Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch

Part 4

Chapter 43,809 wordsPublic domain

Sie sind Braut, fuhr er fort: Sie verstehen mich daher, Sie müssen, Sie werden mich verstehen. Sagen Sie dem Götterkinde mit den großen brennenden Augen da drüben, daß es mich zum Glücklichsten aller Glücklichen machen kann. Der Orizava bei uns, hat zwanzig Jahre lang Feuer gespieen, aber er ist gegen die Glut, die mir hier in der Brust lodert, ein wahrer Bärenberg[25] auf der Iwan-Maien-Insel.

Gustchen wehete sich, das Lachen verhaltend, Kühlung mit dem Taschentuche zu.

Sprechen Sie mit dem Engelskinde, sagte der Capitain ängstlich bittend und nahm Gustchens Hand zwischen die seinen: ohne Hulda kann ich nicht zurück; ich bin ihr fremd, und in den Paar Tagen meines Hierseyns kann sie mich nicht kennen lernen, nicht liebgewinnen; aber -- ach Gott, wenn ich mich ihr nur so recht -- ich weiß selber nicht, wie ich sagen soll; so ist mir in meinem Leben nicht gewesen; ich möchte, daß sie durch mich durchsehen könnte, sie würde keinen Schattenfleck in mir finden; ich bin rein und klar, und was ihr Herz nur wünschte, will ich ihr gewähren. Auf den Händen will ich sie tragen, sie soll ein Leben haben, wie im Himmel. Gustchen, liebes englisches Gustchen, sprechen Sie mit ihr, aber heute noch; morgen ist dann unsere Verbindung, und --

Warum nicht lieber heute gleich? fiel ihm Gustchen, dem die entsetzliche Eile höchst komisch vorkam, in das Wort.

Mir auch recht, fuhr er ernsthaft und dringend fort: auch heute noch. Meine Ladung ist gelöscht, mein Schiff hat die Rückfracht eingenommen, ich kann morgen fort -- mit ihr, mit ihr in See.

Aber, mein Himmel, fragte Gustchen, und schüttelte über den unaufhaltsamen Ehelustigen den Kopf: warum denn das alles so rasch?

Ich kann, ich darf nicht warten, entgegnete der Capitain: ich gehe von hier nach Vera Cruz, verweile ich hier zu lange, so komme ich im März hin -- und Kind, dann wirthschaften dort unter dem brennenden Himmel der Tropen-Länder, die Nordwestwinde so fürchterlich, daß das auftobende Meer oft hoch über Stadtmauer schlägt -- dann ginge meine Antoinette mit Mann und Maus zu Grunde -- und ach Gott, meine Hulda, mein liebes, niedliches Herzensmäuschen -- ich gäbe mich ja selbst jenseits nicht zufrieden, wenn diese durch mein Zaudern hier, dort im Angesichte des +Cofers von Perote+ und der Gebirge von +Villa Ricca+ ihr Blüthenleben in der Tiefe des Meeres endete. Gustchen, seyn Sie christlich. Sprechen Sie für mich. Im Tempel des Mondes, der auf dem Hügel von +Toatihuacan+ noch aus den Zeiten der +Olmeken+ dicht vor Mexico prangt, lasse ich, zum ewigen Danke, Ihren Namen in Gold graben.

Liebster Capitain, erwiederte Gustchen und legte sorglich die Hand auf seine Stirn: haben Sie Pulk[26] am Bord ihrer Fregatte?

Berauscht bin ich, Gustchen, versetzte Alonso: aber nur von der Liebe, und dieser selige Rausch soll nicht eher verfliegen, als bis die Granitwände des Hafens +Acapulco+ zu Staub zermürmelt sind.

Aber lieber Freund, erwiederte Gustchen, mit herzlicher Theilnahme: Ihre Liebe, verzeihen Sie meiner Offenheit, aber sie kommt mir vor, wie die +Nortes de Hueso colorado+, in ihrem Meerbusen, von denen Sie uns heute Mittag erzählten.

