Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch

Part 3

Chapter 33,701 wordsPublic domain

Aber vom Meere herüber zog jetzt der Wind schärfer, durchreifte die warme Sommernacht mit eisigen Schauern und mahnte Hulda an das Nachhausegehen. Sie warf -- es sah es ja niemand, als der liebe Herr Gott, der die ungeheure Gewalt der Liebe in die Brust des Menschen gesenkt hat, und dieser deutete es gewiß nicht übel, -- sie warf, zum Danke für das hübsche Abendständchen, einen recht herzlichen Kuß herab, und sagte kaum hörbar, gute Nacht, mein lieber, lieber Freund, gute Nacht, und eilte in das Haus zurück; noch im Gehen warf sie einen scheuen Blick in die Himmelsgegend, wo sie, heute Abend, die sonderbaren Figuren und Gestalten sah; aber der Grabstein und das Kreuz, und das Drohbild der zürnenden Mutter, hatten die schwarzen Nachtwolken längst mit undurchdringlichem Schleier verhüllt.

Reiße, mitleidiges Schicksal, den Vorhang vor den Schrecknissen der Zukunft nicht zu früh von einander; laß den armen Menschen ihren Wahn, daß sie geboren sind, um immer glücklich zu seyn.

Hulda hatte sich gefreut, von ihm zu träumen, aber damit war es dießmal nichts; sie träumte wohl, doch nicht von ihm. Tante Sophie sandte ihr von Lima aus, schwarzen Krepp zu einem Ballkleide, und einen Schmuck von böhmischen Glasperlen, und schrieb ihr einen solchen launigen, verwirrten Brief dazu, daß sie, als sie am Morgen erwachte, noch darüber lachen mußte. Sie erzählte der Mutter davon, diese lachte mit, und sagte mit sonderbarer Betonung, schwarzer Krepp von daher, hat eine recht eigene Bedeutung; Hulda wollte fragen, welche, aber die Mutter fuhr, des Ballkleides Erwähnung eingedenk, gleich fort, von Huldas heutigem Anzuge zu sprechen, und meinte, daß, wie sie hörte, bei Directors sehr große Gesellschaft seyn werde, und äußerte daher den Wunsch, daß Hulda heute vorzüglich elegant erscheinen möge.

Diese schien dazu keine rechte Lust zu haben, denn Er war ja doch nicht dort, und Anderen gefallen zu wollen, kam ihr nicht im entferntesten in den Sinn; indessen um der Mutter den Willen zu thun, schmückte sie sich mit dem Beßten ihrer geschmackvollen Garderobe.

Sie war verstimmt und konnte den ganzen Tag platterdings ihren Frohsinn nicht wieder finden. Zweimal war sie auf dem Balkon gewesen; verkaufte er an seiner mitgebrachten Ladung, oder lief er nach der Leinwand zur Rückfracht herum, oder hatte er eine Andere gefunden, die ihm -- als schnitt ihr Jemand mit scharfschneidigem Stahle das Herz mitten von einander, so zuckte sie bei dem Gedanken zusammen -- sie krampfte die Hand in einander, und sah mit recht bösem Blick hinab auf das Deck der Antoinette; aber er war nicht da; zum vierten Male, kurz zuvor, ehe sie zu Directors fuhr, bestieg sie noch einmal den Balkon; sie mußte sich da noch einen recht schönen Orangenzweig holen, und all die hundert Orangerie-Bäume im Garten unten, blühten nicht so schön, als der auf dem Balkon. Wie ein Engel vom Himmel gekommen, sah das bildschöne Mädchen in ihrem blendendweißen Prachtgewande, auf dem, in luftiger Höhe kühn schwebenden Balkon aus. Von den Verdecken aller Schiffe im Hafen, sahen sie nach der himmlischen Gestalt herauf, und in den Sprachen aller Völker der Erde, ertönte einstimmig das Urtheil, daß das ein wunderhübsches Kind sey; aber Er -- Er war immer noch nicht da. Abscheulicher Mexikaner, rief sie im drohenden Scherz leise hinab: wo steckst Du? In dem Augenblick kommandirte eine Stimme auf der Antoinette, spanisch: ~Saldat a la banda~, (fallt auf’s Fallreep) und die Matrosen ließen die Fallreepstreppe an der Steuerbordseite hinab, und der alte Doctor Brehme stieg am Bord.

