Der zunehmende Mond

Part 2

Chapter 23,877 wordsPublic domain

Wenn Nacht kommt, vergrabe ich mein Gesicht in meine Arme und träume, daß meine Papierschiffchen weiter und weiter treiben unter den Mitternachtssternen.

Die Schlafelfen segeln darin, und die Ladung sind ihre Körbe voll Träume.

DER SEEMANN

Das Boot des Bootsmannes Madhu ist an der Werft von Rajgunj verankert.

Es ist unnütz beladen mit indischem Flachs und liegt schon so lange zwecklos da.

Wenn er mir nur sein Boot leihen wollte, ich würd' es mit hundert Rudrern bemannen und Segel hissen, fünf oder sechs oder sieben.

Ich würd' es nicht nach dummen Märkten steuern.

Ich würde über die sieben Meere segeln und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.

* * * * *

Gelt Mutter, Du würdest nicht weinen, um mich in einer Ecke?

Ich geh' nicht in den Wald wie Rāmachandra, um erst nach vierzehn Jahren heimzukehren.

Ich werde der Märchenprinz sein und mein Boot füllen, mit allem, was mir gefällt.

Ich werde meinen Freund Ashu mit mir nehmen. Wir werden frohlustig über die sieben Meere segeln und die dreizehn Flüsse des Märchenlands.

* * * * *

Wir werden die Segel setzen im frühen Morgenlicht.

Wenn Du des mittags am Teiche badest, werden wir im Land eines fremden Königs sein.

Wir werden die Furt von Tipurni passieren und hinter uns lassen die Wüste von Tepāntar.

Wenn wir heimkommen, wird es anfangen zu dunkeln, und ich werde Dir von allem erzählen, was wir gesehen haben.

Ich werde die sieben Meere kreuzen und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.

DAS ANDERE UFER

Ich möchte hinübergehn an das Ufer des Flusses drüben,

Wo jene Boote angeseilt sind an die Bambuspfähle in einer Reihe;

Wo Männer in ihren Booten überfahren in der Frühe, mit Pflügen auf ihren Schultern, ihre Felder weit draußen zu ackern;

Wo die Kuhhirten ihre blökenden Kälber über den Strom schwimmen lassen nach den Uferweiden;

Von wo sie alle heimkommen am Abend und lassen auf der Insel, der von Unkraut überwucherten, die heulenden Schakale zurück.

Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, wenn ich einmal groß bin.

* * * * *

Sie sagen, es sind seltsame Sümpfe verborgen hinter jenem Ufer,

Wo Schwärme wilder Enten hinkommen, wenn die Regen vorüber sind, und dickes Rohr wächst um die Ränder, da Wasservögel ihre Eier legen;

Wo Schnepfen mit ihren tanzenden Schwänzen ihre kleinen Zehenmale in den reinen, weichen Schlamm drücken;

Wo im Abend die hohen Gräser, mit weißen Blüten behelmt, den Mondstrahl einladen, auf ihren Wogen zu spielen.

Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, wenn ich einmal groß bin.

* * * * *

Ich werde hinüber- und herüberfahren von Ufer zu Ufer, und alle die Jungen und Mädchen im Dorf werden mich anstaunen, während sie baden.

Wenn die Sonne des Himmels Mitte erklimmt und der Morgen in den Mittag vergeht, werde ich nach Hause gelaufen kommen und sagen: »Mutter, ich habe Hunger!«

Wenn der Tag um ist und die Schatten unter den Bäumen kauern, werd' ich im Dämmern heimkommen.

Ich werde nie weggehen von Dir, in die Stadt arbeiten, wie Vater.

Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, wenn ich einmal groß bin.

DIE BLUMENSCHULE

Wenn Sturmwolken am Himmel rumoren und Junischauer herunterkommen,

Kommt der feuchte Ostwind über die Heide marschiert, um seinen Dudelsack im Bambusgeröhr zu pfeifen.

Dann kommen auf einmal Scharen von Blumen heraus -- weiß niemand woher -- und tanzen auf dem Gras in wilder Lust.

* * * * *

Mutter, wirklich, ich denke, die Blumen gehn unter der Erde zur Schule.