Ein Windstoß -- ein rasender Windstoß nur sollte meine Liebe seyn? fragte Alonso laut lachend. Mein Kind, lesen Sie +Halley+, und +d’Alembert+, +Bernoulli+ und +de Luc+; die werden Ihnen von den +beständigen+ Ostwinden zwischen den Wendekreisen ein Mehreres erzählen; zu +der+ Sorte, Engel, gehört meine Liebe.

Also immer doch Wind, und Wind und Wind, fiel ihm Gustchen bedenklich in das Wort.

Der Wind ist mein Element, Gustchen, sagte Alonso entschuldigend: er führte mich hierher und mit seiner Hülfe werde ich meine himmlische Hulda, die glänzendste aller Prisen, glücklich aufbringen.

Haben Sie denn schon den Marquebrief dazu, mein Herr Capitain, fragte scherzend Gustchen: ohne diesen, nehmen Sie sich in Acht, unsere See-Gesetze sind streng, ohne diesen sehen wir Sie als Räuber an.

Sie sollen mir den Marquebrief ausfertigen, Gustchen, Sie, entgegnete Alonso, und schien die Idee zu haben, daß sie die Sache gleich in’s Werk setzen sollte; aber Gustchen fragte, was er wohl glaube, daß Hulda von ihm denken werde, wenn er nach der ersten Unterhaltung von wenigen Minuten ihr, ohne sie im mindesten näher zu kennen, seine Hand antrage, und von ihr verlangen wolle, sich hierüber gleich stehenden Fußes zu erklären. Vater und Mutter auf immer und ewig zu verlassen, setzte Gustchen hinzu: und einem Manne, mit dem man keine tausend Worte gewechselt, den man kaum sechszig Minuten gesehen hat, zwei tausend Meilen weit zu folgen, und ihm die ganze Lebenszeit zu gehören, Freund Capitain, ist diese Idee kein Windstoß? und dann, Sie selbst, Sie wissen ja vom Mädchen nichts, als daß es hübsch ist. Von seinem frommen Wandel, von der Reinheit seiner Sitte, von seiner Häuslichkeit, von seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, von seinem fröhlichen, heiteren Sinn, von seiner himmlischen Herzensgüte, wissen Sie noch kein Wort! Lernen Sie dieses seltene Wesen, mit seinem rein kindlichen Gemüth, mit seinem Zartgefühl, im ganzen Umfange seines Werthes erst kennen, recht genau kennen, ergründen Sie in der Tiefe dieser schönen Seele, die in ihrer Lage wahrhaft heilige Gabe, zwischen Vater und Mutter, die ewig kalt neben einander durch das Leben gehen, die versöhnende Vermittlerinn zu seyn; betrachten Sie die namenlose Liebe, mit der jedes der unter sich heimlich verfeindeten Eltern, an diesem ihnen, im eigentlichen Sinne des Worts, von Gott gesandten Kinde hängt, und wie es jedem derselben, das, durch ihre sonderbare gegenseitige Stellung freudenleere Leben, durch die zarteste Pflichterfüllung, durch die anständigste Beseitigung aller Veranlassungen zu Mißhelligkeiten, und durch Scherz und Frohsinn zu versüßen weiß, und Sie werden es lieben müssen.

Aber da soll doch mein großes Raa-Segel, mit allen Bolten, Schoten, Halsen und Nockbindseln, wie mitten von einander reißen! Gott verzeih mir die schwere Sünde, aber ich liebe das Mädchen ja schon bis zum Rasendwerden. Gustchen, wenn Sie das noch nicht weg haben, so ist ihr Peil-Compaß keinen Schuß Pulver werth. Sie reden vom Kennenlernen; als ob ich das Himmelskind nicht schon durch und durch kennte; alle Menschen, die ich hier spreche, sagen, was Sie sagen; überall höre ich nichts als Gutes -- und ach, schon in Mexico -- ich war, glaube ich, noch nicht einmal wohlbestallter Seecadet -- betete ich dieses Ideal schon an, mit einer Gluth, mit einer --

In Mexiko? fragte Gustchen gespannter und war nahe daran, ihn für wenigstens halb wahnsinnig zu erklären.

Sagen Sie, hob er über etwas tief brütend an: hat sich Hulda je mahlen -- doch das ist ja wieder nicht möglich; ich sah das Bild vor länger denn zehn Jahren, und da war Hulda ja noch ein Kind.