Er ist krank, sagte sie mit gebrochener Stimme: und er hat keine, die ihn pflegt, und ich bin böse auf ihn gewesen, daß er nicht da war, und er ist doch so unschuldig. Ich, ich bin die Ursache seiner Krankheit, denn bestimmt hat er sich gestern Abend, da draußen auf der Galerie, in dem kalten Meeres-Thau erkältet, und nun kann ich ihm meine Sorgfalt, meine herzliche Theilnahme mit nichts, mit gar nichts beweisen. Gott, wenn es nur nicht gefährlich ist -- der Tante schwarzes Kreppkleid aus Lima! -- da habe ich ja die schreckliche Lösung des Traumes, über den ich und die Mutter heute früh noch lachten.

Aber hier sind Sie? unterbrach ihr Selbstgespräch die athemlose Köchinn: die vierrädrige Barkasse liegt vor der Thür schon länger denn eine halbe Stunde. Der Steuermann vorn auf dem Bratspill klatscht, zum Zeichen, daß er da sey, mit seinem Steuerruderchen, daß alle Leute auf der Straße stehen bleiben; er hat schon, Gott weiß wie lange, die Pitsjahrs-Flagge am Vortop aufgehießt,[7] und ich kann Sie nirgends finden. Wollen Sie nicht Extraliegegeld zahlen, so kommen Sie ja gleich.

Sie mußte fort, in die widrige Gesellschaft, in der sie keine Freude finden konnte.

Das ist kein Ballgesicht, sagte die Mutter, als sie kam, um sich bei dieser zu verabschieden: was fehlt dir Kind? Du hast ja nasse Augen, Mädchen?

Nichts, mein Mütterchen, man hat so seine Tage, entgegnete Hulda lächelnd: ich bliebe heute viel lieber zu Hause; die Mutter aber meinte, wenn sie nicht krank sey, so müsse sie sich dergleichen Mißlaunen nicht so hingeben; sie werde sich bestimmt recht wohl dort befinden, und da viel Fremde eingeladen wären, gewiß manche interessante Bekanntschaften machen. Dein Englisch, setzte sie mütterlich wohlwollend hinzu: mußt Du noch viel mehr üben; wenn Du mit jungen Britten sprichst, bist Du immer etwas befangen; hast Du daher Gelegenheit, heute englisch zu sprechen, so versäume sie nicht; das ist so gut, als hättest Du beim Lehrmeister zwei Stunden.

Desto geläufiger geht es jetzt mit dem Spanischen, entgegnete Hulda selbstzufrieden, und dachte im Stillen, daß sie mit dem jungen Mexikaner sich gewiß recht gut verständigen wollte, wenn sie ihn nur einmal spräche; die Mutter aber erwiederte scharf, daß +die+ Sprache ihr eigentlich ganz überflüssig, und der Unterricht darin, gleich vom Anbeginn an, ihrem Willen ganz entgegen gewesen sey; sie empfahl ihr, beim Tanze sich recht in Acht zu nehmen, wünschte ihr recht viel Vergnügen, und freute sich, morgen früh von ihr umständlichen Bericht über das Fest zu vernehmen.

Der Wirrkopf mit den blauen Augen krank in der Kajüte, und sie auf dem Balle! Ein recht widriger Kontrast! Sie nahm sich vor, keinen Schritt zu tanzen, und recht zeitig nach Hause zu fahren; vielleicht war es doch noch möglich, heute Abend, auf seinem Verdeck, von ihm etwas zu erspähen, und wenn es auch nur das Licht in seiner Kajüte sey. In dem Augenblick, als sie in das Vorzimmer des Gesellschaftsaales trat, holte sie der Doktor Brehme ein, der ebenfalls als Gast hier erschien. Sie waren, fragte sie, vom Zufall überrascht: eben am Bord der Antoinette im Hafen; haben Sie dort einen Kranken? Sie erschrak, als sie die Frage glücklich heraus hatte, aber so gestellt, konnte der Doctor ja ihren Grund unmöglich bemerken; doch die Antwort blieb ihr der Gefragte schuldig; denn die Flügel der Saalthüre öffneten sich, und sie mußte eintreten.

