Des Meeres und der Liebe Wellen: Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 2
Naukleros. Seht, indes ihr hier euch abmüht Um uns, die zwei, strömt dort das Volk in Haufen.
Tempelhüter. Zurück da! Hört ihr wohl?
(Er wendet sich nach dem Hintergrunde und ordnet das Volk, das von der linken Seite, nahe den Stufen des Tempels, hereindringt.)
Naukleros (zu Leander). Was zerrst du mich? Wir sind nun einmal da. Wer wagt gewinnt. Hier ist der beste Platz. Fest auf den Sockel Setz ich den Fuß. Laß sehn, wer mich vertreibt. Und sieh mir um nach all der Herrlichkeit! Das Gotteshäuslein dort, das Tor, die Säulen; So was erblickst du nimmermehr daheim. Schau! einen Altar setzt man in die Mitte, Wohl um zu opfern drauf.--Doch wornach schaust du? Blickt er zu Boden nicht! Nu, bei den Göttern! Befällt er hier dich auch, der alte Trübsinn? Ich aber sage dir--
(Das Volk hat sich nach und nach, der linken Seite entlang, geordnet, bis dahin wo die beiden Freunde stehen.)
Naukleros (umschauend). Nun guter Freund, Ihr drängt gar scharf.
(Zu Leander.)
Hörst du? ich sage dir: Weißt du nicht heute abend klein und groß Mir zu erzählen was sich hier begab, Und trinkst nicht einen großen Becher Wein Lautjubelnd drauf, sind wir geschiedne Leute. Denn all der düstre Sinn--Allein, sieh dort! Die beiden Mädchen. Schau! es sind dieselben Die heute früh wir sahn am Gittertor. Sie blinzeln her. Gefällt dir eine? Sprich!
(Janthe und eine zweite Dienerin haben einen tragbaren Altar gebracht und stellen ihn, rechts im Vorgrunde, vor der Bildsäule Amors nieder.)
Janthe (während des Zurechtstellens ihrer Gefährtin zuflüsternd). Dort sind sie. Rechts der Blonde, Größere. Der Braune scheint betrübt. Was fehlt ihm nur?
Naukleros. Absichtlich zögern sie. Hui, welch ein Blick!
Tempelhüter (nach vorn kommend, zu den Mädchen). Ei ja, und nun auch ihr! Das findet sich.
(Die Mädchen gehen.)
(Zu den Jünglingen.)
Ihr scheint mir rasch zu allem was verwehrt.
Naukleros. Je, wie's nun kommt. Wer zweifelt, der verliert.
(Man hat einen zweiten Altar gebracht, der links vor Hymenäus' Bildsäule hingestellt wird. Ein dritter stand schon früher an den Stufen in der Mitte.)
Tempelhüter. Ihr gebt nur Raum! Der Altar soll dort hin.
Naukleros. Hab ich erst Raum, so teil ich gerne mit.
Tempelhüter. Und seid nur sittig und vermeßt euch nichts.
(Musik von Flöten beginnt.)
Der Zug beginnt. Zurück! Laßt frei die Mitte!
(Das Volk ordnend, das auf der linken Seite sich in Reihen stellt.)
Naukleros. Sie kommen, schau! Betrachte mir's mit Fleiß! Und naht die Priesterin, streif an ihr Kleid, Das soll den Trübsinn heilen, sagt man. Hörst du?
(Unter Musik von Flöten kommt der Zug von der rechten Seite her auf die Bühne. Opferknaben mit Gefäßen. Die Oberhäupter von Sestos. Tempeldienerinnen, darunter Janthe. Priester. Hero mit Mantel und Kopfbinde an der Seite ihres Oheims. Ihre Eltern folgen.)
Gesang. Mutter der Sterblichen, Himmelsbewohnerin, Neig uns ein günstiges, Schirmendes Aug'!
(Die Begleiter des Zuges stellen sich zur rechten Seite auf, den Reihen des Volkes gegenüber. Der mittlere Teil der Bühne ist leer.)
Die Priester (indem sie sich aufstellen). Den Göttern Ehrfurcht!
Das Volk (antwortend). Glück mit uns!
Naukleros. Dort kommt die Priesterin. Ein schönes Weib. Komm, laß uns knien. Doch nein, vorher noch schau mir Querüber hier dem Fußgestell nach rückwärts, Wie sie die Weihen üben, was sie tun.