Wahrhaftig, ich glaube, Sie reden irre, hob Gustchen scherzend an: was denn vor ein Bild?

Hat Hulda, versetzte Alonso, im Sinnen und Nachdenken ganz verloren: irgend eine ältere Person ihrer Familie, etwa die Mutter oder eine Verwandte, der sie ähnlich, aber sehr ähnlich sieht?

Der Mutter, entgegnete Gustchen, den Sinn der sonderbaren Frage nicht verstehend: gleicht sie zum Sprechen, nur daß diese natürlich 20-22 Jahre älter ist und durch beständiges Kränkeln --

Zum Sprechen? fiel er ihr hastig in das Wort; ist die Mutter hier?

Die finden Sie in keiner Gesellschaft; seit dem ersten Augenblicke ihres Hierseyns ist, wie die Eltern mir oft erzählt haben, die Kirche der einzige Ort gewesen, den sie besucht; sie scheint mit der Welt zerfallen zu seyn, und meidet alle Menschen. Außer alten Maklers, die zu den Stillen im Lande gehören, geht sie mit keiner Seele um.

Seit dem ersten Augenblicke ihres Hierseyns sagen Sie, fuhr Alonso in großer Spannung fort: ist die Mutter nicht von hier?

Nein, erwiederte Gustchen, und konnte nicht begreifen, was der Großinquisitor mit allen diesen umständlichen Fragen wollte: sie ist, wenn ich nicht irre, aus Frankfurt am Main.

Alonso fuhr bei dem Worte, wie vom Blitz getroffen auf. Merkwürdig, rief er und legte sich die Hand vor die Augen, als starre er vor dem verworrenen Gewebe der menschlichen Schicksale, zu dem er den Faden fand, erschrocken zurück: aus Frankfurt am Main? Gustchen, wäre ich Intendant von Mexico, für diese Nachricht beliehe ich Sie auf ewige Zeiten mit den Silbergängen von +Guanaxuato+, +Zacatacas+ und +Tasco+.

Gustchen hielt lachend die Hand hin, um den Muthschein auf diese unermeßlichen Gruben in Empfang zu nehmen, aber Alonso eilte fort, ging in eines der entlegensten Zimmer, das eine Alabaster-Lampe mit ihrem traulichen Halbdunkel beleuchtete, warf sich dann auf das Sopha, und verlor sich in die Erinnerung seiner Jugend, und in die Pläne seiner Zukunft. Die Stille des Kabinets that ihm unendlich wohl, und das Rauschen der fernen Tanzmusik wiegte ihn in die süßesten Träume.

Nach länger denn einer Stunde fand ihn Gustchen, das mit dem Bräutigam jetzt kam, um ihn aufzusuchen.

Ist das, hob die Muthwillige an: auf Ihren mexikanischen Bällen Mode, daß die jungen Herren, statt fröhlich zu tanzen und guter Dinge zu seyn, -- sie wollte weiter reden, aber da fiel ihr Blick in seine nassen Augen, die durch zerdrückte Thränen die sanfte Bitte thaten, seiner nicht zu spotten.

Was ist Ihnen, Freund? fragte Woldemar, der Bräutigam, mit milder Rede: Auguste hat mir mitgetheilt, was Sie ihr vertraut; seyn Sie offen gegen uns, wir meinen es ehrlich und gut; was ist Ihnen?

