Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch

Part 1

Chapter 13,665 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

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Scherz und Ernst

von H. Clauren.

Zweite Sammlung.

Erstes Bändchen.

Inhalt: Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch.

Des

Vaters Sünde, der Mutter Fluch,

von

H. Clauren.

Dresden, 1823, in der Arnoldischen Buchhandlung.

Der Admiralitätsrath kam von der Session, und lächelte freundlich, als Hulda ihm, wie gewöhnlich, Hut und Stock abnehmend, versicherte, daß es mit der Mutter recht leidlich gehe; sie hofft, setzte das Mädchen mit kindlicher Freude hinzu: heute wieder mit uns essen zu können; suche sie da nur möglichst aufzuheitern; sie bedarf dessen in ihrer jetzigen Stimmung mehr, als aller Arznei; ich habe alles Ersinnliche gethan, um sie ein wenig zu zerstreuen, und sie hat sich diesen Morgen viel besser befunden, als die ganze letzte Zeit über.

Der Vater küßte das holde Kind auf die Stirn, und ging mit bejahendem Kopfnicken, auf den Zehen, in das Krankenzimmer der Mutter.

Hulda ließ in diesem den kleinen Tisch nur mit drei Gedecken belegen und die Mutter nahm an demselben ihren Platz. Hulda faltete die Hände und sprach, nach des frommen Hauses alter Sitte, das Gebet zu dem, der seine Welt mit Liebe nähret, laut; in ihrem himmelwärts gehobenen Blick, in dem Tone ihrer Worte sah und hörte man die freudige Rührung, daß die geliebte Mutter sich auf dem Wege der Wiedergenesung, und seit vielen Monaten, heute zum ersten Male, in der Mitte des trauten Familienkreises befand.

Dem Vater trieb das Mädchen mit seiner einfachen, herzlichen Weise, Thränen in die Augen. Er reichte schweigend dem lieblichen Kinde, nach dem Gebete, die Hand, und zog die Rechte der Gattinn an seine Lippen. Diese aber ließ die stille Feier ihres Genesungfestes unerwiedert, tadelte das Essen, und warf der armen Hulda, die sich in sorglicher Auswahl des Beßten erschöpft hatte, Mangel an Aufmerksamkeit vor; sie würde, die ganze Tischzeit über, diesen Mißton festgehalten haben, wenn nicht der Vater, der Bitte des Mädchens eingedenk, die finstern Grillen der Leidenden immer abzulenken verstanden und, zu ihrer Aufheiterung, das Gespräch auf allerlei Gegenstände geleitet hätte. Die frohe Laune und die Gemüthlichkeit ohnehin selbst, ward ihm diese Aufgabe nicht schwer, zumal heute, wo ihm, wie Hulda schon bei der zweiten Schüssel bemerkt hatte, beständig ein leichtes Lächeln um die Lippen schwebte; wie sie den Vater kannte, mußte ihm auf jedem Fall etwas komisches begegnet seyn, was sein Inneres noch angenehm beschäftigte, und als sie ihm, da er wieder einmal vor sich heimlich lächelte, ihre Vermuthung mittheilte, meinte er, daß sie nicht unrecht habe.

Er erzählte jetzt, daß schon seit länger denn vierzehn Tagen, ihm, allemal, wenn er Mittags aus der Session komme, ein junger Mensch, auf einer und derselben Stelle, unweit der Hauptwache, begegne; Beiden sey das aufgefallen, sie hätten bisher allemal, jeder für seine Rechnung, ein wenig gelacht und heute habe der junge Mensch höflich den Hut gezogen, und höchst freundlich gegrüßt, er, der Vater aber, mitten im Gegenkomplimente, über das Spaßhafte des täglichen Zusammentreffens, sich nicht enthalten können, laut aufzulachen. Ich sehe uns, setzte er scherzend hinzu, wenn das lange so fort geht, noch am Ende die dicksten Freunde werden.