Sie verneigte sich mit holder Anmuth gegen den großen glänzenden Halbkreis der geschmückten Versammlung, und ein halbleiser Beifallslaut in der ganzen Gesellschaft, sprach das stille Entzücken aus, mit dem die Erscheinung der Liebreizenden alle Anwesenden überrascht hatte. Schönheit, Unschuld und Jugend, diesen drei Grazien wird überall die zarteste Huldigung zu Theil. Aber zauberischer als heute, hatten auch des Mädchens älteste Bekanntinnen es nie gesehen. Hulda schaute mit schüchterner Befangenheit im Zirkel umher, um die Frau vom Hause herauszufinden, da traf ihr Blick auf den jungen Mexikaner. Der Wirth des Hause wisperte ihm in das Ohr: das ist unser Admiralschiff, das schönste Mädchen der Stadt, und der junge Fremde erwiederte freundlich lächelnd: ich streiche die Flagge.[8] Der Director näherte sich dem holden Mädchen, um es zu bewillkommen, führte es seiner Gattinn zu, fragte nach dem Befinden der Mutter, und betheuerte mit schönen Worten, daß Hulda immer liebenswürdig sey, aber heute müßte Adonis selbst ihre Toilette gemacht haben, denn reizvoller sey sie nie gewesen. Europa, setzte er scherzend hinzu: Europa nicht allein, liegt Ihnen zu Füßen; die fernsten Welttheile bringen Ihnen sogar ihre Huldigungen dar.

Der glatte Freund aller schönen Mädchen und Frauen, ein deckenhoher Spiegel, vor dem sie eben stand, und auf den sie verstohlen einen halben Seitenblick warf, flüsterte ihrer kleinen Eitelkeit zu, daß sie heute recht hübsch sey, und des Mexikaners seemännisches Kompliment vom Streichen der Flagge, hatte ihrem Ohre wohlgefällig geschmeichelt. Der junge Mann schien das Deutsche recht gut zu sprechen. Schade! -- sie hätte sich lieber spanisch mit ihm unterhalten; die andern hätten dann ihr Gespräch nicht verstanden, und ihm, meinte sie, wäre es gewiß angenehm auffallend gewesen, hier ein Mädchen zu finden, das seine Muttersprache verstehe. Sie war, wie wohl jedes anspruchlose Mädchen, mit einer Art von Beklommenheit, in den großen eleganten Kreis getreten, aber jetzt, -- war es der Beifall, den sie in jedem Auge gelesen, oder das, was der Herr vom Hause, der Director, von den Huldigungen der fernen Welttheile gesagt, oder was da drüben der junge hübsche Mensch mit den dunkelblauen Augen, vom Flaggen hatte fallen lassen, kurz sie fühlte, daß sie hier das Admiralschiff führe. Aber so kühn sie auch jetzt in See stach, so konnte sie doch ihr Auge nicht zu ihm selbst wenden; das Herz klopfte ihr unter dem Blumenstrauß am Busen, daß alle Blätterchen zitterten.

Maklers Suschen war auch da. Hulda ging auf sie zu, um über ihren gestrigen Sturmbesuch, von ihr näheren Aufschluß zu erhalten, diese aber stellte der Neugierigen den neben ihr stehenden Herrn vor, und fragte heimlich lachend, ob sie ihn nicht mehr kenne?

