Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch
Part 6
Hulda legte sich wohl nieder, aber schlafen konnte sie nicht; die Augen fielen ihr vor Müdigkeit zwar hundertmal zu, aber sie schlug sie auch hundertmal wieder auf, denn bald umklammerte sie Caspar mit seinen langen dürren Armen, bald sah sie sich von einem Schlangenindianer an den Gewässern der Columbia verfolgt; bald lustwandelte sie mit Alonso am Meerbusen von Florida, umduftet von den hier wild wachsenden Orangen, im Schatten der breitblättrigen Banane und des zierlichen Bambusbusches; bald sprang das sanftmüthige flüchtige Thier, die Antelope, an den himmelhohen Basaltwänden des obern Missuri vor ihnen vorüber; -- bald hörte sie seine sanfte Rede, und sah in das dunkele Veilchenblau seiner großen Augen und fühlte das Schwellen seiner frischen Lippen auf ihrem rosigen Munde. Bald schwebte sie, umschlungen von seinem kräftigen Arm, und unter vollstimmiger Begleitung eines köstlichen Walzers, zum Ballsaal hinaus, über die blauen Berge am Kanhawa, über die goldgedeckten Tempel der Omegas im Innern von Guyana hin, bis zu den blumenreichen Küsten des stillen Meeres; -- bald kamen wieder die Bilder am gestrigen Abendhimmel ihr vor die träumende Seele, und das lange hohe Kreuz und die drohende Mutter und die dürre Gestalt des Eskimos auf Labrador. -- Da habe ich ja, sagte sie von der Stille der Mitternacht umdunkelt, leise zu sich selbst: da habe ich ja die Deutung jener Himmelsbilder! das Kreuz -- ach es ist so schwarz und so schwer, und das Gesicht der Mutter so kalt und finster -- und der entsetzliche Eskimo mit der grausenden Larve -- weg, weg mit den schrecklichen Bildern -- an ihn will ich denken, der so freundlich mit mir sprach, dessen Rede mir so wohl klang, dessen Seele so klar vor mir liegt, wie die Krystallquellen am Fuße der Luftvulkane[30] bei Turbako; in dessen Armen mir war, als stände ich kühl beschattet vom silberglänzenden Laubwerk des Riesenbaums.[31] -- Aber, kann ich denn auch im Traume nicht aus dem verwünschten Amerika heraus, sagte sie jetzt völlig erwacht, und konnte nun nicht mehr schlafen, und wiederholte sich, vom Frühroth des ersten Morgengoldes im Bettchen freundlich begrüßt, alles, was er gesprochen, und hatte vor der heutigen Unterhaltung mit der Mutter keine Angst mehr, denn er wollte ja selbst kommen, und mit ihm hielt Casperchen keinen Vergleich aus; sah die Mutter auf zeitliches Gut, so wog der zwanzigste Theil von Alonsos Vermögen, den ganzen Caspar auf, und da Alonso erklärt hatte, daß die Wahl des künftigen Wohnorts lediglich von ihr abhängen solle; so verstand es sich, daß sie ihrem gestrigen Versprechen eingedenk, die Mutter nicht verlassen, sondern wenigstens so lange als diese lebe, hier bleiben werde, und somit war jede Schwierigkeit beseitiget.
Armes, getäuschtes Mädchen!
Beim Frühstück schon, trat die Mutter mit den Absichten hervor, die ihr Caspars Eltern gestern eröffnet hatten; sie erinnerte Hulda an deren gegebenes Versprechen, sich nicht außerhalb des Orts zu verheirathen; hielt der Familie, in deren Kreise sie künftig leben werde, die gebührende Lobrede, und ließ sich über Caspars wohlgeordnete Vermögensumstände und seine, im Auslande erworbene Bildung des weiteren aus; vergaß auch nicht die Schwierigkeit, bei der gegenwärtigen Heirathscheu der meisten jungen Leute im Orte, eine ähnliche vortheilhafte Parthie sobald wieder zu finden, in das gehörige Licht zu setzen, und schloß mit der Bemerkung, daß sie auf dieß alles, von der gehorsamen und liebenden Tochter, eine, den elterlichen Wünschen entsprechende Erklärung erwarte.