Nichts, nichts, entgegnete Alonso wehmüthig lächelnd: ich dachte nur an meinen Vater! wenn der noch lebte, und ich führte ihm Hulda als Tochter zu -- ich kenne kein seligeres Glück. Laßt, ich bitte Euch Kinder, laßt Euch durch das sonderbare Gefühl, was mich überrascht hat, in Eurer Freude nicht stören. Auf der ganzen Erde, in Eurer alten und in meiner neuen Welt, habe ich Niemand, der die entsetzliche Leere füllt, die mir das Herz so weit und so öde macht; ich habe mich in Arbeit und Geschäfte gestürzt, und meinte, darüber das himmlische Sehnen zu vergessen, was mit süßem Schmerze die Brust mir zerquält. Aber an all dem Gelde, womit Fleiß und Ordnung sich bei uns so reichlich belohnt sehen, konnte ich keine Freude haben; es fehlte mir immer und immer, was ich zu nennen nicht vermochte, da sah ich Euch Beide, vom trauten Familienkreise umschlossen, täglich im Arme bräutlicher Liebe, hörte von Euren Lippen Euer Glück preisen, las in Euern Augen Euer neidenswerthes Loos, und wußte nun, was mir gefehlt hatte. Hulda -- Ihr kennt ja die Scham der Liebe; sie kann und mag die Geschichte ihres Geheimnisses nicht verrathen; ich weiß auch selbst nicht mehr, wie das Alles kam; aber wie ich sie das Erstemal sah -- mein Vater, ich war noch Kind, als er starb, aber jene Stunde, die letzte seines Lebens, werde ich nie vergessen -- der ließ sich von Manuel, seinem treuen Sclaven, aus dem Wand-Schränkchen, wozu er Schlüssel unterm Kopfkissen hervorholte, ein Miniaturgemälde bringen -- ich sehe es noch vor mir; ein schön gestalteter Frauenkopf; vor allem fiel mir die Lockenpracht des dunkelen Haares auf; accurat so hatte mein Vater einen Onyx, auf dem sich eine herrliche Camee der Julia, der Tochter des Kaisers August befand; mit kindischer Neugierde fragte ich ihn, ob das die Kaisertochter Julia sey; aber, als ich das schwarze brennende Auge sah, und die Purpurlippen und das Lächeln in den Mundwinkeln, da meinte ich, es sey wohl meine selige Mutter, denn so hatte Manuel mir sie oft beschrieben, der sie gesehen, als sie mit dem Vater eben aus Europa gekommen war.

Sie sollte es seyn, entgegnete mein Vater, und betrachtete das Bild lange mit thränenschwerem Auge, und drückte es an seine, in leisen Todesschauern zuckenden Lippen. Seitdem habe ich das Bild nie wieder gesehen, ich weiß auch nicht, wohin es nach dem Tode des Vaters kam, aber die sanften Züge dieses himmlischen Gesichts, waren mir geblieben; allmählich war die Idee an die wunderschöne Kaisertochter und an die Mutter, aus meiner Seele geschwunden, und an beider Stelle ein Wesen mir vor die Phantasie getreten, das meine Heilige ward. Ich sah es in meinen Träumen, ich liebte es als meinen Schutzgeist, bis ich nach und nach älter ward, und dieß Nebelbild meiner jugendlichen Schwärmereien allmählich aus dem Gedächtnisse verlor. Aber als ich hier Hulda das erste Mal sah, das schwarzbraune Haar in Flechten und Locken wie die Camee der römischen Kaisertochter; die seelenvollen großen Augen unter den schön geschweiften Bogen; die würzigen Lippen; den Carmin auf der pfirsichsammetnen Wange, den zartgeformten Hals; die volle, in frommer Keuschheit ruhig wogende Schwanenbrust, und über das alles den Geist der höchsten Anmuth, den Himmelsglanz der reinsten Unschuld, den unnennbaren Zauber der süßesten Liebe, da hatte ich meinen Schutzgeist, die Heilige meiner Jugend wiedergefunden. Sie oder keine! hat mein Herz laut gesprochen. Jetzt wißt Ihr, meine Freunde, wie es mit mir steht! helft mir, mein Glück mit erringen. Ohne Hulda kann ich nicht leben.

Der Bräutigam schloß Alonso herzlich an seine Brust, und stimmte in Gustchens Versicherung ein, daß, so viel sie wüßten, Hulda’s Herz noch frei sey, und -- doch sie trat mit Emma, Gustchens Schwester, eben selbst in das Kabinet. Beide Mädchen hatten das Brautpaar in allen Zimmern gesucht, und Hulda war nicht wenig überrascht, dasselbe in tiefem und wie es schien, in recht ernstem Gespräch mit Alonso verloren, hier zu finden.