Diese Worte, so unbedeutend sie jetzt klangen, so gewichtig, so eisenschwer wurden sie in der Folge. Manches Wort mag so in den Kreisen der Menschen, kaum gehört, verhallen, was ihnen der Schlüssel zu den Geheimnissen ihrer ganzen Zukunft seyn könnte. Wohl uns, daß es so ist.

Du bist morgen, fuhr er, zu Hulda gewendet, fort: bei Linsings auf dem Balle. Der Alte kennt die ganze Stadt; gewiß weiß der, wer der junge Mann ist; frag’ ihn doch; der Mensch kann vier- fünfundzwanzig höchstens alt seyn, und das kaum. --

Hulda legte, mit komischer Naivität, den Zeigefinger der Rechten, an das Daumen-Spitzchen der linken Hand, als wolle sie die beschriebenen Eigenschaften des Fraglichen, an den Fingern abzählen, --

Hat einen recht hübschen, braunen Lockenkopf --

Hulda war beim Zeigefinger der linken Hand --

Sehr freundliche, dunkelblaue Augen, --

Hulda stand am Mittelfinger, aber in beide kleine Hände schlug, wie aus ungesehenen Wetterwolken, ein leises Zittern, daß sie damit unter den Tisch fuhr, und nicht weiter zählte; denn der Vater, der jetzt von der römischen Nase, von dem Grübchen im Kinn, von den perlweißen Zähnen im wohlgeformten Munde, von dem kräftigen Aeußeren, der freien stolzen Haltung, und der blühenden Gesundheit des jungen Menschen sprach, und den einfachen Geschmack seiner eleganten Kleidung und den Schnee seiner Wäsche lobte, mahlte den nämlichen allerliebsten jungen Mann, der -- sie glühte im ganzen Gesichtchen, und wagte nicht, die Augen vom Teller aufzuschlagen; die Mutter aber ward kreideweiß, legte den Kopf in den hohen Lehnstuhl zurück, und die todtenblassen Lippen lispelten leise: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll.

Hulda und der Vater sprangen auf; Letzterer holte das Riechfläschchen und Hulda trocknete der Angegriffenen den kalten Schweiß, der ihr in glänzenden Tropfen auf der Stirne stand. Man brachte die Kranke wieder zu Bette, und beide stimmten in der Meinung überein, daß die Mutter sich zu zeitig herausgewagt habe, und daß der eben sich ereignete Zufall, Wirkung ihrer noch zu großen Körperschwäche sey.

Den Nachmittag befand sich die Mutter zwar wieder etwas besser; aber, wenn sich Hulda ihrem Lager näherte, fand sie die Leidende fast immer in Thränen, und fragte sie, was dem Mütterchen fehle, so entgegnete dieses mit milder Freundlichkeit, sie solle sich darüber nicht beunruhigen, es werde wohl bald vorübergehen; dem gepreßten Herzen thue es zuweilen wohl, sich still ausweinen zu können, und so hätte sie auch jetzt eine Art von Erleichterung darin gefunden; daher ihr gegenwärtig viel wohler sey, als vorhin.

Mein Mütterchen, sagte Hulda, mit weicher Stimme, und beugte sich zu ihr herab: dem gepreßten Herzen? -- was fehlt Dir? was hast Du? vielleicht können wir helfen; Du weißt ja, wir --

Aber die Mutter verneinte schweigend, streichelte die rosige Wange des süßen Kindes, und bat, sie allein zu lassen, um ein wenig zu schlafen.

