Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch

Part 5

Chapter 53,493 wordsPublic domain

Was ist abscheulich, fragte Alonso freundlich, und wollte sich mit ihr in die Reihe der Tanzpaare stellen; sie aber wand sich aus seinem Arme, gab eine sie schnell anwandelnde Unpäßlichkeit vor, und eilte in das nächste Seitenzimmer.

Alonso folgte ihr, doch sie bat ihn, sie allein zu lassen, so dringend, daß er, in der Voraussetzung, weiblicher Hülfe zu bedürfen, zu Gustchen eilte, und diese ersuchte, ihr Beistand zu leisten.

Gustchen fand sie in Thränen; auf alle Fragen, was ihr fehle, erhielt die Bereitwillige keine Antwort, und als Gustchen erzählte, mit welcher Todesangst Alonso sie aufsuchte und wie ängstlich Händeringend er bat, ihr auf das Schleunigste beizuspringen, erwiederte sie schneidend kurz: nichts von ihm, ich bitte Dich, um Gotteswillen, nie wieder ein Wort von ihm; laß mir meinen Wagen holen, ich kann nicht bleiben.

Aber sage Mädchen, begann Gustchen theilnehmend: was hast Du, was ist Dir?

Morgen, erwiederte bittend Hulda, und zitterte am ganzen Körper: morgen will ich Dir alles erzählen; jetzt nur den Wagen.

Gustchen schüttelte bedenklich den Kopf; das Mädchen war vorhin, wie sie kam, leichenbleich gewesen, jetzt brannte ihm dunkele Röthe auf Stirn, Wange und Brust; es weinte schluchzend, und das Blut jagte ihm mit solch’ tobendem Rasen durch alle Pulse, daß der Busen fieberhaft schnell auf- und abwogte.

Gustchen ging, und Hulda sank auf das Sopha, und gab sich ihrem Schmerze mit kindischer Schwäche hin.

Du bist nicht wohl, höre ich, fragte sie Alma, und legte ihr sorglich die Hand auf die brennende Stirn; Hulda aber that sich Gewalt an, sich vor ihr zu verbergen, und versicherte, ihr kleiner Unfall habe nicht viel auf sich, und werde hoffentlich bald vorübergehen; was sagst Du, hob Alma, um die Leidende ein wenig zu zerstreuen, lachend an: was sagst Du zu der göttlichen Geschichte mit dem alten Dinge, der Caroline? sieh, ich stand drei Schritte von ihr, und habe jede Sylbe gehört; an dem ganzen Auftritte ist doch kein wahres Wort; das Mädchen kann lügen, wie gedruckt.

Hulda horchte hoch auf, und Gustchen kam zurück, und berichtete, daß der Wagen bestellt sey.

Sie -- fuhr Alma unbefangen fort, und ahnte nicht, welchen heilenden Balsam sie auf die blutenden Wunden in Hulda’s zerrissenem Herzen legte: +sie+ kam auf ihn zu! +sie+ drängte sich an ihn heran; +sie+ knüpfte die Unterhaltung an! und er, Gott weiß, was ihm im Kopfe stecken mochte, er hörte gar nicht auf sie, er antwortete, ohne sie anzusehen, kurz und einsylbig, und ließ sie, da sie ihm anfing unerträglich zu werden, im Fensterbogen stehen.

Und die Locke? fragte Hulda, wie aus bösem Traume erwachend, und die Wolkenschleier, die ihren Blick trübten, verschwanden und das Auge glänzte wieder, wie die Sonne nach schwerem überstandenem Gewitter.

Der Mensch hat nicht daran gedacht, entgegnete Alma: ich sage Dir ja, die Caroline hat uns da, in aller Geschwindigkeit, eine Komödie vorgelogen, an der auch nicht ein einziges --

Wieder besser? fragte Alonso zärtlich besorgt und steckte den braunen Lockenkopf zur Thür herein, und in Hulda’s freundlichem Lächeln lag die Versicherung ihrer völligen Genesung; sie hatte ihm ungeheuer Unrecht gethan, und mußte das schon ein Bischen wieder gut machen; sie bot ihm die zarte weiche Hand, und -- der Mensch ist seiner nicht immer mächtig -- und drückte seine Rechte zum Dank für seine Theilnahme recht herzlich; dieser sanfte Druck, so unmerklich er auch seyn mochte, schlug in das südamerikanische glühende Blut so allmächtig ein, daß Alonso, überglücklich, Hulda’s Händchen mit leidenschaftlicher Heftigkeit an seine Lippen zog, und komisch naiv versicherte, daß er ihrer Unpäßlichkeit noch recht viele kleine Rückfälle wünsche; denn Krankheiten dieser Symptome machten sie unendlich liebenswürdig. Der schuldlose Mensch! hätte er nur ihre Krankheit gekannt!

