Der Zauberkaftan

Chapter 5

Chapter 53,769 wordsPublic domain

»Es wird nicht gut sein, wenn Lestyák auf freien Fuß gesetzt wird. Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel Spitzbüberei gefüttert.«

»Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak Pascha können wir doch nicht Finger ziehen.«

»Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke ihn aber an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder zurückkehrt. Überlassen Sie das nur mir!«

Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Bewohner beförderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre Sachen auf die naheliegenden Tanyen.

Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken auf die Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatsächlich kein solcher Kleinigkeitskrämer wie Herr Csuda oder Derwisch Beg, welche sich mit dem Raub eines Pfaffen oder eines schönen Mädchens begnügten. Der verständige Olaj Beg arbeitete /en gros/. Er kam selten, aber wenn er kam, trieb er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen, Kindern, Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend, als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem heiligen Koran in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch war Olaj Beg, das muß man ihm lassen.

Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflußreichsten Männer schon zeitlich morgens einzeln in das Rathaus; der eine brachte ein wenig Geld, der andere kam, um Brot und Holz anzubieten. Die schlechte Nachricht ist ein guter Wecker.

Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den jungen Lestyák aus dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein wenig blaß, trug aber den Kopf hoch.

»Max Lestyák,« sagte der Triumvir feierlich, »Sie sind frei!«

Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale.

»Der Ofner Vezir ist Ihr Patron,« bemerkte der Vorige satirisch.

Lestyák erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Bewegung, als ob er gehen wollte.

»Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner Pascha ist nicht der römische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter, er kann Schlösser ausbrechen und schließen, aber nicht Sünden vergeben. Diese müssen Sie abbüßen.«

Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende mit zurückgehaltenem Atem.

»An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort jenseits des Teiches Csalános. Er hat der Stadt einen großen Tribut auferlegt, welchen man ihm bis heute Mittag übersenden müßte, aber es ist unmöglich. Wissen Sie also, Lestyák, wozu wir Sie jetzt verurteilen?«

»Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.«

Balázs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort:

»Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir nun, was Sie mit demselben anzufangen wissen. Sie werden ihn anziehen und in ihm zum Beg gehen.«

Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das kam unerwartet. Seine Füße wankten fast. Aber rasch gewann er wieder Kraft. Wie zu sich selbst sagte er: »Ich darf nicht erschrecken, ich darf es nicht ...« Sein Herz schlug stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die Farbe des Gleichmuts lagerte auf seinem Gesicht.

»Und was soll ich dem Beg sagen?«

»Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs begnüge und auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht haben. Oder aber, zum Teufel, bieten Sie ihm den Kaftan an, welcher fünfzig Pferde, hundert Ochsen und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt. Er wird zufrieden sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen Sie in die städtische Kasse. Hahaha!«

»Der wird mich ja sofort rädern lassen oder in Ketten schlagen.«

Putnoki zuckte die Achseln.

»Das ist Ihr Malheur.«

»So?« rief Lestyák bitter aus. »Verurteilen Sie mich wirklich dazu?«

Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen Greise der Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem Kopfe zum Zeichen, daß das Urteil gerecht sei. Man muß an den Vergeudern des öffentlichen Vermögens ein abschreckendes Exempel statuieren.

»Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück,« sagte er selbstvergessen, bereute es aber sofort.

»Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?« klügelte bissig der Triumvir, »den Kaftan werden Sie ja tragen.«

Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten und das Blut schoß Lestyák ins Gesicht.

»Ich pflege mich nicht zu fürchten,« sagte er stolz. »Wann soll ich gehen?«

»Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen habe. Wollen Sie bis dahin nicht beichten?«

»Nein.«

Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen Stadt, welch' unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den Rachen des Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil ohne Verhör und Verteidigung!

»Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. Macht einen Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, ich führe euch an, damit ihr das >dreiblätterige Kleeblatt< abmäht.« (Das war der Spottname des Triumvirates.)

Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden Bäume ... höchstens in den mit Rosmarin und Muskaten geschmückten Fenstern ward ein braunes oder blondes Mädchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer brach sich vielleicht durch die Blätter der Blumen: »Armer Max Lestyák!« Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der Lauer.

»Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan sehen. Wie lange zögert er.«

Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht schwang er sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seidenmantel bis zu den Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den linken Fuß in den Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten setzten sich zu Pferde, und hielten mit gezogenen Säbeln an seiner Seite Wache.

Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug, damit die angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen sollten. Das war aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn sahen zum Fenster hinaus, so lange sie wegen des immer dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr Putnoki rieb sich vergnügt die Hände.

»Nun, der wird das Kecskeméter Horn auch nicht mehr hören!« (Denn es war üblich, die Mittagszeit durch Hornrufe vom Turm Sankt Nikolaus zu kennzeichnen.) Dann wandte er sich lebhaft den versammelten Bürgern zu: »Jetzt aber beeilen wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit Olaj Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung schon unterwegs finde.«

Die Trabanten begleiteten Lestyák nur bis ans Ende der Stadt, wie dies bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So stand es im Befehl. Es wäre auch schade um die Trabanten gewesen, diese Leute bis ins feindliche Lager zu senden, wo ihrer sicherer Tod harrte.

Vielleicht geht Lestyák gar nicht weit, vielleicht schlägt er sich irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit und hat vier Ecken -- nun, so mag er es immerhin thun, wenn er nur nicht länger hier lästig fällt.

Aber da kam man just an den Rechten. Während er fürbaß über die endlose Schneedecke dahinritt, dachte er bei sich:

»Ich zieh von dannen; ich muß es wohl. Denn wenn ich bleibe, bin ich für immer tot. Geh' ich aber fort, so kann es noch geschehen, daß sie mich zurückrufen. Olaj Beg ist ein kluger Mensch; einen Toten kann er zu nichts nützen, ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er mit Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die Gefangenschaft. Das kann man immerhin wagen.«

Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er dem Gaule eins auf den Rücken, wodurch die arme Mähre einigermaßen angespornt wurde. Das Roß hatte schöne Karriere gemacht. Gestern noch drehte es sich in der städtischen Tretmühle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel. (Gut genug für die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.)

»Ich werde auf den Richtplatz geschleppt!« murmelte der Reisende, und das Blut kochte ihm vor Ingrimm.

Er ballte die Faust.

»Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!«

Dann gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den Triumvirn zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll erduldete. Es erhob sich ein schärferer Wind. Vom Csalános-Teiche her klang ein fernes Surren und Getöse: der Lärm des Tartaren-Kriegslagers.

Trabe zu, Mähre, trabe zu!

Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer vorüber, wo die Herden zu überwintern pflegten, die aber nur gegen den Wind Schutz bot. Lestyák mußte daran vorbeireiten. Vom Pferde herab sah er, daß ein Mann mit breitem, schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort stehe: vielleicht hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflüchtet. Der Mann kam näher und sprach:

»Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyák.«

Lestyák blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch:

»Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!«

»Ich bin es -- Czinna.«

Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja, vom Pferde sprang.

»Unglücksmädchen, wie kommst du hierher? Ei, was du für ein hübscher Junge bist.« Und dabei lächelte er matt und traurig.

»Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich will es ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter die Mauer, aber gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.«

»Bist du wahnsinnig?«

»Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man Sie schickt. Wenn Sie dahingehen, so tötet man Sie, oder schleppt Sie in die Sklaverei, nicht?«

»Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, daß du hier bist.«

Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen zu können.

»Wenn man Sie tötet, dann giebt es kaum mehr ein Auferstehen.«

»Na, das ist wohl wahr.«

»Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! Schleppt man Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand auslösen. Die Senatoren würden es auch verhindern.«

Max biß sich in die Lippen.

»Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyák ausgebe und sie mich umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich eine Frau bin und den Frauen thun die Tartaren nichts zu Leide, dann können Sie mich auslösen; wenn sie mich aber nur gefangen mitnehmen, dann können Sie mich um so eher als Lestyák auslösen. Geben Sie also schnell den Mantel her.«

Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer Stimme sagte, hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen.

Max Lestyák widersetzte sich:

»Nein, nein! Wo denkst du hin?«

Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem nicht verfehlt.

»Es ist schon möglich, daß es so ist;« und er rieb sich die Stirne. »Ich löse dich aus, natürlich löse ich dich aus. Du sagst ja, du wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, man muß das nicht so nehmen. Klügele nicht, Mädchen. Warte ein wenig. Ich weiß selbst nicht, was wir machen sollen.«

Das Mädchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel bereits um ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augenblick schwang sie sich auf das Pferd. Einen Augenblick später hatte sie bereits der Nebel verschlungen, Lestyák lief ihr wütend nach.