Hero (im Hintergrunde, bei dem dort stehenden tragbaren Altare stehend. Vor ihr knien zwei Opferknaben, Rauchwerk in reichen Gefäßen haltend). Ein neuer Sprößling deines alten Hauses. Sei ihm geneigt, und mehr als er verdient.
(Sie gießt Rauchwerk in die Flamme und geht dann nach vorn, der Priester zu ihrer Linken, hinter ihm die Eltern. Der Tempelhüter in einiger Entfernung.)
Die Priester. Den Göttern Ehrfurcht!
Das Volk. Glück mit uns!
Naukleros. Sie kommen näher. Nun, Leander, knie!
(Sie knien. Leander hart an der Bildsäule des Hymenäus, Naukleros etwas zurück. Auch das übrige Volk kniet.)
(Hero ist zu Amors Bildsäule gekommen und gießt Rauchwerk in die Flamme des danebenstehenden Altars, der Priester ihr zur Seite.)
Hero. Der du die Liebe gibst, nimm all die meine. Dich grüßend nehm ich Abschied auch von dir.
(Sie entfernt sich.)
Die Priester. Den Göttern Ehrfurcht!
Das Volk. Glück mit uns!
Hero (an der Bildsäule des Hymenäus stehend). Dein Bruder sendet mich--
Naukleros (leise zu Leander). Siehst du nicht auf?
Leander (der gerade vor sich hin auf den Boden gesehen hat, hebt jetzt das Haupt empor).
Priester. Was ist? Du stockst.
Hero. Herr, ich vergaß die Zange.
Priester. Du hältst sie in der Hand.
Hero. Der du die Liebe--
Priester. So hieß der erste Spruch. Laß nur! Zum Opfer!
(Hero gießt Rauchwerk ins Feuer. Eine lebhaftere Flamme zuckt empor)
Zuviel!--Doch gut!--Nun noch zum Tempel! Komm!
(Sie entfernen sich. In die Mitte der Bühne gekommen, sieht Hero, als nach etwas Fehlendem an ihrem Schuh, über die rechte Schulter zurück. Ihr Blick trifft dabei auf die beiden Jünglinge. Die Eltern kommen ihr entgegen. Die Musik ertönt von neuem.)
(Der Vorhang fällt.)
Zweiter Aufzug
(Tempelhain zu Sestos. Auf der linken Seite nach rückwärts eine Ruhebank von Gebüsch umgeben.)
Naukleros (von der linken Seite auftretend). Leander komm! und eile mir doch nur!
Leander (der von derselben Seite sichtbar wird). Hier bin ich, sieh!
Naukleros. So rasch? Ei doch! Man denke! Wie lange noch, sag an! führ ich, zur Strafe Für ein Vergehn, derzeit noch unbekannt Und unbegangen auch, dem Knaben gleich Der seinen blinden Herrn die Straße leitet, Ringsum dich durch der Menschen laute Städte, Von Fest zu Fest, vom Markte zum Altar, Den Ort ausforschend, der dir Frohsinn brächte? Wie lang sitz ich, von Sprechen müd', dir gegenüber Und forsch in deinem Aug', dem leid'gen Blick, Ob's angeglommen, ob erwacht die Lust? Und les ein ewig neues: nein, nein, nein! Wenn deine Mutter starb, wer kann da helfen? War's gut und recht, daß du, ein wackrer Sohn, Und ihr, der Tiefbekümmerten zu Willen, Am Strand des Meeres wohntest, fern der Stadt Und Menschen fern, nur Kindespflichten übend; Nun, da sie tot, was hält dich länger ab Den Gleichen als ein Gleicher zu gehören Mitfühlend ihre Sorgen, ihre Lust? Wein um die Gute, rauf dein braunes Haar, Allein dann kehre zu den Freuden wieder, Die sie dir gönnt, die du ihr länger gönntest. Sag ich nicht recht? und was ist deine Meinung? Nun?
Leander. Ich bin müd'.
Naukleros. Ei ja, der großen Plage! Den ganzen Tag, am fremden Ort, umgeben Von fremden Menschen, fröhlichen Gesichtern, Sich durchzuhelfen und zu schaun, zu hören, Einmal zu sprechen gar. Ei, gute Götter, Wer hielte das wohl aus?