Wir sprechen von Ihnen, hob Alonso an und erfaßte ihre Hand, und machte ein so feierliches Gesicht dazu, daß Gustchen angst und bange wurde, denn sie meinte, er würde gleich auf dem Fleck um Hulda förmlich anhalten. Bei Unterhaltungen dieser Art war, nach ihrer Ansicht, jeder Zeuge lästig; sie entfernte sich also mit ihrem Bräutigam und Emma heimlich, und Alonso wußte dieß ihr Dank, denn er mußte seinem Herzen Luft machen, und Hulda sagen, wie unendlich er sie liebe.

Hulda hörte ihm mit stillem Wohlgefallen zu; er sprach mit sanfter, ernster Rede, wie es dem Manne ziemt, wenn er das heilige Geheimniß seines Herzens dem Mädchen gesteht, das er sich zur Lebensgefährtinn erkohr. Sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah; sie hörte das Geständniß seiner Liebe mit einer Fassung, als wäre sie darauf vorbereitet. -- Sie war es ja auch wirklich; sein Benehmen, seine Blicke hatten ihr ja längst gesagt, was jetzt seine Lippen mit so reizender Schüchternheit wiederholten. Er setzte ihr mit der Offenheit, die er ihr als rechtlicher Mann schuldig war, die Lage seiner Umstände aus einander, und aus seinen schlichten Aeußerungen über diesen Punkt, der ihr, einzig und allein um der Eltern willen, der Berücksichtigung nicht unwerth zu seyn schien, konnte sie wohl abnehmen, daß Alonso, in seinem Vaterlande, in welchem Personen von zehn und zwölf Millionen Piastern[27] nichts Seltenes sind, nicht der Aermste war, und einen ganz vorzüglichen Werth legte sie auf den Schluß seines Antrages, in welchem er sich erbot, seinen Wohnsitz, wenn es ihr in Mexico nicht gefallen sollte, künftig nach Europa, an jeden ihr beliebigen Ort verlegen zu wollen. An ihrer Seite, meine Hulda, setzte er herzlich und mit unbeschreiblicher Zartheit hinzu: werde ich in den milden Bambuswäldern von Loxa, wie in den wüsten Steppen des goldreichen Choco, in den ewig sanften Frühlingsländern von Xaleppa und Tasco, wie zwischen den grauenhaften todtenstillen Eiswänden auf Smeerenborg an der Spitze des Nordpols, glücklich und zufrieden leben; Sie schaffen mir in der neuen, wie in der alten Welt, mein Paradies, und eben so wenig, als der Vulkan von Masaya, dessen goldige Flammensäule, beständig und immer, zwanzig Meilen weit in das Land leuchtet, seines Feuerstrahls je beraubt werden wird, eben so wenig wird die Gluth meiner Liebe je verl --

Herr Kapitain, unterbrach ihn Hulda mädchenhaft züchtig, und schlug den Zauberblick ihrer zärtlichen Augen, in welchen das Entzücken der Liebe lächelte, vor dem lodernden Liebesvulkan zur Erde nieder: Sie sehen mich heute zum ersten Mal; diese Raschheit -- ich weiß nicht --

Entschuldigen Sie diese, hob Alonso bittend an, und legte ihre Hand auf sein stürmisch bewegtes Herz: mit der heißen Zone meines Geburtlandes; dort, wo die Ananas und der Pisang, das Zuckerrohr und die Fächerpalme, die Sie hier nur mit Glasfenstern und Oefen treiben, wild wachsen, wo alle, auch hier heimische Früchte, saftreicher und frischer gedeihen, wo manches, wie z. B. die Mimosen, die Sie hier im Blumentopfe als ärmliches Pflänzchen ziehen, mannhohes Buschwerk ist, wo die Tannen, wie z. B. auf dem Olymp in Neugeorgien, eine Höhe von dreihundert Fuß erreichen, dort sind auch die Menschen anders; ihre Leidenschaft ist glühender, ihr Handeln rascher, ihr Wirken kräftiger. Langes Zaudern, wie es das Ceremonielle der europäischen Sitte verlangen mag, verstattet mir meine Lage nicht. Schlagen Sie ein, meine einzige Hulda; mein Herz ist gediegen und schlackenfrei, wie das Gold im Berge +Ilimani+,[28] krystallrein meine Seele, gesund und frisch mein Blut; Gott sey mein Zeuge, daß ich Keine liebe, als nur Sie; die allererste Liebe, Hulda, Himmelskind, sind Sie, und neben Ihnen kann ich Keine denken.

