Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch
Part 7
Alonso eilte fröhlich von dannen, und der Vater und Hulda überboten sich einander in dem Lobe des Liebenswürdigen; -- doch die Mutter, die Mutter fiel beiden nur zu bald ein, aber sie wichen von einander in den Ansichten ab, wie ihr die Sache, die den Plänen mit Casperchen so ganz entgegen war, am beßten beizubringen sey.
Hulda, welche in ihrem süßen Liebeswahn die Ueberzeugung hatte, daß Alonso’s persönliche Anmuth die Mutter am meisten bestimmen würde, den werthlosen Caspar fallen zu lassen, war der Meinung, daß es das Gerathenste gewesen wäre, den Capitain gleich jetzt der Mutter vorzustellen, sie jedoch später erst, wenn sie den liebenswerthen Mann hätte selbst näher kennen gelernt, von seinen Heirathanträgen zu unterrichten; der Vater hingegen, der, wie alle fröhliche Leute, jede Unannehmlichkeit gern so weit als möglich hinaus schob, der im Voraus sah, daß die Erscheinung des jungen Mannes, welcher der Mutter längst entworfenen Pläne mit einem Male vernichten sollte, sehr harte Auftritte herbeiführen würde, und, nach seiner Ansicht sehr richtig berechnete, daß, wenn er mit Hulda diesen Nachmittag den Capitain am Bord besuchte, und sich dadurch das Gerücht von dessen Verbindung mit seiner Tochter gehörig in der Stadt verbreitet habe, die Mutter dann, um der Ehre ihres Kindes willen, diesen einmal geschehenen öffentlichen Schritt nicht zurück nehmen könnte, behauptete, daß es viel besser sey, wenn er ihr heute den Mexikaner vorläufig auf morgen anmelde, daß man, bei der Reizbarkeit ihres Charakters überhaupt alles sogenannte, mit der Thüre in das Haus fallen, vermeiden müsse, und daß daher alles viel besser gehen werde, wenn es nicht zu übertrieben rasch gehe, weil, wie auch Hulda selbst wisse, der Mutter, im Allgemeinen, jeder Schein von Uebereilung, besonders in einer so delikaten Angelegenheit, verhaßt sey.
Hulda äußerte, auch wieder sehr richtig, die Besorgniß, daß Caspars Eltern, die von ihrem bekannt gewordenen Verhältniß zu Alonso eben so genau unterrichtet wären, als alle andere Leute auf dem gestrigen Balle, es gewiß an nichts fehlen lassen würden, um die Mutter davon in Kenntniß zu setzen; dadurch aber würde Alonso’s Spiel unendlich erschwert werden, denn, daß ihn diese schleichende Kopfhänger-Familie dabei in das allernachtheiligste Licht setzen werde, sey im Voraus anzunehmen; doch der Vater beschwichtigte ihre Furcht durch die Versicherung, dem vorzubauen. Er gab zu dem Ende allen Domestiken im Hause, unter dem Vorwande, daß seine Frau, ihrer Gesundheit wegen, aller lästigen Besuche heute überhoben seyn wolle, den Befehl, Niemand, ohne Unterschied, zu ihr zu lassen, und um ihr, wenn sie es etwa klingeln hörte, keinen Anlaß zu geben, zu fragen, wer da war, so umwickelte er den Klöppel der Hausglocke eigenhändig mit Papier und Leinwand.
So glaubte er, in jeder Hinsicht seine Sache ganz vortrefflich gemacht zu haben, und lächelte bei sich selbst über die Heimlichkeit, zu der er sich, wie er es entschuldigte, durch den Drang der Umstände bequemen müsse.
