Der Zauberkaftan

Chapter 6

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»Doch, doch ... Laßt es uns aussprechen und ins Protokoll aufnehmen, daß gleichwie die heilige Krone unseres Landes in der von Gottes Gnaden ruhmreich regierenden Familie Habsburg sich von Vater auf Sohn vererbt, desgleichen der Oberrichterstab auf die männlichen Nachkommen Lestyáks übergehen möge für und für.«

G e r s o n Z e k e: »Es giebt doch wohl noch einen kleinen Unterschied zwischen den beiden.«

K a s p a r P e r m e t e (wütend): »Es giebt keinen!«

G e r s o n Z e k e: »Die Krone ist aus Gold, der Oberrichterstab aber aus dem Holz der Kornelienstaude!«

Diesen kleinen Konflikt unterbrach Herr Johann Deák aus der Czegléder Gasse, der im Geruche eines sehr weisen Mannes stand.

»Vetter Zeke ist im Rechte, denn die Krone glänzet stark auch auf schwachen Häuptern, allein der Richterstab wird stets schwach in schwachen Händen sein. Mithin geht es nicht an, diesen Stab blindlings noch ungeborenen Nachkommen in die Hände zu drücken. Indessen ist es ungeziemend, diesen großen Tag durch derlei Gezanke zu entweihen. Wir wollen auf den Pfaden des ehrwürdigen Ernstes bleiben und nichts überhasten, denn es wird uns niemand Dank dafür wissen, wenn wir ihm eine Würde anbieten, die derzeit noch ein anderer inne hat. Die Versammlung möge daher beschließen, daß das ohnedies nur provisorisch errichtete Triumvirat abgeschafft wird.«

»Die sind ja freiwillig durchgebrannt! Keiner von ihnen wagt es, sich zu zeigen!« klang es von allen Seiten.

»Sonach möget ihr die alten Senatoren wiederwählen und es kann dann die protokollarische Inaugurierung der lebenslänglichen Oberrichterschaft Lestyák's stattfinden.«

Überflüssig zu sagen, daß alldies angenommen wurde. Der neue Oberrichter saß so würdevoll da wie ein Dynast und nickte kühlen Dank mit dem Kopfe. Sein Antlitz, bis dahin bleich, färbte sich jedoch scharlachrot, als sich die Rufe erhoben:

»Wir wollen die Geschichte mit dem Mantel hören! Er selbst soll sie uns zum Besten geben!«

Nervös bewegte er sich auf dem Sessel hin und her, wie wenn eine eiserne Faust seine Kehle zusammenschnürte. Den Fall mit Olaj Beg Hunderten zu erzählen ... Eine Scene, die er nie durchlebt, die er nie gesehen hat. Lügen vor dem Angesichte der ganzen Stadt! Ach, welch' großer Fehler war es, daß er nicht ins Lager gegangen war. Der Teufel brachte ihm jenes Mädchen in den Weg. Und wenn er schon nicht dort war, wäre es besser gewesen dies einzugestehen. Jetzt ist es schon unmöglich, unmöglich ...

Je größer seine Herrlichkeit war, um so mehr zerriß seine Seele das Bewußtsein, daß ein unerwarteter Windhauch dieselbe zerstören könnte, die Ohren des Midas wurden ja auch entdeckt. Er hatte das Gefühl, als hätte er seinen Ruhm gestohlen, er konnte sich desselben nicht freuen, und doch, er gebührte ihm ja, denn er war es, der den Mantel erworben hatte.

Hinter dem Lehnstuhl des Oberrichters schwebte ein unangenehmer Schatten.

»Hört! Hört!« tönte es immer lebhafter und intensiver.

Es gab kein Entrinnen. Verlegen nahm er den Kaftan ab und legte ihn auf den grünen Tisch. Hier der wertvolle Schatz der Stadt Kecskemét. Dann erzählte er stotternd noch einmal die wundersame Geschichte des grünen Mantels. Laute Ausbrüche der Freude würzten seinen Vortrag; jeder jubelte, nur eine gebrochene Gestalt weinte in der letzten Bank. Der mächtige Oberrichter, nunmehr der Diktator von Kecskemét, stand auf, ging zu dem schluchzenden Manne, nahm ihn bei der Hand und sprach:

»Und jetzt gehen wir, mein guter Vater. Ich will daheim ein wenig ausruhen.«

Im kleinen Thore warteten schon die kleine Erzsi und der Laczi. Die Krapfen waren schon hübsch gebacken und auch das Pörkölt[15] war schon vollkommen, das Spanferkel bereits ausgekühlt, gerade gut, daß sie kommen.