Sie machen ihre Aufgaben bei geschlossenen Türen, und wenn sie herauskommen wollen, zu spielen, eh' ihre Zeit ist, läßt sie der Lehrer in einer Ecke stehn.

* * * * *

Wenn die Regen kommen, haben sie ihre Ferien.

Zweige prasseln zusammen im Walde, und die Blätter rascheln im wilden Wind, die Donnerwolken klatschen ihre Riesenhände, und die Blumenkinder stürzen heraus in Kleidern rosig und gelb und weiß.

* * * * *

Weißt Du, Mutter, ihre Heimat ist im Himmel, wo die Sterne sind.

Hast Du nicht gemerkt, wie gierig sie sind, dahin zu gelangen? Weißt Du nicht, warum sie in solcher Eile sind?

Freilich, ich kann's erraten, zu wem sie ihre Hände erheben: sie haben ihre Mutter, wie ich die meine hab'.

DER KAUFMANN

Stell' Dir vor, Mutter, daß Du zu Hause bleiben müßtest, und ich müßte in fremde Länder reisen.

Stell' Dir vor, daß mein Boot bereitliegt an der Brücke, voll geladen.

Nun denk' gut nach, Mutter, eh' Du sagst, was ich mitbringen soll für Dich, wenn ich zurückkomme.

* * * * *

Mutter, willst Du Haufen und Haufen von Gold?

Dort an den Ufern goldener Ströme sind Felder voll goldener Ernten.

Und in den Schatten des Waldpfads tropfen die goldnen Champablüten auf den Weg.

Ich will sie sammeln, alle für Dich, in vielen hundert Körben.

Mutter, willst Du Perlen so groß wie Regentropfen im Herbst?

Ich will hinüberfahren nach der Perleninsel.

Dort zittern im frühen Morgenlicht Perlen auf den Wiesenblumen, Perlen tropfen ins Gras, und Perlen sind verspritzt im Sand vom Gischt der wilden Meereswogen.

Mein Bruder soll ein Paar Rösser haben mit Flügeln, um mit den Wolken zu fliegen.

Für Vater werd' ich eine Zauberfeder mitbringen, die, ohne daß er es weiß, von selber schreiben wird.

Für dich, Mutter, muß ich das Kästlein und das Kleinod haben, das sieben Königen ihre Königreiche kostet.

MITGEFÜHL

Wenn ich nur ein kleines Hündchen wäre, nicht Dein Kindchen, Mutter lieb, würdest Du »Nein« zu mir sagen, wenn ich es wagte, von Deiner Schüssel zu essen?

Würdest Du mich wegjagen, zu mir sagend: »Mach' Dich fort, Du garstiges, kleines Hündchen?«

Dann geh', Mutter, geh'! Ich will nie mehr zu Dir kommen, wenn Du mich rufst, und mich nicht mehr von Dir füttern lassen.

* * * * *

Wenn ich nur ein kleiner, grüner Papagei wäre und nicht Dein Kindchen, Mutter lieb, würdest Du mich an der Kette halten, damit ich nicht wegfliegen kann?

Würdest Du mir mit dem Finger drohen und sagen: »Was für ein undankbarer Racker von einem Vogel! Er knabbert an seiner Kette Tag und Nacht?«

Dann geh', Mutter, geh'! Ich will fortlaufen in den Wald; ich will nicht mehr, daß Du mich wieder in Deine Arme nimmst.

BERUF

Wenn der Gong zehn schlägt des morgens und ich wandre unsre Gasse zur Schule,

Treffe ich jeden Tag den Händler, schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!«

Es gibt nichts, das ihn zur Eile treibt, es gibt keinen Weg, den er nehmen, keinen Ort, nach dem er gehen, keine Zeit, zu der er heimkommen muß.

Ich wünschte, ich wäre ein Händler und verbrächte meinen Tag auf der Straße, schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!«

* * * * *

Wenn ich um vier des nachmittags zurückkomme aus der Schule,

Kann ich durch das Tor jenes Hauses den Gärtner die Erde graben sehn.

Er tut, was er will mit seinem Spaten, beschmutzt seine Kleider mit Staub, keiner stellt ihn zur Rede, wenn er gebraten wird in der Sonne oder naß wird.