Hulda bog freundlich lächelnd aus; kam Alonso, der blühend schöne, frische Mann, dem der liebe Herr Gott die Reinheit des unverdorbensten Herzens, die Unschuld der zartesten Sitte, und die Gediegenheit der ehrenfesten Grundsätze auf jeden Zug seines einnehmenden Gesichts geprägt hatte, und hörte die Mutter von den zehn Millionen Piaster, die ihm der alte Handelsgerichtsdirector nachrechnen wollte, und erfuhr sie, daß ihr Hulda nicht aus dem Hause geführt werden, sondern bis an des Lebens Ende bei ihr bleiben sollte, so war von dem Casperchen keine Rede mehr; das stand mit mathematischer Gewißheit ihr im Köpfchen geschrieben; und kommen wollte er ja; er hatte es versprochen, und dieser wunderhübsche Mund hatte gewiß noch keine Lüge gesagt. Sie küßte der Mutter die Hand, nahm die ganze Sache als einen leichten Scherz, indem es bei ihrer Jugend keine Eile habe, meinte, daß es ihr ordentlich lächerlich sey, jetzt an das Heirathen zu denken, und betheuerte, daß vor allem erst die geliebte Mutter gesund werden müsse, und sich dann hierüber ja wohl werde ein Mehreres sprechen lassen.
Damit kam die Schlaue aber nicht los. Die Mutter ward empfindlich und begriff nicht, wie der besonnenen Hulda, die kein Kind mehr sey, ein so wichtiger Schritt, als die Verbindung eines Mädchens mit einem jungen Manne, auf die ganze Lebenszeit wäre, lächerlich seyn könne, und bat sie, dem sehr wichtigen Gegenstande einen Augenblick ernster Betrachtung zu schenken. Meine Tage, setzte sie hinzu: sind gezählt, ich habe auf dieser Welt keinen Wunsch mehr, als Dich glücklich zu wissen; ich habe zu Gott gebetet, daß er mir in dieser letzten Sorge hienieden, seinen Beistand nicht versage; er hat mir in den Eltern des, Dir vom Schicksal Bestimmten, christlich gesinnte Rathgeber geschenkt, und daß der Himmel unsern Beschluß segnet, beweis’t, daß der junge Mann, der Deine Hand begehrt, noch ehe ich die Augen schließe, glücklich und mit dem reichen Erwerbe seines redlichen Fleißes hier eintrifft, und ich die Freude noch erlebe, Dir den Brautkranz in das Haar zu flechten, und Deinen Ehrentag mit zu feiern. Ich bin daher fest überzeugt, daß das Werk, was wir mit frommem Gebet begannen, ein Gott wohlgefälliges sey, und Dein Glück und Deine Zufriedenheit begründen werde. Ich sehe also keinen Grund ab, warum Du mit Deiner Erklärung bis zu dem sehr ungewissen, und wahrscheinlich nie eintretenden Zeitpunkt meiner Genesung, Anstand nehmen willst, besonders da eine Menge Eltern hier, welche unbescholtene und mannbare Töchter haben, den von Dir herbeigeführten Aufschub mit Freuden benutzen, und den Entschluß des jungen Mannes, Dir seine Hand zu bieten, durch allerhand Zwischenträgereien schwankend, und ihn, am Ende, Dir selbst abwendig zu machen suchen würden. Alle diese Umstände bestimmen mich, Deine Erklärung und, da Du gegen das Haus so wenig als gegen ihn selbst etwas einwenden kannst, Dein Jawort in dieser Sache +jetzt+ zu gewärtigen.