Er umschlang das wunderschöne Mädchen, das in süßer Verwirrung sich vergaß und, ohne es zu wissen, das schmachtende Auge zu ihm aufhob, und ihm, mit beredtem Blicke, seine Gegenliebe schweigend gestand; da zog der Ueberglückliche die Heißgeliebte enger an die, in Freude und Seligkeit überströmende Brust, und die stummen Lippen näherten sich einander zum feierlichen Verlobung-K --

Aber Kinder, rief der Bräutigam, und klatschte lachend in die Hände, daß Beide auseinander prallten: der ganze Ball fragt nach dem Herrn Mexicaner und nach Ihnen, meine Hulda, und unterdessen steht Ihr hier, am fernsten Ende des Hauses, und raspelt mit einander Süßholz! Ja, wenn man heut zu Tage das junge Volk nur eine Minute aus den Augen läßt! Geben Sie mir den Arm, Hulda, und Sie, Capitain, folgen in einer Weile nach.

Hulda ging willenlos, und ihrer selbst sich unbewußt, neben dem Bräutigam her, denn sie war in diesem Augenblick mehr in Neuspanien, als auf dem Balle; Alonso aber stand eine lange Weile noch, in lautloser Verzückung in dem Cabinet, faltete die Hände hoch in die Luft hinaus, und rief endlich, als hätte es ihm bis dahin an Athem gefehlt: Hulda! Dein! mit treuer Liebe bis zum Tode, Dein.

Hulda hatte unterdessen zur Francaise antreten müssen; aber mit dem Tanzen ging es heute platterdings nicht; sie machte nichts als lauter Unordnung im ganzen Quarree, denn er stand ja da in dem Fensterbogen des Saales, mit verschränkten Armen, und starrte bald nach ihr herüber, bald sah er durch die schwitzenden Scheiben hinauf zu den Sternen. Droben waren Vater und Mutter. Beide hatte er kaum recht gekannt, aber es war ihm, als müsse er heute mit ihnen sprechen, ihnen sein Glück erzählen, und Sie um ihren Segen bitten.

Ein bildschöner Abend, sagte Hafencapitains Lina, die schon lange die Gelegenheit abgepaßt hatte, mit dem crösusreichen Capitain, das Gespräch anzuknüpfen, näherte sich ihm mit einer leichten Verbeugung, warf das Auge in den flimmernden Sternenhimmel, streifte auf dem Rückwege auf die arme Erdenwelt, mit ihren Blicken an dem reizenden Fremdling vorüber, und drückte die dürre Brust aus dem kaffeegelben brabanter Kantenbesatz ihres heidnisch zusammengeschnürten Ballleibchens möglichst heraus.

Bildschön, bildschön! entgegnete er, noch in tiefen Gedanken, und beantwortete ihre entgegenkommende Verbeugung mit einem kurzen Bückling.

Bei Ihnen zu Hause, fuhr sie fort, und fand den jungen Piaster-Adonis, den sie bisher immer nur von ferne gesehen hatte, im Geheimen ganz unaussprechlich liebenswürdig: ist es dort jetzt Tag oder Nacht?

Stockfinster, stockfinster, antwortete Alonso, ohne zu wissen, was er sprach, denn er hatte in die Sterne am Himmel, und in die der Augen seines Engels drüben in der Francaise gesehen, und sie hatten ihm freundlich geleuchtet.

Des Hafencapitains eitles Töchterchen vermeinte, in seiner Kurzsylbigkeit ein stummes Zeichen seiner Huldigung zu finden; ihr Liebesreiz hatte den blöden Schäfer befangen gemacht, er hatte vor Entzücken die Sprache verloren; ich habe mir, hob sie, um das Gespräch weiter zu führen, und nach und nach die unsichtbaren Fesseln zu lösen, in die ihn ihr zartes Entgegenkommen geschlagen hatte, traulich an: ich habe mir dort alle Menschen schwarz gedacht; indessen --

Pechschwarz, pechschwarz! fiel er ihr in das Wort, und ging aus dem Fenster, als triebe ihn die Unleidliche von dannen; sie aber sah ihm zärtlich lächelnd nach; zehnmal wiederholte sie sich sein bildschön, stockfinster, und pechschwarz; mehr, als die drei Worte hatte sie von ihm nicht gehört; aber sie hallten in ihrem girrenden Taubenherzen wieder, als hätte sie ein Seraph zu ihr gesprochen.