[15] Ungarische Nationalspeise.

»Ich habe es dir nicht gesagt, mein lieber Sohn, freilich, wann hätte ich es dir sagen sollen, daß ich mit einem Gesellen arbeite, das heißt, wir arbeiten jetzt schon zu Zweien.«

Der Oberrichter machte ein gleichgiltiges Gesicht.

»Der junge Bursche dort?«

»Ich mußte ihn acceptieren, als ich nach Ofen zum Pascha intervenieren ging. Denn ich habe dich zum Oberrichter gemacht, daß du es nun erfahrest (das Auge des Alten schimmerte grünlich). Der alte Lestyák ist ein ganzer Mann; was?.... Der Geselle, sage ich, war zur Arbeit nötig, obzwar ich nicht bemerke, daß er auch nur das Geringste gemacht hat. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, zu erforschen, was er kann. Bisher habe ich die Politik gemacht. Lache nicht, Junge, sonst werde ich bös. Von nun an wirst du sie machen. Ein großartiges Blut, das der Lestyák. Aber schau, wir sind ja schon zu Hause.«

Wie süß ist das Elternhaus, wenn man es lange nicht gesehen hat. Gemütlich raucht der Schornstein, munter nicken die Zweige des alten Birnbaumes, im Hofe springt uns der Hund Bodri entgegen, im Zimmer die Katze Czirmos, es lachen die Steinkrüge, die bekannten Thongefäße an der Wand, die Möbel beginnen zu erzählen, es flackert das Feuer im großen Ofen und wirft einen flammenden Streif auf die braune Thür.

Der Alte seufzte:

»Deine arme, gute Mutter, wenn man sie zu diesem Tage erwecken könnte!«

Man bringt das Essen, die Düfte desselben erfüllen das Zimmer, die Erzsi geht hin und her, so auch der Geselle Laczi.

»Lauf', mein Laczi, in den Keller, lauf und spute dich. Du aber, mein Sohn, setze dich nieder, denn ich weiß, du bist hungrig, die Gefangenenkost hat dich herabgebracht. Ich habe seit dem Schreckenstage ebenfalls nichts gegessen. Vorerst hinderte mich die Trauer und jetzt die große Freude. Ich habe in Ofen gelebt, wie das Pferd des Nikolaus Toldy. Nur daß ich dich befreit habe.«

»Ibrahim Pascha ist ein braver Mann,« flüsterte der Oberrichter zerstreut (die eigenartige Situation Czinna gegenüber hatte ihn nervös gemacht).

»Ach bewahre! Ein arger Hund ist der Alte, zuerst war er wütend über mich, es fehlte nicht viel und auch ich wäre ins Kühle gekommen.«

»Warum?«

»Wegen des Zigeunermädchens, wenn du dich ihrer erinnern kannst. Ist die Suppe vielleicht nicht genügend gesalzen? Bringe das Salzfaß herein, du Laczi!«

Laczi zitterte wie Espenlaub.

»Was fehlt denn dir? Fürchtest du dich vor meinem Sohne? Der beißt ja nicht, wenn er auch ein großer Herr ist.«

»Ich danke, ich bedarf des Salzes nicht. Also des Mädchens willen zürnte Ibrahim?«

»Er sagt, sie sei mit Euch durchgegangen und solange wir sie nicht zurückgeben, oder nicht eingestehen wo sie ist, läßt er auch mich einsperren ... Ich sagte, ich hätte seitdem nicht einmal ihren Schatten gesehen.«

»Das haben Sie nicht vernünftig gemacht --« murmelte der Oberrichter. »Und das Weitere?«

»Zum Glück kam eben zu jener Zeit der amtliche Bericht, daß man die Kleider des Mädchens am Theißufer aufgefunden und auch den Leichnam aus dem Flusse gefischt hat.«

»Ach,« unterbrach ihn der Oberrichter munter. »Ist das Mädchen gestorben?«

»Was!« schrie der Geselle und ließ die Bratenschüssel fallen, die er eben ans dem Ofen gehoben hatte, um sie auf den Tisch zu setzen.