Dem Zartfühlenden regte sich wohl etwas in der Brust, was ihm sagte, daß nicht recht sey, was er thue, daß alle Heimlichkeiten zwischen Eheleuten nichts taugen, und daß aber -- beruhigte er sein Gewissen: hat es nicht Antoinette an Dich gebracht? warum besteht sie auf Hulda’s Verbindung mit dem unerträglichen Caspar, als läge alles Heil der Erden in diesem widrigen Menschen? Warum hört sie auf das Zuflistern gehaltloser Frömmelei mehr, als auf das Wort der Vernunft und des Herzens? Warum gibt sie gleich Krämpfe und Schwindel und Anwandelung von Ohnmachten vor, wenn irgend ein Gegenstand im Gespräch berührt wird, von dem sie nicht sprechen will? Mit den Waffen, mit denen sie, aus blinder Vorliebe für eine einmal eingewurzelte Marotte, auf das Glück ihres eigenen Kindes los geht, als wollte und müßte sie es vernichten, wollen wir ihre Batterie demontiren. Maklers müssen außer Einfluß gesetzt, das heißt, entfernt gehalten werden; heute sind wir auf dem Dreimaster unten im Hafen noch recht lustig, und morgen stelle ich meine Heeresmasse in Schlachtordnung; die Mutter wird totaliter aus dem Felde geschlagen, und über’s Jahr, wenn wir das Kind in seinem Mexiko besuchen, und dieses uns einen bausbäckigen Enkel entgegen bringt, und unser europäisches genügsames Auge fast erblindet, vor dem Glanz des Ueberflusses und des Glücks, in dem Hulda dort schwelgt, und ihr Mund freudig bekennet, daß sie, an Alonso’s Seite, die neidenswertheste Frau in allen fünf Welttheilen sey, da, da -- soll die Mutter mir danken, daß ich ihrem kleinen Eigensinne nicht fröhnte, sondern dem herz- und marklosen Casperchen die Thür wies, und --
Die gedämpfte Klingel klapperte draußen; der Admiralitätrath hielt lauschend mitten in seinem Monologe inne.
Es war richtig Casperchen. Die Frau Räthinn schlafe, hieß es, und der Ehelustige zog ab. Später kam Suschen; dann der Herr Makler; den Beschluß machte dessen liebwertheste Hälfte.
Dasselbe Manöuvre begann auch nach dem Essen; alle viere kamen einzeln und alle viere wurden abgewiesen.
Schlafen, schlafen, und immer schlafen, hatte die Maklerinn, vor innerer Bosheit kochend, mit freundlichem Lächeln zu Babette gesagt: sie haben der Frau am Ende ein Ruhepülverchen gegeben, aber, und wenn sie Mithridat genossen, ich muß sie aufwecken, aufrütteln muß ich sie, da es noch Zeit ist; ich komme wieder, mein Lämmchen, und zum dritten Male laß ich mich nicht abweisen.
Meine Frau will allein seyn, entgegnete der Admiralitätrath der berichtenden Babette: verstehst Du, sie +will+ heute Niemand sprechen; darnach wird sich gerichtet.
Mit diesen Worten ging er, Hulda am Arme, in den Hafen. Der Mutter hatte er gesagt, sie wollten nur einen kleinen Spaziergang machen, weil der Nachmittag gar zu schön sey.