Allen ihren Bekanntinnen erzählte sie, was der Mexikaner für ein ganz allerliebster Mensch sey; ihr guter Geist müsse ihr gerathen haben, die Francaise nicht mit zu tanzen; sie habe unterdessen eine Unterhaltung mit dem Manne gehabt, die ihr tausendmal lieber gewesen sey, als zehn Cottillons und alle Francaisen der Welt. Hulda, deren Tanz eben beendigt war, stand in der Nähe und hörte jedes Wort.

Ein Glück war, setzte Lina mit recht feiner Koketterie hinzu: daß uns Niemand behorchte, denn der Mensch hat die Gabe, einem so niedliche Schmeicheleien zu sagen, daß man wahrhaftig recht bescheiden seyn muß, um nicht ein Bischen sehr eitel zu werden.

Was sprach er denn von pechschwarz? fragte des reichen Rheders goldgelockte Tochter Alma, die in ihrem Quarree, dem Fenster zunächst gestanden hatte.

Was mußt Du für Oehrchen haben, erwiederte Lina mit sichtbarer Freude, von ihm länger reden zu können. Wir sprachen von den Mexikanerinnen; er lobte ihr schwarzes, seidenes Haar, aber solch pechrabenschwarzes, wie das meine, betheuerte er, in ganz Südamerika nicht gefunden zu haben; er bestand darauf, daß ich ihm eine Locke mitgeben sollte, -- da kann der gute Freund aber lange warten.

Nun, und was war denn das mit dem stockfinster, fragte Alma weiter und die umstehenden Mädchen stießen sich heimlich mit den Elnbogen und ergötzten sich an des einfältigen Dinges ihnen längst bekanntem unerträglichem Dünkel; Hulda aber fühlte, wie die bitterste Galle sich auf die Frühlingssaat ihrer Liebe ergoß, und die frischen Keime alle, wie Mehlthau, vergiftete.

Nein, auch das hast Du gehört, sagte staunend Lina, und lachte: ei, das war nichts, als dummes verrücktes Zeug; ich lobte nämlich die Beleuchtung des Saals, und sagte, bei ihm, unterm Aequator könnte es in der Mittagsstunde nicht heller seyn; da meinte er aber, und legte die Hand sich auf das Herz, ihm sey alles stockfinster gewesen, bis ich in den Saal getreten; da habe ich ihm aber gut darauf gedient. Ich sage Euch, er kann einem Dinge weiß machen, man traut seinen eigenen Ohren nicht mehr. Aber liebste Alma, weiter hast Du doch nichts gehört?

Von bildschön war noch die Rede, versetzte diese, und wollte weiter reden, aber Linchen hielt ihr den kleinen Schelmenmund zu, und rief: nein das ist abscheulich von Dir; aber warte nur, ich will mich bei Dir auch einmal auf’s Horchen legen, und dann alles ausplaudern, ohne Schonung. Ich konnte ja nichts dafür, wenn Du Achtung gegeben hast, so wirst Du gesehen haben, wie er mir auf allen Schritten und Tritten nachging, und mich wie ein Schatten verfolgte, bis ich da, wo Du tanztest, an das Fenster kam; da konnte ich vor vier, fünf Herren, die dort standen, nicht weiter, und fing an zu sprechen, und --

Platz da, Platz da! erscholl es im Saale, und ein auf des Sturmwindes brausenden Flügeln heranwalzendes Paar schob Linchen, des Teufels Lügenkind, meuchlings auf die Seite, und sprengte das kleine, um sie versammelte Auditorium aus einander; Hulda wendete sich, sagte, im ganzen Gesicht kreideweiß und den zerreissendsten Krampf in der gequälten Brust, halb laut vor sich hin: das ist abscheulich! und stand vor Alonso, der sie zum Walzer aufforderte.