Ein linkischer, dürrer langer Stock, mit hängenden Knieen; mit, bis über die klapperbeinigen Waden, herabhängenden endlosen Rockschößen und, dem ganzen, allem Geschmack und allem Anstande Hohn sprechenden Aeußern nach, ein forcirter Engländer; das Auge grau und matt; das durch die enge Halsbinde roth geschnürte Gesicht mit Blüthchen und Schwären bedeckt, und in jedem Zuge Spuren eines Londoner Wüstlings, der nur in den ~Passages of Leicester, Fitzroy Square, Straffort Street~, und ähnlichen Orten, seinen Freuden nachgejagt, und nichts, als Langeweile und Lebensüberdruß aus jener Nebelinsel mitgebracht hatte. Er redete Hulda englisch an, und versicherte, daß er das Deutsche während der sechs Jahre seiner Abwesenheit fast ganz vergessen habe, und Hulda erkannte in ihm, Suschens Bruder, Kasperchen, einen sonst gewaltig dummen Jungen, den die ganze Stadt ehedem hänselte, und der, als Deutschlands männliche Jugend das Schwerdt ergriff, um Napoleons Tyrannenketten zu zerhauen, sich aus angeborner Abneigung gegen das Kriegsleben, nach London verkrümelte, um dort die Sache in Ruhe abzuwarten. Mit dem Vermögen und dem Kredit seines Vaters, eines sehr wohlhabenden Mannes, führte ihm der Zufall einen jungen mittellosen, aber höchst speculativen Engländer zu, der sich mit ihm verband, und ihm, in der goldnen Zeit der brittischen Alleinherrschaft auf allen Meeren, sehr große Reichthümer erwarb, und jetzt war Kasperchen, nachdem die dummen Teufel, seine wackern Jugendbekannten, Arm und Beine, Blut und Leben verloren hatten, mit fast einer Million Thalern, auf dem gestrigen Kutter, nach Hause gekommen, weil in der einfältigen Friedenszeit, drüben auf der Krämer-Insel, nichts Rechtes mehr zu verdienen war. Das Alles erzählte Kasperchen der überraschten Hulda englisch, und lag dabei mit dem lüsternen Blick seiner verlebten Augen, so starr auf des wunderlieblichen Kindes frischen Liebesreizen, daß diesem vor den Faunenblicken des achtundzwanzigjährigen Greises, angst und bange ward, und sie mit heimlichem Grauen sich von ihm wandte, denn es war ihr in seiner Nähe, als stände sie in einem Dunstkreise von allerlei schmorenden Giften.

Die junge Welt rüstete sich zum Tanze, und Suschen fragte den Bruder, ob er nicht Hulda auffordern wolle; dieser meinte aber, in London tanze ein junger Mann von feinem Geschmack gar nicht; man stelle sich, den Hut in der Hand, unter die Zuschauer und spiele ein Bischen Moquirens, das wäre ein göttliches Vergnügen, und ergötze im geistreichen Cirkel viel mehr, als die albernen Hopsasas, bei denen die Tänzer mehr Schweiß vergössen, als das ganze Fest des einfältigen Wirthes gewöhnlich werth sey.

Suschen lachte beifällig, und fragte Hulda, ob der Bruder sich in den paar Jahren nicht sehr zu seinem Vortheil geändert habe. Außerordentlich, erwiederte diese, von kaltem Schauder überreift, und dankte ihrem Schöpfer, als der Director kam, und sie durch das Gesuch, mit ihm den Ball zu eröffnen, der Fortsetzung dieser Unterhaltung überhob.

Die Flügelthüren des hocherleuchteten Ballsaales flogen auf. Eine herrliche Polonaise mit Trompeten und Pauken, begrüßte die Eintretenden, an deren Spitze die engelschöne Hulda, an der Hand des gastlichen Wirthes voranschwebte. Sie tanzte mit hinreißender Anmuth, aber ihr war es, als hätte sie Blei in allen Gelenken, denn der Mexikaner -- warum hatte sie aber auch hingesehen! doch, nur vorbeigestreift war ihr Blick, ach nur so halb vorbei geflogen -- er tanzte mit Gustchen, der Tochter vom Hause, und war, einen Augenblick nur von ihr in einer Tour abgekommen, so verwirrt geworden, daß er alle Gissing[9] verlor, einen wahren Wan-Cours in lauter loxodromischen Linien[10] steuerte, und, wie ohne Compaß, verweht und verschlagen, im Saale herumirrte, bis sein Convoi, Directors Gustchen, ihn wieder in die Colonne bugsirte.