Ich wünschte, ich wäre ein Gärtner, drauflosgrabend im Garten, und keiner hielte mich ab vom Graben.

* * * * *

Just wenn es dunkel wird am Abend und meine Mutter mich zu Bett schickt,

Kann ich durch das offne Fenster den Wächter sehn auf und abschreiten.

Die Gasse ist dunkel und einsam, und die Straßenlampe steht wie ein Riese mit einem roten Auge im Kopf.

Der Wächter schwingt seine Laterne und schreitet mit seinem Schatten zur Seite und geht nicht =ein=mal zu Bett in seinem Leben.

Ich wünschte, ich wäre ein Wächter, die Straßen schreitend alle Nacht, und scheuchte die Schatten mit meiner Laterne.

ÜBERLEGEN

Mutter, Dein Töchterchen ist dumm! Sie ist so schrecklich kindisch!

Sie weiß nicht den Unterschied zwischen den Lichtern auf der Straße und den Sternen.

Wenn wir »Essen« mit Kieseln spielen, glaubt sie, sie sind wirkliche Speise und versucht, sie in ihren Mund zu stecken.

Wenn ich ein Buch aufmache vor ihr und sie ihr ABC lernen heiße, zerreißt sie die Blätter mit ihren Händen und brüllt vor Freude über nichts. Das ist die Art, wie Dein Töchterchen ihre Aufgaben macht.

Wenn ich den Kopf über sie schüttle in Ärger und sie schelte und sie schlimm nenne, lacht sie und hält es für einen Hauptspaß.

Jeder weiß, daß Vater fort ist, aber wenn ich im Spiel laut »Vater« rufe, schaut sie herum in Aufregung und denkt, daß Vater nahe ist.

Wenn ich Schule spiele mit den Eseln, die unser Wäschemann bringt, um Wäsche zu holen, und ich drohe ihr, daß ich der Lehrer bin, wird sie kreischen ohne Grund und mich Dādā nennen.

Dein Töchterchen will den Mond fangen. Sie ist so drollig, sie nennt: Ganesh Ganush.

Mutter, Dein Töchterchen ist dumm, sie ist so schrecklich kindisch!

DER KLEINE GROSSE MANN

Ich bin klein, weil ich ein kleines Kind bin. Ich werde groß sein, wenn ich so alt bin wie mein Vater ist.

Mein Lehrer wird kommen und sagen: »Es ist spät; bring' Deine Tafel und Deine Bücher.«

Ich werd' ihm antworten: »Weißt Du nicht, daß ich so groß bin wie Vater? Und ich muß keine Stunden mehr haben.«

Mein Lehrer wird sich wundern und sagen: »Er kann seine Bücher lassen, wenn er will, er ist ja erwachsen.«

* * * * *

Ich werde mich anziehn und zum Jahrmarkt spazieren, wo das Gewühl am dichtesten ist.

Mein Onkel wird auf mich zugestürzt kommen und sagen: »Du wirst verloren gehn, mein Junge; laß' mich Dich tragen.«

Ich werde antworten: »Kannst Du nicht sehen, Onkel, ich bin so groß wie Vater. Ich muß allein auf den Jahrmarkt gehn.«

Onkel wird sagen: »Ja, er kann gehn, wohin er will; er ist erwachsen.«

* * * * *

Mutter wird vom Bade kommen, wenn ich meiner Amme Geld gebe; denn ich weiß, wie sich die Büchse aufmachen läßt mit meinem Schlüssel.

Mutter wird sagen: »Was hast Du vor, Du schlimmes Kind?«

Ich werd' ihr erwidern: »Mutter, weißt Du nicht, ich bin so groß wie Vater und ich muß meiner Amme Silber geben.«

Mutter wird zu sich sagen: »Er kann Geld geben, wem er will; er ist ja erwachsen.«

* * * * *

In der Ferienzeit im Oktober wird Vater heimkommen und, weil er meint, daß ich noch ein kleines Kind bin, wird er für mich aus der Stadt kleine Schuhe und kleine seidene Röcklein mitbringen.