Die arme Hulda verlor fast die Fassung. In diesem Augenblicke der Mutter zu sagen, daß ihr Herz nicht mehr frei sey, war nicht möglich. Die Mutter kannte ja den nicht, dem es gehörte. -- Sie hatte, als der Vater zum ersten Male von ihm sprach, und ihn vom Kopfe bis zum Fuß beschrieb, gesagt: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll; als der Vater vorgestern Abend bei Tische von ihm wieder anfing, legte sie Messer und Gabel weg; wie dieser äusserte, daß des jungen Mannes Schiff ihren Namen führe, klagte sie über heftigeres Uebelseyn; gestern früh erregte der schwarze Krepp, den Tante Sophie, von Lima aus, im Traume sandte, ihr spöttelndes Gelächter. Sie eiferte gegen die spanische Sprache; -- alles das zusammen genommen, webte in dem feinfühlenden Mädchen eine Ahnung, deren Daseyn es sich kaum selbst recht bewußt war; aber es mußte etwas seyn, was mit ihm, wenn auch, wie natürlich, in ganz entfernter Beziehung stand, und was der Mutter an ihm unlieb war; doch sie hatte ihn selbst ja noch nicht gesehen, ihm konnte, nach Almas Geständniß, kein Mädchen gram seyn; bei seinem Anblick war bestimmt auch die Mutter gewonnen; er kam gewiß heute, spätestens morgen, allerspätestens übermorgen. Drei Tage also bat sich Hulda Bedenkzeit aus, küßte der Mutter beide Hände, und ärgerte sich, daß sie nicht einmal so viel Gewalt über sich hatte, wenigstens ein ernsthaftes Gesicht zu machen. Aber der ewig wolkenlose Südhimmel des paradisischen Climas, in dem ihr Alonso geboren wurde, lag in ihrer Seele, in ihrem Auge; die heimliche Freude, die Mutter mit einem zehntausendmal bessern Schwiegersohne zu überraschen, blitzte ihr aus allen Mienen, und sich zu verstellen, hatte ja das reine Wesen nie gelernt.
Die drei Tage sind Dir vergönnt, sagte die Mutter nach einigem Besinnen höchst mißgelaunt; aber ich begreife Dich nicht; Du behandelst den Schritt, zu dem jedes wohlgesittete Mädchen mit feierlichem Ernst sich vorbereitet, so leichtsinnig, als wäre es eine Ballangelegenheit; wenn Du vorliesest, so steht Dir bei irgend einer sentimentalen Stelle gleich das Wasser in den Augen, und jetzt ist Dir das Lachen näher, als das Weinen, und wo hier zwanzig Mädchen aus den ersten Familien mit beiden Händen zugreifen würden, thust Du, als ob Dir die angetragene, weiß Gott, doch höchst ehrenwerthe Parthie noch nicht gut genug wäre. Auf was willst Du denn warten? Auf was bildest Du Dir denn ein, Ansprüche machen zu können. Unsere Umstände sind, wie Du weißt, im Gegensatz vieler hier weit reicheren Häuser, nicht glänzend; und Dein Bischen Larve -- mein Kind, es hat schönere Mädchen gegeben, und sie sind alle verblüht. Also sehe ich nicht ab, auf was Du glaubst groß pochen zu können, oder -- fragte sie nach einer kurzen Pause, die Worte scharf und hart betonend, und durchbohrte das Mädchen mit stechendem Blick: steckt Dir etwas anders im Kopfe?
Nichts, als der gestrige Ball, entgegnete erschrocken das wahrhafte Kind, das noch nie gelogen, und bückte sich auf die Hand der Mutter tief nieder, denn das erste Morgenroth der heimlichen Liebe überhauchte die Lilienwangen der Liebreizenden, mit dem dunkelsten Purpur.
Warum nicht auch Deine Puppen, erwiederte die Mutter mit saurer Bitterkeit: wahrhaftig, man sollte denken, Du hättest noch gestern damit gespielt, so kindisch benimmst Du Dich heute. Geh und sammle Dich; und wenn Du Deinen Ball, und Deine Narrenpossen verschlafen hast, so komme wieder, daß wir, wie es einem Mädchen Deines Alters ziemt, ein verständiges Wort weiter über die Sache reden können.
Sie wendete sich in ihrem Bette verdrüßlich nach der Wand zu, und Hulda, der es nun anfing recht ernsthaft zu Muthe zu werden, flüchtete zum Vater, der von einem Geschäftsgange eben jetzt zu Hause kam.
