Der Zauberkaftan

Chapter 8

Chapter 81,572 wordsPublic domain

»Und wer waren die Besteller?« frug der Szegediner Börcsök. Er dachte bei sich: »Ob es nicht die Unserigen waren?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Czinna. »Auch der Entseelte wußte es nicht. Das Ganze geschah im Geheimen. >Eine weit liegende Stadt<, mehr sagte er mir nicht.«

»Die Stadt müssen wir auffinden,« meinte Herr Agoston traurig.

»Wir werden sie finden,« sagte mit dumpfem Ton der Oberrichter. Dies war sein erstes Wort während des Geständnisses.

»Dies wird der Fall sein, wenn es eben der Fall sein wird,« meinte Herr Permete mit bitterem Ton, »jetzt aber sind Sie ein Mann beim Urteilsspruche, wenn Sie es zu sein vermögen.«

Es war nicht anders, als wenn Herr Permete frisches Blut in seine Adern gegossen hätte. Ihn, Max Lestyák, fordert man auf, ein Mann zu sein! Seine Augen sprühten Funken.

»Das werde ich auch sein,« sprach er rauh und zog ein mit Siegel versehenes Dekret aus der Tasche. Er stand auf und begann feierlich zu lesen: »Wir Leopold I. von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich ....«

Seine Stimme versagte, sie wurde zum Röcheln, seine Hände zitterten, nach Luft schnappend reichte er das Dekret Herrn Agoston hin.

»Lesen Sie es vor!« Dann setzte er matt hinzu: »Ich bin ja auch nur ein Mensch!«

Wie wenn es ihm aber leid thäte, dies gesagt zu haben, rief er Pintyö zu:

»Man muß die Fenster öffnen. Mir ist nicht gut .... Die erstickende Atmosphäre!«

Herr Agoston verlas unterdessen das königliche Dekret, das auf Diebstahlsfakten und auf Verrat das Standrecht für das Gebiet der Stadt Kecskemét verkündete und den Magistrat von Kecskemét mit dem Blutbannrechte bekleidete.

Es folgt die Abstimmung.

Dem Herrn Poroßnoki gehört das erste Votum:

»Dieses Mädchen hat die Stadt verraten. Ich verurteile sie zum Tode durch das Schwert.«

Nach ihm folgte Herr Börcsök.

»Schwert!« sagte er kurz.

Mollah Cselebit sagte:

»Sie hat es aus Liebe gethan. Sie ist nicht schuldig.«

Nun kam an Herrn Franz Balogh die Reihe:

»Sie wußte nicht, daß für die Stadt ein so entsetzliches Unglück daraus erwachsen konnte. Sie thue Buße.«

Es herrschte eine Stille, daß man das Pochen der Herzen, das Schwirren eines zum Fenster hereingeflogenen Schmetterlings hören konnte. Zwei Voten verlangten den Tod, die beiden anderen beließen das Leben. Es folgte in der Abstimmung der Czegléder Lebzelter, er dachte lange nach, aus seiner Stirn perlte der Schweiß.

»Es wird ein wenig Kerker auch genügen,« stöhnte er.

Diejenigen, deren Herz voller Teilnahme für das Mädchen war, atmeten frei auf, sie wollten nicht, daß diesen herrlichen Hals das Richtbeil vom Körper trenne. Nur Herr Agoston war noch zurück.

»Tod!« rief er rauh.

Wieder standen die Voten gleich. Der Präsident hatte zu entscheiden. Welch' fürchterliche Scene! Der Oberrichter erhob sich mit bewundernswürdiger Seelenruhe: elastisch dehnte sich seine Gestalt, er nahm den neben seinem Säbel liegenden Stab zur Hand, und drehte an demselben. Der Stab krachte; er war entzweigebrochen.

»Tod!« sagte er vernehmbar und ruhig.

Das Mädchen sah ihn entsetzt an, dann stürzte sie mit einem markerschütternden Aufschrei zusammen. Aus den Reihen der Zuhörer tönte Gezisch mit Eljenrufen untermengt.

»Er ist doch ein großer Mann!« flüsterten die Kecskeméter einander zu.