Schon lange lag Alonso’s große Barkasse nebst der Travalje und der Kapitains-Schaluppe am Lande; alle drei Fahrzeuge hatten sich unterdessen allmählig mit den eingeladenen Gästen aus der Stadt gefüllt, und sobald jetzt Hulda und der Admiralitätrath an den Bord der Barkasse gekommen waren, und sich die drei Fahrzeuge, nach der Antoinette zu, in Bewegung setzten, gab der mexikanische stolze Dreimaster eine Kanonensalve, daß alle Fenster in der Stadt klirrten; -- und sämmtliche, im Hafen liegende Schiffe begrüßten die Ankommenden mit dem Donner ihres Geschützes, denn auf alle Fahrzeuge klein und groß im ganzen Hafen, hatte der überglückliche Alonso, Speise und Trank in Ueberfluß vertheilt, so daß die Matrosen, ohne Ausnahme, des süßen Weines voll waren und die neue Capitainfrau immer drauf los leben ließen, noch ehe sie dieselbe gesehen hatten; alle Capitaine aber, so viel ihrer im Hafen vor Anker lagen, hatte Alonso auf seinem Schiffe, heute Mittag schon, stattlich bewirthet, und hielt sie noch um sich versammelt, so daß die Herren lustig und guter Dinge waren, und der heranschwimmenden jungen, himmelschönen Frau Kolleginn zur See, die gebührende Ehre, von den, unter ihren Befehlen stehenden Schiffen aus, geziemend erweisen zu lassen, sich nicht versagen mochten. Und Alonso’s scharf gebautes Prachtschiff, und die Fahrzeuge aller Nationen im Hafen, strichen vor der liebreizenden Königinn des Tages, Flaggen und Segel, und von den buntbewimpelten Masten und im hohen Tauwerk aller Schiffe, erscholl aus dem Munde des Schiffvolks aller Welttheile, ein tausendstimmiges Hurrah, Hurrah, Hurrah! und in dieß alles schmetterte und wirbelte das, aus der Stadt geholte große Musikchor auf der Antoinette, mit Trompeten und Pauken, daß kein Mensch sein eigenes Wort zu hören im Stande war. Alonso selbst, in der herrlichen Uniform der spanischen Marine, stand, kräftig und schön, wie ein junger Gott, auf der Steuerbordseite der Antoinette, und kommandirte ~Listo, Saltad a la banda!~[35] und ein Theil seiner Neger, die alle sich in das beßte Zeug geworfen hatten, und recht stattlich aussahen, stellten sich eilends an beiden Seiten der Fallreepstreppe, von oben nach unten, in Parade; und das Fallreep[36] selbst war oben am Schiffe, an einem metallenen Köcher mit Kupidos goldenen Pfeilen befestiget, und mit purpurrothem Tuche überzogen, und von Knopf zu Knopf[37] hingen leichte Gewinde von brennender Liebe, deren Deutung Hulda, bei der Erinnerung ihrer ersten Bekanntschaft mit Alonso im Putzladen, nicht schwer ward.
Die allgemeine Huldigung, mit der die Bescheidene, vor den Augen der, am Ufer, in dichten Massen zusammengedrängten Neugierigen, vom ganzen Hafen bewillkommt wurde, hatte Hulda sonderbar bewegt; es traten ihr, als sie den Fuß auf die unterste Stufe der Fallreepstreppe setzte, und mit diesem gleichsam den ersten Schritt in ihr nunmehriges Vaterland, in die neue Welt that, Thränen in’s fröhlich lachende Auge. Alonso umschlang öffentlich, vor Hafen und Stadt, im Angesichte seines Meeres und ihrer Erde, die liebreizende Braut, und seine Neger, über funfzig an der Zahl, riefen dreimal Hurrah, und warfen sich ihrer milden Gebieterinn zu Füßen. Der Pilot,[38] der Primero Contramaestro[39] und der Guardian[40] aber, näherten sich der neuen Herrinn, und überreichten ihr, nach ächt altmexikanischer Sitte,[41] einen Strauß von frischen Blumen; der Pilot, ein kräftig schöner, schwarzer Mann, redete die Gefeierte spanisch an, prieß Don Alonso, als ihren gütigen Herrn, und wünschte sich und all den tausend Sclaven in der fernen Heimath Glück, daß der Kapitain ihnen eine Mutter zuführe, deren Tugenden Don Alonso’s Auswahl verbürge. Du bist, setzte er im Ueberwallen seines Gefühls, und im Glauben seiner Väter, hinzu: Du bist herrlich, wie die Sonne, und freundlich, wie der Mond, und wer den milden Sternen Deiner Augen folgt, wird den Pfad zum Himmel nicht verfehlen. Sey, Du blendend weißer Engel, uns und unsern Kindern unsere Sonne, unser Mond; Tonatiuh[42] hat Dich geschmückt mit ihrem Roth, und Meztli Dich mit seinem Glanze; Du bist so schön, als wärest Du das Kind von beiden; wir werden göttlich Dich verehren, denn nur in Deiner zarten Hand liegt unser Glück. Sey immer gütig uns. Die Sonne zürnt ja nie, und nie der Mond, und schwebst Du einstens spät hinüber, wo keine Stürme heulen, und keine Donner brausen, so soll der Weg nach Deinem Hügel unserer Enkel Alameda[43] seyn; sie werden räuchern Dir das stille Blumen-Grab mit Cobans beßtem Weihrauch und mit Ambra von Masaya, und Dir die Gruft umpflanzen mit Pomeranzen und Limonen, und mit Cypressen und mit des ewigen Friedens schattenreichen Palmen. Da sollst Du schlummern kühl, denn, unserer Enkel Thränen um die verlorne Mutter, werden netzen jene Bäume, daß sie gedeihen, und noch in fernster Zeit, wie feste Denksäulen des Dankes, hoch hinaus ragen in unsers Himmels schöne Luft.