Der Bediente, der jetzt meldete, daß der Wagen vorgefahren sey, setzte Hulda in unbeschreibliche Verlegenheit. Gustchen, das Alma’s Erzählung mit angehört, und sich aus dieser Hulda’s plötzliches Erkranken sattsam erklärt hatte, that, aus neckender Schadenfreude, der Gepreßten nicht den Gefallen, ihr zum Bleiben zuzureden. Alma aber, das schlaue Kind, das sich, die beiden Menschen einander gegenüber, Hulda’s schnelles Uebelbefinden, die Heilkraft ihrer Erzählung, und Hulda’s Freundlichkeit gegen Alonso, in der eine förmliche Abbitte für begangenes schweres Unrecht lag, mit mathematischer Gewißheit aus einandersetzte, sagte zum Bedienten mit einem launigen Seitenblick auf Hulda: wir sind jetzt wieder besser, der Wagen kann abbestellt werden. Gott gebe, setzte die Scharfsichtige, als der Bediente abgetreten war, hinzu, und sah dabei recht drohend aus: Gott gebe, daß wir auf immer kurirt sind.

Gustchen lachte laut auf, und klatschte vor Freude über Alma’s tiefen Blick in die Hände; Hulda aber sagte, halb böse: das ist nicht hübsch von Euch; sie legte das erglühende Gesichtchen auf Alma’s Achsel, denn sie schämte sich vor den beiden Mädchen, denen die Geschichte der viertelstündigen Krankheit und Genesung das Geheimniß ihrer unendlichen Liebe, so wie die Gewalt der Eifersucht über ihr armes Herz, verrathen hatte.

Mein liebreizendes Mädchen, flisterte ihr Alma, die Purpurwange streichelnd, heimlich in das Ohr: zieh hin in Frieden, und hüte Dich vor solchem Krankwerden. Dein Mexikaner ist entsetzlich hübsch, dem kann kein Mädchen gram seyn; wehrst Du der Eifersucht nicht, so stirbst Du in den ersten acht Tagen nach der Hochzeit.

Haben Sie Anfälle der Art schon öfter gehabt? fragte Alonso mit gutmüthiger Besorglichkeit. Alle drei Mädchen mußten ihm in das Gesicht lachen, und Alma versicherte, daß dieß der guten Hulda zum ersten Male in ihrem Leben widerfahren sey; dießmal habe sie die arme Kranke geheilt, hinsichtlich der Zukunft aber hänge es vorzüglich von ihm ab, ob sich der Anlaß zu öfteren Rückfällen zeigen werde.

Aber Alma, rief Hulda verlegen und unwillig, und eilte, um den Neckereien der beiden heillosen Mädchen zu entkommen, in den Saal; Alonso, dem dieß alles Hieroglyphen waren, fragte Gustchen scherzend, ob er verrathen oder verkauft sey, und diese entgegnete ihm mit schäkerndem Muthwillen: verrathen +und+ verkauft.

Ein kurzer Trompetenschmetter rief zur langen Tafel. Alonso, dem dieses europäische Speisesignal fremd war, fragte Alma nach der Bedeutung desselben, und während ihm diese erklärte, daß der Trompetenschall für jeden Herrn das Zeichen sey, der Dame, neben der er bei Tafel sitzen sollte, den Arm zu bieten, und sie in den Speisesaal zu führen, war Casperchen gekommen, und hatte der erschrockenen Hulda eröffnet, daß ihm das Glück zu Theil worden sey, für diesen Abend ihr Tischnachbar zu seyn; Alma, die im Gespräch mit Alonso, davon so wenig, als dieser selbst bemerkt hatte, ward von einem jungen Herrn abgeholt; Gustchen flog bereits mit ihrem Bräutigam der Tafel zu, und Alonso, der jetzt allein im Ballsaale stand, und sich in der süßen Hoffnung, neben Hulda zu sitzen, nach dieser umsah, bekam vor Unmuth fast eine Ohnmacht, als Hafen-Capitains unausstehliches Linchen auf ihn zueilte, sich Glück wünschte, vom umsichtigen Wirth des Hauses, einem so interessanten Manne, zur Tischnachbarinn bestimmt zu seyn, ihn um seinen Arm bat, und die Versicherung hinzufügte, daß sie sich über alle Maßen freue, recht viel von seinem Vaterlande zu hören, daß Neuspanien ihr Lieblingsland, und es, von ihrer frühesten Jugend an, ihr höchster Wunsch sey, in jenen herrlichen Gefilden, wo Gold und Silber, wie hier zu Lande die Feldsteine, umher lägen, das Hüttchen ihres häuslichen Friedens für immer zu bauen.

