Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch
Part 2
Es ward dem Mädchen angst und wehe in der gepreßten Brust; es konnte den Blick nicht mehr hinrichten in die gespenstigen Bilder; sie wendete sich, und erfreute sich an der herrlichen Abendbeleuchtung, in der die alte gothische Sophienkirche, drüben über dem Hafen, prangte; alle die langen Fenster waren lauter flimmernde Goldspiegel; das braunrothe Gemäuer schien mit Metall überzogen, und in der dunkelblauen Abendluft blitzte der große Knopf am himmelhohen Thurme, wie -- ja, sie hatte nach dem Amerikaner wirklich nicht wieder sehen wollen, am wenigsten jetzt, aber daß ihr Blick, als sie nach der Spitze des Sophienthurms hinauf sah, beim Mastkorb[3] des amerikanischen Dreimasters vorbei streifte, und daß in diesem, der junge Wagehals, fröhlich und wohlgemuth saß, davor konnte sie nicht. Er hatte das heimtückische lange Sehrohr mit oben, und ergötzte sich an der Aussicht rund um. Der Mastbaum war bestimmt über 100 Fuß hoch,[4] und der Mensch beinelte da oben mit beiden Füßen, und trieb allerlei Kurzweil, als säße er im Sopha; er -- nein sie konnte nicht mehr hinsehen; sie waren sich Beide jetzt einander so nahe, und der dreuste Patron gab seinen Wunsch, in der luftigen Höhe hier oben, eine kleine scherzhafte Unterhaltung anzuknüpfen, so deutlich zu erkennen, daß sie nur durch geschwindes Wegwenden vermeiden konnte, nicht von ihm im nächsten Augenblicke freundnachbarlich begrüßt zu werden. Doch ein wenig heimlich und verstohlen hinüber zu schielen, versagte sie sich nicht; der junge muthige Seelöwe -- er war gar zu hübsch.
Das Gebilde der Nachtwolken am Abendhimmel, war unterdessen gänzlich verschwunden, nur das Kreuz war noch etwas sichtbar, doch nicht mehr so düster und schwarzdunkel, wie vorhin; es schwebte, vom letzten Strahlen-Glanze der scheidenden Sonne durchglüht, tiefer im Hintergrunde, und zerfloß allmählich in unermeßlicher Ferne, vor Huldas Augen, in die Feierpracht des milden Lichts, das in rosiger Herrlichkeit, jetzt rein und klar, im gränzenlosen Raume flammte, und sich in den ruhigen Wogen des unübersehbaren Meeres wiederspiegelte; Milliarden Silbersternchen schillerten auf der ewig sich hebenden und senkenden chrysoprasgrünen Fläche, und hüpften in die weißen Schaumwellen der sanften Brandung, verschwanden und waren im Nu wieder tausendfältig da, und Hulda hob, verloren im Entzücken des unbeschreiblich großen Schauspiels, das Auge zu dem, der über den Wolken thront, und legte die Hände, gefaltet, auf das in süßer Vollkommenheit klopfende Herz.
Auf der äußersten Höhe der See, am Horizonte, hatte sie schon lange einen schwarzen Punkt gewahrt; er war jetzt näher gekommen, hatte geschossen, die Flagge in Schau wehen lassen und aufgebraßt,[5] und die Lotsen eilten in ihren Booten hinaus, um den englischen Brigkutter, der sich aus jenem schwarzen Pünktlein nach und nach geformt hatte, in den Hafen zu bugsiren.