Hulda reichte dem Sprecher, dem die hellen Zähren über die schwarzen Backen rollten, die weiße Hand, und beantwortete seine herzliche Rede, in recht geläufigem Spanisch.
Der alte Admiralitätrath dachte, es wäre Pfingsten, so hatte sich der Geist des Herrn über sein gelehriges Töchterlein ergossen. Es war aber der heilige Geist der Liebe, der das holde Mädchen, das im Spanischen früher wohl hinlänglichen Unterricht, aber wenige Uebung gehabt hatte, jetzt ohne Anstoß und Furcht in fremder Zunge reden ließ, daß die ganze Mannschaft der Antoinette darob laut entzückt war.
Der blendend weiße Engel, das himmlische Kind der Sonne und des Mondes, versprach ihnen, ihr und der Ihrigen Schutzgeist zu seyn; ihre Frauen und ihre Kinder begrüßte sie in der Ferne, als ihre Pfleglinge; ihr Wohlstand solle das Ziel ihrer Wünsche werden, und im Zauberergusse ihres glühenden Gefühls, gelobte sie ihnen und allen ihren Familien, mit dem Beistande ihres Gottes, und von Don Alonso’s menschenfreundlicher Güte unterstützt, ihr zeitliches Glück nach Kräften begründen zu wollen.
Sämmtliche Neger drängten sich, von den Reizen des schneezarten Seraphs, und dessen einfacher Rede tief ergriffen, um sie herum, und küßten ihr den Saum ihres Gewandes, und schworen ihr unaufgefordert Liebe, Treue und Gehorsam. Alonso aber, hingerissen von dem Entzücken seiner ehrlichen Neger, und bezaubert von der, in ihrer Art einzigen Gruppe der schwarzen Figuren, um seine schlanke Lilie, schenkte mit feierlichen Worten, zum ewigen Andenken des heutigen Festes, den Sclaven ihre Freiheit, und Hulda mischte in den Jubel der Freigelassenen, ihren herzlichen Dank, und betheuerte dem edlen Menschen, daß er ihr kein erfreulicheres Brautgeschenk hätte ersinnen können.