Leander (der sich gesetzt hat). Und krank dazu.
Naukleros. Krank? Sei du unbesorgt! Das gibt sich wohl. Sei du erst heim in deiner dumpfen Hütte, Vom Meer bespült, wo rings nur Sand und Wellen Und trübe Wolken, die mit Regen dräun. Hab erst das gute Kleid da von den Schultern, Und umgehüllt dein derbes Schifferwams. Dann sitz am Strand, den langen Tag verangelnd, Tauch dich ins Meer, der Fische Neid im Schwimmen, Lieg abends erst--so fand ich dich ja einst-- Im Ruderkahn, das Antlitz über dir, Des Körpers Last vertraut den breiten Schultern, Indes das Fahrzeug auf den Wellen schaukelt; So lieg gestreckt und schau mir nach den Sternen, Und denk--an deine Mutter, die noch eben Zur rechten Zeit dich, sterbend, frei gemacht; An sie; an Geister, die dort oben wohnen; An--denk ans Denken; denk vielmehr an nichts! Sei nur erst dort; und Freund, was gilt die Wette? Du fühlst dich wohl, fühlst wieder dich gesund. Nun aber komm, denn fernab liegt die Heimat, Die Zeit verrinnt, die Freunde kehren heim.
Leander. Es ist so schattig hier. Laß uns noch weilen! Leicht findet sich ein Kahn. Ich rudre dich.
Naukleros. Ei rudern, ja! Wie glänzt ihm da das Auge! Am Steuer sitzend, ausgestreckt die Hand, Die prallen Arme vor und rückwärts führend, Jetzt so, dann so, und fort auf feuchtem Pfad! Da fühlst du dich ein Held, ein Gott, ein Mann; Für andres mag man einen andern suchen. Doch, schöner Freund, nicht nur ums Rudern bloß, Hier frägt es sich um andre, ernstre Dinge. Wir stehen, wiß es, auf verbotnem Grund, Im Tempelhain, der jedem sich verschließt, Als nur am Tag des Fests, von dem wir kehren. Sonst streifen Wächter durch die grünen Büsche, Die fahen jeden, den ihr Auge trifft, Und stellen ihn dem Priester ihres Tempels, Der ihn bestraft, leicht mit dem Äußersten. Sprichst du?
Leander. Ich sagte nichts.
Naukleros. Drum also komm! Um Mittag endet sie des Festes Freiheit Und fast schon senkrecht trifft der Sonne Pfeil. Mich lüstet nicht, ob deines trägen Zauderns, Den Kerkern einzuwohnen dieser Stadt. Hörst du?--Noch immer nicht!--Nun, gute Götter! Kehrt euch von ihm, wie er von euch sich wendet! Da lehnt er, weich, mit mattgesenkten Gliedern. Ein Junge, schön, wenngleich nicht groß, und braun. Die finstern Locken ringeln um die Stirn; Das Auge, wenn's die Wimper nicht verwehrt, Sprüht heiß wie Kohle, frisch nur angefacht; Die Schultern weit; die Arme derb und tüchtig, Von prallen Muskeln ründlich überragt; Kein Amor mehr, doch Hymens treues Bild. Die Mädchen sehn nach ihm; doch er--Ihr Götter! Wo blieb die Seele für so art'gen Leib? Er ist--wie nenn ich's--furchtsam, töricht, blöd! Ich bin doch auch ein rüstiger Gesell, Mein gelbes Haar gilt mehr als noch so dunkles, Und, statt der Inderfarbe die ihn bräunt, Lacht helles Weiß um diese derben Knochen, Bin größer, wie's dem Meister wohl geziemt. Und doch, gehn wir zusammen unters Volk, In Mädchenkreis, beim Fest, bei Spiel, bei Tanz; Mich trifft kein Aug', und ihn verschlingen sie. Das winkt, das nickt, das lacht, das schielt, das kichert. Und ihm gilt's, ihm. Sie sind nun mal vernarrt In derlei dumpfe Träumer, blöde Schlucker. Er aber--Ei, er merkt nun eben nichts. Und merkt er's endlich: Hei, was wird er rot! Sag, guter Freund, ist das nur Zufall bloß, Wie, oder weißt du, daß du zehnmal hübscher Mit solcher Erdbeerfarbe auf den Wangen? Nur heut im