Hulda ging in den Garten hinab, setzte sich auf den Balkon des Saales, von dem aus sie die herrlichste Aussicht auf den Hafen, und rechts auf den grünen Riesenspiegel des unermeßlichen Meeres hatte, und wollte arbeiten; aber der junge Mensch -- das braune Lockenhaar, die veilchenblauen Augen, die frischen Lippen, und wenn diese sich lächelnd öffneten, der Schmelz der blendendweißen Zähne, und das Schelmengrübchen in Wange und Kinn -- waren es die leisen Abendlüftchen, die aus den geheimen Tiefen des Meeres herüberflogen und die Blumen auf ihrem Balkon und die leichte Hülle ihres Busens säuselnd durchkühlten, oder waren es die ersten Schauer der jungfräulichen Liebe, -- es überhauchte sie auf einmal ein so wunderbares Frösteln durch Blut und Adern, daß sie die Hand auf das drängende Herz legte, und sich, ohne Worte, fragte, was das sey.

Der junge Mensch, es mußte ein Fremder seyn, denn früher hatte sie ihn nie bemerkt; am vorigen Sonntage hatte er, in der Kirche, ihr gegenüber gesessen, und kein Auge von ihr verwandt; zwei Tage später war sie ausgegangen, um einige Kleinigkeiten in einer Modehandlung zu kaufen; nicht zwei Minuten, und der hübsche Fremde tritt ein, und fragt nach französischen Blumen. Der Wohllaut seiner Stimme, das Fremdländische seiner Aussprache, -- lächelnd sprach sie ihm halblaut nach. Hier oben auf dem Balkon hörte sie ja Niemand. Sie ärgerte sich noch, daß sie nicht, unter irgend einem Vorwande, länger in dem Kaufgewölbe geblieben; sie schämte sich, daß, als der Fremde weggegangen, sie wieder zurückgekehrt war, um auch so ein Bouquet von brennender Liebe zu verlangen, als der Herr eben eins gekauft hatte; sie freute sich, daß die Modehändlerinn erwähnte, wie der Herr das Bouquet zwar gewählt, dasselbe aber, weil es, nach seiner Meinung, nicht brennend roth genug gewesen, nicht gekauft habe; sie lachte heimlich, daß sie nun auch das Roth der Blumen zu blaß gefunden, und sie darum auch nicht genommen, und sie beruhigte sich, daß -- lag denn darin nicht der offenbare Beweis, daß er, lediglich und einzig und allein, um ihretwillen, in das Putzgewölbe gekommen war; hätte er das Bouquet gekauft, -- sie beugte sich tiefer auf ihre Nätherei nieder, denn es war, als führe ihr ein schmerzlicher Dolchstich mitten durch das Herz -- hätte er die Blumen gekauft, so müßte er Jemand gehabt haben, dem er sie schenke, aber so -- sie sah wieder freundlich auf, -- und lachte leicht hin in die grünen Wogen des fast windstillen Meeres -- denn daß er ihr, und nur ihr zu Gefallen gegangen war, das lag ja am Tage; brennende Liebe hatte er verlangt! Er konnte ja nicht deutlicher reden! dieß Roth -- alle Pariser Blumenfabrikanten waren nicht im Stande, es schöner zu liefern -- dieß Roth schien ihm noch nicht brennend genug. Gestern, als er vor dem Hause vorbeiging, -- wäre nur nicht Hafen-Kapitains Linchen gewesen, -- hätte sie so gern das Fenster ein wenig geöffnet, denn der Mutter ist frische Luft im Zimmer zuweilen recht zuträglich; aber so mußte sie hinter dem Vorhange blos ein Bischen lauschen, denn Linchen, das dumme Ding drüben, stand in dem Erker, wie vom bösen Schicksal hinbestellt, das hätte den Augenblick gewußt, was es bedeute, und wahrhaftig, das Mädchen wäre auch stockblind gewesen, wenn es das nicht gemerkt hätte, denn mit unverwandtem Blicke auf das Fenster, geht er, als wollte und müßte er die Scheiben mit den Augen durchbohren; der alte Kohlenträger schreit zweimal, Platz da, Platz da, noch ein Schritt, da stößt der lange Kohlensack, der weit über den Kopf des tief gebückten Trägers hervorragt, den Stillverzückten in das Gesicht; dieser prallt rechts, rennt den alten Gipsitaliener, der sein ganzes Büsten- und Figuren-Magazin von Kaisern, Königen, Gelehrten und Grazien, auf einem langen Brete, auf der Schulter trägt, mit sich nieder, reißt im Stolpern den Markt-Tisch der dicken böhmischen Glashändlerinn an der Ecke, sammt dem ganzen Kram, über den Haufen, und schlüpft, fast auf allen Vieren weiter turkelnd, in die, zum Glück offenstehende Apotheke; beschwichtiget hier, wie später das Hausmädchen berichtete, die ungestümen und mehr denn heidnischen Entschädigungforderungen des italienischen Gipsmannes und der böhmischen Glasfrau, mit ungezähltem Golde, und entzieht sich, durch eine wohlthätige Seitenthür die in das Nebengäßchen, dem, um Gips- und Glas-Ruinen zusammengeströmten Janhagel von Matrosen und Straßenjungen.