Der kühne Mensch, der die halbe Welt umsegelt, der mehr denn zwanzigmal den dringendsten Gefahren des Lebens die Brust muthig gewiesen, und wenn alles um ihn herum zu verzagen angefangen, den Kopf allein oben behalten hatte -- jetzt -- ein einziger Blick von diesem zauberholden Mädchen -- und er war in den Grund gebohrt. Ohne es selbst zu wissen, legte er seine Rechte, so oft er sie in der Polonaise frei bekam, auf das Herz, als ras’ten in diesem alle zwei und dreißig Compaß-Striche vom Boreas bis zum Mesocircius gegen einander.

Ihr Schiff hat einen Leck gesprungen, sagte Gustchen lachend, darf ich mit einem gespickten Bonnet[11] aufwarten, oder am Ende ist wohl gar ein Pfröpfchen nöthig?[12]

Seyn Sie ein mitleidiger Lotsen, erwiederte der junge Mexikaner bittend: und bringen Sie mich in die Docke[13]; Sie kennen das Fahrwasser hier, und die Untiefen und Bänke; meine Anker und Taue sind klar[14] und meine Pässe in beßter Ordnung.

Ich verstehe, mein Freund, entgegnete Gustchen schalkhaft: behalten Sie aber nur die freundlich leuchtende Blüse da vorn an der Spitze unserer Polonaisenzunge, hübsch im Auge, und Sie werden alle Bänke und Klippen glücklich umfahren.

Während dieses sinnigen Zwiesprachs, in dem Gustchen, Hulda’s innern Werth, des breiteren auseinandersetzte, fragte diese der Vater, was sie denn zu dem englisirten Casperchen gesagt habe, und zog über den unausstehlichen Gast waidlich her; nein, fuhr er fort und tanzte neben der Horchenden plaudernd weiter: nein, da lobe ich mir den jungen Mexikaner; das ist ein flottes Kerlchen; wie eine Tanne gewachsen, Licht im Kopfe, Gesundheit auf den Wangen, Kraft im Arme, und Courage in der Brust. Im vierzehnten Jahre schon hat er als Cadett bei der Marine gedient, und zwei Seegefechte mitgemacht; Huldchen, das will was sagen; so eine Geschichte ist wahrhaftig nicht spaßhaft; ringsum Tod, und nirgends Rettung -- erlauben Sie! mein Sopha ist mir lieber; so viel Haare der Mensch auch auf den Zähnen hat, aber davon spricht er doch mit allem Respekt. Vom Despensero[15] hat er sich nach und nach bis zum Teniente[16] hinauf geschwungen, und nach dem Frieden als Capitain seinen Abschied genommen; seitdem hat er den Geschäften seines früher schon verstorbenen Vaters sich selbst unterzogen und, Huldchen, die gehen in das Ganze; solcher Schiffe, als er hier im Hafen liegen hat, besitzt er netto ein Dutzend, und was kosten die, und was bringen die ein! Huldchen, der Mensch scheint zum Anker gehen zu wollen, wird -- er tippte ihr schelmisch-lächelnd auf das Herz -- wird hier der Flügel[17] wohl Grund fassen?

Herr Direktor, entgegnete Hulda, im dunkelsten Purpur erglühend, und haschte mit Hast nach einem andern Gegenstande des Gesprächs: wir tanzen jetzt vor, und sollen nicht plaudern.

Lassen Sie, Huldchen, entgegnete der Tänzer mit gutmüthigem Spötteln: die andern kommen schon nach, ich weiß, was ich weiß; umsonst klettert so ein seefüßiges[18] Eichhörnchen nicht auf den Mars, umsonst bläs’t der blöde Schäfer nicht stundenlang die zartesten Lieder seiner Leiden, auf der schmachtenden Flöte; umsonst legt er sich am hellen lichten Tage nicht auf die Astronomie! Huldchen erlauben Sie mir aber nun auch bei Ihnen ein kleines Lothchen zu werfen.[19]

Unsere Polonaise nimmt kein Ende, sagte Hulda, -- halb todt vor Schrecken, daß der Direktor, Gott weiß woher, des Mexikaners gestrige Faseleien kannte, als hätte er sie selbst mit angesehen, -- wir werden aufhören müssen.