Nun Mädchen, rief dieser ihr entgegen: Du siehst ja recht bedeutsam aus! hat die Mutter mit Dir schon gesprochen?
Ich habe drei Tage Bedenkzeit, entgegnete triumphirend die Tochter, und sah den Vater, der sie so unaussprechlich liebte, der so herzensgut war, und von dem jungen Seemanne gestern und vorgestern nichts als Liebes und Gutes gesprochen hatte, mit einem Blicke an, als fragte sie sich, ob sie es wagen dürfe, ihm ehrlich und offen zu beichten. Väterchen, hob sie an, und lehnte die Wange an seine Brust, damit er ihr zu dem, was sie ihm zu sagen habe, nicht in das Gesicht sehen möge: liebes Väterchen, mit dem Caspar ist es nichts.
Gut, mein Kind, erwiederte der Alte lächelnd: darüber sind wir, Gott sey Dank, einverstanden, und die Mutter wird am Ende auch die Idee aufgeben.
Aber, fuhr sie leiser fort, und senkte die Augenlieder, als schäme sie sich vor sich selber: aber mit einem andern -- vielleicht -- da ist es nicht ganz richtig. Sie lag mit dem Ohr dicht an des Vaters Herzen; sie hörte es schlagen -- das Herz, das es so redlich mit ihr meinte, es schlug ruhig fort -- der Vater sprach kein Wort, er schien noch Näheres von ihr zu gewärtigen.
Dir, mein liebes Väterchen, fuhr sie mit verhaltener Stimme fort, und schlang beide Arme dichter um ihn: muß ich mich vertrauen; noch ist das heilige Geheimniß über meine Lippen nicht gekommen, noch weiß es, außer Dir --
Die ganze Stadt, fiel ihr der Vater lachend in das Wort, und küßte segnend dem einzigen, dem lieblichen Kinde Stirne und Mund, und die hellen Thränen der süßesten Freude des Menschen, der Elternfreude über das Glück des geliebten Kindes, zitterten ihm im Auge.
Die ganze Stadt? wiederholte Hulda staunend, und sah dem Vater in das freundlich naße Auge, und las in diesem ihr Glück und ihre Hoffnungen.
Wo ich bei unsern Bekannten heute früh hinkam, versetzte der Vater: machte man mir große Gratulationen; die Menschen waren gestern auf dem Balle gewesen, und hatten von da das Gerücht Deiner Brautschaft mitgebracht; ich werde neugierig, der Sache näher auf die Spur zu kommen, steige zu Directors, und höre denn da zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß mein Herr Mexikaner -- o, nun weiß ich wohl, warum mich der Patron immer bei der Hauptwache abgepaßt hat. Höre, Huldchen, etwas Schlechtes hast Du Dir nicht ausgesucht, den alten Linsing hat er zu seinem Brautwerber erkohren, und sich an den Rechten gewendet; der Mann ist in ihn selber verliebt, wie ein Mädchen. Wenn er nur halb so brav und gut ist, als der Director ihn schildert, so mag er um Deine Hand werben, Hulda, und er soll mir willkommen seyn.
Mein Vater, mein einziger lieber englischer Vater! rief Hulda im Uebermaße ihres Entzückens, und sank ihm, trunken vor Freude und Wonne, in die Arme.