Jetzt ging es zur Tafel, und was beide Welten, und das Meer und die Erde dem leckern Gaum zu bieten nur vermochten, das war mit verschwenderischer Pracht hier aufgetischt. So gegessen und getrunken war in der ehrsamen Hafenstadt, seit der Legung ihres ersten Grundsteins, nicht geworden, und alle Gäste versicherten einstimmig, daß Capitain Mantequilla der vortrefflichste Mensch unter der Sonne sey. Die Seeluft macht durstig; wenigstens leerte man alle Flaschen des köstlichen Weins, so daß viele Gäste, die rank[44] worden waren und übervolle Ladung hatten, das Wasser des ganzen Binnenhafens, für lauter Champagner ansahen, andere den großen Mastbaum, als ihren dicksten Freund, inbrünstiglich umarmten, und andere wieder, in der Weinrührung, so windelweich wurden, daß sie in das Besahnsegel, heimlicher Weise Thränen der zärtlichsten Freundschaft weinten. Alonso hatte den Nachtisch mit lauter amerikanischen Früchten besetzen lassen; Aepfel von Gili, von der Größe eines Menschenkopfs; sechszehnlöthige Pfirsichen von Valparayso und Mendoza; zwölfpfündige Weintrauben von Talca, Vanille von Paraguay, Pisangäpfel, Pomeranzen und Limonen, und zwanzig andere saftreiche und kühlende Obstarten; jetzt aber zu guter Letzt, credenzte er den feurigsten Liqueurwein seines Vaterlandes, den kostbaren Rebensaft von Passo del Norte.[45] +Der+ brachte mit seinem dunkelflüssigen Golde alle gute Geister in Aufruhr, und Alles erklärte, mit tausend Freuden dahin zu gehen, wo dieses Götterblut flösse. Alonso stand, vom rauschenden Gewühl der Gäste entfernt, mit Hulda vorn am Bratspill, hielt die Glückliche im Arme, und fragte scherzend: ob er die Anker lichten, und mit der ganzen Gesellschaft, wie sie hier wäre, in die neue Welt segeln solle?
Ich bin wohl bereit, entgegnete Hulda mit bräutlicher Liebe, und schmiegte sich dichter an den Mann, der sie zweitausend Meilen weit, über das Meer führen wollte, und an dem sie sich fest halten sollte in allen Stürmen des Lebens: die alle hier aber mag ich nicht mitnehmen. Mit Dir allein, Alonso, will ich seyn; an Deiner Seite bedarf ich keines Menschen. Dir will ich folgen, wohin Du willst. Auf Deinem Eigenthume, hier auf Deinem Schiffe, auf dem Dein kühner Arm mich durch des Meeres wilde Wogen, und durch der Winde grausende Gewalt hinüber führen will, in Deines Vaterlandes weite Ferne, hier laß mich Liebe Dir, und Treue schwören. Dein menschlich fühlend Herz, gab Deinen armen Negern das höchste Gut, die Freiheit. Mir kann es Höheres nicht geben, als sich selbst. Schwöre mir Alonso Deine Liebe, und auf Dein Herz will ich meine Rechte legen, und Gott der Herr soll meinen Eid der Treue hören. Ihr glaubig frommer Blick flog auf zu dem, den sie zum Zeugen ihres Schwures gefordert hatte, da schwebte am Wolkenhimmel -- auf derselben Stelle -- sie schrak zurück, und barg das geisterbleiche Antlitz an Don Alonso’s Brust.
Was ist Dir, Hulda? fragte dieser erstaunt; sie aber schauerte kalt in einander, und wieß, ohne aufzusehen, nach dem Abendroth, und fragte: siehst Du nichts?
Dort, erwiederte Alonso lächelnd: die Gottheit meiner Schwarzen, schließt dort ihr müdes Auge, und zieht sich vor ihr Lager den Wolkenvorhang lauschig zu; mit Gold hat sie die Zipfel all gesäumt; sie macht das stets recht zierlich; und rechts am Bette steht ein Baum, ein blühend schöner Bananas.
Ein Baum? fuhr Hulda ängstlich auf! Ein Kreuz, Alonso, ist’s. Ein hohes, langes Kreuz -- und dicht daneben liegt -- mein Heiland und mein Gott -- am Stamme des Kreuzes betet meine Mutter --
Aber liebholdes Wesen, entgegnete beruhigend Alonso: was regt Dich so allmächtig auf! Ein Kreuz? -- nun ja, wenn Du ein Bischen davon, und ein Bischen dazu thust, und überall mit Deiner Phantasie nachhelfen willst, verwandelt sich am Ende mein Paradiesfeigenbaum[46] in Dein Kreuz, und -- die Wolke da unten -- hm -- ja -- eine weibliche Figur ist es -- aber, was bringst Du Deine gute Mutter in dieses Nebelspiel, und wie, ich bitte Dich, wie kann ein bischen Wasserdunst solch Gaukelwerk erhitzter Phantasie Dir gleich zusammen treiben? der Passo del Norte hat Dich nicht etwa, setzte er in süßer Liebeständelei hinzu, und tippte auf Hulda’s Stirn: mein trautes Kind, berückt?