Sie mußte noch kichern, wenn sie an die verwünschte Scene dachte, aber über Hafenkapitains einfältige Lina konnte sie sich ärgern. Diese hatte sich zum Fenster heraus gelegt, und vor Lachen gerade heraus geschrien. Gott! die ging nun doch eigentlich die Geschichte auch nicht im Mindesten etwas an; und in dem lauten Lachen, in dem Herauslegen, lag so etwas Gemeines, so etwas Schadenfrohes; das Mädchen war ihr lange schon zuwider gewesen, aber jetzt konnte sie es gar nicht mehr ausstehen. Die Böhmin aber und der Italiener schienen recht gute Menschen zu seyn; Beide hatten, nach des Hausmädchens Rapport, in der Apotheke gemeint, dergleichen Unfälle könnten dem beßten Menschen begegnen, und es wäre nur ein wahres Glück, daß der hübsche Herr keinen Schaden genommen habe, denn um ein solches junges liebes Blut, wäre es doch ewig Schade gewesen.

Und nun heute, muß der Vater von dem Menschen bei Tische anfangen; denn daß das der nämliche war, litt gar keinen Zweifel. Sie -- sie selbst, sollte sich nach ihm erkundigen. Das konnte sie ja nicht; ja wenn das abscheuliche Rothwerden nicht wäre. Der alte Handels-Gerichts-Director Linsing, wenn der sie dazu ansah, mit seinem blinzelnden Blick, er stand ganz lebendig vor ihr, das eine Auge ganz zu, und das andere so scharf auf sie gerichtet, -- nein, sie konnte gewiß kein Wort herausbringen; er mußte bestimmt denken, sie frage mehr im eigenen, als in des Vaters Namen. Und dann, die Linsingschen Mädchen! Hätten die nur etwas der Art ergattert, sie hätten sie zu Tode gequält. Wissen mochte sie es wohl freilich gern, und der alte Linsing, der Director, konnte ihr alles wahrscheinlich ganz genau sagen; des Mannes Haus stand allen Fremden offen; wer nur das Weichbild der Stadt betrat, und nicht ganz ohne alle Bekanntschaft kam, war in diesem gastfreundlichen Hause eingeführt; sie probirte drei- viermal, wie sie fragen wollte, ohne Verdacht zu erregen, aber -- nein es ging nicht; sie stockte jetzt schon, wenn ihre Lippen, von der ganzen Welt ungehört, die Anmuth des Mannes, in Worten aussprechen sollten, dessen Namen zu wissen, der Vater begehre; wie sollte sie sich getrauen, dieses Wagestück der jungfräulichen Liebe, im Kreise einer Familie zu vollführen, die, bei ihrem Scharfsinn in dergleichen kleinen Neckereien, das Verfängliche ihrer schüchternen Rede, gleich aus der ersten Sylbe -- Was ist das? -- da unten im Hafen, auf dem amerikanischen Dreimaster? so wahr der Herr lebt, da stand der junge Fremde auf dem Verdeck. Er hing nachläßig den einen Fuß über die Laufplanken, welche den Raum für die Finknetze umzäunen; dann sprach er, den linken Arm um den Besahnsmast geschlungen, mit dem Steuermann; ging hierauf mit diesem und sah nach dem Bug und nach dem Vorspill, stieg, es verging ihr der Athem, auf die Spitze des Kraanbalkens, lief, flink wie ein Eichhörnchen, auf das Bugspriet hinaus, setzte auf die Riegel des Galjons herab, kletterte, trotz der beßten Katze, vom Vorsteven weiter hinauf, und hatte dem Steuermanne überall etwas zu zeigen und zu weisen; und dieser nickte, immer den Hut in der Hand, sehr ehrerbietig, daß es schier aussah, als sey das amerikanische Prachtschiff des jungen Mannes Eigenthum.