Ich werde sagen: »Vater, gib sie meinem Dādā, denn ich bin so groß wie Du bist.«

Vater wird denken und sagen: »Er kann seine eignen Kleider kaufen, wenn er will; er ist ja erwachsen.«

ZWÖLF UHR

Mutter, ich will jetzt aufhören mit meinen Aufgaben. Ich habe den ganzen Morgen über meinen Büchern gesessen.

Du sagst, es ist erst zwölf Uhr. Angenommen, es ist nicht später: kannst Du Dir niemals denken, es ist Nachmittag, wenn es nur zwölf Uhr ist?

Ich kann mir leicht vorstellen jetzt, daß die Sonne den Rand jenes Reisfeldes erreicht hat, und daß die alte Fischerfrau Kräuter sammelt für ihr Nachtmahl, drüben am Teich.

Ich kann meine Augen fest zumachen und denken, daß die Schatten dunkler werden unter dem Madarbaum und das Wasser im Teich glänzend schwarz aussieht.

Wenn zwölf Uhr in der Nacht kommen kann, warum kann die Nacht nicht kommen, wenn es zwölf Uhr ist?

SCHRIFTSTELLEREI

Du sagst, daß Vater eine Menge Bücher schreibt, aber was er schreibt, versteh' ich nicht.

Er hat Dir den ganzen Abend vorgelesen, aber konntest Du wirklich herausbekommen, was er meinte?

Welch schöne Märchen, Mutter, kannst =Du= uns erzählen! Warum kann Vater nicht solche schreiben?

Hat er niemals von seiner eignen Mutter Märchen gehört von Riesen und Elfen und Prinzessinnen?

Hat er sie alle vergessen?

* * * * *

Oft, wenn er spät kommt zum Baden, mußt Du gehn und ihn hundertmal rufen.

Du wartest und hältst sein Essen warm für ihn, und er schreibt weiter und vergißt.

Vater spielt immer Büchermachen.

Wenn ich je spielen gehe in Vaters Zimmer, kommst Du und rufst mich: »Was für ein schlimmes Kind!«

Wenn ich den leisesten Lärm mache, sagst Du: »Siehst Du nicht, daß Vater arbeitet?«

Was hat das für Sinn, schreiben und immer schreiben?

* * * * *

Wenn ich Vaters Feder oder Bleistift nehme und in sein Buch schreibe, gerade wie er -- a, b, c, d, e, f, g, h, i, --, warum wirst Du dann böse mit mir, Mutter?

Du sagst nie ein Wort, wenn Vater schreibt.

* * * * *

Wenn mein Vater solche Haufen Papier verschwendet, Mutter, scheint es Dich gar nicht zu stören.

Wenn ich aber nur =einen= Bogen nehme, um mir ein Schiff draus zu machen, sagst Du: »Kind, wie Du einen quälst!«

Was hältst Du von Vaters Bogen und Bogenverderben mit schwarzen Zeichen, über und über auf beiden Seiten?

DER BÖSE POSTBOTE

Warum sitzest Du hier auf dem Boden so still und schweigend, sag' mir, Mutter lieb?

Der Regen kommt herein durch das offene Fenster, macht Dich ganz naß, und Du merkst es gar nicht.

Hörst Du den Gong vier schlagen? Es ist Zeit für meinen Bruder, daß er heimkommt aus der Schule.

Was ist Dir geschehn, daß Du so fremd ausschaust?

Hast Du heut keinen Brief von Vater bekommen?

Ich sah den Postboten Briefe bringen in seinem Sack, für jeden fast in der Stadt.

Nur Vaters Briefe behält er, um sie selber zu lesen. Ich bin gewiß, der Postbote ist ein böser Mann.

* * * * *

Aber sei nicht unglücklich darüber, Mutter lieb.

Morgen ist Markttag im nächsten Dorf. Du sagst Deinem Mädchen, daß sie Federn und Papier kauft.

Ich selbst will Vaters Briefe schreiben; Du wirst nicht einen einzigen Fehler finden.

Ich werde vom A drauf los bis zum K schreiben.

Doch, Mutter, was lächelst Du?

Du glaubst nicht, daß ich so schön schreiben kann wie Vater?

Aber ich werde mein Papier sorgfältig linieren und alle Buchstaben schön groß schreiben.