»Ein schlechter Mensch!« murmelte Mollah Cselebit.

Der Oberrichter kümmerte sich um all' dies nicht, er verließ den Richtertisch, jetzt verpflichtete ihn nichts mehr. Er beugte sich über seine Geliebte, hob sie auf, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr:

»Befürchte nichts, ich rette dich.«

»Er hat zwei Herzen,« meinte Herr Permete zu seinen Kameraden.

Und der Mann mit den zwei Herzen verließ den Saal mit sicheren, männlichen Schritten, wie wenn nichts geschehen wäre, dann ging er nach Hause, sperrte sich mit dem geköpften Leichnam ins Zimmer ein und redete stundenlang zu demselben:

»Warum hast du das gethan, warum hast du es gethan? Schau, welch' Unglück du auf dich, auf mich und auf sie heraufbeschworen hast. Du warst kein schlechter Mensch, ich weiß es wohl .... Der Ehrgeiz war dein Henker. Man hat in dir dieses ungarische Ungeheuer erweckt. Aus Ehrgeiz hast du den Kaftan gemacht, aus Ehrgeiz hast du den unsrigen weggegeben. Du hast auch das arme Mädchen mit hineingerissen, wenn du nur dies nicht gethan hättest, ihr Herz war der Hebel. Du hast ihn gefunden. Alles zerfiel. Hier stehe ich gebrochen ... Ich konnte den Schatz nicht ermessen, welchen ich in jenem Mädchen besaß ...«

Dann verfügte er sich in das andere Zimmer und suchte den großen mit Gold gefüllten Korb hervor ...

»Da nimm's hin, Erzsi! Gehe in den Garten und streue es unter das Volk!«

Das weinende Mädchen gaffte und staunte, gehorchte aber dann dem mächtigen Oberrichter der Stadt und streute die funkelnden Dukaten mit vollen Händen in den Sand der Straße, in die Furchen, zwischen das Gestrüpp. Der Oberrichter sah eine Weile vom Fenster aus dem Treiben der Leute zu, wie sie um das Gold drängten und balgten.

Als aber Erzsi zurückkehrte, war er nicht mehr da. Er war nirgends. Wann er weggegangen, wohin er gegangen, niemand, niemand hatte ihn gesehen. In Kecskemét hat keine Seele mehr mit ihm gesprochen.

* * * * *

Für den vierten Tag war Czinnas Enthauptung anberaumt worden.

Drei Tage brachte sie in der Armesünderzelle zu. Sie betete vor dem Kruzifix, auf welchem Tag und Nacht der Glanz zweier Wachskerzen flimmerte.

Diese Zeit reichte für alle Vorbereitungen hin. Die Zimmerleute erbauten das Blutgerüst gegenüber dem grünen Thore des Stadthauses; Paul Fekete war als Vertrauensmann damit beauftragt worden, den Scharfrichter aus Fülek zu holen. (Die Senatoren hatten anderes zu thun, sie forschten in den Kecskeméter Teichen nach dem verschwundenen Oberrichter.)

Endlich am vierten Tage, als von dem Turme der St. Nikolauskirche die neunte Stunde schlug, entstand eine große Bewegung in der versammelten Volksmenge. Es erklang die Armesünderglocke.

Jetzt bringt man Czinna auf den Richtplatz. Sie ist mit einem einfachen weißen Rock bekleidet, welchen fast ganz das aufgelöste lange Haar bedeckt.

Dem wird gleich Gáspár Szekeres, der Barbier abhelfen. Flugs war er mit seiner Scheere zur Verurteilten geeilt und mit einem Schnitt war es um das schöne Haar geschehen ... damit's den Scharfrichter nicht in seiner Arbeit hindere. Dann stellte sich Franz Kriston auf einen Stuhl und verlas das Todesurteil.

Nun ergriff Pater Bruno das Mädchen bei der Hand, um es auf das Podium zu führen, wo der Scharfrichter wartete, das scharfgeschliffene Richtschwert in der einen, die weiße Binde in der anderen Hand haltend. Damit werden ihr die Augen verbunden.

»Entsetzlich, das mit anzusehen!« sprach Frau Paul Nagy und schloß die Augen.