Der Meister fuhr ihn wütend an:

»Du Lümmel! Hebe es auf, dann aber verschwinde!« Bald hiernach lachte er aber schon: »Gar manches Wunder geschieht heute, die toten Ferkel gehen auch schon durch.« (Das schön rot gebratene Tier kollerte bis unter das Bett.)

Laczi schlich krebsrot zur Thür.

»Halt!« rief der Oberrichter, winkte ihm zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Jetzt kannst du hinausgehen.«

»Willst du etwas? Ich möchte es lieber der Erzsi sagen. Dieser ist ungeschickt,« sagte er, dem Knaben nachblickend, »ich glaube nicht, daß er vom Schneiderhandwerk viel versteht. Es ist dies, mein Sohn, ein großartiges Handwerk, eine herrliche Wissenschaft. Die Korrigierung der Schöpfungen Gottes; ich korrigiere den häßlichen Leib und bringe Männlichkeit in die schiefen Schultern. Es ist dies schon etwas, mein Söhnchen.« (Der alte Schneider fuhr begeistert durch seine schütteren Flachshaare.) »Es ist schade um den Jungen, er hat ein so sanftes, liebes Gesicht, daß er ganz gut ein Mädchen sein könnte.«

»Heutigen Tages ist gar nichts unmöglich, mein lieber Vater.«

»Das ist schon richtig, aber iß doch vom Braten. Wir haben auch noch Krapfen. Ißt du den Kopf nicht gern?«

»Ich esse schon, aber Sie, mein Vater, haben ja das Ende des Ofner Ausfluges noch immer nicht erzählt.«

»Als die amtliche Verständigung anlangte, wurde Ibrahim sofort guter Laune, du kannst dir ja denken, wie ihn der Sultan bedrängte. Er sandte sofort die Beweise des Todesfalles zum Padischah, mich rief er zu sich, klopfte mir auf die Schulter, indem er sagte: >Ich sehe, ihr seid rechtschaffene Leute,< (wir Lestyáks waren dies zu jeder Zeit). >Hier ist der Befehl, deinen Sohn frei zu geben, jedoch sage es nicht, du Hund, daß du es unentgeltlich bekommen hast, denn damit würdest du mich zu Grunde richten;< und so gelangte ich zu dem Ferman.«

»Er hat es übereilt.«

»Wer? Ich?«

»Nein, der Pascha.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»So sehen Sie dorthin.«

Durch die offene Thür schwebte heiter lächelnd Czinna, das Zigeunermädchen, herein, sie hatte ein nettes Spitzenhemd an und ein schwarzgetupftes Tuch: das Festgewand der Erzsike. Der alte Lestyák taumelte zurück.

»Eine feste Burg ist unser Gott!« schrie der Alte entsetzt und kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. »Das Zigeunermädchen! Von dannen, du Gespenst!«

»Es ist ja kein Gespenst, mein lieber Vater, sondern sie selbst.«

»Hole mich der Teufel, wenn ich es glaube.«

Man hörte ein Klopfen an der Thür, nicht als ob der Teufel auf den Lockruf gekommen wäre. Gewiß nicht. Der Senator Máté Pußta trat ein in Begleitung Paul Feketes und Gáspár Permetes.

»Gott zum Gruß! Nehmen Sie Platz bei uns. Was bringen die Herren?«

»Uns sendet die Versammlung vor das Angesicht Euer Wohlgeboren.«

»Bereitwilligst lauschen wir euren Worten,« sagte der Oberrichter würdevoll.

Sie erzählten sonach kurz, was die Versammlung nach seinem Abschied beschlossen habe: »Um den Herrn Agoston geht eine Deputation nach Waitzen, das ist eins (dies ist sehr vernünftig), zweitens aber wird der Kaftan dreißig Tage hindurch öffentlich zur Schau gestellt; jeder kann ihn unentgeltlich bewundern, der Arme, wie der Reiche, der hier Weilende, wie der Fremde, nur der Groß-Köröser zahlt zehn Denare.« (Auch dies ist sehr richtig.)