Tempel. Gute Götter, war's nicht, Als ob die Erde aller Wesen Fülle Zurückgeschlungen in den reichen Schoß Und Mädchen draus gebildet, nichts als Mädchen? Aus Thrazien, dem reichen Hellespont Vermengten sich die Scharen; bunte Blumen, So Ros' als Nelke, Tulpe, Veilchen, Lilie, - Ein Gänseblümchen auch wohl ab und zu-- Im ganzen ein begeisternd froher Anblick: Ein wallend Meer, mit Häuptern, weißen Schultern Und runden Hüften an der Wellen Statt. Nun frag' ihn aber einer, was er sah, Ob's Mädchen waren oder wilde Schwäne; Er weiß es nicht, er ging nur eben hin. Und doch war er's, nach dem sie alle blickten. Die Priestrin selbst. Ein herrlich prangend Weib! Die besser tat, am heutigen frohen Tag Der Liebe Treu' zu schwören ewiglich, Als ihr sich zu entziehn, so arm als karg. Der Anmut holder Zögling und der Hoheit. Des Adlers Aug', der Taube süßes Girren, Die Stirn so ernst, der Mund ein holdes Lächeln, Fast anzuschauen wie ein fürstlich Kind, Dem man die Krone aufgesetzt, noch in der Wiege. Und dann; was Schönheit sei, das frag du mich. Was weißt du von des Nackens stolzem Bau, Der breit sich anschließt reichgewundnen Flechten; Den Schultern, die beschämt nach rückwärts sinkend, Platz räumen den begabtern, reichen Schwestern, Den feinen Knöcheln und dem leichten Fuß, Und all den Schätzen so beglückten Leibes? Was weißt du? sag ich, und du sahst es nicht. Doch sie sah dich. Ich hab es wohl bemerkt. Wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn, Am Standbild Hymens, des gewalt'gen Gottes, Und sie nun kam, des Opferrauchs zu streun. Da stockte sie, die Hand hing in der Luft; Nach dir hinschauend stand sie zögernd da, Ein, zwei, drei kurze, ew'ge Augenblicke. Zuletzt vollbrachte sie ihr heilig Werk. Allein noch scheidend sprach ein tiefer Blick, Im herben Widerspruch des frost'gen Tages, Der sie auf ewiglich verschließt der Liebe: "Es ist doch schad'" und: "Den da möcht' ich wohl!" Gelt, lächelst doch? und schmeichelt dir, du Schlucker. Verbirgst du dein Gesicht? Fort mit den Fingern! Und heuchle nicht, und sag nur: ja.
(Er hat ihm die Hand von den Augen weggezogen.)
Doch, Götter! Das sind ja Tränen. Wie? Leander! Weinst?
Leander (der aufgestanden ist). Laß mich und quäl mich nicht! Und sprich nicht ohne Achtung Von ihrem Hals und Wuchs.--O ich bin dreifach elend!
Naukleros. Leander! elend? Glücklich! Bist verliebt.
Leander. Was sprachst du? Ich bin krank. Es schmerzt die Brust. Nicht etwa innerlich. Von außen. Hier! Hart an den Knochen. Ich bin krank, zum Tod.
Naukleros. Ein Tor bist du, doch ein beglückter Tor! Nun, Götter, Dank, daß ihr ihn heimgesucht! Nun schont ihn nicht mit euern heißen Pfeilen, Bis er mir ruft: Halt ein! es ist genug; Ich will erdulden was die Menschen leiden! Nun Freund, gib mir die Hand! Nun erst mein Freund; Zu spät bekehrt durch allzu süße Wonnen. Du Neugeborner, Glücklicher!--Doch halt! Ein garstiger Fleck auf unsers Jubels Kleide.-- Komm mit zurück zur Stadt! dort sind die Mädchen, Die wir beim Fest gesehn, noch all versammelt. Dort sieh dich um, verlieb dich wie du magst. Denn Freund, die Jungfrau, die dich jetzt erfüllt, Ist Priesterin und hat an diesem Tag Gelobt dem Manne sich auf ewig zu entziehn. Und streng ist was ihr droht, wenn sie's vergaß, Und was dem Manne, der's mit ihr vergessen.
Leander. Ich wußt' es ja. Komm Nacht! Und so ist's aus.
