Brust unaufhaltsam hervorquellenden Thränen von den Wimpern, um noch einmal, nur noch ein einziges Mal das fliehende Schiff zu erspähen. Aber ihr Auge erreichte es nicht mehr! --

Die Mutter todt, Alonso fort! -- Vielleicht auf immer und ewig fort! --

Die Unglückliche drückte das letzte Zeichen seiner Treue, die brennende Liebe, an die Lippen, und überließ sich, still weinend, der schmerzlichsten Trauer.

* * * * *

Die Leiche der Mutter zu sehen, hatte sie absichtlich gemieden; das zürnende Drohgesicht -- es wich nicht von ihrem innern Auge; sie sah es wachend und träumend.

Am Begräbnißtage -- sie hatte den entsetzlichen Augenblick lange gefürchtet, wo sie der Hülle der Vorangegangenen zum letzten Mal sich nähern sollte, um ihr der Kindesliebe frommen Dank zu bringen, und ihr zur Nacht des langen Schlafs, die Ruhe der Seligen zu wünschen -- am Begräbnißtage trat sie an den Sarg.

Der Mutter Züge hatten sich verändert; nichts trübte mehr die qualerfüllte Brust, in der das frömmste Herz geschlagen. Der Kummer dieses Lebens drückte nicht mehr auf die Engelreine. Versöhnt mit dem Geschick, und harrend ihres Lohns, der droben guter Menschen wartet, lag sie, wie eine Gottverklärte da. Ein mildes Lächeln schwebte in jedem ihrer Züge; es war, als spräch’ ihr blasser Mund, mein Glück war nicht von dieser Welt. Jetzt ist mir wohl. Der Gott, der jede still geweinte Thräne zählt, wiegt jede mir durch tausend Freuden auf.

Mein Mütterchen, sagte Hulda mit der Wehmuth leisestem Tone, und kniete am Sarge nieder: Du zürnest nicht mehr mit mir? Du behältst mir drüben Deine Liebe? Dein Kind darf furchtlos an das Wiedersehen denken? -- Der in den letzten Augenblicken Deines Lebens den Frieden Deiner Seele störte, er hat zum Opfer sich und mich gebracht. Das Kind soll folgsam seiner Mutter seyn. So hat sein edles Herz gewollt. Laß nun auch ab von Deinem Hasse gegen ihn, und kann aus jenen Lichtgefilden, in denen Deine Seele schwebt, auf Dein verwais’tes Kind Dein mütterlicher Segen wirken, so gib mir Kräfte, daß ich ertrage, was Dein Gebot mir auferlegt; und ist es in dem Plane des Geschicks, daß des irdischen Lebens Glück unwiderruflich mir verloren sey, so rufe Du mich bald, daß ich Dir folge, denn diese arme Welt gewährt mir keine Freude mehr. Schlaf sanft, mein Mütterchen! die Klage meiner Leiden soll in Deiner Ruhe Dich nicht stören. Kein Vorwurf soll in Deine stille Kammer Dich begleiten. Mein Heiland starb am martervollen Kreuze; er duldete und schwieg; auch ich will schweigend dulden. Vergebung flehete er, weil sie nicht wußten, was sie thaten. Vielleicht hast Du, mein Mütterchen, auch nicht gewußt, warum Du mir gethan, was meines Lebens Blüthe vernichtet hat, auf ewig. Mein Jesus lehrte mich, in diesem Fall, Vergebung Dir erbitten; und so soll Gott sich Deiner mild erbarmen, und wenn Du fehltest, mit seiner Liebe nur Dich richten. In Deinem Willen lag gewiß mein Wohl, und darum sey entladen aller Schuld, und kehre ein in Deiner Freuden Reich.