»Der wichtigste Beschluß aber ist,« fuhr Máté Pußta fort, »daß wir aus der Kirche des heiligen Nikolaus den Reliquienhälter herüberbringen ließen; darin wird der Kaftan versperrt sein bei Tag und bei Nacht. Den Schlüssel sendet die Versammlung Ihnen, Herr Oberrichter, daß Sie darauf achten, wie auf Ihr Augenlicht und ihn an einem Orte verwahren, wohin keine fremde Hand gelangen kann.«

Damit überreichte er den an einer grünen Schnur hängenden Schlüssel dem Oberrichter.

»Ich gehorche der Versammlung.«

Er übernahm den Schlüssel, stand auf, trat zu Czinna und hängte ihr denselben um den Hals.

»Berge ihn an deiner Brust, Czinna.«

Czinna errötete bis über die Ohren; sie zog mit einer unwillkürlichen Bewegung das rote Tuch über die Augen, freilich kamen da rückwärts die knabenhaften kurzen Haare zum Vorschein.

Herr Máté Pußta bewegte, gegen das Fenster sich wendend, seinen großen Kopf; das also ist der Ort, wohin keine fremde Hand gelangen kann. Der schneeweiße Busen eines schönen Mädchens.

Der Schneider rief lebhaft aus:

»/Canis mater!/ Der Geselle Laczi.« (Er erkannte ihn an den Haaren.)

Der Oberrichter lächelte.

»So ist es, mein lieber Vater, wenn einmal die Wunder beginnen. Es wird dies einmal zur Chronik werden, wie aus dem Schneidergesellen eine Oberrichtersfrau wurde.«

Die Glorie der Verklärung glänzte auf der Stirn des Mädchens, die magische Kraft seines Blickes vermochte sie aber nicht weiter zu ertragen. Sie glaubte vor Glückseligkeit sterben zu müssen. Ihre Hand ans Herz drückend, stürzte sie aus dem Zimmer. Der Schneider sprang giftig wie ein Hamster in die Höhe.

»Was treibst du für Kabalen mit mir? Wenn du nicht Oberrichter der Stadt Kecskemét wärest, möchte ich dir wohl etwas sagen. Dein Glück dies, wahrlich, dein Glück. Und was bedeuten deine komischen Worte. Was hast du vor?«

»Ich nehme sie zur Frau.«

»Du, zeitlebens Oberrichter der Stadt Kecskemét?«

»Warum nicht?«

Der Alte ließ traurig den Kopf hängen.

»Der Ofner Pascha läßt uns beide umbringen, wenn er es erfährt.«

»Auch gegen den Pascha schützt mich der Mantel. Im übrigen sucht man ja Czinna nicht mehr, da sie sich schon in den Gedanken gefunden haben, daß sie in der Theiß ertrunken sei.«

»Es wird sich schon jemand finden, der es ihm einflüstert. Aber reden Sie doch um Gottes willen, meine Herren, raten Sie ihm ab, stehen Sie doch nicht da wie Holzklötze.«

Auf diese Anrede nahm Gáspár Permete das Wort und redete ihm zu, daß der Herr Oberrichter unter den reichsten Mädchen der Stadt wählen könne; fünfzehn auf jeden Finger, diese niedere Abstammung aber passe nicht zu seinem hohen Rang.

»Das ist nur so gesagt,« meinte Max lachend. »Wie, wenn Czinna von den ägyptischen Königen abstammt?«

»Das, Herr Oberrichter, zu beweisen, würde schwer halten.«

»Genau so schwer, wie Ihnen das Gegenteil, daß sie nicht von den Pharaonen abstammt.«

Permete lachte, auch Máté Pußta lachte; denn die Meinung Máté Pußtas war: »Der Oberrichter weiß schon, was er thut. Man braucht ihm nie dreinzureden.«

Paul Fekete aber nahm die ethische Seite der Sache:

»Eine Oberrichtersfrau kann nicht jede sein, es muß wenigstens eine Person sein, die des Lesens und der Schrift mächtig, in allen Dingen bewandert und dabei eine kluge Person ist.«

»Eh!« meinte Max Lestyák ärgerlich, »der ehrenwerte Seneca meint, es ist genug für die Frau, wenn sie so viel weiß, daß, wenn der Regen tropft, man unter das Dach gehen muß.«

»Hier reden wir wohl vergebens,« rief Herr Permete achselzuckend und einen guten Abend wünschend zog er auch die anderen aus dem Zimmer.