»Bleibe stehen!« schrie er mit donnernder Stimme. »Ich laß' dich nicht fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!«

Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick und der Fehler war begangen. Ein Augenblick der Schwäche ist der Kern des Sturzes großer Männer. Das Mädchen ging und blieb erst beim Tartaren-Lager stehen.

»Führet mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyák, der Kecskeméter Abgesandte.«

»Steige vom Pferde, guter Mann, ich führe dich hin --« meinte ein untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent. »Ein schlechtes Pferd gaben dir die Kecskeméter Richter. Da kommt eben unser Herr, Beg Olaj, Allah beglänze lange seinen Bart.«

Wahrhaftig, da erschien er, der mächtige Beg Olaj, auf seinem schönen Rappen hielt er eben Revue über seine Truppen.

»Der Kecskeméter Gesandte ist hier, mächtiger Beg!« meldete der untersetzte Junge.

Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel sehr aufmerksam, dann sprach er sanft:

»Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der Bitte nicht belästige.«

Czinna drehte sich um.

Beg Olaj warf nun von rückwärts einen Blick auf den Mantel. Dann sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna zur Erde und küßte den Saum des Mantels dreimal. Czinna staunte ihn an mit ihren großen schwarzen Augen, sie glaubte zu träumen.

»Allah ist groß und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?«

Demütig und gebückt stand er vor ihr. Czinna zögerte ein wenig, dann aber sagte sie mit herber Stimme:

»Verlasset die Markung der Stadt Kecskemét sofort!«

Olaj Beg hob seine schläfrigen Schafaugen gegen den Himmel, dann wendete er sich zu den Truppen und schrie laut:

»Wir ziehen ab! Sattelt!«

Siebentes Kapitel.

Lestyák blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den Kopf darüber, was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. In seinem schweren Kopfe zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes Blei, seine Glieder nahm eine Schlaffheit gefangen, an seiner Seele nagte die Selbstanklage: »Ich habe schlecht gehandelt, es war eine egoistische Feigheit.« Eine peinigende Unruhe stach ihn wie mit Dornen.

Düster blickte er vor sich hin.

»Wohin führt mich nun mein Weg ...?«

Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglänzte das Riesenauge des Sees Csalános, wie wenn er ihm zwinkernd zugerufen hätte: »Komm, Lestyák, es wird am vernünftigsten sein, wenn du dich hierher legst, dich mit einer silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen Sandpolster träumst!... Dies ist der geradeste Weg.«

Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch stellte sich ihm in den Weg, der höchste in der ganzen Gegend; die dünnen Äste hatten die kleinen Schneeflocken überdeckt: er bemerkte sie nicht und stolperte über dieselben. Und als sein Ohr in diesem bitteren Augenblicke den Körper der »lieben Mutter« berührte, da hörte er, fühlte er plötzlich, daß derselbe weit weg erbebte, der dumpfe Schall von tausend Pferdehufen war vernehmbar. Er schauerte zusammen. »Ach, es kommen die Tartaren gegen die Stadt.«

Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lärm sich verzöge, er wurde immer leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter. Nur ein Pferd näherte sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist nur ein Pferd, und bei Gott die Czinna sitzt darauf. Lestyák sprang in die Höhe, er wischte gar nicht den Schmutz von seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen.

»Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich hier? Was geschah?«

Czinna lächelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie ihr Gesichtchen in mädchenhaftem Übermut heldenhaft auf:

»Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als daß ich die Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.«

»Schwatze nicht!«

Dies sollte so viel heißen: »Ich bitte dich, rede, rede!« Sie sprach auch, doch vorerst streifte ihr glänzender Blick mit großer Liebe den beschneiten grünen Kaftan.

»Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.«

»Wirklich?«

»Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, küßte den Saum dreimal und fragte dann mit großer Demut, was ich befehle. Ich habe ihm nun befohlen, daß sie sofort sich von dannen heben. Sie folgten sofort und zogen ab.«

Lestyák stand mit offenem Munde da.

»Ist es möglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?«

»So geschah es, Wort für Wort. Ich habe aber nicht viel Zeit zu plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr Pferd, setzen Sie sich darauf. Ich werde mich auf einem andern Weg entfernen.«

»Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder!« jubelte Max, der sich vor Staunen nicht erholen konnte. »Dann ist ja dieser Kaftan ein großer Schatz!«

»Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich, denn sie könnten kommen. Es ist mir, als wenn ich schon schwarze rollende Wagen, von der Stadt kommend, sähe.«

Lestyáks Stirn verfinsterte sich.

»Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich danke dir für das, was du gethan hast. Ich werde mit dir noch später sprechen ... heute noch. Jawohl, ich spreche noch mit dir, Czinna.«

»Schon gut,« meinte der fesche Bursche und verschwand gegen den Ried hin.

Lestyák ging den geraden Weg. In der That fand er die lange Wagenreihe bald vor sich; diese brachte Brot und Holz, der Marczi trieb die Ochsen mit saftigen Verwünschungen an. Vor dem Wagen ritt einer der Triumvirn, Herr Samuel Holéczi, den /nervus rerum/ in der an seiner Seite hängenden gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem Wagen, umgeben von hold geröteten Brotlaiben, es ist bei Gott Frau Fábián; sie ist aus bloßer Neugierde mit von der Partie, um doch endlich einen »hundsköpfigen Tartaren« zu schauen; und neben ihr kauert der redegewandte Paul Fekete, mit den blinzelnden Hasenaugen eine Schrift lesend.

»Seht da! Ist das nicht der Lestyák?« stammelten betroffen die Kecskeméter. »Der kommt aus dem Jenseits!«

Samuel Holéczi, der dem Lestyák niemals so recht gram war (man weiß ja, daß die Lutheraner immer zu einander halten) und den überdies eine quälende Neugierde befiel, richtete an Herrn Max in weichem Tone die Frage:

»Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr selbst?«

»Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele,« brummte Lestyák bitterlich (wer weiß, woran er eben dachte?) »Aber Ihr, wohin wandert Ihr denn?«

»Es nahen Gäste unserer Gemarkung,« meinte in gemütlichem Galgenhumor Holéczi. »Wir bringen ihnen eine kleine Kollation entgegen.« (Der edle Herr war zumeist bei gesegneter Laune.)

»Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!«

»So?«

»Freilich, sie sind schon über alle Berge. Gingen fort ohne Verabschiedung.«

»Ist das möglich?« quiekte die Frau Fábián dazwischen.

»Schade!« grämte sich Herr Fekete. »Da komme ich um eine meiner schönsten Reden.«

Lestyák erzählte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher das Antlitz des Herrn Samuel Holéczi augenblicklich alle Farben zu spielen begann.

»Kein kleiner Fall,« brummte er, sich die stumpfe Nase mißvergnügt kratzend. »Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen hat sich wohl, seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.«

Indessen seine Verlegenheit währte nur einen Augenblick; er war ein abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder auf die Höhe der Situation zu schwingen verstand.

»He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein großer Tag ist für Kecskemét angebrochen.«

Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem Tone:

»Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyák. Es ist mir ein Kummer und eine Schande, Euch im Sattel jenes Kleppergauls zu sehen.«

»Laßt das nur. Ich danke. Mein Roß ist gut genug für mich. Wenn drei Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so ist einer nicht genug, um mich aus dessen Sattel zu bringen.«

»So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um der Stadt die Kunde von dem Geschehenen zu überbringen.«

Das war aber dem »Cicero der Stadt« just recht, so fand er Gelegenheit, für die ausgefallene Rede eine andere zu halten.

»Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja eine wahre Freude, so ein schönes Tier zu reiten. Aber gebt mir eine Gerte dazu, da es mir nun einmal an Sporen fehlt.«

Man brauchte keine Peitsche für den feurigen Renner, er galoppierte mit dem großen Orator von dannen, wie die Fohlen des Märchens, denen man in die Futtersäcke glühende Kohlen als Futter steckt. Fekete selbst aber schwitzte und pustete, er war, als er am Platz anlangte, völlig durchnäßt. Hier verkündete er dem sich immer mehr und mehr ansammelnden Volke mit kühnen Redewendungen die besondere Gnade Gottes, mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes Kleidungsstück beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte.