Wenn ich mein Schreiben fertig habe, meinst Du, werd' ich so dumm sein und es hineinwerfen in des gräßlichen Postboten Sack?

Ich werd' es Dir selber bringen, ganz rasch, und Dir Brief für Brief meine Schrift lesen helfen.

Ich weiß, der Postbote gibt Dir nicht gern die wirklich netten Briefe.

DER HELD

Mutter, denk' Dir, wir reisen und kommen durch ein fremdes und gefährliches Land.

Du reisest in einem Palankin, und ich trabe neben Dir auf einem roten Pferd.

Es ist Abend, und die Sonne geht unter. Die Wüste von Joradighi liegt fahl und grau vor uns. Das Land ist öd und brach.

Du bist erschreckt und denkst: »Ich weiß nicht, wohin wir geraten sind.«

Ich sage zu Dir: »Mutter, hab' keine Angst.«

* * * * *

Die Wiese prickelt vor spitzigem Gras, und drüber läuft ein schmaler, holpriger Pfad.

Kein Vieh ist zu sehn auf dem weiten Feld; es ist in seine Ställe heimgekehrt.

Es wird dunkel und düster auf Land und Himmel, und wir können's nicht sagen, wohin wir gehn.

Plötzlich rufst Du und fragst mich flüsternd: »Was für ein Licht ist dort am Ufer?«

* * * * *

Just da gellt ein furchtbarer Schrei, und Gestalten kommen laufend auf uns zu.

Du sitzest zusammengekauert in Deinem Palankin und wiederholst betend die Namen der Götter.

Die Träger, vor Schrecken zitternd verstecken sich im Dornenbusch.

Ich schrei' Dir zu: »Hab' keine Angst, Mutter, ich bin da!«

* * * * *

Mit langen Stöcken in den Händen und ganz wild flatterndem Haar um ihre Schädel kommen sie näher und näher.

Ich schreie: »Seht Euch vor, Ihr Schurken! Einen Schritt weiter und Ihr seid des Todes!«

Sie stoßen noch einmal ein schreckliches Geheul aus und stürzen vorwärts.

Du packst meine Hand und sagst: »Lieber Junge, um Himmels willen, halt' Dich fern von ihnen!«

Ich sage: »Mutter, gib Du nur Obacht auf mich.«

* * * * *

Dann sporn' ich mein Roß zu wildem Galopp, und mein Schwert und Schild klirren aneinander.

Der Kampf wird so gräßlich, Mutter, daß Dich ein kalter Schauer überliefe, wenn Du ihn sehen könntest von Deinem Palankin.

Viele von ihnen fliehn, und eine große Zahl ist in Stücke gehaun.

Ich weiß, Du denkst, ganz versunken in Dich, Dein Junge muß tot sein in dieser Stunde.

Aber ich komme zu Dir, ganz mit Blut befleckt und sage: »Mutter, nun ist der Kampf vorüber.«

Du kommst heraus und küssest mich, drückst mich an Dein Herz und sagst zu Dir selbst:

»Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht meinen Jungen zum Geleit hätte.«

* * * * *

Tausend nutzlose Dinge geschehen Tag für Tag, warum könnte nicht so etwas zufällig wahr werden?

Es würde wie eine Geschichte in einem Buch sein.

Mein Bruder würde sagen: »Ist das möglich? Ich dachte immer, er wäre so zart!«

Unsre Dorfleute würden alle in Verwunderung sagen: »War es nicht ein Glück, daß der Junge mit seiner Mutter war?«

DAS ENDE

Es ist Zeit für mich, zu gehen, Mutter. Ich gehe.

Wenn Du im fahlen Dunkel der einsamen Dämmerung Deine Arme ausstreckst nach Deinem Kindchen im Bett, werde ich sagen: »Kindchen ist nicht da!« -- Mutter, ich gehe.

Ich werde ein zarter Lufthauch werden und Dich liebkosen; und ich werde das Kräuseln auf dem Wasser sein, wenn Du badest, und Dich küssen und wieder küssen.