Als der Kutter das Hafenfort passirte, begrüßte ihn dieses mit seinem Geschütz; sämmtliche vor Anker liegende Fahrzeuge bewillkommten es mit dem gewöhnlichen Hurrah, und der junge Freund im Mastkorbe, schnitt ihm, aus läppischem Muthwillen, die tiefsten Komplimente hinab, so daß Hulda über den komischen Menschen laut -- ach nein -- das Hähnlein im Korbe ward keck -- mitten unter den Bücklingen, die er dem Kutter machte, warf der junge Herr Amerikaner, -- sie hatte es wohl gesehen, -- der Nachbarinn auf dem Balkon, ein halb Dutzend Küsse zu. An den Ufern des Missisippi mochte das vielleicht Mode seyn, aber nicht hier zu Lande; sie flüchtete in den Saal zurück, eilte, ohne das Unheil, welches der englische Kutter ihr brachte, zu ahnen, auf ihr Zimmer; drängte das Gesicht, auf dem, -- sie wußte selbst nicht warum, -- Freude, Muthwille, Lachen und Ausgelassenheit, aus allen Zügen blitzte, vor dem Spiegel in die Schranken des Ernstes zurück, und ging, nachdem sich das Roth, das ihr der Aerger über den vorwitzigen Nachbar im Mastkorbe, auf die Wangen gegossen, ein wenig verloren hatte, zur Mutter.
Diese befand sich über alle Erwartung wohl; sie scherzte, seit mehreren Wochen zum ersten Male, wieder mit Hulda; sie streichelte ihr die Wange; sie liebkos’te das holde Kind mit den zartesten Namen und betrachtete es fast unverwandten Blickes, mit sichtbarem Wohlgefallen.
Hulda konnte sich die auffallende Umwandlung platterdings nicht erklären; sie frug die Mutter, ob in ihrer Abwesenheit etwas vorgefallen sey, was die glückliche heitere Stimmung bewirkte, allein die Mutter erwiederte lachend: soll ich mich meines Kindes nicht freuen? Du bist so fromm und gut; Du bist so frisch und gesund, so groß, und -- die Mutter darf das ja dem bescheidenen Kinde in das Gesicht sagen, und so hübsch geworden, und wer dich vor ein paar Jahren sah, und Dir jetzt wieder begegnet, kennt Dich nicht mehr. Wie lange wird es werden, und ich flechte Dir den Brautkranz in’s Haar!
Der lieblichen Hulda flog alles Blut in die Wangen; davon hatte die Mutter im Leben noch nicht gesprochen. Man hatte sie immer noch wie ein Kind behandelt; die Mutter hatte sie, noch vor wenigen Tagen, ihr Kälbchen geheißen, und gefragt, wenn sie denn einmal die Kinderschuhe ausziehen werde, und jetzt -- vom Brautkranz! -- sollte unterdessen etwa der wilde Mensch, der Amerikaner -- aber der war ja seit heute Mittag nicht von seinem Verdeck gekommen, der saß ja bestimmt noch in seinem Korbe. Nein, das war nicht möglich!
Es sollte mich, fuhr die Mutter freundlich fort: nichts glücklicher machen, als wenn ich noch die Seligkeit haben sollte, Dich vor meinem Hinscheiden, an der Seite eines recht wackern Mannes zu sehen.
Dem Mädchen verging der Athem. Das Gesicht brannte ihm, wie Feuer! Der Dreimaster, das Kreuz, die drohende Mutter, das Sterbegewand, der englische Kutter, der Grabstein, alles wirrte sich ihr in dem Augenblick vor die Seele; sie wollte sich zum Scherz zwingen, und der Mutter versichern, daß es mit dem Brautkranz noch lange Zeit habe, aber -- kein Wort konnte sie über die Lippen bringen. Hatte der Mensch mit dem braunen Lockenkopfe und den veilchenblauen Augen -- denn keinen andern konnte die Mutter meinen, weil kein anderer auf der ganzen Welt in ihrem jungfräulichen, vor wenigen Minuten noch fest verschlossenen Herzen lebte -- hatte der vielleicht durch einen Dritten -- nein aber so rasend konnte er, wenn sie ihm auch, nach seinem Benehmen, alle Tollheiten zutrauen mußte, doch nicht seyn.
