Der zerstörte Tasso: Ausgewählte Gedichte

Part 1

Chapter 13,202 wordsPublic domain

DER ZERSTÖRTE TASSO

AUSGEWÄHLTE GEDICHTE VON THEODOR TAGGER

LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG

Bücherei »Der jüngste Tag«, Bd. 62/63

Gedruckt Ende 1918 bei E. Haberland in Leipzig

INHALT

OHNMACHT UND AUFRUHR Seite Drei Stoßgebete 9 Der Dichter 12 Abraham und Lot 15 Eva und Susanna 18 Die Eselin 20 Lilie 21 Fantasia Contrappuntistica 23 Preludio, Fughetta ed Fuga Esercizio 25 Die Irren 28 Ariadne 32 Bilder und Aufraffung des Einsamen 35 Der Löwenbändiger 38 Das Bett 42 Der zerstörte Tasso 44

LANDSCHAFTEN Mann am See 51 Abendsonne 52 Späte Landschaft 54 Nacht 55 Ohnmächtige Stunde, Versailles 56 Landschaft 57 Nasser Abend 58 Mitternacht 59 Mittag 60 Winter 61 Sommerabend 62

PSALMEN DAVIDS Der erste Psalm 65 Der sechzehnte Psalm 66 Der einhundertundzweite Psalm 67 Der siebenundsechzigste Psalm 70 Der fünfundvierzigste Psalm 71 Der dreiunddreißigste Psalm 72 Der neununddreißigste Psalm 74 Der einhundertundneununddreißigste Psalm 76 Der einhundertvierundvierzigste Psalm 80 Der einhundertsiebenundvierzigste Psalm 83 Der einhundertfünfzigste Psalm 86

OHNMACHT UND AUFRUHR

STOSZGEBETE

I.

Ich liebe dich, Herr. Aufgerissen über alle Maßen stehe ich zwischen den Tagen. Ich habe keine Hinneigung mehr, bin nur noch Schwanken, allem zugeöffnet --, und beraubt. Aber es kommt einmal deine Hand und du verschließt mich leise, daß ich reife und mich ausblaue in mir. O, hebe mein Weinen auf, Herr, laß mich erseligen an dir, du Grünen und du Träne an den Zweigen des Frostes.

II.

Herr, du mein Mond, o scheine mir wieder nächtliche Erlösung. Gieße die heißen und dunkelen Balsame aus deinen Händen, hebe die Lider vor den Psalmen deiner Augen.

O, wie kannst du kühlen, sänftigen und verscheinen! O, wie kannst du, Herr, überschleiern!

Sieh, ich leide hier an den schmerzlich schreckvollen Tagen, ach, die brennenden Tumulte der Sonne wirren mich müd und schwindelig, daß vor meinen Augen alles auseinandersplittert. Ich fasse nicht mehr, was die Erscheinungen sagen, ich höre nicht mehr die Stillen in den Stimmen, nur mehr das Klirren, ununterbrochen und sehne mich, Herr, ach, nach dir, o du, du Herr, du Nacht, du Dunkelblau der Tröstungen, du Überschleierer aller Anblendungen.

III.

Alles in mir brüllt zu dir hin, alles reißt sich dir zu. Ich bin nicht mehr dein Baum und dein Wild, dein Knecht und dein Kind. Ich bin dein Hunger, deine Müdigkeit, der Schlag aus deinem Mund, und der Schmerz aus deiner Hand.

O Herr, o Donner der über meine Himmel weht, ich will zu dir restlos mich verflüchtigen, o Blitz du, streife mich an und verbrenne mich in die Landschaft.

DER DICHTER

I.

Alle Schritte führen mich den einen Weg, südliches Orchester des Herzens tausend Stimmen unter einem Stab. Ich habe keine Bilder und keine Gesichte stelle ich vor den Blick, ihn zu verschließen.

Ungeheuer bauen sich meine Leben auf. Was ich fasse zerteilen meine Hände in die Verse des Augenblicks, Ding weilen in Sänften meines Denkens. Lang und im geduldigen Lauf trage ich sie vorüber an den Denkmälern vergessenen Aufwands. Anhauchen Herzen, steigen schlagend vor meinem Munde auf, Verzückungen der Knie -- o welche Strophen! Lieder, menschliches Veräußern, strenge Hände, angelehnte Blicke, und das weibliche Verschaukeln der Schultern, aufgestellte Seelen und die Verschlingungen des Teppichs umrasen sanft meine segelnde Stirn.