»So schön und sie muß sterben --« seufzte Gerson Zeke.

»Noch einen Augenblick,« erklärte Frau Fábián, »-- und es giebt ein heiratsfähiges Mädchen weniger.«

»Die sind noch immer dicht genug gesäet,« meinte Johann Szomor.

»Noch nie habe ich eine solch' traurige Exekution mit angesehen,« sagte Stefan Tóth mit wichtiger Miene, »und doch habe ich schon viele gesehen. Erstens giebt es kein einziges nasses Auge. Auch der alte Bürü ist schon eine ganze Woche fort mit seiner Fiedel. Zweitens ist in diesem Falle von nirgendsher das Wehen des Gnadentuches zu erwarten; drittens ....«

Er hatte keine Zeit, den begonnenen Satz auszusprechen, denn eine große Staubwolke entstand auf der Czegléderstraße, schmucke Kuruczen-Hußáren mit gezogenem Säbel stürmten mit großem Schlachtenlärm zum Richtplatz heran. Voran einige mit herabgelassenem Helmvisier, auf schönen Pferden.

»Der Feind, der Feind!« schrie die Menge und zerstob in alle Windrichtungen.

Eine große Verwirrung entstand. Pater Bruno sprang vom Podium herab und mit klappernden Zähnen stürzte er dem Stadthause zu:

»Es wird das ein Wunder sein. Um mich kommt man, man führt mich schon weg!«

Auch die Senatoren suchten ihr Heil in der Flucht. Der Scharfrichter ließ das Richtschwert fallen, auch er flüchtete.

Das Ganze war das Werk eines Augenblickes; der eine gepanzerte Krieger erklomm im Nu mit seinem Rosse das Blutgerüst und schwang das Mädchen wie eine Feder in den Sattel. Niemand stellte sich ihm in den Weg, niemand fragte, was er wolle? Auch er fragte niemand, ob es erlaubt sei. Die kleine Abteilung verschwand, wie sie gekommen, in einer Nebengasse.

Langsam kamen die erschreckten Einwohner wieder hervor. Die Senatoren freuten sich, daß man nur Czinna mitgenommen und sonst nichts. Es sei kein Schade um das Mädchen.

Der Henker machte ein saures Gesicht; man möge ihm Arbeit geben, da er sich von so weit herbemüht hat.

Viele, die hinter den Umzäunungen die Szene mit angesehen hatten, schwuren bei Himmel und Erde, daß der Held mit dem herabgelassenen Helmvisier, der auf das Blutgerüst gesprengt war, niemand anders sei, als Max Lestyák. Man erkannte ihn an seiner Gestalt, an seinen Bewegungen, an seinen glänzenden, nußbraunen Augen. Man suche ihn nicht im Wasser des stillen Teiches.

Frau Johanna Deák, die eine vertrauenswürdige Person ist, hörte, wie Czinna dem Helden unterwegs zuflüsterte:

»Wirst du noch einmal warten, bis mein Haar wieder gewachsen ist?«

Der Held antwortete ganz vernehmlich:

»Nein, Czinna, nein, ich warte nicht.«

* * * * *

Ob es so war, oder nicht, der Himmel weiß es. Von diesem Tage angefangen aber suchte man Max Lestyák nicht mehr unter den Toten, sondern erwartete ihn täglich zurück.

Wenn er verschwand, so hatte er wohl seinen Grund dazu gehabt. Er ging den Kaftan suchen und nahm auch seine Braut mit. Was ist da weiter dabei! (Er hat gut daran gethan.)

Einmal, Ihr werdet es sehen, wird er wieder nach Hause kommen auf einem Eisenschimmel mit goldenem Zügel, den Kaftan umgeworfen. Einstens, wenn eine große Gefahr Kecskemét bedrohen wird, kommt er nach Hause, setzt sich in den Oberrichterstuhl und fährt wie ein Blitz zwischen die Feinde.

Sie warteten lange, lange. Auch jene sind schon ausgestorben, die als Kinder dem Kaftan nachgelaufen sind, jedoch auch die Enkel der Enkel harren noch immer seiner Heimkehr.

Ende.