Schenkt mir der liebe Herr Gott, setzte die Mutter ernster werdend hinzu: meine Gesundheit wieder, und fristet er mir mein Leben, so gehört es zu dessen einziger Glückseligkeit, daß ich Dich in der Nähe behalte. Mütter, die das Liebste ihres Herzens, ihre Kinder, aus dem Hause in die weite Welt ziehen sehen, büßen mehr denn die Hälfte ihres ganzen Lebensglücks unwiederbringlich ein. Du bist jetzt in den Jahren, meine herzensliebe Hulda, daß Du meine Freundin seyn kannst; hier, das weißt Du, mein Kind, ist niemand, dem diese Stelle zu Theil ward. Die Männer gehören dem Getriebe der Geschäfte, der halben Welt; und meine Sophie, meine treue Schwester, haben sie zweitausend Meilen weit von mir weggeführt. Die wußte -- sie sprach leiser, ihre Stimme ward weich und stille Thränen traten ihr in das lebensmüde Auge -- die wußte alles; meinen Kummer und meinen Schmerz; auch meine Freuden wußte sie; ihr Gatte führte sie mit sich aus meinen Armen über das Weltmeer, und so habe ich seitdem zwanzig lange Jahre allein gestanden, bis Du jetzt heranwuchsest, um mir den Rest meiner Tage durch Deine Freundschaft, Deine Liebe zu versüßen, und mir die Augen, wenn sie im Tode sich brechen, zum ewigen Schlummer zu schließen. Nicht wahr mein einziges, mein süßes Kind, Du gehst nicht von mir?
Nein mein Mütterchen, rief Hulda tief bewegt, und dachte in diesem Augenblicke an nichts, als an die heilige Pflicht, die der Vater dessen, der die Kindlein zu sich kommen ließ, um sie zu segnen, in die fromme Brust jedes guten Menschen gelegt hat. Sie wollte noch etwas sagen, aber die Mutter unterbrach sie mitten in der Rede.
Der Vater, hob sie an, und es war, als verhalte sie die Miene des Verdrusses mit Mühe: der Vater gab Dir heute den Auftrag, Dich nach dem jungen Fremden -- sie hielt inne, und legte die Hand krampfhaft zuckend, sich auf die Augen -- nach dem jungen Fremden zu erkundigen. Thue das nicht, Hulda, Männer sind in dergleichen Fällen leichter, unzarter; Du aber wirst fühlen, daß sich das nicht schickt; der alte Director, Du kennst ihn, und besonders die Linsing’schen Mädchen -- sie machte ein Gesicht, als seyen ihr letztere unbeschreiblich zuwider -- bestimmt dächten diese, Du fragtest aus ganz besonderen Ursachen nach dem -- nach dem Menschen.
Der armen Hulda flog ein geheimes Zittern durch alle Glieder, als die Mutter des Klettervirtuosen auf dem Rösterwerk gedachte; um nur davon abzukommen, und um -- sie konnte aus dem Gesichte der Mutter nicht recht klug werden; es mußte ihr jemand von dem Unbekannten etwas gesagt haben, und um also zu erfahren, wer etwa mit der Mutter sprach, fragte sie, nach der Versicherung, daß sie, auch ohne die freundliche Erinnerung der Mutter, die Frage nach dem Fremden, bei Directors nicht gethan haben würde, querfeldein, ob unterdessen, daß sie im Garten arbeitete, Jemand bei der Mutter war; diese aber erwiederte halb lächelnd: kein Mensch, und versicherte, sie habe fast die ganze Zeit geschlafen, sey vor wenigen Augenblicken erst erwacht und -- sie betonte das Wort, -- +gleich+ mit dem Gefühle der angenehmsten Erheiterung.
Kurz darauf erzählte die Köchinn, welcher Hulda, zum Abendessen, mehreres heraus gab, wie sie sich vorhin über Maklers Suschen ärgerte; das kam, fuhr sie, der Schiffssprache wohl kundig, fort: das kam die Treppe herauf gebraus’t, wie ein fliegender Sturmwind zwischen den Wendekreisen. Ich bat höflich, die Segel back zu brassen, weil die Frau Admiralitätsräthinn schlafe; Orkan-Suschen aber blieb beim steifen Winde, verlangte dringend, mit der Frau Räthinn zu sprechen, that erschrecklich fröhlich, als habe es, wer weiß, was vor eine glatte Fahrt, setzte alle Segel bei und mudderte gerades Weges in die Stube. Aber keine fünf Minuten, so wendete der Schnellsegler durch den Wind, und fuhr von dannen, woher er kam.