Unterwegs streuten die Herren in drei Richtungen den Roman der Czinna aus.

Es tagten auch heute überall die Klatschbasen.

»Sie hat einen Zauber an ihm verübt, sie hat ihm etwas ins Getränk gemischt, anders ist es unbegreiflich. Es ist entsetzlich, wie fürchterlich so ein kluger Mann straucheln kann.«

Besser noch als den Klatschbasen gefiel die Geschichte dem Balázs Putnoki. Noch in derselben Nacht machte er sich auf den Weg zum Ofner Pascha, um diesem anzuzeigen, daß das Zigeunermädchen lebe. Max Lestyák halte sie verborgen und wolle sie zur Frau nehmen. Er kam aber beim Ofner Pascha merkwürdig an, wie es sich später herausstellte. Dieser hörte ihn an und fragte ihn dann mit gerunzelter Stirn:

»Du behauptest also, daß sie lebt?« -- »Jawohl sie lebt.« Der Pascha winkte die Leibgarde herbei. »Führet den Mann hinaus, laßt ihm fünfzig Stockhiebe auf die Fußsohlen geben und bringet ihn dann wieder herein.« Als sie ihn zurückbrachten, frug Ibrahim überaus liebenswürdig: »Nun, lebt das Mädchen noch immer?« -- »Bewahre, sie lebt nicht mehr, gnadenreicher Pascha.« Ibrahim rieb sich vergnügt die Hände. »Lerne es, du Mann, daß eine Person, von der ich dem Sultan einmal referierte, daß sie nicht lebt, zum mindesten sechs Fuß tief unter der Erde liegt.«

So erging es dem verräterischen Putnoki, aber ein Glück wie dasjenige Max Lestyáks gehört auch zu den Seltenheiten. In herrlichstem Glanze schien die Sonne auf ihn hernieder. Seine Macht wuchs von Tag zu Tag, sein Ansehen festigte sich auch nach außen.

Kecskemét begann eine große Rolle zu spielen. Der Mantel war ein ganzes Heer wert, das den Feind zügelte. Ein Heer, das keiner Montur, keiner Munition bedurfte, dem nichts schaden konnte, höchstens die Motten.

Die Kecskeméter fürchteten keinen Feind mehr. Im Gegenteil, sie warteten mit vielem Vergnügen auf den Augenblick, wo eine herumstreifende Türkenschaar mit ihnen anknüpfe. Es war dies immer ein großes Amüsement für das Volk. Der Oberrichter zog zu solch' einer Zeit mit dem Rappen der Stadt hinaus, vier Haiducken[16] ritten vor ihm, vier hinter ihm, die Männer, Frauen, Kinder, gar oft die ganze Stadt kamen mit, um den berauschenden Anblick zu genießen, wie die türkischen Führer zum Mantelkusse sich neigten und wie sie den Oberrichter demütig fragten:

[16] Berittene städtische Beamte.

»Mein Herr, was befiehlst du?«

Ganze Legenden schwirrten im Lande von dem Zauberkaftan, mit allerlei bunten Anhängseln verziert. -- Bald hieß es, daß derselbe in Zeiten der Gefahr spreche und dem Richter Rat erteile, dann erzählte man, daß der Kranke, der ihn berührt, gesundet, die Witwe oder Jungfrau, die ihn küßt, heiratet. Die Klügeren behaupteten, daß der Kaftan kein besonderes Wunder Gottes sei, sondern daß seine ganze Kraft darin bestehe, daß mit der Unterschrift des Sultans der Satz hineingestickt sei: »Gehorchet dem Träger des Mantels.« Herr Michael Lestyák selbst, der das weltberühmte Kleidungsstück fachmännisch betrachtete, meinte verächtlich:

»Daran ist nichts Besonderes. Auch ich nähe einen solchen, wenn ich Lust dazu habe.«