Gar nicht übel, so ein Schiffchen, sagte lächelnd Hulda halb laut, und weidete sich an dem Anblick des jungen stattlichen Schiffsherrn; bisher hatte sie ihn immer im schwarzen Frack gesehen, jetzt -- bestimmt hatte er gar kein Logis in der Stadt gemiethet, sondern wohnte, wie das in den Seehäfen wohl gewöhnlich ist, in der Kajüte seines Dreimasters -- jetzt hatte er es sich bequem gemacht, und sich in sein seemännisches Negligee geworfen; die Tracht stand ihm, meinte Hulda, die in ihrer ungesehenen blumenumdufteten Höhe kein Auge von dem frischen, kräftigen Seefahrer verwendete, wunderhübsch. Jacke und Beinkleider von seidenem streifigen Zeuche; um den Hals ein schottisches Tuch geschlungen, dessen leicht geschürzter Knoten auf die offene Brust herabhing; so stand er vom Abendglanze der untergehenden Sonne mild umflossen, und horchte den melodischen Gesängen zu, die auf dem Deck seines Schiffes, vier brandschwarze Neger in ihrer Landessprache recht sinnig begonnen, und lachte über das von dem Deck des neben ihm liegenden Fahrzeuges, emporgellende Gezwitscher der tausend und aber tausend goldgelben Kanarienvögel, die in dem blühenden Orangenwalde, mit dem sie heute erst von den Kanarischen Inseln angekommen waren, frei herumschwärmten, und immer schärfer schrieen, je lauter die Neger sangen.

Im Saale stand -- der Herr Amerikaner zwischen den schwarzen Sängern und den gelben Schreiern, er sah gar zu niedlich aus, sie mußte ihn einmal recht betrachten, es sah sie ja Niemand hier, -- im Saale stand ein kleines Fernrohr des Vaters; sie schlüpfte hinein, holte es, kam wieder heraus, baute sich auf ihrem Nähtischchen ein kleines Versteck von recht groß buschigen Levkoitöpfen, streckte dann ihr Fernröhrchen dazwischen und lugte, im Geheimen nun überselig, herab, und -- sah nichts, denn der Gesuchte war von seinem Verdecke verschwunden.