In der Sturmnacht, wenn der Regen auf die Blätter prasselt, wirst du mein Flüstern hören in Deinem Bett, und mein Lachen wird mit dem Blitz durchs offne Fenster in Dein Zimmer leuchten.

Wenn Du wach liegst, an Dein Kindchen denkend bis spät in die Nacht, werd' ich singen zu Dir von den Sternen: »Schlaf, Mutter, schlaf.«

Auf den irrenden Mondstrahlen werd' ich mich über Dein Bett stehlen und auf Deiner Brust liegen, während Du schläfst.

Ich werde ein Traum werden und durch die kleine Öffnung Deiner Augenlider werd' ich in die Tiefen Deines Schlafes schlüpfen; und wenn Du aufwachst und bestürzt herumschaust, werd' ich wie ein glitzernder Leuchtkäfer hinaus ins Dunkle schwirren.

Wenn zum großen Puja-Feste die Nachbarskinder kommen und herumspielen im Haus, werd' ich in die Musik der Flöte schmelzen und in Deinem Herzen schlagen den ganzen Tag.

Die liebe Muhme wird kommen mit Puja-Geschenken und wird fragen: »Wo ist unser Kindchen, Schwester?«

Mutter, Du wirst ihr leise sagen: »Er ist in den Sternen meiner Augen, er ist in meinem Körper und in meiner Seele.«

KOMM ZURÜCK!

Die Nacht war schwarz als =sie= fortging, und sie schliefen.

Die Nacht ist schwarz jetzt, und ich rufe nach =ihr=: »Komm zurück, mein Liebling; die Welt liegt im Schlaf; und niemand würde wissen, wenn Du kämst für eine Weile, während die Sterne den Sternen zublinken.«

* * * * *

Sie ging weg, als die Bäume in Knospen standen und der Lenz jung war.

Nun sind die Blumen in voller Blüte und ich rufe: »Komm zurück, mein Liebling. Die Kinder sammeln Blumen und verstreun sie in unbekümmertem Spiel. Und wenn Du kämest und nähmest =eine= kleine Blüte, es würde sie keiner vermissen.«

Die damals spielten, spielen noch, so verschwenderisch ist Leben.

Ich lauschte ihrem Plaudern und rufe: »Komm zurück, mein Liebling; denn Mutters Herz ist voll bis an den Rand mit Liebe, und wenn Du kämest, nur einen einzigen kleinen Kuß zu haschen von ihr, es würde Dir's niemand neiden.«

DER ERSTE JASMIN

Ah, dieser Jasmin, dieser weiße Jasmin!

Mir ist wie am ersten Tag, da ich meine Hände füllte mit diesem Jasmin, diesem weißen Jasmin.

Ich habe die Sonne geliebt, den Himmel und die grüne Erde.

Ich habe das rieselnde Rauschen des Flusses gehört durch das Dunkel der Mitternacht;

Herbstsonnenuntergänge sind zu mir gekommen an eines Weges Biegung in einsamer Öde wie eine Braut, den Schleier hebend zum Empfang des Geliebten.

Und doch ist mein Erinnern noch süß von dem ersten weißen Jasmin, den ich in meiner Hand hielt, als ich ein Kind war.

* * * * *

Manch' froher Tag ist in mein Leben gekommen, und ich habe gelacht mit Spaßmachern in festlichen Nächten.

An grauen Regenmorgen hab' ich manch' müßig Lied gesummt.

Ich habe um meinen Nacken getragen den Abendkranz aus Bakulas, von Händen der Liebe geflochten.

Und doch ist mein Herz süß von dem Erinnern an den ersten frischen Jasmin, der meine Hände füllte, als ich ein Kind war.

DER FEIGENBAUM

O Du zottelköpfiger Feigenbaum am Ufer des Teichs, hast Du den kleinen Jungen vergessen wie die Vögel, die in Deinen Zweigen genistet haben und Dich verließen?

Erinnerst Du Dich nicht, wie er am Fenster saß und sich wunderte über das Gewirr Deiner Wurzeln, die unter die Erde tauchten?

Die Frauen kamen immer, ihre Krüge zu füllen am Teich, und Dein riesiger, schwarzer Schatten räkelte sich über das Wasser wie Schlaf, der sich anstrengt, aufzuwachen.