Der häßliche Mischmasch mit den Tischplätzen war von Suschen und Linchen gekartet worden. Caspar hatte, nach Gustchens Anordnung neben letzterer, und Alonso, wie sich von selbst verstand, neben Hulda sitzen sollen. Casperchen aber erklärte seiner Schwester, daß, wenn er nicht neben Hulda zu sitzen komme, er gleich nach Hause fahre, und Linchen steckte Suschen, der junge Mexikaner habe sich recht bitterlich bei ihr beklagt, beim Tische ihre Nachbarschaft einzubüßen, und so hatte denn Maklers Suschen den Wechsel der Plätze eigenmächtig veranstaltet, und freute sich, dem Bruder der Freundinn und dem armen Capitain geholfen zu haben; auch Hulda, meinte sie, werde ihr heimlich Dank wissen, denn was konnte ihr an dem Amerikaner liegen, der in wenigen Tagen, vielleicht auf ewig, wieder in See stach, statt daß Casperchen sich mit seinem in London ihm zugeströmten Gelde hier niederließ, und nach dem, zwischen den beiden Müttern längst verabredeten, der armen Hulda aber noch nicht bekannten Plane, dieser ehestens seine Hand zu bieten bestimmt war.

Hulda aß, vor Unmuth über den unwillkommenen Nachbar, an dessen Stelle sie sich einen ganz andern gedacht hatte, keinen Bissen, und sprach kein Wort. Casperchen erzählte ihr von London, von seinen Geschäften und von seinem Gelde, lobte ihre schöne, weiße Haut und ihr Fleisch, und versicherte recht spaßhafter Weise, daß eine Brittinn, mit der er eine kleine vorübergehende Liebschaft gehabt habe, ihr ähnlich sehe, wie eine Schwester der andern, ließ nicht undeutlich fallen, daß er, des Herumschwärmens müde, nunmehr in den Stand der heiligen Ehe zu treten, nicht übel Willens sey, daß er, wie er sich recht zart ausdrückte, glaube, seine Hörner abgelaufen zu haben, und nun eine Frau suche, die sich in der Welt zu zeigen wisse, ihn seinen Gang gehen lasse, und dabei so hübsch sey, daß sich alle Leute wundern müßten, wie er zu der schönen Frau kam.

Hulda hörte von dem unerträglichen Gespräche keine Sylbe; sie sah links weg; schräg über, weit unten am Ende der fast unabsehbaren langen Tafel, saß Alonso; er aß und trank, als sollte er von morgen an, zeitlebens auf der Hungerinsel Kodiak hausen; man sah es ihm an, er aß und trank nur aus Verdruß. Der zudringlichen Karoline, die ihn mit tausend Fragen peinigte, antwortete er nur mit Kopfnicken oder Schütteln, denn sprechen konnte er nicht, weil er beständig entweder volle Backen, oder das Glas am Munde hatte. So ärgerlich Hulda auch war, sie mußte doch über ihn lachen; je zärtlicher ihm Karoline zusetzte, desto größere Bissen steckte er sich in den Mund; je deutlicher die Ausbrüche ihres Liebesdranges wurden, in desto längeren Zügen schlürfte er seinen Wein, so daß, als sie alle Register vergeblich gezogen hatte, und er auf alles nichts, oder höchstens ein kurzes hm, erwiederte, sie eher neben einem Kannibalen, als neben einem Neuspanier zu sitzen wähnte.

Jetzt kam -- der Spaßvogel, der Herr Oberkonstabler hatte die witzige Gesundheit:

Es lebe, wer gern trinkt und liebt, Und seiner Nachbarinn ein Küßchen giebt

ausgebracht, -- die Reihe an Alonso. Linchen machte die Schalkhafte; sie breitete die Serviette, wie einen Vorhang, zwischen sich und ihm, und versteckte sich schäkernd dahinter, den Sturm des liebeglühenden Amerikaners mit Verlangen erwartend. Alonso aber that, als habe er von der ganzen Gesundheit keine Sylbe gehört, und als Linchen des längern Harrens müde, den zärtlichen Schelmenblick über den obern Rand ihres Keuschheitserviettchens warf, saß er ganz ruhig und bearbeitete die gutgespickte Brust eines feisten Fasans, mit unendlichem Appetite; die Umsitzenden lachten laut, und Linchen schmollte mit dem mexikanischen Klotze, wie sie ihn nun nannte, von Grund des Herzens.