II.

Führen Zypressen der Blicke mich in einen Hain, drehen elektrische Bahnen auf der Straße, und klein um mich herum, Menschen schwimmen. Aber ich gehe, wie Moses, auf den Wellen schaukelnd über sie hin.

Winkt der Turm Verheißung der Sammlung, und ich breite die Arme, mich zu zerstreun. Bahnhofshallen dunkeln kirchlich an, Wiesen blühen auf den Asphalten, Autos werden breite, mähende Kühe, die Welt steht still auf einer platten Scheibe. Gott herbstet vor meinen Augen, aber ich trage mich nicht zu seinem Verwelken hin. Ich blüte, unbegrenzt kommen Farben ohne zu verfallen.

III.

Pole sammeln mit fechtenden Spitzen sich wieder, meine Brust trägt sie beide im Schoß. Sommernächtig verkupfern kaum angekündete Lieder, lösen langsame Blätter von den Herzen sich los.

Blutig wandet die Seele Blick und Gedächtnis, alles wird Einkreis, Brot und gequält. Bleibt ein Traum, schwarzes, dünnes Vermächtnis, plötzlich stehen und verzählt.

Landschaften wellen keinen Hügel, und die berauschten weißen Hirsche springen nicht mehr auf und ab. Milchstraße, äthernde Augen, ländliches Geräusch vertauschten sich und dunkelten in den Morgen hinab.

Zinnober und Sepia wäscht der gelbe Aufgang aus dem Gesichte der Nacht. Ich gehe, unbändig angetan, fröstelnd und vergeblich lang über die Wiesen der Gassen hinan.

ABRAHAM UND LOT

I.

Da der Herr Abraham aus seinem Lande rief, ihm zu folgen: sanft mit des Gläubigen unbedunkeltem Herzen nahm Abraham sich auf und folgte. Fünfundsiebzigjährig zog er aus Haran mit den leichten Schritten des Jünglings bis zum berühmten Tale und nahm Mühsal und Unruh späten Aufbruchs mit der milden Demut des Wanderers zu Gott. Gab voll Verheißung sein Weib dem Pharao preis, um zu leben, und war Abraham wie der Strauch Strauch ist und blüht und nicht fertig wird, es zu sein. Dieweil Lot sich krümmte und feilschte um die Worte des Herrn, verbrannt sein Gesicht war und nicht schimmerte zu den blauen Wiesen trächtiger Einfalt. Doch der Herr hat verflucht sein Geschlecht und mit der Faust gestoßen in die dunklen Keller von Neugier und Verbrechen. Ließ erstarren sein Weib und die Töchter schänden vom Vater, daß in die Ewigkeit sie der Mißbrauchnis des Lebens unzüchtiges, drohendes Beispiel sind. Straflos schreien die Taten des Herrn, aus der Menschen Lust und Wildnis brechen geschlossene Leiber auf, und die Hände des Richters pressen Eiter und Blut der Verruchnis aus den klaffenden Herzen.

II.

Doch werden einmal Abraham und Lot freundlich aufeinandergehen und sich umarmen. Der eine bricht dem andern langsam von dem Brot, aus dem die Paradiese bluten für die Armen.

Der jüngste Tag errötet alle Städte und Sodom und Gomorrha duften unter Flieder, die Wollust kauert sanft an einem Knabenbette, nächtige Sünder singen Morgenlieder --

der Tiger hebt die ungekrallte Tatze, schon lächeln Mörder und Blutschänder leise, sorglos sitzt der Dieb und kaut auf offnem Platze, und alles Leben stummet auf in niegehörter Weise.

EVA UND SUSANNA

I.

Strahlt deine Keuschheit Schuschan durch das geläuterte Glas erhaben in das betörte sündenflammende Babel leicht mit dem Geruch des jungfräulichen Knaben, der aus dem getöteten Abel noch heute duftend strömt. Tausend Wege schäumender Verführung miedest du in der Stadt lauten Versündens sanft wie ein Gruß des Herzens. Die Wasser der Wollust schiedest du und gingst, eine himmlische Wolke mit unbeflecktem Fuß. Dieweil Eva, deine Schwester, in die Gärten mildesten Verscheinens eine Schlange lockte und die Äpfel giftete. Panther, Tauben und Hyänen nährten sich vom sanften Anblick, aber deine Schwester überließ sich dunkelnder Versuchung kleiner Triebe, und sie stiftete Elend, Verfolgung und Scham in der Stadt warmen Verstillens, dem Paradies.