Hulda stutzte!
Was war das! die Mutter, sonst die Wahrheit selbst, hatte auf die Frage, ob Jemand bei ihr war, geantwortet, kein Mensch! und doch war Suschen -- was konnte das Mädchen bei der Mutter gewollt haben? was konnte das so dringende Geschäft gewesen seyn? sollte der Mensch mit dem langen Sehrohr -- der Mutter sonderbare Aeußerung über das Heirathen, -- aber -- einfältiger Gedanke; so etwas -- wenn auch Suschen in +seinem+ Auftrage gekommen wäre, so etwas macht sich doch nicht in solcher Eil, in solcher Hast ab. Zwar -- das Mädchen konnte ja blos einen Brief von ihm bringen -- doch -- nein, die Liebe ist unausstehlich! sie macht alles möglich, sie setzt sich über alles weg; das Allerunwahrscheinlichste wird dem liebenden Glauben zur unumstößlichen Thatsache. Suschen war ein dummes gutherziges Ding; der junge Fremde hatte sich, seiner Geschäfte wegen, bei dem Vater, dem Schiffsmakler gemeldet; das Gespräch war auf dieß und jenes gekommen, am Ende auch auf den Herrn Admiralitätsrath Splügen, und dessen Jungfer Tochter; der Herr Fremde hatte -- denn +der+ konnte sich nicht verstellen, das hatte ihm Hulda nun schon abgemerkt, -- geäußert, daß er dieser Hulda Splügen gar nicht gram sey, Mamsell Suschen, die sich nur zu gern in alles mengte, hatte in ihrer lieben Unbefangenheit sich erboten --
Der Vater lachte laut auf, denn, eben von seiner Erholung zu Hause gekommen, hatte er auf dem Flur der Tochter schon lange zugesehen, die, in Gedanken verloren, wie eine Bildsäule stand, das Wachslicht dicht vor das Näschen hielt und, mit beiden Augen starr in das milde Licht schauend, die Flammengluth nicht ahnete, zu der die ersten Liebesfunken in der geheimsten Tiefe ihres Innern, binnen wenigen Stunden, emporgelodert waren.
Hulda erschrak über die unvermuthete Nähe des Vaters und sein ironisches Lachen so heftig, daß das Licht auslöschte, und das war auch recht gut, denn sonst hätte der Vater den Scharlach gewahren müssen, der sich über das Zaubergesichtchen der liebholden Träumerinn, mit Blitzesschnelle ergossen hatte.
Sie ging zurück, das Licht wieder anzuzünden, und als sie es brachte, war der Vater, der vorhin so fröhlich geschienen hatte, verstimmt und befangen; er sah den Liebling seines Herzens mit ungewissem Blicke an, ging im Zimmer auf und ab, gab seiner Frau die Hand, schüttelte schweigend den Kopf, sagte still vor sich hin, nein, -- nein, und ging in sein Kabinet.
Was war dem Vater? fragte Hulda besorglich -- die Mutter aber entgegnete, nichts, Kind, Du weißt ja, wie die Männer sind.
Hulda schwieg, aber es ward ihr, sie konnte sich selbst nicht sagen, warum, bange in der beklommenen Brust, denn ohne Bedeutung war des Vaters: nein, nein! und der Mutter unterdrückte Verdrüßlichkeit nicht; und daß sie im Spiele war, lag klar am Tage; der Vater sah sie gar zu sonderbar an. Am Ende -- ganz gewiß hatte die Mutter den Brief, den ihr Suschen brachte, und in welchem der da unten im Hafen ihrer erwähnte, dem Vater mitgetheilt, und dieser zu dem Antrage des Tollkühnen, sein einziges Kind ihm mit nach Amerika zu geben, -- das vorbedeutende nein, nein gesagt -- aber das konnte es ja auch nicht seyn! denn der Mutter schien dieses hingeworfene nein nein, gar nicht recht! -- Je mehr sie sich alle Umstände zusammensetzte, desto verwirrter ward sie in ihrer Logik; und sie zagte jetzt dem Abendbrode entgegen, wo sie zwischen den beiden räthselvollen Aeltern sitzen sollte, ohne zu wissen, woran sie sey. Sie glaubte, die Mutter werde wegen des Unfalles von heute Mittag, nicht mit zu Tische gehen, aber, als wolle diese Vater und Tochter absichtlich mit einander nicht allein lassen, sie behauptete, daß ihr recht wohl sey, und kam.