Gustchen, das am ganz entgegengesetzten Ende der Tafel saß, und in der Meinung stand, Alonso und Hulda im traulichsten Gespräch zusammen zu finden, erstaunte, als sie jetzt an des Bräutigams Arm die Runde machte, um mit den Gästen ihres Vaters ein freundliches Tischwort zu wechseln, nicht wenig, Freund Alonso hier neben Hafencapitains Linchen, und drüben schräg über, Hulda neben Casperchen zu finden. Sie fragte Alonso heimlich, was ihn bewog, seinen Platz, den sie ihm neben Hulda bestimmte, zu wechseln; dieser aber, da er hörte, daß ihm sein Recht, durch die Eigenmächtigkeit eines Dritten, gekürzt wurde, sprang auf, eilte, mit zornfunkelnder Röthe im ganzen Gesichte, zu Casperchen, tippte ihm so kräftig auf die Achseln, daß dieser noch acht Tage daran zu fühlen hatte, und ersuchte ihn, augenblicklich aufzustehen, und ihm Platz zu machen. Hulda zitterte vor Schreck am ganzen Körper, Casperchen aber sah sich um, affektirte den Unbefangenen, und that, als verstände er die sonderbare Zumuthung nicht.

Herr, sagte Alonso, seiner Wuth fast nicht mehr Meister: ich breche Ihnen hier auf dem Fleck Ihre kranken morschen Knochen in einander, wenn Sie mir nicht den Augenblick meinen Platz räumen. Zaudern Sie nur eine Sekunde, so trete ich Ihnen das Lebenslicht mit den Beinen aus. Er blickte ihm dabei so grimmig in die Augen, und griff ihm in das mürbe Schulterblatt, auf dem zufällig seine Hand lag, so gräßlich, daß Casperchen wohl abnahm, wie mit dieser Riesenkraft nicht zu spaßen sey.

Um kein Aufsehen zu machen! entgegnete Casperchen, und die Lippen flogen ihm, daß er kaum reden, und die Kniee schlotterten ihm, daß er kaum gehen konnte; und so schlich er, hinter der Tafel, die ihn fast laut bespöttelte, zur böslicher Weise verlassenen Lina, die das erbärmliche Surrogat ihres verlornen Mexikaners kaum eines Blickes würdigte.

Was haben Sie gemacht? fragte Hulda den siegreichen Alonso, mit verhaltenem Unwillen. Die ganze Gesellschaft sieht mit zweideutigem Blick auf mich; ich sitze wie am Pranger, und morgen bin ich das Gespräch aller Zirkel in der ganzen Stadt.

Was ich gemacht habe? erwiederte Alonso, bis zum Muthwillen fröhlich -- mir mein Recht bewahrt, und das ist jedes Ehrenmannes Pflicht. So lange ich glaubte, daß der Wirth des Hauses mich da hinüber neben die Schmachtlampe bestimmt hatte, so lange mußte ich, als Gast, seine getroffene Einrichtung ehren; sobald aber Gustchen mir sagte, daß mir Unrecht geschah, sobald mußte der Patron, der mir schon vom ersten Eintritt in die Gesellschaft, wie Brechpulver war, wieder herausgeben, was er mir raubte; und hätte es mir, oder ihm, auf der Stelle das Leben kosten sollen, ich wäre nicht gewichen. Der Seelenverkäufer hat mir eine Stunde gestohlen, die mir mit dem ganzen Lumpenleben dieses Lurrendrehers[29] nicht ersetzt werden kann -- und was die Stadt anbelangt, die lassen Sie sprechen, was sie will; sie soll hoffentlich noch mehr von uns zu erzählen bekommen; glauben Sie, die meisten Menschen, selbst in den Zirkeln der höheren Stände, die wir für die geistreichern halten sollen, wüßten oft gar nichts zu reden, wenn sie nicht über die Leute sprechen dürften. Die Stadt wird uns ordentlich verbindlich seyn, wenn wir ihr einmal etwas zu reden geben. -- Hulda, setzte er ernster werdend hinzu: meine einzige, liebe Hulda, reichen Sie mir Ihre Hand, ich bringe Ihre Gesundheit aus, und die ganze Stadt weiß alsdann, woran sie ist. --

Hulda verging fast vor Todesangst, denn er griff schon zum Glase, und wollte sich vom Stuhle erheben.