II.

Doch werden einmal schwesterlich umschlungen die beiden in den Himmel fahren und ihre Körper auferstehend runden. Engel haben dünne Zungen schon angehoben, und wilder Honig sprießt ihnen entgegen. Umringt von selig aufkläffenden Hunden und freundlich angetan mit den zahlreichen Jahren, kommt Gott und breitet über Niederungen die eine Hand. Schmelzen die Sünden ausgesungen und stehen Götter, Heilige und Scharen himmlischer Geschwister -- und alle leuchten im Gesang -- um dich und sehn dich an -- liegst, Eva, du im Paradiese wieder ausgestreckt, keusch gehen deine Schenkel auf und deine Blöße schimmert sanft und lang.

DIE ESELIN

Hat der Heiland dich verkannt, du stilles Tier, und setzte sich auf deinen Rücken, als er einzog. War es nicht, als wollte er noch mit größerer Zier strahlen von dir ab, die du so arm bist?

Aber unsäglicher Glanz ging aus von dir, kahl und voller Dürftigkeit erschienest du auf und zogst die Blicke nach den ungereinten Hufen, hinter deinem klaffenden und harten Lauf sprachloser Magdschaft. Alles auf der Erde hier

färbt ab von deinem langgedrückten Rufen und erschrickt zu sich und seiner Nüchternheit und wird ärmlich kahl und schier, und es grauen die Gefühle an. Auf allen Stufen

stehen Dürftige zu Gott gewandt. Deine Demut schreit häßlich und geschlagen von der Niedertracht, während Jesus noch in Lumpen auf dir sitzt und strahlt.

Doch mild und von den Einfalten des Herzens eingeschlossen sind deine Blicke blind und offen vorgerichtet und es lacht die Landschaft blitzend erst von weißen Rossen sanft in seligem Eindummen, während sie schon fahlt.

LILIE

Die heilige Gertrudis und Anton von Padua stehen angetan, aufrechte Statuetten auf den Lüften in deinem rosenlichten Glanz. Schimmernd umweißt dein sanftes Blühen den heiligen Franz, dich trägt Josef auf den Bildern mit Maria, der jungfräuliche Mann.

Die keusche Schuschan hat ihren Namen schon von dir, und sie blaut noch immer vor den Augen angesonnt. In den Kirchen aus dem Stengel kelcht der Welten Horizont, und es umarmen deine Linnen schmelzend Mensch und Tier.

Du arbeitest nicht und du spinnest nicht, und selbst Salomon hat Gott nicht bekleidet wie dich und deine Blumen. Du wächst leise scheinend in den überhellten Ruhmen aus des Heilands rechtem Auge, sitzt beim Weltgericht er auf dem Thron.

Schießt das Schwert aus seiner Linken gegen die Verdammten, Lilie, den Verklärten öffnet deine Taufe sich und leuchtet lang, überscheinet sie wie Morgensonne rot verperlt und samten, und sie sternen vor dir ein, fromm und langsam zu Gesang.