Der Vater -- das war so seine Art, wenn er mit der Mutter eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit gehabt hatte, -- entfernte sich auf einige Minuten in sein Kabinet, kam dann mit erzwungener Laune zurück, gedachte des Vorfalls mit keiner Sylbe weiter, und bemühte sich, das gute Vernehmen, durch erkünstelte Heiterkeit, möglichst bald wieder herzustellen; der Vater brachte seinen, in aller Geschwindigkeit zusammengestoppelten Humor mit zu Tische; wenn er aber, mitten im Gespräch, Hulda ansah, dann schien dieser es immer, als wenn sein Blick ihr verstohlen sagen wollte, mein armes Kind, wenn Du doch wüßtest, was sie mit dir vorhätten. Doch späterhin, als er die Galle, die in ihm mochte rege werden, mit seinem vortrefflichen Loignon verdünnte, schien er das Krüppelchen, was ihm das Schicksal, vor dem Traualtare, an sein Lebensglück gebunden hatte, auf einige Augenblicke wieder vergessen zu haben; er ward freundlicher, und erzählte von den Begebnissen des Tages mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit und fröhlichen Laune.
Apropos, begann er unter andern, zu Hulda gewendet: Du brauchst Dich morgen bei Direktors nach dem jungen Fremden nicht zu erkundigen. Hulda schlug die Augen auf den Teller nieder, und ärgerte sich über sich selbst, denn schon dieß einzige Wort jagte ihr eine stechende Röthe auf die Wangen; die Mutter aber legte Messer und Gabel weg, als vergehe ihr Essen und Trinken.
Beides bemerkte der Vater nicht, und berichtete nun, daß der junge Mann aus Mexiko sey. Ich weiß jetzt alles, fuhr er fort: er ist am Bord seines eigenen Schiffes, mit einer reichen Ladung von Vanille, Seide, Balsam und Kakao, aus dem Südseehafen Acapulco in See gegangen, und will hier Leinwand, als Rückfracht nehmen. Am Isthmus von Panama hat er weitläufige Kolonien; und aus den undurchdringlichen Wäldern seiner Heimath, versieht er mit Schiffsbauholz die Häfen von Veracrux und ganz Nordamerika. Mit den Tschipewäern, den Missuriern und den Biberindianern oben am Eismeere und mit den Huronen und Algonkinen in Kanada, hat er einen ausgebreiteten Handel mit Pelzwaaren, und von Yukatan an der Hondurasbai zieht er jährlich ungeheure Quantitäten Kampecheholz, mit dem ihr violett färbt, und unsere Aerzte die Ruhr vertreiben; und an den unerschöpflichen Gold- und Silbergruben seines Vaterlandes, deren Ausbeute jährlich 23 Millionen Piaster beträgt, hat er einen namhaften Antheil; seht Kinder, das ist ein Kaufmännchen, gegen den die Krämer unserer kleinbürgerlichen Seestadt sich alle verstecken müssen. Das Schiff, mit dem er gekommen ist, heißt, wie Du Frauchen, Antoinette, und --
Der Mutter ward wieder übel und wehe; sie lehnte sich in den Sessel zurück, wehrte mit der Hand, als wolle sie sagen: nichts mehr, nichts mehr davon, und verlangte zu Bette. Sie rief zweimal Hulda, dem Dienstmädchen zu klingeln, aber diese war ja in Acapulco, und sah ihn mit seiner Vanille und Seide, mit seinem Kakao und Balsam, dort die Anker lichten, und durchwandelte mit ihm seine Pflanzungen auf der Erdenge von Panama und hüllte sich in die prächtigsten Pelze, die er bei den Huronen und Biberindianern so eben erkauft hatte, und nahm sich vor, von nun an nichts als violett zu tragen, weil aus +seinen+ Händen die Farbe kam; selbst ein wenig Ruhr hätte sie nicht übel genommen, denn +er+ war es ja, der ihr das Heilmittel dagegen, aus dem fernen Welttheil brachte.