Stürmisches Ungethüm, sagte sie, und wollte böse seyn, und konnte doch nicht auf ihn grollen; aber mit Wort und Blick bat sie auf das dringendste, sie nicht in diese entsetzliche Verlegenheit zu setzen. Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt, fügte sie, mit niedergeschlagenen Augen hinzu, denn sie fühlte, daß das, was sie sagen wollte, mehr, als ein halbes Jawort war, aber der Dränger -- preßte er es ihr nicht durch den kecken Vorsatz ab, ihre und seine Gesundheit, als Braut und Bräutigam, ausbringen zu wollen? Mußte sie, um ihn davon abzuhalten, nicht zum letzten Mittel greifen? Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt; was würden die meinigen von Ihnen halten müssen, wenn Sie hier, ohne ihnen ein Wort gegönnt zu haben --

Darf ich kommen? wann? morgen früh? wie viel Uhr? fiel er ihr in die Rede, und küßte, vor Freude halb unsinnig, ihr die Hand bald wund.

Aber Alonso, sagte flehentlich die vom ganzen Umkreise mit Lorgnetten und Brillen Beliebäugelte: die ganze Gesellschaft sieht ja auf uns; wir sind ja nicht allein!

Wollte doch Gott, erwiederte er lachend: wir säßen auf den berüchtigten Inseln zwischen dem Nordcap Tschalaginskoi und Siberien; die sind von Rhinoceros- und Elephantenknochen zusammen gefroren; auf denen wohnt kein Mensch; dort sähe uns Niemand!

Hulda wollte sich dieses paradisische Eldorado verbitten, aber eben kam Gustchen, und meldete ihr den Wunsch des Vaters, baldigst zu Hause zu kommen, weil die Mutter wieder recht krank sey. Sie stand daher eilig auf, bat, vorfahren zu lassen, und hörte, von der unerwarteten Nachricht erschüttert, nur mit halbem Ohr, Alonso’s Bedauern, daß sie die Gesellschaft so zeitig verlasse, so wie seine wiederholte Frage, ob und wann er morgen früh kommen dürfe, und seine kaum gewagte Bitte, heute Abend noch, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, wenigstens morgen ihrer Blumen auf dem Balkon zu gedenken. Er begleitete sie bis zum Wagen, und schien wohl auf einen Gutenachtkuß im Stillen gerechnet zu haben, aber, vor dem Kutscher und den zwei Bedienten mit Windlichtern und Fackeln, hatte der Schüchterne doch nicht den Muth, sich vielleicht einer abschlägigen Weisung auszusetzen.

Was sollte er jetzt noch in der Gesellschaft! er flüchtete in seine stille Kajüte, und blickte, von Zeit zu Zeit, mit der stillen Sehnsucht glühender Liebe, nach dem Balkon hinauf, aber es ward tiefe Mitternacht, und Hulda blieb aus.

Die Kindespflicht fesselte sie an das Bette der leidenden Mutter, die wieder recht krank gewesen war, jetzt aber ein wenig mehr Ruhe bekam, und nach einer Weile einschlummerte.

Der Vater winkte dem Mädchen in das Nebenzimmer.

Wie ist es gekommen, fragte Hulda ängstlich, daß Mutterchen so plötzlich wieder erkrankt ist? sie befand sich heute Mittag so wohl! hätte ich den Rückfall nur ahnen können, ich hätte ja keinen Fuß aus dem Hause gesetzt; ich mache mir jetzt ordentlich ein Gewissen daraus!

Wie ist es gekommen, erwiederte der Vater verdrüßlich: Du warst kaum fort, so ließen sich Maklers melden; ich kann die scheinheiligen Menschen, die ewig und immer die Gottesfurcht im Munde und die unmenschlichste Kälte im Herzen haben, nicht leiden, und bat, daß sie ihnen absagen lasse; aber sie meinte, daß ihr recht wohl sey, daß sie sich nach Unterhaltung sehne, daß sie die Veranlassung des Besuches schon wisse, und sie daher nur kommen möchten. Ich ging, weil ich das frömmelnde Wesen der beiden Menschen nun einmal platterdings nicht ausstehen kann, auf die Ressource, und kam vor einer Stunde erst wieder. Da rief mich denn die Mutter an das Bette, und machte mich, nach einer langen, weit ausgeholten Einleitung über die Nothwendigkeit, auf Dein zeitliches Glück nun mit Ernst bedacht zu seyn, mit dem ihr, diesen Nachmittag, eröffneten Antrage der Eltern bekannt, Dich ihrem Caspar zur Frau zu geben?