Die Wunderkraft des Kaftans warf ein magisches Licht auf die Person. Max kleidete sich in das farbenprächtige Kleid der Legenden. An schönen Abenden erzählte man von ihm in den Hütten in einer Entfernung von Hunderten von Meilen. Weit unter Szegedin, während der Kahn des Fischers mit leisem Plätschern die Wellen durchschneidet, träumt er selbst: »Was mag wohl der Kecskeméter Oberrichter machen?«

Er ißt goldenen Speck zur Jause mit einem Karfunkelmesser. Der sprechende Kaftan sagte seinem Feind nicht nur: »Hebt Euch weg von Kecskemét,« sondern er sagte auch dem guten Freunde und den glänzenden Kremnitzer Dukaten: »Kommt her nach Kecskemét.« Reiche Leute, edle Herren kamen mit ihren Schätzen hierher, um in der sichersten Stadt zu wohnen; die Eltern sandten am liebsten ihre Kinder dahin, damals erschienen in den Straßen Kecskeméts das erstemal die verschiedenen Studententypen, die seitdem dort bestehen; die Schule blühte, die Bewohner bereicherten sich märchenhaft rasch.

Freilich hat alles seine schlechten Seiten. Der Mantel zeugte das viele Geld, das viele Geld zeugte die vielen Pustenbetyáren und Räuber, die immer wieder Einfälle in das Kecskeméter Gebiet wagten. Jedoch auch jedes schlechte Ding hat seine guten Seiten, der Betyáren wegen verkündete man das Standrecht und da das Komitat sich nicht frei bewegen konnte, wurde das Recht des Blutbannes provisorisch auf den Kecskeméter Magistrat übertragen. Noch ein Haar und Kecskemét wird königliche Freistadt.

Achtes Kapitel.

Max Lestyák war Herr über Leben und Tod, und damit sein Ansehen noch wachse, sandte ihm der König den Adel mit dem Prädikate »Von Kecskemét«. Ein Ritter mit einem Kaftan bekleidet, stand auf dem Wappen in silbernem Felde. In der anderen Hälfte des Schildes war auf drei goldenen Kissen ein sich bäumender Fuchs. (Se. Majestät hat dies gut ausgedacht.) Nur noch eines fehlte zur vollen Glückseligkeit: die Hochzeit mit Czinna.

Und auch dieser stand nichts mehr im Wege. Der alte Lestyák hatte sich mit dem Gedanken schon lange befreundet, das kleine Ding wußte ihm alles zu Gefallen zu thun, und wenn sie ihm das Kinn kraute, glaubte er sich ins Himmelreich versetzt. Sie wurde aber auch immer schöner, sie bekam runde Formen und ihr Gesicht war wie der Pfirsich, dessen Blutfarbe selbst die zarte Hülle durchschlägt. Niemand kam ihr gleich in Kumanien. Sie wurde der Liebling, die Vertraute des Alten, er nannte sie »Tochter«, »Schwiegertochter« und redete nun selbst seinem Sohn zu, sich zu beeilen, da er bei Gott sie sonst selbst heirate.

Max tobte vor Ungeduld, wenn das kleinste Hindernis sich offenbarte; wenn aber kein Hindernis war, nahm er die Sache leicht.

Der erste Termin war für den Tag angesetzt, wo er den Ferman des Ofner Pascha erwirkt, denn ohne diesen geht es denn doch nicht, obgleich der Vogel auch dann sein Haus baut, wenn er auch befürchtet, daß grausame Hände es zerstören. Der Ferman kam selbst: er war auf die Sohlen Putnokis geschrieben. Es ist gewiß, daß der Pascha das Mädchen wohl nie mehr behelligt.

»Nun könnt Ihr schon Hochzeit halten!« redete ihnen der Alte zu.

»Warten wir noch, bis das Haar der Czinna wieder gewachsen ist,« antwortete Max. »Auf kurzen Haaren würde sich der Kranz übel ausnehmen.«

Im Laufe eines Jahres wuchs ihr auch das Haar und wie herrlich! Eines Abends löste sie es während des süßen Geflüsters los, denn jetzt trug sie es wie die Damen als Kranz um ihren Kopf gewunden und band die beiden Hände ihres Max mit zwei dicken Flechten fest, wie man die der Häftlinge zu binden pflegt.

»Ein gefesselter Oberrichter,« lachte sie mutwillig.

Max verstand den Wink.