Aber Hulda, Du sollst ja der Babette klingeln; sagte der Vater verwundert, und sah der Stillverzückten in das starr auf einen Punkt vor sich hin geheftete Auge.
Gleich, gleich! entgegnete das Mädchen, aus seinen seligen Träumen schnell auffahrend, eilte, statt zur Klingelschnur am Sopha, auf den Flur hinaus, und zog an der Thürklingel, daß alle Domestiken zusammen kamen und, in der Meinung, ein Fremder läute den rasenden Sturm, von Ferne schon riefen: nun, nun, nur sachte, wir sind ja nicht taub.
Hulda aber war über das laut schellende Gebimmel der dummen Glocke, die, einmal so heftig in Bewegung gesetzt, nicht wieder schweigen wollte, längst wieder zu sich gekommen, und flüchtete, um dem Gefrage der Aeltern und der Leute, die sie alle für halb verrückt ansehen mußten, aus dem Wege zu gehen, in den Garten.
Nein, sagte sie zu sich selbst, das muß anders werden; das taugt nicht. Bei Gott, ich finge an, selbst an meinem Verstande zu zweifeln, wenn das länger so fortgehen sollte. Er muß heraus aus dem Kopfe und aus -- sie wollte hinzusetzen, und aus dem Herzen, aber in dem Augenblick ertönte ein mit ungemeiner Zartheit geblasener Flötenaccord; schmeichelnde Nachtlüftchen trugen ihn ihr zum lauschenden Ohr, und säuselten ihr zu: das ist von ihm.
Sie stand wie angewurzelt --
Das ist von ihm? fragte sie lächelnd, und horchte mit stockendem Athem nach den lieblichen Lauten, die ihr zum Herzen sprachen! aber sie waren im Dunkel der sie umgebenden Stille verhallt; sie hörte nichts weiter.
Albernes Ding, sprach sie, sich selbst verweisend, von ihm -- als ob es nicht tausend Andere im Hafen und in den benachbarten Gärten, und am Gestade des Meeres, auch seyn könnten. Die Flöte blasen mehr ehrliche Leute -- Nur noch einmal möchte sie es hören, und sie wollte dann bestimmt wissen, wo der Vogel sitze.
Am Ende saß er oben, auf dem Balkon des Gartenhauses, wo sie vorhin gesessen; dort oben regte sich wahrhaftig etwas, und die Balkonthüre öffnete sich langsam. Aber, um Gotteswillen, wie hier heraufgekommen? -- doch -- der Kletterkatze, die vorhin von dem Schiffe zur Schlupe an dem Baumtau hinab gerutscht, und von da, auf demselben halsbrechenden Wege, wieder hinauf gekommen war, mit einer Sicherheit, als sey das schwankende Tau eine breite Prachttreppe mit eisernen Geländern -- was war +der+ nicht möglich? Es bewegte sich oben wieder. --
Etwas war da --
Hinaufgehen und nachsehen? --
Um keinen Preis! War er es, was mußte er von ihr denken! -- War es ein Dritter, so setzte sie sich der Gefahr aus, einen Todesschreck davon zu tragen. -- Die Leute aus dem Hause rufen? -- wenn er es nun war, -- die Geschichte wäre ja morgen in der ganzen Stadt bekannt geworden! -- War es gar nichts, hatte sie sich getäuscht, so mußten die Leute, die sie vorhin erst hatten Sturm läuten sehen, und fest von ihr aufgefordert wurden, etwas zu suchen, was gar nicht da war, in allem Ernste glauben, sie sey zum Tollhause reif, und ein Dritter -- konnte in dem leeren Gartenhause nicht viel nehmen.