Sein Vermögen, fuhr der Alte fort, und hob die Brust höher, denn es that ihm wohl, seine Tochter im Besitz solcher unermeßlichen Reichthümer zu sehen, -- der alte wackere Linsing hat ihm gesagt, daß, wenn er sich mit der Sache befassen solle, der junge Mann ihm über seine Lage reinen Wein einschenken, und seine Angaben ihm möglichst belegen müsse; die Nachweisung seines Vermögens wird nur glaubhaft, wenn man sie nach dem Maßstabe berechnet, der nur dort, in jener Heimath des Reichthums und Ueberflusses denkbar ist. Nach unserm Gelde angeschlagen, reicht Dir der Ehrenmann mit seiner Hand, ein Besitzthum von ungefähr funfzehn Millionen[32] Thalern -- ich kann Dir zehn deutsche Fürsten nennen, die mit diesem mexikanischen Krösus gern tauschen würden, und von +der+ Seite also betrachtet, ist das Glück meines Kindes gesichert; er hat zwar geäußert, sich, wenn Du es durchaus wünschest, hier ansiedeln zu wollen: allein, wenn es ihm irgend schwer wird, sein Vaterland Preis zu geben -- ich ziehe mit der Mutter den Augenblick hin; dort, wo der Oelbaum gedeiht, und der Paradiesfeigenbaum, wo der Weitzen dreißigfältig trägt, die Ananas, wie bei uns die Heidelbeeren, in den Wäldern überall wild wachsen, und die Sonnenblume sechsmal größer ist, als hier zu Lande; dort, wo ein ewiger Frühling blüht, und den dunkelblauen Himmel keine Wolke trübt; wo nur leichte Morgennebel und des Thaues Perlentropfen die blumenbedeckten Fluren netzen, und des Meeres Winde die Lüfte kühlen; dort muß ja auch der Mensch kräftiger aufleben und der Kranke genesen -- Der einzige Zweifel --
Hulda zog die schönen Augenbrauen zusammen, und harrte mit ängstlichem Blick auf die Zweifel des Vaters, der recht bedenklich den Kopf wiegte, und mit der Sprache nicht heraus zu wollen schien.
Der einzige Zweifel ist jetzt daher nur der, ob auch Du, meine Hulda, in seine und meine Wünsche Dich fügen, ob Du Dich entschließen wirst, ihm Deine Hand, und Dein Herz --
Mein Väterchen -- unterbrach ihn Hulda verschämt lächelnd: was können Sie einem angst machen! Dieser einzige Zweifel wird sich wohl heben lassen. Sprechen Sie ihn nur erst selbst, und sein treues biederes Herz, sein fröhlicher Sinn, sein offenes trauliches Wesen, seine anspruchlose Natürlichkeit werden Ihnen gewiß gefallen; auch ist er -- setzte sie, mit gesenktem Köpfchen schmunzelnd hinzu: nicht ganz häßlich.
Nun aber sag’ mir Kind, fragte der Vater, das Lächeln mit Mühe verhaltend: wie hat sich das alles so schnell gemacht? Du bist ja kaum drei, vier Stunden auf dem Balle gewesen?
Mit der Liebe? entgegnete Hulda, und machte ein recht naives Professorgesicht dazu: mit der Liebe, ich meine die so recht eigentliche liebe Liebe, ist es, glaube ich, wie mit der Ewigkeit; sie hat keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß selbst nicht, wie das alles kam. Auf dem Balle aber sahen wir uns auch nicht zum ersten Male; wir kennen uns schon viel länger, und nun erzählte sie, wie er ihr in der Kirche gegenüber saß, und von dem Zusammentreffen in der Modehandlung, und von der Unglücksgeschichte mit der Glashändlerinn und dem Gipsitaliener, und von den Kinderstreichen auf dem Verdecke seines Dreimasters, und oben im Mars, und von dem verwünschten Sehrohre, und der schmachtenden Flöte, und von -- Babette platzte zum Zimmer herein, und meldete den Capitain Don Mantequilla.
Hulda rief fröhlich: das ist er! schlüpfte -- denn wie sie war, im nachlässigsten Morgenputz, konnte sie sich nicht vor ihm sehen lassen, -- schlüpfte durch eine Seitenthür und eilte auf ihr Zimmer, um sich anzukleiden.
Er war gekommen, er hatte Wort gehalten. Er sprach die Eltern um ihre Hand an.
Wer mahlt des Mädchens Entzücken, wer das süße Beben ihres in Liebe und Freude erglühenden Busens!