Sie überflog rasch mit einem Blick den ganzen Hafen, ob er sich etwa unterdessen in ein Boot geworfen habe, und sich an das Land setzen lasse; aber der ganze Hafen war zwar mit solchen kleinen hin und her gehenden Dingern, wie bedeckt, doch der, dem sie nachspähte, fand sich in keinem; der Mensch geht am Ende, sagte sie, mit dem Auge wieder vor ihrem Fernrohr: mit den Hühnern zu Bette! aber an solch einem himmlischen Abend, sich jetzt schon schlafen zu legen, nein das ist ja nicht -- sie fuhr in diesem Augenblicke mit dem Rohre an der Seitenwand seines Schiffes herab, da -- als schlüge der Blitz ihr das verwünschte Ding aus der Hand, so erschrak sie, und fuhr mit einem lauten Ach, in die Höhe; denn in der einen Geschützpforte des obern Verdecks, hatte der Schelm, hinten im Dunkeln gestanden, ein ellenlanges Telescop vor sich, und dieses gerade auf sie gerichtet; mit diesem Goliath von Telescop langte er sich alle, Millionen Meilen weite Sterne vom Himmel herunter, wie genau mußte er sie hier oben nicht beobachtet haben. Wie mochte er lachen, als er sah, wie sie hinter den Levkoibüschen stecke und ihn auf dem Verdecke suchte -- was mußte er von ihr -- nein, sie konnte um keinen Preis länger oben bleiben; sie fühlte, ihre Wangen glühten, wie Feuer, und angezogen war sie heute auch nicht besonders; auf eine solche Special-Musterung, wie der da unten, hinter seinen Stauchweegers, über sie hielt, hatte sie sich heute freilich nicht eingerichtet; sie packte ihre Nätherei, mit der sie diesen Abend nicht weit gekommen war, wieder zusammen; er stand -- sie warf nur einen halben Viertelsseitenblick hinab, und erkannte, mit bloßen Augen, das große Spährohr, das jetzt, über eine brabanter Elle lang, aus der Geschützpforte hervorragte, -- er stand noch immer da, und wenn sie gleich nicht in Abrede stellte, daß sie in seinem Benehmen, sich mit dem langen Dinge nicht vor seinen Matrosen und allen Leuten, auf das Verdeck zu stellen, eine Art von Zartheit finden müsse; so meinte sie doch auf der andern Seite, daß er die ganze Sternguckerei hätte unterweges lassen können, denn wenn das einer ihrer Bekannten, von denen beständig mehrere am Bord bald dieses, bald jenes Schiffes im Hafen sich befanden, gewahrte, so wäre in den ersten vier und zwanzig Stunden, in der ganzen Stadt herum, daß -- Gott! der Mensch stand immer noch da; sie hatte nur herab geschielt, aber das Rohr war auf sie gestellt, als hätte es der erste Zieler der Welt gerichtet; sie ward so unnennbar süß befangen, daß sie, vor heimlichem Lachen, sich über das unausstehliche dicke Rohr, gar nicht recht ärgern konnte. Lange schon hätte sie vom Balkon gehen können, aber es gab noch erschrecklich viel dort oben zu schäftern; der Nähtisch war so staubig, der mußte abgewischt werden; die Blumen in den Töpfen -- nein der Vater mußte mit dem Gärtner wirklich einmal ein recht ernstlich Wort reden; da war auch nicht ein Stock ausgeputzt, keiner angebunden, keiner -- sie nahm einen Topf nach dem andern vor und hatte tausend Arbeit. Das gigantische Rohr, es stand wahrhaftig noch unverrückt. Anfangs war ihr die Sache verdrüßlich gewesen, jetzt, meinte sie bei sich selbst, fange sie an, ihr Spaß zu machen.