Naukleros. Aus? Wieder aus? Und eh' es noch begann? Warum und wie? Friedfertiger Gesell, Wagst du so wenig an die höchste Wonne? Und sagst mir das mit zuckend fahlen Wangen Und schlotterndem Gebein, und meinst ich glaub's? Nun sollst du bleiben. Hier! Und sollst sie sprechen. Wer weiß ist ihr Gelübd' so eng und fest Und läßt sich lösen, folgt alsbald die Reue; Wer weiß ist deine Liebe selbst so heiß, Als jetzt sie scheint. Doch was es immer sei: Du sollst nicht zagen, wo zu handeln not. Zum mindsten kenne dein Geschick, und trag's, Und lerne scheiden von den Knabenjahren. Wir sind hier fremd. Komm mit! Wer darf uns tadeln, Wenn wir des Wegs verfehlen, fragen, gehn? Zuletzt gelangen wir ins Haus, zum Tempel, Und stehn vor ihr, und hören was sie spricht. Dort kommt ein Mädchen mit dem Wasserkrug In ein und andrer Hand. Die laß uns fragen. Sie weiß wohl-- Doch! Leander! Sohn des Glücks! Was zerrst du mich? Bleib hier! Sie selber ist's, Die Jungfrau, sie, die neue Priesterin. Nach Wasser geht sie aus der heiligen Quelle, Das liegt ihr ob. Ergreif den Augenblick Und sprich! Nicht allzukühn, nicht furchtsam. Hörst du? Ich will indes rings forschen durch die Büsche, Ob alles ruhig, und kein Lauscher nah. Komm hier! Und sag ich: jetzt! so tritt hervor Und sprich.--Doch nun vor allem still.--Komm hier!
(Sie ziehen sich zurück.)
Hero (ohne Mantel, ungefähr wie zu Anfang des ersten Aufzuges gekleidet, kommt mit zwei leeren Wasserkrügen von der linken Seite des Vorgrundes. Sie geht quer aber die Bühne und singt). Da sprach der Gott: Komm her zu mir, In meine Wolken, Neben mir.
(Leander ist, von Naukleros leicht angestoßen, einige Schritte vorgetreten. Dort bleibt er, gesenkten Hauptes, stehen.)
(Hero geht auf der rechten Seite des Vorgrundes ab.)
Naukleros (nach vorn kommend). Nun denn, es sei! Du hast es selbst gewollt. Kannst du das Glück nicht fassen und erringen, So lern entbehren es. Und besser ist's. Heißt sie nicht gottgeweiht? und ihr zu nahn Droht Untergang. Auch war's halb Scherz nur, Daß ich dir riet ein Äußerstes zu tun. Doch macht mich's toll, den Menschen anzusehn, Der wünscht und hofft, und dem nicht Muts genug, Die Hand zu strecken nach des Sieges Krone. Doch ist es besser so. Glück auf, mein Freund! Dein zaghaft Herz, es führte diesmal sichrer, Als Nestors Klugheit und Achillens Mut. Nun aber komm und laß uns heim. Doch niemals Vermiß dich mehr--
Leander. Sie kehrt zurück.
Naukleros. Ei doch! Folg du!
Leander. Ich nicht.
Naukleros. Was sonst?
Leander. Ihr nahen. Sprechen. Oh!
(Sie treten wieder zurück.)
Hero (kommt zurück, einen Krug auf dem Kopfe tragend, den zweiten am Henkel in der herabhängenden rechten Hand).
(Sie singt.)
Sie aber streichelt Den weichen Flaum.
(Stehenbleibend und sprechend.)
Mein Oheim meint ich soll das Lied nicht singen Von Leda und dem Schwan.
(Weitergehend.)
Was schadet's nur?
(Wie sie in die Mitte der Bühne gekommen, stürzt Leander plötzlich hervor, sich, gesenkten Hauptes, vor ihren Füßen niederwerfend.)
Hero. Ihr Götter, was ist das? Bin ich erschrocken! Die Kniee beben, kaum halt ich den Krug.
(Sie setzt die Krüge ab.)
Ein Mann. Ein zweiter. Fremdlinge was wollt ihr Von mir, der Priestrin, in der Göttin Hain? Nicht unbewacht bin ich und unbeschützt. Erheb ich meine Stimme, nahen Wächter Und lassen euch den Übermut bereun. So geht weil es noch Zeit, und nehmt als Strafe Bewußtsein mit, und daß es euch mißlang.