»Wahrlich, die Zeit der Hochzeit wäre schon da, ich erwarte sie schon lange, aber wenn wir uns die Sache überlegen, schadet es nichts, wenn du noch etwas lernst, ich aber will noch vorerst so viel verdienen, um die Frau eines Oberrichters ernähren zu können.«

Der Oberrichter nämlich ließ den hochgelehrten Herrn Molitoriß zum Unterricht der Czinna ins Haus kommen; kaum war aber ein halbes Jahr vergangen, so meinte der würdige Herr:

»Was ich wußte, weiß sie schon.«

Max Lestyák hatte etwas Geld zusammengescharrt, jedoch gerade zu dieser Zeit kam der Adelsbrief. Das Glückskind fing an auf großem Fuß zu leben; die Adeligen der Umgebung schlossen Kameradschaft mit ihm, sie kamen zu ihm zu Besuch und er erwiderte denselben. Czinna vernachlässigte er. Ein Adeliger kann doch nicht immer girren, er macht sich ja lächerlich. Das elende Pergament hatte ihn wie umgewandelt, wie wenn sein Blut wirklich blaublütiger geworden wäre, wurde er noch launenhafter.

Man sprach allüberall, daß er eine Beniczky heiraten solle, dann würde aus ihm ein Obergespan gemacht werden in irgend einem Komitate Emerich Tökölys, das noch in des Kaisers Händen ist. Doch dies alles ist nur Geklatsch! Die Kecskeméter fabrizieren denselben, seitdem ihr Oberrichter so groß wurde, daß Kecskemét neben ihm klein erscheint.

Ach, wie blutete das Herz Czinnas. Auf der kleinen Holzbank unter dem Birnbaum, wo sie an schönen Sommerabenden so oft flüsterten, wo Czinna so glücklich war, saß Max jetzt selten, oft blieb er Wochen hindurch in den Kastellen, und wenn er auch kam und ihr einige schöne Worte sagte, der Schluß war immer:

»Gieb nur auf deine Worte acht, Czinna, mein Täubchen, sprich nie von jenem Tage, du weißt ja, welchen ich meine, sage nie, daß du dort warst ... vor Olaj Beg, denn sonst bin ich verloren.«

Czinna war es, als wenn man ihr ein Messer ins Herz stieße. Es tauchte in ihr der Verdacht auf, daß sich Max vor ihr fürchte, aber sie nicht liebe; er kettet sie mit dem Brautring nur deswegen an sich, daß er sich ihres Schweigens versichere. Von Tag zu Tag wurde sie trauriger, die roten Rosen verschwanden vom Gesichte, in den Augen fehlte der entzückende Glanz, eine sanfte Melancholie war an seine Stelle getreten.

Schön war sie trotzdem. Der alte Lestyák erschrak; er glaubte, daß sie krank sei, er hatte auch den Grund ihrer Krankheit herausgefunden.

»Kränke dich nicht, trauere nicht, meine kleine Resedablüte. Er liebt dich und glaube mir, wenn ich es sage, er möchte dich auch schon morgen zum Traualtare führen, wenn er nur Geld hätte. Was er aber hat, verspielt er mit den Fáys und Beniczkys. Ich kenne ihn, den Max, er ist voller Dummheiten, aber sein Herz ist gut. Freilich könntet ihr auch bei mir leben, wenn auch ärmlich, du weißt aber, wie verrückt er ist, wenn er den Herrn spielen will; er ißt nicht einmal die Erdbeeren, wenn er sie nicht auf einem silbernen Teller bekommt. Und gerade jetzt leidet er an dieser Krankheit. Lassen wir ihn, bis er seinen Wappenfuchs satt bekommt. Entweder der Fuchs frißt ihn oder er den Fuchs. Im allgemeinen fressen diese Wappentiere sehr viel, meine liebe Czinna.«

Czinna seufzte bei solchen Reden; das schöne Wort war kein Balsam auf ihre Wunde.

»Seufze nicht, lächle doch ein wenig, wie ehedem. Wenn ich reden dürfte, könnte ich dir wohl etwas sagen, daß du Lust zum Tanzen bekämst.«

Geheimnisvoll zwinkerte er mit den Augen und murmelnd mahnte er sich: »Pst, laß deinem Mund nicht freien Lauf, Alter!«