FANTASIA CONTRAPPUNTISTICA

An Ferruccio Busoni

Choral auf dem Klavier, der vergeistigten Orgel. Sanfte Weisen des Orchesters scheinen eines Chores ausspannenden Meergesang. Gott ist in den Welten, geistlich Lied: die Welt, männliches Thema, von mondenen Wolken bald umspielt und himmelgezogen. Sanft und leicht, leise und begeistert ruht entscheidender Aufstieg auf frauenhaften Schultern. Hebt des Chores Inbrunst entbürgerlichten Bach in die Reiche volkloser, geistoffenbarter Musik. Wunder, das Pianoforte von erlauchter Überstimmenschaft, überstrahlt feuernd der Orgel erstickendes Gleichmaß, blendet in Farben, orange, purpur und ocker kommen die Klänge, festliche Gestalten, Prozessionen mit Fahnen, Weihrauch und marienhaftem Blau. Arien der Madonna in leise durchlichtetem Sopran lagern, schweben schäferwolkenweiß über den Köpfen mit. Aber Nerven und Zuckungen und die Konfessionen ekstatischen Gefühls verschmelzen, aus Tasten gehoben zu lebendigem Zittern angespannte Saiten. Kommt die Fuge, zweifach, dreifach und vierfach in das Firmament der Klänge und die Wölbungen der Kontrapunkte aufgebaut. Majestätisch, gütig, schweigsam und erhaben dringt B, A, C, H in die Führung vor, und es gehen mild und im milden Duft der Milch die vier Stimmen schwesternhaft ineinander ein. Noch einmal erbraust, aus dem erstickenden Gleichmaß der Pfeifen gehoben, der lebendigen, verzückt aufgespannten Saitenleiber unbeschreibliches Schwingen, ehe sie selig verklingend sich in der Ruhe südlicher Sonne dehnen und das weiße Meer der Tasten ebbt zur klaren, sanft spiegelnden Fläche.

PRELUDIO, FUGHETTA ED ESERCIZIO

An Ferruccio Busoni

I. PRELUDIO

Zartgestrichene Monotonie italienischer Landschaft, und braungrauende Horizonte wandern in gleichmäßigen Hügeln. Langsam beschattet die Sonne unbewegte Luft und die getragenen Züge ferner Schalmei.

Winzer im offenen Hemd lesen gebückt und in frommer Trägheit. Und der jungen Mägde gedehnter Ton geht bedürfnislos und lang.

Pianopianissimo schreiten tänzerische Quarten Triolen abwechselnd mit Achteln durch die einschlafende Campagna.

II. FUGHETTA

Hebt mit süßer Ausdruckslosigkeit des Kanons junger Bursche dunkelen Tenor in C. Kommen bald die Mägde weich im Mezzo und der Alten melodischer Baß. Führen ihre unbesorgten Stimmen freundlich und in abendlicher Rast. Schimmerndes Untergehn der Sonne rötet ihre offenen Brüste an. Nun noch knabenhaft Soprane singen ihr die letzten Töne nach, lassen schon die Stimmen etwas steigen weil es dunkler wird. Unversehens kommen sie zu viert in den Choral, breiten angehaltne Töne ehrfürchtig und dankbar. Gehn die Mägde jetzt nach Brot und Beeren und der Mezzoalt verstummt. Werden die Tenöre ruhiger, wischen sich die Stirn, und die Bässe sagen wenig, legen noch befriedigt, ungenau letzte, tiefe, angeruhte Töne, und verstummen trocken.

III. ESERCIZIO

Lachen schon in einem Walzer ihre ländlichen Gesichter, bläst der Hirt die Melodie durchgehend und ohne einmal seine Flöte aus dem Mund zu nehmen. Steht er plötzlich allegretto elegante im Vierviertel, bleibt das tanzgewohnte Mädchen der Gitarre doch entschlossen auf dreiviertel. Lautes Durcheinander rhythmischer Vergnügung, springt der Bursch mit seinem Mädchen unbeirrt im festen Tritt und heiß. Geht der Weinkrug bei den Alten her und hin, und sie lachen rot.

Sanfter, angelehnter Hirte, schwarz gelockt und umschattet sind die Augen, er verläßt den Takt jetzt gänzlich, stürzt vom höchsten F in sprudelnden Triolen delikat herunter, läßt sich kurz nur fangen und wird wieder boshaft, und die Tänzer, schwitzend, braun und ohne Atem, lösen ihre abendlichen Reihn.

DIE IRREN

I.

Wenn sie langsam die Arme breiten, mit glashart aufgezückten Mienen, dann ist es ihnen als würden ihre Herzen schreiten in Prozessionen unter Baldachinen.

Die Hände weihrauchweit in dem Empfang und jenseits aller Berge stehn die Augen.

Doch manchmal halten sie, plötzlich aufgestummt, als würden sie das Graun gräßlich weiß und grell ihrer Tage schauen: sie haben die unbegrenzte Welt in sich, und Wärterschritte rund herum.

II.

Doch finden sie zu der Unendlichkeit die Brücken, wenn ihre Seele einen Festtag fastet, da ihnen königliche Herrlichkeiten glücken. Nur schmerzt sie etwas, daß auf ihrem Rücken der schwere Purpurmantel großer Herren lastet.