Sonnenlicht tanzte auf den Wasserwirbeln wie ruhlose, winzige Weberschiffchen, die eine goldne Tapete wirken.

Zwei Enten schwammen am verwilderten Rande über ihren Schatten und der Junge saß still und sann.

Er wollte der Wind sein und durch Deine rauschenden Zweige blasen, Dein Schatten sein und mit dem Tage länger werden auf dem Wasser, ein Vogel sein und auf Deinem höchsten Wipfel sitzen, und wie jene Enten unter Unkraut und Schatten schwimmen.

SEGNUNG

Segne dies kleine Herz, diese weiße Seele, die des Himmels Kuß für unsere Erde gewonnen hat.

Er liebt das Licht der Sonne, er liebt den Anblick von seiner Mutter Antlitz.

Er hat mich gelehrt, den Staub verachten und nach Gold trachten.

Schließ' ihn an Dein Herz und segne ihn.

* * * * *

Er ist in dieses Land der hundert Kreuzwege gekommen.

Ich weiß nicht, wieso er Dich wählte aus der Menge, an Dein Tor kam und Deine Hand faßte, um seinen Weg zu fragen.

Er wird Dir folgen, lachend und plaudernd und ohne Zweifel im Herzen.

Erfüll' sein Vertrauen, führe ihn zum Rechten und segne ihn.

* * * * *

Leg' Deine Hand auf sein Haupt und bete: wenn auch die Wogen unten bedrohlich werden, so möge doch der Odem von oben kommen und seine Segel füllen und ihn in den Hafen des Friedens wehn.

Vergiß' ihn nicht in Deinem Hasten, laß' ihn an Dein Herz kommen und segne ihn.

DAS GESCHENK

Ich möchte Dir was schenken, mein Kind, denn wir treiben auf dem Strom der Welt.

Unsre Leben werden auseinandergehn und unsre Liebe wird vergessen werden.

Aber ich bin nicht so töricht, zu hoffen, ich könnte Dein Herz mit meinen Geschenken kaufen.

Jung ist Dein Leben, Dein Pfad lang, und Du trinkst die Liebe, die wir Dir bringen, auf einen Zug, kehrst Dich um und läufst weg von uns.

Du hast Dein Spiel und Deine Gespielen. Was tut's, wenn Du nicht Zeit, nicht Sinn für uns hast.

Fürwahr, wir haben Muße genug im Alter, die Tage zu zählen, die vergangen sind, in unseren Herzen zu hätscheln, was unsre Hände für immer verloren haben.

Der Fluß läuft schnell mit einem Lied, alle Schranken durchbrechend. Aber der Berg steht und erinnert sich und folgt ihm mit seiner Liebe.

MEIN LIED

Dies Lied von mir will seine Musik winden um Dich, mein Kind, wie die zärtlichen Arme der Liebe.

Dies Lied von mir will Deine Stirn berühren wie ein Segenskuß.

Wenn Du allein bist, wird es an Deiner Seite sitzen und Dir ins Ohr flüstern; bist Du in der Menge, wird es Dich einfrieden mit Entrücktheit.

Mein Lied wird ein Flügelpaar für Deine Träume sein, es wird Dein Herz an die Grenze des Unbekannten reißen.

Es wird wie der getreue Stern zu Häupten sein, wenn finstre Nacht über Deiner Straße liegt.

Mein Lied wird in den Sternen Deiner Augen sitzen und Deinen Blick in das Herz der Dinge führen.

Und wenn meine Stimme still ist im Tod, wird mein Lied in Dein lebendes Herz sprechen.

DER ENGEL

Sie schreien und kämpfen, sie zweifeln und verzweifeln, sie wissen kein Ende ihren Zänken.

Laß' Dein Leben unter sie kommen wie eine Flamme Licht, mein Kind, ohne Flackern und rein, und entzücke sie zum Schweigen.

Sie sind grausam in ihrer Gier und ihrem Neid; ihre Worte sind wie verborgene Messer, dürstend nach Blut.

Geh' und stelle Dich unter ihre schelen Herzen, mein Kind, und laß' Deine milden Augen auf sie fallen wie der verzeihende Abendfriede über den Streit des Tags.