Die kleinen goldgefiederten Insulaner waren unterdessen müde geworden und hatten unter den Orangenblüthen, deren aromatischer Duft die ganze Atmosphäre durchwürzte, ihre Nesterchen gesucht; auf dem schwarzbetheerten Grönlandsfahrer links weiter unten, streckten die thranigen Matrosen sich der Länge nach, unter dem Fockmast zur Ruhe; die Neger auf der amerikanischen Fregatte sangen der scheidenden Sonne, die eben, ihre Brüder und Schwestern zu wecken, hinab sank, die wehmüthigsten Melodieen der Sehnsucht und Liebe nach, und immer stiller und lautloser ward es im Hafen; im Westen aber flammte das Feuergold der Himmlischen, und bekantete die dunkeln Nachtwolken, die tief unten am Horizonte dem Meere entstiegen, mit glühenden Säumen. Die indischen weichen Lieder der Schwarzen, klangen in Huldas Herzen seltsam wieder; ihr entzückter Blick staunte schweigend in die unbeschreibliche Pracht der Abendfeier; die Nachtwinde, die auf der gränzenlosen Fläche des Meeresspiegels, ihr eigenes Spiel treiben, jagten das leichte, golddurchblitzte Abendgewölk vor sich her, daß sich daraus oft wunderbare Gestalten bildeten, deren Deutung die Sinnige, ohne die Phantasie sehr anzustrengen, leicht zu finden vermeinte. Die Eisberge, die sich dort in das Unermeßliche hinaufthürmten, mit den zwei riesenmäßigen Bären und der tiefe Schnee -- nun, daß das auf Nordamerika zielte, und zwar auf das alleroberste am Nordpol selbst, das lag wohl außer Zweifel. Der ungeheure Wasserfall von mehr denn 4000 Fuß in der Breite, mit seinen Tafel-Felsen, und seinen Staubwolken, und Strudeln und Wirbeln, -- das war der furchtbare Katarakt des +Niagara+, durch den in jeder Minute 700,000 Tonnen Wasser, von unermeßlicher Höhe, unter donnerndem Getöse herabstürzen; die schwarzen kleinen Thiere, rechts unter dem Cran-berries-[1] Gebüsche, das waren gewiß die pechschwarzen Eichhörnchen, die oft in einem Tage zu 50,000 durch den St. Lorenzostrom schwimmen. Die Thürme und die herrliche große Kuppel, das war das Jesuiten-Kollegium und das Franziskaner-Kloster und das neue Schloß zu Quebeck; sie kannte den Prospect aus dem trefflichen Kupferstich, der im Putzzimmer des englischen Konsuls hing; der dichte hohe Laubwald im Hintergrunde links -- auch dieser mußte ein amerikanischer seyn, denn dort nur prangen die Wälder, wie sie gelesen hatte, in solchem bunten Farbenspiel. Aber tiefer unten am Himmel stand auf dem Gipfel eines gigantischen Granitberges, eine dürre menschliche Gestalt; Beinkleider, Stiefeln und Strümpfe von Seehundsfellen; ein Hemde von Seerabenhaut; schwarze dünne straffe Haare; ein großer Kopf; dünne Beine, und die Farbe des Gesichts olivengrün. -- Richtig, sagte sie lachend: das ist ein Eskimo auf Labrador, also auch ein Amerikaner! Der Glimmerschiefer dort an der nackten Felswand; die schönen himmelblauen +Hypersthene+, der Polarfuchs, der Papagaytaucher, richtig, richtig, das sind alles heimische Dinge jenes Welttheils; in der Zeichnung von Upernamik,[2] die wir neulich vom Onkel aus Herrnhut bekamen, ist das alles bis auf die geringste Kleinigkeit da. Jetzt bildete sich ein Kr -- ja es ward aus düstern Wolken ein langes hohes Kreuz! sie erschrack im Geheimsten ihrer Seele über das sonderbare Zeichen des Leidens, und schüttelte sinnend den Kopf, und sagte heimlich, weg, weg, denn sie konnte kaum mehr hinsehen, in das magische Zauberspiel, so ganz eigen erschien ihr das bedeutsame Marterholz, das fest und unbeweglich dastand, als sey es für die Ewigkeit gezimmert; es wich nicht und wankte nicht, und unten am Stamme gestaltete sich auf dunstigem Nebellager, eine weibliche Figur, die, je länger Hulda hinsah, sich immer mehr und mehr der wolkigen Schleier enthüllte, bis denn endlich die Mutter in kolossaler Größe, aus dem dunkeln Chaos heraustrat, angethan mit einem milchweißen Sterbekleide, über dem Haupte einen goldlichten Heiligenschein; ihre Linke ruhte auf einem Monumente von weißlich grauem Gestein; ihre Rechte aber hielt sie furchtbar drohend, in die Höhe gehoben. --

Mein Mütterchen, rief Hulda seltsam ergriffen: was zürnt mir deine sanfte Liebe? was deutet der graue Grabstein, das weiße Sterbegewand, und der goldige Reif? und -- das Kreuz, das entsetzliche Kreuz! will es denn noch immer nicht weichen? --