Naukleros. O Jungfrau, nicht zu schäd'gen kamen wir, Vielmehr um Heilung tiefverborgnen Schadens, Der mir den Freund ergriff, ihn, den du siehst. Der Mann ist krank.
Hero. Was sagst du mir's? Geht zu den Priestern in Apollens Tempel, Die heilen Kranke.
Naukleros. Solche Krankheit nicht. Denn wie sie ihn befiel, beim Fest, in eurem Tempel, Verläßt sie ihn auch nur am selben Ort.
Hero. Beim heut'gen Fest?
Naukleros. Beim Fest. Aus deinen Augen.
Hero. Meint ihr es also, und erkühnt euch des? Doch wußt' ich's ja: frech ist der Menge Sinn, Und ehrfurchtslos, und ohne Scheu und Sitte. Ich geh, und dienstbar nahe Männer send ich Nach meinen Krügen dort, die, weilt ihr noch, Euch sagen werden, daß ihr euch vergingt.
Naukleros. Nicht also geh! Betracht ihn erst den Jüngling, Den du so schwer mit harten Worten schiltst.
Leander (zu ihr emporblickend). O bleib!
Hero. Du bist derselbe, seh ich wohl, Der heut beim Fest an Hymens Altar kniete. Doch schienst du damals sittig mir und fromm, Mir tut es leid, daß ich dich anders finde.
Leander (der aufgestanden ist, mit abhaltender Gebärde). O anders nicht! O bleib!
Hero (zu Naukleros). Was will er denn?
Naukleros. Ich sagt' es ja: er hängt an deinem Blick, Und Tod und Leben sind ihm deine Worte.
Hero. Du hast dich schlimm beraten, guter Jüngling, Und nicht die richt'gen Pfade ging dein Herz. Denn deut ich deine Meinung noch so mild, So scheint es, daß du mein mit Neigung denkst. Ich aber bin der Göttin Priesterin, Und ehelos zu sein heißt mein Gelübd'. Auch nicht gefahrlos ist's um mich zu frein, Dem drohet Tod, der des sich unterwunden. Drum laßt mir meinen Krug und geht nur fort; Mich sollt' es reun, wenn Übles ihr erführt.
(Sie greift nach den Krügen.)
Leander. Nun denn, so senkt in Meersgrund mich hinab!
Hero. Du armer Mann, du dauerst mich, wie sehr.
Naukleros. Bei Mitleid nicht, o Priestrin, bleibe stehn! Sei hilfreich ihm, dem Jüngling, der dich liebt.
Hero. Was kann ich tun? Du weißt ja alles nun.
Naukleros. So gib ein Wort ihm mindstens, das ihn heilt. Komm hier! Die Büsche halten ab des Spähers Auge. Ich setze dir in Schatten deinen Krug; Und so komm her und gönn uns nur ein Wort. Willst du nicht sitzen hier?
Hero. Es ziemt sich nicht.
Naukleros. Tu's aus Erbarmen mit des Jünglings Leiden!
Hero (zu Leander). So setz dich auch!
Naukleros. Ja hier. Und du zur Seite.
(Leander sitzt in der Mitte, den Leib an einen Baumstamm zurückgelehnt, die Hände im Schoß, gerade vor sich niedersehend. Hero und Naukleros zu beiden Seiten, etwas vorgerückt, so daß sie sich wechselseitig im Auge haben.)
Hero (zu Naukleros). Ich sagt' es schon und wiederhol es nun: Niemand der lebt begehr' um mich zu werben, Denn gattenlos zu sein heißt mich mein Dienst. Noch gestern, wenn ihr kamt, da war ich frei, Doch heut versprach ich's, und ich halt es auch.
(Zu Leander.)
Birg nicht das Aug' in deine Hand, o Jüngling! Nein, frischen Mutes geh aus diesem Hain. Gönn einem andern Weibe deinen Blick, Und freu dich dessen, was uns hier versagt.