Sie stand, unverwandten Blickes auf den Balkon gerichtet. Das Auge, jetzt mehr an die Dunkelheit gewöhnt, erkannte endlich in dem Verdächtigen, den unschuldigen Orangeriebaum; und die daneben befindlichen großen Levkoibüsche bewegten sich, wenn sie wirklich vielleicht ein wenig auf und ab geschwankt hatten, vom Windzuge berührt, der aus der halb offen gelassenen Balkonthür kommen mochte.
Es zog sie unwiderstehlich auf den Balkon; sie mußte ja die Thür zumachen.
Im Hinaufgehen -- es war, als hörte sie die Flöte wieder. Sie eilte auf den Balkon!
Millionen Sterne flimmerten am schwarzen Himmelszelte; am fernen Gestade rauschte das Meer in sanfter Brandung; im Hafen aber schlief alles; nur die kupferne Lampe im Nachthause, wo der Steuercompaß steht, brannte auf jedem Schiffe, und hier und da war noch ein Lichtchen in den Kajüten sichtbar. Auch den Bord der Antoinette schien der Gott des Schlafes geentert zu haben, denn es rührte sich da unten kein Mäuschen. Aber -- jetzt ertönte die himmlische Flöte noch einmal. Es klang, wie das Locken der Liebe, in dem der Sprosser zu seinem Nachtigallweibchen spricht; so sehnsüchtig und so schmelzend; erst bittender Scherz, in kurzen, rund abgebrochenen Sätzen, dann lange, lange Töne gezogen durch die Gluth der zärtlichsten Leidenschaft, und immer stärker und stärker werdend, und hoch hinausgehend über das Reich alles Irdischen, und endlich, zum Zeichen des Glaubens an freundliche Erhörung der schüchternen Bitte, ein sich bald in kräftige Volltöne, bald in ein süßes, hinsterbendes Pianissimo auflösender Doppeltriller.
Allerliebst, allerliebst, sagte Hulda leise, und holte jetzt erst wieder Athem, denn sie hatte ihn in der überseligen Brust verhalten, so lange die süßen Laute zu ihr sprachen, um von der Sphärenmusik nichts zu verlieren. Sie kamen ja doch vom Deck der Antoinette herauf; sie sah, so viel die Sternenhelle es gestattete, ganz deutlich da unten, auf der Tasche[6] des Schiffes, nach ihrer Seite zu, etwas sich bewegen, und aus dem wehmüthigen spanischen Liedchen, das die Flöte spielte, zog Hulda die Ueberzeugung, daß sie sich nicht irrte. Der Mexikaner mußte ja ein spanisches Lied blasen! Ihr kam es recht eigentlich spanisch vor. Konsuls Alwine besaß bei einem vollständigen Musikalien-Vorrath aller National-Melodien, dasselbe Lied, und hatte es früher schon zwanzigmal wohl gesungen, aber so klang es nie.
Man konnte aber auch nichts weicheres, nichts rührenderes hören, als diese Melodie aus dieser Brust. Es war, als wollte der junge hübsche Mensch da unten, seine ganze Seele aushauchen, so deutlich sprach das Instrument den süßen Schmerz seines liebekranken Herzens aus. Vorhin so läppisch, und jetzt so sanft, so leidend, so schmachtend.
Was für ein kurioser Mensch muß das seyn, dachte Hulda bei sich selbst, heimlich lachend, und fragte nach einer Weile, durch seine süße Klage weich geworden, halb leise herab: warum so traurig mein Freund? und die milden Sterne am dunkeln Himmelszelte, spiegelten sich in den Perlen, die ihr an den seidenen Wimpern hingen. Das Wasser war ihr in die Augen gekommen, sie wußte selbst nicht wie. Sie hätte zerfließen mögen in nie gekannte Lust und Freude. Seine zarte Klage that ihr unaussprechlich wohl; sie verstand jeden Hauch seiner Lippen; sie verriethen ihr, durch das heimliche Dunkel der Nacht, die frischblutende Wunde, die ihr Liebreiz dem Schwärmer schlug, das süße Wehe, in dem der glückliche Dulder schier zu vergehen glaubte, und die Südgluth seiner Leidenschaft.