Als wenn sie über allen Hindernissen ein wenig müde, aber sicher ständen, sprechen sie viel von ihren Überflüssen und greifen ein fühlbares Besitzenwissen in ihren aufgeweißten Händen.

Sie haben eine enge Zelle.

Ihr Geist entfliegt, weil sie ihn quälen. Er türmt sich sichtlich groß und stürzt in das Gefälle ihrer Gedanken, wild, breit, und da wird der helle Osterhimmel ein wallender Mantel ihrer Seelen.

III.

Auf Filzspuren kommt die Nacht. Fisteldünne Stimmen, müd gemacht, singen in den geschlossenen Zisternen Lieder von unerhört aufgetanen Fernen.

Jetzt ziehn Legenden durch das Herz der Kranken. Wie gekühlt von schmalen Scheiben Eis fühlen sie die Stirn. Es summen selige Gedanken in dem verwundeten Gehirn.

Immer dunkler eingeträumt, kommt, auf Filzspuren, mondangepflanzt, die Nacht. Nun sehn sie sich, einer hinter dem andern, in ihren weißen Nachtgewändern und barfuß schreiten auf Seide, Düften, Seligkeiten, die sie unter die Füße hingedacht.

IV.

Jetzt, da sie wie die Kinder schlafen, mit offnem Munde und ganz leicht, fühlen sie die Stunde nicht mehr, die vorüberschleicht und die Wunden nicht mehr, die sie einstmals trafen.

So werden sie mit offnem Munde sterben, und wie hinübergleitend, und leise aufgestummt in das Gestern.

ARIADNE

I.

Schreiende Landschaft steht gefaltet gegen den bergigen Himmel auf. Bäume blasen Verlassenheit, und ich finde dich nicht. Täglich altet ruhig Sonne bronzen auf dem Rasen.

Dringen zisternende Lieder schmerzlich aus mir her, wachsen vergeblich Schiffe und verschwinden wieder, irrvoll gelassen, übernächtig duftend geht das Meer, Arien und Einsamkeit senken sich undurchdringlich nieder.

Immer gleichförmig schaukelt das rote Beet von Himmel und Wasser. Ich winke, Nacht tanzt, am fernen Firmament, dünn und heiß, steht Theseus mit dem Rücken gegen mich und verglanzt.

II.

Habe ich dich gerettet aus gefräßigen Händen, aber du fliehst. Brüllen schon Gräser mich an, die ich wachsen sehe langsam an den Wänden, Kuh und Hirsch und die Leoparden werden Untertan

meiner Verlassenheit. Alle geben mir ihr Gefühl, ich zerfalle langsam und die langsamen Gesänge halten mich nicht mehr. Kommt ein dünner Kiel, leicht und unhörbar, an den ich meine Augen hänge,

landet er leer, und ich versinke staubend zurück in meine monotone Ausfahrt. Alle deine Bilder und die Küsse klaubend bleibe ich arm und verwesend aufgespart.

III.

Theseus, o deine Schritte runden in meinem Leib. Ich reiße deine Spuren laut aus mir heraus, ich schlage mich in deine Augen zurück. Dröhnt schon mein Körper dir entgegen? Ich fahre aus, ich segle nicht mehr mit den Augen, und nehme Schiffe, Lanzen, Steinwerfer, Leoparden und wilde Hunde, aufgehetzte Hähne jage ich in dein Gesicht und fahre aus gegen dich, dich zu zerbeißen. Meine Fäuste, meine Arme, mein Mund, o Theseus, werden dich langsam verschlingen.

Die Luft wühlt deinen Namen über das Wasser und erreicht dich doch nicht --, wie du flohst, feig und betrügerisch.

Ich werde herrisch mich vor dir errichten, und meine Rache wird entsinnend sein, erdrosselt lege ich dich in meine Arme wieder, kühl, langsam und ohne Leidenschaft befriedigen sich meine heißen und verletzten Glieder an deinem törichten Gesicht.

BILDER UND AUFRAFFUNG DES EINSAMEN

I.

Einmal kommen die letzten Wunden aus dem Blut herauf, durch sanfte Erdrückungen fallen wir in die Knie: o gib leichtes und ungläubiges Leben uns noch einmal, scheinen nicht alle Wege ausgeweitet zum roten Horizont? Bohrmaschinen und Kräne wühlen dröhnend, qualmig und mit rußvollen Spuren täglich unser Herz heraus. Es blutet längst nicht mehr rauschend, aber die Tropfen, wie Quallen und giftig, verlassen uns schmerzvoll.