Leander (aufspringend). So möge denn die Erde mich verschlingen, Sich mir verschließen all was schön und gut, Wenn je ein andres Weib und ihre Liebe--
Hero (zu Naukleros). Sag ihm, er soll es nicht. Was nützt es ihm? Was nützt es mir? Wer mag sich selber quälen? Er ist so schön, so jugendlich, so gut, Ich gönn ihm jede Freude, jedes Glück. Er kehre heim--
Leander. Ich heim? Hier will ich wurzeln, Mit diesen Bäumen stehen Tag und Nacht Und immer schaun nach jenes Tempels Zinnen.
Hero. Des Ortes Wächter fangen, schäd'gen ihn. Sag ihm's!--
(Zu Leander.)
Und, guter Jüngling, kehrst du heim, So laß des Lebens Müh' und buntes Treiben So viel verwischen dir als allzuviel, Das andere bewahr! So will ich auch. Und kehrt ums Jahr und jedes nächste Jahr Zurück das heut'ge Fest, so komm du wieder. Stell dich im Tempel, daß ich dich mag sehn. Mich soll es freun, wenn ich dich ruhig finde.
Leander (zu ihren Füßen stürzend). O himmlisch Weib!
Hero. Nicht so. Das ziemt uns nicht. Und sieh! Mein Oheim kommt. Er wird mich schelten, Und zwar mit Recht, warum gab ich euch nach.
Naukleros. Nimm deinen Krug und laß daraus mich trinken, Am besten deutet so sich unser Tun.
Leander (ihn wegstoßend). Nicht du; ich, ich!
Hero (ihm den Krug hinhaltend, aus dem er kniend trinkt). So trink! und jeder Tropfen Sei Trost, und all dies Naß bedeute Glück.
(Der Priester kommt.)
Priester. Was schaffst du dort?
Hero. Sieh nur, ein kranker Mann!
Priester. Nicht deines Amtes ist der Kranken Heilung. Sie mögen gehen in Apollens Tempel, Dort heilt der Priester Schar.
Hero. So sagt' ich auch.
Priester. Allein vor allem, ob nun krank, gesund Der Göttin Hain, der Priesterwohnung Nähe Betritt kein Mann, kein Fremder ungestraft. Entlaß ich euch, verdankt es meiner Huld. Ein zweites Mal verfielt ihr dem Gesetz.
Naukleros. Doch sah ich erst nur viele dort versammelt Im Tempel und im Hain, so Mann als Frauen.
Priester. Die Zeit des Fests gibt solchem Einlaß Raum, Vom Morgen bis zum Mittag währt die Freiheit.
Naukleros. Nun denn, die Sonne steht noch nicht so hoch; Sie brennt und blitzt, doch lange nicht im Scheitel.
Priester. Des sei du froh und nütze diese Frist. Denn wenn die Sonn' auf ihres Wandels Zinne Mit durst'gen Zügen auf die Schatten trinkt, Dann tönen her vom Tempel krumme Hörner Dem Feste Schluß, dir kündigend Gefahr. Auch seid ihr aus Abydos sagt man mir, Und wenig wohlgesinnt das Volk uns jener Stadt. Beim Fischzug, und wo irgend sonst im Meer Erhebt es Streit mit Sestos' frommen Bürgern. Auch das bedenkt, und daß der oft Gekränkte Sich doppelt rächt, wenn lang er es verschob.
Naukleros. Ich aber denke: Mann, Herr, gegen Mann! So hielt ich's gegen Sestos' frommes Volk. Auch: stellen sie uns nach auf diesen Küsten, Wir zahlen's ihnen jenseits, dort, bei uns.
Priester. Nicht ziemt es mir, dir Wort zu stehn und Rede. Was not tut ward gesagt, von anderm schweig!
(Zu Hero.)
Du aber nimm den Krug und komm!
(Da die Jünglinge ihr helfen wollen.)
Laß nur! Dort gehen Dienerinnen.
(Er winkt nach links in die Szene.)
Und so folg! Im Tempel harrt noch mancherlei zu tun.
(Hero an der Hand führend, nach der linken Seite ab.)
Janthe (die indessen gekommen ist). Was habt ihr angerichtet, schöne Fremde? Ich sah euch wohl von fern. Nun aber eilt! Wer hieß euch auch mit euerm raschen Werben Der Priestrin nahn, die schon dem Dienst geweiht? Wär' ich ein Mann, ich suchte gleich für gleich.
(Mit den Krügen ab.)