O scherze nicht, Alonso, entgegnete Hulda erschüttert, und bat, sie und den Vater bald zu entlassen, weil sie zur Mutter müsse.
Du kömmst mir nicht vom Bord, erwiederte Alonso, und umfaßte Hulda mit inniger Liebe: ich bin fest segelklar[47] und warte nur auf guten Wind. Beim ersten Lüftchen setze ich meine Segel bei, und steche frisch und wohlgemuth, mit meinem Bräutchen, in die hohe See.
Alonso, doch nicht ohne meiner Mutter Segen? fragte Hulda ernst: und doch nicht ohne des Dieners Christi fromme Weihe?
Das wird mir alles viel zu lang, entgegnete Alonso mit heißer Ungeduld. Die Mutter -- ja; die werd’ ich morgen sprechen; sie soll uns segnen, Hulda. Was aber das Copuliren hier betrifft -- ich bitte Dich, eh’ sich das alles ordnet, der Trauschein meiner Eltern, das Zeugniß meiner Taufe -- das alles muß herbei, ehe wir das Aufgebot verlangen können. -- So lange kann und darf ich hier nicht warten. Viel besser ist’s, Du gehst als Braut zu mir an Bord. Auch mitten auf der See ist unser Gott bei uns. Wirf Deine Anker in mein Herz, sie greifen da in festen Grund. Als Braut, vertraue mir, als unberührte Braut führt Dich Alonso heim. Es liegt für mich ein namenloser Zauber in dem Gedanken! Gewähre mir, zum Zeichen Deines Glaubens an meine Ehrfurcht vor Deiner Tugend, diesen Wunsch. Sechs Monden sind es nur, dann steigt die Jungfrau an das Land der neuen Welt, und sinkt in Mexiko, vor Gottes Hochaltar in unsrer goldgeschmückten Kathedrale, als junge Frau an meine Brust, zu lohnen mir die uns selbst aufgelegte süße Pein der schmerzlichsten Entsagung, durch ihrer Liebe Vollgenuß.
Gib den Gedanken auf, versetzte bittend Hulda: ich traue Dir und mir, denn keuscher Liebe ist die schwerste Prüfung leicht; die Eltern aber würden darein sich nimmer fügen; doch morgen früh darüber mehr! Vielleicht läßt sich das alles leichter machen, als Du denkst, das liebe Gold ist ja der beßte Hebel aller Hindernisse, und auch die gute Kirche läßt das Dispensiren sich bezahlen. Jetzt lebe wohl, Alonso, gute Nacht, und süße Träume!
Ein langer, langer Abschiedkuß, und Hulda fuhr mit ihrem Vater an das Land zurück. Trompeten schmetterten ihr nach, und wilde Paukenwirbel; und Hurrah schrie das Schiffsvolk aller Decke, und des Kanonendonners furchtbares Krachen verkündete dem Hafen und der Stadt, daß jetzt des Mexikaners schöne Braut nach Hause fahre. Alonso wehte ihr mit weißem Tuche, so lang sein Blick sie noch erreichen konnte, den Wunsch der guten Nacht noch nach, und alle seine Gäste, die Becher in der Hand, schrien Vivat, Vivat hoch, und blieben bis zur späten Mitternacht, und tollten auf des Bräutigams Schiffe, als wäre morgen Hochzeit, und heute Polterabend.