Gleich, erwiederte der Direktor: sobald Sie mir gesagt haben, wie es mit Ihrem Ankergrunde aussieht; und sollten wir bis morgen früh hier herum polonisiren, eher lasse ich Sie nicht los.

Fürchten Sie, auf scharfen[20] oder auf Wellgrund[21] zu stoßen? fragte Hulda lächelnd, und verbeugte sich, um den Tanz zu beendigen und dem weitern Examen zu entgehen; da folgten denn die übrigen Tanzenden dem Signale des Schlusses, und Gustchen kam als treuer Lotse, und führte den blanken See-Capitain durch das Gewirre der aufgelös’ten Tanzpaare, und stellte ihn der Lieblichen vor, mit der Bemerkung, daß er gekommen, um sie um den nächsten Walzer zu bitten.

Der Capitain hatte unterdessen wieder Besinnung und Ruhe gewonnen; er näherte sich der Königinn des Balles zwar Anfangs mit einiger Schüchternheit, die ihm jedoch recht gut ließ, aber nach und nach ward er unbefangener; er nannte Hulda seine schöne Nachbarinn, und machte ihr im Scherz Vorwürfe über die Härte, mit der sie ihre armen Blumen auf dem Balkon habe bisher verschmachten lassen. Gestern, meinte er, hätten sie von ihrer stiefmütterlichen Milde die ersten Tröpfchen Wasser endlich einmal bekommen, und so viel er von Weitem erkenne, wären doch Blumen darunter, die täglich wollten begossen seyn. Die schöne Zeit ihrer Blüthe, setzte er mit einem halb unterdrückten Seufzer hinzu: dauert ja ohnehin nur einige Wochen noch; dann sind sie vergangen, und dann ruft sie die herzlichste Pflege nicht wieder in das Leben zurück.

Hulda -- kein Mensch in der Welt hatte sie die Spitzbuben Sprache der Liebe gelehrt, aber, so sind die allerdurchtriebensten Spitzbuben unter der Sonne, die Mädchen, wenn es die Linguistik des Herzens gilt; Schlauköpfchen Hulda verstand jedes Wort.

Nach ihrer Grammaire übersetzte sie sich die sinnige Rede des jungen Capitains, den sie jetzt in der Nähe noch viel tausendmal liebenswürdiger fand, und dessen schönes, reines Deutsch ihrem Ohr unbeschreiblich wohlklingend lautete, also: Seit ich im Hafen liege, bist Du ein einziges Mal nur auf Deinem Balkon sichtbar gewesen. Ich sehne mich nach Dir, wie deine Blumen nach frischem Wasser; in Kurzem lichte ich die Anker. Sey barmherzig, und schenke mir bis dahin die Freude, Dich zu sehen, täglich.

Es entspann sich von da ab, das Gespräch immer lebendiger, beide waren bald wie vertraute Bekannte; in dem ganzen Wesen des jungen Seemannes lag so etwas herzliches, offenes, biederes, und Hulda, das reizende Himmelskind, ward so ungebunden, und entfaltete ihren tiefen Werth mit solcher Anmuth, und gab sich ihm so natürlich hin, daß der Handelsgerichts-Direktor, der Beide von Ferne bemerkte, zu Gustchen und deren Bräutigam sagte: Kinder, die da drüben segeln vor dem Winde[22], das Schiffchen lüstert auf’s Steuer, wie ein Häring[23].

Je mehr der Ueberglückliche das Mädchen ansah, desto bestimmter überzeugte er sich, dieses Gesicht schon irgendwo im Leben gesehen zu haben, nur war es, wie ihm dünkte, blässer, und vielleicht etwas weniger schön gewesen. Er sann und sann, aber das war ja nicht möglich. Es war dieß der erste europäische Hafen, den er besuchte, und Hulda war keine zehn Meilen über die Küste des Meeres hinaus gekommen.