Blumen, Band, Perlen, Häubchen, nichts paßte ihr heute in das Haar; die Locken liefen nicht, wie sie sollten; beide Händchen flogen ihr zitternd; sie konnte nicht zu Stande kommen. Das Morgenkleid war zu einfach, +das+ zu geschmückt, alle Kasten standen offen, alle Kommodenfächer, alle Schränke, alle Cartons! Sie holte aus allen das Beßte, und nichts war gut genug; der Spiegel -- sie kam sich bleich, reizlos, nicht ein Bischen hübsch vor; nein der Spiegel war Schuld daran, der hing im allerschlechtesten Lichte -- aber der in der Toilette, den sie nach allen Weltgegenden richtete, gab ihr Bild um kein Haar besser zurück; am Ende war sie in ein blaßblaues Kleid und in rothe Schuhe gefahren, und hatte auf den gelben Morgenhut ein grünes Bouquet gesteckt -- blau, roth, gelb und grün -- i Gott bewahre, rief sie lachend: lieber gar alle Farben mit einander, daß er denkt, es komme ein lebendiges Prisma, -- in zwei Minuten hatte sie alles wieder von sich geworfen, und machte ihre Toilette von Neuem -- lassen wir die Selige in dem bunten Chaos ihrer Garderobenherrlichkeiten fröhlich gewähren -- es war ja ohnehin fast das letzte Scheide-Lächeln ihrer untergehenden Freudensonne; denn ach! nur zu bald trübten sich am Horizonte ihres Lebens die Wolken, aus denen der Sturm sich gestaltete, der alle ihre Blumen entblättern, alle ihre Bänder zerreißen, alle ihre Hoffnungen zertrümmern, ihr ganzes Lebens-Glück auf immer und ewig vernichten sollte! --
Wahr und ehrlich, kurz und offen hatte Alonso mit dem Vater gesprochen. Es bedurfte keines weitläufigen Eingangs; Director Linsing hatte beiden schon die nöthigen Präliminarien eröffnet. Alonso machte seinen Antrag mit so zarter Bescheidenheit; legte in denselben so viel Feierliches; sprach von der Unmöglichkeit, ohne Hulda leben zu können, mit so vieler Rührung; entschuldigte seine, durch den Drang der für den Seemann vollgiltigen Umstände herbeigeführte Eile, die ihn nöthige, vielleicht schon in wenigen Tagen die Anker zu lichten, so wahr und einfach, und gelobte, den Pflichten des Gatten und des Sohnes bis zu seinem Tode treu zu seyn, mit solch’ frommer Rede, daß der alte Herr sich der Thränen nicht länger enthalten konnte, den jungen Mann an sein Herz drückte, und ihm, aus voller Brust und im heiligsten Vertrauen auf dessen Rechtlichkeit, sein einziges Kind, das Liebste dieser Welt, in die neue mitzugeben unbedenklich versprach.
Auf Alonso’s Wunsch, der Mutter jetzt vorgestellt zu werden, erwiederte indessen der Vater, daß er sie, ihrer Kränklichkeit halber, erst dazu ein wenig vorbereiten müsse; er bäte daher, ihn morgen wieder mit seinem Besuche zu beehren, wo er ihn bei ihr einführen wolle; zugleich ersuchte er ihn, nicht gleich das erste Mal, des eigentlichen Zwecks seines Besuches zu erwähnen, sondern unter dem Vorwand zu kommen, daß er hörte, sie habe eine Schwester in Lima, und er wolle sich daher erkundigen, ob sie dahin ihm etwa Aufträge mitgeben wolle.
Auch Hulda darf ich nicht sehen? fragte Alonso mit kindlicher Befangenheit, und versicherte, daß ihm die Zeit von gestern Abend bis jetzt eine halbe Ewigkeit gedauert habe; da ließ denn der Vater das Mädchen holen, und es kam im einfachsten Hauskleide, bloß, dem neuen Vaterlande zu Ehren, eine prächtige, blühende Datura[33] am Busen, und drei von Tante Sophie zum Geschenk erhaltene Schnüre californischer Perlen um den Hals. Aber schön war Hulda zum Entzücken; die Liebe hatte ihre Wangen geröthet, die Freude lachte ihr im ganzen Gesichtchen, und das bräutliche Schmachten der keuschesten Jungfräulichkeit schwamm in dem Feuerblick ihres großen himmlischen Auges. Mit frommer Weihe legte der Alte das unberührte Kleinod seines Vaterherzens an die Brust des schönen jungen Mannes aus der neuen Welt, den der Zufall zweitausend Meilen weit hergeführt hatte, um zu den Füßen eines der reizendsten Mädchen unsers alten ehrlichen Welttheils, das zarte Geständniß abzulegen, daß das eigentliche wahre Glück des Menschen nur in den Armen einer liebenden Gattinn heimisch sey, die unsere Freuden und Leiden redlich theile, und durch ihre Reize, wie durch ihre Tugenden, unsere Tage verschönere.