Alonso nahm, sobald Hulda ihn verlassen hatte, an dem Tanz und dem rasenden Lärmen der fast überlustigen Gäste keinen unmittelbaren Antheil; er blieb zwar der Rolle des gastlichen Wirths, mit der artigsten Aufmerksamkeit, treu; aber, wo er konnte entfernte er sich, und wenn er allein war, und ungesehen, so stellte er sich hin, und schaute durch die Dunkelheit der Nacht hinauf nach dem bewußten Balkon.
Endlich erschien etwas Weißes da oben, und kaum gewahrten dieß einige, die ihn belauscht hatten, als der Spektakel von neuem begann, und die ganze Gesellschaft der weißen Erscheinung mit Trompeten und Pauken, und dem Hurrah der Neger, ein Vivat ausbrachte, daß es drüben an den Mauern der schlummernden Stadt widerhallte.
In dem Augenblicke zündeten die Mexikaner, und hundert Matrosen anderer Schiffe, die sie sich zur Hülfe geholt hatten, mehrere tausend Laternen an, die an den Seiten des Schiffes, am Tauwerk, und an den Mastbäumen, bis zum Mars hinauf, in zierlicher Ordnung hingen, und einen unbeschreiblich schönen Anblick gewährten. Oben auf dem Topp des großen und des Fockmastes, waren Sonne und Mond in herrlichen Transparents zu sehen, und die unzähligen Lichter auf dem kaum merkbar hin und her schwankenden Schiffe, die sich in dem schillernden Wasser rings um, hundertmal wiederspiegelten, stellten den ganzen hochbeleuchteten Dreimaster in einen zauberisch schönen Feuerkreis.
Alonso freute sich, daß diese feenartige Ueberraschung, die er Hulda zu Ehren veranstaltet hatte, nicht von ihr unbemerkt geblieben war; sie hatte ihm, von der Höhe ihres Balkons herab, einen herzlichen Kuß zugeworfen, und er schwamm nun in einem Meere von Fröhlichkeit. Er gab noch heraus, was Butlerei[48] und Kambüse[49] vermochten, und man schwärmte bis zum hellen Morgen, wo die armen, diese Nacht oft gestörten gelbgefiederten Schreihälse auf dem benachbarten canarischen Schiffe, den Tag verkündeten, und man die gastliche Antoinette verließ.
Doch einen Augenblick noch auf Hulda zurück. Als sie mit dem Vater zu Hause kam, empfing sie die Mutter mit verweinten Augen.
Ihr habt Euch auf Eurem Spaziergange ja recht lange verweilt, sagte sie kalt, und durchbohrte Hulda mit einem pfeilscharfen Blicke.
Wir sind in Gesellschaft gewesen, entgegnete Hulda offen, und morgen früh wird --
Erspare Deine Bekenntnisse, fiel sie dem Mädchen, das ihr jetzt das Geständniß seiner glücklichen Liebe ablegen wollte, bitter in das Wort. -- Deine zärtliche -- fuhr sie zum Manne fort: Deine zärtliche Vorsorge für meine Ruhe hat Dir wenig geholfen; ich weiß alles, leider durch Fremde. Mein Kind hat sein Vertrauen zu mir verloren; wo Vertrauen fehlt, ist auch keine Liebe, Hulda, ich bitte Dich um Gotteswillen, womit habe ich dieß verdient? Ich habe seit Empfang dieser Zeilen -- sie wies auf ein Billet der Maklerin -- Stunden gelebt, die mir den Abschied aus diesem Leben leider recht erleichtern. Ich träumte, wenigstens von meinem einzigen Kinde geliebt zu seyn! -- und dieses hintergeht mich, hintergeht mich da, wo andere gute Töchter sich der Mutter, ihrer ersten, ihrer treuesten Freundin, vor allen andern vertrauen. -- Die ganze Stadt weiß, was mir, von Dir, von meinem Kinde verborgen wird. Gott im Himmel! habe ich denn auf der ganzen Welt keinen Freund mehr, als den Tod? --