»Es geschah ein Wunder. Edle Bürger Kecskeméts, lasset die Glocken läuten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur Erde und küßte den Mantel Lestyáks dreimal demütig und fragte ihn zerknirscht: >Was befiehlst du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?< Hierauf erhob Herr Lestyák junior sein Haupt und antwortete: >Stört nicht meine Kreise -- das heißt, hebt Euch von dannen.< Und so kommen sie zurück, die Wagen mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max Lestyák.«

Ein großer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Straße zu Straße. Von Haus zu Haus wurde die Nachricht getragen. Die gefallenen, verhaßten Senatoren kamen wieder ans Tageslicht, sich unter das Volk mengend. Poroßnoki wurde mit Eljenrufen begrüßt, dem alten Inokai machte man entblößten Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte man mit großem Lärm, er möge reden; dieser zögerte auch nicht lange, stellte sich auf ein Krautfaß inmitten des Marktes und sprach blos:

»Ich verlange von Euch Gerechtigkeit für jenen genialen Jüngling, der diesen großen Sieg erfocht.«

»Gerechtigkeit!« widerhallte es aus tausend Kehlen.

Die Bevölkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener Strom. Lärm, Leben herrschte überall -- Männer und Frauen erzählten das Wunder des redenden Mantels. Freilich flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine große Begeisterung atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und her, jeder schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas.

Schöne aufblühende Knospen, junge Mädchen kleideten die Frauen von Kopf bis zu Fuß in Weiß, ehrsame Bürger stürzten in den Stall der Stadt, um die berühmten vier Rapphengste einzuspannen (schnell die Bänder in ihre Mähnen), alte Männer schleppten die Böller auf die Straße. Unterwegs suchten sie den Feuerwerker bei den »drei Äpfeln« auf. (Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. -- »Nur noch einen Schluck!« bat Hupka.)

Hochehrwürden Herr Péter Molitoriß, der lutheranische Pfarrer, stieg selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im gelegenen Momente die Glocken läute. Aus den Dachluken krochen die Fahnenstangen heraus mit ihren schlängelnden, wehenden trikoloren Flügeln. Ein wenig fahl sind sie schon; sie sind noch aus der Zeit Bethlens[14] herübergekommen. Seitdem blühten auch die Kecskeméter Hausdächer gar wenig. Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknöpfigen Mentes an, banden die rasselnden Säbel um und nun stehen sie schon im Halbkreise beim Thore des Stadthauses.

[14] Ein Fürst Siebenbürgens.

Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul Fekete zu (woraus erhellt, daß nicht gleichmäßige Aufgaben die Schultern der Männer des öffentlichen Lebens bedrücken), er mußte das Manuskript umarbeiten; die Benennung mächtiger Beg mußte gestrichen werden, statt dieser Ansprache mußte hingeschrieben werden: »Glorreicher Patriot.« Statt der: »Wir kamen zu dir« mußte es heißen: »Du kamst zu uns zurück« &c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hübsch machen.)

Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen verspätete sich ein wenig; doch die Böller erdröhnten gleichzeitig, die Glocken klangen feierlich und als Lestyáks Gestalt erschien, da flutete ein Jubelgetöse durch die Straßen, das lawinengleich sich fortwälzte, weithin, bis an die Pforten des Stadthauses. Da war es, wo der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte Rede des Herrn Paul Fekete anhörte, den weißgekleideten Jungfrauen einen lächelnden Gruß zunickte, den verstoßenen Senatoren die Hand drückte und den Herrn Poroßnoki vollends umarmte -- woraufhin man ihn auf die Schultern hob, um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen und zuletzt am Präsidentenstuhle des grünen Ratstisches abzusetzen.

So wie der Lärm sich ein wenig gelegt (denn der Saal war voll der Notabilitäten des Gemeinwesens), erbat sich der schneeköpfige Mathäus Pußta das Wort und feierte mit leiser, wie Wespengesumme tönender Stimme Lestyáks Verdienste, um schließlich auszurufen:

»Laßt ihn uns zum lebenslänglichen Oberrichter Kecskeméts erwählen.«

Hei, wie das Gemäuer ob des Jubelgeschreies erbebte! Es dauerte Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam und sich verständlich machen konnte, ob er gleich mit allen Vieren gestikulierend andeuten wollte, daß er ungemein Wichtiges zu sagen habe.

»Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor zwölf Jahren durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht, ich stehe nicht an, zu erklären, daß ihm selbst die lebenslängliche Übertragung unserer höchsten Würde eine zu kurze Frist sei.«

»Nach seinem Tode kann er doch nicht gut präsidieren!« warf Herr Gerson Zeke ein.