II.

Eine Nacht, übergossen und eingeschnitten von unbelaubten Zweigen, schärfen in schreckenvollen Strichen, und wie Messer stoßen sie mich ein. Große aufgedunsene Steine stehen einsam am Weg, blähen meinen Hungermagen auf und wackeln. Aber ich sehe die beulende Landschaft aus Pappe, schiefe Häuserfronten erzittern leinern und wild, und ein Mensch mit aufgehobenem Kragen, und er allein unter Regen, spreizt sich, ein Drache, vor mir aus.

Zäune stehen stechend um leere Bauplätze und Geröll. Große Löcher schwimmen auf der Erde, trockene Häuser sehe ich fern in den Dunkelheiten eines Schlundes stehn. Es dröhnt nächtlich auf aus den Kulissen, und ein Stück Eiter springt mich an -- ein gelber Mensch grinst höhnisch und schlotternd, seine Zähne schwimmen in einer roten Lache und wehen hin und her. Ich fliehe vor den Schrecknissen seiner Hände, dieser gequälten, hungrigen und sprunglauernden Tiere, die er an den Seiten hängen hat.

III.

Das schien eine Mauer, an die ich stieß, ich falle furchtbar verletzt, das Haus dröhnt in meinem Kopfe wider, schreit die Nacht aus meinem Mund, und die Nasenflügel knallen auf. Sterne, schießt mir euern Schleim ins Gesicht! Überbricht mich, denn ich will nicht mehr leben, aber erstickt zugleich vor meiner Wut. Ich fahre in euren bettüberzogenen Himmel, ich reiße die Laken des lieben Gottes herunter, er soll nicht schlafen, wenn ich leide, und nicht sitzen, wenn ich komm'. Er soll nicht scheinen, wenn ich rufe, nicht spielen, wenn ich vergeh' -- zittern vor dem Weltgericht, das hinter meiner Stirn auffährt -- und wenn meine gebeulte Faust aufschlägt soll er sich verteidigen, der Angeklagte, der Hauptangeklagte unaussprechlicher Vergehn, und der Einsame wird Richter sein über ihn und seine vorgetäuschten Leben.

DER LÖWENBÄNDIGER

Er ist im roten Frack mit einem Orden und macht gerecht Verbeugungen nach allen Seiten. Das Publikum, gespannt und einfältig, klatscht in die Hände. Er sieht die lauten Galerien um sich und tausend Menschen, die ihm nie helfen werden. Er sammelt sich und fühlt:

sein Kopf steht gut. Die Angst ist fern. Doch wären die tausend Menschen nicht, die lebhaft und selbst ungewollt in diesem Zirkus auf die Dunstwand malen, wie plötzlich er aussähe, zerfleischten ihn die Tiere, und wäre der Direktor nicht, der alles überrechnet, klein, hager, jüdisch und eingebildet Honorare dreht nach dem Applaus, und wäre nicht die nächste Nummer schon wartend hinter dem Samtvorhang voll Staub --, und er, Timolnandi, der berühmte Löwenbändiger, auf den Programmen fettgedruckt und zweimal mit schwarzen, weisenden Zeigefingern ergebenst angekündigt, und hielten jetzt nicht plötzlich der Musik dröhnende Blechklänge wie abgeknackst in heißer Luft:

er träte einfach ein zu seinen sanften Tieren, versteckte fast die Peitsche, gäbe jedem langsam und klar ein Zeichen und sein Wort, ließe sich nieder auf den Stuhl und schliefe leicht auch und beruhigt ein. Denn diese Welt ist gieriger als der Löwe, und seine Wildheit weckt sie nur immer wieder auf. Wie wurde um den frommen Urwald seines Herzens erst ein Gefängnis eingebaut, und diese Stäbe lassen durch enge Streifen Luft seinen ausschnellenden Schmerz nie sich beruhigen. Immer wieder, wenn schon sein Auge väterlich sich schließen will, eilen auf jener andern Seite Gestalten, reizend; und er liegt im Käfig fest, Sand, nasses Laub und das Strecken der ungeheueren Ebene noch in der Nase.