Mich? -- dem Caspar? fragte Hulda erbleicht.

Mach’, was Du willst, fuhr der Vater fort: aber ich kann mir nicht denken, daß ein reines keusches Mädchen, wie Du, meine Hulda, mit dem ausgemergelten Menschen glücklich seyn kann. Ich habe ihn heute früh gesehen. Wie die leibhaftige Sünde sieht er aus, und dabei so brutal, so plump, so ungeschlacht! das soll englisch seyn! der Narr! Die Britten sind Ehrenleute, die auf feine Manier und Anstand, auf Sitte und Anspruchlosigkeit eben so streng halten, als wir. -- Mein einziges Kind diesem entnervten Wüstlinge in die Arme zu legen! -- nein, es wäre mir nicht möglich. -- Ich entgegnete dieß der Mutter, aber sie bestand mit ungewohnter Festigkeit darauf; sie lobte die Eltern, als fromme christliche Leute, den Sohn als gewandten, mit Glücksgütern reich begabten Kaufmann; und das Suschen, das einfältige Ding, das allen Menschen nach dem Munde redet, um sich bei allen einzuschmeicheln, als ein gefügiges liebenswürdiges Wesen, versicherte wiederholentlich, daß sie für Dich und uns kein größeres Glück kenne, als Dich in diesem Hause aufgehoben zu wissen, in welchem Religion und Tugend heimisch wären, und wo in einem Tage mehr und frömmer und andächtiger gebetet werde, als in der ganzen Stadt in einem Jahre, und bestürmte mich um meine Einwilligung in die Verbindung.

Ich war bis dahin recht ruhig geblieben, und hatte mich möglichst zu fassen gesucht; als ich aber aus ihren Reden merkte, daß von Caspars Eltern, die, wie Du weißt, auf die Mutter von je an, einen unbegreiflichen Einfluß gehabt haben, diese Parthie schon seit längerer Zeit abgekartet war, und ich gewahrte, daß sie, ohne meinen Einwendungen vorhaltende Gründe entgegen zu setzen, auf ihrem Willen fest beharrte, mochte ich -- es galt ja Dein ganzes Lebensglück, mein einzig liebes Kind -- mochte ich wohl etwas zu heftig geworden seyn. Unser Zweisprach ward immer lebhafter, ich vergaß, daß die arme Mutter krank war, ich platzte mit dem, seit Jahren schon verhaltenem Grolle gegen das Schleichervolk, die Maklers, aus der Brust heraus, und das erschütterte dann die Mutter so, daß sie in die heftigsten Krämpfe verfiel, und ihr Zustand so bedenklich ward, daß ich Dich holen lassen mußte. Habe ich gefehlt, so mag mir Gott verzeihen, aber sprach ich nicht für Dich, wer sollte Deiner sich annehmen, und wo ist der Vater, der bei ruhigem Blute bleiben kann, wenn er sieht, daß sein Kind, sein einziges Kind, aus bloßem Vorurtheil, aus blinder Geistesbefangenheit, um das Heil seines ganzen Lebens hienieden gebracht werden soll. Jetzt geh, meine Tochter, und leg’ Dich nieder, und bete zu Gott, daß er der Mutter erkaltetes Herz erwärme, damit sie von Dir nicht fordere, was Deinen Vater in die Grube bringen würde; denn den Menschen an Deiner Seite als meinen Schwiegersohn, zu sehen, würde ich kein halbes Jahr überleben.

Seyn Sie auf die Mutter nicht böse, mein Vater, hob Hulda an, und weinte kindlich fromme Thränen: sie meint es gut mit mir, und glaubt, mein Glück durch diese Verbindung zu begründen; wenn ich ihr aber sagen werde, daß ich den Menschen +nie+ lieben +kann+, wird sie sicher von dem Plane abstehen. Sie ist ja gut und verständig; ich will schon mit ihr reden, daß meine Worte Eingang finden sollen in ihr mütterliches Herz.

Thue das, mein Kind, sagte der Vater: und leg Dich nun zur Ruhe, und bereite Dich zu morgen vor, daß Du gefaßt bist, und ihre Wünsche zurückweisen kannst, ohne Gefährdung ihrer Gesundheit.