Endlich -- ja, jetzt hatte er es. Ein musterhaft gearbeitetes Miniatur-Bild mit goldenem Reif -- bei seinem verstorbenen Vater hatte er es einmal -- doch eben begann der muntere Walzer.

Brust an Brust, Auge im Auge, die Arme süß verschlungen, drehte das bildschöne Paar, im getäfelten spiegelglatten Saale lustig auf und ab, daß die rasche Musik kaum Athem hatte, den beiden sausenden Wirbelwinden zu folgen. Wie eine Luft-Säule um ihre Achse mit Schnelligkeit sich dreht, und dabei immer weiter und weiter von dannen braus’t, wie der gewaltsame Küsel[24] auf des Meeres Spiegelfläche, so luftig und leicht flogen sie, eng in einander verschränkt, dahin, und entzückten, durch ihre zauberische Anmuth, den ganzen Saal. Selbst Caspar, der bei einem Ausfluge nach Paris, Anatole und die Bigottini, den gewandten Hoguet und die vierte Grazie, die liebliche Lemiere, und in London die Milanie und Lupino gesehen hatte, und alles, was nicht von daher war, gern herabwürdigte, gerieth über die Federkraft dieses Zephyrpaares in eine solche Exstase, daß er, von der haardünnen Scheitel bis zu den schlotternden Knieen, ein hüpfendes Zucken im ganzen Leibe verspürte, und jetzt gern mitgetanzt hätte, wenn die kranken Röhren seiner schwachen Gebeine solches zu leisten nur irgend im Stande gewesen wären.

Er trat, als der Walzer endete, näher zu Hulda, und wollte ihr etwas Schönes sagen, aber es war ihr, als überflöge sie ein eisiger Reif, so kalt wurden ihr Stirn und Wange, Hals und Busen, in der Nähe des englischen Narren. Den Capitain ignorirte er, das war, meinte er, brittische Sitte; wollte der Mensch Bekanntschaft mit ihm machen, so konnte er ihn anreden; aber dazu schien der Mexikaner nicht viel Lust zu haben. Hulda hatte Casperchen stehen lassen, ein Gleiches that der Capitain; diese suchte dafür Hulda auf, und setzte sich auf den neben ihr befindlichen Sessel.

Die deutschen Engländer sind mir in den Tod zuwider, sagte Hulda: der Mensch ist bei uns geboren und erzogen, ein Paar Jahre nur in London gewesen, und thut nun, als ob er von seiner lieben Muttersprache kein Wort mehr kennte.

Unsere Eskimo’s, hob der Capitain lachend an, sehen nicht viel besser aus; ziehen sie dem Patron einen grönländischen Frack von Seehundsfellen an, so haben Sie in dem olivenfarbenen Gesichte mit dem starren, dünnen kohlenschwarzen Haar, einen Grand von Labrador, wie er leibt und lebt.

Hulda erschrack über das hingeworfene Gleichniß des Scherzenden; denn sie gedachte des Eskimo’s am gestrigen Abendhimmel, dem Casperchen, bei näherer Betrachtung, wie ein Ei dem andern glich. Der Capitain aber, der jetzt Hulda in tiefem Sinnen bemerkt hatte, sprang auf, und rief: sie ist es wahrhaftig selbst; -- nur bleibt mir ewig unbegreiflich, wie das Bild --

Kolonne, Kolonne, ertönte es im Saale; man trat zur Ecossaise an, und Hulda ward ihm von einem Dritten entführt.

Er sah ihr nach, und in seinem schmachtenden Blicke lag das Uebermaß seines Entzückens, das Mädchen gefunden zu haben, das von der frühesten Jugend ab, in jenem ferneren Welttheile, sein Herz so wunderbar beschäftigt, und den ersten Träumen seiner Schwärmerei, wie ein zauberisches Ideal vorgeschwebt hatte.

Gustchen, Bräutchen, Schutzgeist, rief er, als diese zufällig eben bei ihm vorüberging, seiner nicht mehr mächtig: seyn Sie meine Vermittlerinn.

Gustchen stutzte freundlich, und sah ihm staunend in das Gesicht.