Braut Hulda hob den Entzückten an ihre treue Brust, und wie die bekannte wunderschöne Gruppe von Amor und Psyche, so lieblich in einander verschlungen, stand das Paar, Auge in Auge, Mund an Mund, und feierte die seligste Minute glücklich Liebender, die Minute des Verlobung-Kusses.
Alonso zog sich einen prächtigen Smaragdring vom Finger, überreichte ihn der überraschten Hulda, und sagte: aus +Deinen+ Brüchen an der Küste von Manta[34] nimm dieß als Morgengabe von mir gütig an, doch mein ganzes Hab’ ist ja Dein. Den leisesten Deiner Wünsche -- vertrau’ ihn mir, meine einzige, meine himmlische Hulda, und ich werde kein größeres Glück kennen, als ihn Dir zu erfüllen. Ich könnte zehnmal reicher seyn, als ich es bin; allein ich achtete des eiteln Geldes nicht, weil ich tausendmal mehr hatte, als ich brauchte; jetzt Dir die Welt zum Paradies zu schaffen, ist mein Streben; nun will ich erst mit Freuden mich in die Geschäfte werfen; ich habe einen Zweck, das Lächeln Deiner Huld! Des Meeres Wogen, der Winde Hauch, des Nordens Eis und Schnee, der Sonne Gluth in unserm Süden, kurz, alle Elemente will ich mir zinsbar machen, und meines Vaterlandes Kern ist rein gediegenes Gold; heraus aus meiner Erde tiefen Schachten sollen, meine Hulda, Dir, mein Fleiß und meine Kunst das mächtige Metall im Ueberflusse fördern! Vor Dir will ich die Früchte meines Fleißes, die Schätze, die des Handels Treiben mir zusammen häufet, niederlegen, und Deiner Lippen süßer Kuß, ein Blick aus Deinem Augenpaar, und das Geständniß Deines Rosenmundes, daß Dich es nicht gereut, Dein Herz und Deine Hand mir fremdem Mann vertraut zu haben, -- dieß, Hulda, dieß soll mehr mir seyn, als all das kalte Gold, das im ersten beßten Brennspiegel sich zu +nichts+ verflüchtiget, das immer irdisch bleibt, und droben gar nichts gilt.
Ehe sich Alonso verabschiedete, lud er den Vater und Hulda ein, sich es bei ihm heute Abend, am Bord seiner Antoinette gefallen zu lassen.
Der Vater sah die Tochter, die Tochter den Vater an. Beiden war es um die Mutter zu thun; sah man das Mädchen mit dem Vater am Bord des mexikanischen Dreimasters, so war Huldas Verbindung mit Alonso, von dem zur Zeit die Mutter noch kein Wort wußte, in den Augen der ganzen Stadt keinem Zweifel mehr unterworfen, und daß dieß gegen die Mutter nicht gerechtfertigt werden konnte, fühlten beide, indessen Hulda richtete den bittenden Blick, daß er zusagen möge, zu freundlich auf den Vater, und diesem that die kleine Eitelkeit, den Leuten möglichst bald kund zu thun, daß der mexikanische Capitain Mantequilla mit dem Dutzend dreimastigen Schiffen auf der See, und den Silbergruben in Loretto, den Goldbergwerken in Oaxaca, den Zuckerplantagen unfern Vera-Crux und den 15 Millionen Thalern, und den andern unzähligen Herrlichkeiten, der Herr Schwiegersohn des Herrn Admiralitätraths Splügen sey, zu wohl, auch hatte der lebensfrohe Alte einen vergnügten Abend zu lieb, als daß er abschlagen konnte.